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15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika

Edgar Wallace: 15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
title15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorRichard Küas
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160418
projectid78be5070
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II. Die Hüter des Steines

Bei Ochori im großen afrikanischen Urwald am Ikelifluß lebt ein Volk, das in der Eingeborenensprache »Die Hüter des Steines« genannt wird.

Eine Sage ist dort im Umlauf, daß es Calacala – das heißt vor langer Zeit – einen sonderbaren Stein gegeben hätte, der »mit den Zeichen des Satans« beschrieben sei, wie sich der würdige eingeborene Geschichtenerzähler ausdrückt. Der Stein wurde weit und breit verehrt, teils wegen seiner Zauberkräfte, teils wegen der beiden Geister, die ihn bewachten.

Es war ein Fetisch von ganz besonderem Werte für das gutherzige Volk, das in dem Großen Walde lebte. Aber die Akasavaleute, die weder gemütlich noch ehrfurchtsvoll waren, und die überdies gerade einen solchen Fetisch gebrauchen konnten, überfielen die Ochori an einem glühend heißen Morgen und nahmen diesen Wunderstein neben anderen beweglichen Gegenständen mit sich.

Vermutlich gingen auch die »Messinggespenster« mit.

Es war eine schwere Aufgabe, sich des Steines zu bemächtigen, denn er war in einen großen grauen Felsen eingelassen, und manche Speerspitze wurde abgebrochen, ehe es gelang, den Stein von seinem Platze loszubrechen.

Aber am Ende gelang es, und mehrere Jahre lang brüsteten sich die Akasavaleute, daß ihnen viele Wohltaten aus diesem heiligen Besitz zuflössen.

Da verschwand der Stein plötzlich und mit ihm alles Glück seiner bisherigen Besitzer, denn das Verschwinden des Steines fiel zeitlich zusammen mit der Einsetzung der britischen Herrschaft, und das war eine sehr schlimme Sache für die Akasavaleute.

In diesen längst vergangenen Tagen – so um 1895 herum – kam ein lächerlicher Mensch, ganz in Weiß gekleidet, mit einem Gefolge von 6 Soldaten an. Er überbrachte eine Botschaft von Frieden und guter Kameradschaft und schwatzte von einem neuen König und einem neuen Gesetz. Die Akasavaleute horchten zuerst in betroffener Verwunderung zu. Aber als sie sich von ihrem Erstaunen ein wenig erholt hatten, schnitten sie ihm und seinem Gefolge die Köpfe ab. Das schien ihnen das einzig Richtige unter diesen Umständen.

Dann wachten die Akasavaleute eines Morgens auf und sahen ihre Stadt voll von fremdartigen weißen Leuten, die schnell auf ihren Dampfern den Fluß heraufgekommen waren. Es waren ihrer zu viele, um Streit mit ihnen anzufangen, und das Volk saß ruhig, ein wenig erschrocken und sehr neugierig da, während zwei schwarze Soldaten Hände und Füße des Akasavahäuptlings fesselten, ehe sie ihn am Halse aufhingen, bis er tot war.

Aber damit endete das Unglück der Akasavaleute noch nicht. Der Maniok war schlecht geraten und sehr giftig (von Blausäure); eine große Sterbe ging durch ihre Ziegenherde, und die Ernte wurde durch plötzliche Tornadounwetter verdorben.

Der Schwarze hat immer ein Mittel gegen solche Schicksalsschläge: Wenn du das Ding nicht hast, was du brauchst, geh und hol's dir!

Deshalb folgten die Akasavaleute unzähligen früheren Beispielen, überfielen die Ochori, nahmen ihnen viel Mais weg und hinterließen viele Erschlagene und solche, die um Erlösung durch den Tod stöhnten.

Im Laufe der Zeit kamen die Weißen mit ihren Dampfern, mit den kleinen Schnellfeuergeschützen und dem bekannten Block und Flaschenzug, den sie an irgendeinem Baume befestigten und in der unvermeidlichen Weise benutzten.

»Es scheint«, meinte der neue Häuptling – derselbe, der später wegen Ermordung des Isisihäuptlings gehängt wurde –, »es scheint, daß das Gesetz der Weißen dazu gemacht ist, um Schwächliche auf Kosten der Starken triumphieren zu lassen. Das scheint närrisch, aber mit den Wölfen muß man heulen.«

Seine erste Regierungshandlung war, den Baum, der als Galgen benutzt worden war, fällen zu lassen, denn er lenkte die Aufmerksamkeit zu sehr auf sich.

Dann grübelte der Häuptling über die Ursache alles Unglückes nach, das über die Akasavas hereingebrochen war. Die Ursache war leicht zu finden. Der große Wunderstein war gestohlen, wie er wohl wußte, und das fehlende Heilmittel löste die Frage nach dem Dieb aus. Die verruchten Ochori standen in Verdacht.

»Wenn wir sie überfallen,« sagte der Akasavahäuptling nachdenklich, »und sie weniger erschlagen als mit Feuer foltern, bis sie uns verraten, wo sie den Götterstein verborgen halten, verzeihen uns die Großen Geister vielleicht.«

»Als ich jung war,« fiel ein betagter Ratgeber ein, »pflegten wir glühende Kohle in die Hände der Diebe zu legen und die Hände dann zuzubinden, bis sie gestanden.«

»Feines Mittel«, nickte ein anderer Alter beifällig. »Auch wenn man jemand auf die Bahn der Wanderameise festbindet, hat schon manchen zum Reden gebracht.«

»Dennoch halte ich's nicht für ratsam, gegen die Ochoris vorzugehen,« meinte der Häuptling, »und zwar aus vielen Gründen. Der Hauptgrund ist der: Wenn die Ochoris wirklich den Stein besitzen, werden wir auch nicht mit ihnen fertig wegen der beiden Messinggeister – obwohl ich mich nicht entsinnen kann, daß diese Geister sehr mächtig waren, als wir den Stein besaßen«, fügte er nicht ohne Hoffnung hinzu.

Der kleine Beutezug, der darauf folgte, und die Suche nach dem Stein sind kurz in amtlichen Berichten niedergelegt. Die Suche war erfolglos, und die Akasava mußten sich mit geringeren Beutestücken begnügen, die sie gerade erwischen konnten.

Wie Herr Hübschmann endete und Sanders heraufkam, habe ich bereits erzählt. Das war Calacala lange her, wie der Eingeborene sagt, und viele Dinge ereigneten sich in der Folge, die den Stein vollkommen aus der Erinnerung des Volkes strichen. Der Akasavahäuptling starb für verschiedene Missetaten den Henkerstod, und Frieden kam über das Land, das Togo umsäumt.

*

Zweimal in seinem Leben war Sanders überrascht. Einmal bei Ikeli, den die Eingeborenen den »Kleinen Fluß« nennen; aber es ist kein kleiner Fluß, im Gegenteil, ein breiter, starker, heimtückischer Strom, mit Wirbeln und Schnellen und schäumendem Gefälle, wo er in Windungen seewärts strebt.

Sanders saß auf einem Deckstuhl unter dem Sonnensegel seines winzigen Dampfers und beobachtete den vorbeirauschenden Strom in zufriedener Gemütsstimmung, denn das Land war ruhig, die Ernte gut, und es war keinerlei Verbrechen vorgekommen, von dem er wußte.

In Bofabi herrschte die Schlafkrankheit, Beriberi in Akasava, und im Isisilande hatte jemand einen neuen Gott entdeckt, den man Tag und Nacht anbetete. Sanders kümmerte sich nicht um neue Götter, denn Götter irgendwelcher Art waren eine wohltätige Zugabe.

Milini, der neue Häupling von Isisi, hatte ihm Botschaft gesandt: »Herr,« sagte sein Wortführer, der Bote, »dieser neue Gott lebt in einem Kasten, der auf den Schultern der Fetischpriester getragen wird. Der Kasten ist soooo lang und soooo breit, und da sind vier Löcher, in die die Stangen passen, und der Gott dadrinnen ist ein starker Gott und sehr stolz.«

»Ko, Ko,« sagte Sanders mit höflichem Interesse. »Sage deinem Herrn und König, solange dieser Gott dem Gesetz gehorcht, kann er im Isisiland sein und braucht keine Hüttensteuer zu zahlen. Aber wenn er den jungen Männern sagt, daß sie Krieg führen sollen, dann werde ich mit einem stärkeren Gott, der euren Gott auffrißt, zu euch kommen. Das Palaver ist aus.«

Sanders hatte die Füße auf die Reling gelegt und dachte müßig an den neuen Gott.

Wann war der letzte gekommen? Da war einer im N'Gombiland – Jahre zurück –, ein ganz trauriger Gott, der in einer Hütte wohnte, der sich niemand nähern durfte. Da war ein anderer Gott, der mit Donner ankam und Opfer forderte – Menschenopfer! – Das war ein ausnahmsweise schlimmer Gott; er hatte die britische Regierung 600 000 Pfund Sterling gekostet, denn es kam zu einem Buschkrieg und Aufruhr im Lande. Aber im großen und ganzen waren es gute Fetische, die niemand Böses zufügten, denn es ist eine Gewohnheit neuer Götter, daß sie ihr Erscheinen nach der Ernte verlegen und vor den Beginn der Regenzeit.

Diese Gedanken beschäftigten Sanders, als er auf dem Vordeck der kleinen »Zaire« im Schatten des gestreiften Sonnensegels saß.

Am nächsten Tage wandte er die Nase des Dampfers vor Sonnenaufgang stromaufwärts, denn er war neugierig, wie es dem furchtsamen Ochorivolk ginge, das zu nahe bei den Akasavaleuten wohnte, um ein bequemes Dasein führen zu können, und das auch sonst etwas der Pflege bedurfte.

Der winzige Dampfer kam nur langsam vorwärts, denn das Gefälle des Stromes war sehr stark.

Nach zwei Tagesfahrten kam Sanders nach Lukati, wo der junge Carter die Station leitete.

Der Stationsleiter kam in seinem Pyjama zum Ufer herunter. Er hatte einen großen Tropenhelm im Nacken sitzen und begrüßte seinen Vorgesetzten etwas stürmisch.

»Nun?« fragte Sanders. Carter erzählte ihm alle Neuigkeiten. Da gab es Streitigkeiten um Land in Ebibi. Otabo von Bofabi war an einer Seuche gestorben. Zwei Leoparden plagten die anliegenden Dörfer und ...

»Haben Sie vom Isisigott gehört?« fragte er plötzlich, und Sanders sagte ja, das hätte er wohl.

»S'ist ein alter Freund von Ihnen. Meine Leute erzählten mir, daß dieser alte Götterkasten den Stein der Ochoris enthielte.«

»Oh!« sagte Sanders mit plötzlich erwachtem Interesse.

Er frühstückte mit seinem Untergebenen, musterte dessen kleine Garnison von 30 Mann, besuchte Carters Farm, bewunderte dessen süße Kartoffeln und lobte die Tomaten.

Dann ging er wieder an Bord und schrieb eine kurze Botschaft in winzigster Schrift auf das dünnste aller Papierschnitzel.

»Für alle Fälle«, sagte Sanders. Dann befahl er seinem Diener: »Bringe mir Nr. 14!«, und Abiboo kam zu ihm zurück, eine Taube in seiner Hand.

»Nun, kleiner Vogel,« sagte Sanders, während er sorgfältig seinen Brief um das Bein des kleinen Boten rollte und ihn dort mit einem Gummibändchen befestigte, »du hast 200 Meilen bis morgen früh zu durchfliegen. Hüte dich vor den Habichten!«

Dann nahm er die Taube in die Hand, ging an das Heck des Dampfers und warf sie in die Luft.

Seine Besatzung von 12 Mann saß um den Kochtopf herum, jenen Topf, der immer am Brodeln ist.

»Yoka,« rief er, und sein halbnackter Maschinist kam den Abhang herunter gesprungen.

»Dampf aus!« befahl Sanders. »Schafft das Holz an Bord! Ich will nach Isisi.«

Nicht der geringste Zweifel bestand, daß dieser neue Gott äußerst mächtig war.

Drei Stunden vor der Stadt stieß die »Zaire« auf ein langes Kanu; 4 Mann standen an den Paddeln und sangen Klagelieder. Sanders entsann sich, daß er an einem Dorfe vorübergekommen war, wo Weiber, die Körper mit grünen Blättern bedeckt, am Ufer des Stromes wehklagten.

Er ließ stoppen, bis er das Kanu quer ab hatte, und sah einen Toten steif auf dem Boden des Kanus liegen.

»Wo wollt ihr hin mit der Leiche?« rief er.

»Nach Isisi, Herr«, lautete die Antwort.

»Die Mitte des Stroms und die kleinen Inseln sind die Ruhestätten für die Toten«, sprach Sanders barsch. »Es ist Torheit, die Toten zu den Lebenden zu bringen.« »Herr,« antwortete der Sprecher der Leute, »in Isisi wohnt ein Gott, der lebendig macht. Dieser da« – er wies auf den Toten – »ist mein Bruder, und er starb überraschend schnell. Der Leopard hat ihn geschlagen! – Er starb so schnell, daß er uns nicht einmal mehr sagen konnte, wo er sein Salz und seine Messingstäbe versteckt hielt. Deshalb wollen wir mit ihm nach Isisi, damit der neue Gott ihm gerade noch so viel Leben gibt, als nötig ist, um seinen Verwandten seine Erbschaft zu vermachen.«

»Die Strommitte!« wiederholte Sanders ruhig und wies auf eine einsame Insel, die, überzogen von einer grünen Wirrnis, für einen Begräbnisplatz wohl geeignet war. »Wie heißt du?«

»Herr, mein Name ist N'Kema«, sagte der Gefragte mürrisch.

»Los dann, N'Kema!« befahl Sanders und ließ den Dampfer langsam vorwärtsgehen, während er sah, wie das Kanu seine stumpfe Nase auf die Insel zu nahm und der Leichnam ausgeladen wurde.

Dann stellte er die Maschine alle Kraft voraus, steuerte klar von einer Sandbank und gewann die Fahrrinne.

Sanders war jetzt wirklich beunruhigt.

Der Stein war etwas ungewöhnlich zwischen Fetischen und mußte vorsichtig angefaßt werden. Daß der Stein tatsächlich da war, wußte er. Sagen über ihn gab es unzählige; ein Forschungsreisender hatte ihn sogar in der Entdeckungszeit durch sein Glas gesehen. Auch von den »Geistern in Messinggewändern« hatte er gehört, diesen phantastischen und kriegerischen Gespenstern, die friedvolle Männer in den Krieg trieben – außer den Ochoris, die niemals kriegerisch waren, und die keine noch so große Anzahl Geister zu Gewalttätigkeiten hätte anspornen können.

Sanders nahm die Eingeborenen ernst, und das ist – nebenbei gesagt – das Geheimnis einer geschickten Regierung; für ihn waren Geister Tatsache und Fetische mächtige Möglichkeiten. Ein Mann, der weniger Kenntnis von Land und Leuten besaß, hätte sich darüber lustig gemacht; aber Sanders war nicht vergnügt darüber, denn auf ihm ruhte eine große Verantwortlichkeit.

Er kam nachmittags in der Isisistadt an und bemerkte schon aus der Ferne, daß etwas Ungewöhnliches vorging.

Die Menge Weiber und Kinder, die die Ankunft des Bezirksamtmanns für gewöhnlich anzog, versammelte sich nicht, als er von der Mitte des Stromes zur Seite steuerte und der Fahrrinne folgte, die ins Seichte führte.

Nur der Häuptling und eine Handvoll alte Leute erwarteten ihn; der Häuptling schien aufgeregt und in Nöten.

»Herr,« sprudelte er heraus, »ich bin nicht mehr Häuptling in dieser Stadt wegen des neuen Gottes. Das Volk versammelt sich auf der anderen Seite des Hügels, und dort sitzen sie Tag und Nacht und starren den Gott im Kasten an.«

Sanders biß sich nachdenklich auf die Lippen und sagte nichts.

»Letzte Nacht«, fuhr der Häuptling fort, »erschienen die Hüter des Steines und gingen durch den Ort.«

Er zitterte, und der Schweiß stand in großen Perlen auf seiner Stirn, denn ein Gespenst ist ein fürchterliches Ding.

»Das ganze Geschwätz von dem ›Hüter des Steines‹ ist ja Blödsinn«, antwortete Sanders ruhig. »Eure Weiber und furchtsamen Jungens haben sie gesehen.«

»Herr, ich selbst habe sie gesehen«, erwiderte der Häuptling einfach, und Sanders war betroffen, denn der Häuptling war ein nüchterner Mann.

»Den Teufel habt ihr!« entgegnete Sanders auf englisch und dann: »Was für eine Art Geister war das denn?«

»Herr,« entgegnete der Häuptling, »sie hatten ein weißes Gesicht wie eure Hoheit selbst; sie trugen Messing auf den Köpfen und Messing auf der Brust; ihre Oberschenkel waren nackt, aber auf den Unterschenkeln war wiederum Messing.«

»An irgendeinen Geist zu glauben, ist schon eine harte Zumutung,« sagte Sanders gereizt, »aber an ein Messinggespenst mag ich um keinen Preis glauben.« Wieder sprach Sanders englisch, wie er es gewohnt war, wenn er Selbstgespräche hielt. Der Häuptling schwieg, weil er Sanders nicht verstand.

»Was sonst noch?« fragte Sanders.

»Sie hatten Schwerter«, fuhr der Häuptling fort. »Solche, wie sie die Elefantenjäger der N'Gombis haben, breit und kurz. Und am Arm trugen sie einen Schild.«

Sanders war baff.

»Und sie riefen Krieg, Krieg,« fügte der Häuptling hinzu, »und das ist die größte Niedertracht, denn meine jungen Männer tanzen seitdem den Tanz des Todes, bestreichen ihren Leib mit Kriegsfarben und prahlen.«

»Geh in deine Hütte«, befahl Sanders. »Ich werde im Augenblick bei dir sein.«

Sanders sann und sann und qualmte eine Brasil nach der anderen. Dann sandte er nach seinem Diener Abiboo.

»Abiboo,« sagte Sanders, »nach meiner Meinung bin ich dir stets ein guter Herr gewesen.«

»Das stimmt, Herr!«

»Nun will ich dich damit beauftragen, dich unter meine Leute zu mischen und herauszufinden, an welche Götter sie glauben. Wenn ich sie selber frage, werden sie mich aus Höflichkeit belügen, indem sie diesen oder jenen Gott erfinden, in der Meinung mir damit zu gefallen.«

Abiboo wählte die Essensstunde nach Sonnenuntergang, als die Bäume bewegungslos standen. Er kam zurück, während Sanders bei der zweiten Tasse Kaffee in seinem winzigen Deckhaus saß.

»Herr,« berichtete er, »drei haben überhaupt keinen Gott, drei andere haben besondere Familienfetische, zwei sind mehr oder weniger Christen, und die vier Haußas sind meines Glaubens.«

»Und du?«

Abiboo, der Kanojüngling, lächelte bei Sanders erheuchelter Naivität. »Herr,« sagte er, »ich bin ein Anhänger des Propheten und glaube nur an den einen Gott, den Gütigen und den Erbarmenden.«

»Gut,« sagte Sanders, »laß die Leute jetzt das Feuerholz laden! Yoka soll gegen Mondaufgang Dampf aufhaben, und dann soll alles fertig zur Abfahrt sein.«

Als es nach seiner Uhr zehn war, ließ er seine vier Haußasoldaten antreten und hieß jeden den kurzen Karabiner und Patronen nehmen; dann ging die kleine Abteilung an Land.

Sanders fand den Häuptling geduldig in seiner Hütte warten.

»Du wirst hierbleiben, Milini,« befahl Sanders, »und keine Schuld soll dich treffen, was auch immer heute nacht geschehen mag.«

»Was wird geschehen, Herr?«

»Wer weiß!« antwortete Sanders philosophisch.

Die Straßen waren in pechschwarze Dunkelheit gehüllt, aber Abiboo, der eine Laterne trug, führte. Nur gelegentlich kam der Zug an einer bewohnten Hütte vorüber. Gewöhnlich sahen sie bei dem Schein eines glühenden Scheites, das in jeder Hütte brannte, daß sie leer war. Einmal rief ein Weib zu ihnen herüber, als sie vorbeikamen: Ihre Stunde wäre nahe, sagte sie, und da wäre niemand bei ihr, um in der Stunde der höchsten Not zu helfen.

»Gott stehe dir bei, Schwester!« sagte Sanders, stets in Ehrfurcht vor den Mysterien der Geburt. »Ich will dir Frauen schicken; wie heißt du?«

»Sie werden nicht kommen«, rief die Stimme klagend. »Heute nacht ziehen die Männer in den Krieg, und die Weiber warten auf den großen Tanz.«

»Heute nacht?«

»Heute nacht, Herr; so bestimmen es die Messinggötter.«

Sanders machte mit seiner Zunge ein schnalzendes Geräusch.

»Das werden wir sehen«, sagte er und ging weiter.

Der kleine Zug erreichte die Stadtgrenze. Vor ihnen, sich scharf begrenzt von einem bronzefarbenen Himmel abhebend, lag die dunkle Masse eines kleinen Hügels; diesen bestiegen sie.

Die Bronzefarbe des Himmels wurde rot, rosa und wieder mattes Kupfer, je nachdem die Feuer ihm Farbe gaben, aufloderten oder sanken. Als Sanders um den Flügel des Hügels herumkam, hatte er einen vollen Überblick über die Szene.

Zwischen dem Rande des Urwaldes und dem Fuße des Hügels lag ein breiter Streifen ebenen Landes. An der linken Seite befand sich der Fluß, auf der rechten Sumpf und wieder Urwald.

Mitten in der Ebene brannte ein riesiges Feuer. Davor stand, gehalten von seinen Tragstangen, auf zwei hohen Gestellen ein viereckiger Kasten.

Aber das Volk – – –!

Ein ungeheurer Kreis, bewegungslos, schweigend; Männer, Weiber, Kinder, auf ihren Hüften hockend; winzige Säuglinge, auf den Schößen der Mütter ausgestreckt; ein starker Ring, gebildet aus diesen Menschen, mit dem Kasten und dem Feuer als Mittelpunkt.

Durch ein Gäßchen konnte man zu dem Kasten gelangen – ein Gäßchen, in dem nackte Männer auf- und abgingen. Das waren die, die das Feuer unterhielten, und Sanders sah sie Feuerholz zu diesem Zwecke heranschaffen.

Indem er sich am äußeren Rande des Menschenkreises hielt, arbeitete er sich nach diesem Durchlaß hin; dann sah er sich nach seinen Leuten um.

»Es steht geschrieben«, sagte er in dem sonderbaren Arabisch der Kanoleute, »daß wir diesen falschen Gott forttragen sollen. Wer von uns bei diesem Abenteuer fallen soll, steht bei Allah, dem Allwissenden.«

Damit ging er furchtlos die Gasse entlang. Er hatte seinen weißen Anzug mit einem dunklen vertauscht und wurde von der Mehrzahl nicht eher bemerkt, als bis er mit seinen Haußas an dem Kasten stand.

Die Hitze, die das Feuer ausströmte, war fürchterlich, überwältigend. Ganz nahe gekommen, sah Sanders, daß die Gewalt der Flammen die roh behauenen Bretter des Kastens auseinandergezogen hatte, und durch den Spalt hindurch sah er beim Scheine der Flamme eine Steinplatte.

»Nehmt schnell die Kiste hoch«, befahl er, und die Haußas hoben die Tragstangen auf ihre Schultern.

Bis dahin hatte die Riesenversammlung in schweigender Verwunderung dagesessen, aber als die Soldaten ihre Bürde aufhoben, brach ein Wutschrei aus 5000 Kehlen, und die Männer sprangen auf.

Sanders stand vor dem Feuer, die eine Hand erhoben. Schweigen herrschte. Neugier siegte über den Zorn.

»Volk von Isisi,« rief Sanders, »daß sich ja kein Mann rührt, bis der Götterstein an ihm vorbei ist. Der Tod kommt schnell über jene, die den Pfad der Götter kreuzen.«

Er hatte einen Browning in jeder Hand, und die Gottheit, an die er in diesem Augenblicke dachte, war nicht die in dem Kasten.

Das Volk zögerte, wogte hin und her, wie aufrührerische Massen in ihrer Unsicherheit hin- und herwogen.

Mit schnellen Schritten hatten die Träger ihre Last durch die offene Gasse getragen. Beinahe wären sie unbehelligt durchgekommen, als ein altes Weib heranhumpelte und Sanders am Arm packte.

»Herr, Herr«, kreischte sie, »was willst du mit unserem Gott machen?«

»Ihn an den ihm gebührenden Platz bringen, da mich das Gouvernement zu seinem Hüter bestimmt hat.«

»Gib uns ein Zeichen!« krächzte sie, und die Leute in ihrer Nähe wiederholten: »Gib uns ein Zeichen, Herr!«

»Dieses ist das Zeichen«, rief Sanders, der sich an das Weib in Kindesnöten erinnerte. »Durch des Gottes Gnade wird Ifabi, das Weib des Adako, einen Sohn gebären.«

Er vernahm ein Gemurmel, hörte seine Botschaft über die Köpfe der Menge wandern und sah eine Anzahl Weiber den Weg zurück nach dem Dorf nehmen; dann gab er Befehl zum Weitermarsch.

Murren wurde laut, und einmal hörte er eine tiefe männliche Stimme den Kriegsgesang anstimmen; aber niemand sang mit. Einer, wahrscheinlich derselbe Mann, schlug mit seinem Speer gegen sein Bambusschild, aber keiner folgte seinem kriegerischen Beispiel. Sanders gewann die Dorfstraße; um ihn war ein Menschengewoge, so daß er dem Kasten nur mit Schwierigkeiten folgen konnte. Der Fluß kam in Sicht, der Mond ging als mattgoldener Ball über den Bäumen auf und säumte das Wasser mit silbernen Spitzen, und dann erhob sich ein einziger Schrei, der Ruf:

»Er lügt! Er lügt! Er lügt! Ifabi, das Weib des Adako hat eine Tochter!«

Sanders drehte sich schnell um wie eine gestellte Dogge. Seine Lippen kräuselten sich zu einem Zähnefletschen, das sein weißes regelmäßiges Gebiß zeigte.

Nun rief Sanders: »Untersteh' sich einer, seinen Speer zu erheben, und er stirbt!«

Wieder standen sie unentschlossen, und Sanders gab über seine Schultern einen Befehl nach rückwärts.

Nur noch einen Augenblick zögerten die Schwarzen, dann, als die Soldaten von neuem die Tragstangen des Götterkastens ergriffen, sprangen die Massen mit einem einzigen Wutschrei vorwärts.

Eine Stimme rief etwas. Wie durch einen Zauber legte sich der Tumult. Die Menge stob nach allen Seiten auseinander, und einer stürzte über den anderen in dem wahnsinnigen Bestreben, zu entfliehen.

Sanders, den Revolver immer noch entsichert, stand, den Mund weit offen vor Verwunderung über diese wahnsinnige Flucht. Er war allein mit seinen Leuten, und dann blickte er um sich:

Die Mitte der Straße entlang gingen zwei Männer. Sie waren beide gleich in kurze hochrote Kittel gekleidet, die ihre Knie unbedeckt ließen. Große Messinghelme bedeckten ihre Köpfe und Messingkürasse ihre Brust. Sanders betrachtete sie, als sie näher kamen, dann murmelte er: »Das ist nicht Fieber, das ist Wahnsinn!« Denn, was er da sah, waren zwei römische Zenturionen, die Hüften mit gewaltigen Schwertern umgürtet.

Sanders stand still, und sie gingen an ihm vorbei; so nahe, daß er auf dem Buckel des Schildes die grobgetriebenen Buchstaben sah » Augustus Cae.«.

»Fieber«, sagte Sanders mit Nachdruck und folgte dem Götterkasten zum Schiff.

*

Als der Dampfer Lukati erreichte, befand sich Sanders noch immer im Zweifel, denn seine Temperatur war normal, und weder Sonne noch Fieber konnten für die Erscheinung verantwortlich gemacht werden.

Er fand die Verstärkung vor, die die kleine Brieftaube herbeigeholt hatte; aber die Verstärkung war jetzt überflüssig geworden.

»Das geht über meinen Verstand«, bekannte er Carter, dem er die Geschichte erzählte. »Aber wir wollen den Stein herholen, vielleicht gibt er Aufklärung. – Zenturionen! – Pah! –«

Der Stein erwies sich bei hellem Tageslicht als grauer Granit, wie Sanders sich nicht erinnern konnte, solchen hier draußen gesehen zu haben.

»Hier sind die Teufelszeichen«, sagte er, als er den Stein umdrehte. »Möglicherweise – – –!«

Er stieß einen Pfiff aus.

Kein Wunder, daß er pfiff, denn dicht nebeneinander war eine Anzahl Schriftzeichen, und Carter, der den Staub davon wegblies, las:

»Marius et Augustus
cent ..........Nero
imperat ....in deus
............dulce«

In dieser Nacht machte Sanders, indem er sein etwas verrostetes Latein aufpolierte und die Zwischenräume ausfüllte, eine Uebersetzung:

»Marius und Augustus,
Zenturionen Neros,
Cäsar und Kaiser,
Ruhet sanft mit den Göttern!«

»Wir sind die, die von jenseits des wilden Landes kamen, das Hannibal, der Karthager, entdeckte ...«

»Markus Septimus ging nach Ägypten und mit ihm Dezimus Superbus, aber auf Befehl Cäsars und durch die Gunst der Götter segelten wir über die finstere See jenseits ... Hier lebten wir, da unsere Schiffe scheiterten, angebetet von den Barbaren, denen wir Kriegswissenschaften beibrachten.«

»Ihr, die ihr nach uns kommt, bringet Grüße nach Rom an Kato Hippokritus, der am Tore wohnt ...«

Sanders schüttelte seinen Kopf, als er zu Ende gelesen hatte, und bemerkte, es sei »verrückt«.

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