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15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika

Edgar Wallace: 15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
title15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorRichard Küas
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160418
projectid78be5070
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XIII. Der Seher

Im Herzen Afrikas gehen viele Dinge vor sich, für die niemand eine Erklärung weiß; deshalb zögern die, die Afrika am besten kennen, Geschichten darüber zu schreiben, weil eine Geschichte aus Afrika eine mystische Geschichte bleiben muß, während der Leser ersonnener Geschichten verlangt, daß das Geheimnis am Ende so aufgedeckt wird, daß die geheimnisvollsten Fäden klar zutage liegen.

Aber man kann ebensowenig Ereignisse erklären, die z. B. in 2° nördlicher Breite und 46° westlicher Länge an der Tagesordnung sind, wie man ein Glaubenswunder oder eine Gedankenübertragung erklären kann, wie folgendes Vorkommnis lehrt:

Bezirksamtmann Sanders wachte mitten in der Nacht auf. Sein kleiner Dampfer lag an einem kleinen Holzplatz vertäut, den Sanders selbst vor Jahren angelegt hatte, indem er dort Bäume fällen und sie dürr werden ließ.

Er war eine ganze Tagesfahrt nach jeder Richtung flußauf- oder abwärts von einem Dorf entfernt, aber nur sechs Stunden Marsch vom Amatombovolk ab, das mitten im Urwald lebt und mit Pfeilen schießt, die mit Tetanus vergiftet sind.

Sanders saß auf dem Bettrand und horchte.

Ein Nachtvogel zirpte eintönig. Das Gluck-Gluck des Wassers unter dem Bug des Dampfers und das leise Rascheln der Blätter war hörbar, als eine sanfte Brise die jungen Zweige der Bäume bewegte, unter denen das Boot lag; Sanders horchte gespannt, und dann langte er nach Moskitoschuhen und Strümpfen.

Er zog sie an, fand seine Flanelljacke hinter der Tür seiner winzigen Kabine und öffnete leise die Tür. Dann wartete er, den Kopf nach vorn gebeugt. Er lachte grimmig in der Dunkelheit, holte seinen Revolver aus dem Lederfutteral, das an seiner Koje hing, und zog geräuschlos das Stahletui zurück.

Sanders war ein vorsichtiger Mann, nicht leicht aus seiner Ruhe zu bringen und jede seiner Bewegungen vorbedacht; er war vorsichtig genug, seinen Revolver zu sichern, eigen genug, den brünierten Lauf auf dem weichen Ärmel seines Jacketts zu polieren, und wartete lange, ehe er in die heiße Finsternis der Nacht hinaustrat.

Nach einer Weile hörte er wieder den Ton, von dem er aufgewacht war; es war das zarte Zirpen eines Webervogels.

Nun gehen Webervögel nachts schlafen wie anderes vernünftiges Volk; außerdem leben sie in der Nähe der Dörfer, denn sie lieben die Nähe der Menschen; ganz gewiß kündigen sie ihre Nähe nicht so frech an, wie dieser Vogel es tat, der in Zwischenräumen immer wieder zwitscherte und zwitscherte.

Sanders wartete geduldig ab.

Plötzlich kam ganz aus der Nähe von demselben Deck, auf dem Sanders stand, ein antwortender Ruf.

Sanders hatte seine kleine Kabine auf der Brücke seines Dampfers; nun entfernte er sich ein Stück von ihr; an der Brückennock verkroch er sich, den Daumen an der Sicherung seines Schießeisens.

Er fühlte mehr, als er es sah, wie ein Mann aus dem Walde kam, und wußte nun, daß jemand an Bord war, der sich mit jenem traf.

Dann kamen zwei Männer hinter dem Deckhaus hervorgekrochen; Sanders konnte aber ihre Schatten unterscheiden, wie sie sich vorwärts bewegten, bis sie die Tür der Kabine fanden und hineinkrochen.

Sanders hörte ein leises Geräusch und lachte innerlich, obwohl er wußte, daß ihre Speerspitzen sein Bettzeug in diesem Augenblick in eine höchst traurige Verfassung brachten.

Dann entstand eine kleine Pause; Sanders sah einen Mann allein aus der Kabine treten und sich umsehen.

Der Mann sprach leise zu dem anderen in der Kabine.

Sanders stand geräuschlos aus.

Der Mann an der Tür sagte mit einer gurgelnden Stimme »Kah!« und knickte zusammen, denn Sanders hatte ihm einen kunstgerechten Stoß in den Magen versetzt, und dort ist die schwächste Stelle der Eingeborenen.

Der zweite Mann kam herausgerannt, fiel aber mit einem Krach über das ausgestreckte Bein des Bezirksamtmanns, und während er fiel, erhielt er die volle Wucht eines schweren Revolverlaufs in die Gegend seines rechten Ohres.

»Joka!« rief Sanders scharf. Ein Patschen von bloßen Füßen auf Deck wurde hörbar, denn der Schwarze ist ein leichter Schläfer. »Fesselt die Kerle hier! Und dann Dampf auf! Das hier ist kein netter Platz!«

Sanders kannte die Eingeborenen; er dachte wie ein Eingeborener, und es gab Augenblicke, wo er einem Barbaren ähnlich handeln konnte.

Als er der Gefahr entgangen war, vertäute er das Boot an einem kleinen Inselchen in der Mitte des Stromes, gerade, als der Morgen heraufdämmerte. Dort schob er seine beiden Gefangenen an Land.

»Kerls, ihr wolltet mich heute nacht umbringen?« –

»Herr, das ist wahr!« sagte der eine. »Ich kam, um zu töten; und dieser, mein Bruder, sagte mir, wann ich kommen sollte. Aber er hätte auch einen anderen rufen können, denn unser sind viele.«

Sanders verzeichnete die Tatsache, daß eine ganze Reihe unternehmungslustiger Meuchelmörder auf seine Ankunft wartete, ohne ein sichtbares Zeichen des Verdrusses.

»Nun sage mir, wer hat die Losung zu meiner Ermordung ausgegeben, und warum soll ich sterben?«

Der Angeredete, ein schlanker, geradegewachsener Jüngling des Amatombostammes wischte sich mit seiner gefesselten Hand den Schweiß von der Stirn.

»Herr, und wenn du mich zerhackst, ich sag's nicht, denn ich habe einen großen Ju-ju, einen großen Zauber gemacht, und einige Fetische wären erzürnt, wollte ich sprechen.«

Sanders verhörte den anderen Mann mit ebensowenig Erfolg; dieser war ein Arbeiter, den er in einem vier Tagereisen entfernten Dorf, am Unterlauf des Flusses, angenommen hatte.

»Herr, und wenn ich deshalb sterben soll, von mir erfährst du nichts.«

»Gut«, sagte Sanders und gab Abiboo einen Wink. »Ich werde euch mit ausgestreckten Armen und Beinen auf die Erde nageln lassen und werde ein kleines Feuer auf eurer Brust anzünden; nach und nach werdet ihr mir schon sagen, was ich erfahren will.«

Sie wurden auf der Erde ausgestreckt, mit kleinen Bällen Lianenbast auf der Brust. Sanders nahm darauf ein brennendes Scheit vom Feuer, das seine Leute hier angezündet hatten.

Die beiden auf der Erde Liegenden beobachteten jede seiner Bewegungen; sie sahen Sanders das glimmende Holz zur Flamme anfachen und sahen, wie sich Sanders ihnen damit näherte.

Da sagte der eine plötzlich:

»Herr, ich will reden!«

»Das dachte ich mir. Und sprich die Wahrheit, oder es ergeht dir schlecht.«

Wenn man fragt, ob Sanders das brennende Scheit wirklich gebraucht hätte, so möchte ich der Wahrheit entsprechend antworten: Ich halte das wohl für wahrscheinlich. Vielleicht kannte Sanders seine Leute besser, als ich Sanders kenne.

Die beiden Leute redeten nun frei von der Leber weg, nachdem sie aus ihrer unglücklichen Lage befreit worden waren, und Sanders beschäftigte sich damit, das in der Bomongosprache Gehörte auf Englisch niederzuschreiben. Als das Verhör beendet war, legte Sanders seine Aufzeichnungen zusammen und nahm die beiden an Bord.

Zwei Stunden später lief die »Zaire« mit voller Kraft in der Richtung nach Tukalala, einem Akasavadorf.

Dort hauste ein Missionar, ein eifriger, junger amerikanischer Methodistenprediger, der das Leben im Fiebergürtel zwischen den Heiden gewählt hatte, um sie zu gläubigen Christen zu machen.

Nun hatte Sanders durchaus keine besondere Vorliebe für Missionare. Er hatte Ansichten über diese Brüderschaft, die ihm kaum zu besonderem Vorzug gereichten. Aber er fühlte eine Zuneigung zu dem jungen Menschen, der so herzerfrischend mutig mit so wenig versprechendem Material arbeitete.

Sanders schritt ungeduldig die kleine Kommandobrücke seines Dampfers auf und ab, denn er mußte Tukalala erreichen, ehe sich noch gewisse Dinge ereigneten.

Gerade, als die Sonne im Westen hinter den Bäumen unterging, kam er um die Biegung des Kleinen Flusses, und der weiße Strand vor der Missionsstation hob sich bereits deutlich ab.

Sanders winkte dem Mann am Steuerrad mit zwei Fingern, und der kleine Dampfer schwenkte fast breitseit zum Strom in der Richtung aufs Ufer, und das dunkle Wasser des Stromes schlug so heftig gegen den Backbord-Bug, als sei dieser ein Schleusentor.

Auf den Strand lief er los: »Pucka-pucka-pucka-puck«, sang das Heckrad lärmend.

An der Stelle, an der das Missionshaus gestanden hatte, war ein Chaos schwarzer Trümmer; daraus entstiegen langsam kleine Rauchwölkchen.

Sanders fand den in einen früher einmal weiß gewesenen, jetzt besudelten Tropenanzug gekleideten Missionar mit dem Gesicht auf der Erde liegend, und er hatte Schwierigkeit, ihn aufzurichten, denn der Missionar war mit einem breiten Elefantenspeer auf die Erde genagelt, und der Speer war in Schulterhöhe abgebrochen.

Sanders wandte die Leiche um, so daß sie auf den Rücken zu liegen kam, und drückte dem Toten die Augen zu, die, wie es schien, sehnsüchtig wie eine letzte Frage an Gottes Weisheit nach dem dämmernden Abendhimmel hinübersahen.

Der Bezirksamtmann zog ein grellfarbiges seidenes Taschentuch aus der Tasche und bedeckte damit das Antlitz des Toten.

»Abiboo,« sagte er weich zu seinem Sergeanten, »grabe ein großes Loch an diesem Kopalgummibaum, denn dieser Mann war ein Großer seines Volkes und hatte Verkehr mit den Göttern.«

»Er war ein Christ,« bemerkte Abiboo, der ein eifriger Anhänger des Propheten war, »und in der Sure von Maria steht geschrieben: ›Die Sekten sind in Zwist geraten über Jesus, aber wehe denen, die nicht glauben am Tage des Jüngsten Gerichtes‹.«

Abiboo trug den Titel »Haj«, weil er in Mekka gewesen war, und weil er im Koran besser Bescheid wußte, als die meisten Christen in der Bibel.

Sanders schwieg, nahm eine Zigarre aus der Tasche, zündete sie an und sah sich um.

Kein Gebäude stand mehr. Wo einst das Missionshaus mit seinem sauberen Garten stand, war jetzt eine Wüstenei. Im schwindenden Tageslicht sah er Fetzen von Europäerkleidern. Er wußte, das waren die anderen Opfer. Beim sanften Licht des Mondes begrub er den Missionar, sprach das Vaterunser über ihn und so viel vom Totengottesdienst, wie er davon in Erinnerung hatte.

Dann ging Sanders zur »Zaire« zurück und stellte eine Wache aus.

Am Morgen drehte Sanders die Nase des Dampfers stromabwärts. Bei Sonnenuntergang kam er zum Fluß – bis jetzt fuhr er auf einem Nebenfluß –, und an der Gabelung dieser beiden Flüsse lag die Stadt Akasava.

Man brachte ihm den Oberhäuptling, und auf der kleinen Kommandobrücke wurde beim Schein eines in eine Laterne gesteckten Lichtes Palaver gehalten.

»Häuptling!« redete Sanders diesen an. »Da ist ein ermordeter Weißer in deinem Bezirk, und ich will die Herzen seiner Mörder haben oder – beim Tode, es kostet deinen Kopf.«

Sanders sagte das sehr ruhig, ohne jede Leidenschaft; und doch, er schwor bei Ewa, und das ist ein fürchterlicher Schwur und bedeutet Tod.

Der Häuptling, der an Deck hockte, zitterte; seine Hände krampften sich nervös.

»Herr,« antwortete er mit gebrochener Stimme, »von dieser Sache weiß ich nichts. Das geschah zwar in meinem Lande, aber so weit entfernt, daß ich weder strafen noch belohnen kann.«

Sanders schwieg, nur ein abfälliges Schnauben ließ er hören.

»Und wenn ich die Wahrheit sagen darf,« fuhr der Häuptling fort, »geht das die Akasavas nichts an, denn alle Stämme längs des Ufers des Großen Flusses sind aufsässig; sie gehorchen einem großen Zauber, der mächtiger ist als alle anderen.«

»Ich weiß wenig von Ju-jus, von Zauberdingen«, schnitt Sanders kurz ab. »Ich weiß nur, daß ein Weißer ermordet wurde, und sein Geist irrt umher und wird nicht zur Ruhe kommen, bis ich des Toten Mörder erschlagen habe. Ob du das bist oder ein anderer, ist mir gleich. Das Palaver ist aus.«

Der Häuptling erhob sich unbeholfen. Er hob seine Hand zum Gruß und schlürfte auf der Laufplanke hinunter ans Land.

Sanders rauchte eine Zigarre nach der anderen und grübelte; er saß lange wach in dieser Nacht. Einmal rief er seinen Diener und befahl ihm, die Kerze in der Laterne zu erneuern und ihm ein Kissen für den Kopf zu bringen. So saß er da, bis das geschäftige kleine Dorf in Schlaf gesunken und kein Laut mehr hörbar war als das leise Flügelrauschen der Fledermäuse, die von der im Strom liegenden Insel herübergeflogen kamen, denn Fledermäuse, besonders die großen Vampirfledermäuse, lieben kleine Inseln.

Er sah nach der Uhr, es war zwei Uhr morgens, nahm die Laterne und ging seiner Kabine zu. Er lenkte seinen Weg über die schlafenden Leute seiner Besatzung hin, bis er zu dem Teil des Decks gelangte, wo ein Haußa mit geladenem Gewehr Posten stand.

Er stieß die beiden Gefangenen leise mit dem Fuße an. Sie setzten sich aufrecht und blinzelten bei dem Licht der Laterne.

»Ihr müßt mir etwas mehr erzählen!« befahl er. »Wie kam dieser böse Zauber in euer Land?«

»Herr, wie kommt Regen oder Wind?« sagte der eine. »Er war auf einmal da. Da wurden gewisse Gebräuche geübt und gewisse Tänze getanzt. Wir verzehrten einen Mann. Dann malten wir unsere Leiber mit Kamholzfarbe an, und die Weiber schrien ›Tötet‹.«

Sanders konnte sehr geduldig sein.

»Ich bin euer Vater und eure Mutter«, sagte er. »Ich trage euch auf den Händen. Als die große Flut eure Felder verwüstete, half ich euch mit Maniok und Salz. Als die Pocken kamen, brachte ich weiße Ärzte hierher, die euch am Arme kratzten und einen schützenden Zauber in euer Blut gossen. Ich habe euerem Land den Frieden gebracht und eure Weiber sind sicher vor den N'Gombis und Isisileuten, und dennoch wollt ihr mich ermorden.«

Der andere nickte.

»Herr, das ist wahr, das stimmt alles. Aber das macht der Zauber so. Für mich sind das alles unbegreifliche Dinge –. An weiter kann ich mich nichts erinnern.«

Sanders wurde ärgerlich; er kam mit der Sache nicht vom Fleck.

»Was sagte euch der Zauber?«

»Herr, das ist sehr klar, wenn ich durch den Mund M'fabakas von Begeli spreche.«

»M'fabaka aus Begeli?« wiederholte Sanders leise und notierte sich den Namen für eine schnelle Justiz durch den Strang.

»Ja, dieser alte Mann hatte eine Erscheinung, die er unter großen Schmerzen sah; der Mund schäumte ihm, und seine Augäpfel wurden rot. Er sah in dieser Vision erschlagene weiße Männer und ihre Häuser in Flammen.«

»Wann war das?«

»Als es Vollmond war.«

Also vor sechs Tagen, dachte Sanders.

»Und er sah einen großen König mit zahllosen Kriegern durch das Land marschieren, und alle Weißen hatten große Angst vor ihm.«

Der Sprecher fuhr fort, die kleinsten Einzelheiten des Zuges jenes Königs zu schildern, wie so etwas nur das Gedächtnis eines Eingeborenen kann, wie dieser König weiße Männer und Frauen erschlug, ihre Häuser in Brand setzte und seine schwarzen Legionen den Kriegstanz vor ihm tanzten.

»Und das alles geschah beim Vollmond«, schloß er. »Deshalb zogen auch wir aus, um zu morden, denn wir wußten, Herr, daß du um diese Zeit herauskämest, wie das deine Gewohnheit ist. Auch meinten wir, es sei klug, den Missionar zu töten.«

Er trug das alles so glaubhaft vor, und Sanders fühlte, daß der Mann die Wahrheit redete.

Ein anderer Mann wie Sanders wäre auf jenen Teil der Erzählung, der von seiner eigenen Ermordung handelte, näher eingegangen, aber der fremde König, nach der Beschreibung des Schwarzen ein Mann von sehr hohem Wuchs und mit einem dicken Bauch, nahm Sanders Gedanken mehr in Anspruch.

Er zweifelte nicht, daß hinter dieser Erzählung etwas Wahres steckte. Irgendwo mußte da ein Aufstand sein, von dem er, Sanders, nichts wußte, nichts gehört hatte, und Sanders ließ die Könige der angrenzenden Bezirke an seinem geistigen Auge vorbeiziehen.

Bosambo von Monrovia, der unrechtmäßige Häuptling der Ochoris, schickte von Zeit zu Zeit Nachrichten über die angrenzenden Länder; aber der hatte keine Krieger gemeldet, weder von Nord noch Süd noch West.

»Ich werde mir diesen alten M'fabaka von Begeli mal ansehen«, murmelte Sanders.

Begeli ist ein Dorf und liegt an einem Nebenfluß des Stromes, der so eng ist, daß er wie ein Bach erscheint, und so still, daß er wie ein See aussieht. Dichter Wald von Riesenbäumen säumt das Ufer an beiden Seiten. Die Wipfel sind durch große schlangenähnliche Lianen miteinander verbunden, und am Fuß der Bäume wuchert dichtes Unterholz. Die »Zaire« lief vorsichtig in diesen schmalen Wasserstreifen ein. Zwei Maximgeschütze flankierten drohend die Kommandobrücke.

Ein zierliches Ding, diese kleine »Zaire«. Das große Banner Englands hing schlaff vom Flaggenstock hoch über dem Heckrad – ein unheildrohendes Zeichen, denn wenn Sanders die Bezirksamtmanns-Flagge gesetzt hatte, dann hieß das Unbequemlichkeit für irgend jemand.

Sanders stand ohne Jacke an Deck und gab mit erhobenen Fingern dem Mann am Steuerrad Winke, wie er zu steuern hatte.

»Phjuuu!« Ein Pfeil stak zitternd in dem hölzernen Deckhaus. Sanders zog ihn heraus, prüfte den verbogenen Stahlkopf sorgfältig und warf den Pfeil über Bord.

»Bang!«

Ein kleines Rauchwölkchen aus dem Schleier des Blättergewirrs – und eine Kugel zersplitterte die Lehne seines Deckstuhls. Sanders bückte sich, nahm eine Büchse auf und zielte sorgfältig.

»Bang!«

Keine Spur, wo die Kugel hingetroffen hatte; der einzige Ton, der sich hören ließ, war das Echo und das schrille Pfeifen, als das Geschoß seine Bahn durch den grünen Busch nahm. Es fiel kein Schuß mehr.

»Puck-a-puck-puck-a-puck-puck«, ging das Heckrad langsam. Der Bug der »Zaire« durchschnitt ruhig das Wasser und ließ einen Fächer von Schaum hinter sich.

Ehe das Dorf in Sicht war, kamen sechs Kriegskanus in einer Linie nebeneinander paddelnd dem Bezirksamtmann entgegen. Sanders signalisierte nach der Maschine: »Stop!« Und als der Lärm der Maschine erstorben war, konnte er in der stillen Luft den Schlag der Trommeln hören. Durch sein Glas sah er phantastisch bemalte Leiber und einen auf einen Speer aufgespießten Kopf; der gehörte einmal einem Händler namens Ogilvie, einem sanftmütigen unsauberen Manne, der in dieser Gegend Gummi gegen Zeug einhandelte.

»Fünfhundert Yards!« befahl Sanders, und Sergeant Abiboo, der am Griff der Backbord-Revolverkanone herumtändelte, zog jetzt am Patronengurt, schwang die Mündung nach vorn und sah tiefernst längs des Visiers. Zur selben Zeit setzte sich der Haußakorporal, der am Dreifuß des Steuerbord-Revolvergeschützes gestanden hatte, auf den Sattelsitz des Geschützes mit dem Daumen am Hebel.

Eine Rauchwolke im mittelsten Kanu. Die Kugel fiel zu kurz.

»Ogilvie, mein Bursche, wenn du noch lebtest –« murmelte Sanders. »– Ich bin vom Gegenteil überzeugt –, dann würdest du mir diese Snider-Hinterlader in der Hand der Schwarzen erklären.«

Näher kamen die Kanus; die Paddeln tauchten taktmäßig in die Flut; das dumpfe wilde Dröhnen eines Kriegsgesanges begleitete ihren Schwung.

»Vierhundert Yards!« befahl Sanders, und die Männer an den Maximgeschützen berichtigten das Visier.

»Auf die beiden Mittelkanus!« befahl Sanders.

»Feuer!«

Eine Sekunde Pause.

»Tack – tack – tack – tack – tack«, lachten die Geschütze bissig.

Sanders beobachtete die Verwüstung durch seinen Krimstecher.

»Die anderen Kanus!« befahl er kurz.

»Tack – tack – tack – tack – tack –.«

Der Kanonier war ein sorgfältiger Schütze und feuerte in Zwischenräumen, um die Feuerwirkung zu beobachten.

Sanders sah Leute fallen, sah ein Kanu schwanken und kentern, sah die schwarzen Wollköpfe im Wasser und ließ den Dampfer mit voller Kraft vorausgehen.

Jemand aus den unversehrt gebliebenen Kanus feuerte. Die Kugel pfiff dicht an Sanders' Gesicht vorbei; er hörte das Aufschlagen im Holzwerk hinter sich.

Ein weiterer Schuß, und der Schwarze am Steuerrad wandte sein Gesicht mit einer kleinen Grimasse nach Sanders zu.

»Herr«, murmelte er auf Arabisch, »das war vorherbestimmt.«

Sanders legte seinen Arm um seine Schulter und ließ ihn sanft an Deck niedergleiten.

»Alles steht bei Gott!« sagte er sanft.

»Geheiligt sei sein Name«, hauchte der Sterbende.

Sanders fing das lose Rad auf und befahl einen anderen ans Steuer.

Der Steven des Dampfers hatte sich dem angreifenden Kanu zugedreht; das war ein unglücklicher Umstand für dessen Insassen, denn beide Geschütze deckten es zu, und nun rasselten diese beiden los. Durch die blaue Wolke hindurch sah man ein leeres Kanu.

Das war das Ende des Kampfes. Ein Krieger im fünften Kanu hielt seinen Speer wagerecht über seinen Kopf als Zeichen der Ergebung, und zehn Minuten später befand sich der Häuptling der Rebellen an Bord.

»Herr«, sagte er ruhig, »das ist ein böses Palaver«, als man ihn vor Sanders führte. »Was wirst du mit mir anfangen?«

Sanders sah ihn ruhig an.

»Ich werde barmherzig gegen dich sein, denn sobald ich zum Dorf komme, werde ich dich aufhängen.«

»Das dachte ich mir«, antwortete der Häuptling, ohne mit der Wimper zu zucken, »und ich habe gehört, daß du die Menschen so schnell aufhängst, daß sie nur wenig Schmerz empfinden.«

»Ja, das ist so meine Gewohnheit«, erwiderte Sanders, und der Häuptling nickte beifällig.

»Hoffentlich ist's auch so«, sagte er.

Es war ein Dorf der Trauer, in dem Sanders ankam, denn da waren viele Weiber, die Tote zu beklagen hatten.

Sanders landete mit seinen Haußas und hielt ein Hochgericht unter den Bäumen.

»Bringt mir den alten M'fabaka, der Erscheinungen sieht!« befahl er.

Man brachte ihm einen Mann, der nichts als ein Gerippe war.

Man trug ihn zum Gerichtsplatz und setzte ihn vor dem Bezirksamtmann nieder.

»Du bist ein böser Mann,« redete er ihn an, »und wegen deiner Lügen haben heute viele Menschen ihr Leben lassen müssen. Heute hänge ich deinen Häuptling und gewisse andere mit ihm. Wenn du dich vor dein Volk hinstellst und gestehst: ›Diese Geschichte und diese Geschichte, die ich euch erzählt habe, war eine Lüge und nichts anderes‹, dann magst du deine Tage zu Ende leben. Aber wenn du bei deiner Lüge beharrst, dann, bei deinem Gott und bei meinem, dann sollst du sterben!«

Es dauerte geraume Zeit, ehe der Alte sprach, denn er war sehr alt und sehr erschrocken, und die Furcht vor dem Tode, die manche alte Leute beherrscht, lag schwer auf ihm.

»Ich sprach die Wahrheit!« stammelte er schließlich. »Ich sprach, was ich sah, und was ich wußte, und nur das!«

Sanders wartete.

»Ich sah den großen König morden und brennen. Gestern sah ich ihn seine Krieger in den Krieg führen. Da war ein großes Geschrei, und ich sah Rauch.« Hilflos schüttelte er den Kopf.

»Ich sah das alles. Wie kann ich sagen: ›Ich habe nichts gesehen‹?«

»Was für eine Art König war das?« fragte Sanders.

Wieder gab es eine lange Pause, während der Alte stammelte.

»Ein großer König«, antwortete er heiser. »So dick wie eine Bulle um seine Lenden, und er trug große weiße Federn und das Fell eines Leoparden.«

»Du bist wahnsinnig!« sagte Sanders und beendete das Verhör.

*

Sechs Tage später zog Sanders zur Küste zurück; hinter sich ließ er ein gezüchtigtes Volk.

Schlimme Nachrichten laufen schneller als ein Dampfer, und die kleine »Zaire«, die da in der Mitte des Stromes unter dem blauen Banner stromabwärts fuhr, war ein Gegenstand höchsten Interesses für viele Dörfer, deren Bewohner zum Ufer herunterkamen. Dort standen sie mit gefalteten Händen oder mit geballten Fäusten am Mund, um ihre Aufregung zu zeigen, und riefen eintönig im Chor hinter dem Dampfer her:

»O, Sandi, Vater! Wieviel Bösewichter hast du heute hingerichtet? O, Töter von Teufeln! O, Baumaufhänger! Wir sind voll von Tugend und fürchten dich nicht! Ei – fo – Kalaba? Ei – ko – Sandi!«

Sanders fuhr schnell mit dem Strom abwärts, denn er wünschte sehnlichst, mit seinem Vorgesetzten zu sprechen. Irgendwo im Lande mußte ein Aufstand sein, so viel wußte er: es hatte doch Wahrheit in allem gesteckt, was der Alte gekrächzt hatte, ehe er starb; denn er starb aus reiner Angst und Altersschwäche.

Wer war der König dieses Aufstandes? Nicht der König von Isisi noch der der N'Gombis noch der König eines der Vorländer jenseits der Ochoris!

Die »Zaire« lief an den Gouvernements-Anlegeplatz. Ein Hauptmann der Schutztruppe grüßte.

»Arbeitet der Landtelegraph?« fragte Sanders, als er an Land trat.

Der Haußahauptmann nickte.

»Was ist das Palaver?« fragte er.

»Irgend'ne Sorte Krieg,« sagte Sanders. »Irgendein König oder sonst wer hat seine Hand im Spiel.«

Er erzählte die Geschichte.

Der Haußaoffizier stieß einen leisen Pfiff aus.

»Beim Lord Schatzmeister der Königlichen Privatschatulle,« fluchte er sanft, »das ist spaßig.«

»Sie haben ja 'nen giftigen Humor im Leibe«, meinte Sanders anzüglich.

»Halten Sie den Atem an!« sagte der Haußa und faßte ihn am Arm.

»Wissen Sie, daß Lo Benguela unten im offenen Aufstand ist? Die Beschreibung paßt auf ihn.«

Sanders stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Natürlich!«

»Aber,« sagte der Haußaoffizier erstaunt, »Matabeleland ist dreitausend Meilen von hier entfernt. Der Aufstand dort flammte vor einer Woche auf. Wie kann das das Lumpenpack dort oben wissen?«

Anstatt einer Antwort rief Sanders einen nackten Akasava herbei, den er zwischen seiner Dampferbesatzung hatte, weil er gut Feuerholz zu hacken verstand.

»I'fasi, sage mir, was deine Leute oben bei dir zu Hause heute vorhaben!«

Der Mann grinste blöde und stand verlegen auf einem Bein, denn für den gewöhnlichen Mann war es eine Ehre, wenn Sanders ihn bei seinem Namen anredete.

»Herr, sie gehen auf Elefantenjagd.«

»Wie viele sind ihrer?«

»Zwei Dörfer, denn in einem herrscht Krankheit, und die können nicht mit.«

»Woher weißt du das? Ist deine Heimat nicht vier Tage mit dem Dampfer und drei Tage zu Fuß entfernt?«

Der Mann sah in die Enge getrieben aus.

»Was Sie sagen, ist wahr – dennoch weiß ich es.«

Sanders wandte sich lächelnd an den Haußa.

»Wir haben in diesem Lande noch eine ganze Menge zu lernen.«

*

Einen Monat später erhielt Sanders einen Ausschnitt aus der Kapzeitung.

»... Das von den Matabeles allgemein geglaubte Gerücht, daß ihre Anhänger im Norden einen Rückschlag erlitten hätten, entbehrt der Bestätigung. Der Kommissar von Barotseland verneint das von den Eingeborenen behauptete Gerücht von einem aufsässigen Stamme und berichtet, daß, soweit er unterrichtet sei, der ganze Bezirk ruhig wäre. Andere Kommissare der nördlichen Bezirke berichteten das gleiche. Keine Sympathiebewegung hat stattgefunden, obwohl die Eingeborenen betonen, daß in einem fernen Lande, das sie nicht näher zu bezeichnen wüßten, ein solcher Aufstand tatsächlich ausgebrochen sei. Die Idee ist natürlich absurd.«

Wieder lächelte Sanders.

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