Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika

Edgar Wallace: 15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
title15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorRichard Küas
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160418
projectid78be5070
Schließen

Navigation:

XI. Der Zauberdoktor

Nichts überraschte Sanders mehr als die Unwissenheit des niemals »draußen« gewesenen Durchschnittsengländers in allen Fragen, die die afrikanischen Völker betrafen. Sonderbare Dinge gingen in dem »Schwarzen Fleck«, wie die Beamten an der Küste den Sanders unterstellten Bezirk nannten, vor sich; an Wunder grenzende Dinge, geheimnisvolle Dinge, aber Sanders war davon niemals überrascht. Er hatte es mit einem Volk zu tun, das an Geister und an den Gottseibeiuns in Gestalt glaubte; und Sanders fühlte mit ihnen, denn er sah ein, daß es nicht angeht, alles Böse nur menschlichem Wirken zuzuschreiben.

Sanders war ein unruhiger Geist, wenigstens hielten ihn seine Untertanen dafür, und ein klein wenig verrückt, auch das war die Meinung der Eingeborenen. Das Schlimmste von allem aber war, in seinem Wahnsinn lag keine Methode.

Bei anderen Bezirksamtleuten konnte man sicher sein, daß sie nach der großen Regenzeit kamen. Sie pflegten ihre Ankunft vorher anzukündigen; das hatte doch seine Art. Darin waren sich die Isisis, die Ochoris, die N'Gombis, die doch sonst untereinander in Streit lagen, einig. Wenn man zeitig genug von der bevorstehenden Ankunft des Bezirksamtmanns Wind bekam, war es möglich, die häßlichen Beweise einer Übeltat zu beseitigen, alles sauber zu machen und vom Schlamm des Bösen zu reinigen.

Es war schlimm, verkatert, mit all den Anzeichen einer wüst durchtobten Nacht an sich, die wider einen zeugten, aus seiner Hütte zu treten und sich den kalten forschenden Augen des kleinen braungebrannten Mannes, der in tadellosem Weiß vor einem stand, gegenüber zu sehen. Die Gerte, die er gewöhnlich in der Hand trug, schwippte dabei ab und zu an seine Beine, als ob sie auch ein Wort mitzureden hätte. Und da waren immer vier Polizeihaußas, in blaue und rote Uniform gekleidet, in seinem Hintergrund; unbeweglich, aber wachsam und winkbereit.

Einmal kam Sanders in ein N'Gombidorf, als er nach menschlichem Ermessen in seinem bequemen Bungalow dreihundert englische Meilen flußabwärts hätte sein müssen.

Sanders schlenderte durch die Dorfstraße, gerade als die Sonne über die Wipfel der Bäume schielte und lange Schatten vor dem zitronengelben Licht längs des Erdbodens liefen.

Das Dorf lag still und verlassen. Das war ein böses Zeichen. Es redete von nächtlichen Orgien. Sanders ging weiter, bis er zu dem großen Viereck kam, in dessen Nähe das Palaverhaus stand. Dort schwelten noch die verkohlten Überbleibsel eines erloschenen Feuers.

Sanders bemerkte etwas, das ihn veranlaßte, zwischen der Asche herum zu stochern.

»Pah!« entfuhr es ihm; er schnitt ein Gesicht.

Er schickte nach seinem Dampfer, um alle Polizeisoldaten zu holen, die er mit sich hatte. Dann ging er in des Häuptlings Hütte und trat diesen, bis er erwachte.

Der Häuptling kam heraus, blinzelnd und fröstelnd, obwohl der Morgen warm war.

»Telemi, Sohn des O'ari, sage mir, weshalb ich dich nicht hängen soll, du Biest von einem Menschenfresser!«

»Herr,« entgegnete der Häuptling, »wir aßen diesen Mann, weil er unser Feind war, weil er nachts ins Dorf einbrach und unsere Ziegen und Hunde stahl. Außerdem haben wir nicht gewußt, daß du in der Nähe warst.«

»Das glaube ich schon«, meinte Sanders.

Die Sprechtrommel rief die Dörfer aus dem Schlaf, und vor einer schweigenden Zuschauerschaft wurde der Häuptling des N'Gombidorfes nach allen Regeln der Kunst geknutet. Dann rief Sanders die Ältesten zusammen und sagte ihnen einige Worte des Trostes und der Ermunterung.

»Nur Hyänen und Krokodile und gewisse Fische fressen ihresgleichen auf!« – Ein allgemeiner Schauer überlief die Versammlung, denn mit einem Fisch verglichen zu werden, ist für die N'Gombi eine tödliche Beleidigung. – »Ich hasse Menschenfresser, und des Königs Regierung haßt sie auch! Wenn mir noch einmal zu Ohren kommt, daß ihr Menschen freßt – und ich habe viel Spione –, gleichgültig ob Feind oder Freund, werde ich schnell hier sein und euch bis aufs Blut peitschen lassen. Und wenn es dann noch einmal passieren sollte, dann werde ich einen Strick und Block mit mir bringen, ich werde einen Baum finden, und da werden zerstörte Hütten im Lande sein.«

Bei der Drohung der zerstörten Hütten erschauerten die N'Gombis von neuem, denn es war ihre Stammessitte, die Hütte eines Toten niederzureißen, um dessen Seele aus der Hütte ins Freie zu lassen.

Sanders führte den Häuptling in Eisen mit sich, und im Laufe der Zeit kam der Gefangene in eine kleine Hafenkolonie an der Küste, wo er fünf Jahre Zwangsarbeit in Gesellschaft anderer unbotmäßiger Häuptlinge abmachte.

In den Bezirken, die am Oberlauf des Flusses lagen, nannte man Sanders mit dem langen und klangvollen Namen »Der Mann, der ein treuloses Weib hat«; ein kleiner Scherz Bosambos, und sehr zutreffend, denn Sanders war mit seinen Untertanen verheiratet.

In Nord und Süd und Ost und West streifte er umher. Er marschierte Tag und Nacht, manchmal sauste sein kleiner Dampfer flußaufwärts und wurde von den Bösewichten in den kleinen Fischerdörfern verfolgt, bis er außer Sicht war.

»Geht!« befahl Sarala, ein kleiner Häuptling der Akasavas, zweien seiner jungen Leute. »Fahrt drei Stunden in eurem Kanu stromaufwärts und beobachtet den Fluß wegen Sandis Rückkehr. Beim ersten Zeichen des Dampfers, den ihr vom Hügel an der Flußkrümmung sehen müßt, kommt zurück und warnt mich, denn ich möchte einer gewissen Sitte meiner Väter folgen, an der Sandi keine Freude hat.«

In dieser Nacht brachte der Sohn des Häuptlings beim Schein des Feuers und bei Tanz und Trommelschlag seinen kaum zehn Stunden alten Erstgeborenen und legte ihn zu seines Vaters Füßen. Das Kind schrie kläglich, als ob es sein Schicksal ahnte.

»Leute!« rief der kleine Häuptling. »Es geht eine Sage, so alt wie die Zeit, daß dem Erstgeborenen eine besondere Kraft innewohnt, und wenn wir ihn verschiedenen Göttern und Dämonen opfern, wird uns Glück in allem, was wir tun, beschert sein!«

Er sagte seinem Sohne ein Wort; dieser nahm einen Speer mit breitem Blatt und grub ein kleines Grab. In dieses wurde das lebende Kind gelegt. Die kleinen Füße stießen gegen die lose Erde.

»O Gott und Teufel«, betete der Alte, »wir vergießen kein Blut, damit dieses Kind unbefleckt zu euch komme.«

Der Sohn stieß einen Haufen loser Erde mit dem Fuß so, daß sie die Beinchen des Säuglings bedeckte. In diesem Augenblick trat Sanders in den Lichtkreis des Feuers, und der Häuptlingssohn fuhr zurück.

Sanders rauchte eine dünne Zigarre; er rauchte eine volle Minute, ohne ein Wort zu sagen, und eine Minute ist eine lange Zeit. Dann trat er an das Grab, bückte sich und hob das Kind unbeholfen heraus, denn er war mehr gewohnt, Männer zu behandeln als Säuglinge; er schüttelte das Kind, um es von der Erde zu befreien, dann übergab er es einem Weibe.

»Nimm das Kind zu seiner Mutter und sage ihr, sie solle es mir morgen wieder lebendig zuschicken, sonst soll sie sich nach einem anderen Mann umsehen.«

Dann wandte er sich an den alten Häuptling und seinen Sohn.

»Alter Mann, wieviel Jahre hast du noch zu leben?«

»Herr,« erwiderte der Alte, »das steht bei dir.«

Sanders kratzte sich nachdenklich am Kinn, der Alte beobachtete ihn, Furcht im Blick.

»Du wirst zu Bosambo, dem Ochorihäuptling, gehen und wirst ihm sagen, ich sende dich zu ihm. Dort magst du seinen Garten pflegen und Wasser tragen, bis du stirbst.«

»Das wird bald sein, ich bin so alt.«

»Wenn du jünger wärst, würde es noch früher sein. Was deinen Sohn anbetrifft, so wollen wir den Morgen abwarten.«

Die Haußas brachten den jungen Mann ins Lager, das Sanders am Flusse aufgeschlagen hatte. Sein Dampfer war nur deshalb vorbeigefahren, um den verdächtigten Häuptling zu täuschen. Am Morgen, als die Nachricht kam, daß der Säugling tot sei – Sanders nahm sich nicht die Mühe, festzustellen, ob durch Schreck, Verletzung oder Erkältung –; wurde der Häuptlingssohn gehängt. Ich erzähle diese Geschichten von Sanders, damit man den Charakter des Mannes und das Werk, das er zu vollbringen hatte, ganz erfaßt. Wenn er schnell zu handeln pflegte, so war das dem geistigen Niveau der Menschen angepaßt, die er regierte. Denn für ihre Missetaten hatten sie kein Gedächtnis, und das Gestern mit seinen Fehltritten, Irrtümern und Lehren lag für sie schon weit zurück, und ein Mann rächt eine Bestrafung, wenn er sie für ein Verbrechen erhält, das er längst vergessen hat, und sie deshalb als ungerecht empfindet.

Es ist da leicht möglich, einen bösen Fehler zu begehen, aber Sanders beging niemals einen solchen, obwohl er einmal sehr nahe daran war.

Als eines Tages der hervorragende Gelehrte Professor Sir George Carsley unerwartet am Sitz des Gouvernements erschien, um im Auftrage der britischen Regierung Tropenkrankheiten an der Quelle zu studieren, erklärte Sanders ihm seine Ansichten über die Eingeborenen.

Sir George war ein alter Mann mit einem außergewöhnlich bleichen Gesicht und einem schneeweißen Bart.

»Da war ein Berichterstatter hier,« erzählte Sanders langsam, als ob er eine fremde Sprache spreche – er sprach Englisch, für das er hier wenig Verwendung hatte – »dieser Berichterstatter behauptete, ich behandele meine Eingeborenen wie Hunde. Ich glaube, das stimmt. Das heißt, ich behandle sie wie wirklich gute Hunde, die man nicht in der einen Minute liebkost und in der nächsten mit dem Fuße tritt, die man nicht einen Tag auffordert, auf dem Wohnzimmerteppich zu liegen und am nächsten Tage vom Kaminteppich wegstößt.«

Sir George antwortete nicht. Er war ein schweigsamer Mann, der bereits einige Erfahrungen an der Küste gesammelt und mehrere Jahre in der Einsamkeit eines zentralafrikanischen Bezirks zugebracht hatte, wo er die Gewohnheiten der Malariamücke erforscht hatte.

Sanders selbst war niemals ein großer Unterhaltungsmensch, und die drei Tage, die der Professor mit ihm unter einem Dach wohnte, waren von tödlicher Langweile für den Bezirksamtmann.

Nur bei einem Thema wurde der Professor gesprächig.

»Ich möchte gern den Zauberdoktor studieren«, sagte er plötzlich. »Keine Ernennung in der Welt könnte mir ein größeres Machtbewußtsein einflößen als die Ernennung zu dieser Würde durch die Eingeborenen.«

Sanders dachte, der Gelehrte scherze, aber der andere kam immer wieder auf dieses Thema zurück, ernst, würdevoll, aber hartnäckig, und um ihn zu unterhalten, erzählte ihm Sanders alle Geschichten, die er jemals über diese Zauberdoktoren und ihren Stand gehört hatte.

»Aber sie erwarten doch nicht etwa, von diesen Leuten etwas zu lernen?« fragte Sanders halb im Scherz.

»Im Gegenteil,« antwortete der Professor ernst, »ich nehme es von vornherein für verbürgt an, daß ich wertvolle wissenschaftliche Entdeckungen durch den Umgang mit ihnen machen werde.«

»Dann bist du ein alter verrückter Esel«, sagte Sanders – aber nur zu sich selbst.

Der bleiche Professor verließ Sanders am Abend des vierten Tages, und außer einem amtlichen Bericht, daß er sich an der Grenze niedergelassen habe, kamen während der nächsten sechs Monate keine Nachrichten von dem Gelehrten, bis eines Abends die Botschaft anlangte, der blasse alte Mann sei beim Kentern eines Kanus ertrunken. Er hatte ganz allein unter Mitnahme eines wissenschaftlichen Apparates einen Ausflug unternommen. Seitdem wurde nichts wieder von ihm gehört, bis man sein Birkenrindenkanu kieloben im Fluß treibend entdeckte.

Keine Spur fand sich mehr von ihm, und später sammelte Sanders die Habseligkeiten des Toten und schickte sie nach England.

Bei dieser Tragödie zeigten sich zwei auffallende Tatsachen. Die erste war, Sanders fand nirgends den Nachweis von dem Ergebnis irgendeiner wissenschaftlichen Forschung in den Papieren oder im Tagebuch des Toten. Nichts als ein kleines Notizbuch fand sich vor. Der zweite Umstand war der, daß der Gelehrte alle Geschichten, die Sanders ihm über die Fetischdoktoren erzählt hatte, in diesem Notizbuch sorgfältig niedergeschrieben hatte.

Sanders erkannte wenigstens eine der Geschichten wieder, die er damals unter dem Impuls des Augenblickes zur Unterhaltung des Professors selbst erfunden hatte.

Sechs mehr oder weniger friedliche Monate waren vergangen, da begann jene Reihe von Ereignissen, die die Sage vom Teufelsmenschen bildeten.

Am Kleinen Flusse begann es.

Dort lebte eine Isisifrau, die ihren Mann haßte, obwohl dieser sehr gut zu ihr war, ihr eine Hütte gebaut und ein älteres Weib als Dienerin gegeben hatte. Er gab ihr viele Geschenke; darunter einen Halsring aus Messing, der mehrere Pfund wog und sie zum meist beneideten Weibe am Isisifluß machte. Aber ihr Haß gegen ihren Mann wurde darum nicht geringer, und eines Morgens kam sie aus ihrer Hütte, sah verstört und erschrocken aus und begann mit zitternder Stimme den Totensang anzustimmen, während sie mechanisch kleine Hände voll Staub auf ihr Haupt streute.

Die Dörfler traten in ihre Hütte und fanden dort den Mann steif und starr mit verzerrtem Gesicht und Höllenqualen im erloschenen Blick. Nach zwei Tagen begrub man den Toten in der Mitte des Flusses, und als das Kanu mit dem Leichnam bei der Flußkrümmung außer Sicht kam, trat das Weib ins Wasser, wusch den Staub von ihrem schmierigen Körper und streifte die grünen Blätter der Trauer von ihren Hüften.

Dann ging sie mit tänzelndem Schritt nach ihrer Hütte zurück, denn der Mann, den sie am meisten gehaßt hatte, war tot – und sie frei.

Vier Tage später kam Sanders.

»M'Fasa«, sagte er, während er an ihrer Hütte stand und an ihr herunter sah, wie sie mit erkünstelter Gleichgültigkeit ihren Mais zwischen den Steinen zerkleinerte, »man erzählt mir, dein Mann ist gestorben.«

»Herr, das ist wahr, er starb ganz plötzlich.«

»Zu plötzlich für meinen Geschmack«, sagte Sanders und verschwand im Innern ihrer Hütte. Nach einiger Zeit kam Sanders wieder heraus und sah sie an. In seinen Händen hielt er eine kleine Glasphiole, wie sie wohl unter Europäern allgemein bekannt sind, deren Vorhandensein in einem Heidendorf aber mindestens merkwürdig war.

»Ich habe hier einen Fetischzauber, M'Fasa, und mein Fetisch sagt mir, daß du deinen Mann vergiftet hast.«

»Dein Fetisch lügt.« Sie sah nicht auf.

»Wir wollen das nicht erörtern«, sagte Sanders vorsichtig, denn über seinen Verdacht hinaus hatte er keine Beweise. Er ließ sich sofort den Dorfhäuptling kommen. Eine kleine Pause entstand. Das Weib mahlte langsam ihr Korn weiter mit niedergeschlagenen Augen und ab und zu mit dem Handrücken den Schweiß von ihrer Stirn wischend, während Sanders, den Tropenhelm im Nacken, eine halbgerauchte Zigarre im Mund, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, ihr mit einem ärgerlichen, finsteren Gesichtsausdruck zusah. Nach einer Weile kam der Häuptling zögernd an. Er hätte sich beim Suchen nach einem scharlachroten Uniformrock verspätet, den er bei festlichen Gelegenheiten zu tragen pflegte.

»Herr, du hast nach mir gesandt.«

Sanders wechselte seinen Gesichtsausdruck.

»Ich hab mir's überlegt, ich bedarf deiner nicht.«

Der Häuptling entfernte sich mit einem Dankgebet im Herzen, denn es waren gewisse verborgene Geschichten da oben am Fluß passiert, für die er Tadel erwartete.

»M'Fasa, du wirst an Bord meines Dampfers gehen«, befahl Sanders.

Die Frau stellte ihren Mörser hin, erhob sich und ging gehorsam an Bord. Sanders folgte ihr langsam; eine Menge Dinge gingen ihm durch den Kopf. Wenn er dieses Weib bei den Dorfältesten angab, würde sie zu Tode gesteinigt werden. Wenn er sie mit sich zum Gouvernement nahm und sie dort verhört würde, gab es keine Beweise, auf die hin ein Urteilsspruch erfolgen konnte. Er wußte keinen Platz, wohin er sie hätte bringen können, und doch, wenn er sie hier zurückließ, war der Weg für weitere Übeltaten offen.

Sie erwartete ihn an Deck der »Zaire«; ein gerade gewachsenes Mädchen von 18 Jahren, furchtlos und trotzig.

»M'Fasa, warum hast du deinen Mann getötet?«

»Herr, ich habe ihn nicht getötet, er starb an einer Krankheit«, sagte sie so störrisch wie zuvor.

Sanders schritt das schmale Deck auf und nieder, den Kopf auf die Brust gesenkt, denn dieses war ein schwieriges Problem; dann sah er auf.

»Du kannst gehen«, sagte er, und das Weib, etwas erstaunt, ging über die Laufplanke, die Boot und Land verband, und verschwand im Dickicht.

Drei Wochen später brachten seine Spione Nachrichten, daß Leute am Oberen Fluß in rätselhafter Weise starben. Niemand wußte, warum sie starben. Mancher saß noch voll Leben bei seiner Abendmahlzeit, und am Morgen, wenn seine Leute ihn wecken wollten, war er hinüber, eines elenden Todes gestorben.

Das passierte in vielen Dörfern am Kleinen Fluß.

»Die Sache wird eintönig«, meinte Sanders zum Hauptmann der Schutztruppe. »Da droben geht eine Massenvergiftung vor sich, und ich werde hinaufgehen, um den Gentleman ausfindig zu machen, der die Dosis verabreicht.«

Der erste Fall, der nach Untersuchung verlangte, geschah in der Isisistadt. Ein Weib war gestorben, und Sanders hatte den Ehemann, einen berüchtigten Bösewicht im Verdacht.

»Okali«, fragte er, gleich zur Sache kommend, »warum hast du dein Weib vergiftet?«

»Herr«, sagte der Mann, »sie starb an einer Krankheit. Am Abend war sie noch wohl, aber im Morgengrauen wälzte sie sich im Schlaf, rief ›ah‹ und ›oh‹ und starb gleich darauf.«

Sanders holte einen tiefen Atemzug.

»Strick her!« befahl er, und als der Strick da war, kletterte Abiboo auf den untersten Ast eines Gummibaumes und befestigte Block und Flaschenzug, wie es sich gehörte. »Okali«, redete Sanders diesen an, »ich hänge dich jetzt auf: Wegen Mordes, begangen an deinem Weibe, denn ich bin ein vielbeschäftigter Mann und habe keine Zeit, lange Nachforschungen anzustellen. Und wenn du an ihrem Morde nicht schuldig bist, so hast du doch so viele verabscheuungswürdige Taten auf dem Gewissen, daß ich gerechtfertigt bin, wenn ich dich hänge.«

Der Mann war grau vor Furcht, als sie ihm die Schlinge um den Nacken legten und seine Hände fesselten.

»Herr, sie war ein böses Weib und hatte viele Liebhaber«, stammelte er, »ich habe sie nicht töten wollen, aber der Teufelsmann sagte, daß diese Medizin sie ihre Liebhaber vergessen mache.«

»Teufelsmann? Welcher Teufelsmann?« fragte Sanders hastig.

»Herr, hier lebt ein Teufel, der in dieser Gegend sehr verehrt wird. Der wandert im Urwald herum und gibt viele sonderbare Tränke.«

»Wo findet man den?«

»Herr, keiner weiß es. Er kommt und geht wie ein grauer Geist, und er hat einen Fetisch, der ist machtvoller als tausend gewöhnliche Teufel! Herr, ich habe meinem Weibe das gegeben, was er mir gab, und sie starb daran. Wie konnte ich wissen, daß sie sterben würde?«

»Cheg'li!« rief Sanders kurz den Leuten zu, die den Strick hielten, und »Cheg'li« bedeutet im Dialekt des Flusses »zieht!«

*

»Halt!«

Sanders befand sich in wechselnder Stimmung und war etwas gereizt durch das Sichbewußtsein dieses Umstandes. »Wie hast du die Medizin erhalten? War es ein Pulver, war es flüssig oder –?«

Des Mannes Mund war trocken, er konnte nur hilflos den Kopf schütteln.

»Laßt ihn los!« befahl Sanders. Abiboo nahm dem Mann die Schlinge ab und löste seine Hände.

»Wenn du mich belogen hast, stirbst du bei Sonnenuntergang! Zunächst lasse mich aber mehr von diesem Teufelsmann wissen, denn ich bin neugierig, seine Bekanntschaft zu machen.«

Er gab dem Mann zehn Minuten Zeit, sich von seinem Schrecken zu erholen; dann ließ er ihn kommen.

»Herr, ich weiß nichts von dem Teufelsmann, außer daß er der größte Zauberdoktor der Welt ist; und nachts, wenn der Mond scheint und gewisse Sterne an ihrem Platz stehen, kommt er wie ein Geist, und wir alle haben dann Angst. Dann gehen die von uns, die ihn brauchen, zu ihm in den Urwald, und er gibt uns, was wir von ihm fordern.«

»Worin trägt er denn die Medizin?«

»Herr, in einer Glasstange, wie die Weißen ihre Medizin zu tragen pflegen; ich will sie dir bringen.«

Er ging in seine Hütte zurück und kam wenige Minuten später mit einem Medizinfläschchen zurück, das Gegenstück zu dem, das Sanders bereits hatte. Der Bezirksamtmann öffnete es und roch daran. Ein sehr schwacher Duft von bitteren Mandeln machte sich bemerkbar. Sanders stieß einen Pfiff aus. Er erkannte den Nachgeruch von Zyankali, und das ist keine Droge, die ungelehrte Zauberdoktoren kennen und noch viel weniger anzuwenden verstehen.

*

»Ich kann nur annehmen«, schrieb Sanders an den Gouverneur, »daß die Medizinkiste des verstorbenen Sir George Carsly durch bösen Zufall in den Besitz eines Eingeborenen-»Doktors« übergegangen ist. Sie werden sich entsinnen, daß der Professor die Kiste bei sich hatte, als er ertrank.

Wahrscheinlich wurde sie ans Ufer gespült und aufgefunden ... Inzwischen mache ich fleißig Nachforschungen nach der Identität des Teufelsmenschen, der so urplötzlich zu großem Ruf gelangt zu sein scheint.«

Schlaflose Nächte lagen vor Sanders; Nächte mit Gewaltmärschen kreuz und quer, mit schnellen Fahrten stromaufwärts, voll überraschenden Erscheinens in den Dörfern und einsamen Nachtwachen im Busch und an unbekannten Wassern. Aber er fand nie eine direkte Spur vom Teufelsmann, soviel Interessantes er auch über ihn hörte.

Das Wirkungsvollste unter dessen Zaubergerätschaften war ein Kästchen, »soo klein«, sagte einer, der es gesehen hatte. In diesem Kästchen wohne ein kleiner boshafter Dämon, der zwickte und kratzte, aber ohne eine Spur zu hinterlassen; ein böser Geist, der Nadeln in den menschlichen Körper stechen könnte, ohne jemals Blut fließen zu machen.

»Ich geb's auf«, sagte Sanders verzweifelt und kehrte an seinen Wohnsitz zurück, nur um dort weiter zu grübeln.

Eines Abends, als er beim Essen saß, hörte er vom Fluß her fernen Trommelschlag. Es war nicht der regelmäßige Wirbel des Lokoli, der Sprechtrommel, sondern eine Reihe kurzer Schläge. Der Bezirksamtmann trat leise an die Tür und horchte.

Er hatte sich vom Gouvernement die Signalabteilung der Haußasoldaten kommen lassen und diese in Zwischenräumen am Flußufer postiert. In einer stillen Nacht hört man den Trommelschlag auf große Entfernung; aber das Rasseln von Eisenholzschlägeln auf einem hohlen Baumstumpf hört man am weitesten.

»Klok – klok, klockitty – klock!«

Es klang wie das ferne Quaken des Ochsenfrosches, aber Sanders las sich die Buchstaben zusammen:

»Teufelsmann opfert morgen nacht im Wald der Träume.«

Gerade, als er die Botschaft auf dem Ärmel seiner weißen Jacke niederschrieb, kam Abiboo den Weg herauf gelaufen.

»Wir sind fertig, Herr!« rief der Mann.

Sanders griff nach dem Revolver, der an der Wand hing, und warf seinen Mantel über den Arm, denn seine sonstige Reiseausrüstung befand sich bereits seit drei Tagen an Bord der »Zaire«.

Der scharfe Bug des Dampfers schwenkte nach der Mitte des Stromes zu, und zehn Minuten nach dem Trommelsignal stürmte das Boot in voller Fahrt gegen das Gefälle des Stromes an.

Die ganze Nacht dauerte die Fahrt, oft von einem Ufer zum anderen lavierend, um die Untiefen zu vermeiden. Tagesanbruch fand das Fahrzeug an einem Platz, wo man Holz zum Feuern des Kessels einnahm. Die Mannschaft türmte in fieberhafter Hast Holzstoß auf Holzstoß an Deck auf, so daß die »Zaire« bald wie ein Holzschlepper aussah.

Dann fuhr das Schiff wieder los und hielt nur, um von den Spähern, die flußauf- und abwärts stationiert waren, Nachrichten über das kommende Opferfest entgegenzunehmen.

Sanders erreichte den Rand des Traumwaldes um Mitternacht und machte den Dampfer fest. Er hatte zehn Haußas bei sich, und an der Spitze dieser trat er an Land und in das Dunkel des Urwalds ein. Einer der Soldaten voran, um den Pfad zu finden und die Führung zu übernehmen, und im Gänsemarsch trat die Gruppe ihren zweistündigen Marsch an. Einmal stießen sie auf zwei kämpfende Leoparden, einmal stolperten sie über einen mitten im Weg schlafenden Büffel, dann stöberten sie unbekannte Tiere auf, die sich in den Busch trollten, als sie an ihnen vorbeikamen, und die hinter ihnen herschnüffelten, bis Sanders ihnen den weißen Strahl seiner elektrischen Lampe entgegenschickte. Schließlich gelangten sie ungesehen an den Ort, wo das Opfer stattfinden sollte.

Dort hockten mindestens 600 Leute im Halbkreis um einen rohen Altar aus Baumstämmen. Zwei riesige Feuer loderten und knisterten auf jeder Seite des Altars. Sanders' Blicke hefteten sich auf den Teufelsmann, der sich über den Körper eines anscheinend im Schlaf befindlichen jungen Mädchens beugte, das auf dem Holzaltar ausgestreckt lag.

Einst hatte dieser Teufelsmann das Kleid der Zivilisation getragen, nun war er in Fetzen gekleidet. In schmutzigen Hemdsärmeln stand er da, den weißen Bart wirr und ungekämmt, das bleiche Gesicht verfärbt und ein sonderbares Licht in den Augen. In seiner Hand blitzte ein Seziermesser, und er sprach – seltsam genug vor dieser Zuhörerschaft – Englisch.

»Dieses, Gentlemen,« sagte er, indem er sich leicht gegen den Altar lehnte und mit der Sicherheit eines Mannes redete, der viele solche Vorträge gehalten hat, »ist ein böser Fall von Schlafkrankheit; die Entfärbung der Haut wird Ihnen auffallen, ebenso die opalschimmernden Pupillen, und nun, da ich die Patientin in Narkose versetzt habe, werden Sie die Verschiebung der Zervikaldrüsen bemerken, die ein sicheres Kennzeichen sind.«

Hier machte er eine Pause und sah sich mit einem gütigen Gesichtsausdruck um.

»Ich darf wohl sagen,« fuhr er fort, »daß ich lange Zeit unter den Eingeborenen gelebt habe. Ich habe die ehrenvolle Stellung eines Zauberdoktors in Zentralafrika bekleidet –.«

Er brach ab und strich mit der Hand über seine Stirn, als wollte er einen Gedanken zurückrufen; dann nahm er den Faden seiner Rede wieder auf.

Während der ganzen Zeit, die er sprach, saß die halbnackte Zuhörerschaft stumm und furchtbefangen da, begriff nichts, als daß der Zauberer mit dem weißen Gesicht, der, wer weiß, woher gekommen war, und viele wunderbare Dinge vollbracht hatte (sein Zauberkästchen erwies sich als eine galvanische Batterie), im Begriff stand, sonderbare Gebräuche eines fremden Kults zu üben.

»Gentlemen,« fuhr der alte Mann fort, indem er die Brust seines Opfers mit dem Griff seines Messers beklopfte, »ich werde hier einen Einschnitt machen.«

Hier verließ Sanders sein Versteck und ging festen Schrittes auf den improvisierten Operationstisch zu.

»Professor«, sagte er sanft.

Der Wahnsinnige sah ihn mit einem betroffenen Stirnrunzeln an.

»Sie unterbrechen die Untersuchung,« antwortete er ungehalten, »ich beweise eben –«

»Ich weiß, Herr.«

Sanders nahm seinen Arm, und Sir George Carsley, der große Gelehrte, Chefarzt des St.-Markus-Hospitals in London und Verfasser vieler Bücher über tropische Krankheiten, folgte ihm wie ein Kind.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.