Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika

Edgar Wallace: 15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
title15 Jahre bei den Kannibalen in Zentral-Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorRichard Küas
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160418
projectid78be5070
Schließen

Navigation:

X. Die Liebschaften M'Linos

Sanders wurde von Menschen, die ihn nur oberflächlich kannten, für einen Weiberfeind gehalten. Aber Sanders war nicht Weiberhasser in irgendeiner Bedeutung des Wortes, denn er dachte nicht daran, dem weiblichen Geschlecht Übelwollen entgegenzubringen, und ganz sicher war er ebenso frei von einer stillen Liebe, von der niemand was wußte.

Anders stand es mit einem jungen Mann, namens Ludley; der war seit drei Monaten unter Sanders als Stationsleiter in Isisi stationiert. Nach Verlauf dieser Zeit ließ ihn Sanders zur Küste kommen.

»Ich halte es für das beste, wenn Sie nach Hause fahren«, eröffnete ihm Sanders.

Der junge Mann machte erstaunte Augen.

»Warum?«

Sanders gab zunächst keine Antwort, sondern starrte durch die Türöffnung nach dem entfernten Dorf hinüber.

»Mir sind da verschiedene Dinge zu Ohren gekommen –« erwiderte er dann kurz; er fühlte sich ungemütlich bei der Sache, aber zeigte es nicht.

»Verschiedene Dinge? – Was für Dinge?«

Sanders rückte verlegen in seinem Stuhl hin und her.

»O, manches!« erwiderte er aufs Geratewohl und fügte hinzu: »Sie fahren jetzt nach Hause und heiraten da das hübsche Mädel, von dem Sie so schwärmten, als Sie herauskamen.«

Der junge Ludley errötete unter seiner gebräunten Haut.

»Hören Sie mal, Bezirksamtmann«, sagte er halb ärgerlich, halb entschuldigend. »Sie nehmen doch sicher davon keine Notiz – Sie wissen doch, s'ist so die Art, wie man's hier in afrikanischen Ländern zu machen pflegt –. O, hol's der Teufel, Sie werden doch nicht den Sittenrichter über meine moralischen Verfehlungen abgeben wollen?«

Sanders sah den jungen Mann kalt an.

»Wegen Ihrer Moral lohnt sich's nicht, sich in Unkosten zu stürzen«, meinte er, der Wahrheit entsprechend. »Sie könnten der verkommenste Teufel in der Welt sein – ich gebe zu, daß Sie das nicht sind – es fiele mir nicht ein, an Ihnen etwas bessern zu wollen. Fällt mir nicht ein! – Es ist mehr die Moral meiner Kannibalen, um die ich in diesem Falle besorgt bin. Nach Hause fahren Sie, Söhnchen! Heiraten Sie! Crescit sub pondere virtus! Sie finden die Übersetzung im fremdsprachlichen Zitatenschatz jedes anständigen Lexikons. Was die Gepflogenheiten im Lande der Schwarzen anlangt, so vermeidet man solche in den unserer Flagge unterstellten Ländern. Affentricks mögen gut genug für den belgischen Kongo sein, aber sie sind nicht gut genug für diesen kleinen Streifen Wildnis.«

Ludley fuhr nach Hause.

Er erzählte niemand die wahre Ursache seiner Rückkehr, denn das hätte nicht hübsch geklungen. Er war ein ziemlich anständiger Junge – soweit Jungens dieses Schlages anständig sein können – und sagte über Sanders nichts weiter als: Sanders sei ein Weiberfeind.

Die Szene, die seiner Abreise folgte, zeigt, wie wenig sich weiße Denkart von der schwarzen Denkart unterscheidet, denn, nachdem Sanders seinen Untergebenen sicher an Bord eines heimwärts fahrenden Dampfers gebracht hatte, ging er stromaufwärts nach Isisi und traf dort mit einem Weibe zusammen, das M'Lino hieß.

Das schwarze Durchschnittsweib ist häßlich von Gesicht, jedoch schön von Gestalt; aber M'Lino war kein gewöhnliches Weib.

Die Isisileute, die außergewöhnliche Mitteilungen im Gedächtnis behalten und sie vom Vater auf den Sohn weitergeben, erzählten sich, daß M'Lino von einer Araberfamilie abstamme, und in der Tat, wenn eine fein gemeißelte Nase und ein schön geschwungener Mund irgend etwas beweisen, dann bewiesen sie in diesem Falle, daß M'Lino kein reiner Bantuschlag war.

Sie kam zu Sanders, als dieser nach ihr schickte; wachsam, argwöhnisch, sehr auf ihrer Hut.

Ehe er noch reden konnte, hatte sie schon eine Frage an ihn gestellt.

»Herr, wo ist Lijingii?« Das war Ludleys Name, so richtig, wie ihn ein Schwarzer eben aussprechen konnte.

»Lijingii ist über das schwarze Wasser zu seinen Leuten gefahren«, antwortete Sanders sanft.

»Du hast ihn fortgeschickt, Herr!« rief sie hastig, und Sanders gab keine Antwort.

»Herr,« fuhr sie fort, und Sanders wunderte sich über die Bitterkeit in ihrem Tone, »man sagt, du haßt Frauen.«

»Dann hat man dir Lügen erzählt«, gab Sanders zurück. »Ich hasse Frauen nicht, vielmehr verehre ich sie, denn sie steigen zu den Abgründen der Hölle hinunter, um Kinder zu gebären; auch sonst schätze ich sie hoch, weil sie mutig und treu sind.«

Sie sagte nichts; ihr Kopf sank, bis ihr Kinn auf ihrer bloßen braunen Brust ruhte, aber unter ihren Brauen sah sie zu Sanders hinüber; ihre Augen waren von einem fremden Leuchten erfüllt.

Schrecken bemächtigte sich Sanders'. War das Unglück bereits geschehen? Er fluchte auf Ludley und sandte ein heißes Stoßgebet zum Himmel, Ludleys Schiff möge mit ihm untergehen. Aber ihre Worte beruhigten ihn gleich darauf.

»Ich habe Ludley verliebt in mich gemacht, obwohl er ein Großer Herr war und ich eine Sklavin. Auch ich hoffte ihm eines Tages Kinder zu gebären, aber nun kann das nicht sein.«

Gott sei Dank, dachte Sanders.

Er wollte ihr gern ein paar Trostworte sagen, aber sie drehte sich auf ihrer Ferse und ging.

Sanders sah der anmutigen Gestalt nach, als sie sich auf der gewundenen Straße entfernte, und kehrte an Bord seines kleinen Dampfers zurück. Er war schon ungefähr zehn englische Meilen stromabwärts gefahren, ehe er sich erinnerte, daß er den Tadel nicht ausgesprochen hatte, den er für das Mädchen in Bereitschaft hatte.

»Das ist doch sonderbar«, murmelte er ärgerlich, »mein Gedächtnis läßt mich im Stich.«

Drei Monate später kam der junge Penson aus England an, um die Stelle des heimgekehrten Ludley einzunehmen. Ein rotwangiger junger Mensch, überwallend vor Eifer, und, was wichtiger war, er hatte zwei Jahre Lehrzeit in Sierra Leone hinter sich.

»Sie sollen nach Isisi gehn,« sagte Sanders zu ihm, »und ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß Sie da oben hübsch vorsichtig sein müssen.«

»Was ist dort los?« fragte der junge Mensch eifrig. »Sind die Kerls aufsässig?«

»Soweit ich weiß,« antwortete Sanders, seine Füße auf das Verandageländer legend, »sind sie das nicht. Und nicht vor dem Blutvergießen müssen Sie sich hüten, sondern vor der Liebe!«

Damit erzählte er Penson die Geschichte von M'Lino, obwohl diese Geschichte für die britische Verwaltung nicht eben schmeichelhaft war.

»Mir können Sie trauen«, beteuerte Jung-Penson, als Sanders geendet hatte.

»O, daß ich Ihnen trauen kann, glaube ich schon; aber trauen Sie dem Weibe nur nicht! Lassen Sie von Zeit zu Zeit von sich hören! Wenn Sie nicht ab und zu über sie schreiben, werde ich argwöhnisch werden und in recht ungemütlicher Stimmung zu Ihnen kommen.«

»Mir können Sie trauen!« wiederholte der junge Penson, denn er stand in einem Alter, in dem der Mensch seiner selbst sehr sicher zu sein pflegt.

So merkwürdig, wie sich das lesen mag, aber von dem Augenblicke an, wo er fortging, bis zu dem Augenblicke, wo er ein paar Monate später, in Ungnade gefallen, zur Küste zurückkehrte, schrieb er kein Wort von dem gertenhaft schlanken Mädel mit den wunderbaren Augen. Andere Mitteilungen trafen wohl von ihm ein; amtliche Berichte, klar und sachlich, aber nirgends ein Wort über M'Lino.

Sanders begann sich zu beunruhigen. Geschichten sickerten allmählich durch; Geschichten von grausamen Peitschungen, die auf Befehl des Stationsleiters verhängt worden waren, und Sanders nahm den Dampfer und fuhr in eilender Fahrt stromaufwärts.

Kurz vor der Station machte er halt und ging das Flußufer entlang. Das war wahrlich kein leichter Spaziergang, denn die Gegend hier herum ist eine Wirrnis von Vegetation.

Dann stieß er auf ein afrikanisches Idyll. Ein junger Mensch saß da und kratzte auf einer quietschenden Geige zum besonderen Vergnügen von M'Lino, die, das Gesicht nach unten gekehrt, ihr Kinn auf die Hand gestützt, vor ihm im Grase lag.

»In tausend Teufels Namen!« fuhr Sanders ihn an.

Der junge Mensch erhob sich von dem gefällten Baum, auf dem er gesessen hatte, und sah Sanders ruhig und, wie es schien, ohne jede Verlegenheit an.

Sanders sah auf das Mädchen herab und wies in der Dorfrichtung.

»Geh ins Dorf zurück, mein Mädel!« sagte er sanft, denn er war in Wut.

»Und nun, Sie Prachtexemplar von einem Weißen«, sagte er, als das Mädchen langsam und unwillig gegangen war. »Was ist das für eine Geschichte? Sie haben O'Sako peitschen lassen?«

Der junge Mann holte seine Pfeife aus der Tasche und zündete sie kaltblütig an.

»Er hat M'Lino geschlagen«, antwortete er im Tone eines Menschen, der sich im vollen Rechte weiß.

»Aus dieser Tatsache schließe ich, daß er der unglückliche Ehemann dieser anziehenden Niggerlady ist, die Sie eben unterhielten, als ich ankam.«

»Werden Sie doch nicht brutal!« entgegnete der andere finsteren Blickes. »Ich weiß, sie is 'ne Schwarze, aber meine Leute zu Hause werden sich schon an ihre Farbe gewöhnen.«

»Gehen Sie sofort an Bord meines Dampfers und betrachten Sie sich als Gefangener!« befahl Sanders ruhig.

Sanders brachte ihn hinunter zum Gouvernement, ohne sich die Mühe zu nehmen, den Fall O'Sako zu untersuchen. Kein Wort wurde zwischen den beiden über M'Lino gewechselt, bevor sie an der Küste waren.

»Natürlich werde ich Sie nach Hause schicken«, erklärte Sanders.

»Das dachte ich mir«, sagte Penson gleichgültig. Er hatte alle Selbstsicherheit auf der Fahrt flußabwärts verloren und war in der Tat ein sehr niedergeschlagener junger Mann geworden.

»Ich muß wahnsinnig gewesen sein«, gab er am Tage vor seiner Abreise zu. »Vom ersten Augenblicke an habe ich sie geliebt. Gütiger Himmel, was für ein Esel bin ich!«

»Das sind Sie allerdings«, stimmte Sanders bei und munterte ihn beim Abschied etwas auf.

Ich will keine Stationsleiter mehr in Isisi haben, schrieb Sanders bissig ans Gouvernement. Ich finde meine Arbeit unterhaltsam genug ohne das Sondervergnügen, als Erzieher britischer Beamten wirken zu müssen.

Sanders machte eine besondere Reise nach Isisi, um alles wieder ins rechte Gleis zu bringen, und M'Lino kam unaufgefordert zu ihm.

»Herr, ist er auch fort?« fragte sie.

»Wenn ich dich hier haben will, M'Lino, werde ich nach dir schicken.«

»Ich habe ihn lieb gehabt«, sagte sie mit mehr Empfindung, als Sanders einer Schwarzen zugetraut hätte.

»Du verliebst dich sehr leicht.«

Sie nickte.

»Manche Frauen können nicht anders. Wenn ich liebe, liebe ich mit einer schrecklichen Kraft. Wenn ich hasse, hasse ich für immer und immer. Dich, Herr, hasse ich.«

Es kam sehr natürlich heraus.

»Wenn du ein Mann wärst, M'Lino«, sagte der Bezirksamtmann erbittert, »ließe ich dich binden und peitschen.«

»F-f-b!« machte das Mädchen verächtlich und verließ den ihr mit offenem Munde Nachstarrenden.

Um die Situation zu begreifen, muß man sich vergegenwärtigen, daß Sanders unbeschränkter Herr dieses Gebiets war, daß er Herr über Leben und Tod war, und daß keiner es wagte, sein Wort auch nur in Frage zu stellen oder ihm nicht zu gehorchen. Wäre M'Lino, wie Sanders sagte, ein Mann gewesen, sie hätte für ihren Verrat – für ihr Vergehen gibt es kein anderes Wort – büßen müssen. Aber sie war ein Weib, ein wirklich begabtes Weib und sich der Kräfte bewußt, die ihr innewohnten.

Während der drei Tage, die Sanders noch in der Stadt war, sah er sie nicht mehr, auch sprach er nicht mit dem Häuptling über sie, ein sehr auffälliger Umstand.

Er hatte gehört, daß sie O'Sakos Lieblingsweib geworden war, daß sie viele Liebhaber hatte, und daß sie ihren Mann verachtete; aber Sanders gab nichts darum, Neuigkeiten über sie zu erfahren. Einmal sah er sie auf sich zukommen und machte einen Umweg, um ihr nicht zu begegnen. Es war unglaublich schwächlich von ihm, er wußte das wohl, aber er hatte keine Macht, dem Zwang zu widerstehen, diesem Zwang, der über ihn kam, sobald er sie sah, von der er soweit als möglich entfernt zu sein wünschte.

Nach dem Besuch dieses Ortes fuhr Sanders in langsamer Fahrt stromabwärts; er selbst stand am Steuerrad, wobei seine Augen den heimtückischen Fluß nach Untiefen absuchten.

Sein Gehirn war mit dem Rätsel M'Lino beschäftigt, als plötzlich vom Busch her, der den Isisifluß umsäumt, ein Knall ertönte und eiserne Topfscherben durch die Luft flogen. Einer davon traf die Kajüte und zersplitterte eine Türfüllung. Etliche der Scherben fielen ins Wasser; einer fehlte den Kopf des Sergeanten Abiboo und riß ihm den Fez vom Schädel.

Sanders ließ die Maschine rückwärtslaufen, neugierig, zu erfahren, was den Mordsüchtigen veranlaßt hatte, seine Donnerbüchse auf ihn abzufeuern. Abiboo, nunmehr fezlos, patschte zum Bug und nahm den Mantel von der kleinen glänzenden Revolverkanone. Dann sprangen Soldaten ins Wasser und wateten an Land, mit einer Hand die Büchsen über den Kopf haltend, mit der anderen ihre Patronen. Sanders stand an der Reling, ein Lee-Einfield-Jagdgewehr im Arm.

Wer immer den Schuß abgefeuert hatte, er hatte die Mordstelle gut gewählt. Das Dickicht war sehr dicht; der Zugang zum Ufer ging durch grobes Gras, das im Sumpf wuchs. Üppige Vegetation und ein Gewirr von Schlingpflanzen bildete ein Hindernis, das für einen Weißen undurchdringlich gewesen wäre.

Aber die Haußasoldaten fanden den Weg. Sie fanden den Mann mit der rauchenden Gewehrmündung. Er erwartete ruhig ihr Kommen.

Es war ein Mann vom Stamme der Isisis, eines Volkes von Philosophen; er übergab seine Waffe ohne jede Verlegenheit.

Als sie mit ihm die Sandbank hinuntereilten, sagte er zu Abiboo: »Das sieht wie Tod aus!«

»Tod und die Hölle hinterher!« antwortete Abiboo, der den Verlust seines Fezes, der ihm im französischen Gebiet fünf Franken gekostet hatte, nicht verschmerzen konnte.

Sanders stellte sein Gewehr weg, als er den Gefangenen sah. Er hielt eine jeder Förmlichkeit entbehrende Gerichtsverhandlung in der zersplitterten Kajüte ab.

»Hast du auf mich geschossen?«

»Das habe ich, Herr.«

»Warum?«

»Weil du ein Teufel bist und bösen Zauber machst.«

»In welcher besonderen Abteilung des Teufels bin ich denn tätig gewesen?« fragte Sanders.

Der Gefangene starrte ihn an.

»Herr, es ist nicht meine Sache, diese Dinge zu verstehen. Es wurde mir gesagt ›Töte‹, und – ich töte.«

Sanders verschwendete keine Zeit mit vergeblichen Fragen. Der Mann wurde in Eisen gelegt, die Nase des Dampfers stromabwärts gerichtet, und der Bezirksamtmann nahm seinen Ausguck an Deck wieder auf.

Auf halbem Wege zwischen B'Fani und Lakaloli kam er zu einer Haltestelle. Dort gab es abgestorbene Baumstämme für die Feuerung der Maschine, und Sanders befahl seinen Leuten, den Vorrat damit aufzufüllen.

Sanders war ärgerlich; nicht weil der Mann versucht hatte, ihm das Leben zu nehmen, auch nicht deshalb, weil seine schmucke kleine Kabine da ein Haufen Splitter und Glasscherben war, wo der Schuß getroffen hatte, sondern weil er dort Unruhen witterte, wo er alles in Frieden und Eintracht glaubte.

Ihm unterstanden etwa sechzehn verschiedene und unter sich getrennte Stämme, die jeder für sich, abgeschieden vom anderen, durch Sitte und Sprache voneinander getrennt waren. Sie unterschieden sich voneinander, nicht wie der Franzose vom Italiener, sondern wie der Slawe vom Türken verschieden ist.

In der guten alten Zeit, ehe die Engländer kamen, gab es viele Fehden, Stamm gegen Stamm, Volk wider Volk. Da gab es Schlachten, Raubzüge, Mord und Kreuzigungen in Masse. Aber der Brite änderte das alles, es wurde Frieden im Lande.

Sanders wählte sorgfältig eine lange dünne Zigarre aus seiner Kiste, biß die Spitze ab und setzte sie in Brand.

Der Gefangene saß auf dem Stahldeck der »Zaire«, nahe beim Mannschaftsraum. Er war mit einem Fuß an den Holzstapel gefesselt und schien nicht im geringsten niedergeschlagen zu sein, als Sanders sich auf einem Feldstuhl in seiner Nähe niederließ und mit seinem Verhör begann.

»Wie heißt du, Mann?«

»Bosabi aus Isisi.«

»Wer befahl dir, mich zu töten?«

»Herr, ich hab's vergessen.«

»Mann oder Weib?«

»Eins von beiden mag es gewesen sein.«

Mehr konnte Sanders nicht aus ihm herausbekommen, und das darauf folgende Verhör in Isisi führte ebenfalls zu nichts, denn, als der Mann M'Lino gegenübergestellt wurde, sagte der Gefangene, er kenne sie nicht.

Sanders kehrte in etwas aufgeregtem Gemütszustande an seinen Amtssitz zurück. Bosabi, der Isisimann, wurde zu drei Monaten Zwangsarbeit in die Strafkolonie an der Flußmündung geschickt.

So standen die Dinge während dreier Monate, und alles, was Sanders über das Mädchen erfuhr, war, daß sie einen neuen Liebhaber hatte, einen Mann Namens Tebeki, einen Häuptling der Akasavas.

Drei Monate voll Frieden und Eintracht waren vergangen, dann nahm Tebeki, der seines Nachbars Weib begehrte, dreihundert Krieger mit sich ins Isisiland, verbrannte die Ortschaft, wo M'Lino wohnte, kreuzigte ihren Mann und nahm sie mit sich.

Zur Feier dieses Ereignisses gab Tebeki ein großes Fest mit Trinkgelage und Tanz. Fünf Tage lang wurden große und schamlose Orgien gefeiert, und der Waldstreifen, der den Fluß zwischen Isisi und dem Unterlauf umsäumt, verwandelte sich in ein kleines Inferno.

Am Ende dieser fünf Tage setzte sich Tebeki nieder, um seine Lage zu betrachten. Er war gerade im Begriff, eine Rechtfertigung für sein Verbrechen zu erfinden, als Sanders erschien. Aber noch größeres Unheil kündeten das Maximgeschütz und die zehn Haußasoldaten, die den kleinen Mann mit dem braungebrannten Gesicht begleiteten.

Sanders ging zu Tebekis Hütte und rief ihn heraus. Und Tebeki, mit vom Trunk verquollenen Augen und zitternd, trat blinzelnd in die glühende Sonne.

»Tebeki«, fragte Sanders, »was wurde aus O'Sako und seinem Dorf?«

»Herr«, erwiderte Tebeki zögernd, »er hat Schande über mich gebracht.«

»Spar' deine Lügen!« sagte Sanders eisig und gab seinen Soldaten ein Zeichen.

Dann sah er sich nach einem passenden Baum um. Ein großer Kopal-Gummibaum stand hinter der Hütte.

»In einer halben Stunde hänge ich dich«, sagte Sanders, nach seiner Uhr sehend.

Tebeki antwortete nicht; nur seine bloßen Füße gruben sich nervös in den Staub.

Aus der Hütte kam ein großes Mädchen, das die Gruppe mit neugierigem Blick überflog. Dann trat sie vor und legte ihre Hand auf Tebekis Schulter.

»Was willst du mit meinem Mann anfangen? Ich bin M'Lino, O'Sakos Weib.«

Sanders war nicht erschrocken, er zeigte seine Zähne in erbarmungslosem Grinsen und sah sie an.

»Du wirst schon einen anderen Mann finden, M'Lino, so schnell, wie du diesen gefunden hast.« Damit drehte er sich um und gab Anweisung für die Hinrichtung, aber das Weib folgte ihm und legte unerschrocken ihre Hand auf seinen Arm. »Herr«, sagte sie, »wenn irgend jemand geschädigt war durch O'Sakos Tod, war das nicht ich? Sein Weib? – Dennoch sage ich, gib Tebeki frei, denn ich liebe ihn.«

»Geh zum Teufel!« lud Sanders sie höflich ein. »Ich bin deiner wie deiner Liebhaber überdrüssig.«

Er hing Tebeki auf, rasch, nach allen Regeln der Kunst, und der Mann starb sofort, denn Sanders war äußerst gründlich in diesem Geschäft. Dann marschierten er und seine Haußas ab, und der Totengesang des Weibes klang schwächer und schwächer, je tiefer sie in den Urwald kamen.

Sanders lagerte in dieser Nacht auf einem bewaldeten Hügel, von dem aus man die Stromschnellen an der Krümmung des Flusses überblicken konnte. Am Morgen kam seine Ordonnanz, um ihm zu sagen, das Weib O'Sakos wolle ihn sprechen.

Sanders wünschte sie zu allen Teufeln, ließ sie aber doch kommen.

Sie eröffnete ihre Mission ohne viel Vorrede.

»Da ich meinem Mann O'Sako und meinem Liebhaber Tebeki den Tod gebracht habe, hat mein Stamm mich ausgestoßen. Alle sind gegen mich, und wenn ich in diesem Lande bleibe, ist's mein Tod.«

»Nun, und – – –?«

»Deshalb will ich mit dir gehen, bis ich den Sangarfluß erreiche, der in den Kongo mündet. Ich habe einen Bruder dort.«

»Das mag alles sein«, meinte Sanders kühl, »auf der anderen Seite weiß ich auch, daß dein Herz voll Haß ist, weil ich dir zwei Männer genommen und einen dritten gehängt habe. Trotzdem magst du bis zum Sangar mit uns gehen, aber du darfst weder das Essen meiner Leute berühren noch mit ihnen sprechen.«

Sie nickte und ging. Sanders gab Anweisungen, wie sie behandelt werden sollte.

Um Mitternacht kam Abiboo, der Sergeant der Truppe und außerdem Sanders' Diener, zu diesem ins Zelt. Der Bezirksamtmann sprang aus dem Bett und griff instinktiv nach seinem Jagdgewehr.

»Leoparden?« fragte er kurz.

»Herr«, antwortete Abiboo, »dieses Weib, diese M'Lino, ist eine Hexe.«

»Sergeant!« rief Sanders wütend. »Wenn du mich noch einmal mitten in der Nacht mit solchem Geschwätz aufweckst, schlag' ich dir deinen verdammten Schädel entzwei.«

»Mag das sein, wie's will, Herr«, sagte der Sergeant blöde. »Sie ist eine Hexe, denn sie hat zu meinen Leuten gesprochen und viele wunderbare Dinge vollbracht; so hat sie sie ihre Kinder sehen gemacht und ihnen Gegenden gezeigt, die weit von ihnen liegen.«

»Habe ich ein Gefolge von Säuglingen?« fragte Sanders verzweifelt. »Ich wünschte«, fuhr er mit verhaltener Wut fort, »ich hätte Kruleute oder Buschleute mitgenommen« – der Sergeant fuhr zusammen – »oder das verrückte Volk vom Isisifluß, anstatt eine halbe Kompanie von des Königs Haußas.«

Der Sergeant schluckte die Beleidigung hinunter und sagte nichts.

»Bring' mir das Weib her!« befahl Sanders. Er schlüpfte in seine Kleider und zündete die Zeltlaterne an. Nach einer Weile hörte er das Patschen nackter Füße; das Mädchen betrat das Zelt und betrachtete ihn ruhig.

»M'Lino!« redete er sie an. »Ich habe dir doch gesagt, daß du nicht mit meinen Leuten sprechen sollst.«

»Herr«, gab sie zurück, »die haben zuerst mit mir gesprochen.«

»Ist das wahr?«

Der Sergeant am Zelteingang nickte.

»Tembeli, der Sohn Sekambanos, sprach zuerst mit ihr und die anderen nach ihm.«

»Buschmänner, beim Himmel!« schäumte Sanders. »Du wirst Tembeli, den Sohn Sekambanos, an einen Baum binden und ihm zwanzig Hiebe geben.«

Der Sergeant salutierte, zog ein protzig aussehendes kleines Notizbuch mit Goldbeschlägen und goldenen Ecken hervor und machte sich umständlich Notizen.

»Und was dich anbelangt«, wandte sich Sanders an das Weib, »du läßt gefälligst deine verdammte Busch-Hypnotisiererei beiseite, oder ich behandle dich ebenso.«

»Ja, Herr«, antwortete sie demütig und ging.

Zwei Haußas fesselten Tembeli an einen Baum, und der Sergeant gab ihm einundzwanzig mit einer elastischen Flußpferdpeitsche. Der eine überzählige Schlag war des Sergeanten Gebühr.

Am Morgen meldete der Sergeant, Tembeli sei in der Nacht gestorben. Sanders regte sich fürchterlich auf.

»Es sind nicht die Hiebe!« rief er aus. »Tembeli hat die Peitsche doch schon früher erhalten.«

»Es ist das Frauenzimmer!« bemerkte der Sergeant. »Sie ist eine Hexe! Ich habe es vorausgesehen, als sie sich anschloß.«

Man begrub Tembeli, den Sohn des Sekambano, und Sanders schrieb drei Berichte über die näheren Umstände des Todes, aber schließlich zerriß er sie alle drei.

Dann marschierte er weiter.

In dieser Nacht hielt die Kolonne in der Nähe eines Dorfes. Sanders schickte das Weib mit einer Bedeckung zum Häuptling, mit dem Befehl, sie sicher zum Sangarfluß zu bringen. Nach einer halben Stunde kam sie mit der Begleitmannschaft wieder, und Abiboo erklärte: »Der Häuptling will nichts mit ihr zu tun haben; er hat Furcht.«

»Furcht?« sprudelte Sanders wütend heraus. »Wovor fürchtet er sich?«

»Vor ihren Teufeleien«, erklärte der Sergeant. »Die Lokoli, die Sprechtrommel, hat ihm die Geschichte von Tebeki erzählt, deshalb will er sie nicht um sich haben.«

Sanders fluchte fünf Minuten lang fürchterlich, dann suchte er den Häuptling des Dorfes auf. Die Unterhaltung war kurz und sachlich, Sanders kannte diesen Eingeborenen sehr gut und wußte, mit wem er es zu tun hatte.

»Häuptling,« sagte er am Schluß des Palavers, »mir bleiben nur zwei Möglichkeiten; die eine ist, dich für deinen Ungehorsam zu bestrafen, die andere, meinen Weg weiter zu verfolgen.«

»Herr,« antwortete der andere ernst, »und wenn du mein Dorf in Brand steckst, ich behalte M'Lino nicht bei mir.«

»Das sehe ich, und deshalb muß ich sie wohl weiter mitnehmen.«

Bei Tagesanbruch zog er weiter, das Weib dem Zuge immer etwas voraus und unter seiner Beobachtung. Als sie mittags zum Essen kurze Rast machten, kam einer der Polizeisoldaten zu ihm und behauptete, an einem Baume im Busch hinge ein Gehängter.

Sanders ging sofort mit dem Mann zu dem angeblichen Richtplatz, denn er war verantwortlich für den Frieden seines Landes. »Wo?« fragte er, und der Mann deutete auf einen schlanken Gummibaum, der einzeln in einer Lichtung stand.

»Wo?« fragte Sanders von neuem, denn er sah keine Spur eines solchen Dramas.

Noch immer zeigte der Mann auf den Baum; Sanders runzelte die Stirn.

»Geh hin und berühre den Fuß des Gehängten!« befahl der Bezirksamtmann.

Nach einigem Zögern ging der Soldat langsam auf den Baum zu und streckte die Hand aus. Aber soviel Sanders sehen konnte, streckte der Soldat die Hand in die leere Luft.

»Du bist wahnsinnig«, rief Sanders und pfiff dem Sergeanten.

»Was siehst du da?« fragte er diesen, und der Sergeant antwortete sofort:

»Hinter dem Gehängten ...«

»Da ist kein Gehängter!« sagte Sanders kühl – er begann einzusehen, daß man seine ruhige Überlegung behalten müsse. – »Nichts ist da, als ein Baum und sein Schatten.«

Der Soldat machte ein betroffenes Gesicht.

»Herr, da hängt doch ein Mann«, beharrte er.

»Du hast recht,« sagte Sander ruhig. »Wir müssen das untersuchen«, und er winkte den Beteiligten, zum Lager zurückzukehren.

Auf dem Wege dorthin fragte er nachlässig, ob der Sergeant mit M'Lino gesprochen habe.

»Ich habe sie gesehen, aber sie sprach nicht, außer mit ihren Augen.«

Sanders nickte. »Nun erzähle mir, wo habt ihr denn den Tembeli begraben?«

»Herr, wir haben ihn nach unserer Sitte auf der Erde, am Fuße eines Baumes zurückgelassen.«

Sanders nickte verständnisvoll; die Sitte der Haußas war das jedenfalls nicht.

»Wir wollen auf unseren Spuren bis zu dem Lagerplatz zurückgehen, wo das Weib zu uns stieß«, befahl Sanders.

Sie marschierten bis Sonnenuntergang, und während zwei Mann sein kleines Zelt aufschlugen, schlenderte Sanders um das kleine Lager. Die Männer saßen um ihre Kochtöpfe herum, aber M'Lino saß etwas entfernt von ihnen, die Ellbogen auf den Knien und das Gesicht in die Hände vergraben.

»M'Lino«, redete er sie an, indem er plötzlich vor ihr halt machte. »Wieviel Männer hast du getötet?«

Sie sah ihn lange und starr an. Er erwiderte ihren Blick; schließlich ließ sie die Augen sinken. »Viele Männer«, antwortete sie.

»Das denke ich auch«, gab Sanders zurück.

Er aß seine Mahlzeit, als Abiboo langsam auf ihn zukam.

»Herr, der Mann ist gestorben«, berichtete er.

Sanders sah ihn fest an.

»Welcher Mann?«

»Der Mann, den du selbst gepeitscht hast.«

Nun hatte der Bezirksamtmann weder einen Mann gepeitscht noch eine solche Strafe angeordnet, aber er erwiderte in rauhem Wirklichkeitston: »Ich will ihn sehen.«

Am Rande des Lagers stand eine kleine Gruppe um eine am Boden liegende Person. Die Soldaten machten mit finsteren Blicken Platz, als Sanders näher kam; er konnte sie murren hören.

Sanders bemerkte nicht, wie M'Lino den Soldaten Ahmid seltsam ansah, wie dieser sein Gewehr ergriff und sich ins Gebüsch schlich.

Der Bezirksamtmann beugte sich über den Mann, der dalag, fühlte nach dessen Herzen, konnte aber keinen Pulsschlag wahrnehmen.

»Gib mir meine Medizinkiste!« befahl er, aber keiner gehorchte.

»Sergeant,« wiederholte er, »hol' meine Medizinkiste!«

Abiboo salutierte langsam und ging mit allen Zeichen des Widerstrebens.

Er kam mit dem Kästchen zurück; Sanders öffnete es, nahm die Salmiakflasche heraus und hielt sie unter des Mannes Nase. Der Mann gab kein Zeichen von sich.

»Das wollen wir doch sehen!« war alles, was Sanders bemerkte, als der Versuch fehlschlug. Danach nahm er eine Pravaczsche Spritze, füllte sie mit Strychnin und spritzte die Flüssigkeit ohne viel Umstände in des Mannes Rücken.

Innerhalb einer Minute setzte sich der Leichnam mit einem plötzlichen Ruck aufrecht.

»Ha!« sagte Sanders befriedigt, »augenscheinlich bin ich ein großer Zauberer!«

Er stand auf, bürstete sich die Knie ab und winkte dem Sergeanten.

»Nimm vier Mann und geh dorthin, wo ihr den Tembeli zurückgelassen habt. Wenn ihn die Leoparden nicht weggeholt haben, werdet ihr ihn auf dem Wege treffen, denn um diese Zeit wird er wohl aufgewacht sein.«

Er sah die Leute abmarschieren und wandte sich an M'Lino.

»Meine Liebe, es ist mir klar, daß du eine Hexe bist, obwohl ich deinesgleichen schon früher getroffen habe« – Sanders Gesicht war sehr bleich – »ich kann dich nicht peitschen, denn du bist ein Weib, aber töten kann ich dich.«

Sie lachte. Seine und ihre Augen trafen sich im Kampf um die Herrschaft, und so hafteten sich ihre Blicke ineinander für einen Zeitraum, der Sanders tausend Jahre zu sein schien, der aber aller Wahrscheinlichkeit nach weniger als eine Minute dauerte.

»Es wäre besser, du brächtest dich selber um!« antwortete sie.

»Das denke ich auch«, murmelte Sanders dumpf und tastete nach seinem Revolver; er hatte ihn halb herausgezogen, den Daumen am Drücker, als ein Gewehrschuß vom Busch her knallte und das Weib wortlos im Feuer zusammenbrach.

Ahmid, der Polizeisoldat, war von jeher ein schlechter Schütze.

*

»Ich glaube,« sagte Sanders später zu diesem, »du hast, mich erschießen wollen; aber da du unter dem Bann M'Lanos standest, will ich keinen Bericht gegen dich aufsetzen.«

»Herr«, antwortete der Soldat offenherzig, »ich weiß von allem nichts.«

»Das will ich dir gerne glauben«, sagte Sanders und gab Befehl zum Abmarsch.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.