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's Almstummerl

Maximilian Schmidt: 's Almstummerl - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke Band 6
authorMaximilian Schmidt
yearca. 1900
publisherH. Haessel Verlag
addressLeipzig
title's Almstummerl
pages102
created20120119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.

Burgl eilte den Ankommenden entgegen und führte sie zu dem Tische hin, wo Mirdei und Franzl saßen und für Speise und Trank schon wieder ausreichend gesorgt war. Dieser Anblick zauberte auch auf Frau Ursulas Angesicht wieder ein freundliches Lächeln und Herr Servazius lächelte glückselig mit. War es der Schreiberin anfangs auch unangenehm, den jungen Tegernseer wieder an Burgls Seite zu finden, so beruhigte sie die Bestätigung, daß der Bursche ein guter Bekannter Mirdeis sei und sich diese mit ihm durch Zeichen aufs beste unterhielt.

Nur zu bald war es für Servazius Abend geworden, noch eher aber für das junge Liebespaar. Doch sollte die Trennung etwas hinausgeschoben werden, indem Franzls Anerbieten, die Gesellschaft eine Strecke zu geleiten, auf Mirdeis Beipflichten angenommen wurde; dieses hauptsächlich darum, weil der bereits ziemlich illuminierte Finanzwächter sich neuerdings an Burgl herandrängte und ihr zum Nachhausegeleite seinen langen Arm anbot, was das Dirndl lachend, aber entschieden ablehnte.

Taumelnd und mit einem Fluche auf Franzl zog er sich zurück. Mirdei aber drängte zum Aufbruch, da sie 221 noch heute mit Burgls Erziehungsmutter alles ordnen und morgen mit Sonnenaufgang wieder auf ihre Alm zurückkehren wollte. Es war auch hohe Zeit, daß der Heimweg angetreten wurde. Die Sonne war im Untergehen begriffen, die Spitzen des Sonnwend- und Schönfeldjoches glühten in rötlichweißem Lichte, über den dunkelgrünen Forsten lag ein violetter Duft. Von allen Seiten hörte man noch das frohe Jauchzen und Jodeln der heimkehrenden Kirchweihgäste. Die Sennerinnen stiegen nach einem froh verlebten Tage wieder vergnügt zu ihrer Alm und die beglückten Burschen sandten ihnen weithin hallende Juhus nach, welche unter vielfachem Echo frohe Erwiderung fanden.

Franzl und Burgl folgten meist Hand in Hand und in süßem Geplauder dem mit Mirdei voranschreitenden Schreibersehepaar. Mit den zärtlichsten Worten hatten sie sich wieder und immer wieder gegenseitig ihre Liebe versichert. Franzl versprach, das Dirndl, sobald es bei Mirdei sei, recht oft zu besuchen und sie dann alsbald als seine Bäuerin auf den oberen Raueckerhof zu führen. Wie lieb und herrlich klang dies alles für die arme Burgl! Sie glaubte, dieses große, unverhoffte Glück hätte gar nicht Raum in ihrem so bescheidenen Herzen, es kam ihr oft vor, als wäre alles nur ein schöner Traum. Aber nein, sie wachte, denn schon fühlte sie den ersten bittern Wermutstropfen in dem krystallhellen Quell ihres ersten Liebesglückes, das nur in Träumen völlig ungetrübt, in Wirklichkeit aber dem Schicksale der Unvollkommenheit alles irdischen Glückes unterworfen ist. Diese erste Bitterkeit war die Trennung von dem Geliebten, die nur allzubald herangenaht war. Als Burgl beim Abschiede die großen dunklen Augen zu ihm aufschlug, sprühte darin ein eigentümliches Feuer, 222 verursacht durch den Widerschein der glühenden Felsenberge, noch mehr aber durch die heilige Flamme der ersten jungfräulichen Liebe.

Lange hörte sie noch seinen hellen, grüßenden Juhschrei. Plötzlich aber war es, als ob dieser Juhschrei gewaltsam abgerissen würde und auf weitere Rufe erfolgte keine Antwort mehr. Tiefe Stille herrschte in dem großen, prächtigen Reviere der Valepp. Eine unerklärliche Angst bemächtigte sich Burgls. Wie eine trübe Ahnung stieg es in ihrer Seele auf und Thränen perlten aus ihren großen Augen, gerade als fühlte sie das unerwartete Verhängnis, welches in diesem Augenblicke über dem Haupte des geliebten Freundes schwebte.

* * *

Wir müssen nun den in der Kaiserklause verlassenen Schönecker Bartl wieder aufsuchen. Als dieser nämlich den ihm teils mißgönnten, teils freundlich zugestandenen Platz an dem Tische unserer Bekannten verließ, erging es ihm, wie dem Schreibersehepaar. Die Nachmittagshitze und der Genuß der Getränke machte auch ihn träge und auf dem Wege nach der Erzherzog Johann-Klause, dort wo der Marchbach sich mit der Valepp vereinigt, und der Weg am linken Ufer hoch über dieser und über den Marchgraben führt, suchte er sich ein kühles Plätzchen, um auszuruhen von den heutigen verschiedenartigen Eindrücken auf Körper und Gemüt.

Man würde übrigens irren, wollte man glauben, daß letztere auf das Wiedersehen Mirdeis noch nachhaltig Bezug hatten, denn so sehr ihn dieses Zusammentreffen auch im ersten Augenblick verblüffte, fast rührte, so war sein 223 Herz doch zu verhärtet, als daß es einer nachhaltigen Regung fähig gewesen wäre. Vielmehr griff in demselben jetzt der Groll Platz über den verhaßten Finanzwächter, der ihn in Gegenwart des hübschen Mädchens so schlecht behandelt hatte. Dieses Mädchen stand lebhaft vor seinem Geiste. Er hätte für die freundlichen Worte, mit denen sie sich seiner angenommen, gerne mit ihr die Silberstückeln geteilt, welche er in der Tasche trug. Gerade um dieses Mädchens willen konnte er die Beleidigung des Finanzwächters nicht vergessen.

Er hoffte, der Zufall würde ihm günstig sein, sich an ihm auf irgend eine Weise zu rächen. Er kannte ihn wohl. Der Finanzwächter hatte früher einen anderen Posten und dort war er öfter mit ihm in Kollision gekommen; er wußte auch, daß der Mann des Gesetzes regelmäßig mit einem Rausche nach Hause ging und da hoffte er schon an ihn zu kommen.

Er mußte lange warten, bis die ersten Kirchweihgäste vom Almentanz nach Hause gingen und erst recht lange, bis die letzten an ihm vorüberkamen. Wohl hatte er die zurückkehrenden Schreiberseheleute erkannt, mit denen auch Mirdei ging, aber sein Blick suchte nur das junge Dirndl und haftete dann so ausschließlich an demselben, daß er das Almstummerl gar nicht bemerkte. Er konnte nicht begreifen, warum ihm die Züge des Mädchens so bekannt waren. Das ahnte er nicht, daß es seine eigenen Züge waren, die ihn in Burgls Gesicht so auffallend ansprachen.

Wohl gedachte er auf einen Moment seiner Tochter, um die er sich niemals gekümmert, die er gar nicht kannte, aber diese Gedanken beschworen unangenehme Gewissensbisse und er brachte sie zum Schweigen.

224 Schon hatten die Berge verglüht und dunkle Schatten breiteten sich darüber, als der erwartete Finanzwächter endlich in der Dämmerung sichtbar wurde. Bartl hatte sich mit einem tüchtigen Knittelstock versehen und trat beim Marchgraben auf den Weg heraus, welchen der Erwartete mit wackeligen Schritten passierte.

Dieser war des Paschers kaum ansichtig, als er seinen Säbel zog und rief: »Lumpenkerl, du bist arretiert, du bist mir einmal durch im Landl drüben, dafür mußt du büßen! Steh oder du bist des Todes!«

Bartl blieb stehen.

»Rühr mi nit an, wenn koa' Unglück g'schehgn soll,« sagte er, aber ehe er sich's versah, verspürte er schon die Klinge des Grenzwächters über seinem Oberarm. Jetzt aber hob Bartl seinen Knittelstock zum Hiebe aus und schlug den Gegner gerade in das Gesicht, so stark, daß ihm das Blut aus Mund und Nase hervorquoll und er der Länge nach zu Boden stürzte. Bartl warf den Knüttel hin und suchte das Weite. –

Franz war auf dem Rückwege begriffen und kam bald darauf unter Juchzen an die Stelle, wo der Finanzwächter in seinem Blute lag. Mitten in dem begonnenen Jauchzen hielt er ein und neigte sich erschrocken zu dem Verunglückten nieder. Er erkannte alsbald, daß derselbe nicht tot, aber während er noch mit sich beratschlagte, was zu thun sei, kamen zwei Kameraden des Niedergeschlagenen, welche ebenfalls vom Almakirta heimkehrten, zur Stelle.

Sie sahen ihren Kameraden im Blute und erkannten den Tegernseeer sogleich wieder als denjenigen, welcher jenen heute beim Schuhplatteln zur Erde gesetzt, und trotz Franzens Versicherung, daß er den Verwundeten soeben 225 gefunden und ihm Hilfe bringen wollte, ward er von den Wächtern als Thäter angesehen und für arretiert erklärt.

Diese plötzliche Veränderung seiner Lage konnte Franz nicht gleich fassen; vor wenigen Augenblicken war er noch der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden und jetzt ein Gefangener!

Er schüttelte den zu Boden Liegenden, damit er zu sich komme und seine Unschuld bezeuge. In der That schlug der Verwundete die Augen auf.

»Nicht wahr, der war's, der dich niederg'schlagen hat?« fragte ihn einer seiner Kameraden.

Der Gefragte sah jetzt in das Gesicht des Raueckers, des Burschen, der ihn heute auf dem Tanzplatze so beschämt, des glücklichen Nebenbuhlers, den er haßte, und ohne sich lange zu besinnen, vielleicht auch in seinem halb bewußtlosen Zustande, sagte er: »Ja, der is's – der Bayernsack!«

Kaum waren diese Worte gesprochen, fühlte sich Franzl von den Grenzwächtern gepackt, aber im Nu schleuderte er den einen rechts, den andern links von sich.

»Rühr' mi koaner an, oder i werf enk alle zwoa awi in d' Valepp,« rief er. »Der Lump da hat g'log'n, er hat ja an' Rausch, dessel kennt's do'. I hon mit eam nix mehr z'thoa g'habt, sita dem Schuahplattler. Bei Gott, ös därft's mir's glaabn!«

Die Grenzwächter glaubten ihm aber nicht. Sie hatten ihre Seitengewehre gezogen und erklärten dem Burschen, sie würden ihn zusammenhauen, wenn er nicht sofort gutwillig mit ihnen ginge.

Franz überlegte eben, wie er sich dieser Lage am besten durch die Flucht entziehen könne, da nahten zwei östreichische Gendarmen mit Schießgewehren bewaffnet, 226 welche des Almentanzes wegen an der Grenze zu patrouillieren hatten. Angesichts dieser mußte Franz auf jeden Fluchtversuch verzichten, da sie mit gespanntem Gewehre mit ihm sprachen.

»I geh mit,« sagte er, der Gewalt nachgebend, »morg'n werd's es hör'n, daß i unschuldi bin, wenn der Verwund'te seinen Rausch ausg'schlafen hat.«

So ward er auf demselben Wege, den er vor kaum einer halben Stunde so glücklich zurückgelegt, als Gefangener transportiert. Das Herz pochte ihm, als er durch das Dörfchen kam, wo er von Burgl Abschied genommen. Das Haus, in welchem sie wohnte, lag an der Straße. Er sah Licht in der Stube, sah Burgl nachdenkend, den Kopf auf die Hand gestützt, am offenen Fenster. Als die Eskorte ganz nahe war, blickte das Mädchen erschrocken auf.

»Burgl,« rief ihr der Gefangene zu, »brauchst di nit z' kümmern; i bin unschuldi arretiert. Bal kimm i z'ruck. Pfüat di Gott, liabs Dirndl!«

»Franzl!« schrie das Dirndl, »um Gotts willn, was is gschehgn?«

»'n Grenzwachta hat er daschlag'n,« sagte ein die Eskorte begleitender Bursche.

Burgl verschwand vom Fenster – drinnen in der Stube waren Mirdei und die Erziehungsmutter um die ohnmächtig zu Boden Gesunkene beschäftigt. Servazius aber war der Eskorte nachgeeilt und erfuhr das Nähere über das dem Franzl zur Last gelegte Verbrechen.

Burgls Jammer, welchen auch das stumme Mirdei lebhaft teilte, war grenzenlos. Ach, ihr Glück war gar so kurz!

Franz ward bis Brandenberg eskortiert und mußte 227 dort im Gefängnisse die Nacht verbringen; andern Tages brachte man ihn nach Rattenberg.

Der boshafte Finanzwächter, welcher des andern Tages in der Sache vernommen wurde, blieb um so mehr bei der gestern gemachten Aussage, daß er von dem Bauernburschen niedergeschlagen worden sei, als ihn Burgl weinend und auf den Knieen gebeten hatte, seine Aussage zurückzunehmen. So konnte er sich an dem Dirndl, das ihn verschmähte, und an seinem Nebenbuhler rächen. Seine Wunde war nicht allzu gefährlich und voraussichtlich binnen wenigen Wochen geheilt.

So mußte der arme Franzl sich einer langwierigen Untersuchungshaft unterziehen.

Burgl war fest von seiner Unschuld überzeugt und behauptete stets, daß der Thäter niemand anderes sein könne, als der zerlumpte, bärtige Mann, welcher beim Almakirta in der Kaiserklause mit ihnen am gleichen Tische Platz genommen hatte und dem der Finanzwächter so rücksichtslos begegnet war. Nach der Beschreibung dieses Mannes war es der Stummen alsbald klar, daß Burgl von ihrem eigenen Vater spreche, welcher am gleichen Tage ja auch auf ihrer Sennhütte gewesen, aber sie hütete sich wohl, ihr dies mitzuteilen. Sie hatte jedoch mehreren Personen den Auftrag gegeben, sich nach dem Schönecker Bartl umzusehen, aber niemand konnte ihr Auskunft über ihn geben.

* * *

Burgl ging mit Mirdei erst auf die Elendalm und nach dem Abtriebe von derselben auf den Raueckerhof zurück, welcher sich auf dem Ausläufer eines am westlichen Ufer des Tegernsees ansteigenden Berges befindet.

228 Mirdei war glücklich, nunmehr jemanden um sich zu haben, der ihr nahe stand, und sie gewann das hübsche Mädchen von Tag zu Tag lieber. Burgl arbeitete vom frühen Morgen bis zum späten Abend und wäre nicht die Sorge um Franzl gewesen, sie hätte sich in ihrem Leben noch nie so glücklich gefühlt. Aber die Sorge um den Geliebten beschäftigte sie Tag und Nacht. Sie hatte zwar nur wenige Stunden mit ihm verlebt, aber es war ihr, als hätte sie ihn schon viele Jahre gekannt, und ein Briefchen, welches er ihr aus dem Gefängnisse geschickt und in welchem er sie um Liebe und Treue bat und sie der seinigen versicherte, war ihr das Liebste, was sie auf der Welt besaß.

Noch jemandem hatte Franz aus seiner Haft seine Liebe zu Burgl mitgeteilt, nämlich seinem Vater, dem obern Rauecker, der aber hievon durchaus nicht erbaut war. Auf der ersten Seite des Briefes bat Franz seinen Vater, für ihn eine nicht unbeträchtliche Summe als Kaution beim östreichischen Gerichte hinterlegen zu wollen, damit er auf freiem Fuße prozessiert werde und nach Hause zurückkehren könne, bis über ihn verhandelt würde. Der Ober-Rauecker, ein tüchtiger und stolzer Bauer, welcher wegen der Gefangenschaft und des ungewissen Ausganges des Prozesses seines einzigen Sohnes in großer Kümmernis war und nichts sehnlicher wünschte, als die Rückkehr desselben, beeilte sich, die geforderte Summe teils in barem Gelde, teils in bayerischen Staatspapieren zusammenzurichten und sich ohne Verzug zur Reise nach Rattenberg aufzumachen.

Da nahm er nochmals den Brief seines Sohnes zur Hand und er sah, daß auf der Rückseite desselben ein bis jetzt von ihm unbeachtetes Postskriptum folgenden Inhaltes stand: 229

            »Lieba Vata!

Ich thue dir auch zu wissen, daß ich die Godl von der untern Raueckerin, die Burgl, als meine zukünftige Bäurin ausersehen habe. Eine schönere und bravere Schwiegertochter kannst du dir nicht wünschen. Laß mit dem Mirdei den Verdruß ausgehn, sie ist ein gar braves Leut und die Burgl gilt bei ihr alles. Wenn's auch arm ist, so kriegt's doch von ihrer Godl eine Aussteuer und wenn's auch nix krieget, so ein richtiges Dirndl macht ein' mit ihrer Lieb schon allein reich genug. Drum mach nur, daß ich bald nach heim komm und schick das Geld zur Kaution oder bring es selbst.

Franzl.«            

Der alte Rauecker hatte diese Nachricht mit lauter Stimme gelesen. Sein Erstaunen wuchs von Zeile zu Zeile. Jetzt aber legte er den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche. Das Geldpaket aber nahm er wieder vom Tische weg und versperrte es in seiner Truhe. Dabei rief er unwirsch. »I werd mach'n, daß d' nit so bal hoam kimmst; i stell koa' Kaution und sollt da ganz Winta drüber vogehn – besser, er is ei'gsperrt, als daß er mir solche Dummheiten dahoamt macht! Dös Sakraments Stummerl hat allemal d' Händ im Spiel, wenns a Unglück giebt in mein' Hof! Aba da wird nix draus, daß i a solch landfremds Dirndl als Schwiegertochter annehmet. Liawa bleibt mir der verliabt Bua Jahr und Tag ei'gsperrt, nacha vogenga ihm dengerst dö Faxen!«

Die Kaution wurde also nicht erlegt und folglich blieb Franz gefangen. Der alte Rauecker machte, wenn ihn der Weg am untern Raueckerhof vorüber führte, einen noch weitern Umweg, als dies gewöhnlich schon der Fall war, 230 denn er wollte weder Mirdei, noch weniger aber der Burgl begegnen. Nur in der Kirche blinzelte er verstohlen nach dem Stuhle der unteren Raueckerin, und wenn er die Burgl so andächtig beten sah, dachte er sich: »Die bet' zu unserm Herrgott, daß der Franzl frei wird, aber so lang i die Kaution nit stell, nutzt alles nixi. Sauba is's, dessel is wahr, brav mag's aa sei', aba wie da Franzl schreib'n kann, daß oan dös Dirndl mit ihra Liab alloa' scho' reich machen kann, dazu reicht mei' Verstehstmi nit aus!«

So geschah also von seiner Seite auch nicht die von Franzl gewünschte Annäherung an Mirdei, Franz kam nicht zurück und Burgl blieb allein mit ihrer Sehnsucht und ihrem Kummer. –

Wenn die schönen Tegernseer Berge im Spätherbste sich mit dem ganzen Zauber ihres Farbenreichtums schmückten und die untergehende Sonne das prächtige Grün des Bergsees in flüssiges Gold verwandelte, dann stand Burgl wohl oft auf der »Laabn« des Raueckerhofes und blickte sinnend hinauf zu den lichten Bergriesen und hinab zu den flutenden Wassern, bis der letzte Glanz verlosch und die Schatten sich ausbreiteten über Berg und See. Sie sah in diesem Spiel der herrlichen Natur ihr eigenes Geschick. Auf das kurze, lichte Glück folgten die dunklen Schatten. Aber sie verzagte nicht.

Wenn von der ehemaligen Benediktiner-Abtei zu Tegernsee herauf die Glocken zum Ave Maria ertönten, da faltete sie mit Andacht die Hände und die Trübsal ihres Herzens wich und machte der Hoffnung Platz, daß Franzls Unschuld doch noch an den Tag kommen und er bald wiederkehren werde, um sich nie mehr von ihr zu trennen. Und dann betete sie noch für jemanden, der ihrem Herzen teuer war, für ihren Vater.

231 Burgl wußte bis jetzt von ihrem Vater nur, daß er sich in der Welt herumtreibe und sich nicht um sie kümmere. Er war für sie soviel wie tot und betete sie auch täglich für sein Wohl, so war dies eine aus der Kindheit herübergenommene Formel. Doch seit ihrer Anwesenheit auf dem Raueckerhof trat der Gedanke an ihren unglücklichen Vater wieder mehr in den Vordergrund. Mirdei war es, welche dieses veranlaßte.

Auf ihrer Schiefertafel teilte sie dem Mädchen mit, daß ihr Vater am Bartholomäustage auf der Elendalm gewesen, daß sie Boten ausgeschickt habe, ihn suchen zu lassen und daß sie sich seiner annehmen wolle, wenn er gefunden. Seit Burgl das wußte, hoffte sie natürlich von Tag zu Tag auf Nachricht, wo nicht auf die Ankunft des Vaters, und so teilte sie ihre Gedanken zwischen diesem und dem Geliebten, zwischen ihren Wünschen und Hoffnungen.

Freilich schwand ihre Hoffnung wieder mit dem abnehmenden Tage, und je dichter die Nebel sich über den schönen Tegernsee ausbreiteten und die Berge verdeckten, je weniger die Sonnenstrahlen die graue Schichte durchbrechen konnten, desto düsterer ward es auch in ihrem Gemüte. Als endlich die weiße Schneedecke immer tiefer ins Thal herabwuchs und der Schneefall den kürzesten Verbindungsweg nach Tirol, die Valepp, unpassierbar machte, da war ihr das Herz schon recht schwer und heiße Thränen flossen oft über die sonst so frischen jugendlichen Wangen. Dann war es die stumme Godl, welche sie wieder aufzurichten suchte, indem sie zum Himmel deutete und die Worte auf die Tafel schrieb: »Hoffe und vertraue!« 232


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