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's Almstummerl

Maximilian Schmidt: 's Almstummerl - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke Band 6
authorMaximilian Schmidt
yearca. 1900
publisherH. Haessel Verlag
addressLeipzig
title's Almstummerl
pages102
created20120119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.

Beim Almentanz in der Kaiserklause hatte die Lustbarkeit ihren Höhepunkt erreicht. Hier ertönte schmetternde Musik und auf dem im Freien errichteten Tanzboden drehten sich lustig die munteren Paare beim Schuhplattler. Es liegt eine starke Sinnlichkeit in diesem Tanze, aber diese Sinnlichkeit ist eine schöne und wo sie nicht in das Gebiet des Schönen reicht, da ist sie wenigstens gesund, denn ihr Boden ist die Kraft und ihr Ziel die Grazie. Der Tanz beginnt sachte. Plötzlich lösen sich die Paare, die Dirndln winden sich mit Leichtigkeit unter dem erhobenen Arm des Tänzers hindurch und dieser Moment des Lösens ist ganz reizend. Dann drehen sich die Dirndln sittsam im Kreise, während die Burschen in die Mitte des Tanzplatzes springen, hier einen Kreis bilden und nun genau nach dem Takt der Musik mit den flachen Händen auf Schenkel und Sohlen ihrer mit Hakennägeln beschlagenen Schuhe patschen. Die Musik wird wieder sanfter, pfeifend springt der Bursche seinem Dirndl nach, das, im Kreise sich drehend, gewissermaßen vor ihm flieht; er duckt sich vor ihr auf die Erde, er springt bis zur Decke, bis er das Dirndl endlich »g'fangt« hat, ganz ähnlich der Spielhahnbalz auf den Bergen. Auch dort kreist 186 der Spielhahn um die flatternde Henne, er springt heran und flieht zurück, er schnackelt und gruglt, zischt und überschlägt sich mit tollen Sprüngen, kurz – er tanzt.

Wenn der Tanz zu Ende, führt der Bursche sein Dirndl an seinen Tisch und sie muß aus seinem Maßkruge oder Weinglase trinken. Bayern und Tiroler tanzen hier in Eintracht miteinander.

Die Tirolerinnen mit ihren niederen, breitkrempigen schwarzen Hüten, dem geblümten seidenen Brusttuche, hellfarbigem Spenser und Rock nebst seidenem Fürtuch, sind in der Regel schmucke Dirndln, doch erregte eine unter ihnen heute ganz besonderes Interesse. Niemand kannte sie. Sie trug die Tracht der Zillerthalerinnen. Auf den schönen dunklen Zöpfen saß der grüne Spitzhut mit den sich auf die vordere Krempe legenden goldenen Quasten; das schwarze Mieder, in welches ein weißseidenes Brusttuch gesteckt war, ein grüner, mit mehreren Reihen schwarzer Borten verzierter Rock und eine weiße gestickte Schürze bildeten den kleidsamen Anzug. Ihrem herrlichen Wuchse und den schönen Formen entsprach auch das runde Gesicht mit den großen, dunklen Augen, das hübsche Stumpfnäschen und die schönen roten Lippen ihres lieblich geformten Mundes. Das Dirndl war heute zum erstenmale beim Almentanz und selbst ihren Landsleuten war sie unbekannt.

So sehr diese Fremde durch ihre Schönheit auffiel, so komisch wirkte der Anblick ihrer Begleitung, ein langer, hagerer Mann und eine kleine, dicke Frau. Nach der Dienstmütze zu schließen, welche ersterer trug, mußte er ein öffentliches Amt bekleiden. Außer dem östreichischen Käppi trug er eine hechtgraue Joppe und eine lange Tuchhose. Die in abgenützter Messingumfassung sich befindenden 187 großen Augengläser saßen verwegen auf seiner Adlernase und hatten jedenfalls nur die Bestimmung, dem hageren Manne mit dem kahlen Kopfe etwas Autorität zu verschaffen. Er strich beständig sein glattrasiertes Kinn, als wolle er es noch spitziger machen und lächelte ohne Unterlaß, so daß sein nur mit wenigen Zahnruinen versehener Mund fortwährend offen stand, falls er denselben nicht zur Verzehrung der ihm von dem Mädchen vorgesetzten Speisen nötig hatte. Der Mann war Deklarationsschreiber in dem nahen östreichischen Grenzdorfe, d. h. er schrieb den Leuten, welche zollbare Waren über die Grenze fuhren oder trugen, die nötige Deklaration, wozu er von dem betreffenden Zollamte die Genehmigung hatte. Eine dienstliche Stellung war dieses nicht.

Was er an Korpulenz zu wenig, das hatte seine gewichtige Ehehälfte zu viel. Das kam wohl hauptsächlich daher, weil er für sie sorgte und arbeitete und sie für ihn aß und trank. Sie führte die kleine Kasse und wußte den Aufwand, welchen sie zu ihren Gunsten machte, damit zu beschönigen, daß sie Trank und Speise als Medizin betrachtet wissen wollte, durch die ihre erregten Nerven Beschwichtigung fanden. Sie heuchelte oft das Nahen einer Ohnmacht und kam der geängstigte Mann mit frischem Wasser, ihr holdes, dickes Angesicht damit zu bespritzen, so rief sie: »Wein! – Bier! – Fleisch! – die Krankheit liegt im Magen!« Die Magennerven mußten also beruhigt werden und dann aß und trank sie, und der arme Schreiber sah ihr wehmütig zu, wenn für ihn auch nicht ein Tropfen, ein Bissen übrig blieb; doch der gutmütige Mensch tröstete sich schon, wenn er seine teure Ehehälfte nur wieder ruhig atmen und außer Gefahr sah. Aber 188 trotzdem hätte sie sich keiner solchen Wohlgestalt erfreuen können, wären ihr außer der Kasse nicht noch andere Hilfsquellen geflossen. Da war in der Nähe ihres Heimatortes ein Kloster und der Frater Koch ein »langmächtiger« Vetter von ihr. Die Frau Base besorgte ihm oft billige Einkäufe, besonders Geflügel, und der Frater war so artig, der Base nicht die schlechtesten Schnitzeln zukommen zu lassen. Und sie war gerade nicht auf Geflügel passioniert, wenn die »Abfälle« nur recht gut und reichlich waren, und dafür sorgte der gute Frater schon in seinem regen Triebe für Nächsten- und Verwandtenliebe. Sie nannte sich Ursula, und jedesmal kam es zum Streite, wenn sie ihr Gatte gemeinhin »Urschl« anrief. Letzterer hieß Servazius. Es war bereits Ursulas zweiter Mann; der erste war gleichfalls Deklarationsschreiber gewesen und hatte Pankratius geheißen. Die Leute sagten sich im Vertrauen, Herr Pankratius sei ein guter dummer Mensch gewesen, der niemals einen Rausch gehabt, denn auch für ihn trank und aß die sorgende Gattin, welche die Leute »einen Drachen« nannten, die aufeinander folgenden Gatten aber »holde Ursula« titulieren mußten. Pankratius starb, Ursula trauerte ein volles Jahr, während dessen der alte Junggeselle Servazius bei der Schreiberswitwe »in Verwesung« überging, wie er sich gewöhnlich ausdrückte, bis er das Glück hatte, mit der Witwe auch den Posten zu erhalten und derselben sonach Hand und Amt verdankte. Aus überschwenglicher Dankbarkeit nannte er sie »holde Ursula,« hungerte und durstete, und nachdem der erste Glücksrausch verraucht, war es der Zwang, den die dicke Gattin auf ihn ausübte, der ihn ohne Murren dulden und hungern ließ.

189 Heute aber hatten sich die Verhältnisse für den Ärmsten in günstigster Weise geändert. Ganz unvermutet war er in die Kaiserklause zum Almentanz gekommen, noch dazu mit einem ganz prächtigen Dirndl, das nicht nur frische Augen im Kopfe, sondern auch einige Guldenstückeln in der Tasche hatte und sich eine Freude daraus machte, dem Servazius extra eine Flasche »Tiroler« und ein gutes Essen vorsetzen zu lassen. Die nebenansitzende Gattin, deren Hauptschmuck in einem auffallend hohen Kamme bestand, der ihre wenigen farblosen, nach rückwärts gekämmten Haare zusammenhielt, wollte dies scheinbar nicht dulden, genehmigte es aber später durch Selbstbeteiligung. Aber auch von anderer Seite kamen ihm Beiträge zu seinem leiblichen Wohle. Ein junger Bauernbursche aus der Tegernseergegend, der Rauecker Franzl, saß neben ihm und dem hübschen Dirndl und lud beide fortwährend ein, von seinem Weine zu trinken, welcher Einladung Servazius gern Folge leistete. Diesen gegenüber hatte ein östreichischer Finanzwächter Platz genommen, der mit Vorliebe an seinem mit schwarzer, ungarischer Bartwichse geschmierten, rötlichen Schnurrbart drehte und nach dem schönen Gegenüber schmachtete, dabei mit lautem: »Auf verehrtes Wohlsein!« ein Glas voll nach dem andern hinunterstürzte und schon sehr durchgeistigt aussah.

Jetzt begann wieder ein Tanz und der junge Tegernseer in seiner flotten Gebirgstracht und den silbernen Knöpfen an der Weste, forderte das Dirndl zum Schuhplattler auf.

»Is 's dalaubt, mit deiner Tochter z' tanzen?« fragte er Servazius.

»Wenn Burgl nix dageg'n hat, g'fälliger Verlaub,« 190 entgegnete Servazius, die spärlichen Haare seines Hinterkopfes nach vorne streichend.

»No, Dirndl, was sagst du?« fragte der Bursche, dem neben ihm sitzenden Mädchen frisch in die dunklen Augen blickend.

»Es g'freut mi – alle guate Dinge san drei,« antwortete Burgl und unter einem freudigen »Juhu!« führte sie der Bursche zum Tanze.

Es war nicht der erste Tanz, den die beiden miteinander tanzten, sondern laut Burgls Antwort schon der dritte, und Burgls freudiger Blick verkündete, daß ihr dieser Tänzer der liebste von allen sei. Sie zog ihn jedem ihrer Landsleute und besonders dem koketten Finanzwächter vor, der sich einbildete, als ein Bekannter des Deklarationsschreibers und weil zum gleichen Amte gehörig, ein Recht zu haben, das Mädchen mit zudringlichen Worten und Blicken zu belästigen. Der Mann war über die Jünglingsjahre weit hinaus. Er war von sehr langer Gestalt und kahlköpfig, und that sehr gebildet. Seine Bildung wollte er hauptsächlich durch die Sprache bekunden, brachte aber dadurch einen abscheulichen Mischmasch von Hochdeutsch und Dialekt zu Tage.

»Frau Deklarationsschreiber,« begann er jetzt, nachdem er so lange als möglich das forteilende Paar mit seinen großen, blaßblauen, verschwommenen Augen verfolgt, »der Bauernlümmel hat genannt das Madl Ihrige Tochter – da können's stolz sein auf so herrliches Kind, Frau Schreiberin.«

»Na,' na', das könnte ich nicht sag'n,« entgegnete die dicke Frau. »Is mir viel lieber so. Herrje, was thät ich mit einer großen und saubern Tochter jetzt bei der 191 sündhaften Zeit; hat man doch genug über sich selbst zu wachen und über seinen Nächsten, daß er nicht angesteckt wird von der sündhaften Genußsucht, dem verderblichsten Laster für Leib und Seele!« Dabei ergriff sie das volle Glas ihres Mannes und trank es mit einem Zuge und einem Seufzer aus.

Der Gatte war ganz verblüfft über diese unerwartete Expedition seines soeben eingeschenkten letzten Glases Wein. Die Schreiberin aber fuhr fort, dem schnurrbartdrehenden Finanzwächter Auskunft über das junge Mädchen zu geben. Sie erzählte ihm, daß das junge Mädchen aus dem Zillerthale komme und die Ziehtochter einer nahen Verwandten von ihr sei. Diese Anverwandte sei gestern mit dem Mädchen in der Absicht hergekommen, deren Godl, die Raueckerbäuerin, das Almstummerl auf der Elendalm heimzusuchen, welch letzterer das Mädchen viel zu danken habe. In vergangener Nacht aber sei die Base, wohl infolge von Übermüdung, krank geworden und so habe sie, die Schreiberin und ihr Mann, es übernommen, das Mädchen zur Raueckerin zu bringen. Bei dieser Gelegenheit wollten sie den »Almakirta« in der Valepp mit ansehen und hofften, die Raueckerin hier zu finden; da dieses aber nicht der Fall sei, so bliebe ihnen wohl nichts anderes übrig, als mit Burgl bis zur Elendalm hinanzusteigen, wozu sie sich jetzt stärken müßte. Sie mußte der Base auf das Heiligste versprechen, auf das Mädchen acht zu haben, sie zu hüten, wie ihren Augapfel. Wie es gekommen, daß sie sich nach dem Gottesdienste hier niedergelassen und das Mädchen sich beim Tanze beteiligte, wußte Frau Ursula selbst kaum. Der junge Bursche, mit dem Burgl eben tanzte, hatte ihr die Erlaubnis hiezu mit einem Teller Küchel und einer Flasche 192 Wein abgelockt, es war gekommen, wie bei der Sünde – das eine hatte das andere im Gefolge – und so tanzte Burgl schon zum drittenmal – aber dies sollte auch das letzte Mal sein.

Der Finanzwächter fand diesen Entschluß sehr löblich und freute sich schon, die Leute auf dem Nachhausewege begleiten zu können; er nahm sich vor, dem Mädchen hierbei viele galante Dinge zu sagen. Jetzt aber eilte er zum Tanzplatze, mit dem Madl einen Extratanz zu machen.

Burgl drehte sich vergnügt um den jungen Tegernseeer, der sie während des Gottesdienstes vor der Kapelle zuerst erblickt und seitdem nicht mehr aus den Augen gelassen hatte. Aber auch andern Burschen gefiel das schöne Tirolerkind und besonders waren es ihre eigenen Landsleute, welche sich ihrer Landsmännin nahen wollten. Schon mancher hatte dem Tegernseer auf die Schulter geklopft und ihm damit das Zeichen gegeben, ihm seine Tänzerin abzulassen; aber der junge Bursche machte jedesmal eine verneinende Bewegung und behielt seine Tänzerin für sich. Jetzt kam der Finanzwächter, der, ohne lange des Burschen Erlaubnis abzuwarten, Burgl um die Hüfte nehmen und weiter tanzen wollte. In diesem Augenblicke aber fühlte er sich von zwei kräftigen Armen gepackt, emporgehoben, aus der Mitte des Tanzplatzes hinausgetragen und nicht auf die sanfteste Weise zu Boden gelegt. Der überraschte Finanzwächter zappelte mit Händen und Füßen, alles lachte, aber ein Teil der Tiroler war sofort bereit, ihrem Landsmann Beistand zu leisten. Schnell hatten sich die Parteien gebildet. Wilde Blicke schossen hin und her und Drohungen wurden gegeneinander geschleudert, die Musik verstummte, die geängstigten Dirndln flohen vom Tanzplatze zu ihren 193 Verwandten, da erscholl die kräftige Stimme des Oberförsters, der zugleich mit geballter Faust die sich aneinander Drängenden auseinander schlug. Er erklärte, daß Musik und Kirchweih sofort zu Ende seien, wenn nicht augenblicklich Ruhe und Friede eintrete. Diese Drohung genügte; man ballte die Faust in der Tasche und ging auseinander.

Der Finanzwächter schlich beschämt zu seinem Platze, mit hassenden Blicken den Tegernseeer betrachtend, der so wenig Federlesens mit ihm gemacht. Dieser aber rief ihm lachend zu: »Nix für unguat – 's is in aller Froandschaft gschehgn, denn woaßt, so lang i 's Glück in der Hand halten därf, nimmt ma 's koa' Tuifi weg, vielwenga a Finanzwachta.«

Dieser erwiderte einige unverständliche Worte, welche wie »Grobian« und »Bauernlümmelei« lauteten, aber Franzl nahm keine Notiz mehr von ihm, sondern unterhielt sich wieder mit seiner schönen Nachbarin, welche sich durch des Burschen offenkundige Zuneigung eigentümlich berührt fühlte.

Ohne daß man anfangs darauf achtete, hatte inzwischen am untern Ende des Tisches ein in zerlumpte Kleider gehüllter Mann mit langem Haupt- und Barthaar Platz genommen. Es war der Schönecker Bartl. Er hatte sich mit Speise und Trank bereits versorgt, denn er stellte eine Flasche Tirolerwein nebst einem Glase vor sich hin und zog aus seiner Tasche eine Wurst, Brot und anderes. Er leerte rasch einige Gläser und stierte dann vor sich hin. Seine Gedanken waren nicht zur Stelle.

Der Finanzwächter bemerkte ihn zuerst und es war ihm erwünscht, seinem Unwillen auf irgend eine Art Luft machen zu können.

194 »Was fallt denn dem Lumpazi ein,« rief er, auf Bartl deutend, »erlaubt der sich, an unserm Tisch zu sitzen. Setz dich ins Gras; solche Schmiertiegl g'hör'n auf kein Herrntisch. Hast g'hört, Lump?«

Bartl hatte nur halb gehört; er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er erst auf die Schlußfrage den Sprechenden anblickte.

»Moanst mi?« fragte er.

»Wen denn sonst?« polterte der Mann des Gesetzes. »Pack dich fort von unserm Tisch, oder i pack dich –«

Jetzt ergriff Burgl Partei für den zerlumpten Mann.

»Warum wollts den arma Mann von seina Ruah votreib'n,« sagte sie. »Mei', dös Platzl is eam nit z' guat; 's schlechte Gwand, dös schänd't 'n nit; trauri gnua für eam, wenn er aaf d' Feiertag sei' Arbeitsgewand anzuign muaß. Bleib nur sitzen, Alta, und laß dir's schmeck'n.«

»Dös is aa mei' Glaabn!« rief Franzl. »Du bleibst, und brauchst a Geld, so sag's.«

Bartl, welcher soeben im Begriff war, dem Finanzwächter eine entsprechende Antwort zu geben, blickte erstaunt nach den beiden, die so unerwartet zu seinen Gunsten sprachen.

»Vogelts Gott!« sagte er zu Burgl. »I wünsch dir recht viel Glück in dein' Leb'n, dir und dem Buam da, der di amal kriegt.« Dabei blickte er Franzl an. »Aber i woaß nit,« fuhr er fort, »Dirndl, du bist mir so bekannt, 's is mir, als wenn i di heunt nit zum erstenmal sehget.«

»Dann geht's dir mit dem Dirndl, wie mir mit dir,« sagte der noch immer erregte Finanzwächter. »Ich mein' alleweil, dein konfisziertes G'sicht hätt' i schon öfters g'sehgn. 195 Du bist a G'schäftspascher – wär'n wir nur über der Grenz, i sprechet schon a anders Wörtl mit dir.«

Dem Alten schoß das Blut zu Kopfe. Diese rücksichtslose Ansprache verletzte ihn empfindlich, obgleich er an derartige Demütigungen schon gewöhnt war.

»Woaßt was, großmauliger Finanzwachta,« rief er, »iatz bleib i extra da sitzen. I zahl' mei' Sach so guat,« dabei schepperte er mit den Münzen in seiner Tasche, »wie du, und wenn dir mei' Dasein z'wida is, so kannst di ja du wegpacken. I moan, es woant dir neamd nach.«

Der Finanzwächter wollte antworten, aber von allen Seiten hieß es jetzt. »A Ruah, d' Tiroler singa!« und vom Nachbartische, der nur von Tirolern besetzt war, tönte das prächtige Lied herüber:

Es lebe unser Vaterland
Das Felsenhaus Tirol &c. &c.

Burschen und Mädchen, namentlich auch Burgl, beteiligten sich an dem Gesange, dem alles mit Freuden zuhorchte. Selbst der magere Servazius und seine dicke Ehehälfte brummten und summten mit und ein allgemeines Juhuhuhu! folgte dem schönen Gesange. Die Bergknappen von Hausham und Miesbach, welche etwas zur Seite unter schattigen, breitästigen Ahorn- und Buchenbäumen sich mit ihren Familien gelagert hatten, stimmten einen zweiten Gesang an, dem die rüstigen Holzarbeiter, lauter kräftige, kerngesunde Burschen mit sonnverbrannten Gesichtern und offenen Brüsten, einen dritten folgen ließen. Auch ihnen ward allgemeiner Beifall gezollt. Die Miesbächer und Bayerischzeller, die Tegernseeer und die übrigen Bergler blieben auch nicht zurück und so wechselte Gesang mit Musik und Tanz und alles war in heiterster Laune, selbst 196 die Sommerfrischler, welche von Tegernsee und Schliers hergekommen waren zu diesem berühmten »Kirta.«

Auf dem Tanzplatze wurde jetzt der Schuhplattler nur mehr in einzelnen »Scharen« getanzt. Hierunter versteht man eine bestimmte Anzahl Paare, welche sich meistens aus einer Gemeinde zusammenthun, wie z. B. die Bayrischzeller, die Tegernseer, die Brandenberger u. s. w. Sie wechselten nacheinander ab, wobei jeder Streit und jede fremde Einmischung vermieden wurde. Die übrigen Gäste vergnügten sich währenddessen, wie schon erwähnt, mit Singen ihrer Nationallieder und bald begann auch das Schnadahüpferl wie ein kleiner Kobold neckisch hin und her zu fliegen und verursachte oft das tollste Hallo, wenn es ein oder der andere Sänger verstand, seinen Stegreifgsangln einen recht witzigen Inhalt zu geben. Dem Rauecker Franzl gelangen die kleinen Schelmenlieder ganz besonders, und da er bemerkte, wie der Finanzwächter trotz der ihm zu teil gewordenen Demütigung noch stark zu der schönen Burgl hinneigte und sie ohne Unterlaß anschmachtete, so nahm er ihn öfters zur Zielscheibe seiner witzigen Lieder und sang mit Bezug darauf, daß man obige Charge in Bayern mit dem Namen »Grenzjäger« bezeichnet:

»Mei' Schatz is a Jaga,
A gar a verdrahta,
Hat a nigl-nagel-neue Bix,
Aba treffa thuat er nix.

Mei' Schatz is a Jaga,
A lustigs Bürschel,
Er hat a paar Wadeln
Wie d' Kreuzerwürstel.«

Der ausgesungene Finanzwächter suchte seine langen 197 Beine unter dem Tisch zu verstecken, was ein allgemeines Gelächter hervorrief.

Servazius, welcher wieder aus der Flasche des Tegernseeers trank, wurde durch den Gesang ganz aufgeweckt und auch er sang jetzt mit eigentümlich komischen Gebärden.

»Iatz hon i mei' Not eing'sperrt,
Weil i 's gnua ho',
Und hon an' großn Stoa' drauf g'legt,
Daß s' nit raus ko'.

Der Glaub'n macht selig,
Der Hering macht Durst,
Der Pfarrer a Predigt,
Der Metzger a Wurst.

Wei' verkaaf d' Ant'n,
'n Buam müaß ma gwantn,
Sunst kriegt unser Hans
Koa' Dirndl zum Tanz.«

Er hätte seinen Gesang noch weiter fortgesetzt, aber Frau Ursula verstopfte ihm mit Gewalt den Mund.

»Servazius,« rief sie, »ich kenn' dich nimmer! du bist vom Teuf'l b'sessen!«

»O holde Ursula,« entgegnete er, »mir ist göttlich wohl!«

Der Tegernseeer begann jetzt wieder einen neuen Krieg mit dem Grenzjäger, indem er spöttisch sang:

»'s Dirndl hat g'sagt,
Sie liebt koan Schlecht'n,
Jetzt hat 's an' Grenzwachta,
Da hat's den Recht'n.«

Jetzt stand der Finanzwächter entrüstet auf und sang: 198

»Der Finanzwachta is a Herr,
Und der Kaiser is mehr,
Aber der Bauer is a Vieh,
Nur glaub'n will er's nie.«

Von seiten der Bayerischen erfolgte ein allgemeines Pfeifen, aber die Tiroler sangen es nach und suchten damit ihre Nachbarn zu ärgern.

Wieder schossen wilde Blicke von einem Tische zum andern und mancher Bursche setzte sein Hütchen keck aufs Ohr und drehte die Spielhahnfeder nach vorne. Aber bevor sich die Gemüter wieder erregen konnten, begann vom Tanzplatze her die einladende Weise zum Schuhplattler, und unter allgemeinem Jauchzen, Schnackeln und Schnalzen mit den Fingern führten die Buben aufs neue ihre Dirndln zum Tanz. Die Holzknechte aber begannen ein lustiges Lied, in welches die andern gern mit einstimmten:

»Schenkts ma amal was Boarisch ei',
Boarisch woll'n ma lusti sei'.«

Bartl hatte seine Flasche ausgetrunken und indem er nochmals dem Rauecker und der Burgl dankbar zuwinkte, entfernte er sich von dem Tische.

Auch Frau Ursula erhob sich jetzt.

»Höchste Zeit ist's, daß wir auf die Elendalm geh'n,« sagte sie; »die Raueckerin kommt nicht, also müssen wir 'naus. Es kommt mir freilich schwer an, bei der Hitz noch so viel zu steigen, zudem wir nicht einmal den Weg wissen.«

»Den kann i enk zoagn,« sagte Franzl bereitwillig. »I bin guat Froand zum Mirdei, zur untern Raueckerin. Sie hat ja mein Vodan sein Bruada g'irbt. Bei uns hoaßt's zum obern Rauecker. Mei' Voda freili kann 's Mirdei nit leid'n, weil er aaf 'n Hof spekuliert hat, aber i kann 199 's Stummerl wohl leid'n und recht gern mach i enkan Führer. I bin da Rauecker Franzl, z'naachst Tegernsee z' Haus. Ös därft's mir scho' nachfrag'n, wir san g'achte Leut, und wenn enk i führ', so seid's davonthalbn nit g'schänd't.«

Franzl entging es nicht, wie Burgl die Schreiberin mit einem fragenden Blicke anschaute und dann sehr erfreut dreinsah, als diese entgegnete, daß sie sich seiner Führung gerne überlasse.

»Wie weit ist's denn?« fragte sie.

»Woltern a Stund,« antwortete der Bursche.

»Eine Stund?« rief die dicke Frau, »also hin und her zwei Stund? Nein, das kann ich heut nimmer prästiern. Servazius – du gehst allein mit der Burgl. Ihr habt jetzt einen Führer, also braucht ihr mich nicht. Aber ich bitt' mir aus, gieb mir recht auf die Burgl obacht,« raunte sie ihrem Gatten zu. »Laß s' nicht allein mit dem Burschen und komm so rasch als möglich wieder. Ich werd einstweilen in der Kirch' meine Andacht verrichten. Jetzt ist's zwei Uhr – bis vier Uhr seh ich nach euch aus. Gieb mir acht auf die Burgl! Das könnt' uns sonst die Erbschaft von der Basl kosten!«

Gleich darauf sah man den Schreiber sich mit dem jungen Paare entfernen. Der Finanzwächter schickte dem Burschen eifersüchtige und gehässige Blicke nach. Frau Ursula machte sich ebenfalls auf, aber nicht zur Verrichtung ihrer Andacht, sondern um im nahen Walde Ruhe zu halten, und bald träumte sie unter einer schattigen Tanne.

Auf dem Festplatze aber schmetterten die Trompeten, hallten frohe Gesänge und unaufhörliches Juchzen; nichts störte mehr die allgemeine Freude und die Lust des herrlichen Tages. 200


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