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Erzählungen aus dem Nachlaß

Rainer Maria Rilke: Erzählungen aus dem Nachlaß - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/rilke/nacherz/nacherz
typenarrative
authorRainer Maria Rilke
booktitleSilberne Schlangen
titleErzählungen aus dem Nachlaß
publisherInsel Verlag
series
volume
printrunErste Auflage
editorAugust Stahl
year2004
isbn3458172262
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100219
projectidf667a2a4
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Requiem

Sie haben irgendwann gelebt, und sind beide längst todt. Ich weiß, dass auf ihren vergessenen Gräbern der Frühling wildert, oder dass eine ahnungslose Weide sich über die steilen Tafelsteine neigt und im Maiwind mit zagen Fingern über die Namen tastet, wie um sie zu lesen. Die Schrift aber ist verweht und verwittert, und die gute Weide hütet die Namenlosen wie eine fremde Frau zwei verirrte Kinder. – Sie liegen nebeneinander, weil sie im Leben lange beisammen waren, weil schon im Licht jedem angst war vor dem Ganzalleinsein, und weil es gut ist, im feuchten kalten Unten liebe Nachbaren zu haben. Gerade jetzt wenn die Osterglocken wehn, und die dunkeln Wurzeln wie sonnengeweckte Kinder ihre braunen Arme dehnen, dehnen, greift vielleicht eine in die beide(n) leisen Herzen hinein und thut zusammen, was auf Erden sich nie finden konnte; und im hellen Tag wird eine Blume draus. –

Wie oft haben sie zusammen Blumen gebrochen. Sie ging immer langsam mit lächelndem Schauen den weißen Wiesenpfad; denn sie war viel älter, und die Herren sagten ihr schon fünf Jahre Fräulein. Darum konnte sie nicht mitten durch die Wiesenwellen laufen dem blassen zehnjährigen Knaben nach. Aber sie rief ihm irgendwann ein Wort, lachte ihm ein Lachen zu, oder kam, wenn er über vielen Vergissmeinnicht mit hastenden Händen säumte, licht und leise durchs Grün just auf ihn zu wie ein echtes, goldenes Märchen. Da kniete der Knab', und die kleinen blauen Blumen flatterten wie erfüllte Wünsche aus seinen erschreckten Händen. Die Weiße aber lachte ihn laut aus. Und dann gabs großes Zürnen und Grollen bei dem blassen Knaben über Schrecken und Spott und über die armen Vergissmeinnicht. Nicht lange freilich. Auf einmal schlich der Kleine neben ihr, streichelte zag ihre Hand und schenkte ihr soviel Blumen, dass der Sommerhut der Gespielin randvoll war. Das waren die schönsten Stunden für ihn. Blumensuchen war so gut. Man muss nichts erzählen dabei und versteht sich doch mit jeden Blick und muss nicht nebeneinander gehen und findet sich doch in jeder Weile wieder, und lachen kann man aus voller, heller Kehle, dass es wie eine Rakete springt in den lichtzitternden Himmel.

Und das hatte der blasse Knabe so selten dürfen. Kinder, die in ernsten, grauen Häusern aufwachsen, lernen schwer lachen. Sie hocken in den Ecken der kalten, hohen Stuben, drin die Stühle so ernst und alle Menschen so feierlich sind, als ob sie immer in breiten goldenen Rahmen stünden. Dunklen Augs staunen sie den Großen nach, die mit unverständlichem Eifer an ihnen vorübergehen und niemals ein Lächeln in die tiefen Zimmer mitbringen, selbst wenns draußen Frühling ist. Und kommt dann selten wie ein Sonnenstrahl, ein jubelmuthiger Mensch aus der hellen Welt in die frierende Stille so wogt Alles in den einsamen Kindern diesem Neuen zu und wiegt und schmiegt sich an ihren seligen Sinn wie das Morgenmeer an die tagende Küste. So hatte der Knab' die blonde Gespielin gefunden. Sie trug den ganzen Jubel des verklärten Weibes in sich. Sie war in der Zeit, wo jede wird wie eine wunderthätige Madonna, reich und gebend, und geweiht durch die Schauer der ersten Leidenschaft. Das sind die Tage des Traums: Die Augen grüßen über alle Grenzen hin das leuchtende Wunderland, die Lippen athmen Liebe aus allen Lüften, und in den weißen segnenden Händen ist ein Rosengefühl. Und die Stimme klingt immer wie tief aus dem Mai, und das Lachen singt silbern wie das Kieselkichern des Bachs, dort, wo es am Einsamsten ist. – Da kommt es mit tausendfältigem Ahnen über das erwachende Weib. Und wenn die Geliebte durch Dorfgassen geht, so weicht sie nicht mehr den schmutzigen kleinen Wurms aus, die an der Gosse spielen, wie früher; von ferne schon betrachtet sie das ungelenke Mühen der Händchen, lauscht dem Lallen und legt wohl, wenns Keiner sieht, eine Blume oder einen Apfel in den Schooß des scheuen Kindes und küsst ihm das Staunen aus den dummen Glurraugen und flüchtet mit heißen Wangen und wildem Herzen in einsame Wege ...

Der blasse Knabe liebte sie, weil sie gut war und weil sie so schön war, träumte er von ihr, und er war selig dabei. – Dann kam der seltsame Abend. Westliche Wolken schatteten auf dem Goldgrund des späten Himmels wie riesige nachgedunkelte Prophetenbilder. Die schmalen Pfade in dem dunklen Wiesenland hatten etwas Ewiges gewonnen und irre Schatten schwankten in die uferlose Dämmerung. Fern gingen Lichter auf, und Lichter verlöschten wie die Kerzen in einer Totenkammer. Die Umrisse einer fernen Stadt starrten wie Grabsteine in die nahe Nacht, und die Cypressen die in seltener Reihe den Weg begrenzten, schienen müde Mönche in hohen Kapuzen, die auf schwarzen Schultern den Nebelsarg mit dem toten Tag trugen. – Das sind die Stunden, wo alle Menschen scheu und schüchtern sprechen, wo die Kinder in den grauen Stuben kauern, und der Hund im Hof in feiger Furcht an der rostigen Kette zerrt. Und über diese Stunden bricht unvermittelt eine graue, eintönige Nacht herein.

Das Mädchen und der Knabe waren auf dem Heimweg. Sie gingen nebeneinander, als kämen sie vom Kirchhof. Dem Kind war bang, und gern hätte es sich an die liebe Gefährtin geschmiegt. Die aber hatte etwas hastiges und Fremdes. Und einmal war sie stehen geblieben und hatte die Blumen, die sie trug, geküsst und dabei waren ihre Augen so schlürfend geschlossen wie bei einem süßen, ersehnten Trunke. Beim Scheiden sagte ihr der scheue Knabe: Du, gib die Blumen keinem Fremden. –

Da staunte sie ihn an, und dann neigte sie sich jäh und presste die Lippen, lohheiß auf seine Wange. Es war ein schrecklicher Schmerz dieser Kuss. Athemlos starrte ihr das Kind nach. Und lange nachdem sie verschwunden war, schlich er hart an den Häusern nachhause. Im Entschlummern noch tippte der blasse Knab mit den Fingern nach der kusswunden Wange. Die Finger waren wie Eis. Nach kurzem schwülen Schlaf fuhr er aus glühenden Kissen. Da war ein Wunsch in ihm: Das brennende Gesicht ins weiche Thaugras betten. Und er fröstelte sich wach und kroch zu dem Fenster, das leise aufklirrte in die Nacht. Dort stand der blasse Knab und sehnte hinaus auf die weiten einsamen Wiesen.

*

Aus der Kindheit ins Leben leitet eine leise Brücke. Manche gehn hinüber kaum, dass sies merken und tragen drüben ihr Kinderkleid fort, lächerlich geflickt und gelängert. Wenige verschenken im Vorübergehen ihr Alles an die Bettler, die an der Brücke kauern, und kommen neu und arm in das Fremde hinein. Das sind die vor denen dann die letzten Thüren aufgehen in das Allerheiligste des ewigen Lebens.

*

Lange war ein Warten in dem blassen Knaben. Er wusste nicht worauf. Erst als sie kam, fühlte er, dass er auf sie gewartet hatte, damit er ihr das wirre Haar aus der Stirn streichen und die wunden Augen küssen könne. Sie legte das schwere Haupt in seinen Schooß, und ihre Lippe klang wie eine zerrissene Leier. Und er hatte keine Frage. Er fühlte sich älter werden in ihrem Weh. Er verstand nichts – aber er wusste, dass das fremde Leben, das an den Kinderstuben vorüberfließt, seine Thüre wie ein wilder tobender Strom durchbrochen hatte. – Er hat viel erlebt und wenn er es erzählt hat, muss er ein Dichter gewesen sein. Freilich die Gespielin hat ihm gefehlt auf seinem Wandern und in seinen Feiertagen. Sie hat nicht den Muth gehabt voranzugehen; sie war auch zu traurig fürs Leben. Sie ist früh gestorben. Die Thüre hat sie ihm doch aufgemacht. Und er hat ihrs gedankt. Sonst hätten sie ihn später nicht in die Arme derselben Weidenwurzel neben ihren Frieden gelegt. Es war sein Wunsch. –

Korrekturen des Herausgebers, sofern nicht von der Rechtschreibkontrolle gefunden, nicht berücksichtigt. Re.

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