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Karl (Leberecht) Immermann: Münchhausen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleMünchhausen
authorKarl Immermann
year1977
publisherCarl Hanser Verlag
addressMünchen
isbn3-446-12435-7
titleMünchhausen
pages3-788
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1839
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Fünfzehntes Kapitel

Zwei Zuhörer sind in ihren Erwartungen so getäuscht, wie die Leser, der dritte Zuhörer fühlt sich dagegen höchst befriedigt. Der Freiherr teilt einige dürftige Familiennachrichten mit

Der Schulmeister Agesilaus hatte schon während des letzten Teils dieser Erzählung deutliche Zeichen hergestellter Zufriedenheit von sich gegeben. Vergnügt hatte er seine Hände gerieben, sich auf dem Stuhle hin- und hergewiegt, ein Hm! Hm! Ja! Ja! So! So! Ei! Ei! dazwischen geworfen, und den Freiherrn mit einer Schalkhaftigkeit angesehen, welche eine Schattierung von Tiefsinn durchschimmern ließ. Nachdem nun Münchhausen zu Ende gekommen war, sprang der Schulmeister auf, lief zu dem Erzähler, schüttelte ihm die Hand, und rief: »Verzeihung, mein hochzuverehrender Gönner, daß ich die Standesunterschiede nicht achte, und Ihnen so geradezu mich nähere, aber wie Not kein Gebot hat, so achtet die Begeisterung keiner Schranke. Erlauben Sie mir, Ihnen auszusprechen, wie mich Ihre diesmalige Diatribe, in die Form einer historischen Novelle gegossen, erquickt hat. So fahren Sie fort, dann sind Sie des Dankes aller Edeln gewiß. Endlich doch einmal Nahrung für Geist und Herz!«

»Ich verstehe Sie nicht«, versetzte ernsthaft der Freiherr.

»O! O! O! aber ich verstehe Sie, mein Hochgeschätzter«, rief der Schulmeister. »Ja, ja, Erleuchteter, das kommt bei den Übertreibungen heraus! Das haben wir davon, daß wir alles auf die Spitze stellen, von allem und jeglichem das Höchste, Überschwenglichste begehren! Nicht wahr, mein Verehrtester, Sie wollten mit Ihrer anscheinlichen Ironie gegen jenen so oft verkannten und angefeindeten Mann sagen: Seht, zu solchen maßlosen Extravaganzen gelangt man, so überspringt der Spott sich selbst, so fallen die stärksten Hiebe, wenn Leidenschaft sie führt, immer über den zu Hauenden hinaus in das Leere, und darum lernt Euch begnügen, Ihr Leute, mit dem Vorhandenen, geht zwischen Haß und Enthusiasmus die Mittelstraße, die von den Weisen aller Zeiten immer die goldne genannt wurde! Diese und ähnliche Lehren wollten Sie durch Ihren ausschweifenden Angriff einschärfen, wenn ich sonst, nicht oberflächlich an der Oberfläche Ihrer Reden haftend, deren inneren Sinn richtig aufgefaßt habe.«

Auf diese Anrede erwartete der Schulmeister etwas Schmeichelhaftes. Der Freiherr sah ihn jedoch nur mit weitgeöffneten Augen starr an, und sagte nach einem langen Schweigen nichts, als: »Herr Professor, Sie sollten uns doch auch noch einen Kommentar über den ›Faust‹ schreiben.« – Dann wandte er ihm den Rücken und suchte die Blicke des Fräuleins auf, die ihn aber mieden.

Diese liebte eigentlich im stillen den Helden der Novelle, weshalb ihr auch der Vorschlag, seiner unerschrocknen Wirksamkeit ein Ziel zu setzen, nicht vom Herzen gekommen war. Sie pflegte sich in ihren erregtesten Stunden seine lombardischen Chausseepappelverse zu ihrer Aufrichtung laut vorzusagen. Nun hatte sie jedoch auch, wie alle Damen, eine unglaubliche Furcht vor dem Lächerlichen, und da sie denn doch während Münchhausens Erzählung sich mit ihrem Lieblinge in dieser Beleuchtung zu einer Gruppe vereinigt sah, so fühlte sie sich in ihrem Bewußtsein völlig vernichtet, und rang vergebens nach einem Anker für ihre ratlose Seele. Zugleich aber ängstigte sie das Schweigen, welches nach den Verhandlungen zwischen dem Freiherrn und dem Schulmeister in der Gesellschaft entstanden war, und nicht weichen wollte. Denn ihr Vater schnitzte, wie er zu tun pflegte, wenn er gänzlich verstimmt war, mit seinem Federmesser Einkerbungen in den schlechten hölzernen Tisch, um welchen alle saßen, und murrte nur halblaut vor sich hin: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Es war ja die pure, blanke Gottes-Satire auf den Hirseschwenzel, oder Schmirsehenzel, oder wie der Mensch sonst heißen mag! Denn Dichterei und Romanenwesen ist meine Sache nicht, sondern Natur- und Völkerkunde.«

Der Schulmeister aber saß schweigend und zornrot da. Er hatte zwar Münchhausens Antwort nicht eben ganz verstanden, fühlte jedoch, daß darin ein Stich liegen müsse. In diesem Punkte war nun nicht mit ihm zu scherzen, denn seine Eitelkeit war nur seiner unbegrenzten Vorliebe für die Sitten der alten Sparter gleich.

Wer hat nicht einmal die Last solcher Windstillen in der Gesellschaft erfahren? Die gesamte Sozietät sitzt wie eine Flotte, die sich auf dem unbewegten Meeresspiegel nicht zu rühren vermag. Schlaff hangen die Segel herab, verzweiflungsvoll schaun alle Blicke nach ihnen hinauf, ob nicht ein frisches Lüftchen sie endlich schwellen wolle. Umsonst! Das ist, als ob ein Rad in der Schöpfung gebrochen, und die ganze Maschine mit Sonne, Mond und Fixsternen in Stockung geraten sei. So sucht eine in Windstille versetzte Gesellschaft auch verzweiflungsvoll nach einem Gedanken, nach einer Vorstellung, ja nur nach einer Redensart, um sie in die Segel der Konversation zu hauchen; vergebens! Nichts will über die Lippen, nichts hörbaren Laut gewinnen. Der Mythus sagt, in solchen Zeiten fliege ein Engel durch das Zimmer, aber nach der Länge derartiger Pausen zu urteilen, müssen zuweilen auch Engel diese Flugübungen anstellen, deren Gefieder aus der Übung gekommen ist. Endlich pflegt einer sich zum Opfer für das Gemeinwesen darzubringen, er fährt mit einer ungeheuren Dummheit heraus, und damit ist der Zauber gelöset, das Band der Zungen entfesselt; die Ruder klatschen, die Segel sausen, der Kiel schwirrt lustig durch das Meer von Kunst, Stadtneuigkeiten, Politik, Krankheits- und Gesundheitsumständen, Religion und Karnevalsbällen.

Nachdem das Schweigen in der Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist, etliche Minuten gedauert hatte, und die verschiednen Affekte der Schweigenden in die heiße Sehnsucht, ein menschliches Wort zu vernehmen, übergegangen waren, sagte das Fräulein zu Münchhausen plötzlich, wie von einem guten Geiste erleuchtet: »Es pflegt doch immer im Sommer schöneres Wetter zu sein, als im Winter.«

Nach dieser Explosion atmeten alle frei auf und fühlten sich von dem Zauber erlöset, der über ihnen gelastet zu haben schien, nachdem von unsrem Nationaltragöden so viel die Rede gewesen war. Münchhausen aber küßte dem Fräulein die Hand und versetzte: »Sie haben da eine tiefsinnige Wahrheit ausgesprochen, meine Gnädigste, und ich kenne außer Ihnen nur noch eine Dame, welche diese großartige Naturbetrachtung fest im schönen Gemüte ergriffen hat, und sie einem Dichter zu äußern pflegt, jederzeit, wo er das Glück hat, ihr zu nahn. Vergebens, daß der Dichter manches ausgehen ließ, was der Welt nicht unbekannt blieb, daß man überhaupt mit ihm von allem und jedem sprechen kann, weil er so ziemlich für alles und jedes sich interessiert, und über die Dinge, von denen er nichts versteht, gern Belehrung empfängt – vergebens alles dieses, sage ich – die Dame äußert, so oft er das Glück hat, ihr zu nahen, nur ihre Überzeugung, daß im Sommer das Wetter schöner zu sein pflege, als im Winter.«

»Unmöglich!« rief der alte Baron.

»Vielleicht unmöglich, aber gewiß wahr«, versetzte Münchhausen. »Der Dichter ist mein Freund und hat mir die Tatsache bei seinem Ehrenworte beteuert.« – Münchhausen fuhr heiter fort: »Ich wollte Ihnen einige kurze Nachrichten über meine Familie geben; hier sind sie. Der sogenannte Lügenmünchhausen ist mein Großvater, wenn unser Stammbaum in Bodenwerder recht hat. Adolph Schrotter in Düsseldorf hat ihn jüngst gemalt, wie er unter Jägern und Pächtern sein Pfeifchen schmaucht, und diesen Leuten seine Geschichten erzählt. Ein dicker Mann sitzt ihm gegenüber und hat den Rock ausgezogen, um besser zuhören zu können, in seinem Gesichte spricht sich die gläubigste Hingebung aus, und sein großer Hund, der neben ihm liegt, sieht ihm sehr ähnlich.

Adolph Schrotter hat meinen Großvater getroffen, wie kein anderer vor ihm. Das ist aber auch kein Wunder, denn mein Großvater ist ihm im Traume erschienen, er hat eine Vision von ihm gehabt. Die frommen Maler haben nicht allein Visionen, nein! die andern haben die ihrigen auch. Es malt keiner ein paar Kinder, die von zwei schlechten Kerlen totgemacht werden sollen, oder eine Kegelbahn, oder auch nur ein Porträt, ohne daß er eine Vision von diesen Dingen gehabt hätte. Und das ist der Vorteil dieser weltlichen Gesichte: Man kann immer da die Vergleichung anstellen, und urteilen, ob die Erscheinungen richtig gewesen sind, denn überall gibt es unschuldige Kinder und schlechte Kerle und Kegelbahnen, und Leute, die sich porträtieren lassen; aber bei den frommen Visionen kann man das nie, und man weiß daher auch nicht, ob die lieben Engelein und Heiligen und die Mutter Gottes so ausgesehen haben, wie die Leute behaupten, daß sie ihnen vorgekommen seien.

Daß Adolph Schrotter eine richtige Vision gehabt, bestätigte noch letzthin ein alter eisgrauer Jäger von Bodenwerder, der jetzt mit Ratten- und Mäusepulver handeln geht, und der denn endlich auch an den Rhein gewandert war. Er kam auf die Kunstausstellung, weil er glaubte, dort Geschäfte machen zu können und rief, als er das Bildchen sah: ›Das ist der alte Herr, wie er leibte und lebte, wenn er von den zwölf Enten erzählte!‹ Das Bildchen soll jetzt, Figuren über Lebensgröße, al fresco für ******** ausgeführt werden.

Meinem Vater tat die Abstammung von diesem Manne Zeit seines Lebens den größten Schaden. Wenn er Geld erborgen wollte und auf Kavalierparole die Rückzahlung versprach, sobald sie sich tun lasse, sagten die Wucherer, mit denen er unterhandelte: ›Wir bedauern sehr, aber wir können nicht dienen, denn Sie sind der Herr von Münchhausen.‹ Er trat in Kriegsdienste und machte als Stabsrittmeister einst einen allerdings unwahrscheinlich lautenden Rapport; der General glaubte ihm nicht, und davon war die Folge, daß eine große Schlacht verlorenging. Kabale über Kabale wurde gegen ihn gespielt; man drehte die Sache ganz herum, er erhielt in Ungnaden seinen Abschied. Nun widmete er sich dem Finanzfache, da entdeckte er ein geheimes Mittel, die edeln Metalle zu vervielfältigen, wollte es dem Staate verkaufen, aber der Staat wies ihn zurück und sagte, es sei schon gut, man wisse, daß er Münchhausen heiße. Auch aus dem Finanzfache wurde er ungnädig dimittiert, weil er ein Schwindler sei, wie es in dem Entlassungsreskripte hieß. Was hat der Staat von seiner Zurückweisung gehabt? Papiergeld mußte er machen.

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