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Europäisches Sklavenleben. Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Erster Band - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Erster Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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15. Lebende Bilder

Das Haus des Kommerzienrathes Erichsen war in jeder Beziehung auf das Reichste und Komfortabelste eingerichtet. Die Familie bewohnte den ersten Stock; unten waren Comptoir und Kassen.

Den Chef des Hauses haben wir bereits kennen gelernt, ebenso seinen Schwiegersohn, Herrn Alfons, den Mann mit dem schwarzen Haar und der Brille. Er hatte Marianne, die einzige Tochter des Bankiers, geheirathet, und die Mutter, die sich eher entschließen konnte, den Sohn als die Tochter aus dem Hause zu lassen, räumte der letzteren den zweiten Stock ihrer Wohnung ein, was um so weniger auffiel, da Herr Alfons Theilhaber des Bankiergeschäfts war, und in geschäftlicher Beziehung die rechte Hand des Kommerzienrathes. Dieser würdige Herr war nominell das Haupt der Familie; in Wahrheit aber schwang die Kommerzienräthin ein eisernes Scepter und regierte fast völlig unumschränkt. Wir sagen fast völlig unumschränkt, denn der Einzige im ganzen Hause, der es hie und da wagte, ihr offen entgegen zu treten und der auch zuweilen ihr gegenüber Recht behielt, war ihr Schwiegersohn.

Der Kommerzienrath, ein heiterer Mann, der gern lebte und leben ließ, hatte sich schon zu Anfang der Ehe die Zügel aus den Händen winden lassen, indem er viele Konzessionen machen mußte, um die Hand der reichen Bürgerstochter zu erhalten. Er wurde von dieser stolzen Sippschaft durchaus nicht als ebenbürtig betrachtet, denn einige freundliche Basen hatten nachgewiesen, daß sein Großvater zwei Brüder gehabt, von denen der eine als Rathsdiener starb, und der andere lange Jahre der selbst eigenhändige Betreiber und schaumschlagende Besitzer einer Barbierstube gewesen. Wenn man dagegen die lange Linie stolzer Vorfahren der jetzigen Kommerzienräthin betrachtete, so konnte man eine Mißheirath nicht leugnen. Da folgten sich in stolzer Reihe Stadt-, Kanzlei-, Justiz-, Regierungs-, Hof- und andere Räthe, und eine Seitenlinie hatte sich sogar in ein adeliges Geschlecht verwachsen, während von dem Urahnherrn der Familie zweifelhaft war, ob er nicht sogar ein heruntergekommener Edelmann gewesen sei; wenigstens deutete man so das Wappen mit zwei Beilen, während dagegen boshafte Neider versicherten, diese Embleme bezögen sich auf die ehrsame Metzgerei, deren Oberzunftmeister jener erwähnte Ahnherr gewesen.

Dem sei nun aber, wie ihm wolle, das Haus der Kommerzienräthin war in seiner Sphäre tonangebend, und wer zu ihren Gesellschaften gezogen wurde, der konnte sich überall präsentiren lassen. Familienunglück hatte man freilich auch gehabt, aber es war mit dem Mantel christlicher Liebe und mit schweren Wechselbriefen bedeckt worden. Man sprach in übelwollenden Kreisen von dem zarten Verhältniß einer Nichte des Hauses mit einem unternehmenden Lieutenant der Infanterie, den man am Ende in die Familie aufnehmen mußte, weil es seltsame Umstände ziemlich gebieterisch verlangten. Nachdem aber die Kommerzienräthin hiezu, freilich nach langen Bitten, einmal ihren Konsens gegeben und ihre wichtige Hand auf das junge Paar gelegt, war es rein gewaschen und brauchte sich nicht schüchtern zu bewegen wie andere minder reiche und vornehme Kolleginnen, denen etwas Aehnliches, sehr Menschliches passirt war. – Es ist das so der Welt Lauf und kommt häufig vor.

Im Gegensatz zu ihrem Gemahl war die Kommerzienräthin eine große, hagere Frau mit einem strengen, magern Gesichte, aus dem die lange, spitze Nase wie ein Zeigefinger hervorsah. Wir gebrauchen dieses Bild, um dadurch die Wirkung auszudrücken, die es auf Jeden ausübte, gegen den diese Nase gedreht wurde; es war eine unmittelbare Aufforderung, ein förmliches Hinweisen, eine Erlaubniß, jetzt endlich zu sprechen oder jetzt endlich das Maul zu halten. Diese Nase wurde von den beiden stechenden Augen gleich zweien Trabanten unterstützt, von denen es nur eines Blinzelns bedurfte, und man wußte genau, was die Kommerzienräthin eigentlich wünschte. Hierüber blieb selten Jemand im Zweifel, und wenn sie obendrein ihre Blicke durch ein Wort unterstützte, so wußte man gleich, woran man war; und wie schon vorhin bemerkt, gehorchte alsdann fast Alles ohne Widerrede.

Das Diner war vorüber; der alte Herr, der wie immer sehr gut gespeist hatte, beschäftigte sich mit seiner Verdauung, indem er, die Hände auf den Rücken gelegt, in dem weiten Gemache auf- und ab spazierte. Dabei nickte er zuweilen mit dem Kopfe und hob wohl auch hie und da die Nase schnüffelnd in die Höhe, als wolle er erforschen, ob sich nicht bald durch eine Thürritze hindurch ein angenehmer Kaffeeduft bemerklich mache.

Die Kommerzienräthin saß in der rechten Sophaecke kerzengerade aufrecht, denn sie hielt es nicht für anständig, daß ihr Rücken die weichen Kissen berühre. In der linken Ecke saß ihre Tochter Marianne, die Frau des Herrn Alfons, und da diese schon mit der Zeit vorgeschritten war, so lehnte sie behaglich hinten über, während ihre Füße einen Stützpunkt auf denen des Tisches gefunden hatten. Es war ein hübsches kleines Weib, blond wie ihre Brüder, und wie der ältere, der neben ihr saß, mit Augen, die viel Sanftmuth, ja Duldung verriethen. Sie hatte ihren Kopf auf die Seite geneigt, und schien ihrem Bruder zuzulauschen, der ihr eifrig Etwas zuflüsterte, wahrscheinlich die Erzählung des Auftritts von heute Morgen; sie hörte ruhig und aufmerksam zu, und nur zuweilen, wenn sich seine Stimme etwas laut erheben wollte, drückte sie ihre Hand auf seinen Arm, wobei sie von der Seite einen Blick auf die Mutter warf, die indessen theilnamlos, mit hoch erhobener Nase, für Niemand Auge und Ohr zu haben schien und zuweilen mit ihren Fingern gleichgiltig auf dem Tisch trommelte. Wir sagen schien, denn in Wahrheit entging ihr keine Miene, keine Bewegung all' derer, welche sich im Zimmer befanden.

Die lebhafteste Gruppe von der Familie bildeten übrigens Arthur und Herr Alfons, die an einem der hohen Fenster standen und zusammen sprachen, auch wohl lachten. Alfons hatte den hoch erhobenen Arm auf den Fensterrahmen gestützt, den Kopf darauf gelegt und schaute seinem Schwager zu, der, während er hie und da eine Bemerkung hinwarf, zu gleicher Zeit beschäftigt war, mit einem umgekehrten Zahnstocher allerlei Figuren auf die angelaufenen Fensterscheiben zu zeichnen.

»– Sehr gut! – sehr gut! – sehr brav!« sagte Alfons, indem er die vergängliche Arbeit aufmerksam betrachtete; »das wird ein schöner Kopf, und eine Ähnlichkeit. – Jetzt keinen Strich weiter, so steht's vor mir; wahrhaftig, ich möchte schwören, daß das Gesicht existirt!«

»Wie kann man nur so Etwas sagen!« antwortete lächelnd der Maler, »eine Phantasie, eine Idee. Aber schau nur, wie sich die Gesichtszüge ändern, wie der Hauch auf der Scheibe nach und nach schmilzt. Das Gesicht war vordem lachend und freundlich, jetzt wird es ernst, finster, drohend und jetzt ist es wie von schmerzlichen Thränen überzogen. – Das ist der Lauf der Welt.«

»Ja, man erlebt das häufig,« entgegnete der Schwager; »Freude, Glück verschwinden so schnell, und hat erst so ein Gesicht den kleinsten Anflug von einer Schmerzenslinie angenommen, so greift es immer weiter um sich, und am Ende entstellt und verstört er Alles.«

»Ganz recht,« versetzte Arthur, wie es schien, nicht ohne Beziehung, »aber man muß sich auch hüten, auf einem Gesicht, das uns lieb und freundlich angelächelt, jenen ersten, kaum bemerkbaren Zug des Schmerzes hervorzurufen.«

»O, das kommt ganz von selbst. Du, Glücklicher, hast nur keine Gelegenheit, das zu bemerken; du flatterst von Blume zu Blume, und wenn in deiner Praxis so ein Schmerzenszug sichtbar wird, suchst du schon nach einer neuen und frischen Blüthe.«

»Nicht immer,« sagte ernst der Maler.

»Apropos,« fuhr der Andere leiser fort, indem er sich tiefer hinab beugte, »du bist doch ein wahrhaft lockerer Zeisig. Aus welchem Zweck treibst du dich denn so viel in der Nähe der Balkengasse umher? Ich habe das neulich zufällig erfahren. Ist denn da wieder was Besonderes los?«

»Ich?« fragte scheinbar verwundert Arthur. »Daß ich öfter da wäre, als an anderen interessanten Orten, wüßte ich gerade nicht.«

»Ah! so gehört die Balkengasse zu den interessanten Orten?«

»Allerdings, nach den Begriffen des Malers. Da sind die alten pittoresken Häuser, der Kanal, das beständige Gewühl von Menschen; man kann da die besten Studien machen.«

»O, ihr Maler seid in der That ein glückseliges Volk, euch ist gar nicht beizukommen und wenn man euch auf der That ertappt. Streift ihr in der Mitternacht herum, so werden Mond- oder Schattenstudien gemacht, attrapirt man euch am allerfrühesten Morgen in irgend einem verdächtigen Viertel, so habt ihr die wunderbaren Abwechslungen des jungen aufsteigenden Lichtes beobachtet, und trifft man euch in Person bei einer sonderbar ausschauenden Unbekannten, so versteht sich das ganz von selbst, denn ihr wäret gezwungen, an ihr äußerst interessante Studien zu machen. Ja, ja, in der That, ihr habt ein beneidenswertes Gewerbe.«

»Es ist eigentlich schade, daß du nicht auch ein Maler geworden bist,« sagte Arthur, indem er auf die Fensterscheibe hauchte, und mit wenigen Strichen den Kopf eines Satyrs entwarf.

Der alte Herr, der auf seinem Spaziergang durch's Zimmer zufällig hinter den Beiden stehen geblieben war, hatte die letzten Worte gehört und sprach nun lächelnd: »Nein, nein, Alfons, 's ist besser so; Gott soll uns bewahren! Wir haben an Einem Künstler genug; nicht wahr, Mama?«

Die Kommerzienräthin wandte ihre spitze Nase ruhig nach dem Fenster, glättete den Kragen ihres Chemisettes und entgegnete: »Das will ich meinen, mehr als genug!«

»Hörst du es, Arthur, was Mama gesagt, mehr als genug –?«

»O, ich habe das schon tausendmal gehört.«

»Und Mama hat Recht,« fuhr der Kommerzienrath fort. »Künstler, – nun ja, es soll am Ende auch solche Leute geben, und wer einmal angewiesen ist, sein Brod auf diese Art verdienen zu müssen, der kann es in Gottes Namen thun; aber in unserer Familie bist du der Erste, der sich – wie soll ich sagen? – veranlaßt sah, keinen – eigentlich soliden Geschäftszweig zu ergreifen.«

»Der Erste,« sagte bestimmt die Kommerzienräthin; – »und von der ganzen Malerei hast du, wie es mir scheint und wie ich mir sagen ließ, die unsolideste Branche erwählt.«

»Eine unsolide Branche?« fragte Arthur verwundert, indem er sein Gesicht vom Fenster in's Zimmer wandte. »Ah, Mama! das genau zu erfahren, wäre ich neugierig.«

»Die unsolideste,« entgegnete fest die Kommerzienräthin. »Was bringst du eigentlich zu Stande? – Eine Landschaft, an der man sein Vergnügen haben könnte? – Nein! – oder ein würdiges Porträt? – Auch das nicht! Da zeichnest und malst du allerlei Firlefanz, so daß man den Leuten, die für deine Kunstfertigkeit schwärmen, nichts von deinen Arbeiten zeigen kann, ohne in Verlegenheit zu gerathen.«

»Das ist schon wahr,« sagte Alfons leise und lachend, »Venus malst du zu oft, und badende Mädchen, auch Tänzerinnen und dergleichen.«

»Mama hat Recht,« sprach wichtig der Kommerzienrath, indem er den Versuch machte, seine Weste herab zu ziehen; »das eigentlich Solide fehlt dir. Hast du nicht vor einem halben Jahr das Porträt unserer Freundin, der Oberregierungsräthin, ganz vergeblich angefangen? Hast du es nicht trotz ihres oftmaligen Erinnerns bis jetzt unvollendet gelassen?«

»Einer so würdigen Frau von so gutem Hause,« setzte ernst die Kommerzienräthin hinzu.

»Allerdings,« sagte Arthur, »eine würdige Dame mit rothem Gesichte, röthlichem Haar, die gemalt zu sein wünschte in einer Haube mit rothen Bändern, in einem rothen Kleid und rothem Shawl. Das war nicht auszuhalten. Es hätte meine Augen ruinirt.«

»Es wäre aber ein artiges Bild geworden,« meinte Alfons ironisch, »das vielleicht irgend einmal bei einem Stierkampf hätte verwendet werden können.«

»Thomas!« rief die alte Frau ihrem Gatten, ohne den Worten ihres Sohnes und Schwiegersohnes weitere Aufmerksamkeit zu schenken, »wir sind jetzt alle so ziemlich hier versammelt – nur deine Frau fehlt wie gewöhnlich,« wandte sie sich mit Beziehung an ihren älteren Sohn, – »und könnten also in einige Ueberlegung ziehen, wann und auf welche Art wir die große Soirée veranstalten wollen, die ich für unumgänglich nothwendig gefunden habe, nächstens den uns befreundeten Familien zu arrangiren.«

»Ganz recht, mein Kind,« entgegnete der Kommerzienrath, während er sich die Hände rieb; »wir müssen ziemlich ausgedehnte Einladungen machen.«

»Aber in gehörigen Grenzen,« antwortete ernst die alte Dame.

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Bis zur sechsten Rangklasse,« sagte Alfons lächelnd, aber leise zu Arthur.

»Soll getanzt werden, Mama?« fragte Marianne.

»Ueber die Art dieser Soirée bin ich noch nicht mit mir im Reinen,« entgegnete die Kommerzienräthin; »ein Ball, ein einfacher Thé dansant ist etwas Gewöhnliches; ich möchte wieder etwas Neues arrangiren, Etwas, von dem man auch spräche, das uns Veranlassung gäbe, so viel wie möglich der Bekannten und Freunde einzuladen.«

»So warten Sie doch bis Karneval, und arrangiren Sie alsdann einen maskirten Ball.«

»Ich hasse die Maskeraden. Aber ich habe etwas Anderes ausgedacht.«

»Das ist auf jeden Fall vortrefflich,« sagte der alte Herr, wobei er sich dem Sopha näherte. – »So laß hören!«

»Ich denke,« fuhr die Frau würdevoll fort, »wir veranstalten lebende Bilder; der grüne Saal wäre ganz passend dazu, es ließe sich da sehr gut ein Vorhang anbringen, und dann hat auch Arthur bei dieser Veranlassung die beste Gelegenheit, den Leuten zu beweisen, daß er auch in seiner Kunst etwas Reelles zu leisten versteht.«

»Die Idee, Frau Mama, ist charmant,« sprach der Maler. »Lebende Bilder, hübsch arrangirt – wahrhaftig ein vortrefflicher Gedanke! Ich werde mich der Sache mit allem Eifer annehmen.«

»Der grüne Saal ist ganz passend dazu,« meinte der Kommerzienrath.

»Nicht übel,« sagte Alfons mit einem beistimmenden Kopfnicken.

Und Marianne flüsterte ihrem Bruder zu: »Ich würde mich gern darauf freuen, aber du wirst sehen, mein Mann erlaubt mir nicht, daß ich ebenfalls mitmachen darf.«

»Und meine Frau,« entgegnete der Bruder verstimmt, »wird an so dummem Zeug, wie sie sagt, keinen Spaß finden – nachdem nämlich ihre Laune ist – und mir schon zum Voraus den ganzen Abend verderben.«

»Gewiß, mein Kind,« versetzte der Kommerzienrath, »wir sind stolz auf deine Erfindung.«

Die alte Dame fühlte sich einigermaßen geschmeichelt, daß ihr Vorschlag mit Akklamation gut geheißen wurde. Wenn sie auch ihren Willen auf alle Fälle durchgesetzt hätte, so war es ihr doch angenehm, auf keine großen Widerreden zu stoßen.

»Darf ich auch mitmachen?« fragte Marianne ihren Gemahl; worauf Alfons, der am Fenster ein ziemlich freundliches Gesicht gemacht hatte, jetzt die Augenbrauen finster zusammenzog, die Brille empor rückte und in wegwerfendem Tone entgegnete: »Liebes Kind, das muß man jüngeren Frauen und Mädchen überlassen. Ueberhaupt kannst du als Tochter des Hauses nur vielleicht daran denken, einen Platz im Hintergrunde einzunehmen, wenn gerade ein solcher vorhanden wäre, und ihn niemand Anderes ausfüllen will. Da stehe ich für meine Person in keinem lebenden Bilde, und es würde mir am Ende nicht gerade passend erscheinen, wenn du mit fremden jungen Leuten da in allerhand sonderbare Stellungen kämest.«

Die Kommerzienräthin hob ihre Nase um einige Zoll empor und antwortete mit einem scharfen Blick aus ihren grauen Augen: »Die Arrangements sind meine Sache, Herr Schwiegersohn, und wenn ich es vielleicht für gut finde, Marianne irgendwo zu placiren, so würden Sie wohl nichts dagegen haben.«

»Und warum nicht?« fragte Herr Alfons ziemlich hochmüthig. »Sie wissen, Mama, ich achte Ihre Arrangements bis an die Thüre meiner Wohnung; was dahinter zu befehlen ist, besorge ich selbst.«

»Ruhig! ruhig!« sagte beschwichtigend der Kommerzienrath, denn er sah, wie der Teint seiner Ehehälfte anfing etwas gelblich zu unterlaufen. »Hat man denn keine Ruhe vor euch? Das wird sich ja Alles finden, Madame wird arrangiren, wie sich von selbst versteht.«

Alfons lächelte seltsam in sich hinein.

»Der sollte deine Frau haben,« sagte die Schwester in der Sophaecke mißmuthig zu Eduard.

»Oder ich Etwas von seinem harten und festen Temperament,« entgegnete dieser seufzend.

»Also lebende Bilder!« rief Arthur freudig. »Vortrefflich, in der That, Mama! – Und Sie Überlassen mir die Anordnungen?«

»Du wirst den Saal unter meiner Aufsicht herrichten,« erwiderte ernst die Dame, »du wirst über einige Bilder nachsinnen und sie mir zur Auswahl vorlegen.«

»Schön, schön. – Und welche Arten von Bildern wünschen Sie hauptsächlich, Mama? Sollen es Genrebilder sein oder sollen wir auch stellen nach bekannten historischen Gemälden, nach heiligen Bildern und dergleichen?«

»Von Allem Etwas,« meinte die Kommerzienräthin. »Ich werde dir eine Liste anfertigen von den achtbarsten Personen, die ich zur Mitwirkung einladen will.«

»Nur von den achtbarsten Personen?« fragte der Sohn kleinlaut.

»Wie so?«

»Nun, ich dachte, Mama: man sollte eigentlich auf die schönsten Gesichter und Figuren sehen, und wer am besten hier und dort zu gebrauchen ist.«

»Auch das, aber ich kann den Rang und Stand nicht ganz außer Augen lassen.«

»O weh, Mama!«

»Ich weiß, was sich schickt,« fuhr unerschütterlich die alte Frau fort. »Ich kann doch zum Beispiel in einem Bilde einer Kanzleiräthin nicht eine besonders schöne Figur zutheilen, und von einer Oberregierungsräthin verlangen, daß sie sich mit Geringerem begnüge!«

»Dann lassen Sie lieber Beide weg, Mama, und nehmen nur jüngere Personen.«

»Jüngere Personen?« fragte ernst die Mutter. »Und wer will da eine Grenzlinie ziehen? In lebenden Bildern zu stehen, fühlt sich Jede jung genug, und mit Kostüm und Schminke läßt sich schon viel ausrichten.«

»Da Sie von Kostümen sprechen, Mama,« sagte Arthur nach einer längeren Pause, »wie wollen Sie, daß es damit gehalten wird? Wenn Sie wünschen, so bitte ich den Intendanten des Hoftheaters, uns mit Einigem auszuhelfen.«

»Kostüme des Theaters!« versetzte ernst die Kommerzienräthin, indem sie den Kopf schüttelte. »Das wird nicht wohl angehen. Kleider von Leuten wie Sängerinnen, Schauspielerinnen, Tänzerinnen und dergleichen Personen in mein Haus bringen zu lassen, wäre mir nicht angenehm; auch würde mir das manche Mutter einer unschuldigen Tochter wegen verübeln.«

»Aber die Kleider können doch ihrer Sittsamkeit nichts schaden!« meinte Arthur halb ärgerlich.

»Solche Personen,« fuhr ernst die Mutter fort, »Tänzerinnen und dergleichen können sich Etwas darauf einbilden, auf diese Art mit uns in Berührung gekommen zu sein. Und ich mag das nicht.«

»Aber der Zweck heiligt die Mittel,« sprach begütigend der Kommerzienrath. »Und ich glaube, wenn man etwas Schönes arrangiren will, so kann man wahrhaftig nicht ohne die Kostüme des Theaters sein.«

»Sie thun gerade, Mama,« bemerkte Arthur, »als würden uns dieselben angeboten und wir hätten nur so das Recht, sie zu verwerfen. Es ist überhaupt noch eine große Frage, ob man uns Kostüme bewilligt. Und dann nehmen Sie mir nicht übel, wenn auch die meisten der eingeladenen Damen es sich leider für keine Ehre rechnen, mit Schauspielerinnen und Tänzerinnen in Berührung zu kommen, so werden sie dagegen, wo es sich um Vergnügen handelt, die Kleider derselben nicht verschmähen. Es ist gerade so mit dem Theaterbesuch; ich kenne Herren und Damen genug, die vor einem Ballet auf ihrem Gesicht die außerordentlichste Verachtung zeigen, und die es im Gefühl ihrer Würde und Unschuld nicht begreifen können, wie es Tänzer und namentlich Tänzerinnen wagen können, ein paar Hand breit Tricots zu zeigen, die aber, wenn einmal der Vorhang aufgezogen ist, ihr Glas nicht mehr vom Auge lassen.«

»Ah! lieber Freund, das thue ich auch,« sagte salbungsvoll und mit ernstem Gesichtsausdruck Herr Alfons; »aber du wirst mir glauben, daß ich es nicht thue, um die unanständigen Bewegungen zu sehen, sondern daß ich bei mir denke: du willst doch einmal sehen, wie weit eigentlich die Verworfenheit des menschlichen Geschlechts zu gehen im Stande ist.«

»Ah! mein lieber Schwager,« entgegnete entrüstet der Maler, »dazu brauchst du weder das Theater noch dein Opernglas; das kannst du viel näher haben.«

»Arthur! Arthur!« rief der Kommerzienrath. »Muß man denn beständig bei euch den Vermittler machen! Immer Reibereien und unangenehme Reden! Ihr werdet Mama noch verdrießlich machen.«

»Das ist möglich; aber auf die Gefahr hin, Mama verdrießlich zu machen, erkläre ich, daß, wenn ihr lebende Bilder aufführen wollt und dazu keine ordentlichen Kostüme anschafft, mögt ihr diese herbekommen, woher ihr wollt, aus der ganzen Sache nichts Rechtes werden wird und ich mich nicht da hineinmischen kann.«

Die Kommerzienräthin versicherte, sie würde das Beste in dieser Sache auszuwählen wissen, und es dann wie immer verstehen, ihren Willen durchzusetzen. Darauf erhob sie sich mit aufrechtem Haupte aus ihrer Sophaecke und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Marianne ging in ihre Wohnung hinauf, nachdem sie einen fast vergeblichen Versuch gemacht, von dem Gemahl ein freundliches Wort zu erhalten. Herr Alfons drückte die Brille fester an die Augen, knöpfte seinen Rock zu und schickte sich an, in das Comptoir hinabzusteigen, wo Commis und Lehrlinge diesem Augenblicke mit einem unbehaglichen Gefühl entgegensahen. Der Kommerzienrath schloß sich in sein Kabinet ein, um seine Zeitungen zu lesen und über das Fallen und Steigen der Papiere nachzudenken. Arthur aber ging in sein Atelier, das er nur im Hintergebäude des elterlichen Hauses haben durfte; Mama hatte sich ein- für allemal dahin ausgesprochen: sie wolle ihr Haus rein erhalten.

 

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