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Gutenberg > William Shakespeare >

Hamlet. Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel

William Shakespeare: Hamlet. Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
titleHamlet. Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
publisherSigbert Mohn Verlag, Gütersloh
pages581-688
senderolesch@rbg.informatik.tu-darmstadt.de
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VIERTER AKT

ERSTE SZENE

Ein Zimmer im Schlosse


Der König, die Königin, Rosenkranz und Güldenstern.

KÖNIG
In diesen tiefen Seufzern ist ein Sinn;
Legt sie Uns aus, Wir müssen sie verstehn.
Wo ist Eur Sohn?

KÖNIGIN
zu Rosenkranz und Güldenstern.
Räumt diesen Platz uns auf ein Weilchen ein.
Die beiden ab.
Ah, mein Gemahl, was sah ich diese Nacht!

KÖNIG
Wie, Gertrud? Was macht Hamlet?

KÖNIGIN
Er rast wie See und Wind, wenn beide kämpfen,
Wer mächtger ist; in seiner wilden Wut,
Da er was hinterm Teppich rauschen hört,
Reißt er die Kling heraus, schreit: eine Ratte! -
Und tötet so in seines Wahnes Hitze
Den ungesehnen guten alten Mann.

KÖNIG
O schwere Tat! So wär es Uns geschehn,
Wenn Wir daselbst gestanden. Seine Freiheit
Droht aller Welt, Euch selbst, Uns, jedem andern.
Ach, wer steht ein für diese blutge Tat?
Uns wird zur Last sie fallen, deren Vorsicht
Den tollen jungen Mann eng eingesperrt
Und fern von Menschen hätte halten sollen.
Doch Unsre Liebe war so groß, daß Wir
Nicht einsehn wollten, was das Beste war.
Und wie der Eigner eines bösen Schadens,
Den er geheim hält, ließen Wir ihn zehren
Recht an des Lebens Mark. Wo ist er hin?

KÖNIGIN
Er schafft den Leichnam des Erschlagnen weg,
Wobei sein Wahnsinn wie ein Körnchen Gold
In einem Erz von schlechteren Metallen
Sich rein beweist: er weint um das Geschehne.

KÖNIG
O Gertrud, laßt uns gehn!
Sobald die Sonne an die Berge tritt,
Schifft man ihn ein; und diese schnöde Tat
Muß Unsre ganze Majestät und Kunst
Vertreten und entschuldigen. - He, Güldenstern!
Rosenkranz und Güldenstern kommen.
Geht, beide Freunde, nehmt Euch wen zu Hülfe.
Hamlet hat den Polonius umgebracht
In seinem tollen Mut und ihn darauf
Aus seiner Mutter Zimmer weggeschleppt.
Geht, sucht ihn, sprecht ihm zu und bringt den Leichnam
In die Kapell. Ich bitt Euch, eilt hiebei.
Rosenkranz und Güldenstern ab.
Kommt, Gertrud, rufen wir von unsern Freunden
Die klügsten auf und machen ihnen kund,
Was wir zu tun gedenken und was leider
Geschehn. So kann der schlangenartge Leumund,
Des Zischeln von dem einen Pol zum andern,
So sicher wie zum Ziele die Kanone
Den giftgen Schuß trägt, unsern Namen noch
Verfehlen und die Luft unschädlich treffen.
O komm hinweg mit mir! Entsetzen ist
In meiner Seel und innerlicher Zwist.
Beide ab.



ZWEITE SZENE

Ein andres Zimmer im Schlosse


Hamlet kommt.

HAMLET
Sicher beigepackt.

ROSENKRANZ und GÜLDENSTERN
hinter der Szene.
Hamlet! Prinz Hamlet!

HAMLET
Aber still - was für ein Lärm? Wer ruft den Hamlet? Oh, da kommen sie.
Rosenkranz und Güldenstern kommen.

ROSENKRANZ
Was habt Ihr mit dem Leichnam, Prinz, gemacht?

HAMLET
Ihn mit dem Staub gepaart, dem er verwandt.

ROSENKRANZ
Sagt uns den Ort, daß wir ihn weg von da
In die Kapelle tragen.

HAMLET
                         Glaubt es nicht.

ROSENKRANZ
Was nicht glauben?

HAMLET
Daß ich Euer Geheimnis bewahren kann und meines nicht. Überdies, sich von einem Schwamme fragen zu lassen! Was für eine Antwort soll der Sohn eines Königs darauf geben?

ROSENKRANZ
Nehmt Ihr mich für einen Schwamm, gnädiger Herr?

HAMLET
Ja, Herr, der des Königs Miene, seine Gunstbezeugungen und Befehle einsaugt. Aber solche Beamte tun dem Könige den besten Dienst am Ende. Er hält sie, wie ein Affe den Apfel, im Winkel seines Kinnbackens: zuerst in den Mund gesteckt, um zuletzt verschlungen zu werden. Wenn er braucht, was Ihr aufgesammelt habt, so darf er Euch nur drücken, so seid Ihr, Schwamm, wieder trocken.

ROSENKRANZ
Ich verstehe Euch nicht, gnädiger Herr.

HAMLET
Es ist mir lieb; eine lose Rede schläft in dummen Ohren.

ROSENKRANZ
Gnädiger Herr, Ihr müßt uns sagen, wo die Leiche ist, und mit uns zum Könige gehn.

HAMLET
Die Leiche ist beim König, aber der König ist nicht bei der Leiche. Der König ist ein Ding -

GÜLDENSTERN
Ein Ding, gnädiger Herr?

HAMLET
- das nichts ist. Bringt mich zu ihm! Versteck dich, Fuchs, und alle hinterdrein!
Alle ab.




DRITTE SZENE

Ein andres Zimmer im Schlosse


Der König tritt auf mit Gefolge.

KÖNIG
Ich laß ihn holen und den Leichnam suchen.
O wie gefährlich ists, daß dieser Mensch
So frank umhergeht! Dennoch dürfen wir
Nicht nach dem strengen Recht mit ihm verfahren;
Er ist beliebt bei der verworrnen Menge,
Die mit dem Aug, nicht mit dem Urteil wählt,
Und wo das ist, wägt man des Schuldgen Plage,
Doch nie die Schuld. Um alles auszugleichen,
Muß diese schnelle Wegsendung ein Schritt
Der Überlegung scheinen; wenn die Krankheit
Verzweifelt ist, kann ein verzweifelt Mittel
Nur helfen, oder keins.
Rosenkranz kommt.
                         Was ist geschehn?

ROSENKRANZ
Wo er die Leiche hingeschafft, mein Fürst,
Vermögen wir von ihm nicht zu erfahren.

KÖNIG
Wo ist er selber?

ROSENKRANZ
                   Draußen, gnädger Herr,
Bewacht, um Eur Belieben abzuwarten.

KÖNIG
So bringt ihn vor Uns!

ROSENKRANZ
He, Güldenstern! Bringt den gnädigen Herrn herein!
Hamlet und Güldenstern kommen.

KÖNIG
Nun, Hamlet, wo ist Polonius?

HAMLET
Beim Nachtmahl.

KÖNIG
Beim Nachtmahl? Wo?

HAMLET
Nicht wo er speist, sondern wo er gespeist wird. Eine gewisse Reichsversammlung von politischen Würmern hat sich eben an ihn gemacht. So 'n Wurm ist Euch der einzige Kaiser, was die Tafel betrifft. Wir mästen alle andern Kreaturen, um uns zu mästen, und uns selber mästen wir für Maden. Der fette König und der magre Bettler sind nur verschiedne Gerichte; zwei Schüsseln, aber für eine Tafel: das ist das Ende vom Liede.

KÖNIG
Ach Gott, ach Gott!

HAMLET
Jemand könnte mit dem Wurm fischen, der von einem König gegessen hat, und von dem Fisch essen, der den Wurm verzehrte.

KÖNIG
Was meinst du damit?

HAMLET
Nichts, als Euch zu zeigen, wie ein König seinen Weg durch die Gedärme eines Bettlers nehmen kann.

KÖNIG
Wo ist Polonius?

HAMLET
Im Himmel. Schickt hin, laßt nachsehn! Wenn Euer Bote ihn da nicht findet, so sucht ihn selbst an dem andern Orte. Aber wahrhaftig, wo Ihr ihn nicht binnen dieses Monats findet, so werdet Ihr ihn wittern, wenn Ihr die Treppe zur Galerie hinaufgeht.

KÖNIG
zu einigen aus dem Gefolge.
Geht, sucht ihn dort!

HAMLET
Er wird warten, bis ihr kommt.
Einige aus dem Gefolge ab.

KÖNIG
Hamlet, für deine eigne Sicherheit,
Die Uns so wert ist, wie Uns innig kränkt,
Was du begangen hast, muß diese Tat
In feuriger Eile dich von hinnen senden.
Drum rüste dich; das Schiff liegt schon bereit,
Der Wind ist günstig, die Gefährten warten,
Und alles treibt nach England auf und fort.

HAMLET
Nach England?

KÖNIG
Ja, Hamlet.

HAMLET
Gut.

KÖNIG
So ist es, wenn du unsre Absicht wüßtest.

HAMLET
Ich sehe einen Cherub, der sie sieht. - Aber kommt! Nach England! - Lebt wohl, liebe Mutter!

KÖNIG
Dein liebevoller Vater, Hamlet.

HAMLET
Meine Mutter. Vater und Mutter sind Mann und Weib; Mann und Weib sind ein Fleisch: also meine Mutter. - Kommt, nach England!
Ab.

KÖNIG
Folgt auf dem Fuß ihm, lockt ihn schnell an Bord;
Verzögert nicht; er muß zu Nacht von hinnen.
Fort! Alles ist versiegelt und geschehn,
Was sonst die Sache heischt. Ich bitt Euch, eilt.
Rosenkranz und Güldenstern ab.
Und, England, gilt dir meine Liebe was,
Wie meine Macht sie dich kann schätzen lehren
- Denn noch ist deine Narbe wund und rot
Vom Dänenschwert, und deine Ehrfurcht leistet
Uns willig Lehenspflicht -, so darfst du nicht
Das oberherrliche Geheiß versäumen,
Das durch ein darauf zielndes Schreiben dringt
Auf Hamlets schnellen Tod. O tu es, England!
Wie hektisch Fieber rast er mir im Blut,
Du mußt mich heilen! Mag mir alles glücken;
Bis dies geschehn ist, kann mich nichts erquicken.
Ab.




VIERTE SZENE

Eine Ebene in Dänemark


Fortinbras und Truppen, im Marsch begriffen.

FORTINBRAS
Geht, Hauptmann, grüßt von mir den Dänenkönig,
Sagt ihm, daß Fortinbras auf sein Gestatten
Für den versprochnen Zug durch sein Gebiet
Geleit begehrt. Ihr wißt, wo wir uns treffen.
Wenn Seine Majestät uns sprechen will,
So wollen wir pflichtmäßig ihn begrüßen:
Das meldet ihm!

HAUPTMANN
                 Ich will es tun, mein Prinz.

FORTINBRAS
Rückt langsam vor!
Fortinbras und Truppen ab.
Hamlet, Rosenkranz, Güldenstern und andere kommen.

HAMLET
Wes sind die Truppen, lieber Herr?

HAUPTMANN
Sie sind von Norweg, Herr.

HAMLET
Wozu bestimmt, ich bitt Euch?

HAUPTMANN
Sie rücken gegen Polen.

HAMLET
Wer führt sie an?

HAUPTMANN
Des alten Norwegs Neffe, Fortinbras.

HAMLET
Und geht es auf das ganze Polen oder
Auf einen Grenzort nur?

HAUPTMANN
Um wahr zu reden und mit keinem Zusatz,
Wir gehn, ein kleines Fleckchen zu gewinnen,
Das keinen Vorteil als den Namen bringt.
Für fünf Dukaten, fünf, möcht ichs nicht pachten,
Auch bringts dem Norweg oder Polen sicher
Nicht mehr, wenn man auf Erbzins es verkauft.

HAMLET
So wird es der Polack nicht halten wollen.

HAUPTMANN
Doch; es ist schon besetzt.

HAMLET
Zweitausend Seelen, zwanzigtausend Goldstück
Entscheiden diesen Lumpenzwist noch nicht.
Dies ist des Wohlstands und der Ruh Geschwür,
Das innen aufbricht, während äußerlich
Kein Todesgrund sich zeigt. - Ich dank Euch, Herr.

HAUPTMANN
Geleit Euch Gott!
Ab.

ROSENKRANZ
                   Beliebt es Euch zu gehn?

HAMLET
Ich komme gleich Euch nach. Geht nur voran!
[Rosenkranz und die übrigen ab. ] Alle außer Hamlet ab.
Wie jeder Anlaß mich verklagt und spornt
Die träge Rache an! Was ist der Mensch,
Wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut
Nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter.
Gewiß, der uns mit solcher Denkkraft schuf,
Voraus zu schaun und rückwärts, gab uns nicht
Die Fähigkeit und göttliche Vernunft,
Daß ungebraucht sie in uns schimmle. Nun,
Sei's viehisches Vergessen oder sei's
Ein banger Zweifel, welcher zu genau
Bedenkt den Ausgang - ein Gedanke, der,
Zerlegt man ihn, ein Viertel Weisheit nur
Und stets drei Viertel Feigheit hat -, ich weiß nicht,
Weswegen ich noch lebe, um zu sagen:
»Dies muß geschehn«; da ich doch Grund und Willen
Und Kraft und Mittel hab, um es zu tun.
Beispiele, die zu greifen, mahnen mich.
So dieses Heer von solcher Zahl und Stärke,
Von einem zarten Prinzen angeführt,
Des Mut, von hoher Ehrbegier geschwellt,
Die Stirn dem unsichtbaren Ausgang beut
Und gibt sein sterblich und verletzbar Teil
Dem Glück, dem Tode, den Gefahren preis,
Für eine Nußschal. Wahrhaft groß sein, heißt,
Nicht ohne großen Gegenstand sich regen,
Doch einen Strohhalm selber groß verfechten,
Wenn Ehre auf dem Spiel. Wie steh denn ich,
Den seines Vaters Mord, der Mutter Schande,
Antriebe der Vernunft und des Geblüts,
Den nichts erweckt? Ich seh indes beschämt
Den nahen Tod von zwanzigtausend Mann,
Die für 'ne Grille, ein Phantom des Ruhms
Zum Grab gehn wie ins Bett; es gilt ein Fleckchen,
Worauf die Zahl den Streit nicht führen kann,
Nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen
Nur zu verbergen. O von Stund an trachtet
Nach Blut, Gedanken, oder seid verachtet!
Ab.




FÜNFTE SZENE

Helsingör. Ein Zimmer im Schlosse


Die Königin , [und ] Horatio und ein Edelmann treten auf.

KÖNIGIN
Ich will nicht mit ihr sprechen.

[HORATIO ] EDELMANN
Sie ist sehr dringend; wirklich, außer sich;
Ihr Zustand ist erbarmenswert.

KÖNIGIN
                                Was will sie?

[HORATIO ] EDELMANN
Sie spricht von ihrem Vater, sagt, sie höre,
Die Welt sei schlimm, und ächzt und schlägt die Brust;
Ein Strohhalm ärgert sie; sie spricht verworren
Mit halbem Sinn nur; ihre Red ist nichts,
Doch leitet ihre ungestalte Art
Die Hörenden auf Schlüsse; man errät,
Man stückt zusammen ihrer Worte Sinn,
Die sie mit Nicken gibt, mit Winken, Mienen,
So daß man wahrlich denken muß; man könnte
Zwar nichts gewiß, jedoch viel Arges denken.

[KÖNIGIN ] HORATIO
Man muß doch mit ihr sprechen; sie kann Argwohn
In Unheil brütende Gemüter streun.

KÖNIGIN
Laßt sie nur vor! -
Horatio ab.
Der kranken Seele, nach der Art der Sünden,
Scheint jeder Tand ein Unglück zu verkünden,
Von so betörter Furcht ist Schuld erfüllt,
Daß, sich verbergend, sie sich selbst enthüllt.
Horatio kommt mit Ophelia.

OPHELIA
Wo ist die schöne Majestät von Dänmark?

KÖNIGIN
Wie gehts, Ophelia?

OPHELIA
singt.

Wie erkenn ich dein Treulieb
Vor den andern nun?
An dem Muschelhut und Stab
Und den Sandelschuhn.

KÖNIGIN
Ach, süßes Fräulein, wozu soll dies Lied?

OPHELIA
Was beliebt? Nein, bitte, hört:
Singt.

Er ist lange tot und hin,
Tot und hin, Fräulein!
Ihm zu Häupten ein Rasen grün,
Ihm zu Fuß ein Stein.
Oh!

KÖNIGIN
Aber sagt, Ophelia -

OPHELIA
                      Bitt Euch, hört:
Singt.

Sein Leichenhemd weiß wie Schnee zu sehn -
Der König tritt auf.

KÖNIGIN
Ach, mein Gemahl, seht hier!

OPHELIA
singt.

Geziert mit Blumensegen,
Das unbetränt zum Grab mußt gehn
Von Liebesregen.

KÖNIG
Wie gehts Euch, holdes Fräulein?

OPHELIA
Gottes Lohn, recht gut! Sie sagen, die Eule war eines Bäckers Tochter. Ach Herr, wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können. Gott segne Euch die Mahlzeit!

KÖNIG
Anspielung auf ihren Vater.

OPHELIA
Bitte, laßt uns darüber nicht sprechen; aber wenn sie Euch fragen, was es bedeutet, sagt nur:
Singt.

Auf morgen ist Sankt Valentins Tag,
Wohl an der Zeit noch früh,
Und ich 'ne Maid am Fensterschlag
Will sein eur Valentin.
Er war bereit, tät an sein Kleid,
Tät auf die Kammertür,
Ließ ein die Maid, die als 'ne Maid
Ging nimmermehr herfür.

KÖNIGIN
Holde Ophelia!

OPHELIA
Fürwahr, ohne Schwur, ich will ein Ende machen:
Singt.

Bei unsrer Frau und Sankt Kathrin!
O pfui! was soll das sein?
Ein junger Mann tuts, wenn er kann,
Beim Himmel, 's ist nicht fein.
Sie sprach: Eh Ihr gescherzt mit mir,
Gelobtet Ihr mich zu frein.
Er antwortet:
Ich brächs auch nicht, beim Sonnenlicht!
Wärst du nicht kommen herein.

KÖNIG
Wie lang ist sie schon so?

OPHELIA
Ich hoffe, alles wird gut gehn. Wir müssen geduldig sein; aber ich kann nicht anders als weinen, wenn ich denke, daß sie ihn in den kalten Boden gelegt haben. Mein Bruder soll davon wissen, und so dank ich euch für euren guten Rat. Komm, meine Kutsche! Gute Nacht, Damen, gute Nacht, süße Damen, gute Nacht, gute Nacht!
Ab.

KÖNIG
Folgt auf dem Fuß ihr doch; bewacht sie recht!
Horatio ab.
O dies ist Gift des tiefen Grams, es quillt
Aus ihres Vaters Tod. Und seht nun an,
O Gertrud, Gertrud, wenn die Leiden kommen,
So kommen sie wie einzelne Späher nicht,
Nein, in Geschwadern. Ihr Vater umgebracht;
Fort Euer Sohn, er selbst der wüste Stifter
Gerechten eignen Banns; das Volk verschlämmt,
Schädlich und trüb in Wähnen und Vermuten
Vom Tod des redlichen Polonius;
Und töricht wars von uns, so unterm Husch
Ihn zu bestatten; dann dies arme Kind,
Getrennt von sich und ihrem edlen Urteil,
Ohn welches wir nur Bilder sind, nur Tiere.
Zuletzt, was mehr als alles in sich schließt:
Ihr Bruder ist von Frankreich insgeheim
Zurückgekehrt, nährt sich mit seinem Staunen,
Hält sich in Wolken und ermangelt nicht
Der Ohrenbläser, um ihn anzustecken
Mit giftgen Reden von des Vaters Tod,
Wobei Verlegenheit, an Vorwand arm,
Sich nicht entblöden wird, Uns zu verklagen
Von Ohr zu Ohr. O liebste Gertrud, dies
Gibt wie ein Traubenschuß an vielen Stellen
Mir überflüßgen Tod.
Lärm hinter der Szene.

KÖNIGIN
                      O weh! Was für ein Lärm?
[Ein Edelmann kommt. ]

KÖNIG
Herbei!
Wo sind die Schweizer? Laßt die Tür bewachen.
Ein Edelmann kommt.
Was gibt es draußen?

EDELMANN
                      Rettet Euch, mein Fürst!
Der Ozean, entwachsend seinem Saum,
Verschlingt die Niedrung ungestümer nicht,
Als an der Spitze eines Meutrerhaufens
Laertes Eure Diener übermannt.
Der Pöbel nennt ihn Herrn, und gleich als finge
Die Welt erst an, als wär das Altertum
Vergessen und Gewohnheit nicht bekannt,
Die Stützen und Bekräftger jedes Worts,
Schrein sie: Erwählen wir! Laertes werde König!
Und Mützen, Hände, Zungen tragens jubelnd
Bis an die Wolken: König sei Laertes!
Laertes König!

KÖNIGIN
Sie schlagen lustig an auf falscher Fährte.
Verkehrt gespürt, ihr falschen Dänenhunde!
Lärm hinter der Szene.

KÖNIG
Die Türen sind gesprengt.
Laertes kommt bewaffnet. Dänen hinter ihm.

LAERTES
Wo ist denn dieser König? - Herrn, bleibt draußen!

DÄNEN
Nein, laßt uns mit hinein!

LAERTES
                            Ich bitt, erlaubt mir!

DÄNEN
Gut, wie Ihr wollt.
Sie ziehen sich hinter die Tür zurück.

LAERTES
                     Dank Euch! Besetzt die Tür! -
Du schnöder König, gib mir meinen Vater.

KÖNIGIN
Guter Laertes, ruhig!

LAERTES
Der Tropfe Bluts, der ruhig ist, erklärt
Für Bastard mich, schilt Hahnrei meinen Vater,
Brandmarkt als Metze meine treue Mutter,
Hier zwischen ihren reinen, keuschen Braun.

KÖNIG
Was ist der Grund, Laertes, daß dein Aufstand
So riesenmäßig aussieht? - Laßt ihn, Gertrud,
Befürchtet nichts für Unsere Person,
Denn solche Göttlichkeit schirmt einen König:
Verrat, der nur erblickt, was er gewollt,
Steht ab von seinem Willen. - Sag, Laertes,
Was bist du so entrüstet? - Gertrud, laßt ihn! -
Sprich, junger Mann.

LAERTES
                      Wo ist mein Vater?

KÖNIG
                                          Tot.

KÖNIGIN
Doch nicht durch ihn.

KÖNIG
                        Laßt ihn nur satt sich fragen.

LAERTES
Wie kam er um? Ich lasse mich nicht äffen.
Zur Hölle, Treu! Zum ärgsten Teufel, Eide!
Gewissen, Frömmigkeit, zum tiefsten Schlund!
Ich trotze der Verdammnis; so weit kams:
Ich schlage beide Welten in die Schanze,
Mag kommen, was da kommt! Nur Rache will ich
Vollauf für meinen Vater.

KÖNIG
                           Wer wird Euch hindern?

LAERTES
Mein Wille, nicht der ganzen Welt Gebot,
Und meine Mittel will ich so verwalten,
Daß wenig weit soll reichen.

KÖNIG
                              Hört, Laertes,
Wenn Ihr von Eures teuren Vaters Tod
Das Sichre wissen wollt: Ists Eurer Rache Schluß,
Als Sieger in dem Spiel so Freund als Feind,
Gewinner und Verlierer fortzureißen?

LAERTES
Nur seine Feinde.

KÖNIG
                   Wollt Ihr sie denn kennen?

LAERTES
Den Freunden will ich weit die Arme öffnen
Und wie der Lebensopfrer Pelikan
Mit meinem Blut sie tränken.

KÖNIG
                               So, nun sprecht Ihr
Als guter Sohn und echter Edelmann.
Daß ich an Eures Vaters Tode schuldlos
Und am empfindlichsten dadurch gekränkt,
Soll Eurem Urteil offen dar sich legen,
Wie Tageslicht dem Aug.

DÄNEN
hinter der Szene.
                         Laßt sie hinein!

LAERTES
Was gibts? Was für ein Lärm?
Ophelia kommt, phantastisch mit Kräutern und Blumen geschmückt.
                              O Hitze, trockne
Mein Hirn auf! Tränen, siebenfach gesalzen,
Brennt meiner Augen Kraft und Tugend aus!
Bei Gott, dein Wahnsinn soll bezahlt uns werden
Nach dem Gewicht, bis unsre Waagschal sinkt!
O Maienrose! Süßes Kind! Ophelia!
Geliebte Schwester! - Himmel, kann es sein,
Daß eines jungen Mädchens Witz so sterblich
Als eines alten Mannes Leben ist?
Natur ist fein im Lieben; wo sie fein ist,
Da sendet sie ein kostbar Pfand von sich
Dem, was sie liebhat, nach.

OPHELIA
singt.

Sie trugen ihn auf der Bahre bloß,
He non nonni, nonni, he nonni!
Und manche Trän fiel in Grabes Schoß -
Fahr wohl, meine Taube!

LAERTES
Hättst du Vernunft und mahntest uns zur Rache,
Es könnte so nicht rühren.

OPHELIA
Ihr müßt singen: »'nunter, hinunter, und ruft ihr ihn 'nunter!« O wie das Rad dazu klingt! Es ist der falsche Verwalter, der seines Herrn Tochter stahl.

LAERTES
Dies Nichts ist mehr als Etwas.

OPHELIA
Da ist Vergißmeinnicht, das ist zum Andenken; ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner! - Und da ist Rosmarin, das ist für die Treue.

LAERTES
Ein Sinnspruch im Wahnsinn: Treue und Andenken bezeichnet.

OPHELIA
Da ist Fenchel für Euch und Aglei - da ist Raute für Euch, und hier ist welche für mich; wir können sie Sonntagsgnadenkraut nennen. - Ihr könnt Eure Raute mit einem Zeichen tragen. - Da ist Maßlieb - ich wollte Euch ein paar Veilchen geben, aber sie welkten alle, da mein Vater starb. - Sie sagen, er nahm ein gutes Ende. -
Singt.

Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust -

LAERTES
Schwermut und Trauer, Leid, die Hölle selbst
Macht sie zur Anmut und zur Artigkeit.

OPHELIA
singt.

Und kommt er nicht mehr zurück?
Und kommt er nicht mehr zurück?
Er ist tot, o weh!
In dein Todesbett geh,
Er kommt ja nimmer zurück.

Sein Bart war so weiß wie Schnee,
Sein Haupt dem Flachse gleich:
Er ist hin, er ist hin,
Und kein Leid bringt Gewinn;
Gott helf ihm ins Himmelreich!
Und allen Christenseelen! Darum bet ich! Gott sei mit euch.
Ab.

LAERTES
Seht Ihr das? O Gott!

KÖNIG
Laertes, laßt mit Euerm Gram mich sprechen,
Versagt mir nicht mein Recht. Entfernt Euch nur,
Wählt die verständigsten von Euren Freunden
Und laßt sie richten zwischen Euch und mir.
Wenn sie zunächst Uns, oder mittelbar,
Dabei betroffen finden, wollen Wir
Reich, Krone, Leben, was nur Unser heißt,
Euch zur Vergütung geben; doch wo nicht,
So seid zufrieden, Uns Geduld zu leihn;
Wir wollen dann, vereint mit Eurer Seele,
Sie zu befriedigen trachten.

LAERTES
                              Ja, so sei's.
Die Todesart, die heimliche Bestattung,
Kein Schwert noch Wappen über seiner Gruft,
Kein hoher Brauch noch förmliches Gepräng,
Alles ruft laut vom Himmel bis zur Erde,
Daß ichs zur Frage ziehn muß.

KÖNIG
                               Gut, das sollt Ihr,
Und wo die Schuld ist, mag das Strafbeil fallen.
Ich bitt Euch, folget mir!
Alle ab.




SECHSTE SZENE

Ein andres Zimmer im Schlosse


Horatio und ein Diener treten auf.

HORATIO
Was sinds für Leute, die mich sprechen wollen?

DIENER
Matrosen, Herr; sie haben, wie sie sagen,
Euch Briefe zu bestellen.

HORATIO
                            Laßt sie vor!
Diener ab.
Ich wüßte nicht, von welchem Teil der Welt
Ein Gruß mir käme als vom Prinzen Hamlet.
Matrosen kommen.

ERSTER MATROSE
Gott segn Euch, Herr!

HORATIO
                        Dich segn er ebenfalls.

ERSTER MATROSE
Das wird er, Herr, so es ihm gefällt. Hier ist ein Brief für Euch, Herr - er kommt von dem Gesandten, der nach England reisen sollte -, wenn Euer Name Horatio ist, wie man mir versichert.

HORATIO
liest.
Horatio, wenn Du dies durchgesehn haben wirst, verschaffe diesen Leuten Zutritt beim Könige; sie haben Briefe für ihn. Wir waren noch nicht zwei Tage alt auf See, als ein stark gerüsteter Pirat Jagd auf uns machte. Da wir uns im Segeln zu langsam fanden, legten wir eine notgedrungene Tapferkeit an, und während des Handgemenges enterte ich; in dem Augenblick machten sie sich von unserm Schiffe los, und so wand ich allein ihr Gefangner. Sie haben mich wie barmherzige Diebe behandelt, aber sie wußten wohl, was sie taten; ich muß einen guten Streich für sie tun. Sorge, daß der König die Briefe bekommt, die ich sende, und begib Dich zu mir in solcher Eile, als Du den Tod fliehen würdest. Ich habe Dir Worte ins Ohr zu sagen, die Dich stumm machen werden, doch sind sie viel zu leicht für das Gewicht der Sache. Diese guten Leute werden Dich hinbringen, wo ich bin. Rosenkranz und Güldenstern setzen ihre Reise nach England fort; über sie hab ich Dir viel zu sagen. Lebe wohl!

Den Du als den Deinen kennst, Hamlet.
    Kommt, ich will diese eure Briefe fördern,
    Und um so schneller, daß ihr hin mich führt
    Zu ihm, der sie euch mitgab.
Alle ab.




SIEBENTE SZENE

Ein andres Zimmer im Schlosse


Der König und Laertes treten auf.

KÖNIG
Nun muß doch Eur Gewissen meine Unschuld
Versiegeln, und Ihr müßt in Euer Herz
Als Freund mich schließen, weil Ihr habt gehört,
Und mit verständigem Ohr, daß eben der,
Der Euren edlen Vater umgebracht,
Mir nach dem Leben stand.

LAERTES
                           So ists. Doch sagt mir,
Warum belangtet Ihr nicht diese Taten,
Die so verbrecherisch und todeswürdig,
Wie Eure Größe, Weisheit, Sicherheit,
Wie alles sonst Euch drang?

KÖNIG
                             Aus zwei besondern Gründen,
Die Euch vielleicht sehr marklos dünken mögen,
Allein für mich doch stark sind. Seine Mutter,
Die Königin, lebt fast von seinem Blick,
Und was mich selbst betrifft - sei's, was es sei,
Entweder meine Tugend oder Qual -
Sie ist mir so vereint in Seel und Leben:
Wie sich der Stern in seinem Kreis nur regt,
Könnt ichs nicht ohne sie. Der andre Grund,
Warum ichs nicht zur Sprache bringen durfte,
Ist, daß der große Hauf an ihm so hängt:
Sie tauchen seine Fehl' in ihre Liebe,
Die, wie der Quell, der Holz in Stein verwandelt,
Aus Tadel Lob macht, so daß meine Pfeile,
Zu leicht gezimmert für so scharfen Wind,
Zurückgekehrt zu meinem Bogen wären
Und nicht zum Ziel gelangt.

LAERTES
Und so verlor ich einen edlen Vater,
So wand mir eine Schwester hoffnungslos
Zerrüttet, deren Wert, wofern das Lob
Zurückgehn darf, auf unsrer Zeiten Höhe
Auffordernd stand zu gleicher Trefflichkeit.
Doch kommen soll die Rache!

KÖNIG
Schlaft deshalb ruhig nur. Ihr müßt nicht denken,
Wir wären aus so trägem Stoff gemacht,
Daß Wir Gefahr am Bart Uns raufen ließen
Und hielten es für Kurzweil. Ihr vernehmt
Mit nächstem mehr. Ich liebte Euren Vater,
Auch lieben Wir Uns selbst: das, hoff ich, wird
Euch einsehn lehren -
Ein Bote kommt.
                       Nun? Was gibt es Neues?

BOTE
Herr, Briefe sinds von Hamlet; dieser da
Für Eure Majestät, der für die Königin.

KÖNIG
Von Hamlet? Und wer brachte sie?

BOTE
Matrosen, heißt es, Herr; ich sah sie nicht.
Mir gab sie Claudio, der vom Überbringer
Sie selbst empfing.

KÖNIG
                      Laertes, Ihr sollt hören. -
Laßt uns!
Bote ab.
Liest.

Großmächtigster! Wisset, daß ich nackt an Euer Reich ausgesetzt bin. Morgen werde ich um Erlaubnis bitten, vor Euer königliches Auge zu treten, und dann werde ich, wenn ich Euch erst um Vergünstigung dazu ersucht, die Veranlassung meiner plötzlichen und wunderbaren Rückkehr berichten.

Hamlet.
Was heißt dies? Sind sie alle wieder da?
Wie? Oder ists Betrug und nichts daran?

LAERTES
Kennt Ihr die Hand?

KÖNIG
                     Es sind Hamlets Züge. »Nackt«,
Und in der Nachschrift hier sagt er: »Allein«.
Könnt Ihr mir raten?

LAERTES
Ich bin ganz irr, mein Fürst. Allein er komme!
Erfrischt es doch mein Herzensübel recht,
Daß ichs ihm in die Zähne rücken kann:
Das tatest du!

KÖNIG
                Wenn es so ist, Laertes
- Wie kann es nur so sein? Wie anders? -, wollt Ihr
Euch von mir stimmen lassen?

LAERTES
                              Ja, mein Fürst,
Wenn Ihr mich nicht zum Frieden stimmen wollt.

KÖNIG
Zu deinem Frieden. Ist er heimgekehrt,
Als stutzig vor der Reis' und denkt nicht mehr
Sie vorzunehmen, so beweg ich ihn
Zu einem Probstück, reif in meinem Sinn,
Wobei sein Fall gewiß ist; und es soll
Um seinen Tod kein Lüftchen Tadel wehn,
Selbst seine Mutter soll die List nicht zeihen,
Nein, nenne Zufall sie!

LAERTES
                         Ich will Euch folgen, Herr,
Und um so mehr, wenn Ihrs zu machen wüßtet,
Daß ich das Werkzeug wär.

KÖNIG
                            So trifft sichs eben.
Man hat seit Eurer Reis' Euch viel gerühmt,
Und das vor Hamlets Ohr, um eine Eigenschaft,
Worin Ihr, sagt man, glänzt; all Eure Gaben
Entlockten ihm gesamt nicht so viel Neid
Als diese eine, die nach meiner Schätzung
Vom letzten Rang ist.

LAERTES
Und welche Gabe wär das, gnädger Herr?

KÖNIG
Ein bloßes Band nur um den Hut der Jugend,
Doch nötig auch, denn leichte, lose Tracht
Ziemt minder nicht der Jugend, die sie trägt,
Als dem gesetzten Alter Pelz und Mantel
Gesundheit schafft und Ansehn. - Vor zwei Monden
War hier ein Ritter aus der Normandie.
Ich kenne selbst die Franken aus dem Krieg,
Und sie sind gut zu Pferd; doch dieser Brave
Tat Zauberding'; er wuchs am Sitze fest
Und lenkt' sein Pferd zu solchen Wunderkünsten,
Als wär er einverleibt und halbgeartet
Mit diesem wackern Tier; es überstieg
So weit die Vorstellung, daß mein Erfinden
Von Wendungen und Sprüngen hinter dem
Zurückbleibt, was er tat.

LAERTES
                            Ein Normann wars?

KÖNIG
Ein Normann.

LAERTES
Lamord, bei meinem Leben!

KÖNIG
                           Ja, derselbe.

LAERTES
Ich kenn ihn wohl, er ist auch in der Tat
Das Kleinod und Juwel von seinem Volk.

KÖNIG
Er ließ bei uns sich über Euch vernehmen
Und gab Euch solch ein meisterliches Lob
Für Eure Kunst und Übung in den Waffen,
Insonderheit die Führung des Rapiers.
Es gäb ein rechtes Schauspiel, rief er aus,
Wenn wer darin sich mit Euch messen könnte.
Er schwur, die Fechter seines Landes hätten
Nicht sichre Hut, noch Auge, noch Geschick,
Wenn Ihr sie angrifft; dieser sein Bericht
Vergiftete den Hamlet so mit Neid,
Daß er nichts tat als wünschen, daß Ihr schleunig
Zurückkämt, um mit Euch sich zu versuchen.
Nun, hieraus...

LAERTES
                 Was denn hieraus, gnädger Herr?

KÖNIG
Laertes, war Euch Euer Vater wert?
Wie, oder seid Ihr gleich dem Gram im Bilde
Ein Antlitz ohne Herz?

LAERTES
Wozu die Frage?

KÖNIG
                 Nicht als ob ich dächte,
Ihr hättet Euren Vater nicht geliebt.
Doch weiß ich, durch die Zeit beginnt die Liebe,
Und seh an Proben der Erfahrung auch,
Daß Zeit derselben Glut und Funken mäßigt.
Im Innersten der Liebesflamme lebt
Eine Art von Docht und Schnuppe, die sie dämpft;
Und nichts beharrt in gleicher Güte stets,
Denn Güte, die vollblütig wird, erstirbt
Im eignen Allzuviel. Was man will tun,
Das soll man, wenn man will; denn dies »will« wechselt
Und hat so mancherlei Verzug und Schwächung,
Als es nur Zungen, Hände, Fälle gibt;
Dann ist dies »soll« ein prasserischer Seufzer,
Der lindernd schadet. Doch zum Kern der Sache!
Hamlet kommt her: was wollt Ihr unternehmen,
Zu zeigen Euch als Eures Vaters Sohn
In Taten mehr als Worten?

LAERTES
Die Kehle ihm durchschneiden in der Kirche!

KÖNIG
Mord sollte freilich nirgends Freistatt finden,
Und Rache keine Grenzen. Doch, Laertes,
Wollt Ihr dies tun, so haltet Euch zu Haus;
Kommt Hamlet heim, erfährt er Eure Rückkehr.
Wir lassen Eure Trefflichkeit ihm preisen
Und doppelt überfirnissen den Ruhm,
Den Euch der Franke gab; kurz, bringen Euch zusammen
Und stellen Wetten an auf Eure Köpfe.
Er, achtlos, edel, frei von allem Arg,
Wird die Rapiere nicht genau besehn;
So könnt Ihr leicht mit ein paar kleinen Griffen
Euch eine nicht gestumpfte Klinge wählen
Und ihn mit einem wohlgeführten Stoß
Für Euren Vater lohnen.

LAERTES
                         Ich wills tun
Und zu dem Endzweck meinen Degen salben.
Ein Scharlatan verkaufte mir ein Mittel,
So tödlich, taucht man nur ein Messer drein,
Wo's Blut zieht, kann kein noch so köstlich Pflaster,
Von allen Kräutern unterm Mond mit Kraft
Gesegnet, das Geschöpf vom Tode retten,
Das nur damit geritzt ist; mit dem Gift
Will ich die Spitze meines Degens netzen,
So daß es, streif ich ihn nur obenhin,
Den Tod ihm bringt.

KÖNIG
                     Bedenken wir dies ferner,
Was für Begünstigung von Zeit und Mitteln
Zu unserm Ziel kann führen. Schlägt dies fehl
Und blickt durch unsre schlechte Ausführung
Die Absicht, so wärs besser nicht versucht;
Drum muß der Plan noch eine Sichrung haben,
Haltbar und wirksam, wenn sich jener nicht
Bewährt. - Still, laßt mich sehn! - Auf Eure Fechtkunst
Schließen wir feierliche Wetten ab -
Ich habs:
Wenn ihr vom Fechten heiß und durstig seid
- Ihr müßt deshalb die Gänge heftger machen -
Und er zu trinken fordert, soll ein Kelch
Bereitstehn, der, wenn er davon nur nippt,
Entging er etwa Eurem giftgen Stich,
Noch unsern Anschlag sichert. [- Aber still!
Was für ein Lärm? ]
Die Königin kommt.
                             Nun, werte Königin?

KÖNIGIN
Ein Leiden tritt dem andern auf die Fersen,
So schleunig folgen sie:
Laertes, Eure Schwester ist ertrunken.

LAERTES
Ertrunken sagt Ihr? Wo?

KÖNIGIN
Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach
Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub,
Mit welchem sie phantastisch Kränze wand
Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen,
Die dreiste Schäfer derber wohl benennen,
Doch unsre Mädchen Toten-Mannes-Finger.
Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde
An den gesenkten Ästen aufzuhängen,
Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen
Die rankenden Trophäen und sie selbst
Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider
Verbreiteten sich weit und trugen sie
Sirenen gleich ein Weilchen noch empor,
Indes sie Stellen alter Weisen sang,
Als ob sie nicht die eigne Not begriffe,
Wie ein Geschöpf, geboren und begabt
Für dieses Element. Doch lange währt' es nicht,
Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,
Das arme Kind von ihren Melodien
Hinunterzogen in den schlammigen Tod.

LAERTES
Ach, ist sie denn ertrunken?

KÖNIGIN
Ertrunken, ertrunken.

LAERTES
Zu viel des Wassers hast du, arme Schwester,
Drum halt ich meine Tränen auf. Und doch
Ists unsre Art; Natur hält ihre Sitte,
Was Scham auch sagen mag: sind die erst fort,
So ist das Weib heraus. - Lebt wohl, mein Fürst.
Ich habe Flammenworte, welche gern
Auflodern möchten, wenn nur diese Torheit
Sie nicht ertränkte.
Ab.

KÖNIG
                      Laßt uns folgen, Gertrud!
Wie hatt ich Mühe, seine Wut zu stillen!
Nun, fürcht ich, bricht dies wieder ihre Schranken:
Drum laßt uns folgen.
Beide ab.

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