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Fünf Schlösser

Theodor Fontane: Fünf Schlösser - Kapitel 60
Quellenangabe
typeessay
booktitleFünf Schlösser
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5295-2
titleFünf Schlösser
pages3
created19990913
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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3. Kapitel

Dreilinden im Sonnenschein

»Klein, aber mein«
Spruch am Jagdhause von Dreilinden

Es war in Novembernebel, daß ich Dreilinden zum ersten Male sah. Aber nun hatten wir Sommer, und ich brach auf, diesmal einfach als »Wanderer« und zu Fuß, um das Jagdhaus, das mir bis dahin nur ein Nebelbild gewesen war, auch in hellem Tagesscheine zu sehn. Ich wollte mich von seiner Wirklichkeit überzeugen.

Und ein prächtiger Junitag war's. Erst am Wannsee, dann am Wald hin, aus dem heute Kuckucksruf und Finkenschlag zu mir herüberscholl, schritt ich »andächtiglich fürbaß«, bis ich, nach kurzem Marsch in heißem Sonnenbrand, in den Wald selber einbog und alsbald eines Giebeldachs unter Zweigen und gleich danach einer dicht an den Weg herantretenden Dulcamarahecke gewahr wurde, deren gelb und violette Blütenpracht, wuchernd fast, aus dem dichten Blattgrün hervorschimmerte. Kein Zweifel, diese Bittersüß-Hecke war ein Zufall, nichts weiter, und doch mußt ich unwillkürlich eines Ausspruchs des alten Feldmarschalls Derfflinger gedenken, der, in seinen Gusower Zurückgezogenheitstagen, zu sagen liebte: »Habe des Sauren und Süßen viel genossen; aber des Sauren war mehr.« Oft vergessenes Wort (immer wieder in Hoffnung vergessen), aber wer, der auf den Höhen des Lebens wandeln durfte, hätt es schließlich nicht gesprochen!

Und nun hatte ich die Hecke passiert und stand wieder auf dem Vorplatz, den ich bis dahin immer nur in einem das draußen liegende Dunkel durchflutenden Lichtstrom gesehn hatte. Weshalb ich die Stelle kaum wiedererkannte.

Vom Wald her vorgeschobene Tannen umstanden ein Rondeel, an dessen einer Seite das prinzliche Jagdhaus aufragte, während an der andere ein dänischer Runenstein stand, ein »Mitbringsel« aus Jütland her. Das Jagdhaus selbst aber zeigte nichts als Souterrain und Erdgeschoß und über diesem ein erstes Stockwerk im Schweizerstil, um das herum sich Holzbalkone zogen. An diesen allerlei Sprüche:

Freudig trete herein, und froh entferne dich wieder,
Ziehst du als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott.

Andere waren länger, auch kürzer; unter den kürzesten der, den ich diesem Kapitel vorgesetzt habe: »Klein, aber mein.«

In der Tat, Jagdhaus Dreilinden ist klein und wirkt nach Art einer Villa von acht Zimmern; aber es gelang nichtsdestoweniger, mit Hilfe geschickter Raumausnutzung, eine doppelte Zahl von Zimmern und Gelassen herzustellen. Und zwar in folgender Einteilung: im Souterrain die Wirtschaftsräume; darüber, im Erdgeschoß, die Hofmarschall- und Adjutantenzimmer; endlich, im ersten Stock, die Zimmer des Prinzen selbst: ein Vorzimmer, ein Wohn- und Arbeitszimmer, ein Schlafzimmer, ein Eßsaal. Der Rest: kleine Gelasse für die Dienerschaften.

Alle vom Prinzen selbst bewohnten Räume sind ausnahmelos mit Erinnerungsstücken reich geschmückt, so reich, daß sie den Charakter eines historischen Museums annehmen. Einzelnes auch von künstlerischem Wert. Alles in allem aber ist es in drei Gestalten, daß uns der Prinz aus diesen seinen Erinnerungsstücken entgegentritt: erst als Jäger, dann als Soldat und endlich drittens und letztens in seinen intimeren Beziehungen zu Familie, Freunden, Kunst. Und im Einklange hiermit ist denn auch die Reihenfolge, darin ich diese Museumsschätze dem Leser vorzuführen gedenke. Den Jagderinnerungen sollen Kriegserinnerungen und diesen wiederum Erinnerungen aus dem häuslichen Leben des Prinzen sich anschließen.

 
Jagderinnerungen

Mit den Jagderinnerungen beginn ich. Ist es doch Jagdhaus Dreilinden, um das sich's an dieser Stelle handelt. Auf Flur und Treppe, ja mehr, bis unter das Dach hinauf ist Jagdhaus Dreilinden mit Jagdemblemen geschmückt, und alles, was zu Pürsch und Waidwerk gehört, erscheint hier, und mit Recht, als das »Eigentlichste«. Mit Ausnahme des in dem umher gelegenen Jagdreviere geschossenen Wildes befinden sich denn auch nur Geweihe guter Hirsche respektive Schaufler an dieser Stelle, guter Hirsche, die seit Erbauung des Jagdhauses (1869) vom Prinzen selbst erlegt wurden. Es sind dies: 136 Rothirschgeweihe, 392 Damhirschgeweihe, 170 Rehkronen. Von den 392 Damhirschen wurden 278 in der Dreilindener Forst geschossen; die 170 Rehböcke sämtlich. Alle Geweihe dieser letzteren sind im Schlafzimmer des Prinzen angebracht. Als Flur- und Treppenornament begegnen wir im weitern: einem Kormoran, einer Trappe, verschiedenen Kampf- und Birkhähnen, Wildschweinsköpfen und vor allem einem russischen Wolf, einem besonders schönen und großen Exemplare.

Dies alles aber rechnet nicht zu den eigentlichen, eine Geschichte habenden Jagdbeutestücken, deren Aufzählung wir uns nunmehr zuwenden.

1) Ein Elchkopf. Prinz Friedrich Karl schoß diesen Elchhirsch, einen ungraden Zehnender, in der Oberförsterei Ibenhorst am 4. Oktober 1881. Gewicht mit Aufbruch 840 Pfund. Ein noch größerer Elchhirsch, ein Zweiundzwanzigender, wurde vom Prinzen am 18. September 1862 ebenfalls in der Ibenhorster Oberförsterei (Ostpreußen) geschossen. Gewicht 954 Pfund. Der Kopf dieses größeren Elchs befindet sich in Jagdschloß Glienicke bei Potsdam. Ich füge noch folgendes hinzu: Nur noch in vorgenannter Oberförsterei Ibenhorst kommen Elche vor, wie sich andererseits Auerochsen (künstliche Zucht; neuerdings, von Rußland her, eingeführt) nur noch in den Waldungen des Fürsten Pleß in Oberschlesien vorfinden. Die Jagd auf den größeren, in Jagdschloß Glienicke befindlichen Elch wurde von dem bekannten Tiermaler Grafen Krockow in einem Jagdstück von mittlerer Größe dargestellt. Es ist der Moment der Erlegung. Das Bild hat seinen Platz im Treppenhause von Dreilinden gefunden. Aus den Läufen des etwas kleineren, erst 1881 geschossenen Elchs wurden zwei Büchsenfutterale von besonderer Schönheit angefertigt.

2) Auerochs (Kopf) wurde vom Prinzen Friedrich Karl am 9. Dezember 1880 in Pleß beim Fürsten Pleß geschossen.

3) Büffelkopf (Prachtexemplar). Geschenk des Grafen Hermann von Arnim, der den Büffel auf einer Präriejagd erlegte.

4) Der weiße Hans. Dieser hat eine Tafel mit Inschrift, der ich das Nachstehende beinahe wörtlich entnehme. »Dieser starke und seltene weiße Damschaufler ›Der weiße Hans‹ ward anno 1874 aus dem hochgräflich Redernschen Wildpark zu Görlsdorf, Uckermark, in den Wildpark Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Karl unweit seiner Sommerresidenz Schloß Glienicke versetzt, brach darauf im Mai anno 1875 aus diesem Wildpark aus und trat, den großen Wannsee durchschwimmend, in den Grunewald. Am 5. Mai desselben Jahres wechselte er vom Grunewald her in die Jagdreviere Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich Karl und wählte seinen Stand von nun an in nächster Nähe des Hochprinzlichen Jagdhauses Dreilinden. Den fortgesetzten Bemühungen Seiner Königlichen Hoheit sowie Höchstdessen Jägerei gelang es, das edle Tier so an Ruf und Stimme zu gewöhnen, daß es bald auf den Namen ›Hans‹ hörte und Kartoffeln, Hafer etc. vor dem Jagdhause aufnahm. Seinem Beispiele folgten zwei andre Hirsche, die, gleich ihm, zahm wurden. Während der Brunst war Hans unbestrittener Platzhirsch; aber sein Liebesglück ward ihm nicht verziehen, denn in der Nacht vom 27. zum 28. November 1875 wurd er von seinen beiden Genossen zu Tode gespießt und anderntags verendet vorgefunden.« (Der Ausdruck »gespießt« ist nicht jagdgerecht und steht etwa auf der Höhe von »Blut« oder »Ohren«. Ich habe mich aber zu dem jagdgerechten Ausdruck, den die Jäger schmerzlich vermissen werden, nicht entschließen können.)

5) Riesenhirsch-Geweih. Kein Original, sondern eine Nachbildung desselben von der Hand Benvenuto Cellinis. Noch wahrscheinlicher eine Nachbildung der Nachbildung. Zwei Inschriften, eine französische und eine deutsche, geben Auskunft über alles, was zu wissen not tut.

»Cet ouvrage, copie des bois d'un cerf tué vers l'an de Grace de N. S. J. Ch. 648, dans la forest d'Erbach par deux Princes Francs de la lignée mérovingienne, a esté faict par Benvenuto Cellini de Florence, maistre sculpteur et orfesvre en renom, de par et pour le Roy Charles, le huictiesme du nom, nostre très haut, très puissant et très-noble Prince et Roy de France. Le susdict contrefait a esté dressé au chastel Royal d'Amboyse en l'an de Grace 1520.«

Also in Übersetzung etwa:

»Dies Werk, die Nachbildung des Geweihs eines im Jahre 648 durch zwei fränkische Prinzen aus dem Hause der Merowinger im Walde von Erbach getöteten Hirsches, ist durch den berühmten florentinischen Bildhauer und Goldschmied Benvenuto Cellini im Auftrag und zu Besitz Karl des Achten, unsres allerhöchsten und großmächtigsten Königs von Frankreich, angefertigt und im Jahre der Gnade 1520 am Königlichen Schlosse von Amboise angebracht worden.«

Die deutsche Inschrift, die sich in Hexametern versucht, legt das Ereignis in die Zeit des elften Ludwig, und lautet:

            In den Ardennen lebte als Hirsch ich, ein seltsames Wunder,
Trug auf dem Scheitel der Stirn dieses als krönende Zier;
Wuchs dort mehrere Jahre hindurch, für niemand bezwingbar,
Nur vor mir selbst hatt ich Furcht wegen der schrecklichen Last.
Unter des elften Ludwigs Regierung raubte ein Pfeil mir,
Fliegend von tödlicher Hand, Leben und Freiheit zumal.
Staunend sah meine Zeit mich, und wunderbar bleib ich der Zukunft,
Daß der Natur es gefiel, mir zu erschaffen solch Haupt.

 
Kriegserinnerungen

Was Dreilinden an Kriegserinnerungen aufweist, ist minder zahlreich, als man in Anbetracht eines an kriegerischen Ereignissen und Ehren so reichen Lebens, wie das des Prinzen, erwarten sollte. Zum Teil erklärt sich dies daraus, daß Jagdhaus Dreilinden nicht alles Hierhergehörige besitzt; einiges befindet sich in Jagdschloß Glienicke, noch andres in der Stadtwohnung des Prinzen, im Königlichen Schloß. Auch öffentliche Sammlungen erhielten das ein oder andre. So befindet sich zum Beispiel ein aus einem jütischen Hügelgrabe stammender Holzsarg in unsrem »Museum für nordische Altertümer«. Ein Geschenk des Prinzen.

Alle diese Kriegserinnerungen, um über ihre Gesamtheit einen klareren Überblick zu geben, teil ich in nachstehendem in vier Gruppen, und zwar nach den vier Kriegen, an denen der Prinz, wenn er sie nicht leitete, wenigstens teilnahm.

 
1848 und 49.
Erster Krieg gegen Dänemark
und Feldzug in Baden

1) Eisenteller mit einer Vierpfünderkugel darauf. Umschrift: »Der erste Salutschuß an Sie, mein Prinz.« Am 23. April 1848 hielt Prinz Friedrich Karl, damals Hauptmann im Stabe Wrangels, an der Seite des Generals, der eben den Sturm auf das Danewerk kommandierte. Diese Vierpfünderkugel schlug neben beiden ein, und der Alte, während er sich schmunzelnd gegen den Prinzen wandte, tat obenzitierten Ausspruch, in dem sich, echt-wrangelsch, ebensoviel Courtoisie wie sang-froid ausspricht.

2) Ein dänischer Danebrog. Dazu folgende Worte: »Dieser Danebrog wehte auf der Zitadelle von Friedericia und wurde, bei der Einnahme durch die preußischen Truppen am 2. Mai 1848, von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen Friedrich Karl eigenhändig niedergeholt.«

3) Ein Aschbecher mit silbernem Deckel, aus einem Vorderhuf des »Artemidorus« angefertigt. Es war dies das Pferd, das der Prinz in dem Gefechte bei Kuppenheim in Baden am 30. Juni 1849 ritt.

Zehn Tage vorher, am 20. Juni, war das Gefecht bei Wiesenthal, in dem Lieutenant von dem Busche-Münch, Adjutant des Prinzen, tödlich, der Prinz selbst aber, wie auch das Pferd, das er ritt, leicht verwundet wurde. Das Pferd empfing, zur Erinnerung an diesen Tag, den Namen »Wiesenthal« und wurde zu Tode gepflegt. Unmittelbar hinter dem Dreilinder Gehöft hat es einen Grabstein mit folgender Inschrift: »Wiesenthal, brauner Hengst, geboren 1836, durch einen Bajonettstich am Kopfe blessiert am 20. Juni 1849; gestorben 31. Mai 1861. F. K. Pr. v. P.«

 
1864. Krieg gegen Dänemark

1) Ein Aschbecher aus einem Huf von »Anacreon«, Fuchsstute, die der Prinz beim Übergang über die Schlei, bei Missunde und am Düppeltage ritt.

2) Kugelaufsatz. Aus Düppelgeschossen aller Art zusammengesetzt.

3) Zigarrenkasten. Geschenk des Prinzen Albrecht (Vater) an Prinz Friedrich Karl. Aus Eichenholzrähmchen hergestellt, in die dann kleine Marmorplatten eingelegt wurden. Jede Platte trägt eine Inschrift: Eckernförde 1. Februar; Missunde 2. Februar; Ober-Selk 3. Februar; Arnis 6. Februar; Düppel (Wegnahme von Dorf Oster-Düppel) 17. März; Kanonade 2. April. So die Seitenfelder. Die Hauptinschrift aber trägt der Deckel: »Sturm auf die Düppeler Schanzen, Schleswig-Holstein, den 18. April 1864.«

4) Runenstein aus Jütland. Etwa einen Meter hoch, nach oben zugeschrägt. Am Fuße des Steines sind Runen in aller Deutlichkeit erkennbar. Sie sind auf »Heirulfr« hin entziffert worden. Was dies bedeutet, steht nicht fest. Vielleicht ein Name. Der Stein befindet sich nicht im Jagdhause, sondern vor demselben, auf einem bereits zu Beginn dieses Kapitels erwähnten Gras- und Blumenrondeel.

 
1866. Krieg gegen Österreich

An diesen Krieg erinnern nur die Städtewappen zweier großer Glasfenster, aus deren Gesamtzahl sich je vier auf die Feldzüge von 64 und 70, acht aber auf den sechsundsechziger Krieg beziehen. Es sind alles in allem folgende: Dänemark, Schleswig, Lauenburg, Flensburg; ferner: Österreich, Böhmen, Ungarn, Mähren, Rohan-Turnau, Prag, Preßburg, Gitschin; schließlich: Nancy, Metz, Orleans, Le Mans.

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