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Das Gänsemännchen

Jakob Wassermann: Das Gänsemännchen - Kapitel 164
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Gänsemännchen
authorJakob Wassermann
firstpub1915
year1915
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleDas Gänsemännchen
created20050128
sendergerd.bouillon
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6

Noch in derselben Nacht war der alte Freiherr abgereist. Mitten in der Nacht; um vier Uhr hatte ihn sein Diener auf die Bahn begleitet.

Auf seinem Schreibtisch fand man am Morgen zwei Briefe; einer war an Eberhard gerichtet, der andere an die Freifrau. Der letztere enthielt nur einen Abschiedsgruß, jener war etwas ausführlicher gefaßt, gab die Genugtuung darüber kund, daß Eberhard, den er als Chef des Hauses willkommen hieß, zu seiner Familie zurückgekehrt sei, deutete an, daß er ihm alle gesetzlichen Machtbefugnisse binnen kurzer Frist erteilen werde und schloß mit dem überraschenden Satz: »Was mich selbst betrifft, so werde ich nunmehr in die katholische Religionsgenossenschaft eintreten, um den Rest meines verfehlten Lebens zu Viterbo im Dominikanerkonvent della Guercia zu verbringen.«

Keine Gefühlsergüsse, keine Erklärungen, keine Bekenntnisse, nur die nackte Tatsache.

Die Freifrau war weder erstaunt, noch erschrocken. Sie fiel in dumpfes Sinnen, dann sagte sie: »Er war niemals froh. Er war niemals in seinem ganzen Leben froh. Ich habe ihn niemals von Herzen lachen hören, und an seiner Seite hab ich das Lachen verlernt. Von jeher ist seine Brust ein Kloster gewesen, ein Ort der Düsterkeit und Strenge. Er hat heimgefunden, weiter nichts, und mag wohl müde sein von dem langen Weg zu seiner Seele.«

»Dummes Zeug, Clotilde!« rief da Frau von Erfft heftig. »Das mit dem Lachen mag schon stimmen, und ein Mensch, der nicht lachen kann, ist ein halbes Tier. Aber muß deswegen ein gebildeter Mann zu solchem Mittel greifen, um zum Frieden mit sich und seinem Gott zu gelangen? Ein Mann, der ein Beispiel zu geben verpflichtet ist? Ist noch nicht genug Finsternis in den Köpfen? Muß man die Fackeln auslöschen, bei denen man Wache gehalten hat? Hier hat mein Verzeihen ein Ende, da bin ich Weltkind ganz und gar und steh lieber bei denen, die für Heiden gelten und uns Werke des Lichts und der Erleuchtung geschaffen haben.«

Bei diesen Worten trat Eberhard ein, und als sie in sein Gesicht schaute, war Frau von Erffts Gedanke: auch er kann nicht lachen.

Der Glaubenswechsel des Freiherrn von Auffenberg verursachte überall im Lande die größte Erregung. Die liberalen Zeitungen brachten geharnischte Artikel, in den liberalen Vereinen wurden flammende Proteste gegen die schleichenden Umtriebe Roms erhoben; die ultramontanen Parteigänger jubelten und benutzten die wunderbare Rückkehr eines Ungläubigen in den Schoß der allein seligmachenden Kirche kräftig zur Werbung neuer Jünger und Anfeuerung alter. Durch die Bürgerstuben wehte ein Schauer von Priestertyrannei und Geistesknechtung.

Wenig berührt vom Wirrwarr der Meinungen, fand sich Eberhard rasch in die veränderte Lebenslage. Plötzlich Herr zu werden über so vieles und so viele, das erforderte Ernst und Haltung, klaren Blick und feste Hand. Übereifer und Dünkel waren seinem Wesen keine Gefahr, eher Bedenklichkeit und Vorliebe für den Platz im Schatten. Seltsam, die Fülle der Verantwortung heiterte sein Gemüt auf; was der Anteil an der ihm zugewachsenen, sehr äußerlich bewegten Welt nicht vermochte, das vollendete Sylvias Einfluß.

Im Mai begleitete er sie und ihre Mutter nach Erfft. Sie machten dort täglich gemeinsame Spaziergänge, und immer wieder erzählte Eberhard von Lenore; erst scheu und verhalten, dann, als er tieferes Vertrauen zu seiner Zuhörerin gefaßt hatte, so offen, daß diese Offenheit schon ein Zeichen innerer Befreiung war.

Als er von Lenores Heirat mit Daniel Nothafft berichtete, unterbrach ihn Sylvia lebhaft und stellte einige Fragen in bezug auf Daniel. »Ach, das ist ja unser Gast von damals,« sagte sie, »das ist ja der Kapellmeister.« Und nun erzählte sie ihrerseits von dem Aufenthalt Daniels in Erfft, mit einem Lächeln, in dem Nachsicht und wiedererwachte Verwunderung lag.

Auch dieses Lächeln erschien Eberhard eigentümlich lenorenhaft. Doch kam er in Sylvias Nähe, gerade weil bei ihr alles ein wenig abgeschwächt war, deutlicher zur Erkenntnis, was ihn so machtvoll zu Lenore hingezogen hatte. Er konnte es nicht in Worte oder Begriffe schließen, er fühlte nur, es war das ihm unbekannte Reich der Klänge, der unbekannte Schmelz innerer Melodie, die tönende Ordnung der in Seele verwandelten Musik.

Anfangs Juni fuhr Sylvia mit Eberhard und ihren beiden Eltern nach Nürnberg zurück. Ein paar Tage später fand im freiherrlichen Haus die Verlobung statt.

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