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Hanne Nüte un de lütte Pudel

Fritz Reuter: Hanne Nüte un de lütte Pudel - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleHanne Nüte un de lütte Pudel
authorFritz Reuter
year1995
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-251-20157-3
titleHanne Nüte un de lütte Pudel
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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4.

    De oll Herr Paster, ganz verluren,
In all de schöne Frühjorspracht,
Geit unn're Linden up un dal;
Sin Og is hell, sin Hart dat lacht
Un freut sik, dat dat noch einmal
Den gräunen Bom, de junge Sat,
De Welt in ehren Frühjohrsstat,
Mit olle Leiw ümfaten kann.
So lichting ward den ollen Mann;
De bleiken Backen farben sich,
Hei schüwwt sin swartes Käppel trügg
Un fröhlich in de Welt rin süht 'e.
Dunn kümmt Jehann herup tau gahn,
De oll Herr süht't un bliwwt bestahn:
»Sag' mal, Sophie, ist das nicht Hanne Nüte?« –
»»Ja, Vater.«« – »Ei, was führt den her?
So weiß und roth, man kennt ihn gar nicht mehr!
'S ist doch 'ne wundervolle Zeit,
Die Frühlingszeit; selbst Schmiedejungen
Sind aus den ruß'gen Essen heut
Zu lichten Farben durchgedrungen.
Sieh blos mal diesen Hanne Nüte,
Er blüht wie Ros' und Apfelblühte!« –
Un unse Smädjung' kümmt nu ranne
Un sinen Filz herunne tüht'e:
»Gun Morrn, Herr Pastur!« – »»Morgen, Hanne! –
Was wünschest Du mein lieber Sohn?«« –
»Je, Herr Pastur, ik hadd min Profeschon
Nu richtig lihrt un bün Gesell,
Un gistern schrewen sei mi ut.« –
»»Das ist ja prächtig, lieber Schnut! –
Sophiechen, liebes Kind, geh schnell
Zu Mutter, Schnut wär' nun Gesell,
Sie sollt' 'ne Flasche Wein rausschicken,
Und bring' auch ein Paar Gläser mit,
Wir wollen an den Tisch hier rücken.«« –
De Win, de kümmt. – »»Also ein Schmidt,
Neu von der Elle,
Ein ausgeschriebener Geselle?«« –
»Ja, Herr, un wull Adjüs doch seggen.« –
»»Dann soll's nun wohl auf's Wandern gehn?«« –
»Ja, morgen, dacht wi, Herr Pastur.« –
»»Ei, ei! Das ist ja wunderschön!
Am ersten Mai auf Reisen gehn,
Wenn neu erwacht ist die Natur,
Wenn Alles grünt und Alles blüht,
Bei Drosselschlag und Lerchenlied
Zu ziehen durch die schöne Welt:
Jch hab' mein Sach' auf nichts gestellt.
          Juchhei!
Und wer will mein Kamerade sein,
Mit frohem Muth und leichtem Sinn
Zu wandern und ziehen am ersten Mai? –
Trink aus, mein Sohn, trink aus den Wein!
Drink man, min Sähn, ik schenk Di wedder in! –
Ja, wenn's mein Stand und Alter litt',
Ich zög' wahrhaftig gerne mit.
Und wo geht denn die Reise hin?«« –
»Je, Vader meint in't Reich herin
Un den nah Belligen un Flandern,
Un wenn dat mäglich wesen künn,
Denn süll ik ok nah England wandern.« –
»»Und da hat Vater Recht, mein Sohn,
Die Hauptsach' ist die Profession,
Eins soll der Mensch von Grund aus lernen;
In einem Stücke muß er reifen,
Und in der Nähe, in den Fernen
In seiner Kunst das Beste greifen,
Dann kann er dreist mit Fug und Recht,
Sei's Handwerksmann, sei's Ackerknecht,
Sich stellen in der Bürger Reih'n,
Er wird ein Mann und Meister sein.
Und meint denn Mutter ebenso?«« –
»Ne, Mutter meint nah Teterow,
Un höchstens meint sei bet nah Swaan,
Doch wider süll ik jo nich gahn.« –
»»Ja, ja! Ich dacht's! Das ist der Mütter Art;
Sie halten gern im engsten Schrein
Ihr liebstes Kind vor Fährlichkeit verwahrt,
Und bei den Töchtern mag's auch richtig sein.
Doch bei den Jungen sag' ich: nein!
So'n Bursch muß durch die Länder schweifen,
Die Ecken, Kanten 'runter schleifen,
Muß lernen, sich zu tummeln, rühren,
Den Stoß durch Gegenstoß pariren,
Bald unten und bald oben liegen,
Den Feind bekämpfen und besiegen,
Bis in ihm fertig ist der Mann
Und er sich selbst besiegen kann. –
Darauf – komm her! – trink mit mir aus!
Und kehr' als tücht'ger Kerl nach Haus! –
Und nun noch eins! – Kannst Du's verbinden
Mit Deiner Reise ernsten Zwecken,
So suche Deinen Wanderstecken
Mit bunten Blumen zu umwinden;
Zieh durch die schönen deutschen Länder,
Schau von dem Berg auf Waldesgrün
Und auf der Ströme Silberbänder,
Die sich durch Aehrenfelder ziehn.
Begrüß die Städte altersgrau,
Wo Sitte wohnt und deutsche Art,
Und grüß von mir den edlen Gau,
Wo dieser Wein gekeltert ward. –
Sieh mich, mein Sohn! In meinen alten Tagen
Lebt frisch noch die Erinnerung,
Als ich, wie Du, einst frei und jung
Den Flug that in die Ferne wagen.
Ach Jena! Jena! lieber Sohn,
Sag' mal, hört'st Du von Jena schon?
Hast Du von Jena mal gelesen?
Ich bin ein Jahr darin gewesen,
Als ich noch Studiosus war.
Was war das für ein schönes Jahr!
Ach, geh mir doch mit Mutters Schwaan
Und mit des Alten Engeland,
Nein, Ziegenhan und Lichtenhan,
Und dann der Fuchsthurm, wohlbekannt,
Und auf dem Keller die Frau Vetter –
Es war ein Leben, wie für Götter! –
Trink mal, mein Sohn, trink aus den Wein;
Ich schenk' uns beiden wieder ein. –
Und auf dem Markte standen wir,
Zur Hand ein Jeder sein Rappier,
Und Terz und Quart und Quartrevers –
Gieb mir Dein Glas nur wieder her –
Die flogen links und rechts hinüber!

    Ja, ja, da ging es scharf, mein Lieber!««
Un nimmt en En'n von Bohnenschacht:
»»Sieh so, mein Sohn, so ward's gemacht,
So lag man aus, so kreuzte man die Klingen.««
Un stött en pormal krüz un quer
Un fängt dunn dütlich an tau singen, –
Sin leiwe Fru stunn acht're Dör: –
»»Stoßt an! Jena soll leben!
          Hurrah, hoch!
Stoßt an! Jena soll leben!
          Hurrah, hoch!
Die Philister sind uns gewogen meist,
Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt.
So ging's, so ging's, mein lieber Schnut.«« –
Dunn kümmt sin leiwe Fru herut
Un schüdd't den Kopp un kickt em an:
»Ich weiß nicht, Vater, wie du bist,
Wie man so weltlich singen kann!
Wie kannst Du so ein Beispiel geben?« –
»»Ja, so! Ja, so! Mein Kind, mir ist
Das heit're junge Frühlingsleben,
Der Wein und die Erinnerungen
An Zeiten, wo dies Lied wir sungen,
Ein Bischen in den Kopf gestiegen.
Doch Du hast Recht! – Mein lieber Sohn,
Laß Dich von Thorheit nicht betrügen!
Es ist auf Erden Alles eitel,
Das sagt schon König Salomon;
Und von der Sohle bis zum Scheitel
Sind wir der Thorheit preisgegeben.
Nimm vor der Thorheit Dich in Acht!««
Un set't bi Sid den Bohnenschacht. –
»»Die Kunst ist lang, kurz ist das Leben.«« –
Un geit mit Hannen bet an't Dur: –
»»Sieh um Dich, Sohn! Die ganze Creatur
Ist in der Sünde tief versunken
Und seit dem ersten Sündenfall
Hat sie zum Himmel 'rauf gestunken. –
Halt mal! War das die Nachtigall? –
Wahrhaftig, ja! – Bleib' doch mal stehn!
Ja, ja, sie ist's. – Wie wunderschön! –
Ja, ja, verderbt ist die Natur
Und liegt in Höllen-Sündenbanden,
Und durch die Lust der Creatur
Macht uns der Böse all zu Schanden.
Darum, mein Sohn... – Ei, ei, da ist sie wieder! –
Wie legen sich die Nachtigallenlieder
So trostvoll doch an's Menschenherz!
Als wenn sie mit der Sehnsucht Klängen
Vom Himmel zu uns nieder drängen,
Zu ziehn die Seele himmelwärts,
So süß-gewaltig ist ihr Ton! –
Nun, nun, Du reisest morgen schon –
Wir sprachen eben von der Sünde –
Nun reis' mit Gott, mein lieber Sohn!
Ich sag' Dir später meine Gründe
Für die Verderbtheit der Natur.«« –
Na, denn adjüs ok, Herr Pastur!« –
Un Hanne geit, doch as hei sik
Rechtsch in de Strat will rümmer wen'n,
Röppt em de Herr Pastur taurügg,
Leggt an den Mund de beiden Hän'n
Un röppt em tau: »»Ein Wurt noch, Sähn! –
Ich würde doch nach Jena gehn!««
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