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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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16. Kapitel

Zum Glück und Ruhme Julians hatte Frau von Rênal in ihrer ungeheuren Aufregung und Bestürzung gar nicht darauf geachtet, wie töricht sich der Mann benahm, der ihr mit einemmal der liebste aller Menschen geworden war. Als der Morgen dämmerte, bat sie ihn, zu gehen.

»O Gott«, flüsterte sie ihm zu, »wenn mein Mann etwas hört, bin ich verloren!«

Julian machte gemächlich die Bemerkung: »Würdest du bedauern, das Leben lassen zu sollen?«

»Ach, jetzt sehr! Aber nimmermehr würde ich es bereuen, dich an mein Herz gedrückt zu haben.«

Julian hielt es seiner Würde für angemessen, sie erst am hellen Morgen und ohne besondre Vorsicht zu verlassen. In seiner verrückten Idee, den Weltmann zu spielen, beobachtete er sich fortgesetzt und studierte sich bis in seine geringste Betätigung. Dies hatte nur den einen Vorteil, daß er sich beim Frühstück, als er Frau von Rênal wiedersah, meisterhaft klug benahm.

Sie hingegen vermochte Julian nicht anzuschauen, ohne jedesmal über und über rot zu werden. Und doch mußte sie ihn immer wieder anblicken. Sie ward sich ihrer Haltungslosigkeit bewußt, aber ihre Versuche, sich zu beherrschen, verwirrten sie nur noch mehr. Julian sah sie ein einziges Mal voll an. Zuerst bewunderte Frau von Rênal seine Vorsicht, bald aber, als sie merkte, daß er sich mit diesem einen Blick begnügte, wurde sie besorgt. »Liebt er mich nicht mehr?« fragte sie sich. »Ach ja, ich bin recht alt für ihn. Zehn Jahre älter als er!«

Als man vom Eßzimmer in den Garten ging, drückte sie Julian die Hand. In seiner Überraschung über diesen außergewöhnlichen Liebesbeweis blickte er sie verliebt an. Sie war ihm nämlich beim Frühstück ganz besonders hübsch erschienen. Mit geschlossenen Augen hatte er sie in nackter Schönheit wieder vor sich gesehen.

Sein zärtlicher Blick tröstete Frau von Rênal. Das befreite sie zwar nicht ganz von ihrer Besorgnis, aber was davon blieb, bewahrte sie so gut wie ganz vor dem Schuldgefühl ihrem Gatten gegenüber.

Der hatte nicht die leiseste Ahnung; aber auch Frau Derville nicht, die sich allerdings einbildete, ihre Freundin sei auf dem Wege zu unterliegen. Den ganzen Tag über machte sie ihr mit dem Mut und der Ehrlichkeit der Freundschaft allerlei halbverhüllte Anspielungen und malte ihr die Gefahr, der sie entgegenlief, in den gräßlichsten Farben.

Frau von Rênal hatte nichts im Sinn als mit Julian allein zu sein. Sie sehnte sich danach, ihn zu fragen, ob er sie noch liebe. Trotz ihrer angeborenen Herzensgüte war sie ein paarmal nahe daran, ihrer Freundin begreiflich zu machen, wie lästig sie ihr war.

Abends im Garten wußte es Frau Derville geschickt einzurichten, daß sie zwischen Frau von Rênal und Julian zu sitzen kam. Die Liebende hatte im köstlichsten Vorgefühl seines Händedrucks geschwelgt, und nun konnte sie nicht einmal mit ihm reden.

Diese Mißlichkeit erhöhte ihre Erregung. Und etwas quälte sie ganz besonders. Sie hatte Julian so harte Worte wegen seines unvorsichtigen nächtlichen Kommens gesagt, daß ihr bangte, er könne in der kommenden Nacht ausbleiben.

Sehr zeitig verließ sie den Garten und ging in ihr Schlafzimmer. Als sie sich vor Ungeduld nicht mehr halten konnte, schlich sie sich vor Julians Tür und horchte. Bei aller Besorgnis und trotz ihrer heißen Sinne wagte sie aber doch nicht, zu ihm hineinzugehen. Das wäre ihr dirnenhaft vorgekommen. Ein böses Sprichwort fiel ihr ein.

Da die Dienstboten noch nicht alle oben in ihren Schlafkammern waren, hielt sie es für angebracht, wieder in ihr Zimmer zu gehen. Sie harrte zwei weitere Stunden, die sich ihr wie zwei Jahrhunderte der Qual hindehnten.

Julian war seiner imaginären Pflicht viel zu treu, um nicht Zug für Zug auszuführen, was er sich vorgeschrieben hatte. Als es ein Uhr schlug, schlich er leise aus seinem Zimmer, vergewisserte sich, daß der Hausherr fest schlief, und erschien bei Frau von Rênal.

In dieser Nacht fand er bei seiner Geliebten mehr Glück, dieweil er nicht beständig an die Rolle dachte, die er sich anbefohlen hatte. Seine Augen sahen und seine Ohren hörten. Als Frau von Rênal klagte, sie sei zu alt, wurde er noch ruhiger.

»Ach, zehn Jahre bin ich älter als du. Wie kannst du mich da lieben?« sagte sie immer wieder, ohne daß sie damit mehr als ihren Kummer darüber offenbaren wollte.

Julian verstand ihr Leid nicht, aber er fühlte, daß es echt war, und darum verlor er seine Angst, lächerlich zu sein. Ebenso schwand sein törichtes Mißtrauen, wegen seiner plebejischen Herkunft als Liebhaber zweiter Klasse zu gelten. Mit Julians wachsender Verliebtheit errang seine scheue Geliebte ihre Ruhe wieder und ein wenig Glück sowie die Fähigkeit, ihn zu beurteilen. Zu seinem Glücke war er in dieser Nacht von der Unnatur frei, die ihm das Beieinander der ersten Nacht wohl zu einem Siege, nicht aber zu einem Vergnügen gemacht hatte.

Wenn Frau von Rênal seinen Willen verspürt hätte, eine bestimmte Rolle zu spielen, so hätte diese traurige Entdeckung ihr für immerdar alles Glück genommen. Betrübt hätte sie darin die Folge des Altersunterschiedes zu erfahren vermeint.

Nach ein paar Tagen war Julian in der Hitze seiner Jugend sinnlos verliebt.

»Wahrlich«, gestand er sich, »sie ist engelsgut und unvergleichlich hübsch!«

Der Gedanke an seine Rolle entschwand ihm fast ganz. In einem Augenblick der Selbstvergessenheit gestand er Frau von Rênal sogar alle seine Kümmernisse. Diese Offenheit hob ihre Liebe zu ihm auf den Gipfel. Sie wagte die Frage, wessen Bild es gewesen, das ihm damals so große Sorge bereitet habe. Er schwur ihr, daß es sich um das Porträt eines Mannes gehandelt habe.

»So habe ich also keine glückliche Rivalin, auch in der Vergangenheit nicht!« rief sie voller Glückseligkeit.

Gewann sie auch die nötige Kaltblütigkeit zum Nachdenken, so schwand doch ihre Verwunderung nicht, daß es solch ein nie geahntes Glück überhaupt gab. Von neuem seufzte sie: »Ach, hätte ich Julian vor zehn Jahren kennengelernt, als ich noch wirklich hübsch war!«

Julian hegte gänzlich andre Gedanken. Im Grund war seine Liebe immer noch Ehrgeiz. Es war ihm ein Genuß, ihm, dem armen, elenden, verachteten Bauernjungen, ein so schönes und vornehmes Weib sein eigen zu nennen. Sein Entzücken angesichts ihrer Körperschönheit, seine Liebesworte und Liebkosungen beruhigten sie schließlich auch über den Altersunterschied. Hätte sie freilich die Lebenserfahrung gehabt, die eine Dreißigjährige in kultivierten Gegenden im allgemeinen besitzt, so hätte ihr über die Dauer einer Liebschaft bangen müssen, die nur lebte, weil sie dem Erkorenen eine Überraschung und ein Paradies der Eigenliebe war.

Im Augenblicke, wo Julian seine Ehrsucht vergaß, bewunderte er voller Begeisterung an Frau von Rênal alles, sogar ihre Kleider und Hüte. Er wurde es nicht satt, ihr Parfüm einzuatmen. Er öffnete die Spiegeltür ihres Wäscheschrankes und staunte die schönen und eleganten Dinge darin stundenlang an. Seine Freundin stand dicht an ihn geschmiegt neben ihm und schaute ihm zu, wie er alle die Schmucksachen und duftigen Stoffe anstarrte, als sei es die Ausstattung seiner Braut, vor der Hochzeit ausgestellt.

»So einen Mann hätte ich heiraten sollen!« dachte sie wehmütig. »Welch eine Feuerseele! Mit ihm, das wäre ein wundervolles Leben geworden!«

Es war das erstemal, daß Julian einen Blick in das schreckliche Arsenal der weiblichen Kriegskunst tun durfte. »Unmöglich«, meinte er bei sich, »gibt es in Paris noch erlesenere Dinge!« In solchen Momenten war sein Glück gegen jeden Einwand gefeit. Die naive Bewunderung und die Sinnlichkeit seiner Geliebten verscheuchten seine grauen Theorien über die Liebe, die ihn zu Beginn seiner Liebschaft zum Rechenkünstler und zur Karikatur gemacht hatten. Es gab Stunden, da er trotz seinem Hange zur Heuchelei holden Genuß darin fand, der Grande-dame, die ihn anbetete, seine Unwissenheit über tausend Kleinigkeiten des mondänen Lebens zu beichten. Er hatte das Gefühl, zu ihrer Vornehmheit emporgehoben zu werden. Sie ihrerseits fand eine süße geistige Wollust darin, dieses junge Genie, dem alle Welt eine glänzende Laufbahn prophezeite, in alle die kleinen Geheimnisse einzuweihen. Sogar der Landrat und selbst Valenod mußten ihn bewundern. Seitdem kamen sie ihr ein wenig gescheiter vor. Nur Frau Derville hütete sich, ähnliche Anerkennungen auszusprechen. Sie war außer sich über das, was sie vermutete und erriet; und als sie einsah, daß ihr guter Rat der Freundin, die buchstäblich den Kopf verloren hatte, nur unangenehm war, da reiste sie eines Tages von Vergy ab. Sie gab keinen Grund an, und Frau von Rênal fragte sie wohlweislich nicht danach. Sie vergoß ein paar Abschiedstränen, und alsbald war sie um so glücklicher. Dank der Abreise ihrer Freundin war sie fortan fast den ganzen Tag allein mit ihrem Geliebten.

Julian überließ sich um so lieber dem süßen Beieinander, als ihn jedesmal, wenn er sich zu lange mit sich selbst beschäftigte, der fatale Vorschlag seines Freundes Fouqué beunruhigte. In den ersten Tagen dieses neuen Lebens gab es Momente, wo er, der Einsame, der nie geliebt hatte und nie geliebt worden war, ein so inniges Vergnügen darin fand, offenherzig zu sein, daß er nahe daran war, Frau von Rênal einzugestehen, daß bis dahin der Ehrgeiz das Leitmotiv seines Daseins gewesen war. Auch hätte er gern um Rat gefragt über die seltsame Versuchung, in die ihn Fouqués Angebot gebracht hatte, aber ein kleines Intermezzo verbot ihm jede weitere Aufrichtigkeit.

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