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Nachtwachen

August Klingemann: Nachtwachen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleNachtwachen von Bonaventura
authorAugust Klingemann
year1805
publisherF. Dienemann und Comp.
titleNachtwachen
firstpub1804
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Fünfte Nachtwache.

Die vorige Nachtwache währte lange, die Folge war, wie bey jenem, Schlaflosigkeit, und ich mußte den hellen prosaischen Tag, den ich sonst meiner Gewohnheit gemäß, wie die Spanier, zur Nacht mache, durchwachen, und mich in dem bürgerlichen Leben und unter den vielen wachen, Schläfern langweilen.

Da konnte ich nun nichts bessers thun, als mir meine poetisch tolle Nacht in klare langweilige Prosa übersetzen, und ich brachte das Leben des Wahnsinnigen recht motivirt und vemünftig zu Papiere, und ließ es zur Lust und Ergözlichkeit der gescheuten Tagwandler abdrucken. Eigenlich war es aber nur ein Mittel mich zu ermüden, und ich wollte es in dieser Nachtwache mir vorlesen, um nicht zum zweitenmale mit der Prosa und dem Tage mich einlassen zu müssen.

Das geschieht denn auch nun jezt ganz plan, wie folget:

»Don Juans Vaterland war das heiße glühende Spanien, in dem Bäume und Menschen sich weit üppiger entfalten und das ganze Leben ein feurigeres Kolorit annimmt. Nur er allein schien wie ein nordischer Felsen in diesen ewigen Frühling versezt zu sein, er stand kalt und unbeweglich da und nur dann und wann lief ein Erdbeben unter ihm hin, daß sie erschraken, und es ihnen unheimlich in seiner Nähe wurde.

Sein Bruder Don Ponce dagegen war jungfräulich mild, und wenn er sprach, blüheten seine Worte in Blumen auf und schlangen sich um das Leben, durch das er wie durch einen grün verhüllten Zaubergarten hinwandelte. Alle liebten ihn; Juan haßte ihn nicht, aber sein Ausdruck war ihm zuwider, weil er nichts ruhig und groß zu nehmen wußte, sondern alles durch überladene Verzierungen verkleinerte, und überall seine bunten Schnörkel zuvor anpinseln mußte, um sich die Dinge gefällig zu machen, wie schlechte Poeten, die die üppig reiche Natur noch zum zweitenmale auszuschmücken versuchen, statt eine neue selbstständige, durch eigene Kraft zu erschaffen.

Ohne Theilnahme lebten sie bei einander, und wenn sie sich umarmten, so schienen sie wie zwei erstarrte Todte auf dem Bernhard Brust gegen Brust gelehnt, so kalt war es in den Herzen, in denen weder Haß noch Liebe herrschte; nur Ponce hielt ihre unbeweglich lächelnde Maske vor das Gesicht und verschwendete viel freundliche Worte bei einem reinen angenehmen Vortrage ohne genialische Härten und herzliche Rohheit. Juan wurde dann nur spröder und zurückstoßender und dieser strenge Norden wehete feindlich in den milden Süden daß die erkünstelten Blumen schnell entblätterten.

Das Schicksal schien sich zu erzürnen über die Gleichgültigkeit zweier verwandten Herzen, und es warf tückisch Haß und Aufruhr zwischen sie, damit sie, die die Liebe verschmäht hatten, als zornige Feinde sich einander nähern möchten. –

Es war zu Sevilla als Juan untheilnehmend einem Stiergefechte beiwohnte. Sein Blick schweifte von dem Amphitheater ab, über die über einander emporsteigenden Reihen der Zuschauer, und haftete weniger bei der lebenden Menge als den bunten phantastischen Verzierungen und den gestickten Teppichen die die Balustraden bedeckten. Endlich wurde er auf eine einzige noch leere Loge aufmerksam, und er starrte mechanisch dahin, wie wenn hier erst der Vorhang des wahren Schauspiels für ihn sich heben würde. Nach einer langen Pause erschien eine einzelne ganz in schwarze Schleier gehüllte hohe weibliche Gestalt, und hinter ihr ein bildschöner Page, der durch den ausgespannten Sonnenschirm sie vor der Hitze schüzte. Sie blieb unbeweglich auf der Tribune stehen, und eben so unbeweglich stand ihr Juan gegenüber; es war ihm als wenn das Räthsel seines Lebens hinter diesen Schleiern verborgen wäre, und doch fürchtete er den Augenblick wenn sie fallen würden, wie wenn ein blutiger Bankos Geist sich daraus erheben sollte.

Endlich war der Moment gekommen, und wie eine weiße Lilie blühete eine zauberische weibliche Gestalt aus den Gewändern auf; ihre Wangen schienen ohne Leben und die kaum gefärbten Lippen waren still geschlossen; so glich sie mehr dem bedeutungsvollen Bilde eines wunderbaren übermenschlichen Wesens, als einem irdischen Weibe.

Juan fühlte zugleich Entsetzen und heiße wilde Liebe, es verwirrte sich tief in ihm, und ein lauter Schrei war die einzige Äusserung die seinem Munde entfuhr. Die Unbekannte blickte rasch und scharf nach ihm hin, warf in demselben Augenblicke die Schleier über, und war verschwunden.

Juan eilte ihr nach, und fand sie nicht. Er durchstrich Sevilla – vergeblich; Angst und Liebe trieben ihn fort und wieder zurück, doch aber erschien ihm oft in einzelnen schnell vorüberfliegenden Sekunden der Augenblick in dem er sie finden würde eben so entsezlich als erwünscht; er bemühete sich diese Ahnung nur ein einzigesmal festzuhalten um sie zu begreifen, aber sie rauschte jedesmal wie ein nächtlicher Traum schnell an ihm vorüber, und wenn er sich besann war es wieder dunkel und Alles in seinem Gedächtnisse ausgelöscht. –

Dreimal hatte er ganz Spanien durchkreiset, ohne das blasse Antlitz wieder zu treffen, das tödtlich und liebend zugleich in sein Leben zu schauen schien; endlich trieb ihn ein unwiderstehliches Heimweh nach Sevilla zurück; und der erste der ihm dort begegnete, war Ponce.

Beide Brüder schienen vor einander zu erschrecken, denn beide waren einander fremd bis zum Räthsel geworden. Juans Härte war verschwunden und er stand ganz in Flammen wie ein Vulkan, durch dessen tausendjährige Schichten das innere Feuer sich mit einemmale Luft machte; aber in seiner Nähe schien es jezt nur um so gefährlicher. Ponces ehmalige Milde dagegen war zu Sprödigkeit geworden, und er stand kalt neben dem glühenden Bruder da, aller falscher Flitter war von seinem Leben abgefallen, und er glich einem Baume der seines vergänglichen Frühlingsschmuckes beraubt, die nackten Äste starr und verworren in die Lüfte ausstreckt. – So entzündet derselbe Blizstrahl einen Wald daß er tausend Nächte hindurch den Horizont beleuchtet, indeß er flüchtig über die Heide hinfährt und nur die spärlichen Blumen versengt daß sie verdorren und keine Spur zurücklassen.

Kalt höflich bat Ponce Don Juan ihn zu seiner Wohnune zu begleiten, damit er ihm seine Gemahlin vorstellen könne. Juan folgte mechanisch. Es war eben die Zeit der Siesta; die Brüder traten in einen von dichtem Weinlaube umhüllten Pavillon – da ruhete an einem marmornen Denksteine eben die blasse Gestalt schlummernd und unbeweglich, neben dem steinernen Genius des Todes, dessen umgestürzte Fackel ihre Brust berührte. juan stand starr und eingewurzelt, die finstere Ahnung stieg rasch vor seinem Geiste auf und verschwand nicht wieder, und wurde furchtbar deutlich, wie das sich plözlich auflösende Räthsel des Oedipus. Dann verließen ihn die Sinne, und er sank bewußtlos auf den Stein nieder.

Als er wieder erwachte, fand er sich allein, und nur der stumme ernste Jüngling war bei ihm zurük geblieben. Sturm und Aufruhr im Innern, stürzte er hinaus ins Freie. –

Und alles war um ihn her verwandelt und anders worden; die alte Zeit schien sich wiederzugebähren, und das graue Schicksal erwachte aus seinem tiefen Schlafe, und herrschte wieder über Erde und Himmel. Eine Furie verfolgte ihn, wie den Orestes, auf jedem Schritte, und hob oft tückisch das Schlangenhaar, und zeigte ihm ihr schönes Antliz.

Ponce mußte auf längere Zeit Sevilla verlassen, da schlich Don Juan aus seiner tiefen Verborgenheit hervor, wie ein lichtscheuer Verbrecher. In seiner Seele war alles fest und entschieden, doch floh er seinen eigenen Umgang, um dem dunkeln Gefühle keine Worte zu geben, und sich nicht gegen sich selbst erklären zu müssen. So suchte er, gegen sich geheinmißvoll, Ponces Landgut auf, und trat in Donna Ines Zimmer; sie erkannte ihn rasch, und die weiße Rose blühete zum erstenmale roth und glühend auf, und die Liebe belebte Pygmalions kaltes Wunderbild. Die Abensonne brannte durch Laub und Blüthen, und Ines schob kindlich schuldlos den Wangenpurpur dem Himmelsfeuer zu, das sie anstrahlte: dann ergriff sie bebend die Harfe, und wie Juan ihr Spiel mit der Flöte begleitete, hub das verbotene Gespräch ohne Worte an, und die Töne bekannten und erwiederten Liebe. So bliebs bis Juan kühner wurde, die mystische Hieroglyphe verschmähete, und die schöne geheinmißvolle Sünde in heller Rede offenbarte. Da schwand die Dämmerung vor der Unschuldigen, sie schien erst jezt wie durch einen feindlichen Fackelglanz alles um sich her zu erkennen, und nannte zum erstenmale schaudernd und erschrocken den Namen »Bruder!«

Die Sonne ging in demselben Augenblicke unter, und das eben noch gefärbte Antliz war schnell wieder blaß wie zuvor.

Juan verstummte; Ines zog die Klocke, und ebenjener Page, schön wie der Liebesgott, trat in das Zimmer.- Juan entfernte sich ohne ein Wort zu reden.

Es war schon ganz finster draußen im Walde, er schritt gedankenlos vor sich hin, plözlich stand Den Ponce dicht vor ihm, rasch zog er den Dolch und führte wild den Stoß, – jezt kam er zur Besinnung; der Dolch stekte tief in dem Stamme eines Baumes, und nur seine Phantasie hatte den Brudermord begangen.

Ponce kehrte endlich zurück, aber Ines gedachte der Stunde nicht gegen ihn, und verhüllte Liebe und Vergehen tief in ihre Brust. Juan haßte den Tag, und lebte von jezt an nur in der Nacht, denn was in ihm vorging war lichtscheu und gefährlich. Sobald es finster wurde wandelte er jedesmal von dem Orte seines Aufenthalts hin nach Ponces Landgute, und blikte nach Ines Fenstern, doch wenn der Morgen wieder grauete, entfernte er sich wild und grollend. Einmal sah er Ines und den Pagen beim Lichtscheine, und seine Phantasie schuf ein Mährchen, wie Ines ihn, des Jünglings wegen, zurückgesezt habe, und nur diesem die süßen Stunden der Nacht heimlich weihe; da schwur er in wilder Eifersucht dem schönen Knaben den Tod, und beschloß die erste Gelegenheit zur Ausführung zu ergreifen. – Das Licht auf ihrem Zimmer erlosch nicht, er wähnte den Pagen noch immer an ihrer Seite, harrte bebend vor Wuth und Liebe bis zur Mitternachtsstunde, dann schlich er, seiner nicht mehr mächtig, ein halb Wahnsinniger, hervor bis zur Thür des Hauses und fand sie nur angelehnt. Mit ungewissen wankenden Schritten ging er vor sich hin, und kam vor Ines Zimmer – ein rascher Druck, und es war geöffnet.

Da lag die Blasse wieder wie ein Sarkophage, das Nachtgewand war nur leicht um sie her gewunden, und in das Saitenspiel, das sie, noch schlummernd, an die Brust lehnte, schlangen sich braune Lockenkränze. Juans Lippen entfuhr unwillkührlich der Name seines Bruders, da glaubte er plözlich in der Schlafenden die Furie zu erblicken, die zwischen ihnen beiden aufgestiegen, und die Locken die das schöne Antliz umwallten, schienen sich in Schlangen zu verwandeln. Dann war sie aber wieder das Weib seiner Liebe, und er sank, außer sich, zu ihren Füßen nieder, und drükte seine heißen Lippen in ihre Brust. Sie taumelte erschrocken empor, erkannte ihn beim Scheine des Nachtlichts, stieß ihn mit heftiger Kraft von sich, und ihr Blick drückte Schauder und Entsetzen aus.

Der einzige Blick zerschmetterte ihn, doch erhob sich schnell sein böser Dämon, und er stürzte fort, bewußtlos was er thun wollte – ein blutiger Vorsatz lag dunkel vor seiner Seele.

Von dem Geräusche erweckt taumelte der Page schlaftrunken aus einem Zimmer im Vorsaale, er ergriff ihn und sagte rasch: »Deine Gebietherin verlangt nach dir, sie will in die Frühmesse!« Der Page rieb sich die Augen, er blikte ihm nach, und sah noch wie er in Ines Zimmer verschwand. Das Schicksal hatte die Katastrophe tückisch vorbereitet; Don Juan fand des Bruders Schlafgemach, riß ihn aus dem ersten Schlummer, und rief ihm die Untreue seines Weibes zu. Ponce fuhr rasch auf und wollte Erklärung, aber er zog ihn heftig mit sich fort, und drükte ihm nur auf dem Wege seinen Dolch in die Hand; dann schob er ihn in das Zimmer.

Es war todtenstill um Don Juan, er stand furchtbar einsam in der Nacht, und suchte zähneklappernd in dumpfer Angst die eben weggegebene Waffe. Jezt entstand ein Geräusch und die Thür flog wie von selbst aus den Angeln.

Da wurde das schrekliche Nachtstück beleuchtet. Der schöne Knabe lag schon im festen Todesschlummer auf dem Boden, und aus Ines Brust floß der purpurrothe Strom, und haftete auf dem schneeweißen Schleier wie vorgestekte Rosen.

Juan stand starr wie eine Bildsäule; Ines blikte ihn fest an, aber die blasse Lippe blieb geschlossen und enthüllte nichts, dann senkte sich der tiefe Schlaf sanft über ihre Augen.

Als sie starb erwachte erst Ponce, und er schien jezt zum erstenmale zu lieben, weil er die Liebe verlohr, und ein liebendes Herz zu fühlen, um es zu durchbohren. Er vermählte sich still wieder mit Ines.

Don Juan stand stumm und wahnsinnig unter den Todten.

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