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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081113
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projectid30cd1010
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VII

Aratow traf auf dem Boulevard nur sehr wenige Passanten. Die Witterung war feucht und recht kalt. Er gab sich Mühe, an sein Beginnen gar nicht zu denken, und alle Dinge, auf die er stieß, aufmerksam zu betrachten. Er hatte sich beinahe eingeredet, daß er ganz einfach, ebenso wie alle Leute, denen er begegnete, spazierengehe. Der gestrige Brief lag in seiner Brusttasche, und er fühlte ihn fortwährend daliegen. Er ging zweimal durch den Boulevard, betrachtete aufmerksam jedes weibliche Wesen, dem er begegnete, und hatte furchtbares Herzklopfen. Er spürte Müdigkeit und setzte sich auf eine Bank. Plötzlich kam ihm der Gedanke: Vielleicht ist der Brief gar nicht von ihr, sondern von irgendeiner andern Frau? Eigentlich hätte es ihm auch ganz gleich sein sollen – und doch mußte er sich gestehen, daß es ihm nicht gleichgültig war.

Das wäre ja schon gar zu dumm! sagte er sich. Noch dümmer als das andere!

Eine nervöse Unruhe bemächtigte sich seiner; es fröstelte ihn, doch von innen und nicht von außen. Er holte einige Male die Uhr aus der Westentasche, steckte sie dann wieder ein und vergaß jedesmal, wieviel Minuten bis fünf Uhr noch blieben. Es schien ihm, daß alle Vorübergehenden ihn mit spöttischem Erstaunen und Neugierde betrachteten. Irgendein gemeiner Köter lief auf ihn zu, schnüffelte an seinen Beinen und wedelte mit dem Schwanz. Er drohte ihm mit dem Stock. Am meisten ärgerte er sich über einen Lehrjungen in langem Zwillichrock, der auf einer Bank gegenübersaß und ihn, bald pfeifend, bald sich juckend und mit den in großen zerrissenen Stiefeln steckenden Beinen baumelnd, fortwährend ansah.

Der Meister wartet wohl auf ihn, dachte sich Aratow, der Faulenzer sitzt aber da und tut nichts . . .

Im selben Augenblick fühlte er aber, wie sich ihm jemand näherte und hinter ihm stehenblieb. Es wehte ihn mit seltsamer Wärme an . . .

Er sah sich um: Es war sie!

Er erkannte sie sofort, obwohl ihr Gesicht von einem dichten dunkelblauen Schleier verdeckt war. Er sprang auf und blieb stehen, außerstande auch nur ein Wort zu sagen. Auch sie schwieg. Er fühlte sich sehr verlegen, aber auch sie schien es zu sein. Aratow sah sogar durch den Schleier, wie leichenblaß sie plötzlich wurde. Aber sie fing als erste zu sprechen an.

»Ich danke Ihnen«, begann sie mit gebrochener Stimme, »ich danke, daß Sie gekommen sind. Ich hoffte gar nicht . . .« Sie wandte den Kopf etwas zur Seite und ging weiter. Aratow folgte ihr.

»Sie verurteilen mich vielleicht«, fuhr sie fort, ohne das Gesicht zu ihm zu wenden. »Mein Entschluß ist in der Tat sehr seltsam. Ich habe aber so viel über Sie gehört . . . Doch nein, das ist nicht der Grund. Wenn Sie wüßten . . . Ich wollte Ihnen so vieles sagen, mein Gott! Aber wie soll ich es tun, wie soll ich es tun?«

Aratow ging, ein wenig zurückbleibend, an ihrer Seite. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, er sah nur den Hut und einen Teil des Schleiers – und den schwarzen, langen, ziemlich abgetragenen Umhang. Der ganze Ärger über sie und sich selbst war plötzlich wiedergekehrt; er fühlte auf einmal, wie lächerlich und sinnlos dieses Stelldichein, diese Aussprache zwischen zwei wildfremden Menschen in einer öffentlichen Anlage war.

»Ich kam auf Ihre Einladung«, fing er nun an, »ich kam, gnädiges Fräulein (ihre Schultern erzitterten leise, sie bog in einen Seitenweg ab, und er folgte ihr), nur um festzustellen – um das seltsame Mißverständnis aufzuklären, das Sie veranlaßte, sich an mich, einen Ihnen völlig fremden Menschen, zu wenden, der nur aus dem Grunde, wie Sie sich selbst ausdrückten, erraten hat, daß Sie die Briefschreiberin sind, weil es Ihnen beliebte, während jenes literarischen Nachmittags ihm eine allzu . . . allzu auffällige Aufmerksamkeit zuzuwenden!«

Aratow hielt diese kurze Rede mit jener gespannten doch festen Stimme, mit der sehr junge Menschen im Examen eine Frage zu beantworten pflegen, auf die sie sich besonders gut vorbereitet haben. Er zürnte. Dieser Zorn hatte ihm auch seine sonst wenig gelenkige Zunge gelöst.

Sie ging mit etwas verlangsamten Schritten immer weiter. Aratow folgte ihr und sah noch immer nur den alten Umhang und den ebenfalls nicht sehr neuen Hut. Seine Selbstachtung litt unter dem Gedanken, daß sie sich jetzt sagen müßte: Ich brauchte ihm nur zu winken, und er kam sofort gelaufen!

Aratow schwieg. Er wartete noch immer auf ihre Antwort, aber sie sagte nichts.

»Ich bin bereit, Sie anzuhören«, begann er von neuem, »und es wird mich sogar sehr freuen, wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein kann; obwohl ich wiederum staunen muß – bei meiner zurückgezogenen Lebensweise . . .«

Bei seinen letzten Worten wandte sich Klara plötzlich nach ihm um, und er sah ein so erschrockenes, so tief trauriges Gesicht mit so hellen großen Tränentropfen in den Augen und einem so schmerzvollen Ausdruck um die halbgeöffneten Lippen – und dieses Gesicht war schön –, daß er plötzlich stockte und sogar etwas wie Angst, zugleich aber auch Mitleid und Rührung spürte.

»Ach, warum – warum sprechen Sie so . . .«, sagte sie, und ihre Stimme klang ungemein rührend. »Habe ich Sie denn damit, daß ich mich an Sie wandte, beleidigen können? Haben Sie mich gar nicht verstanden? Ach ja! Sie haben nichts davon verstanden, was ich Ihnen sagte! Sie haben sich, Gott weiß, was von mir gedacht und sich nicht einmal gefragt, welche Mühe es mich kostete, Ihnen zu schreiben. Sie waren nur um sich selbst, um Ihre Würde und Ihre Ruhe besorgt! Habe ich denn . . . (Sie drückte ihre Hände, die sie vor dem Munde hielt, so fest zusammen, daß Aratow die Finger knacken hörte.) Als ob ich von Ihnen etwas verlangte, als ob irgendwelche Aufklärungen nötig wären: ›Gnädiges Fräulein‹, ›ich muß staunen‹, ›nützlich sein‹ . . . Ach, ich Wahnsinnige! Ich ließ mich von Ihnen, von Ihrem Gesicht täuschen. Als ich Sie zum ersten Male sah . . . Ja, so stehen Sie da – und kein einziges Wort! Werde ich denn kein einziges Wort zu hören bekommen?«

Sie flehte. Ihr Gesicht wurde rot und bekam einen bösen und herausfordernden Ausdruck. »Mein Gott, wie dumm!« rief sie, schrill auflachend, aus. »Wie dumm ist doch dieses Stelldichein! Wie dumm bin ich! Und auch Sie . . . Pfui!«

Sie winkte verächtlich mit der Hand, als ob sie ihn zur Seite schieben wollte, lief an ihm vorbei, verließ schnell den Boulevard und verschwand.

Diese Handbewegung, das beleidigende Lachen und ihr letzter Ausruf versetzten Aratow sofort in seine frühere Stimmung und erstickten in ihm das Gefühl, das sich in seiner Seele geregt hatte, als sie sich mit Tränen in den Augen an ihn wandte. Er wurde wieder böse und war bereit, dem Mädchen nachzurufen: Sie haben wohl das Zeug zu einer guten Schauspielerin, warum müssen Sie aber unbedingt vor mir Komödie spielen?

Mit großen Schritten eilte er nach Hause. Obwohl er unterwegs noch immer böse und empört war, drang doch durch alle die bösen und gehässigen Gefühle, ohne daß er es wollte, die Erinnerung an jenes wunderbare Gesicht, das er nur einen Augenblick lang gesehen hatte. Er fragte sich sogar: Warum antwortete ich ihr nicht, als sie mich um ein einziges Wort bat? – Ich hatte nicht Zeit . . . sagte er sich. Sie ließ mich gar nicht zu Worte kommen . . . Und was für ein Wort hätte ich ihr auch sagen können? – Er schüttelte aber gleich wieder den Kopf und sagte mißbilligend: »Komödiantin!«

Und dennoch: Dem anfangs verletzten Ehrgeiz des unerfahrenen, nervösen Jünglings schmeichelte es irgendwie, daß er eine solche Leidenschaft hatte wecken können.

In diesem Augenblick aber, fuhr er in seinen Gedanken fort, ist natürlich alles zu Ende. Ich bin ihr offenbar lächerlich vorgekommen . . .

Dieser Gedanke war ihm unangenehm, und er wurde wieder böse – über sich selbst und über sie. Nach Hause zurückgekehrt, schloß er sich in seinem Arbeitszimmer ein: Er wollte Platoscha jetzt nicht sehen.

Die gute Alte kam zweimal vor seine Tür, drückte das Ohr ans Schlüsselloch, seufzte und flüsterte ihr Gebet.

Es hat angefangen! dachte sie. Er ist aber kaum fünfundzwanzig . . . Viel zu früh, viel zu früh!

 

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