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Jugenderinnerungen

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Jugenderinnerungen - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeautobiography
authorSonja Kowalewski
titleJugenderinnerungen
publisherS. Fischer Verlag
printrun3. Auflage 7.-8. Tausend
editorMarianne Spiegel
year1968
isbn3100412109
translatorLouise Flachs-Fokschaneanu
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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VII

Meine Schwester

Unvergleichlich stärker als alle anderen Einflüsse, die auf meine Kindheit einwirkten, war der meiner Schwester Anjuta. Das Gefühl, das ich von früh an für sie empfand, war ein sehr kompliziertes: ich bewunderte sie über die Maßen, unterwarf mich ihr in jeder Hinsicht ohne Widerspruch, und fühlte mich jedesmal sehr geehrt, wenn sie geruhte, mich an etwas, das sie beschäftigte, teilnehmen zu lassen. Für meine Schwester wäre ich durch Feuer und Wasser gegangen; aber trotz meiner innigen Liebe zu ihr nistete gleichzeitig in der Tiefe der Seele ein geheimer Neid, jene besondere Art von Neid, den wir so oft, fast unbewußt, Menschen gegenüber empfinden, die uns sehr nahestehen, die wir heiß bewundern und die wir in allem nachahmen möchten.

Indessen war es höchst unbegründet, meine Schwester zu beneiden, weil ihr Los alles andere als beneidenswert war.

Meine Eltern zogen gerade zu der Zeit, als sie aus dem Kindesalter entwuchs, für immer aufs Land. Nicht lange danach entbrannte der polnische Aufstand, und da unser Haus hart an der russisch-litauischen Grenze lag, drang der Widerhall dieses Aufstandes auch bis zu uns. Die meisten Gutsbesitzer der Nachbarschaft, insbesondere die wohlhabendsten und gebildesten, waren Polen: viele von ihnen hatten sich mehr oder minder verdächtig gemacht; einigen wurden die Güter konfisziert; fast alle mußten Kontribution entrichten; viele von ihnen verließen freiwillig ihre Güter und zogen ins Ausland. In den Jahren nach dem polnischen Aufstand gab es fast gar keine jungen Leute in unserer Gegend; sie waren verschwunden – irgendwohin. Es blieben bloß Kinder zurück und müßige, ängstliche Greise, die sich vor dem eigenen Schatten fürchteten; dazu waren noch allerhand Leute gekommen – Beamte, Kaufleute und Kleinadel.

Es ist begreiflich, daß sich unter solchen Verhältnissen das Landleben für ein junges Mädchen nicht sehr heiter gestaltete. Auch konnte Anjuta bei ihrer bisherigen Erziehung keinen Hang zu ländlichen Zerstreuungen entwickeln. Sie liebte weder Spaziergänge, noch Pilzesammeln oder Bootfahren. Außerdem ging die Anregung zu solchen Vergnügungen stets von der englischen Gouvernante aus; die Feindschaft zwischen ihr und Anjuta war nun so groß, daß bloß die eine einen Vorschlag zu machen brauchte, auf daß die andere ihn sofort heftig abwies.

Einen Sommer lang machte Anjuta mit wahrer Leidenschaft Spazierritte; allein das geschah nur, um die Heldin eines Romans, den sie damals las, nachzuahmen. Da sich für sie kein geeigneter Begleiter fand, wurde sie der einsamen Ausritte in Begleitung eines langweiligen Pferdeknechts bald überdrüssig; ihr Reitpferd, das sie auf den romantischen Namen »Frieda« getauft hatte, trug bald wieder den Verwalter über die Felder, und bekam auch seinen früheren Namen »Galubka« zurück.

Es war nicht einmal die Rede davon, daß die Schwester sich etwa mit der Hauswirtschaft beschäftigte, so unsinnig wäre ein solcher Vorschlag ihr selbst, sowie allen anderen erschienen. Ihre ganze Erziehung war darauf gerichtet gewesen, sie zu einer glänzenden Dame der Gesellschaft zu machen. Ungefähr von ihrem siebenten Lebensjahre an war sie gewohnt, auf allen Kinderbällen, zu denen man sie oft führte, solange die Eltern in größeren Städten wohnten, die Königin zu sein. Papa war sehr stolz auf ihre Kindererfolge, und man erzählte in unserer Familie geradezu legendäre Geschichten über sie.

»Man kann unsere Anjuta, wenn sie einmal erwachsen ist, ohne weiteres bei Hofe einführen! Sie wird alle Prinzen um den Verstand bringen!« sagte der Vater manchmal, gleichsam im Scherz; schlimmer war nur, daß nicht bloß wir jüngeren Kinder, sondern auch Anjuta selbst diese Worte ernst nahmen.

Als Kind war Anjuta außergewöhnlich hübsch; schlank gewachsen, mit prächtiger Gesichtsfarbe und einer Fülle blonder Haare, konnte sie wirklich als eine Schönheit gelten; überdies besaß sie einen eigenartigen Charme. Sie wußte nur zu gut, daß sie in anderer Umgebung die erste Rolle spielen könnte – und nun kam plötzlich: Dorf, Stille, Langeweile.

Sie machte dem Vater oft mit Tränen in den Augen Vorwürfe, daß er sie zum Aufenthalt auf dem Lande zwinge. Anfangs scherzte der Vater darüber, dann wurde er nicht müde, ihr genau nachzuweisen und zu erklären, es sei bei den gegenwärtigen bösen Zeiten die Pflicht jedes Gutsbesitzers, auf seinem Gut zu leben. Es jetzt verlassen, hieße die ganze Familie zugrunde richten. Anjuta konnte auf diese Argumente nichts erwidern. Sie wußte bloß, daß ihr davon nicht leichter ums Herz wurde, daß ihre Jugend sich nicht noch einmal wiederholte. Nach solchen Gesprächen ging sie in ihr Zimmer und weinte bitterlich.

Im übrigen schickte der Vater einmal jährlich, gewöhnlich während des Winters, die Mutter und Schwester für einen Monat oder sechs Wochen nach Petersburg zu den Tanten. Diese Reisen, die viel Geld kosteten, brachten eigentlich keinen Nutzen. Sie weckten in Anjuta bloß den Hang nach Vergnügungen und befriedigten ihn nicht. Ein Monat in Petersburg verstrich immer so rasch, daß sie kaum zu sich kommen konnte. Einem Menschen, der sie zu ernstem Denken angeregt hätte, begegnete sie in der Gesellschaft, in die man sie führte, nicht. Ein passender Bräutigam stand auch nicht in Aussicht. Man bestellte ihr Toiletten, führte sie dreimal ins Theater oder auf den Ball im Adelssaal; einer von den Verwandten veranstaltet ihr zu Ehren einen Abend, man macht ihr Komplimente über ihre Schönheit. Und dann, wenn sie kaum an all dem Geschmack zu finden beginnt, bringt man sie nach Palibino zurück, und wieder fängt für sie die Einsamkeit an, der Müßiggang, die Langeweile, das stundenlange Umherwandern durch die großen Räume des Hauses in Palibino. Sie durchlebt im Geiste noch einmal die Freuden, die sie kürzlich genossen, und leidenschaftliche, phantastische Illusionen von künftigen Erfolgen.

Um die Öde ihres Lebens wenigstens einigermaßen auszufüllen, ersann sie erkünstelte Schwärmereien, und da das Leben unserer Familie gleichfalls sehr einförmig verlief, warfen sich alle mit Eifer darauf und sahen einen willkommenen Anlaß zu Gesprächen und Disputen. Die einen tadelten Anjuta, die anderen stimmten ihr zu, allen aber bereitete sie damit eine angenehme Abwechslung im gewohnten Einerlei des alltäglichen Lebens.

Als Anjuta das bedeutungsvolle fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte, war die erste Tat ihrer neuen Selbständigkeit, daß sie sich auf alle Romane stürzte, die sich in unserer Bibliothek vorfanden, und sie in unglaublichen Mengen verschlang. Zum Glück gab es bei uns gar keine »bösen« Romane, wogegen es an schlechten und talentlos geschriebenen nicht mangelte. Unsere Bibliothek bestand vornehmlich aus einer großen Anzahl alter englischer Romane, vorzugsweise historischer, die zumeist im Mittelalter auf Ritterburgen spielten. Für meine Schwester waren diese Romane ein willkommener Fund. Sie führten sie in eine wunderbare, ihr bisher unbekannt gewesene Welt ein und gaben ihrer Phantasie eine neue Richtung. Bei ihr wiederholte sich das, was viele Jahrhunderte vorher dem armen Don Quixote widerfahren war: sie glaubte an Ritter und hielt sich selbst für ein Fräulein des Mittelalters.

Unglücklicherweise war unser Gutshof groß und massiv, mit Türmen und gotischen Fenstern, und hatte einige Ähnlichkeit mit einem mittelalterlichen Schloß. Während ihrer Ritterperiode konnte die Schwester nicht einen Brief schreiben, ohne ihn mit der Anschrift »Château Palibino« zu versehen. Sie befahl, das obere Turmzimmer, welches so lange nicht mehr benutzt worden war, daß sogar die festgefügten Stufen der Treppe geborsten waren und schwankten, vom Staub und Spinngewebe zu reinigen, bekleidete die Wände mit alten Teppichen und Wappen, die sie in dem Gerümpel auf dem Dachboden hervorgesucht hatte, und erwählte diesen Raum zu ihrem beständigen Aufenthaltsort.

Heute noch sehe ich ihre geschmeidige, hohe Gestalt vor mir in einem fest anliegenden, weißen Kleid, mit den zwei schweren, blonden Zöpfen, die tief über den Gürtel hingen. In diesem Kostüm sitzt die Schwester vor dem Rahmen und stickt das Familienwappen des Königs Matthias Corvinus mit Perlen auf Canevas oder blickt zum Fenster auf die Landstraße hinaus, ob der Ritter nicht kommt.

»Soeur Anne, soeur Anne! Ne vois tu rien venir?«
»Je ne vois que la terre qui poudroit, qui verdoit!«

Statt des Ritters kam der Kreisrichter, kamen die Steuerbeamten, kamen die Juden, um dem Vater Schnaps und Ochsen abzukaufen – von einem Ritter keine Spur. Das Warten wurde ihr endlich langweilig, und die Ritterperiode verstrich bei ihr ebenso schnell, wie sie gekommen war.

Zu der Zeit, als sie, noch unbewußt, der Ritterromane überdrüssig zu werden begann, fiel ihr der überspannte englische Roman »König Harold« in die Hände.

Nach der Schlacht von Hastings fand Edith Schwanenhals unter den gefallenen Kriegern ihren Geliebten, König Harold. Vor Beginn der Schlacht hatte er einen Meineid geschworen und starb mit dieser Todsünde, ohne Buße tun zu können. Seit diesem Tage war Edith aus ihren heimatlichen Gauen verschwunden, und keiner ihrer Angehörigen hörte jemals wieder von ihr. Viele Jahre verstrichen, und niemand erinnerte sich ihrer.

Auf der England gegenüberliegenden Küste steht mitten zwischen wilden Felsen und Wäldern ein wegen seiner strengen Ordensregeln bekanntes Kloster. Dort lebt seit langen Jahren eine Nonne, die sich das Gelübde ewigen Schweigens selbst auferlegt hat. Alle Klosterleute sind von ihren gottesfürchtigen Handlungen entzückt. Sie kennt keine Ruhe, nicht bei Tag, noch bei Nacht; in den frühen Morgenstunden und in der stillen Mittagszeit sieht man ihre kniende Gestalt vor dem Gekreuzigten in der Klosterhalle. Überall, wo es gilt, eine Pflicht zu erfüllen, Hilfe zu leisten, Leiden zu mildern – überall erscheint sie als erste. Kein einziger Mensch stirbt in der Umgegend, ohne daß sich über sein Sterbebett die hohe Gestalt der bleichen Nonne beugt, ohne daß ihre blutlosen Lippen, die vom furchtbaren Gelübde ewigen Schweigens geschlossen sind, seine schon vom kalten Todesschweiß bedeckte Stirn berühren.

Aber niemand weiß, wer sie ist, woher sie kam. Vor zwanzig Jahren war an der Klosterpforte eine in einen schwarzen Mantel gehüllte Frau erschienen, und sie blieb nach einer langen, geheimnisvollen Unterredung mit der Äbtissin für immer da. Die Äbtissin von damals ist längst tot. Die bleiche Nonne geht hier noch immer wie ein Schatten umher. Niemand von den jetzt im Kloster Lebenden hat je den Klang ihrer Stimme vernommen. Die jungen Nonnen und die Armen der ganzen Umgegend neigen sich vor ihr, wie vor einer Heiligen. Mütter bringen ihr die kranken Kinder in der Hoffnung, daß sie sie mit einer einzigen Berührung heilen werde. Es gibt auch Leute, die meinen, sie müsse in ihrer Jugend sicher eine große Sünderin gewesen sein, daß sie mit einer solchen Selbstverleugnung für ihre Vergangenheit büßen muß.

Endlich nach vielen, vielen Jahren der Sühne und demutvollen Wirkens kommt ihre Todesstunde. Alle Nonnen, die jungen und die alten, drängen sich an ihr Sterbelager; die Mutter Äbtissin selbst, die längst nicht mehr gehen kann, läßt sich in ihre Zelle tragen.

Da tritt der Priester ein. Vermöge der Macht, die ihm unser Herr Jesus Christus gegeben, entbindet er die Sterbende vom Gelübde ewigen Schweigens, das sie sich auferlegt, und ermahnt sie, ihm vor dem Ende zu bekennen, wer sie sei, welche Sünde, welches Verbrechen auf ihr laste.

Die Sterbende erhebt sich mühsam vom Lager. Ihre blutleeren Lippen sind vom langen Schweigen wie versteinert und der menschlichen Sprache entwöhnt; einige Sekunden lang zucken sie lautlos, krampfhaft und mechanisch. Endlich beginnt die Nonne, dem Befehl des geistlichen Vaters gehorchend, zu sprechen; ihre Stimme, die sie im Laufe von zwanzig Jahren nicht gebraucht hat, klingt dumpf und unnatürlich.

»Ich bin Edith!« bringt sie mühsam hervor. »Ich bin die Braut des unglücklichen Königs Harold!«

Beim Nennen dieses Namens, der von allen gottesfürchtigen Dienern der Kirche verwünscht wird, bekreuzigen sich die entsetzten Nonnen.

Der Priester aber spricht: »Meine Tochter, du hast auf Erden einen großen Sünder geliebt. König Harold trägt den Fluch unserer gemeinsamen heiligen Mutter – der katholischen Kirche –, und niemals wird ihm Vergebung werden; er wird ewig im Höllenfeuer brennen. Aber Gott sah deine Demut, und nimmt deine Buße und deine Tränen an. Zieh hin in Frieden! Dich erwartet im Paradies ein anderer, unsterblicher Bräutigam!«

Die hohlen, wachsgelben Wangen der Sterbenden überzieht plötzlich eine Röte. In ihren längst erloschenen Augen flackert ein leidenschaftliches Feuer auf.

»Ich will kein Paradies ohne Harold!« ruft sie zum Schrecken aller Nonnen aus. »Wenn Harold nicht vergeben wurde, so mag Gott auch mich nicht zu sich rufen!«

Die Nonnen schweigen, starr vor Entsetzen, Edith aber läßt sich mit übermenschlicher Anstrengung vom Sterbelager herab, und das Antlitz dem Gekreuzigten zukehrend, ruft sie mit ihrer gebrochenen, fast nicht mehr irdischen Stimme aus: »Großer Gott, für das nur Stunden währende Leiden deines Sohnes nahmst du von der ganzen Menschheit die Sündenschuld. Ich aber sterbe seit zwanzig Jahren täglich, stündlich einen langsamen, qualvollen Tod. Du sahst, kennst meine Leiden. Habe ich mir dadurch vor dir ein Verdienst erworben, dann sei Harold gnädig! Gib mir vor dem Tod ein Zeichen: wenn wir das Vaterunser beten, so laß die Kerze vor dem Erlöser sich selbst entzünden. Dann werde ich wissen, daß Harold Vergebung wurde!«

Der Priester liest das Vaterunser. Feierlich und deutlich spricht er jedes Wort aus. Die Nonnen, jung und alt, wiederholen flüsternd das heilige Gebet. Es gibt unter ihnen keine, die nicht von Mitleid für die unglückliche Edith erfüllt wäre, die nicht gern ihr eigenes Leben für Harold hingäbe.

Edith liegt auf dem Boden hingestreckt. Ihr Körper windet sich schon in Todeskrämpfen; nur noch in ihren Augen, die sich auf den Gekreuzigten richten, glimmt ein Funke Leben.

Die Kerze entzündet sich noch immer nicht.

Der Priester ist mit dem Gebet zu Ende. »Amen!« sagt er mit trauriger Stimme.

Das Wunder ist nicht geschehen. Harold fand keine Gnade. Den Lippen der gottesfürchtigen Edith entringt sich ein wehklagender Fluch, und ihr Blick erlischt für immer.

Dieser Roman bewirkte eine tiefe Wandlung in der Seele meiner Schwester. Zum erstenmal im Leben erschienen deutlich die Fragen: Gibt es ein künftiges Leben? Endet denn alles mit dem Tode? Begegnen sich zwei liebende Wesen im Jenseits?

Mit demselben übertriebenen Eifer, den sie bei allem zeigte, was sie unternahm, vertiefte sie sich gänzlich in diese Fragen, als ob sie die erste sei, die sich jemals mit solchen Problemen beschäftigt hätte. Es erschien ihr unzweifelhaft, daß sie nicht leben könne, ohne eine Antwort auf ihre Fragen zu finden.

Es war ein herrlicher Sommerabend; die Sonne ging unter, die Hitze schwand allmählich, und in der Luft war alles so wundervoll harmonisch und schön. Durch die geöffneten Fenster drang der Duft der Rosen und des gemähten Grases herein. Von den Ställen her hörte man das Brüllen der Kühe, das Blöken der Schafe, die Stimmen der Knechte – all die verschiedenen Laute eines Sommerabends auf dem Lande, und durch die Entfernung so gedämpft, daß der Eindruck einer allumfassenden Harmonie sich noch verstärkte.

In meiner Seele war es besonders hell und freudig. Ich wagte es, für einen Augenblick, der wachsamen Aufsicht der Gouvernante zu entschlüpfen, und lief pfeilschnell nach oben in das Turmzimmer, um nachzusehen, was meine Schwester dort trieb. Und was erblickte ich?

Die Schwester liegt mit aufgelöstem Haar auf dem Sofa, von den Strahlen der untergehenden Sonne überflutet, und schluchzt laut, schluchzt so, daß man glauben könnte, die Brust berste ihr. Erschrocken laufe ich auf sie zu.

»Anjutitschka, was hast Du?« Aber sie antwortet nicht, macht bloß eine Bewegung mit der Hand: ich möge hinausgehen und sie in Ruhe lassen. Ich dränge mich noch mehr an sie. Sie antwortet lange nicht, endlich erhebt sie sich und spricht mit schwacher, wie mir schien, ganz gebrochener Stimme:

»Du wirst ohnehin nicht begreifen . . . ich weine nicht über mich, sondern über uns alle. Du bist noch ein Kind, Du brauchst dich noch nicht mit so ernsten Dingen abzuquälen; auch ich war einmal glücklich, allein dieses herrliche, dieses grausame Buch« – sie weist auf Bulwers Roman – »ließ mich tiefer in das Geheimnis des Lebens blicken. Da begriff ich, wie eitel alles das ist, nach dem wir streben. Das glänzendste Glück, die feurigste Liebe – alles endet mit dem Tod. Und was uns dann erwartet und ob uns überhaupt etwas erwartet, wissen wir nicht und werden es nie, nie erfahren! O, das ist entsetzlich, entsetzlich!« Sie beginnt wieder zu schluchzen und verbirgt den Kopf in den Sofakissen.

Die aufrichtige Verzweiflung eines sechzehnjährigen Mädchens, das durch die Lektüre eines exaltierten englischen Romans zum ersten Mal auf den Gedanken an den Tod gebracht wird, diese an die zehnjährige Schwester gerichteten pathetischen Worte hätten einen Erwachsenen sicherlich nur lächeln gemacht. Mir aber erstarb das Herz vor Entsetzen, und meine Ehrfurcht vor der Bedeutung und dem Ernst der Gedanken, welche Anjuta beschäftigten, war grenzenlos. Die ganze Schönheit des Sommerabends verschwand plötzlich für mich, und ich schämte mich jener grundlosen Fröhlichkeit, die eine Minute vorher noch mein ganzes Wesen erfüllte.

»Aber wir wissen doch, daß Gott existiert und daß wir nach dem Tode zu ihm gehen«, versuchte ich einzuwenden. Die Schwester sah mich zärtlich an – wie ein Erwachsener ein Kind.

»Ja, du hast dir noch den kindlichen, reinen Glauben bewahrt. Wir werden davon nicht mehr sprechen«, sagte sie sehr traurig, gleichzeitig aber von einem solchen Bewußtsein ihrer Überlegenheit erfüllt, daß ich mich meiner Worte schämte.

Seit jenem Abend trat eine große Veränderung bei meiner Schwester ein. Tagelang ging sie sanft-traurig umher, in ihrem ganzen Gehaben die Lossagung von allen irdischen Freuden bekundend. Alles in ihr sprach: memento mori! Vergessen waren die Ritter und die schönen Damen mit den Liebesturnieren. Wozu lieben, wozu wünschen, wenn alles mit dem Tode endet!

Die Schwester rührt keinen englischen Roman mehr an; sie sind ihr alle zuwider. Dagegen verschlingt sie gierig die »Nachfolge Christi« und beschließt, ähnlich wie Thomas a Kempis, durch Selbstverleugnung und Entsagung alle in ihrer Seele aufkeimenden Zweifel zu ersticken.

Den Dienstboten zeigt sie sich in einer noch nicht dagewesenen Weise sanft und nachsichtig. Bitte ich oder der jüngere Bruder um irgend etwas, so brummt sie uns nicht an, wie es früher geschah, sondern erfüllt unsere Wünsche sofort, aber mit einer so seelenzerknirscht entsagenden Miene, daß sich mir das Herz zusammenzieht und mir alle Heiterkeit vergeht.

Alle im Hause achten ihre gottesfürchtige Stimmung und behandeln sie zärtlich und behutsam wie ein Kind oder einen Menschen, der ein schweres Leid zu tragen hat. Bloß die Gouvernante zuckt ungläubig mit den Schultern, und der Vater macht sich bei Tisch über son air ténébreux lustig. Aber die Schwester trägt ergeben den Spott des Vaters und begegnet der Gouvernante mit ausgesuchter Höflichkeit, was diese fast noch mehr ärgert als Anjutas frühere Ungezogenheiten. Wenn ich meine Schwester in solchem Zustand sehe, kann mich gar nichts freuen; ich schäme mich sogar, daß ich nicht genügend leide, und im Geheimen beneide ich meine Schwester wegen der Kraft und Tiefe ihres Gefühls.

Diese Stimmung dauert jedoch nicht lange. Es näherte sich der fünfte September, der Namenstag unserer Mutter, der bei uns stets feierlich begangen wurde. Alle Nachbarn im Umkreis von fünfzig Werst kamen zu uns; es versammelten sich an hundert Personen, und seit jeher wurde an diesem Tage etwas Besonderes veranstaltet: Feuerwerk, lebende Bilder oder eine kleine Theateraufführung. Die Vorbereitungen begannen natürlich lange vorher.

Meine Mutter war eine Freundin von Liebhaberaufführungen und spielte selbst sehr gut und mit großer Leidenschaft. Man hatte für dieses Jahr eine regelrechte Bühne gebaut, mit Kulissen, einem Vorhang und Dekorationen. In der Nachbarschaft wohnten einige alte, eingefleischte Theaterfreunde, die man stets als Schauspieler anwerben konnte. Die Mutter wollte für ihr Leben gern, daß in ihrem Hause Theater gespielt würde, allein da sie bereits Mutter einer erwachsenen Tochter war, schien es ihr unpassend, für die Sache zuviel Eifer zu zeigen; sie wünschte, es solle alles das so bewerkstelligt werden, als geschähe es Anjuta zuliebe. Aber Anjuta hatte sich gerade damals besonders in ihre Nonnenstimmung hineingelebt.

Ich erinnere mich, wie vorsichtig und zaghaft die Mutter zu Werke ging und sich bemühte, Anjuta für den Gedanken einer Liebhaberaufführung zu gewinnen. Anjuta gab nicht sofort nach; anfangs bekundete sie große Verachtung für solche Veranstaltungen: »Was hat das alles für einen Sinn!« Endlich willigte sie ein, allerdings mit einer Miene, als füge sie sich nur den Wünschen der anderen.

Als die Teilnehmer versammelt waren, ging man an die Wahl des Stückes. Es ist bekanntlich keine leichte Sache; das Stück soll unterhalten, aber nicht zu frei sein und nicht viel Ausstattung benötigen. Man einigte sich schließlich auf das Vaudeville »Les oeufs de Perette«.

Anjuta sollte nun, wo sie erwachsen war, zum ersten Mal beim Theaterspielen mitmachen. Selbstverständlich wies man ihr die Hauptrolle zu. Die Proben begannen; und Anjuta zeigte ein beachtliches schauspielerisches Talent.

Und siehe da, die Todesfurcht, das Ringen um Wahrheit gegen die Zweifel, die Angst vor dem geheimnisvollen Danach – alles verschwand. Vom Morgen bis zum Abend ertönte im ganzen Hause die helle Stimme Anjutas, die französische Couplets sang.

Nach dem Namensfest der Mutter weinte Anjuta wieder bitterlich, aber bereits aus einem ganz anderen Grunde. Der Vater wollte ihrer inständigen Bitte, sie in eine Theaterschule zu bringen, nicht nachgeben, und sie fühlte doch, daß sie zur Schauspielerin berufen sei . . .

 

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