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Freuden des jungen Werthers

Friedrich Nicolai: Freuden des jungen Werthers - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorChristoph Friedrich Nicolai
booktitleVertraute Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S. - Freuden des jungen Werthers
titleFreuden des jungen Werthers
publisherBuchverlag Der Morgen
seriesMärkischer Dichtergarten
editorGünter de Bruyn
year1982
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectidfc2ed8d1
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Johann Gottlieb Fichte: Friedrich Nicolais Leben und sonderbare Meinungen

Ein Beitrag zur Literaturgeschichte des vergangenen und zur Pädagogik des angehenden Jahrhunderts. Herausgegeben von August Wilhelm Schlegel (von dem auch die Anmerkungen stammen)

Erstes Kapitel.

Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind.

Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, daß alles mögliche menschliche Wissen in seinem Gemüte umfaßt, erschöpft und aufbewahrt sei, daß sein Urteil über die Ansicht, die Behandlung, den Inhalt und den Wert aller Wissenschaft untrüglich und unfehlbar sei und dem Urteile aller ändern vernünftigen Wesen zur Richtschnur und zum Kriterium ihrer eignen Vernünftigkeit dienen müsse; mit einem Worte, daß er alles, was in irgendeinem Fache richtig und nützlich sei, gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unnütz sei, was er nicht gedacht hätte oder nicht denken würde.

Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst über alle Zweifel, alle spätere Untersuchung und alle Besorgnis hinweg, daß er sich doch etwa über dieses oder jenes im Irrtume befinden möchte, sondern er war noch überdies von allen andern Menschen ebenso fest überzeugt und mutete es ihnen an, daß sie über alle Zweifel hinaus sein müßten, sobald sie nur recht wüßten, wie er selbst eine Sache fände. Alle seine Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: Ich bin andrer Meinung: Daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengründe hinzuzufügen gewöhnlich unterließ. Die Gegner, glaubte er, könnten schon daraus sattsam ersehen, daß sie unrecht hätten. Bei allen Verweisen und Züchtigungen, die er in seinen spätern Jahren an das außer der Art schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genötigt wurde, hob er nur immer davon an, daß er zeigte, man habe nicht nach seinem Rate gehandelt; dies allein, glaubte er, würde sie schon dahin bringen, daß sie sich schämten und in sich gingen.

In dieser Voraussetzung ließ er sich denn auch durch keinen noch so sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irremachen. Sogar wenn ihm, wie dies in seinem spätem Alter häufig begegnete, von allen Seiten her einmütig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines Urteils über gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch: er sei ein geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck und was man noch alles für Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber voraussetzen, man sage dies bloß aus Schalkheit und um sich für die empfangenen Züchtigungen zu rächen, als daß er irgendeinem Menschen die Verkehrtheit zugetraut hätte, daß er fähig wäre, in allem Ernste und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.

Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu seinem innersten eigensten Selbst geworden, daß man keine Spur hat, er habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten Bewußtsein erhoben. Er räsonierte, urteilte, richtete von ihr aus, als seinem einzig möglichen Standpunkte, niemals über sie. Er starb daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken auch nur in sich selbst zu Ende gekommen zu sein.

Zweites Kapitel.

Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze gekommen sein möge.

Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun haben die außer unserm Helden selbst liegenden Umstände, welche unsers Erachtens die beschriebne sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch bei ändern Menschen gefunden und haben auch bei ihnen in einem gewissen Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschütterlich auf jenem Prinzip beharrt, so allumfassend und so konsequent durchgeführt hat es, soviel uns bekannt ist, keiner außer unserm Helden; und dies eben ist es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und der Nachwelt überliefert zu werden. Es muß sonach bei ihm zu jenen anzuführenden äußern Umständen der Entwickelung jenes Prinzips noch eine vorzügliche innere Empfänglichkeit seiner Natur dafür hinzugekommen sein. Zum größten Glücke für die Menschheit hat unser Held selbst – denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock in seiner Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht als schon geschehen ankündigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als das durch Klopstock Verkündigte geschehen konnte –, er selbst hat, nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transzendentale Idealismus, ausgetilgt und die »ADB« wiederum gehörig in den Gang gebracht war, seine glorreich errungene Muße dazu angewendet, die Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre und bis zu seiner Wiege zurückzuführen, hat diese Krone seiner Werke vollendet und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei Bänden dieses klassischen Werks können die Leser sich unterrichten, wie der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschütterte und alle Sünder in ihr erbeben machte und wie schon seine Windeln von dem attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten ausgehaucht und angesetzt hat, so daß alle Umstehenden sich verwunderten und sprachen: Was will aus dem Kindlein werden? In den folgenden Bänden können sie finden, wie er, seitdem er sich seiner erinnern kann – und er kann sich seiner seit den frühesten Jahren erinnern –, durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb, zu lernen, und eine Fassungskraft weit über alle Kinder seiner Gesellschaft und seines Alters in sich verspürt, so daß er von seinen Eltern und seinen Lehrern als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir überlassen den Lesern, dieses in der ausführlichen und grazienvollen Beschreibung des Helden selbst nachzulesen, und schränken uns, sowohl hier als ins künftige, auf dasjenige ein, was der berühmte Verfasser übergeht und was wir nur aus ändern Denkmälern jenes Zeitalters schöpfen können.

Ich will hier nicht untersuchen, ob es notwendig sei, daß der Übergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren gründlichen Gelehrsamkeit bei sich führe. Bei den Deutschen wenigstens war dies der Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben gelernt zu haben; man wollte, daß es auch für Deutsch anerkannt würde und bemühte sich daher, über alle Gegenstände so zu schreiben, daß denn auch in der Tat nichts weiter zum Verstehen gehöre als die Kenntnis der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen ließ, daß die halb schlummernde Schöne an ihrem Putztische es auch verstände, wurde eben nicht gesagt; – und da man nur, um sagen zu können, lernte, auch nicht weiter gelernt – späterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit und Pedanterie: Kurz, das elende Popularisieren kam an die Tagesordnung, und von nun an wurde Popularität der Maßstab des Wahren, des Nützlichen und des Wissenswürdigen.

In diese Epoche fiel unser Helden erste Bildung. Er wollte schon früh etwas bedeuten und dünkte sich schon früh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er späterhin sich behängte, immer blieb, mußte dieser Dünkel bei ihm um so verderblicher werden. Zu seinem Unglücke kam er in die Bekanntschaft zweier Männer, deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung hatte als Nicolai, aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der Einsicht und des Zwecks ... Der zweite dieser Männer, in deren Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger, rastloser Geist und ein Charakter, für das Wahre, Rechte und Gute gebildet; nur daß er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held, der damals noch nicht alle Fähigkeit verloren hatte, eine Superiorität außer sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber nachdem er sich mit Mühe und Not einiges Vermögen erworben hatte, mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixierte Geist sein Spiel trieb, hielt er dieses Spielwerk für das Höchste und sich selbst für jenes Geistes gleichen.

Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht weiter gekommen und nicht zur Besinnung, Später hat er sich noch für einen weit höhern Geist gehalten als jenen, den er nun für ein gutem Rate nicht folgendes, überspanntes Genie ausgab.

Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug getan; entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, z.B. dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurück, und unser Held beschloß nunmehro, die Sache in das weitere zu treiben und sich selbst, sich allein, zum Mittelpunkte der deutschen Literatur und Kunst zu konstituieren. Die »Allgemeine Deutsche Bibliothek« entstand, schon an sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es ausgeführt wurde, am allerverderblichsten für den Urheber selbst.

Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen sein: Der Redakteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen Werks muß selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muß, und zwar in jedem besondern Fache, höher stehen und alles besser wissen als irgendeiner seiner Zeitgenossen. Er muß in jedem Fache die größten Meister zur Beurteilung derer, die unter ihnen sind, wählen, sie zu finden, sich zu verbinden wissen; er muß aber sogar diese größten Meister der Fächer übersehen, um ihre eingesendeten Beurteilungen zu prüfen und ersehen zu können, ob sie mit dem gewohnten Fleiße und Gründlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Männer sinken, ob nicht jüngere größere neben ihnen aufkommen.

Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern: Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und von mir wird jene Idee einer »Allgemeinen Deutschen Bibliothek« wohl unausgeführt bleiben; schloß er umgekehrt: Da ich nun jene Idee ausführen will, so muß ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle jene Erfordernisse an mir hätte, als ob ich ein allumfassender Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines Zeitalters und aller vergangenen und künftigen Zeitalter wäre; ich muß Untrüglichkeit mir kräftigst zueignen; da ein Ausführer jener Idee die größten Männer aller Fächer erkennen, wählen und mit sich verbinden muß, so muß ich den Satz umkehren und annehmen, daß diejenigen, die ich erkennen, wählen und mit mir verbinden werde, die größten Männer in ihren Fächern sind.

Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt behaupten und unerschütterlich voraussetzen mußte. Das wahrscheinlichste ist, daß es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage kommen, unaufhörlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst nicht recht überzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit. Für möglich könnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er fand nirgends außer sich eine höhere Weisheit als die seinige, indem er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung eines Höhern heißt, von jeher gänzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit dieser Voraussetzung hätte er damals vielleicht noch nicht geschworen. Aber seitdem er die Redaktion seiner »Bibliothek« ergriff, mußte er alle Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden Zweifel dagegen kräftigst niederschlagen und kam von dieser Arbeit nie zur ruhigen Besinnung; so daß es durchaus begreiflich wird, wie dieser Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit ihm zusammenwachsen mußte.

Das Unternehmen jener »Bibliothek« ergriff das Zeitalter. Die leichte Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das große Werk herbeigeführt und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum ändern verbreitet wurden, fand Beifall. Der Geringste unter den Lesern glaubte sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher gedacht und nur nicht den Mut gehabt, es sich laut zu gestehen. Die Unmündigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe diese große Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum hätte nicht der Glaube andrer an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestärken sollen?

Schriftsteller, denen an dem Beifalle des großen Volks gelegen war, versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beiträge, ließen sich von ihm beraten und erziehen und schmeichelten auf jede Weise seiner Eitelkeit (2). Man glaubt leicht, was man wünscht; Nicolai nahm in aller Unbefangenheit alles für bare Münze, und ihm fiel nicht bei, daß diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redakteur der »Allgemeinen Deutschen Bibliothek«, keineswegs aber seinen persönlichen Verdiensten gelten möchten. Jene Männer waren seinem Prinzip nach ohnehin, als Mitarbeiter an der »Bibliothek«, die ersten Köpfe der Nation. Er fand sich sonach von den ersten Männern der Nation gelobt, anerkannt, zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, daß er ihnen glaubte?

Und so verschmolz allmählich in seiner Seele der Begriff von deutscher Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner »Bibliothek«; diese mit dem Begriffe von ihm selbst. Die »Bibliothek« wurde ihm zum Mittelpunkte des deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpunkts. An den Rezensionen dieser »Bibliothek« mußten alle literarische und artistische Bestrebungen der Nation und hinwiederum an seiner Einsicht – diese Rezensionen sich orientieren. Außer jener »Bibliothek« war ihm jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit für die Wissenschaft und für die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit außer ihm. Jene war seine Welt und er die Seele dieser Welt; was er erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.

???Gelöscht: Anmerkungen

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