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Wolf Graf von Baudissin (Schlicht): Die Kriegsurlauber - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kriegsurlauber
authorFreiherr von Schlicht (Wolf Graf von Baudissin)
year1916
firstpub1916
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleDie Kriegsurlauber
pages319
created20100720
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Der Kürassierleutnant Hugo von und zu Hohenebra, nicht nur im Kreise seiner Kameraden, sondern auch von den jungen Damen hier in der Stadt, wenn die unter sich waren, nie anders als »der schöne Hugo« genannt, lag in seinem Bett und krümmte sich vor den entsetzlichsten Kopfschmerzen. Das heißt, er wollte sich winden und krümmen, aber er konnte es nicht. Er lag still und unbeweglich da, ein Bild des Jammers, und er hatte einen Jammer, sogar einen solchen Katzenjammer, wie er es in seinem bisherigen Leben niemals auch nur für möglich gehalten hätte.

Nun lag er da und büßte die Sünden des gestrigen Nachmittags und des gestrigen Abends, denn da er wußte, daß sein langer Körper eine unendliche Menge Alkohol vertragen konnte, ehe der auch nur die geringste Wirkung ausübte, hatte er schon gestern nachmittag, als er auf dem Tennisplatz fehlte, damit begonnen, sich zu betrinken, und er hatte diese Tätigkeit den ganzen Abend fortgesetzt.

Nun lag er in seinem Bett und hatte schwer Kopfweh und von seiner sonstigen Schönheit war nichts zu sehen. Die sonst so frischen bräunlich gefärbten Wangen, deren Farbe sich so malerisch von dem gelben Kragen der Kürassiere 72 abhob, war jetzt blaßgrün, der Mund mit den schneeweißen Zähnen, der schon so manchen Mädchenmund geküßt hatte und der von so manchem wiedergeküßt wurde, war fest zusammen gekniffen und um ihn zeigte sich eine tiefe Falte. Von den hübschen, dunklen, braunen Augen, die sonst schwärmerisch und melancholisch dreinzublicken pflegten, war, da er sie fest geschlossen hielt, sogar gar nichts zu sehen. Auch die ein klein wenig zu niedrige Stirn und das dichte schwarze Kopfhaar waren völlig unsichtbar, denn der ganze Kopf war in nasse Umschläge eingehüllt.

Der sonst so schöne Hugo lag in seinem Bett und hatte rasendes Kopfweh, und neben seinem Bett saß sein getreuer Bursche Paul Paulsen, ein geborener Norddeutscher. Der war mit seinem Leutnant zusammen an ein und demselben Tage schwer verwundet worden. Beide waren von einem Granatsplitter an der Brust getroffen. Beide wurden bewußtlos in ein und dasselbe Feldlazarett geschafft und auf seine Bitten hin hatte man den Burschen auch bei seinem Herrn gelassen, als der auf dem Etappenwege hierher in die Stadt transportiert wurde, um völlig zu genesen. Paul Paulsen war bei seinem Herrn geblieben, um den, wenn er auch selbst zuerst noch der Pflege bedurfte, pflegen zu können, wenn es einmal nötig sein solle, und das tat er denn nun heute.

Seit Stunden schon machte er seinem Leutnant kalte Umschläge und nun nahm er das Handtuch, das er seinem Herrn um den Kopf gewickelt hatte, wieder ab, um es in das kalte Wasser zu stecken, das in einem großen Eimer neben ihm stand. Dann rang er das Tuch aus und legte es 73 seinem Herrn mit seinen großen mächtigen Händen leise und behutsam wieder um den Kopf.

»Ach das tut gut, Paul Paulsen,« meinte Herr von Hohenebra, einen Ton des Wohlbehagens von sich gebend, bis er jetzt, wenn auch mit schwacher Stimme fragte: »Sag mal, Paul Paulsen, glaubst du wirklich, daß ich die Kopfweh in meinem Leben noch einmal wieder loswerde?«

»Aber selbstverständlich, Herr Leutnant,« lautete die Antwort. »Die Kopfweh gehen sogar noch in diesem Jahre wieder vorbei. Jetzt sind wir im Juni, zu Weihnachten wissen der Herr Leutnant schon nichts mehr davon.«

Doch sein Leutnant widersprach: »So schnell geht es denn doch nicht, Paul Paulsen, wenn es ja auch sehr hübsch von dir ist, daß du mir Trost zusprichst, aber –« bis er sich dann unterbrach und einen Schmerzensruf ausstieß: »Verflucht noch mal, mein Schädel! Jedes Haar auf dem Kopfe tut mir weh, da hilft nur eins. Lauf mal rasch zum Friseur, Paul Paulsen, der soll Schere und Rasiermesser mitbringen, um mir die Haare abzurasieren, ich lasse mir in Zukunft eine Riesenglatze wachsen.«

»Nein, Herr Leutnant, das tue ich nicht, den Befehl führe ich nicht aus,« widersprach der Bursche, »und im übrigen nützte das dem Herrn Leutnant auch gar nichts, es würde dem Herrn Leutnant da mit den abgeschnittenen Haaren so gehen, wie den Verwundeten mit den amputierten Armen und Beinen. Die haben in denen selbst dann noch Schmerzen, wenn sie die Glieder längst nicht mehr besitzen. Nee, Herr Leutnant, die Haare wollen wir nur ruhig sitzen lassen,« 74 und als sein Leutnant nun abermals in unnennbarem Weh schwer aufstöhnte, meinte Paul Paulsen voller Teilnahme, aber auch voller Neugierde: »Das ist ja schrecklich mit dem Herrn Leutnant, wenn das so weitergeht, hat das Pfingsten übers Jahr ja auch noch kein Ende. Aber eins verstehe ich gar nicht, der Herr Leutnant können doch sonst 'nen ganz gehörigen Kommißstiefel voll vertragen, was haben der Herr Leutnant sich denn gestern Abend nur alles zusammengetrunken?«

»Nur Lethe, Lethe, egal Lethe.«

Paul Paulsen, das Bild eines hünenhaften Kürassiers, hatte natürlich von diesem sagenhaften Trunk des Altertums, in dem die Seelen der Verstorbenen Vergessenheit zu trinken pflegten, nie etwas gehört. Er wußte gar nicht, was Lethe war, trotzdem oder gerade deshalb aber meinte er jetzt mit vorwurfsvollem Ton: »Ja, wenn der Herr Leutnant aber auch ein solches elendes Zeug in sich hineingießen, da muß einem Christenmenschen ja miserabel und speiübel werden.«

»Wenn ich wenigstens nur speien könnte, dann würde mir wohl besser werden,« jammerte sein Leutnant.

»Wird auch schon noch kommen,« meinte Paul Paulsen gelassen, »warten der Herr Leutnant es nur ruhig ab, jetzt haben wir Juni, spätestens im Oktober ist es soweit.«

Aber sein Leutnant widersprach abermals: »Nee, Paul Paulsen, du irrst dich, so schnell kommt das ganz bestimmt nicht. Vielleicht bis Weihnachten, das wäre ja möglich, aber eher nicht.«

75 Wieder lag der sonst so schöne Hugo nun eine Weile still und regungslos da. Er beschäftigte sich im stillen mit der vielen Lethe, die er gestern trank, um zu vergessen, was gestern vor zwei Jahren gewesen war, und um bei der Gelegenheit noch manches andere, das ihn in der letzten Zeit beschäftigt hatte, ebenfalls zu vergessen. Und aus diesem Zusammenhange heraus fragte er nun plötzlich seinen Burschen: »Sag mal, Paul Paulsen, hast du in deinem Leben von einem Mädel schon mal so etwas Ähnliches wie einen Korb bekommen?«

Der Kürassier machte zuerst ein ganz verwundertes Gesicht, dann aber richtete er sich im Sitzen stolz auf, während ein triumphierendes Lächeln über sein hübsches Gesicht flog, und meinte: »Ich sollte schon mal einen Korb bekommen haben? Nee, Herr Leutnant, das gibt es bei mir nicht, und das Mädel möchte ich mal sehen, die es wagen würde, bei mir »nein« zu sagen. Die könnte ihr Wunder erleben! Verhauen tät ich sie natürlich nicht, ich würde sie nur vertobacken, daß sie sich mang ihre Kochtöpfe setzte und die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht wieder aufstände. Nein, Herr Leutnant, ich lasse mir keinen Korb geben, den teile ich höchstens selber aus. Da ist zum Beispiel die rothaarige Luise drüben von dem Regierungsrat. Die hat es mir offen eingestanden, sie hätte gern mit mir zusammen getechtelmechtelt, aber ich habe ihr abgewunken. Erstens bin ich nicht für die Rothaarigen und dann bin ich nun in Bezug auf meine Bräute komplett und feldmarschmäßig ausgerüstet. Ich habe nun glücklich alle acht zusammen. Für jeden Wochentag eine und für den Sonntag zwei, da 76 habe ich eine von drei bis acht und die andere von acht bis elf.«

Trotz seiner Kopfschmerzen hatte sein Leutnant ihm zugehört, jetzt aber bat er: »Paul Paulsen, acht Bräute auf einmal, hör' bloß damit auf, da bekommt ja selbst ein gesunder Mensch Kopfschmerzen.«

»Ich nicht,« widersprach der Kürassier, »und damit ich keine babylonische Verwirrung, oder wie das sonst heißt, anrichte, habe ich mir das mit meinen acht Bräuten sein eingeteilt. Am Montag poussiere ich mit der Monika. Das ist ja eigentlich für 'ne Köchin ein komischer Name, aber sie hat mir erzählt, sie wär 'ne Katholische und die hießen manchmal so. Na und am Dienstag habe ich die Drina, eigentlich heißt sie Trina, aber damit ich das am Dienstag nicht verwechsle und immer gleich weiß, wer dran ist, habe ich ihr erklärt, ich wäre ein halber Sachse und könne kein hartes T aussprechen. Am Mittwoch habe ich die Minna, dann die Dora, die Frieda, am Sonnabend die Sonja, das ist eine von den polnischen Arbeiterinnen, die hier ganz in der Nähe auf dem Gut sind. Na, und am Sonntag zuerst die Sidonie und Abends die Suse. Und damit der Herr Leutnant nichts Schlechtes von mir denken, weil ich soviel Bräute auf einmal habe, ich bin allen treu. Aber jeder natürlich nur vierundzwanzig Stunden. Ich habe denen gleich erklärt, länger ginge das nicht, wo heutzutage im Kriege alles so knapp wird, da wird es die Treue erst recht. Die Kriegstreue kann nun einmal nicht länger dauern. Im Frieden ist das ja natürlich etwas anderes, aber jetzt und deshalb –«

77 »Nun hör' schon mal mit deinen sämtlichen Liebsten auf,« fiel sein Leutnant ihm ins Wort, »denk' lieber an meinen Kopf und mache mir einen neuen Umschlag.«

Der Bursche schickte sich an, den Befehl auszuführen, aber plötzlich meinte er: »Herr Leutnant, ich glaube, diese Umschläge helfen doch nichts. Ich habe dem Herrn Leutnant schon beinahe 'ne ganze Wasserleitung auf den Schädel gelegt, aber eigentlich ohne jeden Erfolg. Ich glaube, ich weiß was Besseres. Ich mache dem Herrn Leutnant nun mal ein ganz eisekaltes Bad, und in das steigen der Herr Leutnant hinein, aber zuerst mit dem Kopf. Die Füße tun dem Herrn Leutnant ja nicht weh und sauber sind die ja auch, die können ruhig draußen bleiben. Aber der Kopf muß rein in die Wanne, ganz tief, bis auf den Boden, so vielleicht 'ne halbe Stunde lang und wenn der Herr Leutnant dann mit dem Kopfbad fertig sind, dann besorge ich für den Herrn Leutnant ein schönes Frühstück. Zuerst zwei schöne saure Heringe, dann eine Tasse starken, schwarzen Kaffee, dazu essen der Herr Leutnant zwei Rollmöpse, zwischendurch trinken der Herr Leutnant zwei Gläser Kognak und hinterher möglichst drei Glas alten, abgestandenen Bieres und dazu rauchen der Herr Leutnant –«

Aber weiter kam Paul Paulsen nicht. Bei den lukullischen Genüssen, die er da seinem Herrn aufzählte, drehte sich dessen Magen plötzlich mit einem lauten, vernehmbaren Ruck um, während sich die Wangen des sonst so schönen Hugos immer grüner und grüner färbten. Dessen Mund kniff sich immer fester zusammen und die Nasenspitze wurde immer dünner 78 und spitzer, bis sie schließlich so spitz war, daß sie selbst durch das kleinste Nadelöhr gegangen wäre.

Dann aber richtete sich der Leutnant mit einem blitzschnellen Ruck empor, beugte sich weit über den Bettrand, und das ging alles so schnell, daß Paul Paulsen grade noch Zeit fand, den Waschtischeimer zu erwischen.

Gleich darauf spielten die Fontänen, und Paul Paulsen sprach seinem Herrn Mut zu: »Na also, Herr Leutnant, das ist ja noch schneller gegangen, als wir glaubten, nun aber man feste, immer heraus mit der verfluchten Lethe. Nun spucken der Herr Leutnant den verdammten englischen Schweinehunden mal ordentlich auf den Kopf, die können gar nicht genug bekommen, denn die Brüder sind doch schuld daran, daß wir beide den Granatschuß bekamen. Immer weiter, Herr Leutnant, man bloß keine Müdigkeit vorschützen. Die kommt nachher, wenn es soweit ist, ganz von allein. Dann ruhen sich der Herr Leutnant noch eine halbe Stunde aus und dann stehen wir hübsch aus, ziehen uns an und machen hinterher 'nen ordentlichen Frühschoppen. Nur immer feste drauf wie Blücher bei Waterloo, oder wie Hindenburg bei Tannenberg.«

Gott sei Dank, endlich hatte auch dieser Krater sich ausgespieen, und nun lag der schöne Hugo völlig erschlafft und ermattet in seinen Kissen, aber schon nach einer halben Stunde kam das Leben zwar langsam, aber sicher in ihn zurück, und als er dann ein kaltes Bad genommen, in das er aber vorsichtshalber doch zuerst mit den Füßen stieg, und als sein Bursche ihm aus der Küche des Hotels, in dem er einquartiert war, ein gutes Frühstück besorgt hatte, da wurde 79 ihm sehr schnell wieder wohler. Ja, selbst die Zigarre schmeckte ihm, als er sich die, wenn auch etwas zögernd, anbrannte, und als er sich angekleidet hatte und sich im vollen Schmuck der kleidsamen Kürassieruniform vor dem Spiegel betrachtete, da war er sehr mit sich zufrieden. Wer es nicht wußte, sah es ihm unmöglich an, wie schlecht es ihm noch vor zwei Stunden gegangen war.

So griff er denn jetzt in die Tasche, um seinem Burschen für die treu geleistete Pflege zu danken, aber der lehnte den Taler ab: »Ich brauche wirklich kein Geld, Herr Leutnant, ich habe doch meine Kriegslöhnung und der Herr Leutnant geben mir auch sonst so viel. Und wenn der Herr Leutnant etwa glauben, daß ich wegen meiner acht Bräute Geld brauche, irren sich der Herr Leutnant sehr. Natürlich gehe ich mit den Mädchen aus und lade sie zum Abendessen ein, schon weil ich doch selber essen muß, aber das habe ich meinen Bräuten gleich erklärt, Unkosten dürfen mir durch diese Einladungen nicht entstehen. Das haben sie natürlich auch sofort eingesehen, die werden sich die Ehre, mit mir ausgehen zu dürfen, schon was kosten lassen. In der Hinsicht war ich vorsichtig, ich habe mir nur solche Bräute ausgesucht, die sich ein paar Groschen gespart haben.«

»Du scheinst mir ein Gemütsmensch zu sein,« schalt ihn sein Herr, »na, ich würde lieber hungern, als daß ich mir von einem Mädel auch nur ein Glas Bier bezahlen ließe, aber darüber denkt Ihr ja leider Gottes nun einmal anders. Das mache also, wie du willst, aber den Taler steck' trotzdem nur ruhig ein, du wirst ihn schon gelegentlich für dich allein verwenden können.«

80 »Na, wenn der Herr Leutnant denn meinen, dann bin ich so frei, und wenn der Herr Leutnant mal wieder Lethe getrunken haben –«

»Nee, lieber nicht,« wehrte der ab, »wenigstens habe ich vorläufig von dem Zeug mehr als genug, überhaupt von allem, was trinken heißt.«

»Das sagen der Herr Leutnant nur so,« meinte Paul Paulsen, »wenn der Herr Leutnant nachher bei dem Frühschoppen sitzen, wird es schon wieder schmecken, denn rein schmeckt es ja immer viel schöner als raus. Und zu dem Frühschoppen müssen der Herr Leutnant unbedingt hinkommen. Jetzt fällt es mir wieder ein. Die beiden Herren Leutnants, mit denen der Herr Leutnant gestern Abend unten im Hotel kneipten, die haben es mir auf die Seele gebunden, ich dürfe den Herrn Leutnant unter keinen Umständen die Zeit verschlafen lassen, der Herr Leutnant müßten heute in der Weinstube erscheinen, es sei heute Mittwoch und der Herr Leutnant sollten nur nicht die Kurliste vergessen.«

»Die Kurliste?« fragte sein Herr ganz erstaunt, bis ihm dann einfiel, was die anderen damit meinten, das von ihm geführte Verzeichnis über den Flirt auf dem Tennisplatz. Er mußte ganz genau Buch darüber führen, welche Paare bisher miteinander geflirtet hatten und welche Beträge dieser Flirt für das Rote Kreuz erbrachte.

So steckte er denn das Notizbuch ein und machte sich gleich darauf auf den Weg. Es war zwar für den Stammtisch noch zu früh, aber er wollte vorher noch einen Spaziergang machen und etwas frische Luft einatmen, denn wenn es ihm auch wieder gut ging, so ganz extra war ihm doch 81 noch nicht. So schlenderte er denn jetzt durch die Parkanlagen dahin, als er sich plötzlich beim Namen rufen hörte, und als er dann aufblickte, stand Fräulein Viki von Aschenbach, die Tochter des Garnisonältesten vor ihm, um ihn gleich, nachdem sie ihm in unbefangener Weise die Hand gereicht hatte, zu fragen: »Aber wo waren Sie denn nur gestern nachmittag, Herr von Hohenebra? Es war doch das erste Mal, daß Sie nicht kamen, und gerade gestern haben wir Sie vermißt. Wir hätten von Ihnen gern Näheres über einen neuen Kriegsurlauber erfahren, der zum erstenmal auf dem Tennisplatz auftauchte, ein Herr von Kühnhausen, obgleich der sich gar nicht um uns kümmerte, sondern sich nur mit Fräulein Bachhof unterhielt.«

Bei der Nennung dieses Namens zuckte der schöne Hugo, trotzdem er gestern so viel Lethe getrunken hatte, nun doch für eine Sekunde schmerzlich zusammen, aber nur so wenig, daß Fräulein Viki das unmöglich bemerken konnte, dann meinte er völlig gleichgültig und gelassen: »Herr von Kühnhausen? Den kenne ich selber noch nicht, vielleicht mache ich aber nachher bei dem Frühschoppen seine Bekanntschaft und werde die Gelegenheit benutzen, um ihn sofort für unseren Klub als ordentliches Mitglied zu gewinnen.«

»Ja, tun Sie das bitte,« stimmte die ihm bei, »je mehr Mitglieder und je mehr Geld einkommt, desto besser. Das Geld ist ja die Hauptsache, denn wenn das nicht wäre, ich glaube, dann hätte der Vater den Klub schon längst aufgehoben. Er wagt es nur nicht, weil er fürchtet, sich sonst mit den Vorstandsdamen des Roten Kreuzes zu erzürnen. Auf jeden Fall ist er mal wieder auf den Klub sehr schlecht 82 zu sprechen. Er sagt, die Herren Kriegsurlauber könnten ihre Zeit besser anwenden, aber wenn man ihn dann fragt, inwiefern, bleibt er die Antwort darauf schuldig.«

»Und doch hat Ihr Herr Vater mit seinen Worten vielleicht nicht so ganz unrecht,« warf er ein, »mir ist zuweilen auch schon ein ähnlicher Gedanke gekommen.«

»Aber warum denn nur?« fragte sie ganz erstaunt, um gleich darauf zu bitten: »Tun Sie mir nur den einzigen Gefallen, Herr von Hohenebra, und behalten Sie diese lasterhaften Gedanken für sich, denn wenn der Vater erfährt, daß Sie, der Vorsitzende unseres Klubs, seine Ansicht teilen, ist mit ihm gar nicht mehr auszukommen. Er ist ohnehin auf die Kriegsurlauber schlecht genug zu sprechen. Es ist ihm sogar nicht mal recht, daß die Herren sich täglich bei dem Frühschoppen treffen, er sagt, der Alkohol wäre für die Meisten, die doch der Erholung bedürften, Gift, und ich glaube, er will den Stammtisch sogar verbieten.«

Unwillkürlich dachte der schöne Hugo an die vielen gemütlichen Stunden, die die Kameraden schon in der kleinen Weinstube verlebt hatten, im gegenseitigen Gespräch ihre Kriegserlebnisse austauschend und zugleich neue Pläne für die Zukunft schmiedend. Es waren harmlos fröhliche Stunden, und wenn die nun wirklich aufhören sollten, so würden sie alle in gleicher Weise darunter leiden.

So machte er denn jetzt ein ganz entsetztes Gesicht und fragte: »Aber warum ist Ihr Herr Vater denn nur sogar gegen dieses gesellige Zusammensein?«

»Ich sagte es Ihnen ja schon, Herr von Hohenebra, weil der Vater den Alkohol für Gift erklärt, obgleich er selbst einen 83 guten Tropfen weder am Morgen noch am Abend verachtet. Deshalb glaube ich auch, daß das alles nur ein Vorwand ist. Ich vermute, daß er die Herren Kriegsurlauber eigentlich nur beneidet, aber nicht wegen ihres Urlaubs, sondern weil die schon draußen vor dem Feinde kämpften und wieder an die Front zurückgehen, während er selbst doch nur Friedensarbeit tun kann.«

»Das könnte vielleicht bis zu einem gewissen Grade stimmen,« meinte der Kürassier nach kurzem Besinnen, »aber ganz richtig ist das, glaube ich, auch noch nicht, denn Ihr Herr Vater hat doch, wie jeder weiß, als blutjunger Fähnrich den Krieg 1870/71 mitgemacht und sich da schon das Eiserne Kreuz geholt. Da hat Ihr Herr Vater es doch wirklich nicht nötig, uns um unsere Heldentaten zu beneiden, die er schon längst vollführte. Es muß noch etwas anderes dahinter stecken, daß der Herr Oberst uns nicht allzu stürmisch liebt. Was das ist, oder was es auch nur sein könnte, ahnt mein Herz nicht, geschweige denn mein Verstand, denn im Vertrauen gesagt, gnädiges Fräulein, ich bin ein klein bißchen auf den Kopf gefallen.«

Fräulein Viki lachte fröhlich auf, dann meinte sie neckend: »Und diesen Schönheitsfehler verraten Sie erst heute?«

Erstaunt blickte er sie an: »Wieso Schönheitsfehler, gnädiges Fräulein? Ach so, Sie meinten das ironisch. Nein, gnädiges Fräulein, das gibt es nicht, nicht einmal im Scherz, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen, sondern ich bin mal auf den Kopf gefallen. Das ist ein verdammter Unterschied, aber trotzdem, damit hängt es vielleicht doch zusammen, daß meine Geistesgaben nicht dazu ausreichen, 84 um Rätsel zu lösen. Und nicht nur für mich, sondern für viele von uns lautet das Rätsel: Was haben wir dem Herrn Oberst getan, daß der uns nicht besonders leiden kann?«

»Und das ist auch nur ein Glück, daß er das nicht weiß,« dachte Viki im stillen, denn sie selbst kannte natürlich längst den wahren Grund. Ihr Vater, der sie über alles liebte, der sie am liebsten immer um sich behalten hätte, wünschte ihr trotzdem täglich einen netten Mann, sogar den besten, den es nur gab, und er nahm es den Kriegsurlaubern direkt übel, daß von all diesen auch nicht ein einziger trotz des ganzen Flirtes sich bisher ernstlich in sie verliebt habe. Er betrachtete es sogar als eine Beleidigung, die man seinem hübschen Kinde zufügte, da diese außer ihren anderen Vorzügen auch noch den besaß, ihrem späteren Manne eine, wenn auch nicht übertrieben hohe, aber doch immerhin sehr anständige Mitgift in barem Gelde mit in die Ehe zu bringen.

Viki selbst allerdings dachte über diese Heiratspläne wenigstens vorläufig wesentlich anders. Sie war doch erst einundzwanzig Jahre alt und konnte noch warten. Es genügte ihr vorläufig, in harmloser Weise zu flirten. Und im Zusammenhang damit meinte sie nun: »Heute ist ja wieder Mittwoch, Herr von Hohenebra, da werden ja die neuen Flirts bestimmt, hoffentlich verschaffen Sie mir einen recht netten.«

»Sogar den Allernettesten, den ich auf Lager habe, gnädiges Fräulein, das bin ich doch schon der Tochter Ihres Herrn Vaters schuldig. Sollten Sie in der Hinsicht selbst irgendwie einen Wunsch haben, dann bitte ich nur, den zu 85 äußern. Es widerspricht zwar etwas den Statuten, daß Sie als Dame sich Ihren Flirt selbst aussuchen, aber man könnte da vielleicht etwas künstlich nachhelfen. Wer war denn in der letzten Woche der Glückliche?«

»Leutnant Ratzel,« gab Viki schnell zur Antwort, so schnell, daß der Kürassier daraus und aus dem Klang ihrer Stimme hörte, sie bedaure es etwas, daß der Flirt nun vollendet sein solle.

»Und in der Woche vorher?« erkundigte er sich.

»Leutnant Natzel,« gab sie zur Antwort, um dann hinzuzusetzen: »Wie können zwei Menschen nur einen so ähnlichen Namen haben, wie Ratzel und Natzel. Und auch sonst sind die beiden sich ja eigentlich sehr ähnlich, sie haben mir erzählt, daß sie in ihrem Regiment, dem sie beide angehören, oft miteinander verwechselt werden, wenn auch wohl nur aus Scherz, denn so ähnlich sind sie sich ja doch nicht, daß man sie nicht auseinanderhalten könnte.«

»Das allerdings, gnädiges Fräulein, aber wie ist es nun, möchten Sie noch eine Woche weiter mit Leutnant Ratzel flirten, oder wollen Sie zur Abwechslung einmal wieder Leutnant Natzel als Partner haben?«

»Das ist mir wirklich vollständig gleich,« und schon, daß sie das sagte, obgleich sie sich erst vor wenigen Minuten einen besonders netten Flirt gewünscht hatte, bewies ihm, daß sie einen von diesen beiden zum mindesten nett, wenn nicht sogar sehr nett fand, und so meinte er: »Das sagen Sie nur so, gnädiges Fräulein, denn wenn eine junge Dame erklärt, von zwei Herren sei ihr jeder als Courmacher gleich willkommen, dann sagt sie das nur, weil sie nicht verraten will, 86 welchen von beiden sie im stillen am meisten bevorzugt. Nein wirklich, gnädiges Fräulein, widersprechen Sie mir nicht, denn Sie wissen ja selber am besten, daß ich Recht habe. Im übrigen können Sie sich mir ruhig anvertrauen, was ich erfahre, betrachte ich als Amtsgeheimnis, und nun sagen Sie mir, wer ist der Glückliche?«

»Aber das weiß ich doch selbst noch nicht,« entschlüpfte es ihr unwillkürlich, während sie dabei ein klein wenig verlegen wurde, bis sie ihm jetzt zurief: »Wenn Sie aber aus dem, was ich Ihnen sagte, irgendwelche Schlüsse ziehen sollten, Herr von Hohenebra, dann irren Sie sich sehr.«

»Ich ziehe prinzipiell nichts,« beruhigte er sie, »am allerwenigsten Schlüsse, das überlasse ich anderen. Aber um zu einem Resultat zu gelangen, möchte ich Ihnen da vorschlagen, daß auch für die nächste Woche Leutnant Ratzel Ihr Courmacher bleibt, ich werde das schon einzurichten wissen.«

Aber Viki widersprach: »Wenn es Ihnen doch gleich ist, welchen Sie mir bestimmen, dann bitte ich um Leutnant Natzel. Auch mir ist es zwar gleich, welcher von den beiden mit mir flirtet, aber wenn Leutnant Ratzel wieder derjenige ist, welcher, dann bildet der sich etwas darauf ein und meint, daß ich ihn bevorzuge. Und der andere denkt dann am Ende, ich wollte ihn absichtlich zurücksetzen. Also lassen wir es schon bei Leutnant Natzel.«

»Ihr Wille geschehe, gnädiges Fräulein, vorausgesetzt, daß ich nachher mit den beiden Namen keine Konfusion anrichte. Also Natzel, Natzel, da werde ich an meine Nase denken, die fängt ja auch mit einem N an. Ich werde die Sache nach Möglichkeit zu arrangieren wissen, aber nun bitte 87 ich Sie, sich von mir zu verabschieden. Sagte ich Ihnen: »Meine Zeit ist abgelaufen, die Pflicht ruft mich,« dann wäre das sehr unhöflich. Vielleicht sagen Sie mir deshalb, daß Ihre Pflicht Sie ruft und daß Sie noch eine ganze Menge Besorgungen zu machen haben.«

»Das ist sogar wirklich der Fall, es wird auch für mich jetzt die höchste Zeit.«

Gleich darauf setzten beide, nachdem sie sich die Hand gereicht hatten, ihren Weg fort, und als der schöne Hugo wenig später die kleine Weinstube betrat, fand er dort bereits eine zahlreiche Gesellschaft vor. Auch Hans Arnim hatte sich eingefunden und sich bei der Frau Konsul durch den alten Diener entschuldigen lassen, daß er nicht zu Tisch kommen könne, da er in der Stadt eine Verabredung habe. Das war natürlich nur ein Vorwand, um den Damen heute nicht schon wieder zur Last zu fallen, hauptsächlich aber war er gekommen, um vielleicht hier irgendwie zu erfahren, wer der Andere sein könne, von dem Kitty ihm gestern sprach. Und als der Kürassier eintrat, glaubte er das sofort zu wissen. Herr von Hohenebra war wirklich ein auffallend hübscher Mensch, dem die Uniform ausgezeichnet stand, aber als dann die Bekanntschaft geschlossen war, als er im Laufe der Unterhaltung sehr bald merkte, daß der Kürassier sicher ein durch und durch anständiger Mensch, aber ebenso sicher kein allzu kluger war, wurde er in seiner Annahme doch wieder irrig. Sollte Kitty wirklich auf die Dauer an einem solchen Manne Gefallen finden können? Bis er sich dann doch wieder eingestand, daß ein Mensch, wenn er liebt, nicht viel danach fragt, ob der, den er liebt, klug oder weniger klug ist. 88 Er liebt eben, ohne selbst zu wissen, warum und weshalb. Weshalb liebte er selbst Fräulein Kitty, obgleich er die doch kaum kannte? Er liebte die doch nur, weil er sie schöner und begehrenswerter fand als irgend eine andere, und wer konnte wissen, ob Kitty über den Kürassier nicht ebenso dachte. Und so weit kannte er das weibliche Geschlecht doch auch, daß das sich in erster Linie in das Äußere eines Mannes vergafft. Und er konnte Kitty nicht mal Unrecht geben, wenn die den Kürassier hübscher und begehrenswerter als einen der anderen Kriegsurlauber fand. Ja, er gestand es sich sogar offen ein, daß er selbst den Vergleich mit dem nicht aushalten könnte, obgleich er eitel genug war, sich nicht für den häßlichsten aller Menschen zu halten.

Er hatte Zeit genug, seinen Gedanken nachzuhängen, denn der Kürassier hatte auf allgemeinen Wunsch die Kurliste herausgezogen und gleich darauf begann die Verteilung der Flirts. Aber dann wurde Hans Arnim doch wieder aufmerksam, er wollte ja aufpassen, wer als Kittys eifrigster Courmacher in Frage kam. Aber zu seinem höchsten Erstaunen entstand kein allzu lebhafter Streit darum, wer in der nächsten Woche mit der flirten solle. Und er erfuhr auch den Grund. Fräulein Kitty verlangte im Gegensatz zu allen anderen jungen Damen, wenn auch nur für die kurze Dauer einer Woche, einen sehr ernsthaften Flirt, anstatt eines flüchtigen. Kitty legte es förmlich darauf ab, jeden in sich verliebt zu machen, und wenn es dann nach Verlauf der acht Tage soweit war, dann lachte sie den Leutnant, der sich in sie verliebt hatte, gehörig aus. Allerdings tat sie das in so lustiger, liebenswürdiger Weise, daß ihr niemand deswegen 89 böse wurde, aber trotzdem hatten nur die wenigsten Lust, sich diesem Ausgelachtwerden auszusetzen, bis sich doch plötzlich vier Flirtbewerber auf einmal meldeten, von denen derjenige gewählt wurde, der den größten Betrag für das Rote Kreuz stiftete. Dann wurde die Verteilung der anderen Flirts wieder aufgenommen und als letzter wurde der mit Fräulein Viki von Aschenbach ausgeboten. Das hatte der Kürassier absichtlich so eingerichtet und es auch zu schieben verstanden, daß nur noch die beiden Regimentskameraden Natzel und Ratzel in Frage kamen.

Nun entspann sich zwischen diesen ein edler Wettstreit, einmal, weil jeder von ihnen an dem zierlichen hübschen jungen Mädchen wirklich mehr als nur ein vorübergehendes Interesse fand, dann aber auch, weil die beiden auch sonst stets Rivalen waren. Der Natzel gönnte dem Ratzel nichts und umgekehrt, weil jeder stets behauptete, es läge lediglich eine Namensverwechslung vor, denn was dem einen zufiele, sei eigentlich dem anderen zugedacht gewesen. Nur bei einer Gelegenheit stritten sie sich nie, wenn in früheren Friedenszeiten derjenige, der es wirklich verdient hatte, von dem Vorgesetzten angepfiffen wurde. Das gönnte der eine neidlos dem anderen.

Jetzt stritten sich aber beide um die Ehre, Fräulein Viki den Hof machen zu dürfen, und da die beiden von Hause aus ziemlich wohlhabend waren, bot der eine für das Rote Kreuz immer noch mehr als der andere, bis schließlich der Kürassier erklärte: »Das geht nicht, Herrschaften, das Wohltun darf auch nicht in Verschwendung ausarten. Solche Beträge wie Ihr sie jetzt bietet, werden einfach nicht 90 angenommen. Das könnte ja so aussehen, als ob einem von Ihnen wirklich daran gelegen sei, mit Fräulein von Aschenbach flirten zu dürfen. Das aber widerspricht den Statuten und deshalb entscheide ich die Streitfrage dahin, daß Leutnant Natzel derjenige wird, welcher. Widerspruch wird nicht geduldet, der Fall ist erledigt, Amen.«

»Amen!« summten ihm alle bei, nur Leutnant Ratzel stieß einen halb unterdrückten Fluch aus, weniger weil er unterlegen war, als weil er es voraussah, daß der Kamerad ihn nun wieder die nächsten acht Tage necken und foppen würde. Aber es blieb ihm ja nichts weiter übrig, als sich zu fügen.

Der Kürassier klappte seine Kurliste zusammen und rief, sich nun an Hans Arnim wendend, diesem zu: »Ich habe bisher ganz vergessen, Sie danach zu fragen, aber es ist wohl auch ohnedem selbstverständlich, daß Sie unserem Klub als ordentliches Mitglied beitreten? Die Anmeldung Ihrer Person ist lediglich Formsache. Wenn Sie wollen, können Sie sich schon von der nächsten Woche an tätig und tüchtig an dem Flirt beteiligen.«

Hans Arnim dankte dem Kürassier, der ihm schräg gegenüber saß, durch eine Verbeugung, dann meinte er: »Was Sie da sagen, Herr von Hohenebra, ist zwar sehr liebenswürdig, aber trotzdem bedaure ich, von dem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen zu können. Schon im Interesse des guten Zweckes möchte auch ich dem Klub natürlich beitreten, aber nur, und ich betone diese Worte ausdrücklich, als außerordentliches Mitglied.«

Alle blickten erstaunt und verwundert auf, und einer der 91 Kameraden rief ihm zu: »Nanu, weshalb denn so tugendhaft? So sehen Sie eigentlich gar nicht aus.«

Und auch die anderen wollten wissen, warum er sich denn nicht regelmäßig an dem Flirtklub zu beteiligen gedächte.

Hans Arnim sah es schließlich ein, mit einer leeren Ausrede war es nicht getan, er mußte schon eine positive Antwort geben. Aber er konnte doch unmöglich eingestehen, daß Kitty ihm verboten hatte, ein ordentliches Mitglied zu werden. Er mußte sich eine Ausrede erfinden und so meinte er denn jetzt: »Schön, wenn die Herren es denn absolut wissen wollen, ich bin bereits so gut wie heimlich verlobt.«

Das war ja nun zwar eine große Lüge, und ob es je mit Kitty dahin kommen würde, wer konnte das heute wissen? Es war auch schließlich nur eine Ausrede gewesen, denn den Namen seiner heimlichen Braut ahnte ja niemand. Aber seine Worte verfehlten trotzdem ihre Wirkung nicht. Man sah plötzlich ein, daß es ihm unter diesen Umständen keinen Spaß machen könne, mit einer anderen, wenn auch nur zum Scherz zu flirten. Nur einer der Kameraden war darüber anderer Ansicht und meinte: »Ich sehe absolut nicht ein, Herr von Kühnhausen, warum Sie sich nicht trotzdem für das Rote Kreuz opfern wollen. Ihr zukünftiges Fräulein Braut wohnt doch nicht hier, sonst wüßten wir natürlich alle schon längst von der Geschichte. Da wird Ihr Fräulein Braut von dem Flirten doch gar nichts erfahren, aber wenn die trotzdem Talent zur Eifersucht hätte, dann hätte die doch schon Grund genug, denn Sie haben ja gestern Fräulein Bachhof in einer Art und Weise den Hof gemacht, na, ich danke.«

92 Hans Arnim bekam einen maßlosen Schrecken, aber trotzdem warf er zuerst einen prüfenden und forschenden Blick zu dem Kürassier hinüber, ob der bei diesen Worten vielleicht so etwas wie Eifersucht zur Schau trüge. Aber dessen Mienen veränderten sich nicht im geringsten, und so antwortete Hans Arnim anscheinend ganz gleichgültig und verwundert: »Ich hätte Fräulein Bachhof den Hof gemacht? Davon ist mir selbst nicht das Geringste bekannt. Ich habe mich lediglich mit dem gnädigen Fräulein über meine zukünftige Braut unterhalten.«

»Kennt Fräulein Bachhof die denn?« erkundigte sich der Kamerad verwundert.

»Na, wenn Kitty die nicht kennen soll, wer kennt die wohl sonst,« dachte Hans Arnim im stillen, dann aber log er frisch weiter darauf los: »Natürlich kennt Fräulein Bachhof meine zukünftige Braut, die ich hoffentlich auch bald öffentlich meine Braut nennen darf. Die beiden Damen haben sich im vorigen Jahr kurz vor Ausbruch des Krieges auf einer Reise kennen gelernt. Da ist es doch nur natürlich, daß ich mich gestern gerade mit Fräulein Bachhof über sie unterhielt, und wenn ich das auch in Zukunft tun werde, dann hat das ebenfalls seinen besonderen Grund. Es stellen sich meiner öffentlichen Verlobung noch einige Schwierigkeiten entgegen, bei deren Beseitigung ich auf die Hilfe von Fräulein Bachhof rechne, die ich zufällig dadurch näher kennen lernte, daß ich jetzt in dem Hause ihrer Tante, der Frau Konsul Behnke wohne. Über das Nähere kann ich mich natürlich nicht auslassen, fast fürchte ich, überhaupt schon zuviel gesagt zu haben, denn über 93 eine Verlobung soll man erst sprechen, wenn sie perfekt ist.«

»Sehr richtig,« stimmte ihm da der Kürassier bei.

Hans Arnim blickte überrascht und betroffen auf. Hatte der ihn durchschaut, erriet der, daß er sich im stillen um Kitty bewarb, und wollte der ihm nun zurufen: »Mein Junge, ehe es so weit ist, habe ich auch noch ein Wort mitzureden.« Oder war dessen Äußerung nur ganz allgemein gehalten? Hans Arnim vermochte sich darüber nicht klar zu werden, denn auch jetzt verrieten die Gesichtszüge des Kürassiers keinerlei Eifersucht oder Erregung. Der blickte gleichgültig vor sich hin, bis er plötzlich sagte: »Herrschaften, seid mal einen Augenblick still. Mir fällt nämlich eben etwas ein, was mir schon gestern einfiel und was ich wieder vergessen hatte.«

»Und das wäre?« erkundigte man sich neugierig.

»Ja, wenn ich das im Augenblick nur selber wüßte,« meinte der Kürassier ganz kleinlaut, »ich habe es schon wieder vergessen. Mein Gedächtnis ist nämlich 'ne Sehenswürdigkeit. Wenn nach dem Friedensschluß mal irgendwo wieder eine Weltausstellung eröffnet wird, dann stelle ich das öffentlich aus, meinetwegen sogar in Spiritus. Herrgott, was war es denn noch? Gestern nachmittag habe ich es ganz deutlich gewußt, da habe ich im Zusammenhang damit auch einen Entschluß gefaßt, den ich Ihnen Allen mitteilen wollte, und als Herr von Kühnhausen vorhin davon sprach, daß er nur als außerordentliches Mitglied – – ach so, ja richtig, nun fängt es an zu dämmern. Und nun weiß ich es sogar,« fuhr er triumphierend fort. »Ich habe 94 gestern nachmittag beschlossen, sobald wie möglich mein Amt als Vorsitzender des Flirtklubs niederzulegen, und da möchte ich Ihnen Allen schon heute vorschlagen, Herrn von Kühnhausen zu meinem Nachfolger zu ernennen.«

»Sie wollen Ihr Amt niederlegen?« riefen ihm alle völlig erstaunt zu, »Aber warum denn nur?«

Der Kürassier schwieg eine ganze Weile, um die Spannung auf seine Worte zu erhöhen, dann sagte er so feierlich wie nur möglich: »Warum? – darum!«

»Na, nun wissen wir es ja,« neckten ihn die Kameraden »aber trotzdem, wenn Sie keinen anderen Grund haben –«

»Bitte sehr, dieser ist sogar äußerst stichhaltig. Über Einzelheiten kann ich mich nicht weiter auslassen. Und wenn ich Ihnen als meinen Nachfolger Herrn von Kühnhausen vorschlage und wenn ich Sie darum bitte, mir da beizustimmen, dann geschieht das in erster Linie, weil Herr von Kühnhausen, wie er uns eben erzählte, in dem Hause der Frau Konsul Behnke wohnt. Vielleicht wird er als Vorsitzender das erreichen und durchsetzen, was bisher noch keinem von uns gelang, daß Fräulein von Greusen dem Klub fortan als ordentliches Mitglied beitritt und daß auch die erlaubt, daß die Kameraden mit ihr flirten. Ich sage absichtlich die Kameraden, denn ich selbst werde mich in Zukunft nur noch selten auf dem Tennisplatz sehen lassen. Auch dafür habe ich meine Gründe, die rein privater Natur sind und mit dem Klub als solchem, oder gar mit den Mitgliedern in keiner Weise zusammenhängen.«

Wie es kam, wußte Hans Arnim selber nicht, aber er sagte sich im stillen: »Wenn das wahr ist, was du da eben 95 sagtest, will ich mir ruhig den Kopf abschlagen lassen.« Aber er kam nicht dazu, sich weiter in Vermutungen zu ergehen, denn die anderen Kameraden redeten jetzt plötzlich lebhaft auf ihn ein und baten ihn, den Vorsitz des Klubs zu übernehmen, denn die hatten nun alle das größte Interesse daran, daß Fräulein von Greusen endlich aus ihrer Reserve herausträte. Man beschwor ihn, alles zu tun, was in seinen Kräften stände, um das durchzusetzen.

Aus allem, was man ihm da zurief, hörte er mit aufrichtiger Freude heraus, daß keiner diesen Wunsch aus Egoismus hegte, sondern daß dabei alle nur an Fräulein von Greusen dachten. Deren Lebensgeschichte war ihnen bekannt. Alle, die hier saßen, wollten ihr Aufmerksamkeiten erweisen, wollten ihr, wenn nötig, beweisen, daß keiner von ihnen heute etwas anderes in ihr sah, als das, was sie bei Lebzeiten des Vaters war. Es tat ihnen leid, wenn sie es mit ansahen, wie Fräulein von Greusen sich stets etwas zurückhielt und daß die meistens ein so ernstes Gesicht machte. Die sollte wieder mit den jungen Offizieren lachen und ihren Unsinn treiben, sich amüsieren und ihre Jugend genießen.

Aus jedem Wort hörte Hans Arnim das heraus. »Was an mir liegt, soll sicher geschehen, um Ihre Wünsche durchzusetzen,« gab Hans Arnim zur Antwort, obgleich er im stillen nicht daran glaubte, daß seine Überredungsversuche irgendwelchen Erfolg haben würden. Aber auf alle Fälle wollte er Marie Elisabeth erzählen, wie ritterlich und kameradschaftlich die Herren hier über sie dachten. Das würde sie sicher erfreuen.

Bis das Gespräch dann, nachdem Hans Arnim 96 versprochen hatte, das ihm überraschend kommende Anerbieten, der Vorsitzende werden zu sollen, anzunehmen, endlich auf den Krieg kam. Für den war man doch vorläufig nur auf der Welt. Der Krieg blieb die Hauptsache, auch für sie, die hier verwundet, krank, oder erholungsbedürftig herumsaßen und voller Ungeduld den Tag der Genesung herbeisehnten. Der Krieg war der Zweck ihres Lebens, und wenn sie mit den jungen Damen des Nachmittags herumflirteten, oder sich des Morgens bei einem harmlosen Frühschoppen trafen, so geschah das doch nur, um sich die Zeit zu verkürzen und um die Gedanken etwas abzulenken. Der Ernst der Zeit lastete auf ihnen allen, wenn sie auch zuweilen heiter und lustig erschienen.

Man sprach vom Krieg und dazu trank man in bescheidenen Maßen sein Glas Wein. Man trank sehr mäßig, weil man sich in der Hinsicht nach den Vorschriften des Arztes richtete und der Frühschoppen dehnte sich auch nie lange aus. Wie immer erhoben sich auch heute alle Herren mit dem Glockenschlag ein halb zwei Uhr, um nach Hause zu gehen.

Nur zwei Kameraden waren an dem Tisch sitzen geblieben, ohne daß sie sich deswegen verabredet hätten. Das war der Kürassier und Hans Arnim, der hier zu Mittag essen wollte.

Und als sei der Kürassier dem anderen dafür eine Erklärung schuldig, daß er Hans Arnim noch Gesellschaft leiste, sagte er, als er mit diesem nun allein war: »Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich noch nicht aufbreche, aber offen gestanden habe ich vorläufig von allem, was 97 irgendwie mit brechen zusammenhängt, mehr als genug. Mir war noch vor ein paar Stunden so saumiserabel zumute, wie kaum je zuvor. Ich nannte einen Riesenkater mein eigen. Nun ist das Viech Gott sei Dank wieder davongelaufen. Na. laß es laufen, ich rufe es nicht wieder zurück!«

»Das glaube ich Ihnen gern,« stimmte Hans Arnim ihm bei, »ich will nur hoffen, daß Sie sich gestern in freudiger Veranlassung die Nase begossen haben.«

Der Kürassier sah ihn mit einem entsetzten Gesicht an, um ihn dann zu fragen: »Sagen Sie mal, verehrter Freund und Kampfgenosse, Sie wollen mich wohl uzen?«

»Aber warum denn nur?« gab Hans Arnim ernsthaft zurück, »Ich kann doch unmöglich wissen, was Sie veranlaßte, gestern zu tief in das Glas zu blicken. Aber da es keine freudige Veranlassung war, wie Sie andeuteten, bedaure ich aufrichtig, daß es eine traurige war. Na, hoffentlich haben Sie die nun überwunden?«

»Die überwinde ich überhaupt nie,« widersprach der Kürassier so ernsthaft, daß Hans Arnim überrascht aufblickte, und der Kürassier mußte das bemerkt haben, denn er meinte nach einer kleinen Pause: »Ich weiß selbst nicht, Herr von Kühnhausen, warum Sie mir von der ersten Minute an so sympathisch waren. Aber das nicht allein, ich faßte sofort Vertrauen zu Ihnen. Helfen können Sie mir natürlich auch nicht, das kann kein Mensch, aber eine Aussprache erleichtert ja auch schon zuweilen des Menschen Herz, vorausgesetzt, daß man da der strengsten Verschwiegenheit sicher sein kann.«

»In der Hinsicht können Sie sich vollständig auf mich verlassen,« gab Hans Arnim zur Antwort, während er im stillen 98 über das Geständnis, das der Andere ihm bereits machte, etwas verwundert war, und erst recht über das bevorstehende Geständnis, denn er glaubte zu ahnen, daß das irgendwie mit Kitty zusammenhinge.

Der Kürassier saß da, als wisse er nicht recht, wie er mit seiner Aussprache beginnen solle, bis er jetzt plötzlich unvermittelt fragte: »Sagen Sie mal, Herr von Kühnhausen, haben Sie in Ihrem Leben schon mal einen Korb bekommen?«

Das war dieselbe Frage, die er heute morgen an seinen Burschen stellte, und jetzt war er neugierig, was Hans Arnim darauf antworten würde.

Der blickte ihn zuerst völlig verständnislos an, um ihn nun, von einer bangen Ahnung erfaßt, zu fragen: »Ich erwähnte vorhin vielleicht etwas unbesonnenerweise, ich betrachtete mich bereits als heimlich verlobt, wollen Sie mir da mit Ihren Worten etwa andeuten, daß ich mir später einen Korb holen könne?«

Aber der Kürassier widersprach: »Wie sollte ich Ihnen wohl so etwas prophezeien wollen? Ich kenne Ihr Fräulein Braut doch gar nicht. Ich dachte bei meinen Worten nicht an Sie, sondern nur an mich, denn ich beging gestern die Wiederkehr des Tages, an dem ich mir vor zwei Jahren in meiner alten Garnison einen Korb holte. Da habe ich mich in Lethe betrunken, um die Geschichte wieder zu vergessen, aber ganz vergißt man so was nie.«

»Bis zu einem gewissen Grade glaube ich Ihnen das gern, aber man darf so etwas auch nicht zu schwer nehmen,« versuchte Hans Arnim den Kameraden zu trösten.

Der seufzte schwer auf: »Das sagen Sie so, lieber Freund, 99 das sagen Sie nur, weil Sie selbst etwas Ähnliches noch nicht durchgemacht haben. Sich einen Korb zu holen, ist das scheußlichste Gefühl, das es auf der Welt gibt, das ist noch ekelhafter, als wenn ein Rasierjüngling einem mit der nassen Seifenhand in das Gesicht fährt. Man kommt sich bei der Gelegenheit nicht nur saudumm, sondern beinahe ehrlos vor. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir zumute war. So ähnlich wie einem armen Musketier, mit dem ich vorübergehend in demselben Lazarett lag. Der hatte eine nur kleine Wunde, die nicht mal besonders schmerzhaft war, aber die saß ihm im Rücken. Nicht, weil er für seine Person feige ausgekniffen wäre, sondern weil er den Schuß erhielt, als er den Befehl zum Rückzug ausführte. Aber trotzdem schämte er sich dieser Wunde, als sei er durch die ehrlos geworden, und so geht es mir mit meinem Korb.«

»Das ist doch aber eine übertriebene Auffassung,« widersprach Hans Arnim aus ehrlichster Überzeugung.

»Kann sein, kann auch nicht sein,« meinte der Kürassier. »Sie hätten recht, wenn ich mich einer Niederlage leichtsinnig ausgesetzt hätte, aber ich glaubte meiner Sache völlig sicher zu sein, denn die betreffende junge Dame machte mir die größten Avancen.«

Der Kürassier saß so geknickt da, daß er Hans Arnim aufrichtig leid tat und so meinte er denn tröstend: »Wenn die junge Dame Sie gern hatte und trotzdem Ihren Antrag ablehnte, dann haben vielleicht andere Gründe mitgesprochen. Ich will natürlich nicht indiskret sein, aber vielleicht war die junge Dame sehr reich und Sie selbst –«

»Ausgeschlossen, lieber Freund,« widersprach der andere 100 lebhaft. »Gewiß war die junge Dame sehr reich, aber doch nicht annähernd so, wie ich es bin. Das Protzen und das Prahlen liegt mir vollständig fern, aber trotzdem, von dem, was ich persönlich jedes Jahr allein an Steuern zu bezahlen habe, kann selbst eine sehr kinderreiche Familie ein Jahr hindurch mehr als anständig leben.«

»Donnerwetter, alle Hochachtung,« entschlüpfte es Hans Arnim unwillkürlich, bis er hinzusetzte: »Es muß ein sehr schönes Gefühl sein, so etwas von sich behaupten zu können.«

Der Kürassier schüttelte den Kopf: »Sagen Sie das nicht, reich zu sein ist keine Schande, aber es verhilft auch nicht immer dazu, glücklich zu werden. Das habe ich ja, als ich mir den Korb holte, zur Genüge erfahren.«

»Einmal ist keinmal,« versuchte Hans Arnim den Kameraden abermals zu trösten.

Der sah ihn zuerst verständnislos an, bis er fragte: »Ach so meinen Sie das? Sie denken, ich solle zum zweitenmale mein Glück versuchen, natürlich nicht bei derselben jungen Dame, sondern bei einer anderen? Das ist ganz ausgeschlossen, denn ehe ich mich einem zweiten Korb aussetze, ehe das geschieht, geschieht sonst etwas. Deshalb habe ich mir auch an jenem Tage geschworen, mich nie wieder zu verlieben.«

»Und selbstverständlich haben Sie diesen Schwur nicht gehalten?«

Der Kürassier bekam unwillkürlich einen dunkelroten Kopf, dann fragte er: »Woher wissen Sie das? Wer hat Ihnen das verraten, wer kann davon überhaupt etwas wissen?«

101 »Verraten hat mir das natürlich niemand,« gab Hans Arnim zur Antwort, »aber ich kann mir das doch ungefähr auch so denken. Wahrscheinlich werden Sie sich heute morgen auch geschworen haben, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu trinken, und trotzdem schmeckt der Ihnen jetzt wieder sehr gut.«

»Das schon,« meinte der andere etwas kleinlaut, »aber mit der Liebe ist es etwas anderes, die ist doch kein Alkohol.«

»Bis zu einem gewissen Grade doch, denn an beiden berauscht man sich,« warf Hans Arnim ein, »und es ist noch sehr die Frage, wer einen größeren Kater hinterläßt, der Wein oder die Liebe.«

»Der Teufel soll alle beide holen,« rief der Kürassier erregt, »deshalb habe ich mir gestern auch meinen Schwur wieder erneuert.«

»Und Sie sind trotzdem noch verliebt?« neckte Hans Arnim den Kameraden.

Der sah ihm offen und frei in die Augen: »Ich war es, aber ich habe meine Liebe und meine Liebste gestern in dem Sektglas ertränkt.«

»Das braucht Sie aber nicht weiter zu beunruhigen,« warf Hans Arnim ein, »da holen Sie die Tote einfach wieder heraus und stellen mit der Wiederbelebungsversuche an. Ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, daß die sehr schnell die Augen wieder aufschlägt. Und sicher hatte die sehr schöne Augen, vielleicht tiefschwarze?«

Das war eine allerdings plumpe Falle, die Hans Arnim dem andern da stellte, aber wenn der ihm nun beistimmte, dann wußte er, daß es sich um Kitty handelte. Aber der 102 schöne Hugo schien die letzte Bemerkung gar nicht gehört zu haben, wenigstens gab er darauf zunächst gar keine Antwort, sondern meinte nur nach einer langen Pause: »Wenn man einen Menschen lieb hat, fragt man doch gar nicht danach, was der für Augen hat. Aber davon ganz abgesehen werde ich keine Wiederbelebungsversuche anstellen.«

»Deshalb wollen Sie wohl fortan auch dem Tennisplatz fernbleiben?« versuchte Hans Arnim, den Kameraden zum zweitenmal hineinzulegen.

»Nein, das hat ganz andere Gründe,« widersprach der Kürassier so unbefangen, daß Hans Arnim ihm glauben mußte, »wenngleich ich zugeben will, daß das bis zu einem gewissen Grade doch damit zusammenhängt, denn je weniger man die anderen hübschen jungen Damen sieht, desto weniger wird man unwillkürlich an die Eine erinnert.«

»Aber wenn Sie die wirklich lieb haben und wenn Sie glauben, daß es Ihnen gelingen kann, sich deren Gunst zu erringen, warum wollen Sie dann nicht weiter um die werben?« rief Hans Arnim dem Kürassier zu. »Die traurige Erfahrung, die Sie das einemal machten, kann Sie doch nicht allen Ernstes veranlassen, bis an ihr Lebensende Junggeselle zu bleiben.«

»Doch,« widersprach der schöne Hugo, »obgleich ich offen eingestehe, daß an mir ein sehr guter Ehemann verloren geht. Jede Frau würde mit mir glücklich werden. Ich würde sie niemals fragen, wo sie war, denn da sagt sie ja doch nicht die Wahrheit. Aus demselben Grunde würde ich, wenn sie ausgeht, auch niemals fragen, wohin sie geht. Ich habe ferner nicht das leiseste Talent zur Eifersucht und 103 ich würde meiner Frau schließlich stets noch mehr Geld geben. als sie haben will. Ich wäre der idealste Gatte und der zärtlichste Vater geworden. Kinder liebe ich über alles und daß meine Kinder nun gar nicht auf die Welt kommen, tut mir für die aufrichtig leid. Die hätten es gut gehabt, statt dessen müssen die nun bis zum Weltuntergang in den Nilsümpfen herumsitzen. Die Kinder tun mir weiß Gott leid, aber ich mir selbst erst recht, denn wenn ich mir vorstelle, daß ich nach meinem Tode in der Zentralheizung verbrannt werden soll, ohne daß ich bei Lebzeiten noch das Glück hatte, einen Sohn auf meinem Schoße wiegen zu dürfen –«

»Ohne Sie erzürnen zu wollen, muß ich Ihnen erklären, daß alles, was Sie sich da zusammenreden, Unsinn ist,« fiel Hans Arnim ihm ins Wort. »Wenn ein Mann so über das Heiraten und über die kleinen Kinder denkt wie Sie und wenn er finanziell in der Lage ist, ein Schock Kinder ernähren zu können, dann ist es in der jetzigen Zeit seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, schon dem Staate gegenüber, diese Kinder auf die Welt zu setzen. Und wie Sie es dem Staate schulden, zu heiraten, so schulden Sie es auch dem jungen Mädchen, das Sie lieben, vorausgesetzt natürlich, daß das Sie wiederliebt.«

Hans Arnim hatte noch allerlei auf dem Herzen, um dem anderen die törichten Gedanken auszutreiben, aber jetzt schwieg er doch, weil er plötzlich einen mordsmäßigen Schrecken bekam und weil ihm seine eigne Dummheit klar wurde. Er selbst hatte sich auf den ersten Blick in Kitty verliebt, hatte keinen anderen Wunsch, als deren Gunst zu 104 erringen, und statt dessen redete er nun fortwährend dem Kürassier zu, sich eine Frau zu nehmen, die ganz sicher Kitty Bachhof hieß, denn daß Kitty sich in den verliebt hatte, das war für ihn sonnenklar, obgleich er für diese Vermutung auch nicht den leisesten Schatten eines Beweises besaß. Und im übrigen, was ging es ihn an, ob Herr von Hohenebra heiratete oder nicht? Jeder sollte nach seiner Fasson selig werden, aber trotzdem, der arme Kürassier, der unter der Nachwirkung der eben erhaltenen Strafrede ganz geknickt dasaß, tat ihm aufrichtig leid. Was nützte dem sein vieles Geld, wenn er auf ewig auf das verzichten sollte, was er sich am meisten wünschte, eine Frau und eine Schar Kinder. Und so meinte er jetzt abermals: »Sie müßten wirklich heiraten, lieber Freund, und wenn Sie sich auch einmal einen Korb holten, du großer Gott, Sie sind doch Kavallerist.«

»Das war ich,« widersprach der Kürassier, »denn seitdem sie uns in diesem Kriege im Westen die Pferde abknöpften, hat es sich ausgekavalleristet. Mit dem Reiten ist es vorbei, ich weiß kaum noch, wie ein Gaul aussieht, und seitdem man uns damals im Schützengraben zum Zeichen unserer neuen Würde einen Infanteriespaten in die Hand drückte und uns das Buddeln beibrachte, seitdem werde ich den Gedanken nicht los, daß die Kavallerie sich heutzutage überlebt hat. Passen Sie mal auf, nach dem Friedensschluß müssen wir es alle lernen, statt auf dem Gaul, auf einer Taube zu reiten.«

»Auch da befinden Sie sich in einem Irrtum,« widersprach Hans Arnim, »es wird schon alles wieder so werden, wie es war. Und da möchte ich Sie daran erinnern, wenn 105 Sie früher auf Ihrem Gaul saßen, um ein Hindernis zu nehmen, dann gaben Sie das Geschäft doch auch nicht auf, wenn der Gaul nicht gleich bei dem erstenmal über die Hürde hinweg kam. Da setzten Sie sich doch erst recht in den Sattel, gebrauchten das Gesäß und die Schenkel und die Sporen und sagten: »Nun gerade!« Und Sie ruhten nicht eher, bis der Gaul die Hürde spielend nahm. So sollten Sie es auch jetzt mit den jungen Mädchen halten. Nahm die eine Sie nicht, dann dürfen Sie nicht eher ruhen, bis Sie sich die zweite eroberten.«

Aber der Kürassier schüttelte den Kopf: »Was Sie mir da erzählen, habe ich mir selbst schon tausendmal vorgeredet, aber es hilft alles nichts, ich heirate nur in einem einzigen Falle.«

»Und der wäre?« fragte Hans Arnim neugierig.

Der Kürassier schwieg eine kleine Weile, bis er sagte: »Meine zukünftige Frau muß mir einen Heiratsantrag machen.«

Hans Arnim lachte unwillkürlich hell auf: »Wie denken Sie sich das in Wirklichkeit, lieber Freund? Soll die junge Dame Ihnen etwa erklären: ›Herr von Hohenebra, ich kann nicht mehr ohne Sie leben; seit dem Tage, an dem ich Sie zum erstenmal sah, verfolgt Ihr Bild mich Tag und Nacht, ich habe keinen anderen Gedanken mehr, als nur Sie, ich flehe Sie an, ich beschwöre Sie bei allen Göttern, werden Sie mein Mann.‹ Und wenn die junge Dame Ihnen das erklärt hat, dann fallen Sie ihr gerührt und errötend um den Hals und flüstern ihr in das Ohr: »Mein Fräulein, sprechen Sie mit meiner Mutter.«

106 »Na, das letztere wäre ja gerade nicht nötig,« meinte der Kürassier unbeirrt, »ich bin ja schon lange mündig, habe mein eigenes Vermögen, und kann heiraten, wen ich will, ohne daß meine Eltern sich da irgendwie hineinmischen. Aber sonst denke ich mir die Sache tatsächlich ungefähr so, wie Sie das eben schilderten, nur könnte die junge Dame mir das Liebesgeständnis auch schreiben, wenn es ihr peinlich wäre, mir das mündlich zu sagen. Auf jeden Fall aber muß die Sache von ihr ausgehen.«

»Ich fürchte, auf den Tag, an dem Sie das erleben, werden Sie lange warten können,« warf Hans Arnim ein, »Eine gebildete junge Dame kann doch gar nicht so zu Ihnen sprechen, wie Sie es von ihr verlangen, und eine ungebildete –«

»Die kommt natürlich für mich als Frau ebensowenig in Frage, wie eine arme junge Dame« fiel der andere ihm in das Wort.

»Eine ungebildete selbstverständlich nicht,« stimmte Hans Arnim ihm bei, »aber warum nicht eine arme, das verstehe ich tatsächlich nicht.«

»Und doch ist die Sache sehr einfach,« lautete die Antwort, »denn da ein reiches junges Mädchen mich abwies, wurde ich, wenn ich ein armes junges Mädchen heiratete, niemals den Gedanken los werden, die hätte mich nur meines Geldes wegen genommen.«

»Das käme doch wohl sehr auf das junge Mädchen an,« widersprach Hans Arnim, »denn gerade unter den armen findet man doch sehr häufig solche, die verdammt stolz sind, denen nicht einmal ein gefüllter Geldschrank imponiert, es 107 sei denn, daß das junge Mädchen den Mann, dem dieser Geldschrank gehört, auch wirklich liebt. Ich wenigstens kenne eine solche junge Dame, und Sie kennen sie auch.«

Der Kürassier setzte das Glas, das er eben an den Mund führen wollte, ab und sah Hans Arnim ganz verständnislos an: »Die kenne ich auch? Wer sollte das wohl sein?«

»Na, viel Phantasie scheinen Sie mir nicht zu haben,« meinte Hans Arnim, »denn Sie haben die junge Dame schon viel öfter gesehen und gesprochen, als ich selbst. Ich denke an Fräulein von Greusen. Auf die paßt sicher, was ich eben sagte, der imponiert kein voller Geldschrank und um des Geldes willen würde die Sie niemals heiraten, dafür lege ich meine Hände in das Feuer.«

Der Kürassier blickte lange schweigend vor sich hin, er vergaß sogar, das Glas wieder an die Lippen zu führen und den Trunk nachzuholen, den er vorher versäumte, bis er plötzlich mit einem ganz verklärten Gesicht ausrief: »Wissen Sie was, lieber Freund, da haben Sie mich auf eine glänzende Idee gebracht. Fräulein von Greusen muß sich in mich verlieben, und das sage ich Ihnen schon heute, wenn die mir einen Antrag macht, die heirate ich gleich.«

»Das glaube ich Ihnen gern,« meinte Hans Arnim belustigt, »aber ob gerade die Ihnen eine Liebeserklärung machen wird, das bezweifle ich doch sehr.«

Aber der Kürassier widersprach: »Warum nicht, wenn Sie mich eines Tages wirklich lieben sollte? Wenn ein junges Mädchen einen Mann liebt, dann sagt sie ihm doch später so Vieles, warum soll sie ihm zuerst da nicht auch die paar Worte sagen: ich liebe Dich?«

108 »Na, ich will Ihnen wünschen, daß Sie mit Ihrer Hoffnung Recht behalten,« warf Hans Arnim ein, bis er hinzufügte: »Und ich will Ihnen auch wünschen, daß Fräulein von Greusen sich in Sie verlieben möge, vorausgesetzt, daß die Liebste, die Sie gestern ertränkten, auch wirklich tot ist. Denn daß Sie Fräulein von Greusen den Hof machen und eines Tages wieder von der abschwenken, weil die andere Liebe wieder in Ihnen lebendig wurde, das gibt es natürlich nicht, für ein derartiges Spiel ist Fräulein von Greusen zu gut.«

Der Kürassier bekam einen dunkelroten Kopf: »Was denken Sie denn eigentlich von mir, lieber Freund? Halten Sie mich denn für einen ehrlosen Menschen? Daß ich leider Gottes nicht der Allerklügste bin, das weiß ich allein, aber ich bin trotzdem nicht so dumm, daß ich mich über meine Beschränktheit nicht zuweilen selbst lustig mache. Ich gestehe es neidlos ein, es gibt viele tausend Männer, die klüger sind als ich, aber in bezug auf die Anständigkeit der Gesinnung nehme ich es mit jedem auf.«

Hans Arnim reichte dem Kameraden über den Tisch die Hand: »Seien Sie wieder friedlich, lieber Freund, nichts lag mir ferner, als Sie irgendwie zu kränken, oder gar beleidigen zu wollen. Und wenn ich meine Äußerung überhaupt fallen ließ, geschah es nur, weil Sie vor Fräulein von Greusen, die Sie nun lieben wollen, doch schon eine andere liebten.«

»Die andere hat aber nicht das Geringste davon bemerkt,« verteidigte der Kürassier sich, »ich habe mit keiner Silbe verraten, wie es mit mir bestellt war, die weiß nichts davon, was ich für sie empfand, nicht das Leiseste.«

109 »Da nehme ich erst recht alles zurück, was ich sagte,« erklärte Hans Arnim offen und sein Glas erhebend, trank er dem Kameraden zu: »Also seien Sie wieder gut und auf noch bessere Freundschaft.«

Der Kürassier knurrte noch allerlei vor sich hin. So schnell schien der Hans Arnims Worte doch nicht vergessen zu können, dann aber erhob auch er sein Glas: »Auf gute Freundschaft«. Bis auch er nochmals bat, Hans Arnim möge alles tun, was er könne, damit Fräulein von Greusen sich später an dem Flirt beteilige.

Hans Arnim versprach, die Bitte zu erfüllen, und nach einer weiteren halben Stunde brachen die beiden auf, nachdem Hans Arnim die Zigarre, die er sich nach dem Essen, das er während des Gespräches mit dem Kürassier einnahm, zu Ende geraucht hatte.

Beide suchten ihre Wohnung auf. Der Kürassier ging nach rechts, Hans Arnim nach links, und während er dahinhumpelte, dachte er darüber nach, wie es ihn für Fräulein von Greusen freuen würde, wenn die sich wirklich in den Kürassier verlieben sollte. Gewiß, der Allerklügste war der nicht, aber wohl wirklich ein sehr anständiger Mensch. Das war für ein späteres Eheglück zum mindesten ebenso viel wert wie ein großer Verstand. Sollte Fräulein von Greusen sich in den verlieben, dann zog sie in vieler Hinsicht das große Los, dann war sie nicht mehr gezwungen, in Stellung zu gehen. Aber ob die sich je in ihn verlieben würde? Ja, ob die überhaupt noch auf den Tennisplatz kam, wenn er ihr den Wunsch der Kameraden unterbreitete? Von dem speziellen Gedanken des Kürassiers durfte er natürlich gar nichts 110 erwähnen, denn sonst war es mit dem Gelingen dieses Planes von Anfang an aus.

Ganz in Gedanken versunken ging er dahin, und als er dann zufällig einmal aufblickte, sah er vor einem Geschäftshause, in dem sich zur Rechten ein Blumenladen, zur Linken eine Buchhandlung befand, ein Auto halten, das ihm merkwürdig bekannt vorkam, und als der Chauffeur ihn nun grüßte – richtig, das war ja das Auto, in dem er gestern mit nach dem Tennisplatz gefahren war und in dem gestern morgen Kitty saß. Sollte die jetzt in der Nähe sein? Und er hatte kaum fünf Minuten anscheinend voller Interesse die Bücherauslage bewundert, als Kitty wirklich aus dem Laden heraustrat und ihm, als sie ihn erblickte, herzlich die Hand reichte, während sie ihm zugleich zurief: »Haben Sie auf mich gewartet, damit ich Sie mit Ihrem kranken Fuß nach Hause fahre? Das tue ich selbstverständlich sehr gern, denn Sie haben noch einen weiten Weg vor sich.«

»Der schadet mir nichts,« widersprach er, »und wenn ich auf Sie wartete, gnädiges Fräulein, geschah es aus zwei Gründen. Erstens wollte ich Sie fragen, wie Ihnen gestern das Diner bekommen ist, bei dem ich als Tischherr an Ihrer Seite sitzen durfte?«

»Danke, danke,« rief sie fröhlich, »es ist mir ausgezeichnet bekommen, die Speisen und die Weine waren vorzüglich.«

»Und die Unterhaltung?« fragte er sie neckend.

»Die ging,« neckte sie ihn nun ihrerseits, »die war stellenweise sogar sehr hübsch.«

»Na, da bin ich beruhigt, gnädiges Fräulein, und Sie 111 können sicher sein, daß ich Sie das nächstemal noch besser unterhalte.«

»Das verlange ich sogar von Ihnen,« rief sie ihm zu, »nun aber bin ich für den Augenblick neugierig, aus welchem anderen Grunde Sie noch auf mich warteten.«

»Um Ihnen ein Geständnis zu machen, gnädiges Fräulein.«

»Sie mir? Hier auf offener Straße?« rief sie ihm anscheinend ganz entsetzt zu.

»Und doch muß es sein, gnädiges Fräulein,« bat er, »wir sind ja beide wohl gute Protestanten, aber trotzdem muß ich vor Ihnen die Ohrenbeichte ablegen und ich erbitte im voraus Vergebung meiner Sünden.«

»Das kommt ganz auf die Sünden an, also los mit der Beichte, was haben Sie verbrochen?«

Er stand ihr gegenüber, als wäre er wirklich ein reuiger Sünder, dann sagte er anscheinend völlig zerknirscht: »Gnädiges Fräulein, ich bin maßlos frech gewesen.«

Fräulein Kitty lachte fröhlich auf, dann rief sie ihm zu: »Glauben Sie, daß dieses Geständnis aus Ihrem Munde mich wirklich irgendwie überrascht? Nach Ihrem Blick von gestern morgen traue ich Ihnen jede Keckheit zu, was haben Sie denn nun also wieder begonnen?«

Und er erzählte ihr, wie er bei dem Frühschoppen, als er den Grund angeben solle, warum er dem Flirtklub nur als außerordentliches Mitglied angehören wolle, keine andere Ausrede gefunden habe als die, er betrachte sich bereits als verlobt und er habe sich gestern mit ihr nur deshalb so lang und ausführlich unterhalten, weil sie mit seiner zukünftigen 112 Braut auf einer Reise bekannt geworden sei und weil er hoffe, sie, Kitty, würde ihm helfen, die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die seiner späteren offiziellen Verlobung noch entgegen ständen.

Im Gegensatz zu den Kameraden, die seine Worte ja unmöglich deuten konnten, verstand Kitty natürlich sofort, was er mit denen meinte, daß sie die Braut sei, an die er sich bereits gebunden hielte und daß sie selbst alles beseitigen solle, was sie jetzt oder später daran verhindere, sich mit ihm zu verloben. Auf jedes Geständnis aus seinem Munde war sie vorbereitet gewesen, aber auf ein so keckes denn doch nicht, und so rief sie ihm denn jetzt nicht nur voll ehrlichsten Erstaunens, sondern auch mit einer gewissen Empörung zu: »Und so etwas wagen Sie mir wirklich zu sagen? Nicht nur, daß Sie so etwas im stillen denken und wünschen, Sie sprechen sogar ganz frei darüber? Nein, dafür fehlt es mir wirklich an Worten!«

»Die werden Sie schon wiederfinden, gnädiges Fräulein,« beruhigte er sie. »Im übrigen bin ich aber wirklich sehr froh, daß ich Sie hier treffe, denn wenn ich Ihnen das, was ich Ihnen eben beichtete, jetzt nicht hätte sagen können, dann wäre ich gezwungen gewesen, Ihnen noch heute nachmittag alles schriftlich zu erklären, damit Sie im Bilde gewesen wären, wenn sich heute nachmittag auf dem Tennisplatz jemand mehr oder weniger indiskret bei Ihnen nach meiner Braut erkundigt hätte. Nun können Sie, wenn auch nur im allgemeinen zur Antwort geben: Ja, ich kenne die junge Dame wirklich, sie ist außerordentlich hübsch, sehr liebenswürdig, sie kann das wenigstens sein, wenn sie will, und meistens 113 ist sie es sogar. Na, überhaupt mit einem Wort, das Mädel ist charmant, und wenn Herr von Kühnhausen sich die einfängt, dann kann er von Glück sagen.«

»Da hätten Sie allerdings recht,« stimmte sie ihm nun doch wieder belustigt bei, um ihn gleich darauf zu fragen: »Habe ich Ihnen eigentlich schon erzählt, daß wir uns heute auf dem Teunisplatz nicht sehen werden und morgen und die nächsten Tage auch nicht? Mein Vater hat in geschäftlicher Angelegenheit in Berlin zu tun. Er reist so furchtbar ungern allein, da hat er die Mutter und mich gebeten, ihn zu begleiten. Spätestens in acht Tagen werden wir aber wieder hier sein.«

Voller Entsetzen hatte er ihr zugehört, nun bat er: »Gnädiges Fräulein, das geht doch nicht so ohne weiteres, da habe ich doch auch noch ein Wort mitzureden.«

»Sie, Herr von Kühnhausen, aber inwiefern denn nur?« fragte sie ihn, nun ihrerseits verwundert.

»Weil ich doch sobald wie möglich brennen soll,« gab er zur Antwort. »Ich soll Feuer und Flamme für Sie werden und das kann ich doch nicht, wenn Sie die Zündhölzer in Gestalt Ihrer beiden wundervollen Augen von mir fortnehmen und mir statt dessen einen Kübel kalten Wassers über den Kopf gießen, denn Ihre Nachricht hat mich wie ein Sturzbad getroffen. Nein, ernsthaft gesprochen, gnädiges Fräulein, fassen Sie nur mal meine Uniform an, die ist klitschenaß.«

»Die wird schon wieder trocken werden,« tröstete sie ihn lachend, mehr über sein verdutztes Gesicht als über seine Worte belustigt. »Und wie ich Ihnen ja schon erklärte, ich 114 bleibe doch nicht ewig fort, schon damit Sie Ihrer Strafe nicht entgehen. Spätestens in acht Tagen bin ich wieder da.«

Hans Arnim stand noch immer ganz geknickt vor ihr, bis er jetzt plötzlich und unvermittelt fragte: »Werden Sie wenigstens zuweilen Sehnsucht nach mir haben, gnädiges Fräulein?«

»Ich nach Ihnen?« lachte Kitty fröhlich auf. »Das wäre doch wohl etwas zu viel verlangt. Sie haben sich doch sicher auch nur versprochen, Sie wollten mich um Erlaubnis bitten, sich nach mir sehnen zu dürfen. Das sollen und müssen Sie sogar.«

»Na, daß ich das tun werde, ist doch selbstverständlich,« stimmte er ihr bei, »und wenn die Sehnsucht mich verzehrt, wenn Sie bei Ihrer Rückkehr von mir nur noch ein Häufchen Asche vorfinden, nicht wahr, gnädiges Fräulein, dann tragen Sie die fortan in einem kleinen Medaillon an einer goldnen Kette um den Hals und wenn Sie das Medaillon gelegentlich mal öffnen und den Inhalt Ihren Freunden und Bekannten zeigen, dann denken Sie wenigstens an mich und erklären dazu mit lauter Stimme: ›Schade, daß er so früh hat sterben müssen, denn als er noch lebte, war er wirklich ein sehr netter Mensch‹.«

»Das entspricht zwar ganz gewiß nicht der Wahrheit,« neckte sie ihn, »aber da man von den Toten nur das Beste reden soll, wird Ihr Wunsch in Erfüllung gehen. Aber ich glaube nicht, daß es dahin kommt, ich werde Sie schon noch lebend wieder antreffen. Nun aber müssen Sie mich entschuldigen, Herr von Kühnhausen, wir fahren schon heute nachmittag um sechs Uhr, da habe ich noch eine ganze Menge 115 Besorgungen zu machen,« und ihm die Hand reichend, setzte sie hinzu: »Leben Sie also wohl, Herr von Kühnhausen, und wenn Sie die Zeit meiner Abwesenheit zu nützlichen Dingen verwenden wollen, dann bessern Sie sich.«

»Ich werde den Teufel was tun,« widersprach er lebhaft, »ich fühle nicht die leiseste Sehnsucht in mir, ein braver Musterknabe zu werden, und mit den Menschen, die sich ändern, ist es genau wie mit den Kleidern, die geändert werden, es kommt nichts Gescheites dabei heraus.«

»Na, dann bleiben Sie also meinetwegen so, wie Sie sind,« pflichtete sie ihm bei, »nun aber nochmals, leben Sie wohl.«

»Und Sie noch wohler, gnädiges Fräulein.«

Schon während der letzten Worte hatte sie sich, während sie bisher plaudernd langsam mit ihm auf und ab schritt, dem Auto genähert, um nun darin Platz zu nehmen. Und schon wollte sie dem Chauffeur das Zeichen geben, abzufahren, als Hans Arnim plötzlich bat: »Halt, noch einen Augenblick, gnädiges Fräulein, eine Bitte hätte ich noch auf dem Herzen, die müssen Sie mir erfüllen, denn wer kann es wissen, vielleicht ist es meine letzte. Erlauben Sie mir noch rasch, hier in den Blumenladen zu humpeln und Ihnen eine Rose mit auf den Weg zu geben.«

»Aber wirklich nur eine,« bat sie, seinen Wunsch erfüllend, um ihn nicht zu verletzen.

»Na, sagen wir zwei, gnädiges Fräulein. Bitte gedulden Sie sich nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.«

Es vergingen aber doch beinahe fünf Minuten, ehe er zurückkam, und als er dann wieder erschien, stützte er sich mit 116 der linken Hand auf den Stock, während er die rechte mit den Blumen hinter seinem Rücken verbarg. Dann trat er ganz dicht an das Auto heran und sich über die geschlossene Tür beugend, rief er ihr plötzlich anscheinend ganz erschrocken zu: »Um Gotteswillen, gnädiges Fräulein, wie kommt denn die nur dahin, sehen Sie nur, unter dem Rücksitz Ihres Autos, dicht bei Ihren Füßen – eine Maus, eine Maus!«

Unwillkürlich stieß Kitty einen leisen Schrei aus und zog blitzschnell die Füße in die Höhe, um diese auf den Rücksitz zu legen, ohne darauf zu achten, daß ihr Rock sich dabei in die Höhe schob und daß ihre Füße, die mit dünnen, durchbrochenen braunseidenen Strümpfen und mit sehr koketten braunen Halbschuhen bekleidet waren, ebenso sichtbar wurden wie der schlanke Ansatz ihrer Glieder. Doch darauf achtete sie nicht, sie stieß nur abermals einen leisen Schrei aus, als sie jetzt unter ihren Füßen etwas rascheln hörte. Aber als sie dann hinsah, raschelte dort keine Maus, sondern das leise Geräusch kam von dem Niederfallen der schönen Rosen und Veilchen, die Hans Arnim schnell auf den Boden des Autos geworfen hatte.

»Aber Herr von Kühnhausen, was machen Sie denn da?« fragte Kitty völlig verständnislos, »und warum haben Sie mir nur den Schrecken mit der Maus eingejagt, denn ich fange an zu glauben, daß die gar nicht im Auto sitzt.«

»Natürlich nicht, gnädiges Fräulein,« pflichtete er ihr bei, »das war nur ein Trick, um mich davon zu überzeugen, ob Sie tatsächlich so hübsche kleine Füße hätten, wie Sie mir gestern erzählten. Und der Wahrheit die Ehre, gnädiges Fräulein, die sind in der Tat bezaubernd, und ich muß 117 Ihnen auch das Kompliment machen, daß Sie sehr viel Wert auf Schuhe und Strümpfe zu legen scheinen.«

Jetzt erst fiel es ihr ein, daß sie immer noch ihre Füße auf dem Rücksitz hielt, und weil sie sich dessen ein klein wenig schämte, das erst recht, weil sie nun erst sah, wie sich der Rock verschoben hatte, rief sie ihm, während sie die Füße schnell zurückzog, zu: »Sie schämen sich wohl gar nicht, Herr von Kühnhausen?«

»Aber warum soll ich mich denn schämen?« fragte er ganz verwundert. »Weil Sie so hübsche Füße haben? Deshalb brauche ich mich doch nicht zu schämen, darüber kann ich mich doch höchstens mit Ihnen zusammen freuen. Und wenn ich Ihnen die Blumen nicht in die Hand gab, sondern die dahin warf, wo sie nun liegen, wissen Sie auch, warum ich das tat, gnädiges Fräulein? Weil Sie mir gestern erzählten, Sie hätten in meinen Augen den Wunsch gelesen, Ihnen Blumen unter die Füße streuen zu dürfen. Nun habe ich es getan, hoffentlich sind Sie wenigstens in der Hinsicht mit mir zufrieden?«

Kitty freute sich im stillen über die Huldigung, die er ihr darbrachte, aber das verriet sie natürlich nicht, sondern meinte nur vorwurfsvoll: »So wörtlich war das doch nicht gemeint und es ist ein Jammer um die hübschen Blumen, daß die jetzt zertreten werden sollen.«

»Das werden Sie mit Ihren kleinen zierlichen Füßen auch nicht tun, gnädiges Fräulein,« widersprach er. »Wenn Sie die Rosen nachher zu Hause aufheben lassen und in das Wasser stellen, werden die sich sehr schnell wieder erholen.«

118 »Hoffentlich,« stimmte sie ihm bei, »nun aber zum letztenmal, leben Sie wohl und vielen Dank für die Blumen.«

»Bitte, bitte, gar keine Ursache,« widersprach er, »es war mir ein Vergnügen, sogar ein ganz besonderes Vergnügen.«

Kitty wußte, worauf sich diese Worte bezogen, daß sie ihm den Anblick ihrer kleinen Füße bereitet hatte, und das machte sie nun nochmals so verlegen, daß sie die Freude über die Huldigung, die er ihr vorhin bereitete, darüber wenigstens für den Augenblick ganz vergaß.

So rief sie denn jetzt dem Chauffeur zu, loszufahren, und gleich darauf rollte das Auto von dannen.

Ob er mir wohl nachsieht? dachte Kitty im stillen, während sie davon fuhr. Sicher! Aber wenn er glaubt, daß ich dasselbe tun werde, dann irrt er sich sehr.

Ob sie sich wohl nach mir umsehen wird? dachte Hans Arnim im stillen. Sicher! Aber wenn sie glaubt, daß ich mich nach ihr umsehe, dann irrt sie sich sehr.

Und Hans Arnim sah ihr absichtlich nicht nach, damit Kitty sich über ihn ärgern solle, wenn sie sich vergebens nach ihm umsähe.

Und Kitty ärgerte sich denn auch wirklich, als sie noch einmal den Blick nach ihm zurückwandte und als sie bemerkte, daß er gar nicht stehen geblieben war, um ihr nachzusehen, sondern daß er ruhig in entgegengesetzter Richtung davonhumpelte. 119

 

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