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Das Geheimniß der Stadt

Friedrich Wilhelm Hackländer: Das Geheimniß der Stadt - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Geheimniß der Stadt
authorF. W. Hackländer
firstpub1868
year1868
publisherVerlag von Adolph Krabbe
addressStuttgart
titleDas Geheimniß der Stadt
created20080325
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteBasierend auf einer PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Einundzwanzigstes Kapitel.

In dem Hause des Stadtschultheißen herrschte keine kleine Bestürzung; war doch beim Grauen des Tages die Polizei dort erschienen, allerdings nur in der Gestalt des mit dem Hause befreundeten Polizeirathes Merkel, hatte mit dem Stadtschultheißen eine längere Unterredung gehabt und war von dem Entschlusse, vor das Zimmer des Herrn Ferdinand eine Ehrenwache zu setzen, nur durch die Versicherung des Herrn Welkermann junior, dafür haften zu wollen, daß sein Sohn das Haus nicht verlasse, abgegangen.

Wären in den Zeiten des tiefsten Friedens, in denen unsere Geschichte spielt, plötzlich feindliche Truppen in das Haus eingefallen, oder hätte es sich unter der Gewalt eines tüchtigen Erdbebens geschüttelt, die Bestürzung, besonders in den unteren Regionen, hatte nicht größer sein können. Und doch war man hier in letzter Zeit an Aufregendes schon gewöhnt; hatte doch Jungfer Margarethe, der Liebling der Küche, das Haus unter Umständen verlassen, welche der ehrenfesten Köchin den begreiflichen und verzeihlichen Ausdruck: Pfui Teufel! entlockt hatten – war doch Margarethe, die von hoffnungslosen Bewerbern gewöhnlich nur das »Freifräulein« genannt wurde, mit einem Menschen verschwunden, davongegangen, ausgewandert, den die Köchin, wie sie hoch und heilig versicherte, nie anders als mit einem Handschuhe bewaffnet zur Thür hinaus gejagt haben würde.

Und nun noch die Polizei im Hause!

Die Köchin saß neben ihrem Heerde, die Kaffeemühle auf dem Schooße, und sagte zu dem Hausknechte, der neben ihr stand: »Und nach allem dem wundere ich mich über gar nichts mehr, ja, wenn ich morgen früh ohne Kopf erwachte, ich würde es begreiflich finden!«

Am ruhigsten war bezeichnenderweise noch die Hauptperson dieser traurigen Geschichte, Ferdinand Welkermann selbst, welcher denn auch, nachdem der Polizeirath sich entfernt, seinem Vater achselzuckend gestanden, daß er allerdings auf heute Morgen eine Zusammenkunft mit Welden verabredet gehabt, und daß er eigentlich nicht begreife, warum sich die Polizei so vorsorglich in seine Angelegenheiten mische.

Dieses Warum aber wurde ihm am frühen Morgen schon klar gemacht, als nämlich sein eigener Zeuge, Herr Besenbach, mit Herrn von Miltau, dem Zeugen seines Gegners, auf seinem Zimmer erschien – Besuche anzunehmen, war ihm nämlich nicht verboten – und als hier der Lieutenant von Miltau nach einigem Achselzucken und einigen sehr unbedeutenden Weigerungen seine Erlebnisse von heute Morgen so weit berichtete, daß man aus seinen Äußerungen entnehmen konnte, selbst er, der Sekundant Weldens, habe die Überzeugung gewonnen, jener sei dem Vorhaben der Polizei nicht fremd gewesen und habe es nicht ungern gesehen, daß der Polizeirath Merkel, als Schwager des Oberbauraths Lievens von der Ehrensache in Kenntniß gesetzt – mehr sagte er allerdings nicht, – die Angelegenheit verhindert habe.

»Hole die Pest alle feigen Memmen!« citirte der kleine Besenbach mit einer Entrüstung, die etwas Komisches hatte, die man aber begreiflich fand, wenn man wußte, daß er einigen jungen Damen seiner Bekanntschaft von dem bevorstehenden Duell, und wie er das nicht nur arrangirt, sondern auch im Nothfalle für seinen Freund Welkermann eintreten würde, berichtet hatte. Er setzte hinzu, indem er mit der rechten Hand seinen langen, rothen Backenbart sorgfältig in die Höhe zog: »O, es ist etwas Empörendes um die Feigheit! Was wird nun weiter geschehen?«

»Das hängt nun alles davon ab, wie lange mich die Polizei in ihren Krallen hält, ob sie überhaupt ein Recht dazu hat, und diese Frage wird mein Alter heute Morgen mit unserem Rechtsfreunde erörtern – auch habe ich ihn zum Bankdirektor geschickt, der schon im Stande sein wird, mich zu reklamiren.«

»Übrigens macht sich so ein kleiner Hausarrest nicht übel,« meinte Besenbach, »besonders eines Duells wegen, das gibt Relief.«

»Und ist jedenfalls sehr anständig – Herr Welkermann, Sie stehen da wie ein Held gegenüber diesem prahlerischen Baubeflissenen – wie man sich in derlei Leuten täuschen kann, ich hätte diesen Welden für einen anständigen Kerl gehalten.«

»Ich fand immer an ihm etwas Lauerndes, etwas Unheimliches,« sagte Besenbach; »er gab sich immer so ein Air, als habe er ein Recht dazu, uns andere junge Leute von der Höhe seiner Tugend herab anzuschauen – meinst du nicht auch so, Ferdinand?«

»Nein, ich meine das nicht, gab dieser trocken zur Antwort; geliebt habe ich diesen Welden nie, aber ich hielt ihn für einen anständigen, ehrenhaften Kerl, und halte ihn auch jetzt noch dafür.«

»Ah bah,« rief der Lieutenant, »nach dem Wenigen, aber vollkommen Genügenden, das ich von dem Vielen mittheilen durfte, ohne . . .«

»Ich weiß nicht, was Sie noch mehr erzählen könnten, verlange auch nicht nach Ihrem Geheimniß, denn ich wittere darin eine Unterrocksgeschichte, und wollen wir davon nichts weiter aufdecken.«

»Das ist bei dir der reine Widerspruchsgeist, doch hoffe ich, du wirst mit diesem Welden auf keinerlei Art mehr anbinden.«

»Das hängt davon ab – für feige kann ich ihn nicht halten, denn sonst hätte er ja meine sehr weit gehenden Erklärungen annehmen können.«

»Die Sie ihm doch hoffentlich nicht wiederholen würden?«

»Schwerlich, wogegen mich aber durchaus nichts hindern könnte, ihm zu Diensten zu sein, sobald er mir beweist, daß er an diesem Auftreten der Polizei gegen mich unschuldig ist, und ich glaube, er ist es.«

»Du bist ein unverbesserlicher Kerl,« sagte der kleine Besenbach und setzte hinzu, indem er sich in die Brust warf: »Aber Eines bitte ich mir aus, daß keine Unterredung mit Welden über diese Angelegenheit stattfindet, ohne daß ich dabei bin!«

»Nein, nein,« gab Ferdinand Welkermann in einem etwas spöttischen Tone zur Antwort, »du sollst, wie immer, von Allem haben, sollst in dem Falle mit deinen kurzen Beinen die Entfernung abschreiten und Eins, Zwei, Drei zählen dürfen.«

Noch eine Zeit lang ging das Gespräch der drei jungen Leute, aber ohne weiteres Interesse für unsere Geschichte, fort, worauf sie sich trennten, und auf der Treppe sagte Besenbach zum Lieutenant von Miltau:

»Sehen Sie, so ist dieser unberechenbare Kerl, dieser Welkermann; da kommt eine Weibergeschichte in's Spiel – denn das ist doch so, wenn Sie es auch discreter Weise verschweigen, – und er begreift es, ja, er entschuldigt es am Ende, daß jener Welden schlecht an ihm handeln konnte.«

»Es ist überhaupt eine eigenthümliche Mischung in diesem guten Welkermann,« sagte der Lieutenant kopfschüttelnd.

»Ja, eine gute Mischung aus fast lauter vortrefflichen Eigenschaften; aber alles das ist gelähmt durch seine kolossale Gleichgültigkeit, mit der er in diesem Augenblicke bereit ist, das wegzuwerfen, was ihm soeben noch von höchstem Interesse erschien – ich muß mich wahrhaftig selbst bewundern, daß ich so lange im Stande war, in fester Freundschaft zu ihm zu halten.«

»Das macht die Anhänglichkeit, Besenbach,« lachte der Andere, »Sie ließen sich nicht so leicht abschütteln.«

»Das ist wahr, weil ich ihn trotz allem dem für einen guten, aufopferungsfähigen Kerl halte – wenn er nur nicht diese ungeheure Gleichgültigkeit gegen Alles hätte; gleichgültig bei allen seinen Vergnügungen, gleichgültig, wenn er ißt und trinkt, wenn er liebt oder wenn er das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft, und ich glaube, er würde sich ebenso wenig daraus machen, sein Leben wegzuwerfen, wenn er einen halbwegs vernünftigen Anlaß dazu findet – wie gesagt, ein sehr sonderbarer Kerl!«

Ferdinand war allein in seinem Zimmer zurückgeblieben und hatte mit einem kurzen Kopfnicken von Miltau und Besenbach Abschied genommen; dann war er einige Male im Zimmer auf- und abgegangen, die Hände in die Taschen seiner Beinkleider gesteckt, mit gespitztem Munde, als wolle er eine Melodie pfeifen, mit der Miene der Gleichgültigkeit. Doch flog zuweilen ein düsterer Schatten über sein Gesicht, welcher immer wieder zu kommen schien, obgleich er ihn durch Achselzucken oder Schütteln des Kopfes zu verjagen suchte.

»Und warum sollte es nicht so sein,« sprach er endlich zu sich selber, »wie jener langweilige Kerl, der Miltau, gesagt? Warum sollte die hohe Polizei aus zärtlicher Sorge für mich, sowie aus Verehrung für meinen Herrn Papa nicht diesen Riegel vorgeschoben haben? Gewiß, was könnte es auch anders sein? Meine Schulden sind in guten Händen und nicht so schreiender Art, daß man bei mir unter Zimmerarrest eine Vermögensuntersuchung anordnen würde – dummes Zeug! Und was könnte auch mein sehr ehrenwerther und liebenswürdiger Hauptgläubiger, der Freiherr von Rivola, für einen Grund haben, mich ein wenig zu compromittiren? – Weg damit! – Es ist doch sonderbar, daß gerade ich auf diese reiche Quelle stoßen mußte; er hätte ja auch einen Anderen finden können – doch wäre ein Anderer schwerlich im Stande gewesen, ihm die kleine, an sich unbedeutende Gefälligkeit zu leisten.«

In diesem Augenblicke zeigte sich wieder ein recht düsterer Schatten auf seinen Zügen, und er schien einige Minuten zu brauchen, um einen widerwärtigen Gedanken von sich abzuschütteln.

»Unbedeutende Gefälligkeiten waren es allerdings, schienen es wenigstens zu sein – doch warum wünschte Herr von Rivola nicht, daß ich den Umtausch seiner Papiere öffentlich als ein Geschäft wie jedes andere betrieb? Da läßt mich mein Gedächtniß im Stiche, und ich weiß nicht mehr genau, bat er mich um einen privaten Austausch, oder bot ich es ihm an – ich glaube, das Letztere; es war mir auf diese Art bequemer, hätte sonst mit den langweiligen Kerls auf der Bank Explikationen haben müssen, dachte auch nicht weiter daran, daß es vielleicht besser gewesen wäre, den Umtausch durch den Hauptkassirer bewerkstelligen zu lassen, bis – bis – an jenem Morgen, wo es einen tüchtigen Schlag in unser Comptoir that, als der Hauptkassirer mit einer längeren Nase, als er gewöhnlich hat, die beiden gleichen Nummern der Tausender-Banknoten schreckensbleich zu dem Bankdirektor hinauftrug. – Es hatte das allerdings etwas Unheimliches, so als wenn man von einem großen Diebstahle hört, der im eigenen Hause begangen worden ist, oder von einem Gespenste, das Jemand gesehen haben will – warum mir nur auch gerade heute diese Geschichten so lebendig einfallen? – Ah, weg damit!«

Doch schien es nicht so leicht für ihn zu sein, auf andere Gedanken zu kommen, denn gleich darauf lehnte er den Kopf gegen das Fenster, biß an seinen Nägeln herum und starrte finster vor sich nieder, um erst nach längerer Zeit wieder mit dem halblauten Ausrufe emporzufahren: »Der Teufel hole diese Selbstquälereien! Ich weiß es in der That selbst nicht genau, ob ich eine dieser verfluchten Nummern von Herrn von Rivola erhalten – und wenn auch – lächerliche Ideenverbindung; aus seinen Händen oder direkt aus dem Bureau der Notenfabrikation, das wäre in diesem Falle gleichbedeutend, denn so wenig dort falsche gemacht werden, ebenso wenig hat Herr von Rivola dergleichen wissentlich im Besitz – und wollte ich auch, natürlich mit seiner Genehmigung, es jetzt sagen, daß ich hier und da für ihn Noten eingewechselt, ich dürfte es nicht thun, ohne mich und auch ihn garstig bloßzustellen – pfui Teufel, lieber eine Kugel vor den Kopf, als in eine solche Geschichte hineinzukommen! »An Weldens Statt hätte ich nicht so gehandelt, das heißt, ich halte auch ihn nicht fähig dazu – daß zwischen ihm und der Oberbauräthin oder, besser noch gesagt, zwischen ihr und Welden ein kleines Verhältniß besteht, daran habe ich nie gezweifelt, und daß ein leidenschaftliches Weib, wie sie ist, ihren Bruder auch ohne Weldens Vorwissen dazu bestimmen konnte, ein so arges Verbrechen wie das Duell zu verhindern, ist sehr glaubwürdig, und darum habe ich das Vergnügen, hier einige Tage ausruhen zu dürfen – hole der Henker die ganze tolle Wirthschaft!« –

Unter dem Schlafzimmer Ferdinands waren die Wohnzimmer der Familie, und hier befand sich die Stadtschultheißin in viel aufgeregterer Stimmung, als ihr Herr Sohn; auch war die Gesellschaft, in der sie sich gerade befand, nicht darnach, ihre an sich schon so weit gehenden Besorgnisse zu zerstreuen.

Die Frau Haupt-Staatsschulden-Tilgungskassen-Revisorin hatte Alles erfahren durch eine befreundete Milchfrau, welche ihr die schlimme Nachricht so rasch wie möglich überbracht, und säumte nun nicht, sich in dem Trauerhause, wie sie es nannte, allsogleich einfinden, wobei sie ihren Eintritt in's Zimmer der Stadtschultheißin unter der Bemerkung hielt, daß dergleichen Entsetzliches in der Familie Welkermann bis jetzt noch niemals vorgekommen sei. – »Also ein Duell, Frau Schwägerin, ein wirkliches Duell, bei dem es blutig zugehen kann – so sagt man – und ist das gewiß die alleinige Ursache?«

»Ich meine, wir könnten an dieser Ursache vollkommen genug haben!« gab die betrübte Mutter mit einem tiefen Seufzer zur Antwort.

»Dasselbe sagte ich dem Revisor, als ich sein Kopfschütteln bei Erwähnung des Duells bemerkte, und als er hinzusetzte: ›Es sollte mich wundern, wenn ein Duell die alleinige Ursache wäre,‹ – daß man deinen Ferdinand, den Sohn des Stadtschultheißen, in's Gefängniß gebracht.«

»Aber wer hat dir denn etwas von einem Gefängnisse gesagt?«

»Wer? Nun, die Leute sagen es – ich habe es von drei, vier Bekannten nach einander gehört.«

»So früh am Morgen schon?«

»Allerdings, aber, unter uns gesagt, geahnt hat man schon längst dergleichen – ich darf nur Niemanden nennen, sonst könnte ich dir Namen von Gewicht beibringen, Leute, die schon lange darüber einig waren, daß es mit deinem Sohne Ferdinand ein solches Ende nehmen würde.«

Die arme Frau saß da wie ein Bild des Jammers, den Kopf tief hinabgebeugt, die Hände in ihrem Schooße gefaltet, und wenn sie auch genau bekannt war mit der spitzen Zunge ihrer lieben Schwägerin, sowie mit deren boshafter Art, selbst die harmloseste Geschichte als höchst bedeutend erscheinen zu lassen, wenn es so in ihren Kram taugte, so lag doch jetzt ein so schweres Faktum vor, das schon zu allerlei Vermuthungen Raum geben konnte; die Polizei war in ihrem Hause gewesen, hatte ihrem und des Stadtschultheißen Sohne Zimmerhaft auferlegt – ihrem Sohne, dem Sohne einer geborenen von der Eschenbach, von altem reichsstädtischem Adel, dessen Mitglieder heute noch in der ehmaligen freien Reichsstadt von der Bürgerschaft mit einer Ehrfurcht begrüßt wurden, wie man sie hier in der Residenzstadt kaum vor Sr. Majestät dem Könige sehen ließ.

Der Stadtschultheiß hatte sich allerdings nicht so viel aus dieser Geschichte seines Herrn Sohnes gemacht; er hatte achselzuckend von leichtsinnigen Leuten im Allgemeinen und unverantwortlich leichtsinnigen Leuten im Speciellen gesprochen, hatte freilich gemeint, eine solche Begegnung hätte Ferdinand wohl vermeiden können, da es aber einmal so weit gediehen sei, so – und wenn sich die Polizei nicht hinein gemischt hätte, wäre es – man ist deßhalb nicht gerade verloren, wenn man auf die Mensur geht, sonst wäre ich selbst – worauf er in Erinnerung an seine eigenen Jugendthorheiten mit seinem Spazierstocke in der Luft eine Quarte gehauen und das Zimmer verlassen hatte.

»Ja, es war vorauszusehen, daß es so kommen würde,« meinte die Revisorin nach einer langen, langen Pause, in welcher sie sich bemüht hatte, durch Achselzucken und Seufzen, durch Kopfschütteln und wahrhaft kummervolle Blicke der armen Stadtschultheißin das Herz noch schwerer zu machen.

»Und ich, die Mutter, hatte so gar keine Ahnung von allem dem!«

»Ja, ja, das glaube ich; wer wird dir auch so etwas sagen, wer wird dir mit etwas kommen, was der ganzen Stadt schon längst kein Geheimniß mehr war?«

»Und was ich jetzt noch nicht verstehe!«

»Begreiflich, man sagt dir nur von einem Duell mit Herrn Welden.«

»Nur – ja, um Gottes willen, was ist denn sonst noch zu sagen? Was ist das, was der Stadt schon längst kein Geheimniß war?«

»Laß mich lieber darüber schweigen – ich bin ja nur gekommen, um dir etwas Tröstliches zu sagen, und nicht, um deinen Kummer zu vermehren.«

»Aber was du mir da sagst, dient gewiß nicht zu meiner Beruhigung, im Gegentheil, ich fühle aus deinen Worten heraus, daß ich noch viel Schlimmeres erfahren soll – nun, wie Gott will – ich werde auch mit diesem bitteren Tranke zu Ende kommen – was ist es denn eigentlich?«

»Nein, nein, es ist besser, ich rede nicht darüber – weißt du, Thatsachen kann und will ich dir nicht mittheilen, und das Ganze ist ein etwas düsteres Geheimniß, womit sich die Stadt schon seit einiger Zeit beschäftigt.«

»Ein düsteres Geheimniß, das meinen Sohn betrifft? – Und ich weiß nichts davon!«

»Deinen Sohn und – doch es ist besser, wir reden nicht darüber.«

»Doch, doch, ich will wissen, was du auf dem Herzen hast – meinen Sohn und – –? Also auch noch jemand Anderes aus meinem Hause soll in ein Geheimniß verwickelt sein, welches der Stadt düster vorkommt?«

»Dringe nicht in mich – du weißt, wie ungern ich mich mit Klatschereien abgebe.«

Obgleich nun die gute Stadtschultheißin sehr vom Gegentheile des eben Gesagten überzeugt war und sie wahrscheinlich in jeder anderen, ruhigeren Stimmung über Ähnliches, was ihre gute Schwägerin gesagt hatte, lächelnd hinweggegangen sein würde, so ließ das ihre jetzige Aufregung nicht zu, und als sie endlich fest und bestimmt erklärt hatte, sie wolle wissen, was das für ein Stadtgeheimniß sei, so sagte die Andere mit einer Bewegung ihrer dürren Finger, als wolle sie ausdrücken, sie wasche ihre Hände in Unschuld:

»Es sind, wie schon vorhin gesagt, keine Thatsachen, die ich dir mittheilen kann, aber es treffen ganz eigenthümliche Dinge zusammen, um manches, was dein Mann gethan, in einem sonderbaren Lichte erscheinen zu lassen, wie es denn auch in der Stadt höchst sonderbar angesehen wird.«

Und nun erzählte sie in einem sehr wohlwollenden Tone, mit häufigen Unterbrechungen, daß sie für ihre Person das allerdings sehr lächerlich fände, von den bekannten Bemühungen des Stadtschultheißen, den im Rathhauskeller mündenden unterirdischen Gang dort vermauern zu lassen, – eine Sache, von welcher die Stadtschultheißin allerdings gehört, um welche sie sich aber als unbedeutend nicht bekümmert hatte.

»Dieser unterirdische Gang,« fuhr die Andere fort, »verband das kleine Haus des Herrn von Rivola eben so genau mit dem Rathhause, als dein Mann selbst mit dieser Persönlichkeit eng verbunden war – was der Grund dieser Verbindung sei, wußte Niemand anzugeben.«

»O ja, ich weiß es; mein Mann erzeigte Herrn von Rivola Gefälligkeiten, für welche dieser ihm Dankbarkeit schuldig war.«

»Möglich, daß sie sich gegenseitig Gefälligkeiten erzeigten,« fuhr die Revisorin in trockenem Tone fort; »aber man verwunderte sich trotzdem über diese dicke Freundschaft und begriff nicht, wie der Stadtschultheiß auf einmal auf den Gedanken kam, jene so lange bestandene und gewiß häufig benutzte Verbindung zwischen dem Rathhause und dem alten Thurme zu unterbrechen. Was in jenem alten Thurme seit langen Jahren alles getrieben worden ist, bin ich natürlicher Weise nicht im Stande, genau anzugeben; aber man soll da eigenthümlich eingerichtete Zimmer gefunden haben, furchtbare, unerklärliche Maschinen, Kellergewölbe mit Fallthüren – ja, böse Zungen, auf die ich übrigens nichts gebe, sprechen von einem förmlichen Gefängniß mit Ketten und Banden, das dort tief unter dem Boden existiren soll. Wahr und erwiesen dagegen ist es, daß man in dem unterirdischen Gange geschmolzenes Blei in höchst verdächtiger Form gefunden hat, welches man mit dem räthselhaft schnellen Tode einer Person in dem kleinen Hause neben dem alten Thurme in Verbindung bringen will.«

Die Stadtschultheißin hatte bis hieher mit weit aufgerissenen, starren Augen zugehört; dann aber flog ein, allerdings trübes Lächeln über ihre Züge, während sie sagte: »Geh' doch, du erzählst mir Märchen, um mich zu zerstreuen.«

»Wollte Gott, es könnte dich zerstreuen! Doch was du Märchen nennst, wird sehr bald in greifbaren Figuren vor dich hintreten – daß in dem alten Hause neulich eine Person rasch und unverhofft gestorben, hast du gewiß ebenfalls erfahren?«

»Ja, es war die Frau eines alten Dieners des Herrn von Rivola.«

»So sagt man.«

»Eine Frau, welche an einer schweren Krankheit lange, lange darniederlag.«

Die Revisorin zuckte mitleidig lächelnd die Achseln. »Man sagt allerdings so, aber Niemand hat diese arme Person je gesehen – war sie die Frau des sogenannten Dieners Friedrich, war sie eine andere Unglückliche? – kurz, der Doctor, der allerdings zu spät gerufen wurde und die Ärmste nur in einem halbdunkeln Zimmer gesehen hat, soll nur mit Kopfschütteln und Achselzucken davon sprechen.«

»Aber was willst du mit allem dem?« rief jetzt die Stadtschultheißin in einem erschreckten Tone. »Du sagst da Dinge, die Einen schaudern lassen, aus einem Hause, mit welchen mein Mann in einer geheimnißvollen Verbindung stehen soll!«

»Die Verbindung ist nicht zu läugnen, sonst will ich durchaus nichts gesagt haben,« antwortete die Revisorin in einem spitzigen Tone; »aber es gibt Leute, die mit sehenden Augen blind sind und die doch keinen Glauben haben, wenn man ihnen Thatsachen an die Hand gibt.«

»Aber du gibst mir keine Thatsachen!«

»Weil du mich in Einem fort unterbrichst. Daß das Haus am alten Thurme ein höchst verdächtiges ist, wirst du nach allem dem doch nicht mehr bezweifeln, und daß dein Mann Ursache haben mußte, jetzt mit Einem Male den unterirdischen Gang, der dahin führt, abzusperren – du lieber Himmel, weiter sage ich ja nichts, und das sind doch Dinge, die ziemlich klar sehen lassen; willst du aber noch von näheren Verbindungen zwischen dem alten Hause und den Deinigen wissen, so brauche ich dir nur jenes hoffärtige Ding, die Margarethe, in Erinnerung zu bringen, welche mit einem höchst verdächtigen Menschen, wie du weißt, so gut wie durchgegangen ist. Dieser Mensch aber wurde fast täglich im alten Hause des Herrn von Rivola gesehen, ja, häufig im Verkehr mit dem ehrenwerthen Freiherrn selbst so wie auch mit deinem Herrn Sohne, und eben so wahr als es ist, daß dem Herr Sohn das Geld zur Reise deines schönen Stubenmädchens und jenes Herrn Steffler hergegeben, eben so wahr ist es auch, daß dein Mann, der Herr Stadtschultheiß selbst, die nöthigen Papiere für Margarethe besorgte und nicht minder einen Reisepaß für jenen schlechten Kerl, den Steffler, den, wenn er nicht gestern bei Nacht und Nebel durchgegangen wäre, die Polizei gerade so gut erwischt hätte, wie deinen Herrn Sohn – so, und wenn du jetzt nach allem dem noch nicht klar sehen willst, dann bist du in der That noch mehr zu bedauern.«

Die Stadtschultheißin war unter einem krampfhaften Zittern rasch aufgestanden und hatte sich von ihrer Schwägerin abgewandt, während sie ihr Taschentuch mit beiden Händen vor die Augen drückte und heftig zu weinen anfing, wobei jene sie mit einem boshaften Lächeln und einem schadenfrohen Aufleuchten ihrer scharfen, grauen Augen betrachtete; dann warf die Revisorin einen zufriedenen Blick auf die elegante, reiche Zimmereinrichtung und dachte bei sich: »Nun, es wäre ja keine Gerechtigkeit, wenn zu all dem Glanze und zu all der Herrlichkeit dieses Hauses nicht auch ein Schatten beigemischt würde!« Doch kam nichts dergleichen über ihre Lippen, vielmehr erhob sie sich, tief aufseufzend, indem sie sagte:

»Ich habe es für meine Schuldigkeit gehalten, dir das zu sagen, doch glaube mir, ich habe noch sehr Vieles verschwiegen, und wenn ich dich jetzt verlasse, so spreche ich dabei die Hoffnung aus, daß sich Manches noch zum Guten aufklären möge.«

Frau Welkermann vermochte ihr nicht zu antworten, sondern nickte nur mit dem Kopfe, ohne sich nach der Revisorin umzuschauen, die denn auch Miene machte, mit einem gemüthlichen Lächeln und der steifen, aufrechten Haltung ihres Körpers das Zimmer zu verlassen; doch wurde sie unter der Thür desselben noch für eine kurze Weile aufgehalten, da diese sich öffnete und Lucy von Rivola an der Seite ihrer Freundin Elise eintrat, deren Hand sie fest in der ihrigen hielt und welche sie, ohne der Revisorin große Beachtung zu schenken, rasch zu Frau Welkermann hinzog.

»Ach, meine liebe Frau Stadtschultheiß,« sagte das junge Mädchen, »verzeihen Sie mir, daß ich schon so früh komme! Aber ich mußte meiner guten Elise aus vollem, treuem Herzen meinen Schmerz über den traurigen Vorfall bezeigen; auch mein Vater würde mitgekommen sein, doch hielt er es für passender, sich später nach Ihrem Befinden zu erkundigen.«

»Sie sind ein gutes, liebes Kind, und ich danke Ihnen herzlich für Ihre Theilnahme!« gab Elisens Mutter zur Antwort, indem sie Lucy auf die Stirn küßte, wie sie es gewöhnlich zu thun pflegte.

Die Revisorin war noch einen Augenblick an der Thür stehen geblieben und verließ erst dann das Zimmer, nachdem sie durch Lucy's Worte erfahren, daß diese schon um das Unangenehme wußte, welches sich hier im Hause ereignet. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte sie da bleiben müssen, um den Vorfall zur Kenntniß des Fräuleins zu bringen.

»Aber das sind ja ganz traurige Geschichten!« sagte Lucy mit bekümmerter Miene.

»Und breiten sich rascher aus, als gute Nachrichten,« meinte Elise – »es ist das so der Lauf der Welt.«

»Ich begleitete meinen Vater nach der Stadt und blieb im Wagen sitzen, da Papa auf dem Rathhause etwas zu thun hatte – ich glaube, der Herr Stadtschultheiß hat ihm von dem Vorgefallenen Mittheilung gemacht, oder auch vielleicht ein Bekannter des Herrn Ferdinand, der Lieutenant von Miltau, den Papa anrief, als er vorübergehen wollte, und mit dem er sich eine Zeit lang angelegentlich unterhielt; dann sagte er mir, ich solle hieher fahren, während er seine übrigen Geschäfte besorge. Es hat Papa recht bestürzt gemacht, er nimmt den allergrößten Antheil, und ich selbst, Elise, ach, ich zittere noch, wenn ich daran denke, daß ein Duell hätte stattfinden können!«

»Auch ich, Lucy, und da ist es immer noch besser, daß es kam, wie es gekommen ist; man muß von zwei Übeln das kleinste wählen – aber setze dich doch, Lucy!«

»Einen Augenblick, recht gern, Elise – ich muß Papa später am Schlosse abholen. – Und das Duell hat mit Herrn Welden stattfinden sollen? – Wie das schrecklich ist! – Herr Ferdinand soll ziemlich schuldlos bei dieser Geschichte sein, glaubte ich aus den Worten meines Vaters zu entnehmen, der mit dem Betragen des Herrn Welden nicht zufrieden scheint – ist's nicht so?«

»Es ist doch wohl möglich,« antwortete die Stadtschultheißin kopfnickend, doch mehr für sich selber, als in Entgegnung auf die Frage des Fräuleins.

Elise aber sagte, während die Röthe des Zornes über ihre jetzt so bleichen Züge flog und sich ihre Lippen ein klein wenig öffneten: »Die Wahrheit vor Allem: ich bin fest überzeugt, daß die Schuld an Ferdinand liegt – wie der Anfang, so das Ende, wenn man Wind säet, muß man sich nicht wundern, wenn Sturm aufgeht!«

Die Stadtschultheißin warf einen bittenden Blick auf ihre Tochter, worauf diese aber muthig, ja finster fortfuhr:

»Und warum soll ich das nicht sagen? Es wird Leute genug geben in dieser schlechten Welt, die meinem Herrn Bruder nicht die Spur eines Unrechts vorwerfen werden, weil er der Sohn des Stadtschultheißen ist, und die den Anderen verdammen, dem keine gewichtigen Verbindungen und keine große Familie zur Seite stehen – deßhalb schmerzt es mich auch, Lucy, wenn dein Vater in der That das Unrecht auf Seiten Welden's sehen wollte.«

Frau Welkermann hatte sich seufzend erhoben, als Elise so sprach, war dann langsam an ihren Schreibtisch getreten und dann unvermerkt aus dem Zimmer gegangen, wohl um das Gespräch der beiden Mädchen nicht zu stören, vielleicht aber auch, weil sie den bitteren Bemerkungen ihrer Tochter nichts entgegenzusetzen vermochte.

»Wie es mich freut, liebe Elise, daß du so über Herrn Welden sprichst,« sagte Lucy in innigem Tone – »ich weiß, du kannst ihn gut leiden und würdest nichts Schlimmes über ihn sagen!«

»Doch nur, weil das nach meiner Ansicht die Unwahrheit wäre; Recht muß Recht bleiben, wenn wir auch darunter zu leiden haben, und ich habe schon viel gelitten unter dem Unrecht, das mir mein Bruder Ferdinand angethan.«

»Übertreibst du nicht, Elise?« fragte Lucy mit einem freudigen Aufleuchten ihrer Blicke. »Was hat denn Ferdinand so Unrechtes gethan?«

»Ich kann das nicht sagen, da du Manches doch nicht verstehen würdest; aber er hat den Eltern und auch mir dieses Herzeleid zugefügt.«

»Also hältst du auch Herrn Welden in dieser Angelegenheit nicht für schuldig?«

»Gewiß nicht – Herr Welden ist für mich das Ideal eines jungen Mannes!«

»Wie mich das freut, weil Papa so ganz anders gesprochen hat!«

»Seit wann denn?«

»Heute Morgen, nachdem er die Nachricht über den Vorfall in eurem Hause erhalten. Vor einigen Tagen war Herr Welden längere Zeit bei uns, und mein Vater war mit ihm so gut und lieb, wie er es nur mit seinen vertrauten Freunden ist und wie es Herr Welden auch verdient.«

»Und was sagt er jetzt über ihn?«

»Ich hörte wohl seine Worte, aber ich verstand sie nicht genau; er sagte: ›Wie ich mich in diesem Welden getäuscht habe – wie schlecht von ihm, so wenig sein Wort zu halten!‹ – Er sprach das allerdings mehr zu sich selber, als zu mir, doch deutlich genug, daß ich es verstehen konnte – ach, liebe Elise, und ich erschrack über das, was er sagte; es wäre eine Schande, so schlecht und feige zu sein! Und damit meinte er niemand Anders, als Herrn Welden.«

»Beruhige dich, mein Herz, du wirst das mißverstanden haben; so schlecht und so feige, das paßt nicht auf Welden.«

»Aber auf deinen Bruder auch nicht, und Einen von diesen Beiden meinte er doch ganz gewiß.«

»Feige – nein, das paßt allerdings nicht auf meinen Bruder; feige ist er nicht, aber – doch laß es gut sein, Kind,« unterbrach sie sich selber, »wozu über Sachen nachgrübeln, die entweder Räthsel für uns bleiben sollen oder sich von selbst auflösen? Hier glaube ich das Letztere; es ist noch manches Unklare in dieser Geschichte, vor dem ich allerdings zittere, daß es sich auflöse – doch wie Gott will, wir werden auch darüber hinwegkommen!«

»Du gewiß, Elise, mit deinem ruhigen Gemüthe, mit der Vernunft und Klugheit, die du stets zu Rathe ziehst – wie ich alles das an dir bewundere, vor Allem die Ruhe, mit der du dem Kommenden entgegensiehst – ich kann das nicht, ja leider kann ich es nicht!«

Bei diesen letzten Worten hatte Lucy ihren Arm um den Hals der Freundin geschlungen und ihren Kopf an die Brust Elisens gelegt, über deren Zügen sich jetzt ein wohlwollendes, aber etwas trübes Lächeln zeigte.

»Närrchen,« sagte sie schmeichelnd, »ich begreife es wohl, daß du allem Kommenden mit großer Ungeduld entgegenblickst, weicht doch in deinem glücklichen Leben das Schöne immer dem Schöneren.«

»Nicht so ganz, Elise, nicht so ganz; ich blicke seit Kurzem oft recht traurig, ja, recht schmerzlich in die Zukunft!«

»Du? – Ah, das ist etwas Neues! Hast du vielleicht einen Wunsch in deinem kleinen Herzen, der sich nicht so leicht erfüllen läßt? Möchtest du eine andere kleine Equipage haben, oder eine neue Kammerjungfer, oder deine Brillanten anders gefaßt?«

»Du spottest über mich, Elise – es ist viel Wichtigeres, was mich beschäftigt.«

»Wenn ich dir einen guten Rath geben kann oder wenn du meine Ansicht hören willst, so sage mir, was dich bekümmert.«

»Es hat sich mir noch nicht ganz bestimmt gezeigt, es huschte nur einige Male wie hinter trüben Schleiern schattenhaft an mir vorüber.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Du kennst doch meinen Vetter Eugen Hartenstein?«

»Den Husarenoffizier? Der kann doch nicht schattenhaft für dich sein – nicht einmal räthselhaft.«

»Er nicht, aber einige Worte, die meine Mutter neulich mit meinem Vater über ihn in Beziehung auf mich sprach.«

»Ah, nun glaube ich dich zu verstehen!«

»Und ist das nicht schrecklich, Elise?«

»Ganz und gar nicht – ich würde das für eine recht passende Verbindung halten.«

»Aber ich liebe meinen Vetter Eugen Hartenstein durchaus nicht!«

»Das wäre schon etwas, um nicht ganz heiter in die Zukunft zu blicken – aber, meine liebe Lucy, wenn . . .«

»Aber, meine gute, gute Elise, sprich es doch aus, was du sagen wolltest!«

»Wenn du vielleicht jemand Anders liebtest, dann allerdings . . .«

»Dann gibst du es zu, daß ich eine Ursache hätte, traurig, kummervoll in die Zukunft zu blicken?« sagte Lucy von Rivola, während sie ihren Kopf rasch erhob und ihr von einer tiefen Röthe bestrahltes Gesicht an die kühle Wange ihrer Freundin drückte und hierauf in leidenschaftlicher Erregung fortfuhr: »Nun denn, warum soll ich es läugnen? Ja, ich liebe – o, so sehr, so sehr – ja, ich liebe ihn!«

»Welden . . .?«

»Das habe ich dir ja noch nicht gesagt.«

»Aber ich wußte es, mein armes Herz, ich, deine treue Freundin, die wie Niemand in deinem offenen, ehrlichen Auge zu lesen versteht – weißt du aber auch, meine liebe Lucy, daß das eine recht traurige Liebe ist?«

»Ich habe es mir zuweilen gesagt, aber es selbst nicht geglaubt, bis mein Vater heute Morgen so über Welden sprach – o, das hat mich namenlos unglücklich gemacht – ja, ich liebte ihn absichtslos, ohne irgend eine Hoffnung – wie sollte ich auch dazu kommen, etwas von seinem Herzen zu erwarten, von ihm, der das kleine, unbedeutende Mädchen nur so gleichgültig wohlwollend betrachtet, der kaum einen Blick für mich hat, wenn ich, ihn anschauend, oft nur mühsam meine Thränen zurückhalten kann – weißt du wohl, Elise, daß ich recht sehr unglücklich bin, daß ich es fühle, ohne genau zu wissen, warum, wie sich meine Zukunft finster umzieht?«

»Närrchen, du kannst und wirst noch glücklich werden!«

»Glücklich nicht, vielleicht ruhig und zufrieden, wenn ein großes Unglück, das mir bevorsteht, vorübergegangen sein wird, ohne zu viel an meinem Herzen zerstört zu haben!«

»An deinem achtzehnjährigen Herzen – es wäre das allerdings ein großes Unglück, wenn dieses kleine Herz nicht zu vernünftig wäre, um sich einer so hoffnungslosen Liebe wegen tief zu betrüben!«

»Du spottest meiner, Elise, und doch fühle ich tiefer, als du nur denkst!«

»Ich weiß das – ich möchte dich erheitern, obgleich ich selber nicht heiter bin – ach, wie sehne ich mich nach der schönen Zeit des Frühlings, und möchte dann mit dir hinausziehen, wie damals, durch Feld und Wald, aber gänzlich frei und unabhängig, fort aus diesen Mauern, fort von diesen Menschen!«

»Ja, ja,« sagte Lucy, träumerisch mit dem Kopfe nickend, »weit, weit fort von hier – und weißt du auch, wohin? O, ich vergesse es nie, wie du es mir damals als ein seliges Glück schildertest, abgeschlossen von der ganzen Welt mit gleichgestimmten Seelen leben zu können – weißt du es wohl noch, Elise, wie wir uns ein kleines Gärtchen und eine kleine Zelle ausmalten, in der wir glücklich sein wollten, oder denkst du nicht mehr so?«

»Gewiß denke ich noch so, mein liebes Herz – aber du? – Gib Acht, wie bald für dich die Sonne wieder glänzend scheint und alle finsteren Schatten verschwinden läßt!«

»Aber wenn dem nicht so ist, wenn ein Unglück, das mir droht, obgleich ich selbst nicht weiß, woher, über mich hereinbrechen sollte, ein wirklich schweres Unglück, dann, Elise, würdest du mich vielleicht doch mit dir nehmen, wenn du einmal entschlossen bist, diese böse Welt zu verlassen?«

»Dann, ja, dann! Mit wem wäre ich lieber auf immer vereint, als mit dir?!«

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