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Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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So war ein lustiges Leben in der alten Burg eingezogen, sie tanzte des Abends, sie sang dem Hochgrafen Lieder, lachte und machte Sprünge und – der Graf vergaß seine Maschine. Die Pagen liefen in allen Gängen und Plätzen umher, alles mit munterm Geschrei erfüllend. Gegen Abend wohl des dritten Tags stand die kleine tolle Gräfin an der Seite des Grafen vor dem großen Fenster und schaute in den Himmel, der mit sanftem Rosenrot glühete über den Bergen mit dunklen Tannenwäldern. Ihr kleines Herz schlug höher, und die zärtliche Hand lag auf des Grafen Arm; die Pagen spielten im Hintergrund mit den japanischen Merkwürdigkeiten Ball, eine röthliche Dämmerung erhellte alle, nur einige hatten sich in eine der dunklen Wandtiefen gesetzt und plauderten leise. Da auf einmal öffnete sich die Tür, Gritta steckte den Kopf herein, wollte etwas sagen, wurde aber gleich verdrängt. Ein kleiner dicker Herr, mit weißer Perücke, aufgepudert, mit stolzem Vorbau, stand schweißtriefend, wie vom Donner gerührt da, als er in die wilde Wirtschaft des Zimmers sah. – »Ziemt sich das?« – preßte er heraus, noch außer Atem. »Kaum läßt man Sie allein mit dem Gebot, recht artig zu sein, ja kaum läßt man Sie allein, so laufen Sie davon. Eine Gräfin vom altadeligen Geschlecht der Rattenwege davon. –-« Er mußte einen Augenblick verschnaufen. Die Pagen stellten sich ängstlich in eine Reihe hinter ihre Herrin auf, die den Mann auf seinen Bauch ansah, als könne sie sehen, was er heute gespeist. – Zürnend fuhr er fort. »Ich, Ihr Vormund, von der wohlweisen Ratsversammlung zu Prag dazu eingesetzt! – Ich! – Ich finde Sie nicht zu Hause auf dem Schloß und den Verwalter muß ich fragen! Ich! – Wo ist das Fräulein? Alle sagen, sie ist seit zwei Tagen fort, fort, fort!« – Er stampfte bei jedem »Fort« heftig auf den Boden. –- »Es waren schon Boten nachgeschickt, die aber bloß mit Nachrichten zurück kamen, was wir zu bezahlen hatten wo Sie durch die Saatfelder geritten, bis ein – ja, ein Bauer die Botschaft brachte, er habe Sie hier gesehen, – und bei einem Feinde Ihres Geschlechtes, Ihrer Familie!« »Kommen Sie einmal mit, Herr Vormund«, sagte sie, indem sie ihn zwischen den erschrocknen Pagen durch neben an in eine alte Rüstkammer führte. – Bald darauf ertönte das heftige »Ich will« ihrer Stimme und des Vormunds Geschrei: »Sind Sie toll?« – Alles stand gespannt! – Erzürnt zog nach einer Weile der Vormund sie ins Zimmer. »Und ich will und ich will den Grafen heiraten, und wenn Sie auch nicht wollen, so ist mir's einerlei!« – Der Graf faßte verlegen an seine Nase; ihr kleiner Mund erstickte fast vor »Ich will!« – »Aber Sie sollen jetzt mit«, sagte der dicke Herr. – »Ja, jetzt, aber ich komme wieder, wenn ich mit den zwei andern Vormündern gesprochen habe, und wenn sie nicht wollen, so laufe ich davon.« Sie warf noch dem Grafen einen listigen Blick zu, dann bot ihr der Vormund den Arm und geleitete sie die Treppe hinunter, wobei sie mit zornigem Herabtrippeln mehrere Male den kleinen Herrn zum Stolpern brachte – »Aber bedenken Sie doch, meine Liebe, die Sie den Schönsten bekommen könnten, mit einem so schönen Schnurrbart, und so vielen Goldstücken in der Tasche, denken Sie doch, Kind, so ein Zuckermännchen! –« sagte er fast weinerlich. – »O was! Den kann ich mir von Zucker backen lassen. Ich will den Grafen.« Die Pagen folgten, der Zug ging den Berg hinab. Der Graf stand allein in seinem Saal; es kamen ihm wunderliche Gedanken von einer Maschine, womit man Vormünder durchprügeln konnte. Die kleine Gritta trat ein, die Sonne ging langsam unter, – leise das Zimmer färbend, – rötlich über die kühlen dunklen Berge hinabsinkend. – Sie kam zum Vater und legte zum ersten Mal ihr Haupt an sein Herz. – »Wo ist meine Maschine?« fragte er. – »Dort steht sie!« – »Rücke sie heran!« Sie zog sie herbei. »Die Pagen haben den kleinen Mops so viel darauf springen lassen; wenn sie nur nicht verdorben ist!« sagte Gritta. Der Graf holte sein Werkzeug und setzte sich an die Arbeit; bald hammerte und raspelte und rumpelte es wie früher im alten Schloß, und der Graf summte ein altes arabisches Lied von der Herrlichkeit des Paradieses. »Die wilde Gräfin wird wohl nie wieder kommen?« fragte Gritta den alten Müffert. »Nein, die Vormünder lassen die wohl so leicht nicht wieder fort«, sagte er. – So verstrich von da an die Zeit ruhig. Gritta ging so früh wie die Hühner zu Bett in ihr Ecktürmchen, das naseweis aus der alten Ruine hervorstand und weit in den Gau hinaussah, als das einzig erhaltene; und sie stand eben so früh, wie die Sonnenstrahlen das Türmchen begrüßten, wieder auf. – Und nach vierzehn Tagen, – da war alles vergessen.

Gritta und Müffert saßen eines Abends in der Küche, die ein kleines rußiges Gewölbe war. Ein Feuer brannte auf dem Herd, vier große Töpfe kochten, und die weißen Nebelwolken vermischten sich mit dem schwarzen Rauch, zogen hinauf und flogen mit ihm davon. Es war heut zum ersten Mal nach langer Zeit stürmisch, der Wind trieb manchmal den Rauch wieder hinab. Die kleine Gritta saß neben den Töpfen auf dem Herd. Sie schien an etwas zu denken, was sie ängstigte, denn sie sah von Zeit zu Zeit zu Müffert auf, der in Gedanken vertieft vor einer Speckseite stand, die im Schornstein neben einem paar nachbarlichen Würsten an einem Bindfaden bammelte; er schien sich zu besinnen, ob er sie anschneiden solle, denn das säbelförmige Messer guckte zwischen seinem Zeigefinger und seinem breiten Daumen wie ein angerufener Ratgeber hervor, mit einem entsetzlich begierigen Gesicht, in dem sich das Feuer spiegelte. – »Ach, Müffert«, hob Gritta an, »glaubst du wohl, daß der Vater noch an die Birkenrute denkt? Glaubst du wohl, daß noch Birkenreiser draußen am Birkenbaum sind?« – »Nein, Kind, ich glaube, der wird vertrocknen; das hat einmal seine sonderbare Bewandtnis mit dem Baume gehabt.« – »Ach, erzähle!« bat Gritta. – Müffert machte das Messer zu, und Gritta sah mit Vergnügen, wie ihre lieben blonden Würstchen heute noch vergnügt hängen blieben; er setzte sich auf den Herd neben sie, und Gritta schaute, während er erzählte, in die weißen Wolken der Töpfe, wie sie mit den schwarzen Rauchmassen davon wirbelten, in denen sich, was in der Geschichte vorkam, ihr bildete.

»Dein Ururururgroßvater hatte seine Kinder gar artig erzogen, bis er Graf wurde; da bekam er aber noch ein Mägdlein und meinte, weil er Graf geworden, dürfe eine kleine Gräfin doch nicht mehr die Rute kosten; so wurden denn die Rutenbäume hier um des Herrn Grafen Schloß gar nicht mehr gepflegt; die kleine Gräfin wuchs auf in aller Unart. Der Graf wußte kein Mittel, sie zu strafen, das nicht das Gräfliche in ihr verletzte. Er kannte noch nicht den Spruch, der jetzt in mehreren Familien gang und gäbe ist: »Heute kriegst du nichts zu essen!« – und dachte, es werde immer bei den kleinen Unarten bleiben. Aber das war Irrtum; sie entwuchs der Rutenzeit, ward wild, lief in den Wald, blieb Nächte lang aus, kam des Morgens mit wilden Dornenranken, Moos und Nachttau in den fliegenden Haaren stolz nach Haus. In der Frühsonne regte sich besonders ihre Lustigkeit, wenn sie den betauten Gräserfußpfad hinauflief, ihren stolzen Gliederbau dem Himmel entgegen hob und Frühluft trank, dann sang sie die im Walde selbst erfundenen Weisen. So kam sie eines Morgens auch mit einem jungen Bären bepackt, der sie im Walde angefallen und den sie mit ihren festen und starken Gliedern erwürgt, gerade als ihr Herr Papa mit einem jungen Manne sprach, den er ihr zum Bräutigam erwählt. Der Bär mit seinem dunklen Fell hing ihr über die weiße Schulter, und das Blut tröpfelte aus einer Wunde, die seine Tatze ihr geschlagen. Ihre Stimme, die wie die des Windes war, der um die Burg des Nachts sang, erschallte; der junge Graf mit seinem blassen Angesicht und schwarzen Bart schaute sie freundlich an. Sie hatte fast einen kalten Blick, weil alles Feuer ihrer Augen sich tief in sie zurückgedrängt hatte. Aber, meldet die Sage, als sie ihn angeschaut, brach es aus, das Feuer ihres Herzens, ihrer Seele; darum auch, meldet sie ferner, daß sie das Fräulein vom Feuerauge hieß. Jetzt liebte sie den Grafen mit Leidenschaft; sie war nicht seine Braut, das durfte man nicht sagen, sie war sein Geselle, – aber das konnte ihrem Herrn Papa keine Freude machen. Fröhlich eilten sie nebeneinander mit Wurfgeschossen über die Berge und durch Schluchten und auf moosigen Pfaden unter Gebüschen hinweg. Die rauschenden Waldeslüfte strömten ihnen voran, dem Wilde nach; sie sangen zusammen; studierte er, wozu er besondere Neigung hatte, so lernte sie mit ihm. Bis spät in die Nacht saßen sie oft vor den alten Folianten, die Arme in einander verschlungen, eins dem andern helfend. – Ach, der gute, alte Vater wußte gar nicht, wie er sich dabei anstellen solle; er hatte Sorge, daß dies einer jungen Hochgräfin böse Nachrede machen werde; auch bekümmerte ihn das sehr, daß sie so tief in frühere Zeiten sich bewanderten, wo die Welt noch auf der linken Seite mochte gelegen haben. Dies verdroß den Grafen sehr; er mochte nun einmal durchaus nicht leiden, daß sie in den alten Büchern herumsuchten, aus denen die Staubwolken beim Umwenden der Blätter aufstiegen und die alten Bilder mit grinsenden Gesichtern schnell herausguckten; kurz, er wurde immer unzufriedner. Besonders schrieb sich sein Unwille gegen dieses Bücherdurchsuchen daher, weil er einmal in Gemütsruhe im Keller unter dem offnen Kranen am Weinfasse liegend, während der Wein wie ein Bächlein durch die Gebirge und Wiesen seines Innern floß, es ihm vorkam, als ob die Bücher aus der Bibliothek dahergetrampelt kämen und knurrten ihn an und öffneten ihre Blätter und klappten wieder zu, worauf allemal große Staubwolken herausfuhren, die sich zu alten Mönchen und andern dergleichen wunderlichen Gestalten formten, dann umherspazierten und feine Liedchen auf seine Trunkenheit sangen. Diese Spottgesichte konnte er nicht vergessen, und oft schaute er nach dem Rutenstammbaum hinüber, der mit seinen Blättern säuselnd, ihn zu mahnen schien, daß er seinen Einspruch bei der Erziehung der Gräfin abgelehnt habe. – Es brach Krieg aus, der junge Graf zog mit einem Fähnlein Reiter fort. Jetzt glaubte der alte Herr die junge Gräfin unter seiner Regierung zu haben; er wollte, sie solle still zu Hause sitzen und einen Kaminschirm sticken. Ihr pochte es in allen Gliedern, und wenn sie durch die Schloßfenster hinausschaute auf die blauen Berge, die gleich einer Mauer vor einem tatenkräftigen Leben ihr lagen, wurde es ihr oft so eng, daß sie die Vorhänge ihres großen Himmelbettes aufriß und mit den Kissen zu bombardieren anfing, so daß die Federn stiebten; bald ließ sie diese wider die goldnen Engel fliegen, die die Federkrone des Betthimmels trugen, bald in die und jene Ecke. Kam nun der alte Graf in solchem Augenblick, wo alles krachte und knarrte, in ihr Zimmer, so zog sie schnell die Gardinen ums Bett und steckte sich unter ein großes Federbett, was sie fest um sich wickelte. Da stand nun der Graf und predigte ihr Stunden lang vor. So kam er auch wieder eines Morgens, mit einem Arm voll Seide zu jenem Kaminschirm, den sie noch nicht angefangen hatte; da lag wieder das große Federbett; der Graf stellte sich davor und zankte, aber heut blieb das Federbett besonders ruhig liegen; – sonst hatte sie zuweilen ihren Kopf hervorgestreckt und ihn dann schnell wieder zurückgezogen. Endlich ward der Graf über ihren Mangel an Anteil zornig, daß er sich Mut faßte und das Federbett herunter riß. Aber siehe, der Fleck war leer und nichts dahinter. Während der Graf am Abend vorher in Gemütsruhe unter dem Kränchen eines uralten Fasses lag, öffnete sich das Tor des Schlosses und die Gräfin mit einem Bündelchen schritt heraus. Ganz still und für sich schaute sie umher auf die nachtenden Berge, und ihr lichtbraunes Haar floß leise im Abendwind daher; sie zog zur Armee. Als sie anlangte, empfing sie der junge Graf mit großen Freuden. An seiner Seite zog sie mit zu Felde, focht neben ihm und verfolgte ihn mit den Augen, dem entgegentretend, der das Schwert gegen ihn schwang. – Am Abend saßen sie an den Wachfeuern, die müden Glieder ausgestreckt auf ihren Mänteln; da wehte der kühle Nachtwind über die lustige Schar hin und kühlte die heißen Köpfe. – Die Soldaten rauchten, sie sang, erzählte alte Weisen, und alle waren fröhlich und gut in ihrer Gegenwart. Es verglimmten nach und nach die Kohlen, der Himmel breitete seinen Nachtmantel aus mit den unzähligen Sternen. Da wußte die junge Gräfin erst, wozu sie geboren war; sie erhob sich leise und betrachtete den schlummernden Grafen und vertiefte sich in die Ruhe seiner edlen Züge und las wie in einem Buch die schönsten Lieder an den Frühling, an die aufgehende Sonne oder den Mond, je nachdem das Antlitz des Grafen oder auch ihr eignes Gemüt gestimmt war; sie schrieb dies alles mit ihrer Messerspitze in die Rinde der Bäume umher. Dann schlummerte sie ein Weilchen, während Göttinnen, man nennt sie Musen, ihrer sind Neune, voran ein schöner Musenjüngling, einen schwebenden Tanz über ihrem Haupte aufführten und allerlei Träume ihr zusendeten.

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