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Kurd Laßwitz: Sternentau - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorKurd Laßwitz
yearca. 1920
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleSternentau
created20040207
sendergerd.bouillon
firstpub1909
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Die Hastenden

»Ja, sehen Sie nu, Fräulein, da konnt' ich doch nicht dafür, weil ich halt drüben am Friedhof in den Graben gefallen bin, und ich mußte doch oben an dem Park lang gehen, da konnt' ich die Uhr halt nicht stechen –«

»Aber, Gelimer,« sagte Harda zu dem alten Nachtwächter der Villa, der den königlichen Namen Gelimer führte, »das ist nun schon das dritte Mal in den acht Tagen, seit der Vater verreist ist, daß Sie die Kontrolluhr nicht gestochen haben –«

»Ich mußte mir doch mein Bein verbinden, sehen Sie, Fräulein, hier unten, da ist die ganze Hose zerrissen, weil ich doch in den Graben gefallen bin –«

»Und warum sind Sie in den Graben gefallen? Das wissen Sie ganz genau! Weil Sie wieder betrunken waren –«

»Wegen dem Bissel Schnaps, Fräulein Kern, das werden Sie doch nicht erst dem Herrn Direktor melden. Denn, sehen Sie, Fräulein, der Herr Direktor hat doch gesagt –«

»Wenn Sie wieder den Dienst versäumen, daß Sie nicht länger Wächter sein können –«

»Ja, das hat er schon vielemal gesagt – aber wegen dem Bissel Schnaps – ich will Ihnen mal erzählen, Fräulein –«

»Nein, nein, ich weiß schon, ich habe gar keine Zeit! Aber das muß ich Ihnen sagen, Gelimer, wenn Sie wieder nicht zur rechten Zeit stechen, kann ich kein gutes Wort für Sie einlegen. Adieu!«

Ohne weiter auf den Alten zu hören, der sie vor der Haustür abgepaßt hatte, sprang Harda die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

Sie kam von der jungen Frau des Chemikers, Doktor Emmeyer, der das Häuschen am Eingang zu den Hellbornwerken bewohnte. Ihr Kindchen war Hardas Patchen. Die Mutter mußte das Bett hüten und auf das junge Dienstmädchen war wenig Verlaß. Da lief Harda alle Vormittage hinüber, sah nach dem Rechten und badete das Kleine, nachdem sie die eigne umfangreiche Wirtschaft kontrolliert hatte. Nun endlich hoffte sie eine Stunde für sich zu haben. Denn seit der Abreise des Vaters war sie noch weniger zur Ruhe gekommen als sonst.

Kern war nicht, wie er sich vorgenommen hatte, in der zweiten Nacht nach seiner Abreise zurückgekehrt. Er hatte von Berlin aus durchs Telephon gemeldet, daß er noch einige Tage bleiben müsse. Das war Freitag. Am Sonntag kamen von Hamburg ausführliche Instruktionen an die Werke und die Nachricht, daß er noch in Hamburg und dann in Hildenführ zu tun habe; er hoffe aber bestimmt, am Mittwoch wieder in Wiesberg einzutreffen. Das war heute. Inzwischen gab es fortwährend Besuche, gesellschaftliche Verpflichtungen, Fürsorgen in den gemeinnützigen Einrichtungen der Fabrik. Am meisten aber machte ihr Tante Minna zu schaffen, die um so nervöser wurde, je länger Kern ausblieb. Da hatte Harda stets zu beruhigen und den Vater zu verteidigen. Wenn sie darauf rechnete, sich einmal zu ihren Büchern zu setzen oder Briefe zu schreiben, da ließ sie gewiß die Tante herunterbitten, die in ihrer unglücklichen Stimmung das Bedürfnis fühlte, sich von ihr trösten zu lassen.

Harda trat vor ihren Schreibtisch. Durch das große Fenster zu ihrer Linken überblickte sie dann einen Teil des Weges, der vom Gartentor nach der Villa führte, und darüber hinaus ein anmutiges Stück der Landschaft. An der Seitenwand zur Rechten stand ein Diwan und in der Ecke zwischen diesem und dem Schreibtisch ein Korbgestell, das dicht mit dunkelgrünem Efeu überzogen war. Das war Kitto, der Ableger von Ebah unter der Buche am Riesengrab. Vor diesem Hintergrund, noch mit anderen Pflanzen umgeben, hob sich wirkungsvoll die Porträtbüste von Geo Solves ab. Unter dem Schutze des Efeus hatte Harda auch einen Ableger des Sterntaus aufgezogen, der einige der schönen blauen Blümchen, oder, wie sie jetzt sagte, einige Sporenträger entwickelt hatte.

Die seltsame neue Pflanze besaß für Harda außer dem ästhetischen Gefallen, das sie daran hatte, das persönliche Interesse des eigensten Besitzes. Es war etwas, wovon niemand in der Welt etwas wußte und was ihr ganz allein gehörte, wie ihre geheimsten und liebsten Gedanken, und damit hatte sie auch den Sternentau verknüpft. Und nun war ihr das Geheimnis gestört worden! Aber der lange Doktor war ein artiger und bescheidner Mann. Sie hatte den Eindruck, daß sie ihm vertrauen könne. Und so fühlte sie sich eigentlich nicht gestört in ihrem Besitze, sondern die Pflanze hatte ein neues Interesse für sie gewonnen durch die Aufklärung, die ihr Eynitz über die Eigentümlichkeiten des Sternentaus gegeben hatte. Was sie an botanischen Lehrbüchern und Nachschlagwerken besaß, hatte sie schon hervorgesucht, es war freilich nicht viel und konnte ihr nur geringe Anleitung zum Studium der Pflanze geben. Sie hatte, wenn auch mit schwerem Herzen, eines der Blümchen geopfert, um es zu zerschneiden und mit der Lupe, die sie noch vom naturwissenschaftlichen Unterricht im Realgymnasium her besaß, die Struktur des Sporangiums zu studieren. Aber sie konnte nichts damit erreichen. Und sie hatte ja auch keine Ruhe – auch nicht zum Lesen – heute früh war sie wieder mitten in dem schwierigen Kapitel über den Generationswechsel der Moose unterbrochen worden.

Sie nahm das Buch in die Hand, als ihr einfiel, noch einmal nach ihren Pflanzen zu sehen. Denn sie hatte bemerkt, daß die Blümchen des Sternentaus sich in den letzten Tagen zu verändern anfingen, indem sie sich weiter öffneten und die weißen Fäden sich stärker entwickelten. Besonders das eine hatte gestern am Tage den Eindruck gemacht, als ob die Fäden sich geradezu wie ein Büschel herausdrängten. Als sie die Blätter des Efeus auseinanderbog, fand sie zu ihrem Schrecken statt ihrer fünf Sporenbecher nur noch vier vor. Das Blümchen mit der vorgeschrittenen Entwicklung hing mit vertrockneter Hülle herab. Von den silberglänzenden Fäden aber war jede Spur verschwunden. Vergeblich suchte Harda unter dem Efeu nach dem fehlenden Inhalt der Kapsel. Sie sagte sich, das alles müßte sich wohl in unsichtbar kleine Sporen aufgelöst haben. Aber vielleicht würden doch noch Reste davon in der Hülle oder an den Blättern in der Nähe zu entdecken sein. Wenn sie nur ein Mikroskop hätte!

Mußte sie nicht Eynitz benachrichtigen? Aber wie? Er war weder an dem Abend gekommen, wozu sie ihn eingeladen hatte, noch hatte er sich sonst sehen lassen. Ihm telephonieren oder schreiben? Das wollte ihr nicht gefallen. Sie mußte schon warten, bis er sich selbst meldete, dann würde sie ihm ihre Beobachtungen mitteilen. Vielleicht war es auch gar nicht so wichtig.

Aber hübsch wäre es doch, wenn sie selbst etwas finden könnte. Und – – warum war ihr das noch nicht eingefallen – drüben im Laboratorium hatten sie ja mehrere gute Mikroskope, da konnte sie sich eines entleihen. Freilich, der Vater hatte es nicht gern, wenn sie sich dort etwas holte, aber der war ja nicht da, die Herren würden es ihr nicht abschlagen, und bis zum Abend – eher kam der Vater keinesfalls – da hatte sie das Instrument wieder hinübergeschickt. Mit den feinen Methoden, mit Präparieren, Färben und so weiter bei starken Vergrößerungen, damit wußte sie nicht Bescheid, darauf konnte und wollte sie sich ja auch nicht einlassen. Aber einen einfachen Schnitt machen, unter das Deckgläschen bringen und einstellen, das hatte sie gelernt – vielleicht reichte das aus – jedenfalls wollte sie es probieren.

Also schnell den Sonnenschirm genommen und hinüber! Schon war sie aus dem Hause.

»Nein, nein, Diana! Du bleibst hier!« Der große Hund ging gekränkt nach seinem Platze zurück.

»Fräulein, Fräulein!« rief eine rundliche Frau aus der Waschküche. »Sind denn das hier die Sachen, die noch zurückbleiben sollen?«

Harda lief hin und sah in den Korb. »Ja, ja! Ich komme übrigens gleich wieder.«

Das Laboratorium lag in dem älteren Teile der Fabrik. Sie mußte an den Kreissägen vorüber, die in voller Arbeit heulten. Es war ein höllischer Lärm, aber sie konnte nicht vorbei, ohne einen Augenblick zuzusehen. Wenn das Kreischen nicht gewesen wäre, wie ein kurzer Schmerzensschrei der sterbenden Baumstämme, man hätte geglaubt, nur ein Spiel vor sich zu sehen. Denn die Rundhölzer glitten durch die Sägen ebenso schnell hindurch wie vorher durch die bloße Luft und fielen in Stücke geschnitten herab in die Transportwagen. Die blanken Sägeblätter aber rotierten so rasch, daß sie still zu stehen schienen. Es war wie ein Zauber.

Oben über dem Wagen stand ein Werkmeister. Er grüßte Harda und rief ihr etwas zu. Gerade heulten die Sägen auf, sie konnte kein Wort verstehen, aber ihr Blick folgte der Armbewegung des Mannes. Sie sah gleich, was er meinte. Drüben aus dem Schornstein des neuen Maschinenhauses kam Rauch.

»Die neue Maschine?« schrie Harda.

»Ja wohl, Fräulein. Es wird wohl gleich losgehn«, schrie der Werkmeister.

Richtig! Fast hatte sie das vergessen! Der Vater hatte ja angeordnet, daß man nicht auf ihn warten sollte. Die neue zwölfhundertpferdige Dampfmaschine war montiert, heute sollte sie probeweise in Betrieb gesetzt werden. Da mußte sie dabei sein.

Harda bog von der bisherigen Richtung ab und wandte sich nach dem neuen Teil der Werke. Hier wurde noch viel gebaut, die Straßen waren zerfahren, trotz des schönen Sommertages waren die schmutzigen Spuren des gestrigen Gewitterregens noch sehr merklich. Vorsichtig wand sich Harda zwischen Fuhrwerken und Sandhaufen, karrenden Arbeitern und Kalkgruben hindurch. Jetzt nur noch über einen aufgeweichten Platz, dann war sie am neuen Maschinenhaus.

Plötzlich schrak sie zurück. Ein lauter Knall, darauf ein heftiges Zischen, Pfeifen, Geschrei von Menschen. Einen Augenblick stutzte alles, in der Erwartung, was noch geschehen würde. Dann stürzten die in der Nähe Befindlichen herbei und drängten nach der Tür. Aber von innen trat ihnen ein Vorarbeiter entgegen und rief: »Niemand nötig! Niemand herein!«

Harda hatte ihre Kleider rücksichtslos zusammengenommen und war durch den Schmutz des Platzes gesprungen.

»Ein Unglück passiert?« rief sie atemlos.

»Nicht schlimm. Ein Rohr geplatzt.«

»Jemand verletzt?«

»Der Blomann wird wohl was verbrüht sein. Der dumme Kerl ist ganz allein schuld, er muß doch wissen, welchen Hahn er nicht zudrehen darf. Es ist schon nach dem Krankenwagen telefoniert, Fräulein.«

»Lassen Sie mich hinein. Verbandzeug ist doch drin?«

»Selbstverständlich. Sie sind schon beim Verbinden.«

Harda trat ein. Man brachte eben den Verwundeten in bessere Lage. Der eine Arm war verbrüht, die Stirn blutete.

Harda wusch vorsichtig das Blut von der Stirn. Der Mann öffnete die Augen und stöhnte. Dann sagte er:

»Das mit der Stirn ist nichts, ich bin nur angerannt, als ich im Schreck zurücksprang. Aber der Arm tut höllisch weh.«

Harda legte einen Verband um die Stirn, während ein Werkführer den Ärmel vorsichtig aufschnitt. Da rief der Arbeiter von draußen herein: »Hier kommt zufällig der Herr Doktor. Soll ich ihn vielleicht holen?«

Er wartete keine Antwort ab, sondern lief hinaus.

Vorsichtig steckte Harda die Sicherheitsnadel in die Binde und richtete sich dann auf. Sie nickte allen freundlich zu, wünschte baldige Besserung und ging hinaus. Vor der Tür traf sie auf Eynitz. Da hatte sie ihn nun, aber jetzt war keine Zeit für Sternentau. Er zog den Hut. Einen Augenblick schien er in seinem eiligen Schritt zu zögern, aber er fragte nur:

»Ist es schlimm?«

»Ich hoffe, nicht lebensgefährlich.«

Da war er auch schon in dem Raume verschwunden.

Harda ging langsam am Maschinenhause entlang. Sie überlegte. Sollte sie nicht hier warten, bis Eynitz seine ärztlichen Anordnungen getroffen hatte? Dann war es doch natürlich, daß sie ihn befragte, und daran hätte sich dann das Übrige geknüpft. Sie drehte um und ging langsam zurück. Ehe sie noch die Tür wieder erreicht hatte, sah sie den Maschineningenieur heraustreten und ihr entgegenkommen. Er sah bestürzt aus.

»Wie steht es?« fragte sie.

Er zögerte mit der Antwort, er war offenbar ganz mit seinen Gedanken beschäftigt.

»Mit dem Blomann?« fragte sie weiter.

»Ach, der kann von Glück sagen, daß er so davon gekommen ist,« antwortete jetzt der Ingenieur. »Aber –«

»Aber?« rief Harda erschrocken, »die Maschine?«

»Der Blomann ist dran schuld, dreht den Hahn zu – Es war ein Wasserschlag. Alles konnte zum Teufel gehn. Das geplatzte Rohr hat nicht viel zu sagen, aber –«

»Nun was denn?«

»Ach, gnädiges Fräulein, ich glaube, die Kolbenstange ist verbogen.«

»O weh!«

»Ja, das kann lange dauern, ehe wir das wieder ersetzen können. Und wir brauchen die Maschine so nötig. Auch die zweite neue Maschine ist noch nicht da. Sie behaupten ja in Nikolai, daß sie fertig sei und verladen werde, aber wer weiß, ob das nicht eine Ausrede ist. Und nun ist Herr Direktor nicht hier, aus Hamburg ist er schon abgereist – wenn ihn ein Telegramm unterwegs treffen könnte, würde er selbst noch disponieren können, aber auch Herr Milke weiß keine weitere Adresse.«

Milke war der stellvertretende Direktor.

»Was wollen Sie telegraphieren?« fragte Harda.

»Den Tatbestand. Ich glaube, dann würde Herr Kern sofort selbst nach Oberschlesien fahren, und dann bekommen wir die Sachen gleich hierher. Ja, gnädiges Fräulein, sie wissen ja, so ist es immer gewesen. Wenn Ihr Herr Vater den Herren auf die Bude rückt, da ist auf einmal alles fix und fertig.«

Harda lächelte. Dann verfinsterte sich ihre Stirn, sie dachte nach.

»Es ist sehr wichtig?« fragte sie noch einmal.

»Das sehen Sie selbst. Wir können Wochen verlieren, und so reichen vielleicht wenige Tage aus.«

»Dann, bitte, setzen Sie mir das Telegramm auf. Ich habe noch eine Adresse, allerdings nur für Privatangelegenheiten. Aber ich will es in diesem Falle verantworten. Vielleicht erreicht ihn dort noch das Telegramm.«

Der Ingenieur verschwand im Hause, und kam nach wenigen Minuten mit einem Blatt Papier zurück, das er Harda überreichte.

»Ich werde die Depesche sofort selbst aufgeben,« sagte sie. Denn sie wollte die Adresse nicht mitteilen.

Als sich der Ingenieur unter Danksagungen entfernt hatte, blickte sich Harda wieder um. Von dem Doktor war nichts zu sehen. Länger durfte sie nicht warten. Sie eilte nach dem Bureau, dort übermittelte sie die Depesche telephonisch nach dem Telegraphenamt.

Jetzt gedachte sie, sich noch einmal nach dem Befinden des Verwundeten zu erkundigen, aber sie war nicht weit gekommen, als ein Schreiber sie einholte, der ihr eiligst nachgeschickt worden war. Eben hätte Fräulein Blattner aus der Villa herübergesprochen und gefragt, ob Fräulein Kern vielleicht in der Fabrik sei. Sie möchte so freundlich sein und sogleich nach Hause kommen, es hätten sich Gäste angemeldet.

Harda seufzte. Aber was wollte sie tun? Sie konnte die Tante nicht im Stich lassen. Also nach Hause.

Auf der Veranda erkannte sie bald den Landrat von Spachtel in lebhaftem Gespräch mit der Tante.

Der alte Herr sprang auf und kam ihr entgegen.

»Ach, mein liebes gnädiges Fräulein,« sagte er unter vielem Händeschütteln, »ich bin ganz unglücklich, daß ich die unschuldige Ursache bin, wenn Sie in Ihrem Vergnügen gestört worden sind –«

»O bitte –«

»Doch, doch! Junge Damen sind immer vergnügt; waren wir auch als junge Mädchen! Ha, ha! Na – sehen Sie mal das Telegramm – sagt sich da ein alter Studienfreund bei mir an, Brunnhausen, war früher Geheimer Regierungsrat, ist jetzt Aufsichtsrat bei den Pechwerken in Hildenführ, A.-G. –«

Harda warf der Tante einen Blick zu.

»Ja, ja,« fuhr der Landrat fort, »klingt bischen klebrig, was? Aber großartige Firma. Mein Freund fährt zufällig hier durch, war mit seiner Frau auf einer Erholungsreise, meldet sich bei mir an, heute, zu Tisch. Ja, und nun, meine Frau, gerade großes Reinemachen!«

»Aber lieber Herr Landrat,« unterbrach ihn Minna, »das versteht sich doch ganz von selbst. Sie sind mit Ihrer lieben Frau bei uns zu Tisch eingeladen, ganz einfach, in Familie, und da bringen Sie Ihre Gäste mit, da ist doch kein Wort weiter zu verlieren.«

»Nun ja, ich habe ja schon angenommen, aber daß ich nun Fräulein Harda inkommodieren soll –«

»Nicht doch,« sagte Harda. »Ich mußte so wie so jetzt einmal nach der Küche sehen.«

»Bitte, daß Sie ja keine Umstände machen!«

»Gar nicht,« sagte die Tante. »Nur eins dürfen wir zufügen, Herr Landrat, Ihre Lieblingsspeise.«

»Doch nicht etwa Ihre berühmte Pfirsichtorte?«

»Selbstverständlich, wird gemacht,« rief Harda.

»Nein, meine Damen, Sie sind zu liebenswürdig. Aber ich darf Sie nicht länger aufhalten, es geht auf zwölf Uhr. Um ein Uhr kommt der Zug, ich muß sehen, daß ich noch einen Wagen bekomme, mein Freund kommt auf dem Ostbahnhof an.«

»Sie nehmen natürlich unsern Wagen. Um halb eins ist er vor Ihrer Tür. Oder am besten, Sie warten hier noch ein Viertelstündchen – Harda, du sagst es wohl einmal draußen –«

Spachtel machte abwehrende Bewegungen.

»Ich glaube, Tante«, sagte Harda, »Heinrich wird heute Schwierigkeiten machen mit den Rappen – – Wissen Sie, Herr Landrat, wir schicken Ihnen das Automobil, da geht die ganze Sache schneller. Ich will's gleich bestellen. Also auf Wiedersehen!«

Harda reichte ihm die Hand und eilte fort.

Man lebte in der Familie Kern sehr einfach, besonders wenn der Vater verreist war. Es waren also doch einige Anordnungen und plötzliche Änderungen im Küchenzettel notwendig. Sigi war mit dem Fräulein in die Stadt gefahren, um Besorgungen zu erledigen, so mußte Harda selbst Hand anlegen, und es war ein Uhr, ehe sie an ihre Toilette denken konnte.

Als sie herabkam, fand sie Sigi bei der Tante in der Veranda. Sie hatten eben erst von dem Unglücksfall in der Fabrik gehört. Minna erklärte, sie wolle nach Tisch selbst nach dem Verwundeten sehen. Dann sagte sie:

»Aber während die Gäste da sind, Kinder, wollen wir nicht davon reden. Dieser plötzliche Besuch bei Landrats ist mir nicht recht geheuer. Der gute Spachtel tut ja freilich, als wäre er ganz überrascht. Er wußte übrigens nicht, daß Hermann noch nicht zurück ist.«

»Der Landrat ist vielleicht auch harmlos, aber Brunnhausen kommt ganz sicher her, um zu kundschaften, nur so im allgemeinen; denn er weiß gewiß, daß Vater noch nicht zurück sein kann. Man wird ihm von Hildenführ telegraphiert haben, er möchte sich einmal zufällig hier umsehen.«

»Wenn Vater nicht hier ist, kommt er nicht in die Werke,« bemerkte Sigi.

»Nein, das dürfen wir nicht ohne Vaters Erlaubnis zulassen,« meinte Harda, »aber andererseits müssen wir ihn sehr schonend behandeln. Deshalb wollte ich jetzt den Wagen nicht geben, da wir die Pferde nachmittags brauchen werden.«

»Da hast du ganz recht, Harda,« stimmte Minna bei. »Wir müssen ihn beschäftigen. Aber wir hätten ja auch nachmittags das Automobil nehmen können.«

»Das können wir immer noch, wenn du mitfahren willst, Tante, oder Sigi.«

Beide wehrten ab.

»Ich dachte mir, daß Ihr keine Lust haben würdet, deshalb brauchen wir eben den Wagen. Wenn Landrats und die Fremden darin sitzen, so ist er gefüllt und wir bedürfen keiner Entschuldigung. Das wird bei Tisch gleich festgemacht, um drei Uhr fährt der Wagen vor – sie können ja nach der Wilhelmsburg fahren – und abends werden sie doch bei Landrats sein.«

»Abends reisen sie schon weiter,« sagte die Tante.

»Um so besser, so kommen wir hoffentlich über die Frage hinweg.«

»Redet nur nichts von Geschäften,« sagte Sigi.

»Sei du nur möglichst liebenswürdig,« neckte Harda.

»Kennst du mich anders?« antwortete Sigi. »Aber bitte, für den Landrat gleich den schweren Rotwein. Dann fängt er an Geschichten zu erzählen, und wir sind entlastet.«

»Übrigens müssen sie jeden Augenblick kommen.«

»Gut prophezeit!« rief Sigi. »Ich habe nämlich die Huppe gehört.«

Die beiden Mädchen sprangen auf und liefen den Gästen entgegen.

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