Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > William Bolitho >

Zwölf gegen das Schicksal

William Bolitho: Zwölf gegen das Schicksal - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/bolitho/12schick/12schick.xml
typeessay
authorWilliam Bolitho
titleZwölf gegen das Schicksal
publisherBüchergilde Gutenberg
year1946
translatorMarguerite Thesing-Austin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201301
projectid19ed8a14
Schließen

Navigation:

Cagliostro (und Seraphina)

Der Fall eines Doppelabenteuers – Lola mit Casanova oder Alexander mit irgendeiner honigfarbenen Barbarenfürstin an Stelle der kleinen persischen Gazelle Roxane – drängt sich uns hier unausweichlich auf. Muß nicht die natürliche Zweiheit, Mann und Weib, das gefahrvolle Leben besser überdauern als das bloße Einzelwesen, das im Falle des Mannes früher oder später an einem Übermaß des Glücks ersticken und im Falle der Frau mangels jener nährenden Flamme dahinsterben muß? Wie dem auch sei, wir dürfen uns auf wichtige und amüsante Modefikationen der Gesetze (oder dynamischen Regeln), die das Wesen des Abenteurers beherrschen, gefaßt machen. Diese Gesetze sind eher der Harmonielehre als der Logik entlehnt, denn das Leben haßt die Logik, und unsere Untersuchung gestaltet sich um so schwieriger, als der Fall nur selten vorkommt und sich ausschließlich auf eine bestimmte Klasse von Abenteurern beschränkt. Was, zum Beispiel, hätten Alexander oder Columbus mit einer Gefährtin oder – falls wir schon so fragen – was hätte Casanova mit Lola anfangen sollen? Ihre Vereinsamung war kein Fehler, sondern lag organisch in ihren Taten und Leiden begründet; hätte man sie gesprengt, ihre Lebensgeschichte wäre zu dem fadesten aller Märchen, zu einer modernen Novelle geworden. Wir müssen uns daher auf der Suche nach unserem Zweiklang jenen Abenteurern zuwenden, die aus ihrem Tun und Treiben ein Geschäft machten. Das heißt, wir müssen zwischen der Szylla und Charybdis der Langenweile – zwischen dem Schwindler und dem Geschäftsmann hindurchsteuern. In diesem Zusammenhang fällt mir niemand außer Cagliostro und seiner Seraphina ein – die letzten farbigen Ausstrahlungen der untergehenden Sonne des alten Europa.

Des Mannes eigentlicher Name war Giuseppe Balsamo. Wir kennen die Gewohnheit der Namensänderung, die unter Abenteurern so häufig vorkommt, wie bei den drei anderen Berufen, die sich ihrer bedienen: dem Mönchtum, der Bühne und dem Prostituiertengewerbe. Wir kennen ihren fast rituellen Grund: die symbolische Abschwörung von Banden, Aufgaben, Pflichten, vornehmlich gegenüber der Familie, erst in zweiter Linie gegenüber der Gesellschaft und ihr häufigstes Motiv: nacktester Ehrgeiz, der sich sogar bis zur Poesie des Snobbismus steigert. Sein Vater war ein kleiner Ladenbesitzer in Palermo, sein Geburtsjahr 1743. Dieser Giuseppe, kurzweg Beppo genannt, entwickelte sich zu einem dicken, plattgesichtigen Helden der Gosse, er war kühn, nie aus der Fassung zu bringen, war ein Langfinger und der Schrecken sämtlicher Hausfrauen und Muttersöhnchen der Nachbarschaft. Wäscheleinen zu durchschneiden, Hunde gegeneinander zu hetzen, schüchterne kleine Jungen zu tyrannisieren Hunde gegeneinander zu hetzen, schüchterne kleine Jungen zu tyrrannisieren und die wagemutigeren zu Raubüberfällen auf die Karren der Straßenhändler anzuleiten, diese Streiche gehörten zu seinem Hauptvergnügen; er tat, sein Möglichstes, das wirre Getümmel der heißen alten Stadt, wo zu jeder Tages- oder Nachtstunde ein Streit ausgetragen oder ein Handel abgeschlossen wird, noch zu vergrößern. Mit zwölf Jahren schickte man ihn auf das Sankt-Rochus-Seminar, um Schreiben und Lesen zu lernen; dort erhielt er von, seinen Lehrern und dem Kastellan fleißig Prügel, bis er ihnen durchbrannte. Sein Vater war inzwischen gestorben. Seiner Mutter Bruder erwirkte ihm den Eintritt in das Kloster der Benfratelli – das Sprungbrett zu der einzigen Laufbahn, die einem gescheiten Jungen seines Standes offen stand. Hier mußte er nach einiger Zeit in der Klosterapotheke mithelfen; er mußte Phiolen waschen, Kräuter abwiegen, den Fußboden kehren und die Grundlagen der Chemie lernen, der sinnlichsten und aufregendsten aller Wissenschaften. Selbst ein mit moderner Sachlichkeit eingerichtetes Laboratorium ist für denjenigen, der so glücklich ist, Wißbegierde und einen gut entwickelten Geruchssinn zu besitzen, der faszinierendste Ort der Welt. Hier aber in einem sizilianischen Kloster des achtzehnten Jahrhunderts glich jede Flasche einem Spielzeug, das irgendein Geheimnis barg; die materia medica waren Märchen aus Tausend und einer Nacht; jeder einzelne Apparat schien einer sagenhaften, übersinnlichen Welt anzugehören, und sehr bald stand Beppos Phantasie in Flammen. Er faßte die Idee der Magie. Dabei lernte er so leicht und rasch, daß sein Lehrer ihn ins Herz schloß; so kam es, daß die lange Reihe zerlumpter Patienten oft lange auf ihre heilenden Tränklein warten mußte, während die beiden in der dunklen, duftenden Krypta sich in experimentellen Versuchen und Debatten verloren. Als geistiges Gegengift zu dieser phantastischen Welt betrauten die Brüder Beppo mit der Aufgabe, ihnen bei den Mahlzeiten vorzulesen. Ihr Lieblingsbuch war irgendeine weitschweifige Märtyrologie, die seine Einbildungskraft, welche bereits nach Zwiesprachen mit dem Übernatürlichen lechzte, noch weiter anregte. Eines Tages während der Fastenzeit bekam er dieses Sammelsurium von Geschichten über teufelaustreibende Bischöfe, löwenbändigende Jungfrauen, feuergefeite Fakire und unverwundbare Beichtiger satt. Oder aber seine Natur, die zu derben Späßen neigte, erkannte die Komik, mit der die ungewaschenen Brüder feierlich ihre Suppe auslöffelten; plötzlich ersetzte er die heiligen Namen in dem Buch durch die der berüchtigtesten Huren Palermos. Zur Strafe wurde er mit Riemen geschlagen und zum Kloster hinausgejagt.

Eigentlich war er zu klug für diesen dummen Streich; aber zweifellos sind seiner endgültigen Relegation andere klösterliche Zusammenstöße und Verstöße vorangegangen. Er war also kein unschuldiges Lamm, als er sich dem »lockeren Lebenswandel« ergab, den sein einziger offizieller Biograph, der römische Großinquisitor, beschreibt. Zunächst ergriff er den Malerberuf, der in seinen eigenen Augen wie in denen seiner Heimatstadt und seines Landes das schäbige Gewerbe eines Marmorimitators, Mischers von Temperafarben, Schildermalers und Herstellers kitschiger Riesengemälde umfaßte. Diese zeigen meist einen Sturm auf dem Meere mit dem ausbrechenden Vesuv im Hintergrund und bilden, wie die in Massen angefertigten sentimentalen Gipsabgüsse, noch den Hauptkunstartikel Italiens.

Aber damals wie heute war der Künstlerberuf überfüllt. Beppo übernahm aus Not oder Neigung Aufträge für ein anderes lokales Gewerbe, das wie der Beruf der Anstandsdame von allen Gesellschaftsschichten, in denen die Frauen gehütet und bewacht werden, untrennbar ist. Er wurde Kuppler. Einer von Beppos Klienten war der Romeo seiner hübschen Kusine, und Beppo trug Sorge, seine Briefe pünktlich zu befördern, seine Geschenke aber zu unterschlagen. Mit bewundernswerter Lebenskraft übernahm er daneben noch Fälschungsaufträge, das heißt, er stellte sein Können und seine Feder Personen, die wegen einer Unterschrift in Verlegenheit waren, zur Verfügung. Wir wissen, daß er einmal ein ganzes Testament zugunsten einer religiösen Gemeinschaft gefälscht hat, ein anderes Mal handelte es sich um einen Reisepaß für einen Mönch mit der Unterschrift seines geistlichen Oberherrn in Rom.

Durch diese niederen und schlauen Machenschaften verdiente er genug, um gut zu essen. Sein Leben lang hatte er einen gewaltigen Appetit, der ebenso wie das Gegenteil eine häufige Begleiterscheinung von starker nervöser Energie ist. Seinen Überschuß an Kraft tobte er in Raufereien aus; er bekam starke Muskeln und liebte Händel mit den Matrosen, daneben verprügelte er häufig den Nachtwächter. So begründete er seinen Ruf als Straßenschreck. Alle diese Versuche stehen in einem komischen, äußeren Mißverhältnis zu dem ungewöhnlich glänzenden Geschick, dem er entgegeneilte. Halb Rowdy, halb Betrüger: mit diesen sehr wenig interessanten Eigenschaften erschöpft sich das Bild, das jene übellaunigen Biographen, Carlyle und der Großinquisitor, von dem Manne entwerfen, der später Cagliostro werden sollte. Wir folgern daraus, daß sie die letzte Szene, in der Beppo in Palermo auftritt, nicht ganz erfaßt haben. Der »unsympathische Lümmel« scheint plötzlich das Vertrauen eines Goldschmiedes namens Marano gewonnen zu haben; dieser bedient sich seiner bei der mitternächtlichen Suche nach einem Schatz in einer Meeresgrotte. Carlyle stellt diesen Vorfall in den ihm eigenen nörgelnden, übelwollenden Stil als einen lächerlichen Schwindel dar, als eine Affäre, über die, wie über die meisten geschichtlichen Ereignisse, ein schlauer Schotte nur lachen kann. Wir aber, die Geschworenen, müssen auf gewisse Tatsachen hinweisen, die mit dieser Auffassung so wenig übereinstimmen, wie der Beppo des Inquisitors mit den Schilderungen seiner einseitigen Chronisten. Zauberei ist hier am Werk: es ist nicht nur vom Rutengehen, von gegabelten Haselstauden usw. die Rede, sondern es werden im Mondlicht auch magische Kreise gezogen, Erde wird verbrannt und man murmelt Beschwörungsformeln. All das paßt ganz und gar nicht zu dem Bauernlümmel, den die anderen in Beppo erblicken. Wir müssen einzig die nackte Tatsache zugeben, daß Beppo nach einem Streit mit dem Goldschmied aus Palermo floh.

Die Geschichte der nun folgenden Jahre muß im Zusammenhang mit der Persönlichkeit behandelt werden, die Seraphina ihm anerzog oder die er mit ihrer Hilfe aus sich entwickelte. Er wird nach dem Orient gereist sein, jenem rechten Flügel des alten römischen Reichs, zu dem alle abenteuerliebenden Italiener (im Gegensatz zu den ehrlichen Leuten) sich heute noch hingezogen fühlen: Kleinasien und Ostasien. Kairo, Bagdad, Smyrna, Aleppo, sogar Konstantinopel werden ihm Obdach gewährt und ihn als Gegendienst für seine Lügen und Schmiereien, Kuppelei und Schwindelei ernährt haben. Gleich zahlreichen seiner Landsleute, die sich auch heute noch in sämtlichen Städten in einem achttägigen Umkreis von Suez herumtreiben, fühlte er sich überall, wo es von Menschen wimmelte, zu Hause. Das Nächste, was wir von ihm wissen, ist, daß er in Rom auftauchte, wo er im Gasthaus zur Sonne wohnte. Er ist immer noch arm und betreibt das nicht ganz saubere (von den meisten, insbesondere von Carlyle nicht direkt als unmoralisch angesehene) Geschäft, den Mittelstand mit schlechter Kunst zu versorgen. Das heißt, er verkaufte retouchierte Federzeichnungen der bekanntesten Baudenkmäler – ein Vorläufer der Ansichtskartenindustrie.

In diesem Zustand – nicht Fisch, nicht Fleisch – begegnete er seiner Seraphina, deren wahrer oder von der Gesellschaft aufgezwungener Name Lorenza Feliciani lautete. Sie war die Tochter eines Gürtel- oder Handschuhmachers, ein schönes Mädchen, das, wie die meisten ihresgleichen, romantischen Ideen frönte. Nut in einem unterschied sie sich von ihren Geschlechtsgenossinnen: Sie war bereit, diese Ideen in die Tat umzusetzen. In Wahrheit war sie eine geborene Abenteurerin. Wüßte man mehr von ihr und ihrem Anteil an dem ungeheuerlichen Leben ihres Gatten, man müßte sie als eine der größten, die je gelebt, bezeichnen. Aber ihr Einfluß blieb nach außen hin jahrelang passiv. Ihr eigener Wille war in dem Zweiklang des gemeinsamen Abenteuers lange Zeit unvernehmbar, oder besser noch, seine Schwingungen waren so eins mit denen Cagliostros, daß sie von den Schriftstellern, die den Reizen des Themas erlegen sind, meist vergessen oder – schlimmer noch – als ein armes tapferes Ding geschildert wird. Der sentimentale Historiker genießt eben den Vorteil eines Abkürzungsweges durch die Psychologie. Tatsächlich berechtigt keine der eigentlichen Tatsachen zu jener Neufassung der Griseldissage. Das nun Folgende beruht auf keinem besseren Beweis als dem der chronologisch sehr bezeichnenden Ereignisse; trotzdem ist die Metamorphose der fetten Raupe Beppo Balsamo in den prächtigen Schmetterling Graf Alexander von Cagliostro, Angebeteter Schüler der weisen Althotas, Adoptivsohn des Scherifs von Mekka, mutmaßlicher Sohn des letzten Königs von Trapezunt, auch Ilso Acharat geheißen, Unglückliches Kind der Natur, Oberster Großmeister der ägyptischen Freimaurerei der hohen Wissenschaft, Großkophta von Europa und Asien höchstwahrscheinlich in erster Linie auf die kleine Lorenza, seine mystische Seraphina zurückzuführen. Das heißt, die Triebkraft, die Gestaltung des Doppelwillens kam, ganz wie in dem Falle Lola und Ludwig, von Seiten der Frau. Ehe das gemeinsame Abenteuer unternommen werden konnte, war das persönliche Abenteuer Lorenzas: die Umwandlung eines armen lügenhaften Lümmels zudem, wofür er von Natur aus befähigt war, erfolgreich durchgeführt.

Mit einem Wort: Die Natur hatte ihn zum Scharlatan bestimmt. Zum größten Scharlatan, den die Welt je gesehen – oder geduldet. Letzteres geht unsere Untersuchung nichts an.

Seine Persönlichkeit, die Formung seines Willens – falls man einen so ehrbaren Ausdruck heranziehen darf – war das Urwesen ihres Abenteuers. Hierin beweist sie die gleiche Tendenz wie Lola Montez: Beider Frauen Abenteuer ist der Mann. Beppos Plumpheit erschien ihr als Würde, seine Flegelhaftigkeit als rohe, noch undifferenzierte Würde. In dem ununterbrochenen Strom seiner Lügen und Aufschneidereien über sich selbst und seine Reisen entdeckte sie nicht nur eine ungewöhnliche Phantasie, sondern jene seltene Autosuggestionskraft, jenen Glauben an sich selber, der das radiumhaltige Element im Naturhaushalt der Phantasie ist.

Ihre Bemühungen während dieser Phase ihres Abenteuers galten teils der Erforschung von Beppos Wesen, teils der Erfindung des Begriffs Cagliostro; von den Sümpfen und kargen Einöden seines eigentlichen Ichs drang sie weit vor in das tropische Hinterland dessen, was er werden konnte. Dieser Schwätzer vermochte überzeugend zu wirken, weil er von sich selbst halb und halb überzeugt war. Selbst für eine kleine römische Korsettmacherin ist ein solcher Einblick in den Mann ihrer Liebe zwar kühn aber nicht bedeutend. Wahrscheinlich ist mit dem Vorgang des Sichverliebens bei Frauen halb unbewußt stets eine quasiökonomische Abschätzung verbunden. Außerordentlich selten, ja originell ist die konstruktive Arbeit, mittels der Lorenza ihre intuitiven Ahnungen praktisch verwertete. Die Ausbildung einer Persönlichkeit ist (im Gegensatz zu einer rein geistigen oder körperlichen Erziehung) genau so Sache der Empirie wie das Rutengehen, der Spiritismus oder die Nationalökonomie, und ihre Exponenten ernten ebenso häufig Ruhm wie Schande.

Bildung besaß Lorenza nicht; sie hätte ihr auch nicht nützen können. Vielmehr muß sie auf ihren Spaziergängen mit Beppo über die strahlenden Plätze und durch die zahllosen Gassen Roms, auf den Treppen der Piazza di Spagna, unter den vorbeiflitzenden Schwalben oder auf dem Brunnenrand barocker Fontänen im Strudel der Pilger aus allen Teilen der Welt ihr Material studiert und ihre Methode entwickelt haben. Diese wird sie dann in ihrer monatelangen Verlobungszeit in einem kühnen Feldzug gegen die Wälle und Befestigungen seines im wesentlichen barbarischen Geistes ausprobiert haben.

Balsamo war übellaunig und reizbar; er wird sich wie eine Bulldogge gegen die Bekämpfung all jener Laster und Tugenden gewehrt haben, die sie beschlossen hatte, ihm abzugewöhnen, Eigenschaften, welche wie Unkraut die festen Umrisse Cagliostros überwucherten. Sie mußte ihn von seiner gemeinen sizilianischen Pfennigfuchserei kurieren; von der Gewohnheit, in Augenblicken der Gefahr wie ein Köter um sich zu beißen und zu bläffen; von seiner Liebedienerei und Prahlerei, die beide in der Gesellschaft nicht am Platze sind; von seiner Furcht und seinem Haß gegen die Polizei, um ihm statt dessen einen unerschütterlichen Gleichmut einzuimpfen. Ein heikles und gefährliches Unterfangen, denn das Gleichgewicht seines Selbstvertrauens durfte dabei auch nicht mit einer Feder berührt werden, sonst war alles verloren: der Geliebte und das Abenteuer. Bedeutender und leichter zugleich war die Zwillingsaufgabe, den geläuterten Rest zu stärken; aus dem Lügner einen Visionär zu machen; aus dem Wust seiner Prahlereien eine zusammenhängende Geschichte herauszuschälen und ihn auf diese zu beschränken; seinen Hang zur Kuppelei abzulenken und ihn zu zwingen, sich auf den Handel mit weniger irdischen und auch kostbareren Waren als bloßem Weiberfleisch zu konzentrieren. Außerdem mußte sie ein schlummerndes Regietalent, wie er es dem sizilianischen Goldschmied gegenüber bewiesen hatte, wecken; die farbigen Fetzen der Sage und des Aberglaubens aus seinem Lumpensack von Gedächtnis sammeln und zusammenflicken; seine Angst vor Teufeln sowie seinen Glauben an übernatürliche Kräfte nähren und endlich – persönlich an all das, nicht zuletzt an ihn selbst, glauben.

Kurz und gut, sie hatte Glück und Urteilskraft, aber keine moralischen Hemmungen. So machte sie aus der Null: Beppo Balsamo eine Persönlichkeit, so löste sie das dunkelste Problem menschlicher Dynamik, indem sie aus einem Wirrwarr lüsterner Widersprüche einen einheitlich starken Willen schuf, der sich als treffsichere Kugel statt einer Ladung Schrot gegen die Welt entlud. Wie groß oder klein ihr Anteil an dem Abenteuer auch gewesen sein mag, der Abenteurer selbst war ihr Werk: eine seltenere und gefährlichere Operation, als irgendeine der magischen Prozeduren Cagliostros.

Die Richtung der neuen, durch die Liebe, Eitelkeit und Eingebung einer klugen kleinen Ladengehilfin freigewordenen Kraft führte über den Geist des Jahrhunderts zu einer persönlichen Macht, welche beide, er wie sie, sich als so groß wie möglich ohne irgendwelche Grenzen oder feste Einzelbegriffe vorstellten. Dieser Geist offenbarte sich, da man ja im Zeitalter der Vernunft lebte, in einem Hang zum Mystizismus. Sagen wir es offen: die primäre Wirkung unseres Wissens um die Gesetze des Universums ist ein Gefühl des Gestrandetseins, ein Gefühl der Verzweiflung und des Ekels, das sich häufig zu einer Flucht vor der Wirklichkeit steigert. Das Zeitalter Voltaires ist zugleich das Zeitalter der Märchen; das umfangreiche »Cabinet des Fées«, von dem einige Bände Marie Antoinette in ihrer Zelle getröstet haben sollen, fand seinen Platz auf dem Bücherbord Seite an Seite mit den Werken der Enzyklopädisten. »Alice im Wunderland« gehört der nämlichen Periode an wie »Der Ursprung der Arten«; beider Erscheinungsdaten liegen nur sieben Jahre auseinander. Ja, die Anfänge der Volkspoesie müßten von Rechts wegen in die Zeit gelegt werden, da der primitive Mensch seine strahlenden Illusionen verlor. Dieses Gefühl des Ekels und die Sehnsucht, der Wirklichkeit zu entrinnen, waren im achtzehnten Jahrhundert besonders stark. Die betreffende Epoche zeichnete sich vor allem durch eine ungewöhnlich klare Erkenntnis der Gesetze aus, die unser Dasein beherrschen. Man kannte die Natur der Menschheit, ihre Leidenschaften und Instinkte, ihre soziale Organisation, Sitten und Möglichkeiten, ihren Wirkungskreis im Rahmen des Kosmos und die vermutliche Länge und Breite ihres Geschicks. Die Flucht vor der Wahrheit führt logischerweise in das Reich der Illusion, an die letzte Zufluchtsstätte jener von uns so gepriesenen pragmatischen Lüge, deren mögliche Variationen wiederum die Armseligkeit des Menschen beweisen. Der kürzeste Weg aus Manchester ist eine Flasche Gin; dem Geschäftsmann winkte die Schimäre Paris, und für Paris wie für das Mittelmaß an Talent und Einbildungskraft gibt es als letzte Rettung Narkotika, angefangen bei der subtilen Allmacht des Opiums und endigend bei dem trügerisch lockenden Kokain. Daneben gibt es noch die herrlichen Betäubungsmittel: Religion, Musik und Hasard. Die merkwürdigste und älteste von allen aber ist die Magie, und auf diesem Seitenweg schlug das Paar, halb Priester, halb Anreißer, eine Art Auswandererbüro für alle jene auf, die aus dem allzu soliden Herzogtum Mailand nach der Insel Prosperos flüchten wollten. Zutiefst befaßt sich die Magie mit den schöpferischen Kräften des Willens, während sie in ihrer niedrigsten Form nichts als ein barbarischer Rationalismus ist, der erste all unserer Versuche, den Himmel zur Vernunft zu zwingen. Ob jene verzweifelte Flucht vor der Wahrheit irgendeine Wahrheit birgt, ist an sich belanglos; wichtig für unsere Geschichte ist der Hinweis, daß die Operationen Cagliostros von seiner Fähigkeit abhingen, jenen Willen, der sich Glauben nennt, nicht nur an die Schar der Anhänger, sondern an den Führer selbst, in einen einzigen Brennpunkt zusammenzufassen. Superkluge Dummköpfe pflegen Typen wie Cagliostro schlechtweg als »Heuchler« oder »Gauner« zu bezeichnen, eine These, mit der sich weder die Geschichte noch die primitivste psychologische Wissenschaft abspeisen lassen. Die Voraussetzungen für dieses Abenteuer des Willens und des Glaubens waren ein absolut einheitlicher Wille und eine zum mindesten brauchbare vorübergehende Überzeugung; ohne diese beiden Dinge bis zu einem gewissen Grade zu besitzen, hätten Cagliostro und Seraphina nicht einmal einem Bauernlümmel einen Goldbarren verkaufen können. Ihre Zuhörerschaft aber war gebildet, differenziert, phantasievoll und dabei so kritisch wie das Premierenpublikum einer Galaoper. Selbst auf dem Gebiete der politischen Zauberei muß der Magier an sich selber glauben, wenigstens so lange die Vorstellung dauert.

Aber Wille und Glaube bedürfen, um Absatz zu erzielen, eines Vermittlers, das heißt, einer Persönlichkeit. Der Kern einer Persönlichkeit ist ihre Vergangenheit. Lorenza – noch hat sie sich nicht in Seraphina verwandelt – machte sich daher ans Werk, aus dem üppigen aber unzusammenhängenden Geschwätz ihres Liebsten eine »ne varietur«-Ausgabe zusammenzustellen, deren letzte Fassung eine äußerst merkwürdige Geschichte ergab. Die Vorgänge in Palermo waren darin gestrichen, ebenso wie Beppos Charakter zu dieser Periode. Cagliostro war, so kamen sie überein zu glauben, der unglückliche Sohn des letzten Herrschers von Trapezunt, der durch den Ruin jenes entlegenen Reiches enterbt und in die Verbannung geraten war. Auf der Flucht fiel er in die Hände von Banditen, die ihn in Mekka als Sklaven verkauften. Hier erstand ihn der edle Scherif, um ihn in die Lehren der Kabbala einzuführen. Doch als er heranwuchs, vermochten weder die Großmut noch die Kunst des Scherifs seinen Ehrgeiz zu zügeln, und endlich ließ der Magier ihn ziehen, nachdem er ihm zuvor den romantisch mitleidigen Titel: »Unglückliches Kind der Natur« verliehen hatte. Auf seinen Reisen traf er mit den tanzenden Derwischen einer osirischen Brüderschaft und dem Dom Daniel der Alchimisten zusammen, die ihn alle ehrenvoll aufnahmen, ihn in ihre Mysterien einweihten und ihn endlich widerwillig von neuem seiner unstillbaren Wanderlust überließen. In Damaskus begegnete er dem Hohenpriester aller arkanischen Weisheit, Althotas und schiffte sich mit ihm nach Malta ein, wo die im Verborgenen lebenden Nachkommen der Gnostischen Ritter ein geheimes Laboratorium besaßen. Hier verrichteten Althotas und er Wunderwerke der geistigen Chemie, indem sie auf alle nur mögliche Art unzerlegbare Elemente umschufen und verwandelten. Vorsichtig deutete er an, daß er gezwungen gewesen sei, Althotas zu töten.

Was nun Lorenza betrifft, so begnügte sie sich mit suggestiver Mystik und dem Namen Seraphina. Der Phantasie wurde weitester Spielraum gelassen. Lorenza half ihr nur durch gelegentliche Hinweise, wie einen ausländischen Schnitt in der Kleidung und einen ausländischen Akzent in sämtlichen Sprachen nach.

Mit dieser fertigen Ausrüstung an Persönlichkeit, Willen und Glauben konnte das Abenteuer seinen Anfang nehmen. Zuvor aber tauchte ein Hindernis auf. Das Paar wohnte im Hause von Lorenzas Eltern. Noch nie in seinem Leben war es Cagliostro so gut gegangen. Er kannte die Welt besser als Seraphina und versicherte ihr, es sei Torheit, von dort fortzugehen. Mit einer soliden Grundlage von drei reichlichen Mahlzeiten am Tag und einem warmen Federbett würden seine Talente sich am besten in Rom entwickeln. Ihre Pläne ließen sich recht gut von dieser Basis aus verwirklichen.

Seraphina wußte nicht, was tun. Das Schicksal mußte ihr zu Hilfe kommen. Als alles bereits verfahren schien und es den Anschein hatte, als würde das edle Paar seine Kräfte mit Chiromantie, Prophezeihungen und Horoskopstellen in jenen Hintergäßchen vergeuden, warf Vater Feliciani, dem weder das Gesicht noch die Schwindeleien und Ansprüche des Herrn Schwiegersohnes gefielen, sie beide zum Haus hinaus. Mit mürrischer Miene, die völlig unfreiwillig seiner Maske den letzten Schliff verlieh, zog daher der Graf Alexander Cagliostro eine fast neue preußische Obristenuniform an (seine mysteriöse Seraphina hatte dafür den zwölften Teil ihrer Ersparnisse geopfert) und bestieg, begleitet von einer Dame im Samtmantel und Kapuze, die Postkutsche nach Mailand.

Wir wissen nichts Näheres über ihre Abenteuer in den nun folgenden Jahren, aber selbst ein schlichter wahrheitsgetreuer Bericht wäre wahrscheinlich eine bessere Lektüre gewesen als sämtliche Gedichte jener Epoche. Statt dessen besitzen wir die Aufzeichnungen des Herrn Inquisitors, der sich mit der Schilderung und Aufzählung der von ihnen Geprellten – das offizielle Synonym für die Konvertiten eines Ketzers – begnügt. Unter ihnen befinden sich sämtliche Figuren eines historischen Dramas: italienische Grafen, französische Gesandten, spanische Marquisen, Herzöge und maskierte Damen von Welt. Das Paar taucht in Venedig, Mailand, Marseille, Madrid, Cadix, Lissabon und Brüssel auf. Es reiste in einer lackierten schwarzen Kutsche mit einem vornehm schlichtgoldenen Wappen auf den Kutschenschlägen und sechs bewaffneten Bedienten in einer dunklen Livree mit einer großen Menge Gepäcks.

Überall, wo sie abstiegen, wandten sie die gleiche Einführungstechnik an, die sie wahrscheinlich in den harten Tagen ihres Aufstiegs erlernt hatten. Die romantische Kutsche pflegte vor dem besten Gasthaus der Stadt anzuhalten. Ihre Mahlzeiten nahmen sie in ihren Gemächern ein und verlangten dabei mit ernster Stimme und deutlichem, aber undefinierbarem ausländischen Akzent allerlei fremdartige Gerichte. Anfänglich werden sie wohl kleine Komödien inszeniert haben, in deren Verlauf Seraphina mit unendlich traurigem, liebreizendem Ausdruck sich an irgendeinem Hotelfenster zeigte, oder man arrangierte unvorhergesehene Zusammenstöße auf der Treppe, wobei der Graf sich auf langatmige, eindrucksvolle, altmodische Art entschuldigte, die das rechte Maß von Neugier erregen mußte. Sobald sie sich aber eine Dienerschaft zulegen konnten, die sich bestechen und ausholen ließ, war die Einführung bedeutend leichter.

Der Beruf des Zauberers, den unser Zigeunerpaar zu solcher Vollendung brachte, gehört zu den gefahrvollsten, anstrengendsten und feinsten Betätigungen der Phantasie. Einerseits muß er mit der Feindschaft Gottes und der Polizei rechnen; andererseits ist er so schwierig wie die Musik, so tief wie die Poesie, so erfindungsreich wie die Bühnenkunst, so aufreibend wie die Herstellung von Explosivstoffen und so heikel wie der Handel mit Rauschgiften. In seinen technischen Aspekten ist er, besonders in den hohen Gesellschaftskreisen, in denen Cagliostro und Seraphina sich bewegten, vorwiegend sozial. Denn er zielt darauf ab, die tiefsten Sehnsüchte des Menschenherzens zu befriedigen, und diese sind nur selten individuell; seine Werkzeuge sind geheime Gesellschaften. Die Furcht vor dem Tode, geheimes sexuelles Verlangen nach übersinnlichen Schrecknissen und Wonnen und alle die übrigen verworrenen Beweggründe, welche die Menschen Mohammed, Beethoven oder Cagliostro in die Arme treiben, lassen sich außer durch die Kirche, ein Orchester oder die Freimaurerei nicht hinreichend befriedigen. Auf dem Gebiete des Okkultismus muß ein derartiger Apparat geheim sein, denn er ermöglicht ja nicht die Rettung, sondern lediglich eine Flucht, eine Flucht aus dem Gefängnis der Wirklichkeit in eine andere Welt ohne Geburt und Tod, außerhalb der Flut organischen Lebens mit einem anderen Rhythmus als das ewige Auf und Ab von Empfängnis, Verfall, Essen und Verdauen. Die Inschrift über der kleinen Seitentür, an der Cagliostro den Schlüssel aufhängte, lautete:

Oser
Vouloir
Se Taire Wagen. Wollen. Schweigen.

Das leichter faßliche Gegenstück zu den Taten, die das Paar auf seinen Wanderungen durch Europa vollbrachte, ist nicht etwa in einer Reihe von unvorhergesehenen Streichen, wie denen des Gil Blas oder Eulenspiegel, zu suchen, sondern in den ehrwürdigen Berichten von Missionaren, die ihren Glauben predigten und Kirchen bauten. Cagliostros und Seraphinas Aufgabe bestand nicht in der Aufstellung einer schwarzen Liste, sondern in der Gründung eines Kults. Sie fingen sich Konvertiten ein, die sie sich zu erhalten wünschten, nicht etwa Geprellte, vor denen sie hätten fliehen müssen, sondern Jünger, welche in das Register der eingetragenen Mitglieder der ägyptischen Freimaurerei der Hohen Wissenschaft aufgenommen wurden, deren Vorsitzender der große Unbekannte war, welcher in den unerforschten Schlünden des Mondgebirges hauste. Großkophta aber von Europa und Asien war der Graf Alexander Cagliostro, Großmeisterin die aus irdischen Banden erlöste Seraphina.

Das Netzwerk dieser Organisation, die zum Schluß ihre Fäden in einem Umkreis von tausend Meilen durch ganz Europa spann, ist keineswegs, wie durch Zauberei, über Nacht entstanden. Vielmehr müssen die ersten Zusammenkünfte zwischen dem Zaubererpaar und seinen Adepten, jene Sitzungen in den verdunkelten Salons der auf seiner Reiseroute gelegenen Gasthäuser, Meisterwerke der Suggestion gewesen sein. Denn einstweilen konnten sie für die gewaltige Maschinerie keine Propaganda machen, da von ihr noch kein Rädchen existierte. Der Neugierige, der das erste Diner auf ihrem Abenteuerzuge bezahlte, wird einer Vorstellung von ungewöhnlich künstlerischem Wert beigewohnt haben, einem virtuos abgekarteten Spiel, das durch die Reden des Mannes und das Schweigen der Frau wirkte, und das mit den späteren komplizierten Übungen des ägyptischen Ritus so wenig gemein hatte, wie die Lyrik mit dem Drama. Trotzdem war der Artikel, den das Paar damals vertrieb, nämlich Mystik und der Verkehr mit dem Unsichtbaren, das heißt, spiritistische Romantik, selbst ohne große Aufmachung im wesentlichen der gleiche.

Aus diesem kümmerlichen Anfangsstadium eines Künstlers entwickelte sich rasch das eigentliche Abenteuer. In der zweiten Stadt, in der sie haltmachten, konnten sie bereits mit einer Materialisierung des Teufels aufwarten. In der dritten führten sie eine Reihe von Verwandlungen vor, die zum eisernen Bestand der Zauberkunst gehören, aus Hanf wurde Seide, aus Kieselsteinen Perlen, aus Pulver Rosen. Sie besaßen eine Kristallkugel, in der irrisierende Bilder sich widerspiegelten: Schlafzimmer-Interieurs, rätselhafte, sehnsüchtige Landschaften, weite Perspektiven, in denen Gestalten der Vergangenheit und Zukunft, wie sie sich dem Beschauer als Lohn für beharrliches Hineinstarren zu zeigen pflegen, auf und ab wandelten. Gegen entsprechendes Entgelt zeigte Cagliostro seinen Klienten eine Alraune, ein kleines unter der Erde lebendes Geschöpf, das nachts an den Wurzeln von Bäumen weint und schreit und das »den wollüstig geheimnisvollen Tränen eines Gehenkten« entsprießt. Man erzählte von ihm, genau wie von Descartes, er führe eine atlasgefütterte Truhe mit sich, in der eine sechs Zoll große Sylphe von wunderbarer Schönheit und Lebendigkeit hauste. Auch befleißigte er sich der Kunst des Grafen Kueffstein. Dieser verstand es, durch feinste Destillation und Fermentation Homunkuli herzustellen, die Fragen zu beantworten wußten und in Flaschen lebten. Letztere mußten allerdings sorgfältig versiegelt werden, da die kleinen Wesen äußerst zänkisch waren.

Aber all diese Kuriositäten waren nur Präliminarien, Vorschüsse auf die unvergleichlich viel größeren Mysterien, die den Gläubigen erwarteten. Cagliostro führte sie als Reklame vor, genau wie ein Wanderzirkus einen Jongleur und einen Clown vor der Aufführung auf der Plattform vor der Theaterkasse sich zeigen läßt. Wer weiter in die Geheimnisse einzudringen wünschte, mußte sich der ersten Weihe der ägyptischen Freimaurerei unterziehen. Diese Weihen wurden, je mehr die Zahl ihrer Anhänger und die Phantasie ihres Erfinders wuchsen, verfeinert und stärker ausgebaut. Was uns an Einzelheiten der betreffenden Organisation überliefert ist, bleibt fragmentarisch und verstümmelt. Man gewinnt daraus ein ungefähr ebenso schlechtes Bild von der Wirklichkeit wie ein feindlicher Detektiv, welcher der Geheimaufführung einer Oper beiwohnen soll, und der statt dessen nur das Geschwätz der Kulissenschieber hört. Die Musik fehlt in diesen boshaften Berichten des Inquisitors, ebenso die ganze Handlung und der Glanz.

»Die Männer, die den Meisterrang errungen haben, nehmen die Namen der alten Propheten an; die Frauen die der Sibyllen.

Die Großmeisterin Seraphina bläst den weiblichen Adepten von der Stirn bis zum Kinn ihren Atem ins Gesicht, mit den Worten: ›Ich gebe euch diesen Atem, auf daß in euren Herzen keimen und Leben gewinnen möge der Geist der Wahrheit, den wir in den Namen Helios, Mene, Tetragrammaton besitzen.‹

Der Empfänger wird alsdann durch einen dunklen Gang in eine mächtige Halle geführt, deren Decke, Wände und Boden mit schwarzem Tuch ausgeschlagen sind. Dieses ist mit Schlangen bestickt. Drei Grablichter glimmen dort, von Zeit zu Zeit erhellen sie gewisse traurige menschliche Überreste in Leichentüchern. Ein Haufen Skelette stellt den Altar dar. Ihm zu Seiten sind Bücher aufgetürmt. Einige von diesen enthalten Drohungen gegen Meineidige. Andere berichten von den Taten des unsichtbaren Rachegeistes. So vergehen acht Stunden. Endlich gleiten Phantome langsam durch die Halle und versinken in der Erde, ohne daß man das Geräusch von Falltüren hörte.

Der Novize verbringt vierundzwanzig Stunden in diesem Schweigen. Strenge Fasten haben sein Denkvermögen geschwächt. Man versorgt ihn mit geistigen Getränken, die seine Willenskraft untergraben und ihn schläfrig machen.

Zu seinen Füßen stehen drei Kelche. Endlich erscheinen drei Männer. Diese legen ein hellfarbiges, blutgetränktes und mit silbernen, zuweilen christlichen Zeichen beschriebenes Band um seine Stirn. Kupferne Amulette, darunter auch ein kupfernes Kruzifix werden um seinen Hals gebunden. Man zieht ihn nackend aus und beschreibt mit Blut Zeichen auf seine Haut. In dieser beschämenden Lage nähern sich fünf mit Schwertern bewaffnete, blutbespritzte Phantome. Sie breiten einen Teppich aus, auf den er niederknien muß. Der Scheiterhaufen wird angezündet. In dem Rauch erblickt man eine riesenhafte durchsichtige Gestalt, welche die Eidesformel vorspricht usw.«

All dies Zeug ist wahrscheinlich nicht schlechter als der übliche Hokuspokus irgendwelcher anderer Geheimgesellschaften. Aber in diesen schwachen und verstümmelten Spuren dessen, was in seiner ursprünglichen Gestalt zum Teil sicher nur Pappe war, darf man nicht auch nur einen Hauch jener hohen Begeisterung zu finden hoffen, die einst kluge und ernste Geister erregte. Das Ganze ist nichts weiter als das verkohlte Blatt einer Partitur, die in einer Tonart und für Instrumente geschrieben wurde, welche uns auf ewig verlorengegangen sind.

Dagegen vermögen wir bei unserem Kramen zwischen diesem Gerümpel anderes zu entdecken: eine Spur, die uns den Entwicklungsgang des Abenteuers erkennen läßt. Der ganze oben geschilderte Plunder ist ein religiöser, kein magischer Ritus. Das heißt, sein Zweck ist der aller Mysterien: die Einführung in eine Methode, um Unsterblichkeit der Seele zu erlangen. Die Todesfurcht hat wie ein Golfstrom des menschlichen Geistes, der den tiefsten Tiefen unserer Natur entspringt, das Paar vollkommen von seinem ursprünglichen Weg abgetrieben. Statt einer Flucht vor der Welt bieten sie jetzt nur ein Entrinnen vor dem Grabe. Ihr magisches Puppentheater hat sich in einen religiösen Zirkus verwandelt. Statt mit Sylphen, handeln sie mit Gespenstern. An Stelle eines Narkotikums gegen den Lebensüberdruß verkaufen sie ein Elixier zur Verlängerung des Lebens in saecula saeculorum.

Aber wir können auf diesen Fahrten der schwarzlackierten Kutsche ihres Geschicks über die Heerstraßen Europas noch weitere Pferdewechsel beobachten. Das unglückliche Kind der Natur macht, wenn auch nicht in dem Wissen vom Übernatürlichen, so doch in der Menschenkenntnis Fortschritte. Er entdeckt, daß die Mittelchen gegen das Leben noch viel begehrter sind, als selbst Mittel gegen den Tod, und er beeilt sich, der Nachfrage nachzukommen. Er ist den Winken seines Schicksals so gehorsam wie Casanova. Als er merkt, daß Seraphinas Körper noch besser gefällt als ihre »Aura«, ist er, wie der Inquisitor schreibt, bereit, auch darin sein Publikum zu versorgen. Seraphina ebenfalls. Mit voller Schwungkraft stürzt er sich (denn der Weg führt nun einmal in die Tiefe) hinab zu den gemeineren Abarten der schwarzen Kunst. Er verzichtet auf ihre Finessen und braut von jetzt an Liebestränke, ja, er besitzt das Geheimnis, Kupfer in Gold zu verwandeln. Sein Ariel wird nicht länger um die himmlische Musik der Sphären gebeten, sondern um Mittel gegen die Gicht. Die edlen und feinen Seelenschmerzen, die er kurieren soll, entpuppen sich samt und sonders als ganz gewöhnliche Begierden – als Gier nach Gesundheit, Frauen, längerem Leben und – nach Geld. Es ist seltsam zu beobachten, wie die Pharmakopoe der Cagliostroschen Künste zusammenschrumpft, je mehr er selbst an Weisheit wächst, bis sie zum Schluß nur noch das eine Kapitel der Alchimie, das alleinige Geheimmittel für den alleinigen elementaren Trieb des Menschen, die Gier nach Gold, umfaßt. Die schwierige Therapeutik des Weltschmerzes läßt sich nach Cagliostros Erfahrungen in Rezepte gegen unglückliche Liebe, schlechte Gesundheit und quälende Todesfurcht auslösen; alle diese sind wiederum bei wissenschaftlicher Berechnung entbehrlich, sobald er das Geheimnis, rasch und bequem reich zu werden, lehren kann. So beschreitet er den ausgetretenen Pfad, der von der Magie über die Quacksalberei zur Psychologie führt.

Währenddessen verfolgt seine Gefährtin Seraphina parallel mit ihm ihren eigenen Weg zum Wissen. Zu ihrem Ärger muß sie lernen, daß alle Männer im Weibe das Geheimnis suchen, und darüber hinaus Poesie und jenseits dieser die Liebe und zum Schluß die Befriedigung der dringendsten Begierde. Nach der Begierde aber kommt die Sättigung, und nach der Sättigung Zweckmäßigkeit – eben der Zweck, zu dem Cagliostro sie gebrauchte, – ihm Geld zu verschaffen. So landet sie nach einem ungemütlichen Abstecher auf dem Gipfel seiner eigenen Erfahrung.

Die beiden finden sich also in dieser Wissenschaft von menschlichen Herzen, die unendlich viel ehrwürdiger als die ägyptische ist, und jetzt führt ihr gemeinsamer Weg auf lange Zeit aus dem Nebel hinaus in die nüchternste Prosa. Sie wurden Partner in dem Handel mit Unsterblichkeit-Liebestränken und Alchimie, der genau wie jedes andere Geschäft seine Konjunkturen hat. Höchstwahrscheinlich beruht die Vermutung, daß Cagliostro bereit war, auch den weitverbreiteten Bedarf nach raschen und zuverlässigen Giften zu decken, auf Wahrheit. Dieser Artikel war besonders in den adeligen Familien, die den geschätztesten Teil seiner Kundschaft ausmachten, recht begehrt, um verwickelte Probleme der Nachfolge oder häusliche Zwistigkeiten zu lösen. Indes war das nicht der Grund, weshalb seine Scherereien mit der Polizei sich in gesteigertem Maße vermehrten. Man lebte in dem Zeitalter Voisins und der Marquise de Brinvilliers. Auch die Klagen derjenigen, die mit seinen teuren Rezepten, Gold auf eine billige Methode herzustellen, unzufrieden waren, gaben nicht den Anlaß dazu. Die Alchimie kennt, genau wie die Astrologie, keine Skeptiker. Vielmehr hetzten seine religiösen und politischen Machenschaften die Bulldoggen und Füchse der Gesellschaft auf seine Spur; gefährlich wurden ihm die Eingriffe seiner ägyptischen Logen in das Monopol der christlichen Kirche, das heißt, jene seltsame Polsterung demokratischer Lehren, die diese eklektische Dohle in das Nest ihres Rituals hineingebaut hatte.

Cagliostro selbst erkannte klar, wie die Dinge lagen, er wünschte die Ursache zu beheben, indem er das ärgerniserregende Treiben, nämlich den Zweig der ägyptischen Wissenschaft aufgab oder doch zum mindesten beschnitt, um sich in Zukunft auf die weit einträglichere praktische Magie zu beschränken. Allein es war Seraphina nicht um den bloßen Gewinn zu tun. Mit echt weiblichem Idealismus liebte sie alles, was Geld ihr kaufen konnte: besonders das gute Essen (sie teilte Cagliostros enthusiastischen Appetit), die schönen Toiletten und den Luxus, dagegen verachtete oder mißverstand sie den Materialismus des Verdienens. Zwar half sie ihm bei seiner phantastischen Chemie nur widerwillig, außer bei der Herstellung der Liebestränke. Jedoch hörte sie nicht auf, ihn wegen seiner Vernachlässigung des weniger gewinnbringenden, rein Übernatürlichen zu quälen.

So zeigte ihr einheitlicher Wille bereits Spuren der Auflösung. Zornig wandte Cagliostro seinen Blick dem erblichen Ideal seines Volkes zu: dem Dasein eines von seinen Renten lebenden Millionärs. Seraphina aber sah auf Macht und Rang, auf eine Art päpstliche Doppelherrschaft als Haupt einer ungeheuren unterirdischen Kirche. Durch sie wollte sie in den majestätisch kleidsamen Gewändern, die Cagliostro eigens für sie entworfen hatte, über sämtliche romantischen Gemüter Europas das Zepter schwingen, an Thronen rütteln und mittels eines gesunden Optimismus, verbunden mit diskreten Erpressungen, Lebensschicksale gestalten und Huldigungen empfangen.

Zusammenfassend sei darauf hingewiesen, daß das Tempo hier gegen Ende des Abenteuers bereits zu erlahmen beginnt; Cagliostro liebäugelte mit der Sättigung. Seraphina aber ist immer noch in das Abenteuer verliebt. Ihr Flug steigt höher.

Dies ist der Augenblick der Palermo-Katastrophe. Cagliostro wurde mit jedem Tage mürrischer. Man hörte sie häufig miteinander zanken; dem oberflächlichen Lauscher schien es dabei um Geld zu gehen, im Grunde aber handelte es sich um einen tiefen Gegensatz ihrer Pläne, der letzten Endes ausschlaggebend war. Sie fuhren nach Palermo, wo Cagliostro die Bilanz seines Vermögens aufzustellen und sich in das Privatleben zurückzuziehen wünschte. Wir wissen, wie es Mohammed erging, als er den Versuch unternahm, den rasenden Lauf seines Abenteuers anzuhalten; der erbarmungslose Rückstoß der Vergangenheit schleuderte ihn mit erhöhter Schwungkraft vorwärts in immer steilerer Lebenskurve. Cagliostro erging es nicht anders. Das Märchen seiner Vergangenheit hatte die Wirklichkeit in ihm gelöscht, nicht aber in seinen Feinden, deren Rache durch das lange Warten überreif geworden war. Er wurde erkannt und wegen Fälschung des Testaments zugunsten des Klosters und wegen Betrugs oder Zauberei mit dem Schatzgräber und Goldschmied ins Gefängnis geworfen.

Seraphina rettete ihn unter den größten Opfern und Schwierigkeiten. Es gab auch in Palermo eine Loge der Hohen ägyptischen Wissenschaft. Ihr Vorsitzender oder Kophta war der Sohn eines vornehmen sizilianischen Edelmannes.

Seraphina verstand alle Zweifel zu beheben, die dieser Persönlichkeit durch die Enthüllungen über Cagliostros wahren Namen und Vorgeschichte gekommen waren; ja mehr als das: sie erweckte nicht nur sein Interesse an dem Gefangenen (der in einiger Gefahr schwebte, hingerichtet zu werden), sondern einen fanatischen Eifer. Der begeisterte Jünger ging so weit, daß er, als alle friedlichen Mittel, den Fall niederzuschlagen, versagten, mit seinen Anhängern den Gerichtshof betrat, den Staatsanwalt packte und ihn halb tot schlug, bis er sich bereit erklärte, die Anklage zurückzuziehen. Die Richter selbst waren von dem Augenblicke an, da sie von den mächtigen Freunden Cagliostros erfuhren, nicht sonderlich erpicht auf den Fall; sie erklärten daher bereitwilligst, nichts gesehen und gehört zu haben, und unser Graf stand wieder einmal auf freiem Fuße.

Lange Zeit war jetzt die Harmonie der beiden wieder hergestellt; die inneren sich bekämpfenden Kräfte kamen zur Ruhe. Das Paar steht in der glanzvollsten Periode seines Lebens. Das rituelle Tor zu dem unsichtbaren Königreich wird durch beider Phantasie aufs herrlichste geschmückt. Die Ägyptische Loge schleicht sich in alle geheimen Winkel der europäischen Gesellschaft. Ihre Jünger zählen nach Tausenden mit einem ansehnlichen Prozentsatz an Fürsten, Millionären und Hofdamen. Alle Neugierigen, auch diejenigen, die nichts von Cagliostro erhofften, hatten doch zum mindesten seinen Namen gehört. Er und Seraphina und ihre Kutsche wurden zu einem Symbol der Zeit. Manchmal findet man noch in ehrlich unordentlichen Antiquitätenläden Büsten von ihm aus Gips, Biskuit oder Porzellan, »ein ungeheuer gewichtiges Gaunergesicht, ölig, mit wammigem Kinn und platter Nase, voll sinnlicher Gier und stiergleichem Eigensinn, mit einer frechen, nicht zu beschämenden Stirn und zwei seraphisch schmachtenden, verdrehten Augen, dabei leicht spöttisch, kurz das vollendete Quacksalbergesicht ...« Von Seraphina ist meines Wissens nichts auf uns gekommen, das ein so offensichtlich voreingenommenes Porträt wie das Carlyles begründen könnte; doch intuitiv wissen wir, daß ihr Blick noch zwingender als der seine gewesen sein muß, ihre Pose weniger affektiert und weniger ausgesprochen.

Sparsamkeit, der einzige hartnäckige Schönheitsfehler seiner Persönlichkeit, ist jetzt völlig verschwunden. Beide geben mit vollen Händen das Geld aus; dabei ertappt man sie nie beim Geldverdienen, so daß das Rätsel ihres Vermögens die Phantasie angenehm kitzelt. In bewußter oder unbewußter Nachahmung ihres einzigen ernstzunehmenden geschichtlichen Nebenbuhlers, des Appolonius von Tyana, tat Cagliostro noch ein Übriges, indem er den Krankenhäusern und den Armen sein Können unentgeltlich zur Verfügung stellte. Die Reichen hatten oft nicht das Glück, ihn schon beim ersten oder zweiten Besuche anzutreffen; denn er pflegte ostentativ, sobald er in einer Stadt abstieg, das dortige Armenhaus zu besuchen, um an alle Patienten seinen Saturn-Extrakt, das berühmteste und wirksamste Allheilmittel der Zeit, auszuteilen.

1780 kam er nach Sankt Petersburg, wo er weitere Verfolgungen erleiden mußte, vornehmlich von seiten des Hofmedikus, eines Schotten, der der Zarin berichtete, Cagliostros »Spagirische Nahrung«, die das Leben angeblich auf zwei Jahrhunderte verlängerte, sei »schlimmer als Hundefraß«. Der deutsche Gesandte griff gleichfalls mit einer Beschwerde in die Kabale ein. Er bezichtigte den Grafen, daß er unberechtigterweise die preußische Uniform trüge und Cagliostro wurde aus Rußland ausgewiesen.

Auf dieser vollkommen mißlungenen Reise verlor er mehr, als er sich leisten konnte; in Warschau verpfuschte er obendrein noch ein Experiment zur Goldgewinnung und wurde von einem rationalistischen Höfling angezeigt und abermals des Landes verwiesen. Indes gewann er in Berlin, Frankfurt und Wien sein Gleichgewicht zurück. Als das Paar 1783 in Straßburg eintraf, stand es auf dem Höhepunkt seines Abenteuers.

In dieser reichen Stadt, wo die Dächer geschliffen sind und das Straßenpflaster ungehobelt ist, entsprechend dem widerspruchsvollen Charakter der Elsässer, lebte als der maßgebende Mann jener distinguierteste Esel der Weltgeschichte, der Prinz Kardinal von Rohan aus dem königlichen Blut der Bretagne. An diesem Rohan war alles groß: seine Person, sein Reichtum, seine Bedeutung, seine Eitelkeit, seine Gutmütigkeit und die ungeheure Verwirrung, in die er, bei all dieser Größe, sich selbst, den französischen Hof, den Begriff der Monarchie und indirekt damit auch die Geschichte Europas brachte. Die beiden Abenteurer wurden mit der Wucht der Schwerkraft geraden Weges in den Mittelpunkt dieser Verwirrung gerissen, in die Halsbandgeschichte, dem ersten Wetterleuchten des allgemeinen Aufruhrs, der französischen Revolution. Rohan schrieb Cagliostro gleich nach dessen Ankunft, daß er ihn kennenzulernen wünschte. Der Graf erwiderte mit wohlerprobter Technik: »Falls der Herr Kardinal krank ist, so mag er sich zu mir begeben und ich werde ihn heilen, befindet er sich indes wohl, so braucht er mich nicht und ich ihn auch nicht.« Der Abbé Georgel, des Prinz Kardinals Biograph, schildert ihre weiteren Beziehungen wie folgt:

»Nachdem der Prinz sich endlich den Eintritt in Cagliostros Heiligtum verschafft hatte, erblickte er, laut seinen eigenen Worten an mich, in der Physiognomie des unzugänglichen Mannes etwas Würdiges, Imponierendes, so daß er eine Art religiöse Ehrfurcht empfand und ihn respektvoll anredete. Ihre Begegnung, die nur kurz war, verschärfte mehr denn je den Wunsch des Kardinals, ihn näher kennenzulernen. Er setzte dies auch durch, und der Kurpfuscher gewann, scheinbar ohne sich darum zu bemühen, das Vertrauen des Prinzen und die Herrschaft über seinen Willen. ›Ihre Seele‹, erklärte er dem Prinzen eines Tages, ›ist meiner würdig; Sie verdienen es, Mitwisser all meiner Geheimnisse zu sein‹. Diese Worte nahmen Herz und Sinn eines Mannes, der von jeher den Geheimnissen der Alchimie und Botanik nachgespürt hatte, vollauf gefangen. Sie kamen von nun an häufig und auf lange Zeit zusammen. Ich erinnere mich, einmal aus einwandfreier Quelle gehört zu haben, daß des öfteren kostspielige Orgien in dem erzbischöflichen Palais zu Straßburg stattfanden, auf denen der Tokaier zu Cagliostros und Seraphinas Ergötzen in Strömen floß ...«

Eine weitere wichtige Tatsache erfahren wir von einem anderen Zeugen aus dieser Periode, einem gewissen Professor Meiners aus Göttingen: »Die Dunkelheit, in die dieser Cagliostro die Quellen zu hüllen weiß, aus denen er sein gewiß ungeheures Vermögen schöpft, trägt mehr noch als seine Freigiebigkeit und seine Wunderkuren zu der Auffassung bei, daß er ein bedeutender göttlicher Mensch sei, welcher die geheimsten Vorgänge der Natur belauscht und ihr das Geheimnis der Goldmacherkunst abgerungen hat –« Wieder einmal die Goldmacherkunst!... Außerdem war er in, für ihn, schlechte Gesellschaft geraten. Es handelte sich dabei um eine gewisse Jeanne de St. Rémy de Valois, eine arme Verwandte des französischen Königshauses, ein kluges Geschöpfchen mit einer Vogelstimme, die just an der Grenze des Abenteuers und des vorsätzlichen Schwindels lebte. Sie hing an Rohan so fest wie Cagliostro, nur mußte sie sich dabei ausschließlich auf ihren Geist, ihren zierlichen Körper und ihr Wissen um manchen Hofskandal stützen. Einer der tollsten war der lange bittere Streit zwischen Rohan und Marie Antoinette, weshalb auch der Kardinal gleichsam in Verbannung in Straßburg leben mußte. Jeanne wußte auch von dem Diamanthalsband, dem Augapfel der Hofjuweliere Böhmer und Bassenge, welche in der vergeblichen Hoffnung, einen Käufer zu finden, zu ihrem Unglück den Wert eines Kriegsschiffes in dem kostbaren Schmuck investiert hatten. Der Hof und Rohan wußten, daß die Königin stark versucht gewesen war, das Halsband zu erwerben. Allein die chronische Ebbe in der königlichen Schatulle, der König oder ihre eigene Vernunft hatten sie bisher davon zurückgehalten. Jeanne hatte das mystische Tête-à-tête Rohans und Cagliostros durch Unterbreitung eines Planes gestört, an dem mitzuwirken der Großkophta nach langem Sträuben sich widerwillig bereit erklärte. Cagliostro brannte darauf, endlich den Nachtisch der Mahlzeit zu verspeisen; er wollte mit einem Schlag genug verdienen, um das übersinnliche Abenteuer in das von uns bereits erwähnte, solide, materielle Schloß in Sizilien zu verwandeln. Hiermit sind wir an dem Punkt angelangt, da sein Einzelschicksal zerbricht, ein Los, vor dem Seraphinas stützende Hand ihn bisher bewahrt hatte.

Die zu verteilende Beute war ungeheuer groß: genau genommen, der Gegenwert des Diamanthalsbandes. Die Königin wollte es besitzen. Rohan war der einzige Mensch in ganz Frankreich, der es zu kaufen imstande war. Jedoch Jeanne stützte sich auf Besseres, als auf dieses zufällige Zusammentreffen, denn die reine Wahrheit ist kein Köder für Narren. Sie kannte Rohan, und sie erzählte ihm, die Königin hätte sich in ihn verliebt; bis über die Ohren verliebt; so sehr verliebt, daß sie sich sehne, das Halsband aus seiner Hand zu empfangen.

Es gibt eine ganze Literatur über die Frage, wieweit Jeannes Behauptungen auf Wahrheit beruhten und bis zu welchem Grade ihre offensichtlichen Lügen sich steigerten. Wir wissen, daß sie eine Lügnerin war, aber wir wissen auch, daß Marie Antoinette von dem Vorrecht einer hübschen Frau, leichtsinnig und treulos zu sein, gern Gebrauch machte; ferner wissen wir, daß sie Rohan bitter haßte. Uns interessiert lediglich, daß Rohan in eine Falle geriet – wessen, das wissen wir nicht – und daß Cagliostro seine sämtlichen Geister, Künste, Voraussagungen und übernatürlichen Ratgeber zu Hilfe rief, um ihn hineinzulocken. Der großartige Esel kaufte das Halsband und sandte es durch Jeanne der Königin und von diesem Augenblick an hörte man nichts Authentisches mehr darüber.

Allein die menschliche Dummheit, der Quell, den jene beiden Kenner erschlossen hatten, ist letzten Endes so unzuverlässig und unberechenbar wie irgendeine Naturkraft: Wind, Feuer oder Wasser. In diesem Falle sollte sie Beider Ruin werden. Hätte Rohan nur einen Funken Verstand gehabt, die Verschwörung wäre geglückt. Statt dessen mußte der Narr die Dummheit begehen, die Juweliere Böhmer und Bassenge aufzusuchen, um ihre Dankesbeteuerungen entgegenzunehmen und sich in seinem Edelmut zu sonnen. Ja er gab ihnen zu verstehen, sie hätten nicht ihm, sondern der Königin zu danken, was sie prompt taten.

Es gibt Augenblicke in der Geschichte, in denen der Geist voll Staunen und Erregung inne wird, daß der Gang der Ereignisse, den er bisher verfolgte, nur ein Vorspiel war. So war es 1914 mit der Brücke von Serajewo, so mit Böhmer und Bassenges Besuch bei Marie Antoinette in Versailles. Es ist, als schrecke uns das Klopfen eines Dirigentenstabes auf, und es folgt das Dröhnen der Trommeln des gewaltigen Schicksalsorchesters, dessen unsichtbare Gegenwart wir völlig vergessen hatten.

Rasselnd geht der Vorhang über der ersten Szene der Revolution auf. Alle Handelnden spielen ihre Rollen ohne den geringsten logischen Fehler, als hätte man sie sorgfältig geschult, sich möglichst töricht zu benehmen. Mit vollendeter Natürlichkeit läßt die Königin Rohan gerade in dem Augenblick verhaften, da dieser Schritt das größte Aufsehn erregt und ihrem Rufe am meisten schadet: am 15. August 1785, Mariä Himmelfahrt, als er vor versammeltem Hof die Messe liest. Ihre Beamten gestatten, daß Rohan seine sämtlichen Papiere vernichtet, damit die Affäre unaufgeklärt bleibt und so viel Schaden wie möglich anrichtet. Cagliostros unmittelbar darauf folgende Verhaftung sorgte mit verstärkter Sicherheit dafür, daß selbst die entlegensten Kreise Europas der öffentlichen Untersuchung, die das Parlament von Paris über die Tugend der Königin und das Ansehen eines verhaßten Regimes anstellte, mit Spannung folgten. Torheit türmte sich auf Torheit in dem echt burlesken Stil, in dem alle tragischen Kapitel der Weltgeschichte geschrieben sind.

Der Turm, der dieses Gebäude krönte, war das richterliche Urteil; es war unklar und geheimnisvoll und entlastete die bereits verurteilte Jeanne de Valois durch den Freispruch Cagliostros, dessen Mitschuld einen wesentlichen Bestandteil der Anklage bildete. Rohan wurde dadurch zwar nicht zum Schurken, wohl aber zum Narren gestempelt, und auf der Königin Ruf blieb der tödliche Makel einer amtlichen Vertuschung haften.

So scheidet Cagliostro wankend aus der Geschichte; sein Glanz ist getrübt, sein Mysterium in Stücke gerissen und – schlimmer als das – er ist hoffnungslos aus der Mode. Er floh nach England, dem Zufluchtsort alles Überlebten. Wäre er allein gewesen, er würde dort sein Leben beschlossen haben, wahrscheinlich in irgendeinem schäbigen Schuldgefängnis oder als legendäre Bettler- und Säufergestalt vor einer der unkonzessionierten Schenken der Fremdenindustrie, von denen die Umgebung Fleetstreets sich ernährt.

Jedoch die inhaltsschwere Ruhe, die ihn monatelang in London verborgen hält, gerät zum letztenmal in Leben und Bewegung; die verlorene, heroische Hälfte dieser Zweisamkeit, Seraphina eilt zur Rettung herbei. Im Anschluß an diese Neubildung des Atoms, das sein Wille verhängnisvollerweise in Straßburg zertrümmert hatte, folgt eine plötzliche, peinliche Auferstehung des alten Cagliostro. Gleich einem Ertrunkenen taucht er zum letztenmal aus dem Schlamme an die Oberfläche. »Ein gewisser de Morande, Herausgeber des in London erscheinenden Courier de l'Europe, hatte sich seit geraumer Zeit als der unerbittlichste Feind Cagliostros hervorgetan. Cagliostro, der vieles schweigend geduldet hatte, erwähnte wie zufällig an öffentlichem Ort einen Brauch, den er in Arabia petraea beobachtet haben wollte: es scheint, daß die dortigen Einwohner die Gewohnheit haben, alljährlich ein paar Schweine mit Futter zu mästen, in das sie Arsenik mischen, wodurch sozusagen allmählich der ganze Schweinekadaver arsenikhaltig wird; diese arsenreichen Schweine werden alsdann in die Wälder getrieben und von Löwen, Leoparden und anderen wilden Tieren gefressen, welche als natürliche Folge daran sterben. So werden die Wälder von ihnen gesäubert. Diese geschickte Gepflogenheit wählte sich der Sieur Morande als passende Zielscheibe seines Witzes, indem er sie in der siebzehnten und den beiden folgenden Nummern seines Blattes ausgiebig verspottete. Hierauf ließ der Graf Cagliostro in ›The Public Advertiser‹ unter dem 3. September 1786 eine Anzeige erscheinen, in welcher der witzige Sieur aufgefordert wurde, angesichts aller Welt am 9. November mit ihm ein von Cagliostro gemästetes, aber von dem Sieur Morande gebratenes und tranchiertes Schwein zum Frühstück zu verspeisen – der Einsatz war auf fünftausend Guineen Sterling festgesetzt und die Wette lautete, daß er, der Sieur Morande am folgenden Morgen tot, der Graf Cagliostro aber bei bester Gesundheit sein werde. Der arme Sieur wagte nicht einzuschlagen und zog sich mit langem Gesicht aus der Affäre. So umgibt eine Gloriole kupferroten Glanzes den Untergang unseres Erzquacksalbers; so eilt er mit eiserner Stirn und grimmigem Lächeln seinem Geschick entgegen.«

Doch nein, noch einmal erhebt das zusammengeflickte Abenteuer schwach, aber einzigartig sein Haupt aus dem Morast, in dem seine Trümmer versunken sind. Es steuert seinen alten Kurs, diesen graden unbeirrbaren Kurs Seraphinas, der den praktischen Materialismus durchschneidet, wie die Grundlinie des Astronomen den Raum. Wohl konnte ihr Abenteuer abgebrochen werden, wie damals in Straßburg, als Cagliostro sich mit Jeanne herumtrieb, niemals aber ließ es sich biegen. Jetzt, da sie sich triumphierend ihren Mann zurückerobert hatte, vermochte sie keinen neuen Plan aufzustellen; es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Parabel ihres Geschicks noch einmal zu durchfliegen.

Also brachen die beiden in London ihre Zelte ab, genau wie zwanzig Jahre vorher in Rom, um das Leben von vorne anzufangen. Von Seraphina waren nur noch ihre Augen die alten geblieben; Cagliostro war ein lästiges Gepäckstück geworden. Es war im Jahre 1789 in den großen Tagen des Terrors und der Aufregung. Wie zwei Schiffe ohne Mast auf fremdem Meer rollten die beiden durch Basel und Aix-en-Savoi nach Turin; auf jeder Station erschien die Polizei mit einem Befehl zu sofortiger Ausweisung. Nirgends war eine Spur von den ägyptischen Adepten zu entdecken; die Tempel der Unwirklichkeit waren alle verschwunden; die beiden schienen rettungslos verloren. Das einzige Ziel, das Seraphina einfiel, um ihren Kurs darauf zu richten, war Rom. Cagliostro hatte nichts mehr zu sagen; von Grenze zu Grenze trieben sie langsam ihrem Ausgangspunkt entgegen. Oder ihrem Schicksal!

Am 29. September 1789 ertappt sie die Heilige Inquisition bei der Gründung einer neuen ägyptischen Loge, die ein schwacher bettelarmer Schatten der früheren war; sie werden aufgegriffen und hinter Schloß und Riegel in die Engelsburg gesperrt.

Nein; die Göttin des Abenteuers beschließt ihre Geschichten nicht mit einer billigen Pointe, die beim Publikum ein mitleidiges Lächeln oder Gähnen erweckt. Ihr müßt noch einen Augenblick auf das Ende warten, bis das Unvermeidliche sich in seiner obszönsten Form an dem schäbigen ausgemergelten Paar rächt, das so lange gegen das Schicksal konspiriert hatte. Sowohl das unglückliche Kind der Natur wie die Großmeisterin der fixen Idee enden nicht nach den einfachen Regeln menschlichen Dramas. Zickzackkurs und hoher Flug haben sich jetzt vereinigt und das Publikum wartet auf einen feierlich tragischen Ausgang. Trotzdem wäre ein halbwegs glückliches Ende noch möglich gewesen, denn die Inquisition schwankte, ob sie die beiden nicht laufen lassen sollte. Cagliostro hätte sich nach einer Weile in den alten Beppo, eine der Kuriositäten der gewerbetreibenden Hintergäßchen Roms verwandelt, Seraphina in seine würdige, leicht verrückte alte Gattin, deren Augen bis an ihr Lebensende die Menschen bezaubert hätten. Statt dessen bleibt uns nur die sinnlose, unbefriedigende, boshafte Wahrheit. Als die Anklage wegen Gottlosigkeit und »Liberalismus« nahe daran war, aus Mangel an Beweisen zusammenzubrechen, begann Seraphina zu reden. Giftig, verräterisch, verhängnisvoll plauderte sie die Wahrheit aus und mehr als die Wahrheit gegen den Gefährten und den Inhalt ihres Lebens, den Richtern mehr Material liefernd, als sie je zu erlangen gehofft hatten. Ja, sie verriet ihnen sogar das Geheimnis, das Cagliostro am ängstlichsten hütete – alle Einzelheiten über seinen wahren Namen und seine prosaische Herkunft. Eine Art Wahnsinn, wie er mitunter Frauen packt, die in letzter Sekunde vor Gericht ihre Liebsten einem gemeinsamen furchtbaren Verhängnis entgegenhetzen? Eine spezifisch weibliche Schwäche unter der Tortur der Justiz – Gerichtssaal, Polizei, Zelle – unwiderstehlich wie ein Kitzeln an den Fußsohlen? Aber nun löste sich auch Cagliostros Zunge. Zusammen führten sie in der Zelle ein grausiges Duett des Verrats auf. Nächtelang, nachdem sie die Speicher ihrer Erinnerung zugunsten der Polizei geleert hatten, strengten sie sich an, schlaue Anklagen zu erfinden, um sich gegenseitig noch tiefer zu verstricken.

Selbst die Inquisitoren wurden es müde, ihnen zuzuhören. Lange bevor sie in dem alten Gefängnis starben, achtete keine Menschenseele mehr auf die beiden seltsamen alten Trottel.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.