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Zwölf gegen das Schicksal

William Bolitho: Zwölf gegen das Schicksal - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeessay
authorWilliam Bolitho
titleZwölf gegen das Schicksal
publisherBüchergilde Gutenberg
year1946
translatorMarguerite Thesing-Austin
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Casanova

Die letzte Klärung des Charakterproblems läßt sich nur durch das allmächtige Experiment erzielen. Nehmen wir an, irgendein Shakespearescher Gott ließe in einem Anfall von Bosheit Shakespeare ein zweites Mal als Sohn eines englischen Arbeiterführers auf die Welt kommen, oder aber er ließe Napoleon Bonaparte in dem Eiscremehandel von Brooklyn heranwachsen, um dann aufmerksam ein Menschenleben lang ihr Zappeln und Zucken zu verfolgen. Ohne eine derartige Vivisektion lassen sich die durch Erziehung, Umgebung und die Zufälligkeiten der Laufbahn erworbenen Eigenschaften aus dem Kern der eigentlichen Persönlichkeit; dem Ich, dem unsere unstillbare Neugier gilt, unmöglich herausschälen. Trotzdem hat menschliche Anmaßung von jeher versucht, zwischen Helden biographische Parallelen zu ziehen, sich vorzustellen, wie Alexander wohl als Cäsar, oder Casanova als Christoph Columbus gelebt haben würden, oder, was noch näher liegt, zu fragen, was wohl geschehen wäre, hätten sie in unseren und wir in ihren Schuhen gesteckt. Derartige Vergleiche bauen sich auf der unbeweisbaren Hypothese auf, daß des Menschen Verhalten der unmittelbare Ausdruck einer unveränderten Persönlichkeit sei; daß Alexander auch unter anderen Verhältnissen stets der erfolggekrönte Wagehals gewesen wäre, daß Cäsar seinen eisigen Mut auch in ein anderes Leben hinübergenommen hätte. Die Frage muß daher offen bleiben. Weit nutzbringender ist es, unter Ausschaltung des eigenen Ichs zwei Lebensläufe zu vergleichen, die in Umgebung, Lebensumständen und Auswirkungsmöglichkeit so verschieden wie nur möglich sind. Die Rollen zweier militärischer Eroberer, zweier Dichter, Entdecker oder Seeräuber zu vertauschen, hieße sich in einem Labyrinth feinster Abstufungen verlieren. Um glaubhafte oder auch nur interessante Unterschiede und Ähnlichkeiten auszusieben, die zum Verständnis von Persönlichkeit und Leben beitragen, bedarf es der Gegensätze, wie Schwarz und Weiß. Mir liegt daher jede Komik fern, wenn ich den Venetianer Giacomo Casanova dem Mazedonier Alexander an die Seite stelle. Was der keusche, gewissenhaft großartige Halbgott Asiens mit dem ausschweifenden, gewiegten Kartenspieler gemein hat, dessen höchste Leistung in einer Flucht aus dem Gefängnis gipfelt, und dessen ungekürzte Memoiren als nicht zur Veröffentlichung geeignet im Tresor des Leipziger Verlages Brockhaus ruhen müssen, solange es noch den Schatten eines Sittlichkeitszensors gibt, kann sich daher nur auf die Quintessenz des Wesens aller Abenteurer beziehen. Diese Gemeinsamkeit ist nicht nur eine geistige im Sinne einer halbphysikalischen Kraft: der Lebensdynamik, sondern hegt vor allem in der Gleichheit ihrer Flugbahnen. Sie sind Wurfgeschosse, die das organische Gewebe der Gesellschaft durchschlagen; beiden eignet die gleiche erbarmungslose Treffsicherheit, der gleiche unbeirrbare Egoismus, und obwohl die Größe des von ihnen angerichteten Schadens zweifellos erheblich variiert, ist ihre Reichweite doch die gleiche, und dasselbe mysteriös verhängnisvolle Gesetz der Ballistik ließ sie die gleiche persönliche psychologische Tragödie erleben.

Giacomo Casanova war der älteste Sohn eines untüchtigen, aber charmanten Burschen, eines Schauspielers aus Venedig, der eines Kuckucks Auffassung bezüglich der Aufzucht seiner Familie hatte.

Im Familienstammbaum fanden sich entlaufene Nonnen, Glücksritter, Pamphletisten, ein verunglückter Gefährte von Columbus, Kavaliere, die sich ganz der Liebe, dem Krieg oder der Literatur ergeben hatten, leichtsinnige Frauen und altkluge Kinder. Dieser Gaetano, Casanovas Vater, lief aus einem schäbig-vornehmen Vaterhaus davon, einem Dirnchen Fragoletta nach, die in einer wandernden Komödiantentruppe die Soubrettenrollen gab. Hier lernte er kleine Rollen, die er herzlich schlecht spielte. Als Fragoletta seiner überdrüssig war, kehrte er mit einer Schauspielertruppe, die im San Samuele Theater auftrat, nach Venedig zurück. Ihm gegenüber wohnte ein ehrbarer Schuhmacher, Farusi, mit einer theatertollen, lebhaften, fünfzehn bis sechszehnjährigen Tochter, Zanetta. Gaetano überredete sie, mit ihm durchzubrennen. Kurz darauf starb ihr Vater aus Gram.

Jedoch die beiden heirateten, und die Mutter verzieh ihnen. Giacomo, unser Held, war der Erstgeborene. Von seinem Vater, der starb, als er noch ein kleiner Bub war, sah er wenig, von seiner Mutter überhaupt nichts. Zanetta entpuppte sich als weltkluges, intrigantes Frauenzimmerchen und fand schließlich in einer lebenslänglichen Anstellung am Dresdener Hoftheater ihr Glück. So wurde Casanova schmerzlos der frühesten Lebensfessel, seiner Eltern, entbunden. Später bückte er sogar halb vergnügt, halb belustigt auf diese Tatsache zurück. Die blinde Güte seiner Großmutter forderte und erhielt nichts als seine Dankbarkeit. Seine Verwaistheit brachte ihm nur Vorteile, und kaum hatte er das Gehen gelernt, da adoptierten ihn zwei Pflegeeltern: sein Jahrhundert und Venedig.

Diese Stadt war zur Zeit seiner Geburt (1725) der lasterhafteste, bezauberndste Ort der Welt. Ihre prachtvolle Blüte, die sich in den Bildern Gentile Bellinis, Carpaccios und Veroneses widerspiegelt, war vorüber. Sie war nicht länger Mittelpunkt des Weltreichtums und der Weltpolitik, nicht länger eine Weltmacht und der Brückenkopf Asiens. Aber aus ihrer sterbenden Größe keimte gärendes Leben, das sich zu der lasziven Völlerei Altroms und dem triebhaften Überschwang Sodoms und Gomorras etwa so verhält, wie diese selbst sich zu den sehnsüchtigen Banalitäten des modernen Nachtlebens von London, Paris und Berlin verhalten. Möglich, daß auch in Venedig gute, freundliche Menschen wohnten. Casanova hatte sie anscheinend nicht gekannt. Die verblaßte Pracht der Paläste, der untilgbare Schmutz der Lagunen, das Labyrinth' der Riones und Kanäle, der Weihrauch der Kirchen, »üppig wie die Schatzhöhlen der Piraten«, der kranke Duft von Moschus und Zibeth und von faulenden Gewürzen in den Lagerschuppen am Kai, die einst das Monopol des Ostens besaßen, fließen in seinen Memoiren zu einem einheitlich üppigen Gemälde zusammen. Das Gleichnis einer aus einem Düngerhaufen erblühenden, ungesunden exotischen Blume drängt sich uns bei Beschreibungen von Casanovas Venedig fast mit Gewalt auf. Trotzdem brachte der durch ein Zusammenwirken von Geschick und Geschichte herbeigeführte Verfall seiner stolzen Kraft und Macht nichts Unedleres, nichts Verkommeneres als die fetteste Komposterde hervor, auf der die Europa endemischen Pflanzen: Geist, Eleganz, Humanität, üppiger blühten und gediehen als jede Orchidee. In Wahrheit läßt sich weder der tropische Luxus Brasiliens, wo die Erregung der Sonne, nicht der Phantasie entspringt, noch das grämliche Durcheinander der asiatischen Höfe mit dem ureigenen typischen Glanz des sterbenden Venedig vergleichen. Dieser war so einzigartig wie ein französischer Jahrmarkt, ein englischer Sonntag oder ein deutsches philharmonisches Orchester.

Folglich war das Leben, in das Casanova hineingeboren wurde und zu dem seine Erinnerungen unser bester Führer sind, nicht eine zufällige, von fremden Einflüssen geschaffene Erscheinung, sondern ein vollendet schöner Ausdruck der erkrankten Zeit. Folgende Wahrheit trifft auf das vielgestaltige achtzehnte Jahrhundert zu und liegt all seinen zahllosen Einzelwahrheiten zugrunde: Das Gerippe der Gesellschaft war verkalkt und verhärtet, wie die Arterien eines Greises. Politisch und sozial war es daher, außer im weitesten Sinne des Wortes, weder degeneriert noch verkommen, sondern nur versteift, bei einer Entwicklungsstufe angelangt, die jede Veränderung aus dem natürlichen Verlauf der Dinge ausschloß. Alles war in festen Händen, erledigt, vollendet; die menschliche Rasse war in einem Maße, wie das weder früher noch später der Fall gewesen ist, die Gefangene ihrer eigenen Logik, ihrer eigenen gesetzlichen Geometrie, Regeln und Statuten, mit einem Wort ihrer Vergangenheit. Weder Könige noch Völker vermochten das zu ändern; Europa hatte sich eingesperrt und den Schlüssel verloren. In der Mauer, die alle Menschen umschloß, fand sich auch nicht der kleinste Spalt, um einen Abenteurer, mochte er noch so begabt sein, hindurchzulassen. Man stelle sich eine Explosion im geschlossenen Räume vor: so und nicht anders wirkte die Revolution, die dem allen ein Ende machte. Aber Casanova erscheint vor der Revolution: Sein ungeheuer bewegtes Leben verläuft, wie das der anderen, hinter Mauern. Sein Abenteuer spielt sich im Innern des Körpers der Gesellschaft ab; ja man kann ihn als Parasiten bezeichnen, der sich von ihren Eingeweiden nährt.

Der Geist des Zeitalters, will man ihm einen Namen geben, war demnach nicht Fin de siècle, wie die erschöpften Zeiten Maupassants oder Wildes, sondern Fin de monde; alles Optimistische, Vorausschauende war unmodern. Das Geheimnis des venetianischen Karnevals war die Verzweiflung an der Gesellschaft. In diesen, in allen Farben einer fortgeschrittenen Zivilisation schillernden Hintergrund webte der Venetianer die seltenste aller Freuden: eine neue Art der Liebe, eine Liebe, so eilig, so folgenlos, als wären alle Menschen zum Tode verurteilt und sähen in einem gemeinsamen Gefängnis ihrer Hinrichtung entgegen: eine aristokratische, häuslichkeitsfeindliche Liebe, die als Krönung und Steigerung des geistigen Genusses noch von Geheimnis umgeben wird. Ihr Symbol ist die Maske. Jene gefährliche, dunkel an die Vergangenheit gemahnende venetianische Maske, ähnlich dem Visier vom Helme eines erloschenen Heldengeschlechts: die letzte Vermummung des Lasters, bevor es sein Gewissen einbüßt und zur reinen Natur wird.

So ist die Welt, die Casanova adoptierte und die er aus Dankbarkeit in seinen Memoiren so treffend geschildert hat, daß man meint, sie sei sein Eigentum geworden. Das Venedig Casanovas, das Jahrhundert Casanovas, das er entdeckte und besiegte, war, mit einem Wort, dem Plebejertum feind, aber allzu müde, um Adelsansprüche zu kontrollieren; herzlos, aber allgemein verliebt; dem Abenteuer abhold, aber von der Spielwut besessen; verzweifelt, aber aus volleren Zügen genießend, als Europa es je wieder gewagt hat; grausam und sentimental; abergläubisch und gottlos: Schönheit, eine Maske tragend.

Seine arme alte Großmutter lehrte ihn kaum mehr als gehen und sich anzuziehen. Der erste, der einen Einfluß auf sein Leben ausübte, war der Patrizier Baffo, der voll und ganz der herrschenden Klasse Venedigs angehörte. Er war warmherzig und unendlich häßlich und seiner pornographischen Verse und prüden Reden wegen berühmt. Baffo lehrte das Kind lesen, und auf seinen Rat hin wurde Casanova mit neun Jahren nach dem Festland in die gesündere Luft Paduas zur Schule geschickt.

Die Schulmeisterin war eine abscheuliche Serbin, die ihre Zöglinge weder wusch, noch richtig ernährte, noch unterrichtete. Kinder in solcher Lage rebellieren nur selten, und Casanova war kränklich. Aber er ertastete sich vorsichtig seinen Weg. Sein passiver Widerstand begann mit dem Stehlen von Wurstzipfeln und Brotrinden, während Signora Squeers schlief. Der Junge machte gute Fortschritte, bis er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, »daß es lächerlich sei, sich unterdrücken zu lassen«. Er rettete sich mit Klugheit und Mut, indem er Baffo veranlaßte, einzugreifen.

Er war jetzt ein magerer, zerlumpter, ewig hungriger, aber von dem Selbstvertrauen des ersten Erfolges erfüllter Junge und kam in die Obhut des gelehrten, unschuldigen Dr. Gozzi.

Gozzi hatte einen guten Tisch, eine noch bessere Bibliothek, und – ein Herz. Casanova machte von alledem mit schier unersättlichem Appetit Gebrauch. Er wuchs heran wie Wolfswelpen im Frühling; körperlich entwickelte er sich rasch zu dem über sechs Fuß hohen dunkelhäutigen Riesen, muskulös wie ein Packträger und gewandt wie ein Akrobat, den über kurz oder lang sämtliche Höfe und Gefängnisse Europas kennenlernen sollten. Dieser in einem verlausten Kindergarten herangebildete Appetit verließ ihn nie, solange er noch Zähne hatte, ja er sollte später sein Tod werden. Er hinderte den Jungen auch nicht (sondern war ihm im Gegenteil eher behilflich), einen ebenso gesunden Wissensdurst zu entwickeln, den sämtliche Bücher und Kenntnisse Gozzis nicht zu befriedigen vermochten. Casanova verschlang die Klassiker – vor allem Horaz, diesen Lieblingsdichter und Leckerbissen unpoetischer Naturen – wie frischgebackenes Brot. Nichts stieß seinen Gaumen ab, nicht Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Poesie, französisches und italienisches Drama noch Magie, jene verhängnisvollste aller Kräfte in einem Jahrhundert der Vernunft, das dem Wunderbaren schon seiner Seltenheit wegen eifrig nachjagte. So lernte er Astrologie, Alchimie und die Kabbala, und als er die etwas beschränkte Auswahl an Büchern über die letztgenannten Wissenschaften erschöpft hatte, wandte er sich ihrer ehrbaren Muhme, der Theologie, zu. Endlich lernte er auch die Geige spielen, während Bettina, ein dreizehnjähriges Sprühteufelchen, ihm lange und verwickelte Lektionen über die komplexe und idyllische Persönlichkeit einer geborenen Kokette erteilte.

So eignete er sich die einzige Art von Bildung an, die einen Menschen wirklich interessant macht und ohne die auch der größte Fachgelehrte nichts ist als ein wandelndes Handbuch seiner Wissenschaft: universelles, autodidaktisches Wissen unter der Pflege, nicht der Anleitung eines gelehrten Mannes, In jenen Tagen war Klugheit die beste Einführung zu den exakten Wissenschaften; diese waren reicher an Hypothesen, die der Phantasie einen Spielraum ließen, als an Experimenten, und noch waren die großen Dichter nicht Eigentum der Philologie geworden. Casanova vereinigte, daher noch vor seinem neunzehnten Lebensjahr in sich alle diejenigen Elemente, die ihn zu dem besten Causeur Europas machen sollten (Voltaire ausgenommen). Ihm fehlte nichts als Lebenserfahrung – die Anekdote.

In dieses Leben trat er jetzt ein. Der erste Schritt erscheint, wenn man von der feinen, historischen Begründung absieht, ein wenig burlesk. Der Jüngling erhielt durch den Patriarchen von Venedig die Tonsur der niederen Weihen und wurde nach dem Brauch seiner Zeit dem Namen und der Kleidung nach Priester: der Abbé Casanova. In Zeiten, wie den eben geschilderten, in denen die Kirche bei der Auswahl ihrer Führer mehr Wert auf Intelligenz als auf Tugend legt, erlangt die verfassungsmäßige Rolle, die sie in der Gesellschaft spielt, eine höhere Bedeutung als ihre Lehre. Casanova blieb in dem verkalkten Europa jener Tage kein anderer Weg in die Gesellschaft offen; nur im Schoße der Kirche war noch Leben und Bewegung, nur dort konnte eine Laufbahn sich entwickeln.

Die unteren Volksschichten waren arm an allem, außer an Intelligenz, und so strömten alle ehrgeizigen Kräfte aus diesem ewig kochenden Strudel in jenen einen Kanal. Es war im achtzehnten Jahrhundert ebenso natürlich, daß Casanova Geistlicher wurde, wie daß die Infusorien des Golfes von Mexiko dem Golfstrom zutreiben. Eine Empfehlung – durch Baffo – und eine Ausbildung war alles, was er brauchte. Er trat denn auch, ohne die geringste Absicht mehr zu geben, in den Dienst der Kirche.

So darf man in der Tatsache, daß seine Weihe mit seinem Eintritt in die Welt (nicht seinem Austritt) und seinem ersten Liebesabenteuer zusammenfällt, keinen Widerspruch, geschweige denn ein besonderes Zeichen von Verderbtheit erblicken. Von diesem Augenblicke an wird die Jagd auf Frauen, die leidenschaftliche Verehrung des schönen Geschlechts zum roten Faden seiner Memoiren. Nie läßt er ihn aus der Hand, mögen andere Gebiete des Abenteuerlichen ihn noch so sehr locken. Wir wollen hier keine Ehrenrettung Casanovas versuchen – er hat sie selbst im feigen Greisenalter abgelehnt – aber Verstehen bedeutet ja Verzeihen. Es gilt nur, einige in die Augen springende, wenn auch wenig bekannte Einzelheiten aus der Tätigkeit, insbesondere den Erfolgen dieses tätigsten aller Menschen zu beleuchten, und zwar wollen wir uns bemühen, sie von seinem Standpunkt aus zu sehen. Eine Vernunftlehre der Verführung läßt sich nur durch kichernde Greise, wie Ovid, aufstellen, allerdings würde sie, auf der Weisheit und den Erfahrungen des vielgeschmähten Casanovas gegründet, die meisten Amateur-Schürzenjäger wahrscheinlich abschrecken. Der einzigen von all den ungeheuren, von der Gesellschaft dem Verkehr zwischen den Geschlechtern auferlegten Lasten, der Casanova auswich, ist die Treue. Mag diese nun in Gestalt der Ehe oder in der oft weit dauerhafteren Form der freien Liebe auftreten, sie ist letzten Endes und trotz aller Verbrämungen nur eine Wirtschaftsfrage. Casanova verwarf und ignorierte sowohl die mystische äußere Hülle wie den inneren geschäftlichen Kern. Dennoch ist auch ihm die Liebe teurer als die übrigen Freuden des Daseins, etwa so, wie der Rubin an Wert den Granaten übertrifft. Ein Liebchen war für ihn kein appetitliches Dessert, keine Lappalie im Sinne des Pseudo-Lebemanns, weder Werkzeug noch Trophäe noch Beute. Seine Liebe für jede einzelne seiner tausend Geliebten war so echt wie nur je ein Gefühl, das in den heiligen Ehestand führt, nur war sie nicht von Dauer. So entrann er sowohl der Alimentenklage wie der zähen Bindung der Jahre. Aber seine Frauen wurden um ihren heiligen Anteil nicht betrogen; er schenkte ihnen an einem einzigen Zahltage alles, was er besaß, und sich selbst; Casanova war weder ein Schwindler noch ein Gigolo. Hätten alle scharfsinnigen Psychologen, die sich über das Geheimnis seiner Anziehungskraft für Frauen den Kopf zerbrochen haben, dies erkannt, uns wäre eine Unmasse naiven Unsinns erspart geblieben. Casanova bezahlte. Sein Lieben hatte nichts Geheimnisvolleres an sich, als jede sich selbst achtende Frau verlangt; es umfaßte alles, was er hatte, alles, was er war, und der blendende Reiz der einmal fälligen Gesamtsumme, die sonst ein Leben lang ratenweise ausbezahlt wird, entschädigte für den Mangel an Legalität. Wie oft machte er sich für die Mätresse einer Woche zum Bettler, wie oft warf er sich einer neuen Schönen zuliebe von dem Gipfel des Glücks in die Gosse, ohne zu zögern, ohne zu feilschen, ohne das Für und Wider zu erwägen. Mögen diejenigen, die es ihm darin nachzutun vermögen, ihm seine Liebschaften neiden; wer alledem aber noch seine aufrichtige Zärtlichkeit, die niemals Namen oder Schönheit seiner Eintagslieben vergaß, hinzufügen kann; wer sich ferner, wie er, einer unwiderstehlichen Redegewalt und der Pracht von Augen, Schultern und Nacken rühmen darf, der habe getrost den Mut, ihm nachzueifern. Was gar seine Tadler betrifft, so haben nur diejenigen ein Recht ihn zu verdammen, die überzeugt sind, daß das Versprechen einer lebenslänglichen Gemeinschaft mit einem Manne, mag er noch so erbärmlich langweilig sein, alles, was Casanova gab, an Wert übertrifft.

Casanovas Abenteuer führt demnach von Anfang an in das verbotene Land der Frauen. Die Flugbahn seines Willens ist ebenso einzigartig, wie bei Alexander. Reichtum und Ehren bedeuten ihm, dem Sohn eines wandernden Schauspielers, dem Feinschmecker und Trinker edler Weine, nicht viel mehr, als sie dem puritanischen Erben des griechischen Oberfeldherrn bedeuteten, sobald sie seinem eigentlichen Ziel widerstreben.

Derartige bizarre Ähnlichkeiten fordern zu neuen Vergleichen heraus: zu einer Parallele zwischen Alexanders und Casanovas erstem Verzicht, ihrem ersten rituellen Einzug in das Land der Abenteuer. Überschritt auch Casanova den Bosporus? Versöhnte auch er Fortuna durch Opferung seiner Rückzugslinien? Es gab einen gewissen Senator Malipiero, einen reichen, stattlichen, achtzig Jahre alten Junggesellen. Nach vierzigjährigem Genuß der begehrtesten Ämter Venedigs hatte er sich in seinen herrlichen Palast zurückgezogen, um seine Gicht und eine platonische Leidenschaft für schöne Frauen zu pflegen. Der erste Vorteil, den Casanovas geistlicher Stand diesem einbrachte, war eine Einführung bei dem Senator. Malipiero gefiel er so gut, daß er ihn unter seinen besonderen Schutz nahm und ihm ein Zimmer zur Verfügung stellte. Casanova nahm an Malipieros erlesenem Luxus teil und konnte durch dessen Einfluß auf eine glänzende Laufbahn hoffen. Um diese Zeit war die jugendliche Tochter einer Schauspielerin, Therese Imer, der Stern oder der Mond von des Senators Harem. Malipiero war von ihrer Schönheit, ihrer geheuchelten Sittsamkeit und ihrem Talent ganz gefangen. Weniger aus Klugheit denn aus Dankbarkeit gegen den alten Sybariten stählte sich der junge Abbé, solange er es irgend konnte, gegen die Reize der köstlichen Therese; außerdem empfand er selbst die ganze Begeisterung einer ersten Liebe zu zwei Schwestern, Nanette und Marton. Nach einiger Zeit jedoch, während die Freundschaft des mächtigen Senators ihm immer bessere Zukunftsaussichten eröffnete, kam der Augenblick, da Therese ihm ihren Unwillen über seine anhaltende Kälte zeigte. Obwohl er sich des rastlosen Argwohns seines Wohltäters, der Treulosigkeit der Bedienten und der Folgen einer fast unvermeidlichen Entdeckung vollauf bewußt war, stürzte er sich in das Wagnis – mit dem gleichen Schwung, mit dem Alexander sein Reich unter seine Freunde aufteilte. Er wurde auf schmähliche Weise ertappt, verprügelt und aus dem Palast hinausgeworfen. Statt eines mächtigen Freundes hatte er sich hier an der Schwelle des Lebens in Malipiero einen Todfeind geschaffen.

Er mußte noch einmal anfangen, diesmal auf ganz anderer Basis. Der gerade Weg zum Glück war ihm versperrt; also trat er in ein bescheidenes Seminar ein, in welchem ihm als einziger Preis die Aussicht auf eine ärmliche Pfarre winkte. Aber auch diese wenig verlockende Möglichkeit schwand bald. Unschuldig wurde er in einen elenden Skandal verstrickt, bei dem sein Stolz und Eigensinn ihm eine zweite Tracht Prügel – diesmal in aller Öffentlichkeit – und die Relegation eintrugen. Er stand jetzt ohne Geld, ohne Familie oder Freunde buchstäblich auf der Straße.

Bis dahin haben wir es lediglich mit einem Jüngling zu tun gehabt, der, außer um eines Fehlers willen, der sich durch seine Jugend entschuldigen ließe, keine allzu harten Worte verdient. Im nächsten Akt tritt der wahre Casanova auf, dessen Individualismus keineswegs vor Vergehen gegen die Moral haltmacht: Casanova der Schwindler. Vollkommen spontan und ohne vor den Strafgesetzen oder den Geboten der Kirche zurückzuschrecken, verkauft er für eigene Rechnung die paar Möbel, die sein Vater der übrigen Familie vermacht hatte.

Ein Anwalt namens Razetta legte ihm das Handwerk und ließ ihn in das Festungsgefängnis Saint Andre, am Lido einsperren. Hier auf dem Gipfelpunkt des Unglücks treten die restlichen Züge des Porträts in Erscheinung; vor uns steht der ganze Mann in seiner charakteristischen Art dem Leben zu begegnen: resolut, rachsüchtig, kühn, vom Glücke begünstigt. Er flieht des Nachts aus der Festung und kehrt in einer Gondel nach Venedig zurück; nach einer kurzen Hetzjagd erscheint er bei Razetta, schlägt ihm drei Zähne und die Nase ein, wirft ihn in den Kanal und kehrt rechtzeitig zurück, um ein fingiertes Alibi nachzuweisen. Der ganze Schritt wurde mit der Präzision eines Sturmangriffs oder Bankeinbruchs ausgeführt.

Der Erfolg selbst bringt die Feindschaft seiner Gegner in Venedig zum Siedepunkt. Casanova beschließt, den Gegenstoß Razettas oder die weit gefährlichere Rache Malipieros – den Dolch eines Bravos oder das Staatsgefängnis – nicht abzuwarten und verläßt, sobald eine Sophisterei des Gesetzes ihm die Freiheit verschafft hat, die Stadt.

Während seines Aufenthaltes bei dem kultivierten alten Epikuräer hatte Casanova zwei alte lateinische Sprüche gelernt, die für den Rest seines Lebens sein Evangelium und seine Richtlinien bilden sollten: Fata viam inveniunt. Volentem ducit, nolentem trahit. Man könnte dafür sagen: »Das Schicksal zeigt den Weg. Das Leben führt den, der es liebt und verrät den, der sich dagegen auflehnt.« Der eine Spruch ist uns durch Epiktet und Seneca von den Stoikern überkommen; der andere ist eine Übersetzung des Cicero aus einer verlorengegangen Tragödie des Euripides. Nirgends ist die Quintessenz des reinsten Abenteuers mitsamt dem Trost des Fatalismus, ohne dessen schwächende Folgen, besser ausgedrückt; nirgends findet sich eine bessere Zusammenfassung der mystischen Doktrin des Abenteuerlichen. Casanova hielt an ihr fest, wie der Calvinist an seiner Bibel, und sie sich ständig wiederholend, zog er guten Muts auf sein nächstes Abenteuer aus.

Wenige Monate zuvor, als es ihm noch gut ging, hatte er von seiner Mutter aus Dresden einen Brief mit einer Empfehlung an einen unbekannten Mönch erhalten, von dem sie behauptete, sie habe ihm zu einem Bistum im Süden Italiens verholfen. Solange Malipiero sein Freund war, hatte Casanova diesen Bruder Bernardino, Bischof von Martirano; »durch die Gnade Gottes, des Heiligen Vaters und meiner Mutter« nicht gebraucht. Jetzt dünkte ihn diese Reise fast bis ans andere Ende der Halbinsel nicht zu lange, um ihn aufzusuchen.

Er beabsichtigte, auf dem Seewege nach Rom zu reisen und sicherte sich einen Platz auf einem Küstenschiff. Aber schon in Chiozza, wenige Kilometer hinter Venedig, trat seine Ausbildung in eine neue Phase; er nahm die Einladung eines einäugigen Mönches zu einer Partie Karten an. Der Betreffende behauptete, ihn als guten Reimschmied zu kennen, und Casanova verlor in dieser ersten Nacht seinen letzten Pfennig und das Hemd am Leibe. Der Weg, den ihm das Schicksal wies, mußte demnach zu Fuß zurückgelegt werden.

Ohne die schamlose List eines anderen Mönches, eines gewissen rothaarigen Halunken, namens Stephano, einer Gestalt, wie man sie sonst nur im Gil Blas oder auf den Galeeren findet, wäre unser Verehrer Fortunas und der Frauen sicherlich schon auf halbem Wege an Hunger und Entbehrungen gestorben.

Malipieros Schützling spart bei der Schilderung seines Gefährten nicht mit harten Worten; er nennt ihn einen unsagbar schmutzigen, bodenlos unwissenden, naiven, faulen Kerl, der ständig bettelte, gelegentlich stahl und im Notfalle auch vor einem Morde nicht zurückschreckte. Doch gelangte Casanova nach zahlreichen Streitereien und nachdem er sich des anderen Lehren und mitunter auch die Früchte seines Fleißes zunutze gemacht hatte, glücklich nach Rom.

Der Bischof war lange vorher nach seiner Diözese aufgebrochen und Casanova wählte die einsame, wilde Landstraße nach dem Süden. In Portici zeigte sich das Schicksal ein wenig freundlicher, als habe es an seiner unbesieglichen Zähigkeit Gefallen gefunden. Er traf dort mit einem reichen griechischen Kaufmann, der mit Quecksilber handelte, zusammen, und es gelang ihm, diesem ein Verfahren zur Fälschung seiner Ware mit Blei und Wismuth zu verkaufen. Aus Dankbarkeit betrog ihn der Grieche nur um die Hälfte seines Gewinns. Trotzdem verdiente Casanova an diesem typischen Handel genug, um den Rest seiner Reise auf bessere Weise zurückzulegen.

In Martirano erwartete ihn die schlimmste Enttäuschung. Er fand den Bischof: einen unglücklichen, enttäuschten Mann von mittelmäßiger Begabung und mit mittelmäßigen Zielen, die jedoch für seinen Posten und seine Aussichten allzu hoch waren. Die Bevölkerung war damals nicht viel anders als heute, arm, geizig, bäuerisch. Das Bistum war keine fette Beute, sondern ein Gefängnis, ein Exil. Casanova, der noch ein paar griechische Zechinen in der Tasche hatte, erfaßte die Situation schon in der ersten Nacht.

Am nächsten Morgen erklärte er dem guten Prälaten, er fühle in sich nicht die Berufung, schon nach wenigen Monaten in dieser trostlosen Stadt den Märtyrertod zu erleiden. »Gebt mir«, so fügte ich hinzu, »Euren Segen und die Erlaubnis, zu gehen; oder besser noch, kommt mit mir. Ich gebe Euch mein Wort, wir werden anderswo unser Glück machen.« Dieser Vorschlag entlockte dem Bischof im Laufe des Tages mehrmals ein herzliches Lachen. Hätte er ihn angenommen, er würde nicht zwei Jahre später in der Blüte seiner Jahre gestorben sein.

Entschluß und Rede Casanovas sind im Grunde eines Alexander würdig. Der Bischof stellte ihm einen Kreditbrief auf sechzig Dukaten auf den Namen eines Neapeler Kaufmanns aus. Casanova nötigte ihm als Gegengeschenk eine emaillierte Dose »von mindestens dem gleichen Wert« auf, die er dem betrügerischen Griechen abgeschwatzt hatte. Dann machte er sich, weder enttäuscht noch ermüdet, von neuem auf den Weg.

Seine Stimmung hatte sich so verändert, daß er dieses Mal in der Postkutsche jedem mißtraute, der seiner Meinung nach nicht das Aussehen eines ehrlichen Mannes hatte. In Neapel empfing ihn der Bankier mit offenen Armen. Er sagte zu ihm: »Der Bischof schreibt mir, Sie seien ein göttlicher Mensch.« Casanova nahm seine Gastfreundschaft an und wird von ihm in die beste Neapeler Gesellschaft eingeführt. Hier macht er auch seine erste große Eroberung: Donna Lucrezia: eine Schönheit von Rang, Reichtum und Einfluß.

Nach kurzem, aber glänzendem Aufenthalt begibt er sich, abermals ein Günstling des Glücks, nach Rom. Dieser zweite Besuch bietet Kontraste, die ihn erfreuen; fast sentimental gedenkt er seines ersten Gönners, Bruder Stephanos. Dank seiner neapolitanischen Beziehungen erhält er einen Posten als Privatsekretär bei dem Kardinal Aquaviva, dem »Protektor« Spaniens und Neapels beim Vatikan. Im Gefolge dieser europäischen Persönlichkeit nähert er sich dem Papste Benedikt XIV. und wird von diesem bemerkt. Die große Welt entdeckt in dem hochgewachsenen jungen Abbé einen bezaubernden Gesellschafter; eifrig lernt er ihre Sitten, insbesondere den ausschlaggebenden Unterschied zwischen vorsichtiger Klugheit und Stumpfheit. Der Weg zu einer noch glänzenderen Laufbahn, als selbst Malipiero sie bieten konnte, erscheint frei; außerdem hat er die Genugtuung, daß er sie lediglich seinem Geist und seinem Schicksal verdankt. Den Gipfelpunkt dieses Wohllebens bildet wohl der berühmte Ausflug nach Tivoli, wo er an Witz und kühnen Erfolgen auf Kosten des allzu zurückhaltenden Gatten der Lucrezia und Schwagers der Angelika die saftigsten Geschichten des Decameron in den Schatten stellt.

Aber es scheint, als fürchte seine Göttin, Fortuna, diesen vielversprechenden Jünger allzu rasch zu verlieren; sehr bald fordert sie von ihm das gleiche Opfer, das er Therese Imer brachte. Natürlich wurde die Katastrophe wieder durch ein Mädchen herbeigeführt, eine gewisse Barbara Dalacqua, die Tochter eines Professors, den der Kardinal engagiert hatte, um Casanovas Französisch zu vervollkommnen. Zum erstenmal spielt hier Casanova den Edlen. Nicht etwa daß er seine antisoziale Moral aufgegeben hätte; das hätte sein ganzes Leben in Verwirrung gebracht und ihn von der Liste der großen Abenteurer gestrichen, aber der unvermeidliche Zufall, den nur eine vollkommene Parallele hätte ausschalten können, will, daß in diesem Punkt die auseinanderstrebenden Linien sich treffen. Das heißt, zum erstenmal in Casanovas Leben fällt seine Auffassung einer guten Tat mit der Auffassung der Gesellschaft, der Tradition und der Religion zusammen.

Diese arme törichte Barbara hatte sich Hals über Kopf in einen leidenschaftlichen Liebeshandel mit einem jungen römischen Adeligen gestürzt, der nicht ohne sichtbare Folgen blieb. Als einzigen Ausweg planten sie eine mitternächtliche Entführung. Casanova, der die Entwicklung der Angelegenheit mit Wohlwollen verfolgt hatte, wohnte im Palast des Kardinals. Die Polizei, von der Familie des jungen Edelmanns benachrichtigt, überraschte das Paar beim Verlassen von Barbaras Wohnung, und trotz ihrer Verkleidung – sie hatte die Sutane und den schaufelförmigen Hut eines Abbés angelegt – wurde sie bis vor Casanovas Tür verfolgt, wohin sie in aufgeschrecktem Egoismus geflohen war. Zwar wagten die Sbirren nicht, dort einzudringen, aber sie hielten die ganze Nacht über Wacht. Casanova zögerte keinen Augenblick; wiewohl er die Gefahr erkannte und an dem Mädchen nur ein menschliches Interesse hatte, überließ er ihr sein Bett und schmuggelte sie früh morgens durch eine Geheimtür in Sicherheit.

Die Affäre verursachte einen Skandal, den der Kardinal, der selbst durchaus kein Mucker war, sei es aus persönlichen, sei es aus anderen Gründen, nicht dulden konnte. Er ließ Casanova holen und setzte ihm in vornehmer, freundschaftlicher Rede auseinander, »daß ganz Rom das elende Mädchen für Ihre oder meine Geliebte hält«. Zwar stimmte er zu, daß es »eines Mannes von Herz unwürdig gewesen wäre«, dem Mädchen in seiner Not die Tür zu weisen, aber er war gezwungen, Casanova aufzufordern, nicht nur seinen Dienst, nein, auch Rom zu verlassen.

Casanova machte kein Hehl daraus, daß diese Entlassung ihn in »finstere Verzweiflung« stürzte. Jetzt bedeutete der Ruin ihm mehr als zu der Zeit, da er durch die Siestastunden mit Therese Imer in Malipieros Bibliothek sein Glück aufs Spiel gesetzt hatte, und die furchtbare Landstreicherwelt Bruder Stephans mit verlausten Gasthäusern, eisigen Nächten und staubigen, auf der großen Heerstraße verbrachten Tagen, die er schon halb vergessen hatte, rückte plötzlich wieder gefährlich nahe. Indessen zeigt sich das Forma des jungen Burschen in der Antwort, welche er dem Kardinal auf dessen dringendes Angebot erteilte, ihm ein Empfehlungsschreiben nach welcher Hauptstadt Europas er wolle, mitzugeben, damit er dort ein neues, wenn auch nicht ganz so glanzvolles Leben beginne könne. Sie lautete: Dann bitte Konstantinopel! Das war gleichbedeutend mit Timbuktu oder: »Ich scheer mich den Teufel um Euch!« Da er jede andere Antwort verweigerte, zuckte der Kardinal seine spanischen Schultern und erwiderte nur: »Ich freue mich, daß Sie nicht Ispahan nannten; das hätte mich in Verlegenheit gebracht.« Am folgenden Tage erhielt Casanova einen Paß nach Venedig und einen versiegelten Brief, adressiert an den Wohledlen mächtigen Osman Bonneval, Pascha von Caramani in dessen Palast zu Konstantinopel. Außerdem erhielt er eine Börse mit siebenhundert Zechinen, was sein Vermögen auf rund tausend Zechinen oder zweitausend Dollar brachte. Die Betrachtung dieser hübschen Summe und der merkwürdige Name auf seinem Brief hatten ihn schon ein wenig getröstet. Volentem ducit, nolentem trahit. Er ging, um sich von Lucrezia zu verabschieden. Sie hatte von seiner Schande gehört und weigerte sich, ihn zu empfangen. Am folgenden Tage mietete er einen Platz auf der nach Norden gehenden Postkutsche. Die anderen Insassen waren eine Dame und ihre Tochter. »Das Mädchen war häßlich. Es war eine langweilige Fahrt.«

So endete die Lehrzeit Casanovas. Lange bevor er Venedig erreicht, ist er gezwungen auszusteigen, da der Weg von Soldaten der spanisch-österreichischen Armee, die hier ihre Winterquartiere bezogen haben, blockiert wurde. Des Kardinals Paß ermöglichte es ihm, ohne Schwierigkeit durch die feindlichen Heere zu gelangen, aber sein Koffer mit all seinen Kleidern und sein Paß gehen ihm verloren. In Bologna »dachte ich, nachdem ich Therese Bellino geschrieben, daran, mir neue Wäsche zu kaufen, und da es höchst unwahrscheinlich schien, daß ich meinen Koffer je wiedersehen würde, kam ich zu dem Schluß, daß ich gut daran täte, mir auch neue Kleider anfertigen zu lassen. Während ich noch überlegte, fiel mir ein, daß ich meine kirchliche Laufbahn vermutlich nicht fortsetzen würde, und in meiner Unsicherheit, wie ich wählen sollte, kam mir der launige Einfall, mich in einen Offizier zu verwandeln. Dieser Gedanke war in meinem Alter ganz natürlich; ich hatte gesehen, daß man die Soldatenuniform überall respektierte, und ich wollte ebenfalls respektiert werden. Außerdem«, beschließt er seine Betrachtungen, »wünschte ich, nach Venedig zurückzukehren, und es entzückte mich, dort in einer anziehenden Uniform aufzutreten.«

Wenn wir daher von jeder Ironie absehen, wie auch Casanova, der durchaus kein Narr ist, das getan hat, genügt es, zu erklären, daß er sich schließlich mit dem Schneider über eine weiße Uniform mit blauer Weste, goldenen Epauletten und silbernen und goldenen Aufschlägen einigte. In dieser Aufmachung zeigte er sich in dem wichtigsten Café und stürzte sich mit Begeisterung in seine neue Rolle. Bei der Rückkehr in sein Hotel fand er einen Brief von der neuen Therese (Bellino) vor, mit der Aufforderung, sie in Neapel zu treffen – ein lächerlicher Vorschlag, der, wie er schreibt, »mich zum erstenmal in meinem Leben vor die Notwendigkeit stellte, nachzudenken, bevor ich einen Entschluß faßte.« Aber die Nähe Venedigs, die neue Uniform und das Empfehlungsschreiben an den Pascha lockten ihn stärker als die Reize jenes Mädchens, die wenige Wochen zuvor seinen Ruin vielleicht besiegelt hätten.

Somit tritt er in eine der verwickeltsten und unsichersten Perioden seines Lebens ein. Durch allerlei Wunder und Zufälligkeiten, durch geschickt ausgenutzte Mißverständnisse und mit Hilfe eines ungeheuren Bluffs erzwang er die Anerkennung seines neuen Titels und legte die Reise nach Konstantinopel über Korfu im Solde der venetianischen Armee zurück. Dort traf er endlich seinen Bonneval Pascha, einen adeligen französischen Abenteurer, dessen Leben so reich an Erfolgen und Niederlagen, Gefängnissen und Wechselfällen ist, daß man es fast mit dem Casanovas vergleichen könnte. Bonneval hatte als General in drei verschiedenen Heeren gekämpft und war jetzt Oberbefehlshaber der türkischen Artillerie; er war aber alt und seßhaft geworden und begnügte sich damit, nach einem amüsanten, aufschlußreichen zweistündigen Gespräch, Casanova den Schlüssel zu seinem Privatweinkeller zu geben und ihn einigen seiner Freunde vorzustellen.

Casanovas Abenteuer in Konstantinopel sind in weit schlechterem Stil geschrieben als seine sonstigen Memoiren; das Papier, das er dazu benützte, soll auch dünner und billiger sein, als das des übrigen Manuskripts. Außerdem wimmelt jeder Teil von chronologischen Fehlern; sein Inhalt ist fast banal – er handelt von der Verführung einer Haremssklavin und von Erörterungen mit epikuräischen Türken über den Mohammedanismus und so fort. Alle Kommentatoren fühlen hier eine Schwierigkeit, als fabuliere Casanova bewußt, um etwas zu verbergen. Was aber dieses Etwas war – es muß schwerwiegender gewesen sein, als der von einem Gerücht angedeutete Sträflingsdienst auf den Galeeren, denn Casanova besitzt keine Scham im landläufigen Sinne und bekennt sich frohgemut zu schlimmeren Dingen – das hat die eifrigste Forschung in den Archiven und Registern jener Zeit nicht zu enthüllen vermocht. Wir kennen den Charakter des Mannes jetzt gut genug, um zu vermuten, daß, falls es wirklich einen dunklen Punkt in seinem damaligen Leben gab – und jene Unklarheit läßt sich nicht mit einem Versagen des Gedächtnisses erklären – es sich eher um verletzte Eitelkeit als um irgendeine andere Demütigung gehandelt haben muß. Wie dem auch sei – das Konstantinopeler Abenteuer zerfließt in nichts. Unser Interesse wird erst wieder wach, nachdem wir ihn seines militärischen Ranges verlustig, ohne einen Pfennig, hoffnungslos heruntergekommen, in Venedig wiederfinden. Er muß jetzt in dem Orchester des nämlichen Theaters, in den sein Vater vor einigen zwanzig Jahren das Herz der Schuhmacherstochter, Giacomos Mutter, eroberte, die Geige spielen. Verarmt und zerlumpt sank er auf die tiefste Stufe venetianischen Lebens, als hätte er alles Vorhergegangene nur geträumt. »Aus Gerechtigkeit gegen mich selbst setzte ich keinen Fuß in die gute Gesellschaft, in der ich mich vor meinem tiefen Fall bewegt hatte. Ich wußte, die Leute würden mich verachten, aber das scherte mich keinen Deut. Nur demütigte mich die Lage, in der ich mich jetzt befand, nachdem ich einst eine so glänzende Rolle gespielt hatte. Ich behielt mein Geheimnis jedoch für mich. War ich auch ein Taugenichts, so war ich doch nicht besiegt, da ich den Kult Fortunas keineswegs aufgegeben hatte. Ich war immer noch jung, und jene launische Göttin läßt die Jugend nicht im Stich.«

Seine Freunde sind alle von der gleichen Klasse wie er selbst. Nach der Vorstellung pflegte er mit ihnen zusammen zu sein. Es waren lauter finstere Gesellen, der Schrecken lasterhafter Dirnenquartiere: Zuhälter, Mörder, Falschspieler und Taschendiebe, die, wenn sich ihnen nichts Besseres bot, einsame Gondeln überfielen oder sich mit plumpen Streichen, wie etwa mit dem Umwerfen des altehrwürdigen Marmortisches auf dem Markusplatz, die Zeit vertrieben. Den abscheulichen Höhepunkt dieses Kapitels bildet die Entführung und Schändung der jungverheirateten Frau eines armen Webers mitten im Karneval. Tiefer konnte der Freund Aquavivas, Malipieros und Bonnevals nicht sinken.

Noch während die drohenden Folgen dieser Affäre ihm viel zu schaffen machten, drehte sich das Glücksrad für Casanova. Es fing an wie ein abgekartetes Spiel. Er war im Begriff, mit Maske und Umhang das Theater zu verlassen, denn es war die dritte Karnevalsnacht, als er sah, wie ein Mann in der Scharlachrobe eines Senators beim Betreten einer Gondel am Kai einen Brief aus der Tasche verlor. Fata viam inveniunt. Casanova stürzte herbei, um das Schreiben aufzuheben und zurückzugeben. Anscheinend war es von Wichtigkeit; der Alte dankte ihm überschwänglich und bot ihm einen Platz in seiner Gondel an, um ihn nach Hause zu bringen. Unterwegs wurde Casanovas neuer Bekannter von einem linksseitigen Schlaganfall betroffen. Er erklärte, erfühle sich dem Tode nahe.

Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, daß es für einen Mann seines Rufes das Sicherste sei, auf der Stelle zu verschwinden, machte sich Casanova zum Herrn der Lage. Er befiehlt den Gondoliers anzuhalten, ruft einen Wundarzt, besteht trotz dessen Widerspruch darauf, daß er den bewußtlosen Senator zur Ader läßt, bringt diesen mitsamt dem Arzt in seinen Palast, dirigiert das Heer aufgeschreckter, verwirrter Bedienter und macht sich am Lager des Kranken heimisch, wobei er nach Gutdünken Ärzte holt und entläßt, bis der Alte geheilt ist.

Der Senator war Zuan Bragadin, das Haupt einer uralten, mächtigen Patrizierfamilie. Anfänglich wurde er aus reiner Dankbarkeit Casanovas Gönner, denn der schäbige Fremde hatte ihm fraglos das Leben gerettet. Später verwandelte ein Zufall (falls es in einem Leben wie Casanovas überhaupt Zufälle gibt) Bragadins Freundschaft in Bewunderung, deren Casanova sich jahrelang erfreute. Er entdeckte, daß Casanova, wie er selbst, ein Anhänger der Kabbala war.

Glühende Neugier betreffs der Zukunft und der Glaube, sie durch übernatürliche Mittel enträtseln zu können, sind sowohl sehr zaghaften als auch sehr abenteuerlichen Naturen eigen. Der Wahrsagerei, sei es mit Hilfe von Karten, sei es durch zahllose andere Mittel der Zeichendeutung, wie sie sich von alters her bis auf den heutigen Tag erhalten haben, liegt letzten Endes eine solide metaphysische Lehre zugrunde. Diese läßt sich durch die Formel: »Der Zufall ist konsequent« wie auch durch den umgekehrten Satz: »Das Leben ist spontan« ausdrücken. Wie dem auch sei, diese Art Aberglauben ist ein ständiger und durchaus nicht zufälliger Zug des echten Abenteuers. Während aber ihre Gegenspieler, die Feiglinge des Lebens, sich unterwürfig und zaghaft ihren Aufgaben nähern, rettet sich der Abenteurer durch eine merkwürdig kindische, halb betrügerische Art zu reagieren, instinktiv vor den logischen Folgen eines verhängnisvollen Fatalismus. Alexander weigerte sich, auch nur einen Schritt ohne Befragung der Vorzeichen zu tun; ein gekröntes Orakel ritt ihm bei jedem Angriff zur Seite. Waren diese Zeichen aber ungünstig, so vergewaltigte er sie, wie zum Beispiel vor der Schlacht am Granikos, als er den Namen des Unglücksmonats änderte, oder später, als er die delphische Priesterin, die seine Fragen nicht beantworten wollte, mit Gewalt in den Tempel schleppte und ihren Widerspruch als glückverheißend auslegte. Es hieße daher Casanovas Charakter und Typus verkennen, wolle man behaupten, er habe nicht an die Kabbala geglaubt und sei nur ein Scharlatan gewesen, weil er mit ihren Antworten jonglierte. Fortuna ist für ihn wie für alle seinesgleichen Jakobs Engel; man mußte mit ihr um ihren Segen ringen.

Diese Kabbala Casanovas, die jetzt als Mittel, sein Brot zu verdienen, in sein Leben tritt, ist so eigenartig, daß sie eine nähere Beschreibung verdiente. Wir müssen uns jedoch mit der Erklärung begnügen, daß sie eine Variation, wahrscheinlich eigenster Erfindung, des traditionellen Orakels der Kabbala war, das aus einer arithmetischen Berechnung, basiert auf einem numerierten Alphabet oder Code, bestand. Die Buchstaben einer Frage wurden an die Stelle der betreffenden Zahlen gesetzt. Alsdann wurden sie in einer arithmetischen Pyramide addiert, subtrahiert und dividiert, was wiederum ein Resultat ergab, das in Buchstaben umgeschrieben die Antwort – der Sage nach in Gestalt eines Verses – darstellte. Casanovas erste Klienten, Bragadin und seine beiden nicht minder bedeutenden Freunde, die Senatoren Dandolo und Barbaro, die sich sehr bald den Sitzungen anschlossen, waren durchaus keine Dummköpfe, sondern wußten kraft ihrer eigenen Wissenschaft recht gut, die Resultate der Casanovaschen Pyramiden zu kontrollieren. Sein Erfolg bei ihnen und ihren zahllosen Nachfolgern beruhte teils auf seinem eigenen Glauben an seine Sache, teils auf der ungeheuren Kompliziertheit der Berechnung und seiner zweifellos hervorragenden mathematischen Begabung. Diese ermöglichte es ihm, mit Blitzesschnelle kreuz und quer über die Zahlenkolonnen zu fahren und das ungefähre Resultat häufig im voraus zu berechnen. Seine Arbeit hatte nichts mit gewöhnlicher Gaunerei zu tun, sondern beruhte auf dem mit Aufrichtigkeit und menschlichen Logarithmen durchsetzten Raffinement eines genialen Falschspielers.

Jene beiden Künste, seine Kabbala und seine weit weniger ausgebildeten falschspielerischen Talente, dienten ihm von nun an vornehmlich zum Broterwerb. Bragadin und seine Freunde setzten ihm ein ansehnliches Gehalt aus. Die Ausübung seiner Künste machte ihn wohlhabend. Die Lehrzeit seines Lebens war vorüber, und seine Wanderjahre als Geselle Fortunas lagen hinter ihm. Vor ihm aber lag ganz Venedig mit seinen Höhen und Tiefen, Maskenbällen und parfümerierten Boudoirs großer Damen. Aber auch dunkle gefährliche Gassen sahen ihn, der dort auf der Jagd nach einer widerspenstigen Schönheit aus dem Volke für eine einzige, in einer Dachkammer verbrachte Liebesnacht einem Dolchstoß sich aussetzte.

Außer den monumentalen Einzelheiten seiner Intrigen, von denen eine jede so voller Leben und Erleben ist, wie ein nationaler Krieg, gewähren seine Memoiren uns zahllose reizvolle Einblicke in die Freuden, die das Schauspiel venetianischen Lebens bietet. Hier schlendert er über die Piazetta, feines. Leinen streichelt seinen Körper und sein bester Anzug »wird von allen bewundert«. Dort mischt er sich, in die Kissen einer Gondel zurückgelehnt, unter das Feiertagstreiben auf dem Canal Grande; er gleitet an schimmernden Palästen vorüber und durch schattige kleine Kanäle, wo über verwitterte Mauern Rosen sich bis zum Wasserspiegel ranken. Oder er fährt über die schillernde Lagune von Murano. Mit Mantel und Mütze versehen, die diabolische weiße venetianische Maske bis ans Kinn heruntergezogen, drängt er sich auf dem Wege nach einem verbotenen Abenteuer in einer verschwiegenen Villa durch das pulsierende Leben der Merceria. Venedig war sein, von den heimlichen Spielsälen bis zu den Kais, wo die biedere Geschäftigkeit der Marktverkäufer ihn an manchem heißen Morgen am Vorwärtskommen hinderte, wenn er von einer üppigen Liebesorgie nach Hause ging.

So vergehen neun Jahre, von seinem einundzwanzigsten bis zu seinem dreißigsten Jahr, unterbrochen durch amüsante Abstecher nach Mailand, Parma, Bologna, ja selbst nach Genf und Paris. Fast immer ist er vom Glücke begünstigt, getragen von jener unverwüstlichen Lebensenergie, die ihn auch nicht eine langweilige Minute erleben läßt. Seine Abenteuer mit Frauen werden immer verwickelter und wenn möglich noch zahlreicher; trotz ihrer immer kürzer werdenden Dauer scheint er sich mehr und mehr in ein ungeheures Gewebe von Intrigen und Gegenintrigen zu verstricken. Aber jedesmal in der psychologischen Krisis, wenn er unrettbar verloren scheint, schüttelt der braune Riese lachend alles von sich ab. Dabei sinkt er nirgends zum bloßen Verführer und Wüstling herab; auch nicht eine seiner Liebschaften bedeutet eine Wiederholung und kaum eine bleibt ohne einen menschlichen, ja künstlerischen Reiz. Casanova ist wie das Leben selbst, ewig sich ausgebend, ewig in unerschöpflicher Originalität sich erneuernd, denn er ist reichen Herzens und braucht sich nie neu zu prägen. Jeder Liebsten schenkt er sich voll und ganz; er nennt viele Ichs sein eigen. Nie zuvor wurde eine so gewaltige Entdeckungsfahrt in ein verbotenes Reich unternommen, und keiner weiß wie dieser Mann in schlichten unprätentiösen Worten uns den Eindruck zu geben, als stünde er an der Schwelle einer Entdeckung, einer Einführung in ein Gebiet, das unser Jahrhundert vor allen anderen genau kennenzulernen bestrebt ist. Wie ist das Weib an sich, das Weib, losgelöst von aller Kleinlichkeit, aller Vorsicht, allem Parasitentum, das eine jahrhundertalte, von Männern geschaffene Welt ihm anerzogen hat? Wie ist die Frau jenseits aller Konvention? Nur er, der sich ihr nicht nur Leib an Leib, sondern Herz an Herz ungehemmt durch das geringste Vorurteil genähert hat, würde es uns erzählen können, hätten Verallgemeinerungen oder Berechnung oder irgend etwas außer seinem eigenen schrankenlosen Egoismus ihn im geringsten interessiert.

Endlich drehte sich das Rad von neuem. 1755 bei Tagesanbruch betrat der venetianische Polizeichef (Capitan Grande) Matteo Varutti sein Zimmer und verhaftete ihn auf Grund der unklaren aber furchtbaren Anklage der »Irreligiosität und des Aufruhrs«.

Vielleicht bezog sich diese Beschuldigung irgendwie auf seine Tätigkeit in der neuen »okkulten Sekte der Freimaurer«. Einfacher und einleuchtender ist die Vermutung, daß der Ring seiner mächtigen Feinde endlich den Einfluß des Bragadin-Kreises besiegt hatte. Schwerwiegender für ihn selbst war die aus dem Ort der Gefangensetzung, – den gefürchteten Bleikammern des Palazzo Ducale – sich ergebende Gewißheit, daß es sich um eine lebenslängliche Haft, ohne Gerichtsverhandlung oder Erklärung handelte. Er durfte nicht einmal auf einen kurzen Gang über die Seufzerbrücke hoffen.

In dieser Zelle unter dem Dach, auf dem die Julihitze brütete, in Gesellschaft der Einsamkeit und der Ratten, endigt Casanovas Jugend. Über ein Jahr zehrte er von seinen Hoffnungen auf Botschaft von der Außenwelt; weitere fünf Monate verbringt er in so großer Verzweiflung, daß er, als ein Erdbeben (es war am Tage, da Lissabon zerstört wurde) die Zelle erschüttert, in die Worte ausbricht: »Noch einmal, noch einmal, aber diesmal stärker, Gott!«, was den Wärter mehr als der Stoß erschreckt. Dann, eines Nachts, glückt ihm die Flucht, eine der merkwürdigsten, wenn nicht die merkwürdigste der Weltgeschichte.

Unzählige Schwierigkeiten, darunter zwei unüberwindliche, mußten besiegt werden. Die eine bestand darin, daß es zu den »Piombi« oder Bodenkammern des Palastes nur einen Zugang gab, der durch den Gerichtssaal führte. Hier standen aber Tag und Nacht Soldaten Wache. Ferner besaß er auch nicht ein Werkzeug, um das ungeheuer dicke Bleidach aufzubrechen. Drei Bogenschützen, unbestechliche Leute, selbst wenn er Geld gehabt hätte (und er besaß keinen Pfennig), bewachten den schmalen Gang vor seiner Zelle. Trotzdem löste Casanova das Problem. Die wichtigste Erklärung hierfür liegt in seinen eigenen Worten: »Ich habe stets geglaubt, daß ein Mann, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat und sich ausschließlich diesem einen Ziele hingibt, jegliche Schwierigkeit überwinden kann. Der Betreffende wird Großwesir oder Papst werden. Er wird eine Dynastie stürzen, wenn er sein Werk nur rechtzeitig in Angriff nimmt und die nötige Intelligenz und Ausdauer besitzt. Hat aber ein Mann das Alter erreicht, da Fortuna ihn verachtet, so kann er nichts mehr unternehmen, denn ohne ihren Beistand gibt es keine Hoffnung.« Die Werkzeuge, die er nach langem Warten fand, waren ein Bruchstück schwarzen Marmors von einem Kaminsims und ein rostiger Riegel. Nach vierzehntägiger Arbeit, während die Haut seiner Handflächen sich abschälte und sein Arm vor Müdigkeit gelähmt wurde, schärfte er den Riegel durch Abschleifen an dem Marmorstück. Die zufällige Bemerkung eines Priesters, bei dem er die Beichte ablegte, faßte er als gutes Omen auf. Jetzt macht er sich an die Aufgabe, seine Werkzeuge zu gebrauchen. Vier Kapitel seiner Memoiren sind dem rostigen Riegel und dem Marmorstück gewidmet, und er braucht die gleiche Anzahl Monate, um mit schier unmenschlicher Arbeit und übermenschlichem Mut phantastische Mißgeschicke zu überwinden. Selbst jetzt nach so langer Zeit und bei geringster Sympathie für ihn lassen sie des Lesers Haare zu Berge stehen. Endlich stand er oben auf dem Dach und blickte auf das mondscheingebadete Venedig hinab. Jetzt mußte er nur noch mit Aufbringung letzter Energie, größter physischer Kraft und vollendeter Geistesgegenwart durch ein Fenster kriechen, zwei, drei massive Türen aufbrechen, die Haupttreppe hinuntergehen und sich durch Wachen, Spione und Schreiber hindurchschlängeln, um endlich die Piazza und seine Freiheit zu gewinnen. Er ist jetzt einunddreißig Jahre alt; in allem, was nun folgt, erkennt man nur mit Mühe den gleichen Mann. Er hatte gesiegt, indem er das Menschenunmögliche vollbrachte. Von nun an fürchtet er sich vor jedem Wagnis, obwohl er gezwungen ist, sich auch weiterhin in Gefahr zu begeben.

Nachdem er auf Kosten von Opfern, die ein würdiges Gegenstück zu seiner Flucht aus dem Gefängnis bilden, die Grenze des venetianischen Staates überschritten hat, gelangt er, bettelarm, zerlumpt und gehetzt nach Paris. Er ist das zweitemal dort, aber die meisten seiner Freunde, die ihn zur Zeit seines Glücks gekannt hatten, waren fortgezogen oder wollten ihn nicht wiedererkennen. Doch er besaß noch einige letzte Trümpfe. Der beste war der Abbé de Bernis, Casanovas Spießgeselle bei seinem skandalösesten Abenteuer, als er Gesandter in Venedig war, jetzt der allmächtige Minister des Auswärtigen. De Bernis zeigte sich diplomatisch erfreut, dieses hagere Gespenst aus der Vergangenheit wiederzusehen und schaute sich auf der Stelle nach einem Posten für ihn um. Durch seine Empfehlung an den Herzog von Choiseul erhielt Casanova eine Anstellung bei einer staatlichen Lotterie, wo es seine Hauptaufgabe war, über die Ehrlichkeit der beiden italienischen Direktoren, des Bruderpaares Casabilgi zu wachen. Er gewann seine Sicherheit zurück; sein Ehrgeiz hatte sich inzwischen zu der fixen Idee, reich und mächtig zu werden, verhärtet. Er will auf immer eine Wiederholung des Schicksals, dem er soeben entronnen war, vermeiden.

Vor einem solchen Gegner streckten die Casabilgi die Waffen; von jetzt an begnügten sie sich mit dem geringeren Anteil. Schon nach wenigen Monaten war Casanova reich geworden, und da er die Interessen seiner Gönner dabei nicht vergaß, stand er auch bei Hofe in Gunst. Die ungeheure Erleichterung wirkte auf seine Nerven; Verschwendungssucht übermannte ihn. Um sich von der Wirklichkeit seiner Gewinne zu überzeugen, gründete er einen luxuriösen Haushalt; seine Ausgaben wetteiferten mit denen der reichsten und ältesten Adeligen bei Hofe. Bälle folgten auf Bankette, und den Schluß bildete stets eine Orgie. Gleichzeitig steigerte sich seine Geldgier zu einer Leidenschaft, wie der ausschweifende Philosoph sie nie gekannt hatte. Jeder einzelne Trick seines Repertoires mußte jetzt herhalten. Sein Kartenglück wurde geradezu unverschämt. Die Kabbala und ein gründlich ausgearbeiteter Schwindel mit dem Stein der Weisen als Leitmotiv brachten ihm seitens der verschrobenen, schrullenhaften, gelehrten alten Marquise D'Urfé Tausende ein. Inzwischen fuhr die Regierung fort, ihn in für beide Teile vorteilhaften Geschäften zu verwenden. 1757 wurde er zum erstenmal in geheimer Mission nach Holland gesandt. Er hatte dabei so viel Erfolg, daß man ihn noch einmal hinausschickte, diesmal als akkreditierten Gesandten des französischen Königs, um eine ungeheuer schwierige Währungsfrage zu behandeln. Auch darin hatte er Erfolg. Heimgekehrt, packte ihn ein Rausch der Verschwendung. Er stand jetzt auf der Höhe seiner Laufbahn.

Die Ereignisse, die seinen Abstieg bezeichnen, lassen sich nicht so leicht verfolgen; er selber vermochte sie nie zu begreifen. Für ihn endeten jene großen Tage urplötzlich mit einer Ausweisung aus Paris, herbeigeführt, wie er fest überzeugt war, durch die Eifersucht irgendeines mächtigen Rivalen.

In Wahrheit war der Abstieg rasch aber nicht plötzlich, und die Ursache war, niemand anders als Casanova selbst. Exzesse, die mehr als genügt hätten, den Sturz jedes anderen Mannes zu erklären, Geschichten von Wechselfälschungen, von betrogenen oder halb betrogenen Gläubigern, von Entführungen, mitternächtlichen Händeln mit Männern einer Klasse, mit denen zu streiten bereits skandalös war, gemischte Geschichten von Kindsabtreibung und Verführung waren zahlreich genug vorhanden, um jeden außer Casanova zu verdammen. Trotzdem – wäre er noch der Casanova der Piombi gewesen, man hätte alle diese Dinge vielleicht noch übergangen; in Venedig hatte man ihm Schlimmeres verziehen. In Wahrheit hatte er sich unmerklich aus einem Abenteurer in einen lärmenden Schuft verwandelt, oder, falls das zu hart klingt, er hatte den unwiderstehlichen Reiz, der beste Verlierer der Welt zu sein, eingebüßt. Gierig war er immer gewesen, jetzt wurde er erpresserisch. Er war stets auffallend, jetzt wurde er gewöhnlich. Ohne es zu wissen, war er ein Mann der Gesellschaft geworden, der verzweifeltes Interesse an der Stabilität seiner Position hatte. Ganz unbewußt identifizierte er sie mit der Stabilität der Gesellschaft selbst. Er war mit einem Wort ein Glücksritter geworden, der sich vor Fortunas Zufälligkeiten fürchtete; der übersinnliche Glanz seiner Augen war erloschen. Die Menschen sahen in ihm nicht länger einen Puck, sondern einen Rivalen.

Die Degeneration schreitet langsam vor, aber die einzelnen Stadien sind klar erkennbar und folgen einander immer rascher. In London, wohin er sich von Paris aus begibt, schreibt er in seine Aufzeichnungen: »Ich habe den September dieses Jahres 1763 als eine der kritischsten Zeiten meines Lebens vermerkt. Wahrlich, ich fange an, mich alt zu fühlen. Dabei zähle ich erst achtunddreißig Jahre.«

In dieses eine Wort »alt« faßt Casanova Sorge, Zaghaftigkeit, mangelnden Lebenshunger und wachsende Ungeschicklichkeit, sich aus der Klemme zu ziehen, zusammen: die gleichen Symptome, die Alexander in Babylon zeigte. Nach wenigen erfolglosen Monaten, in denen er – auch wieder ein Zeichen zunehmenden Verfalls – nur mit halbem Herzen kämpfte, floh er wieder aus England. Diesmal ostwärts, nach Preußen. Abermaliger Mißerfolg. Er erreicht es, dem furchtbaren Friedrich dem Großen vorgestellt zu werden. Dieser aber durchschaut ihn, schüchtert ihn ein und entläßt ihn mit Verachtung. Von hier geht er nach Rußland, wo er in einem Prinzen von Kurland die Erfüllung seiner Wünsche findet. Der Fürst war ein Spieler und Wüstling, ein leidenschaftlicher Anhänger der Alchimie, deren Chimären er in abergläubischem Wahnwitz nachjagte. Aber Casanova versäumt die herrliche Gelegenheit; er verärgert den Fürsten durch seine Forderungen an das Leben: »eine feste Stellung, eine gute Sinekure, ganz gleich welche, vorausgesetzt daß sie sicher und gewinnbringend ist«. Die leuchtende Flugbahn senkt sich bedenklich zur Erde; wieder trägt der dämonische, unsichtbare Gegenspieler den Sieg davon. Nicht genug, daß Casanova aufgehört hat, ein Abenteurer zu sein, er ist sich dessen auch vollauf bewußt. »Zum erstenmal in meinem Leben dachte ich über mich selbst nach und bereute mein bisheriges Verhalten; ich nährte keine Illusionen mehr und war entsetzt bei dem Gedanken, daß nichts vor mir lag als die Leiden des Alters; ich besaß weder eine Anstellung noch ein Vermögen, nur einen schlechten Ruf und eitles Bedauern als einzige Nahrung.« Er ist jetzt fast fünfzig Jahre alt.

Mögen diejenigen, die das Herz dazu haben, seinen Wanderungen durch ganz Europa folgen. Von dem Fürsten hinausgeworfen, reist er nach Wien. Die Polizei weist ihn aus und er kehrt nach Paris zurück. Das gleiche Resultat. Madrid, Barcelona, nirgends will man etwas von ihm wissen, überall wirkt er allmählich lächerlich. In Warschau blitzt zum letztenmal sein Stern auf. Dort erfuhr der polnische Adelige, Graf Branicki, in einem Duell, das ihm ums Haar das Leben gekostet hätte, »was in dem ehemaligen Helden und Talmi-Grand-Seigneur Casanova« steckte. Aber nach einer Stunde der Achtung und Bewunderung, die ihm das Blut in die Wangen trieb, wird er abermals verhaftet. »Die Polizei begnügte sich damit, ihn zu beschimpfen und ersuchte ihn, äußerst energisch, seine Reisen nach anderen Gegenden zu verlegen.«

So nähert die Flugbahn sich langsam aber beharrlich dem Tiefpunkt. Kann Casanova, der selbst auf der Höhe seines Ruhms jede Sünde, jedes Verbrechen beging, noch tiefer sinken? Casanova der Falschspieler, Quacksalber, Dieb, Ehebrecher, Verführer von Nonnen und Schulmädchen, der Mörder, Gefängnisflüchtige und Gott weiß, was noch? Merkt auf, ihr, die ihr ihn haßt; es kam noch schlimmer. Er kehrte nach Venedig zurück. Bragadin war tot, bankrott, Dandolo lebte in größter Armut, ein armer alter Mann, fast ein Bettler. Casanova zählte jetzt zweiundfünfzig Jahre. Er bewarb sich um den Posten eines Polizeispitzels, bewarb sich bei den verhaßten Inquisitoren desjenigen Gerichts, das ihn in die Bleikammern gesperrt hatte. Durch Unterwürfigkeit gelangte er ans Ziel. Es war von nun an seine Aufgabe, Berichte über die Moral der Stadt zu verfassen. Einige davon sind uns erhalten geblieben; er zeichnete sie allerdings nicht mit seinem Namen, sondern als Antonio Pratolini. In dem einen macht er seine Auftraggeber auf »die skandalösen Szenen« aufmerksam, »die er nach Löschung der Lichter in den Theatern beobachtet« hätte. In einem anderen Bericht wird eine Liste verbotener Bücher aufgeführt, die er bei einem Schuljungen beschlagnahmt hat; darunter befinden sich auch die Gedichte seines ersten Freundes, des alten Baffo. Er beklagt sich, daß es in den Kunstschulen nackte Modelle, »junge Mädchen«, gäbe und ist »quasi davon überzeugt, daß Personen, die keine Künstler sind, sich unter falschen Angaben dort Eintritt verschaffen«. Für diese Dienste erhält er vierzig Mark im Monat. 1781 entlassen ihn die Inquisitoren. Es gibt einen Brief von ihm, der mit den Worten beginnt: »Voller Verwirrung und von Scham übermannt, in dem Bewußtsein meiner Unwürdigkeit an Eure Exzellenzen nichtswürdige Briefe wie die meinen zu richten –« Der Brief endigt: »Ich flehe Eure erhabene Freigiebigkeit an, mir zu vergönnen, meinen Posten zu behalten; ich werde noch härter arbeiten. Damit ich leben kann.«

Dabei besitzt dieser Mann, der so am Boden liegt, zu jener Zeit eine Mätresse, eine Näherin, die in einem Briefe über ihn schreibt: »Jener große Mann, so voll Herz, Intelligenz und Mut.« Sie lebten zusammen in einem winzigen Häuschen in der Barberia delle Iole. Ich weiß nicht, ob es noch existiert oder ob es sich noch ermitteln läßt.

Also laßt uns die Moral ausschalten. Es gibt zwei Porträts von ihm; das eine ist von seinem Bruder François gemalt, das andere ist ein Stich aus seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr von einem gewissen Berka. Ersteres stammt offenbar aus der Zeit seines Reichtums, denn er trägt einen Rock aus grauem Glanzstoff mit einer schönen Point d'Espagne Silberspitze, einen Federhut mit der gleichen Verzierung, eine gelbe Weste und Kniehosen aus scharlachroter Seide, überdies Juwelen: »Meine Ringe, meine brillantenbesetzte Uhrkette, mein Kreuz aus Diamanten und Rubinen, das ich um den Hals zu tragen pflegte« ... Was einem am meisten auffällt, sind seine Augen; sie sind von ungewöhnlich länglichem Schnitt und von innen her erhellt, wie das selten bei braunen Augen der Fall ist. Im Alter wechselte sein Aussehen nicht minder als sein Glück; er wirkte später wie ein Raubvogel, oder, falls man sich romantischer ausdrücken möchte, wie ein schäbiger alter Halunke mit einer Raubvogelnase und einem tragikomischen Hauch ehemaliger Grandezza. Von Venedig aus ging er noch einmal auf die Suche und ergatterte sich zum Schluß wirklich die ersehnte Sinekure. Graf Waldstein ernannte ihn zum Bibliothekar seines Schlosses Dux, in Böhmen. Die Bibliothek umfaßte 40 000 Bände, aber sein Herr verlangte nur selten ein Buch. Der alte Mann war ein vorzüglicher Bibliothekar und ein amüsanter Causeur, wenn Waldstein mitunter eine Jagdgesellschaft mitbrachte. Die übrige Zeit führte Casanova Krieg mit den anderen Bediensteten, mit dem Haushofmeister Feltkirchner, dem Verwalter Loser, dem Arzt O'Reilly und mit Karoline, der Beschließerin. Alle haßten ihn und hetzten die Dorfbewohner gegen ihn auf, so daß die Buben ihn auf seinen Spaziergängen außerhalb des Grundstücks mit Steinen bewarfen und die Mädels sich vor ihm versteckten. Indes beschloß er, nachdem er sich einmal gerächt hatte, das Volk zu ignorieren und verbrachte die meiste Zeit in der Bibliothek.

Hier unterhielt er eine ungeheure Korrespondenz. Viele seiner alten Freunde nahmen allmählich den Verkehr mit ihm wieder auf, und die Bücher, die er in unerschöpflicher Produktivität zu schreiben begann, brachten ihn mit einem Heer adeliger und gelehrter Briefschreiber in Berührung. Das tröstete ihn sehr, denn er war ein vollendeter alter Snob geworden. Seine Memoiren, die höchste Rechtfertigung seines Lebens, sind fast sein letztes Werk. Sie wurden zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht, aber viele wußten von ihrer Existenz und einige, vor allem der Prince de Ligné, durften sie in der unverfälschten Fassung lesen und ermutigten ihn, weiterzuschreiben. Seine Erinnerungen bieten ein vollständiges, lebendiges Bild seiner Zeit. Dieses ungemein interessante Jahrhundert ist zweifellos die zivilisierteste Epoche, die die Welt je gesehen, wenn wir dem Ausdruck eine Bedeutung geben, wie die Menschheit sie von jeher geliebt hat. Die »Memoiren« sind daher, auch in der einzigen, verstümmelten Form, die wir wahrscheinlich je besitzen werden, eines der größten Bücher der Weltliteratur. Aber diese grandiose Leistung ist nur eine zufällige, gleichsam ein Relief zu Casanovas Zweck, der durch sie noch einmal sein Leben zu seiner eigenen Freude an sich vorbeiziehen lassen wollte. Da aber dieses Leben letzten Endes ein erotisches Abenteuer war, und zwar das kühnste und großzügigste, das je unternommen wurde, und da ferner Casanova, obwohl er sein Fleisch tötete – er wurde später sowohl ein Frömmler wie ein Snob – mit Geschmack schrieb, werden seine Werke lediglich von den Auserwählten und da auch nur von ganz wenigen gelesen. Aus diesem Grunde, der ihm nebenbei gefallen hätte, ist er fast der einzige große Abenteurer, von dem es keine falschen Darstellungen gibt. Kein Plutarch hätte ihm je etwas antun können.

1795 starb er zu Dux an der Völlerei.

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