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Zwölf gegen das Schicksal

William Bolitho: Zwölf gegen das Schicksal - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeessay
authorWilliam Bolitho
titleZwölf gegen das Schicksal
publisherBüchergilde Gutenberg
year1946
translatorMarguerite Thesing-Austin
correctorreuters@abc.de
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Einleitung

Das Abenteuer bildet das befruchtende und lebensnotwendige Element in der Geschichte des Individuums und der Gesellschaft. Die Geschichte des Abenteuers jedoch eignet sich nicht als Sonntagsschulpreis für brave Kinder. Die Jünger des Abenteuers sind selten keusch und barmherzig, ja sie stellen sich oft außerhalb der Gesetze, und jede moralische Beschönigung oder Überzuckerung entzöge ihrem Leben das Interesse und ein gut Teil der Wahrheit.

Das gleiche ist bei allen großen Charakteren der Fall. Ihre Fehler sind keine Schmutzflecken, sondern offen zutage liegende, organische Auswüchse ihrer Persönlichkeitsbildung. Die eingefleischte Gesetzlosigkeit oder – wenn man will – Schlechtigkeit des echten Abenteurers hat ihren besonderen Grund, der im Begriff des Abenteuers wurzelt. Das Abenteuer ist der unversöhnliche Feind des Gesetzes; der Abenteurer muß daher unsozial, wenn nicht im tiefsten Sinne des Wortes antisozial sein, denn er ist vor allem ein freier Individualist.

Jungens – echte Jungens – die natürlichen Richter in dieser Angelegenheit – haben seit Jahrhunderten versucht, dagegen zu murren, wenn man sie mit Lebensbeschreibungen von Missionaren und Militärs an der Nase herumführte und versuchte, durch bunte Wechselfälle des Geschicks die im wesentlichen abenteuerfeindlichen Charaktere auszuschmücken. Heldentaten, Gefahren, Überraschungen sind die Belohnungen, die das Abenteuer jenen in den Schoß schüttet, die seinem Kult mit ganzer Seele ergeben sind. Aber selbst ihre häufige Wiederholung ergibt noch kein abenteuerliches Leben.

Hier müssen wir auch ein für allemal den Trost Kiplings ablehnen, der das Herumziehen von einem Ort zum andern, das Soldatenspielen in der britischen Armee und den Ankauf von englischen Landhäusern für abenteuerlich hält; gleichfalls weisen wir Chesterton zurück, der überzeugt ist, ein langer Sonntagsspaziergang und ein Glas Bier versetzten den Menschen in die geistige Gesellschaft Alexanders, Kapitän Kidds oder Cagliostros. Alle diese liebenswürdigen Mißverständnisse sind so rührend wie der Wunsch der Kinder nach einem edelmütigen Piraten und recht viel Blutvergießen, bei dem keiner zu Schaden kommt; oder wie das Vergnügen, Roulette mit Bohnen statt mit Goldstücken zu spielen. Tom Sawyer wußte es besser. Das Abenteuer muß mit einer Flucht von zu Hause seinen Anfang nehmen.

Daß der Gegensatz zwischen dem Abenteuer und der gesellschaftlichen Ordnung für die Menschheit nicht einen äußeren Konflikt bedeutet, sondern einen inneren Zwiespalt unseres Willens, geht schon aus der Tatsache klar hervor, daß die guten, freundlichen und achtbaren Bürger den Abenteurer sehnlichst zu adoptieren wünschen.

In uns allen steckt ein Abenteurer. Er ringt um unsere Gunst mit dem sozialen Menschen, der zu sein wir gezwungen sind. Das eine Leben ist mit dem anderen unvereinbar; wir sehnen uns nach dem einen und sind an das andere gebunden. Einen tieferen, bittereren Konflikt gibt es nicht, was immer die Frommen dagegen sagen mögen; er rührt bis an die Wurzeln unseres Daseins als Menschen, das uns so schmerzlich von allen anderen Lebewesen trennt. Wir sind, wie die Adler, für die Freiheit geboren. Aber wir müssen, um leben zu können, einen Käfig von Gesetzen für uns bauen und auf der Stange hocken. Verschwenderisch und unbarmherzig wie Tiger kommen wir auf die Welt; wir müssen sparen oder – hungern und frieren. Wir sind geboren, um zu wandern und sind verflucht, an der Scholle zu kleben und zu graben.

So fällt denn unsere erste Wahl auf ein Leben der Abenteurer. Jedes kleine Kind, das gehen kann, ist ein prachtvoller, typischer Abenteurer. Hätten die Kinder nur soviel Macht wie Willen, was für Heldentaten und Verbrechen würden sie begehen! Wir sind geborene Abenteurer, und die Liebe zum Abenteuerlichen verläßt uns erst im hohen Alter, wenn wir zaghafte Greise geworden sind, in deren Interesse es ist, das Abenteuer sterben zu sehen. Deshalb stehen auch alle Dichter auf der einen Seite und alle Gesetze auf der anderen; denn Gesetze sind meist von alten Männern für alte Männer gemacht.

Dieser Doppeltrieb der Menschheit ist auch der Grund, weshalb der Abenteurer nicht endgültig aus der Gesellschaft ausgestoßen wird. Taucht er aber wirklich einmal in seiner leiblichen Gestalt auf, dann gnade ihm Gott! Das Abenteurerleben ist ein hartes Leben, wie die zwölf vorliegenden Fälle zeigen werden. Sobald einer dieser Draufgänger sich von seinen Fesseln befreit, muß er das tote Gewicht alles Bestehenden bekämpfen: die Gesetze und jene undefinierbare, erstickende Atmosphäre, welche den Teil der Gesetze umschwebt, die wir Moral zu nennen belieben; ferner die Familie, diesen Mikrokosmos, und diese Peitsche der Gesellschaft und vor allem den Besitzenden, über dessen vielverschlungene Rechte der Weg zur Freiheit führt. Scheitert er, so wird er zum bloßen Verbrecher. Ein Drittel sämtlicher Verbrecher sind nichts als gescheiterte Abenteurer. Meist erhalten sie auch eine schwerere Strafe als die anderen: die Armen und die Dummen. Zwingt aber gar der Abenteurer sich der Gesellschaft auf und stellt er sich außerhalb des Machtbereichs der Polizei, so reagiert die Gesellschaft äußerst sonderbar. Wer möchte behaupten, Napoleon, Alexander oder Cäsar seien, gerecht beurteilt, schlechtere Menschen gewesen, als Dick Deadwood oder Jesse James? Wir versuchen, mit einem Wort, sie zu verdauen. Die Folgen ihrer Handlungen werden zu Motiven umgewandelt; Knaben werden angehalten, irgendeine Darstellung ihrer Lebensgeschichte nachzuahmen, aus der man vorher alle unrühmlichen aber praktisch notwendigen Schritte zur Größe ausgemerzt hat.

Gegen diese Meineide und Betrügereien kann der ehrbare Bürger den Milderungsgrund eines »crime passionel« anführen. Es ist sehr unangenehm, einen Napoleon ins Gefängnis zu schicken, obwohl man auch das tat, als es sich nicht länger umgehen ließ. Dagegen sind »wir Tugendhaften« in einer anderen Hinsicht, die gleichfalls eine Seite des sozialen Problems der Abenteurer beleuchtet, nicht so leicht zu entschuldigen. Gemeint ist der vorsätzliche Versuch, die Abenteurer zur Ordnung zurückzulocken, das Fälschen der Wegzeichen, die Camouflage, unter der wir den Käfig verbergen. Überall werden plumpe Fallen aufgestellt; an jeder Straßenecke lauert ein Werbeoffizier, um dem Ausreißer eine Uniform und eine Fahne zu verkaufen. Ja, Gesetz und Ordnung schrecken in unruhigen Zeiten, wenn der Drang nach Abenteuern überhand nimmt, nicht vor der absonderlichsten List zurück. So wurden die wilden Reiter des Mittelalters in das langweilige Korps der fahrenden Ritter eingereiht und auf die faden, aber durchaus ordnungsgemäßen Kreuzzüge geschickt, oder aber man schwatzte ihnen so lange etwas vor, bis sie eine Art freiwillige Gendarmerie bildeten, um die großen Heerstraßen zu bewachen.

Nein, der Abenteurer ist ein Individualist und Egoist, der vor der Pflicht Reißaus nimmt. Sein Weg ist einsam und so schmal, daß er keinen Reisekameraden duldet. Was der Abenteurer tut, tut er für sich selbst. Sein Motiv kann einfache Gier sein; das ist sogar meistens der Fall. Oder jene Form der Gier, die wir Eitelkeit nennen; oder Lebensgier, die auch nicht rühmlicher ist. Aber man hüte sich davor, sein Motiv zu unterschätzen. Man hat die Gier törichterweise fast ebenso verpönt und geschmäht wie jenen anderen Urinstinkt, den Geschlechtstrieb; und doch müßten wir unersättlichen Europäer, wir Conquistadores, als die abenteuerliebendste Rasse der Welt, ihr billigerweise Dank wissen, sie als Kraft, als Düngemittel auffassen, dem unsere sichtbare Überlegenheit über die Zufriedenen entspringt. Gott helfe den Wunschlosen ... den Melanesiern, den armen Buschmännern Südafrikas, den engelhaft sanften, tugendhaften Kariben, die von Columbus in dem irdischen Paradies Haiti niedergemetzelt wurden, und all den anderen guten Primitiven, welche nicht wachsen konnten, da ihnen der Appetit fehlte.

Am Anfang fast jeder Laufbahn steht ein Abenteuer; mit Staaten, Institutionen, Zivilisationen ist es nicht anders. Der Fortschritt der Menschheit wird nicht allein von Kraft und Gewicht beherrscht, wenn wir auch nicht wissen, wohin er führt. Mag die Ethik sehen, wie sie damit fertig wird. Der Abenteurer spielt daher trotz allem soziologisch eine Rolle. Diese Rolle ist eine zufällige, da er an sich asozial ist. Die Geschichte wird durch Abenteuer und Abenteurer mittels großer Eingriffe in Gesetz und Ordnung ruckweise vorwärts gebracht. Von dem ersten Ringen um den Feuerstein bis zu dem täglichen Kampf um einen Stehplatz in der Untergrundbahn, von den Höhlenbehausungen bei Les Eyzies bis zu den mit fließendem warmen Wasser eingerichteten Wohnungen New Yorks wird der Weg durch das Widerspiel zweier Gewalten gekennzeichnet, der hütenden und der suchenden, durch den Stubenhocker und den kühnen Entdecker und Gewaltmenschen, durch den Bürger und den Abenteurer. Durch das Gesetz, aber auch durch jene, die über die schützende Palisade sprangen, ohne zu fragen, ob sie sie beschädigten, und die Schätze ihres Volkes durch Mut und nicht durch Wirtschaftlichkeit mehrten. Der erste Abenteurer war lästig und unbeliebt; er riß unter Gefährdung des Gemeinwesens eine Lücke in die Barrikade der Stammesniederlassung, als er sich in die Nacht hinauswagte, um die Ursache eines Geräusches zu ergründen. Sicherlich handelte er gegen den Rat seiner Mutter und seiner Frau, allen Befehlen der Stammesältesten zum Trotz. Aber er war auch derjenige, der den Ort auffand, wo das Mammut starb und wo es nach tausend Jahren noch Elfenbein genug gab, um den ganzen Stamm mit Waffen zu versorgen. So und nicht anders ist das Wesen des Abenteurers, dieses Plagegeistes und Wohltäters der Gesellschaft.

Auf Grund seiner soziologischen Rolle darf der Abenteurer sich auf seinen großartig einsamen Weg begeben, ohne unserer Sympathie ganz verlustig zu gehen. Er, unser anderes Ich, braucht sie auch, denn er kämpft gegen eine gewaltige Übermacht. Wir kennen bereits seinen vornehmsten Feind, das lähmende, mechanische Gewicht der sozialen und moralischen Gesetze. Der zweite ist das große Unbekannte. Insofern als die Natur alles Lebenden durch seine Feinde bestimmt ist, läßt der Abenteurer sich an dem Kampf gegen die Ordnung und an seinem Kampf gegen den Zufall erkennen. In dem ersten kann er Sieger bleiben – tut er es nicht, so wandert er ins Gefängnis. In dem zweiten muß er unterliegen, denn der Zufall ist eine Offenbarung des Weltgeistes. Dieses Buch enthält keine Aufforderung, es dem Abenteurer nachzutun; sein Leben endet nicht anders als das der übrigen Menschen. Ich will damit nicht sagen, daß der Abenteurer, an unserem materiellen Maßstab gemessen, keinen Erfolg haben kann. Einige, wenn auch nicht die größten dieser Menschengattung, sind auf dem Gipfel dessen, was sie erstrebten, den Alterstod gestorben. Den Abenteurer erwartet eine subtilere Tragik als Ruin, Armut im Alter, Lumpen und die Verachtung seiner Mitmenschen. Seine Strafe lautet, daß er über kurz oder lang aufhören muß, ein Abenteurer zu sein. Die Gesetze seiner Morphologie bestimmen, daß er als Schmetterling in die Welt tritt, um nach vollendeter Entwicklung als Raupe zu enden. Das Los des Abenteurers ist so tragisch wie das Los der Jugend; sein Weg verläuft nicht in gerader Richtung, sondern als Parabel; er führt an einem bestimmten Punkt in den Käfig zurück. Der größte Abenteurer, der je gelebt, endete als nervöser, banaler Millionär.

Das Geheimnis dieses tragischen Ausgangs ist psychologischer Natur; es liegt in dem Motiv des Abenteurers, in seiner Bestialität und Gottähnlichkeit verborgen, ja es bildet einen Teil seiner Persönlichkeit. Die Gier, die allen eigen ist, lebt in jedem ihrer fünf Sinne: Gier nach Gold, Macht, Ruhm und Wissen; ja diese Lebensgier ist selbst in ihren höchsten Momenten dualistisch. Sie will das Errungene sich erhalten, auch während sie nach neuen Siegen lechzt. Sie hält fest und greift zu im selben Augenblick. Für den Beobachter gibt es nichts Reizvolleres als dieses wundervolle Widerspiel von statischer und aktiver Gier, diesen langsamen Sieg des Konservierungstriebes über die Eroberungsgelüste, diese plötzliche Furcht, die sich selbst bei einem Alexander einschleicht und der in seinem Zelte opferte. Alexander wußte genau, er hatte zu viel gewonnen und das Abenteuer war für ihn zu Ende. Der Trieb zu erhalten hatte bei ihm überhand genommen, die Komplementärkraft mußte langsam sterben.

Alle diese Männer scheitern an dem Widerspruch in ihrem Innern. Ihre Mischung unterscheidet sich nur quantitativ von der unsrigen. Auch in ihnen ringt der soziale Mensch mit dem freien, der Geizhals mit dem Verschwender, der Stubenhocker mit dem ruhelosen Wanderer, der Sparer mit dem Spieler, der Schäfer mit dem Jäger. Sein eigenes soziologisches Ich bringt den Abenteurer zu Fall und erdrosselt ihn.

Außer diesen eng miteinander verknüpften soziologischen und psychologischen Kämpfen kennt der Abenteurer noch einen anderen, erhabeneren, beide an Spannung übertreffend. Er ringt und wirbt um die große Göttin des Unbekannten, die viele Namen hat – mitunter heißt sie auch Zufall oder Gefahr – und deren Füllhorn für ihn alles Neue enthält. Das Begehren nach ihr und nach den von ihr unzertrennlichen Gaben ist seine eigentliche Gier. Treulos und verräterisch – darin äußert sich ihre Majestät und Grausamkeit – überschüttet sie ihn mit Belohnungen, hüllt ihn in die Schleier ihres Wohlwollens, um ihn mit Gold und Siegen zu fesseln, bis er nicht länger vorwärts zu schreiten wagt. So macht sie aus dem Geliebten einen Sklaven. Erst der Räuber, der seine Beute zählt, wird zum bloßen Diebe.

Damit haben wir die soziologische, psychologische und in gewissem Sinne auch mystische Seite des Abenteuers und seiner Jünger umrissen; merkwürdige und interessante Einzelheiten hoffen wir in unseren zwölf praktischen Studien aufzuzeigen. Unter diesen finden sich auch zwei, drei Frauen, die durch ihr Format und durch die Originalität ihres Geschicks wert sind, in jene erlauchte Gesellschaft aufgenommen zu werden.

In der vieltausendjährigen Epoche, die jetzt gerade auszuklingen scheint, bildete die Ehe gleichsam die einzige Laufbahn der Frau. Es ließe sich daher mit einigem Recht die These aufstellen, jede Frau habe in ihrem Leben ein großes Abenteuer zu bestehen gehabt und jede heiratsfähige Frau sei in gewissem Sinne eine Abenteurerin gewesen, ebenso wie die verheirateten Frauen bisher die unüberwindliche Leibwache der Gesellschaft bildeten. So lautet die Theorie der alten Romanschriftsteller – allein das ewig Gleiche dieses Abenteuers und seine Banalität bannen es aus unserem Gesichtskreis. Jetzt aber, da die Zeiten sich geändert haben, hat die ehedem rein akademische Frage, ob die Frauen außerhalb der Grenzen ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Manne den Geist des Abenteuers zu erfassen und ihm zu folgen vermögen, an Bedeutung gewonnen. Jedes Licht wäre daher von Interesse, das durch eine Untersuchung der weiblichen Abenteurertypen der Vergangenheit auf unser Problem fiele (der Ausdruck Abenteurerin hat einen zweifelhaften Klang); ebenso jeder Beweis für oder gegen einen Unterschied der Geschlechter in der Morphologie des Abenteuers.

Es ist klar, daß der verschieden starke Widerstand der drei gestaltenden Elemente: des sozialen Komplexes, des Tätigkeitsfeldes und der Psychologie des Abenteurers selbst, die äußere Form des Abenteuers beeinflußt. (Jedes Zeitalter bringt seine besonderen Typen hervor, die Antike den Eroberer, das Mittelalter den Entdecker, das neunzehnte Jahrhundert den Weltreisenden und Goldsucher.) Aber damit hat sich ihre Rolle in den Augen des Historikers noch nicht erschöpft. Sie wirken auch auf den Umfang und die Einzelheiten des Unternehmens ein. Den dritten oder psychologischen Faktor müssen wir dabei außer acht lassen. Er entzieht sich unserer Beurteilung, und so müssen wir ihn wohl oder übel als konstant annehmen. Dagegen läßt sich der Einfluß der anderen beiden auf eine sehr einfache Formel bringen, und zwar wird das Abenteuer um so schwieriger, seltener und unwichtiger, je stärker die soziale Bindung und je beschränkter das Gebiet des Unbekannten ist. In beider Hinsicht herrschen zur Zeit ungünstige Bedingungen. Wir sind noch weit entfernt von einer internationalen Regierung, aber es besteht bereits eine internationale Polizei mit Kabeln, Postämtern, Flugzeugen und einem allgemeinen Code, die den abenteuerlichen Existenzen eines Cellini, Casanova und Cagliostro sehr bald ein Ziel setzen würden. Unsere ökumenische Zivilisation, wie Keyserling sie nennt, zieht dem Individuum immer engere Grenzen. Auch gibt es auf der Weltkarte kaum eine weiße Stelle mehr. Das geographisch Unbekannte, das leichteste und lockendste Eingangstor in die Welt der Abenteuer, ist verschwunden. Lhassa ist heute telefonisch mit der Kultur verbunden, und eine Flagge weht auf jedem Pol. Allerdings suchen einige unbezähmbare Damen uns nach wie vor zu überzeugen, daß die Sahara nichts Alltägliches sei, und die Presse fährt fort, romantische Reisebeschreibungen über Gegenden in Asien zu bringen, wohin jedes Reisebüro Fahrkartenhefte verkauft. Trotzdem »gibt es nichts mehr zu entdecken«, um in dem düsteren Jargon der Schuljugend zu reden. So müssen wir uns denn fragen: Gehört das Abenteuer der Vergangenheit an?

Ich habe den Trost jener Schriftsteller und Dichter bereits zurückgewiesen, welche die Schwierigkeit dadurch zu überwinden suchen, daß sie »das Interessante« oder oft nur mäßig Interessante als Abenteuer verkleiden. Ohne gute, gesunde Begriffe verwässern zu wollen, müssen wir dennoch feststellen, daß das Abenteuer nicht ausgestorben ist. Auch ist der Abenteurer nicht seltener geworden, und zwar existiert er in seiner ästhetisch glücklichsten Form, fern von jeder Niedrigkeit. Allerdings hat es auch magere Jahre für ihn gegeben, wie zum Beispiel das achtzehnte Jahrhundert. Damals war alles Besitz geworden, geleistet, ausgekundschaftet. In solchen Zeiten muß er das Neue in sich selbst suchen, nicht in der unwandelbaren Natur, sondern in dem stets sich erneuernden Strom des menschlichen Lebens. Die Geographie ist banal geworden, aber die Topographie bewahrt sich ihre unerschöpfliche Originalität.

Zu ihr hat sich der unsterbliche Abenteurer geflüchtet. Er rettet sich in die Wüsten der Hochfinanz, in den Dschungel des Geschäftslebens, unter die zahllosen wilden Stämme unserer Großstädte, in die Welt der Menschen, wo größere Entfernungen walten als zwischen Stern und Stern. In den titanischen Werken und Ereignissen unserer Tage offenbart sich die nämliche Zusammenarbeit von Draufgänger und Stubenhocker, der gleiche Kulturkampf mit der rätselhaften Göttin, die das letzte fordert und das letzte gibt. Die Geschichte hat stets einen Katalog von Abenteurern an der Hand – sie hat ihre Methoden nicht geändert, mag es ihr auch aus Geschäftsgründen unmöglich sein, die Liste zu veröffentlichen.

Was nun die abenteuerlichen Leistungen betrifft, die Atlantikflüge, die Nordpolexpeditionen, die Besteigung des Everest, Blüten des Heroismus und der Standhaftigkeit, wie die Vergangenheit der Menschheit sie niemals kannte, so sind sie vielleicht das Panier unserer Zeit, allein sie gehören nicht unmittelbar zu unserem Thema. Ihre Helden sind Soldaten der Gesellschaft, aber keine Abenteurer, und nur ein Mißverständnis, das unsere Arbeit vielleicht aufklären wird, konnte ihre Freunde veranlassen, einen solchen Titel für sie in Anspruch zu nehmen. Ich werde noch Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen.

Das Folgende soll weniger die Geschichte erhellen, als sie illustrieren. Es soll ohne jede Heuchelei die Taten von Männern und Frauen ehren, deren Schicksal größer, wenn auch nicht tiefer war, als das unsrige. Vor allem soll es den Abenteurer in uns und den Teil von uns, der in dem Abenteurer lebt, wecken. Ich will weder warnen noch ermutigen, sondern will anerkennen, wo mir Bewunderung versagt ist. Dabei neige ich mich in Ehrfurcht vor dem unersättlichen Geiste des Menschen wie vor dem unergründlichen Geheimnis, das ihm Beute, Erhalterin und Göttin ist.

William Bolitho.

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