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Zwölf gegen das Schicksal

William Bolitho: Zwölf gegen das Schicksal - Kapitel 2
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typeessay
authorWilliam Bolitho
titleZwölf gegen das Schicksal
publisherBüchergilde Gutenberg
year1946
translatorMarguerite Thesing-Austin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vorwort

Der Weltkrieg, diese europäische Geißel, mit seiner Folge von persönlichem, nationalem, ja weltumspannendem Elend, lastet noch schwer auf all denen, die ihn zu erleiden hatten, und seine letzten Gegenstöße sind – wenn auch nicht offen zutage liegend – nicht minder schmerzhaft.

... Ein Schützengraben an der Somme, aufgerissen von einer Granate ... ein Chaos. Unter der Erde, in einem Meter Tiefe, findet man einen jungen Mann, groß und schlank, noch lebend auf. Ist ein wichtiges Organ verletzt? – Wird er diese Erschütterung überstehen? Die Untersuchung ergibt nichts Genaues, außer einer leichten Verrenkung der Wirbelsäule, die in der Folge funktionelle Störungen hervorrufen kann. Aber Bolitho verläßt nun den Kriegsschauplatz und erwacht zum geistigen Leben Europas.

Man wußte von ihm nur, daß er vom Kap kam; er galt als gebildet und es war auch bekannt, daß er ein junger Freiwilliger von mitreißendem Temperament und ein guter Kamerad war. Durch gelegentliche Unterhaltungen mit seinen mondänen Pflegerinnen, einige seiner prägnanten Berichte und seine sprühende Beredsamkeit erwies sich seine Eignung für einen besonderen Posten bei der englischen Kriegsberichterstattung in Frankreich. Hier fand er Gelegenheit, die verschiedenartigsten internationalen Probleme von allen Seiten zu beobachten.

Schüchtern, einsam, zurückhaltend – ganz dem Wissen um die Dinge ergeben – erlangte Bolitho bald einen Ruf als Psychologe und Journalist jener besonderen Gattung, als deren Urbild Rémy de Gourmont anzusehen ist.

Nachdem er sich nach und nach in London und New York durch seine glänzende Unterhaltungsgabe einen Namen gemacht hatte, nahm er die Verfolgung seines wunderbaren unvollendeten geistigen Abenteuers auf, dieser mystischen oder vielmehr metaphysischen Epopöe, die sich in verblüffender Weise mit seinem Werk und seinen vulkanischen Gedankengängen deckt.

Der Mensch, der sich der sozialen, mystischen oder metaphysischen Epopöe ergibt, kann, obgleich er nach außen ein Leben wie die andern führt, den Sinn des Lebens nur im Abenteuer finden und seinen Aufschwung nur in der Dichtung, um den quälenden Hunger nach dem Unbekannten zu befriedigen. Bolithos literarische Großmeister, vor Allen Shakespeare, Cervantes, den er im Urtext las, Dante und Rabelais, diese unvergleichlichen Sänger der Menschheit, waren ihm Vorbilder seines geistigen Epos. Es ist nicht erstaunlich, in seinen Schriften jene Sorge um den Menschen zu finden, die diesen auffordert, nicht weiter Sklave eines aufgezwungenen Lebens oder eines mehr oder weniger gut begründeten sozialen Organismus zu bleiben.

Bolitho konnte dem Paradoxen keinen Geschmack abgewinnen; er wollte weder belehren noch überzeugen, der Mensch interessiert ihn nur, weil er um sein unbesiegbares Elend weiß. Er ist ein Philosoph, der sich über die beklommenen Atemzüge der Welt beugt. Nach seinem Befund beginnt er zu schreiben – meditierend – und stellt überall Irrtümer fest, selbst im Göttlichen. Er nennt auch das Heilmittel – sich selbst eine irreale Welt in der realen schaffen – nicht die Philosophie des Vogel Strauß, sondern die Freude des Schauenden, den Überschwang des Poeten. Sein Bekenntnis verdient – wie ein Juwel – einen kostbaren Schrein.

Das Denken Bolithos ist von einer so absoluten Objektivität, von einer solchen Inbrunst für eine lautere Kunst erfüllt – rein in sich selber –, daß man ihn ohne Schwierigkeit von vielen Schriftstellern englischer Zunge unterscheiden kann. Man ist bestürzt, in der britischen Literatur einer predigenden Moralität zu begegnen; selbst wenn das Dogma gewechselt hat und an Stelle der christlichen Moral politische oder soziale Doktrinen aufgestellt werden – es bleibt die gleiche Moral unter einem anderen Namen. Ein peinlicher Fehler, dem man oft bei englischen Schriftstellern – und nicht den unbedeutendsten – begegnet.

Bolithos Auffassung der Literatur ist eine rein künstlerische, eine humanitäre Philosophie, in großzügiger Weise frei von jedem Dogma und jedem Vorurteil. Er verfiel auch nie dem »cant«. Die ungewöhnliche Intensität seiner gedrängten Beobachtungen setzt – ohne daß es den Anschein erweckt – ein umfassendes Wissen voraus, ohne daß der Leser veranlaßt wird, einen bestimmten Weg einzuschlagen oder eine bestimmte Vorschrift zu befolgen. Voll von biblischen Gleichnissen, von großer Empfindsamkeit für den Rhythmus des Satzes, genau den Wert des Wortes abwägend, ergibt sich bei ihm eine außerordentliche Harmonie zwischen seinem Denken und seinem Stil.

Sein umfassender Eklektizismus hat die Schriftsteller geschreckt, die der Tagesmeinung und dem »cant« unterworfen sind, zwei Prinzipien, die jeglichen Wagemut und jegliche Begeisterungsfähigkeit ersticken – sind doch die großen Geister stets der Anarchie geziehen worden!

Sein künstlerisches Gewissen, die Höhe seines Gedankenfluges können von so erbärmlichen Feindseligkeiten nicht berührt werden, ebensowenig wie die nahen Freunde seines Geistes.

1930 versprach für Bolitho sein glücklichstes, sein schöpferischstes Jahr zu werden. Er kam aus New York zurück, nach dem aufsehenerregenden Erfolg von »Twelve against the Gods«, am Vorabend der Aufführung eines humanen und visionären Dramas, das in England und Amerika über die Bühnen gehen sollte, um in seine provenzalische Einsamkeit zu seinen geliebten Büchern zurückzukehren, ganz erfüllt von gewaltigen Bildern, die er in seinem Innern entwarf und vertiefte.

Man ist nicht ohne Gefahr eine Stunde lang einen Meter tief unter der Erde verschüttet gelegen; das winzige Etwas, das den Verletzten am Leben ließ, wartete nur auf den ersten Schwächeanfall, um den ganzen Menschen zu unterwühlen. Zuerst ein Nichts ..., die Organe funktionieren nicht mehr zuverlässig ... Fieber ... eine eilige Untersuchung ... das verspätete und unnütze Messer des Chirurgen ... das Delirium ... und der feste und schnelle Schritt des Todes.

Bolitho fühlte ihn nicht voraus; ihm war er nichts weiter als die Idee der Befreiung, der Reinigung, des Aufgehens in die Unendlichkeit ... Sein Fieberwahn war schon Entrücktheit ... und sein Mund schloß sich für alle Ewigkeit.

Ein so früher Tod an der Schwelle des Ruhms läßt an die Verse Shakespeares denken:

»... was Fliegen sind
den müß'gen Knaben, das sind wir den Göttern;
sie töten uns zum Spaß.«

William Bolitho hat uns das Beispiel eines unendlichen Mitleids mit dem menschlichen Elend gegeben und sein ganzes Genie angewandt, es zu verstehen und zu erheben.

Auf jener lichten Au, auf der sich die Geister der früh entschlafenen Poeten begegnen, wird ihm Bewunderung einen Platz in der Nähe seiner Meister anweisen, die er nicht entehrt hat, wenn es ihm auch an Zeit gebrach, ihnen gleich zu werden.

René Louis Doyon.

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