Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > William Bolitho >

Zwölf gegen das Schicksal

William Bolitho: Zwölf gegen das Schicksal - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/bolitho/12schick/12schick.xml
typeessay
authorWilliam Bolitho
titleZwölf gegen das Schicksal
publisherBüchergilde Gutenberg
year1946
translatorMarguerite Thesing-Austin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201301
projectid19ed8a14
Schließen

Navigation:

Woodrow Wilson

Es ist nicht bloß Laune, wenn ich Wilson – er hat ein Recht, schlechtweg bei seinem Vaternamen genannt zu werden – als letzten in unsere Studien aufnehme, vielmehr bin ich überzeugt, daß nur so der ganze Bau unter Dach und Fach gebracht werden kann. Kein Lebenslauf der Weltgeschichte kommt in seinen Grundrissen dem seinen gleich, kein anderer vermag so die auseinanderstrebenden Flügel, Galerien und Bodenkammern mit Fernsicht zu überdachen, die neben den Haupthallen und Türmen unseres Gebäudes emporgeschossen sind. Es ist vielleicht neu, Wilsons Weltstreben als Abenteuer und ihn selbst als Abenteurer – den hochfliegendsten von allen – aufzufassen, aber es gibt eine Menge Punkte, die vollkommen in eine derartige Definition hineinpassen. Einsamkeit und Gefahr waren reichlich vorhanden; einer der banalsten Vorwürfe, die man gegen Wilson erhoben hat, lautet, daß er sich isolierte. Die Ablehnung seiner Unterschrift ist Beweis genug, daß er in seinem Kampfe allein stand; gleichzeitig bietet der Vorfall einen bequemen Ersatz für den Tadel der Gesellschaft, der, wie wir schon zu Beginn unserer Arbeit sahen, als untrügliches Stigma den echten Abenteurer trifft. Selbstverständlich ist dieses Stigma rein politisch, es hat nichts mit Moral zu tun, wie wir das sonst bei dem Abenteurer gewohnt sind. Aber wir haben schon längst auf Lob oder Tadel zugunsten des Privilegs der Unparteilichkeit verzichtet. Das Lebensbild Wilsons ist in seinen höchsten Momenten, was Farbengebung, grandiosen Aufbau und Bewegung anbetrifft, eng verwandt mit den zweifelhaften Glanztaten eines Alexanders, Napoleons und Columbus' samt ihren Welteroberungen, Weltentdeckungen und Weltstürzen. Ja, Wilson ist gleichsam ihr edlerer Bruder. Wir haben es hier mit einem Manne zu tun, der sich und sich allein – fragt nur die Parteiführer – als Oberhaupt dem Kontinentalreich der Vereinigten Staaten aufzwang. Der ferner jene ungeheure Macht gleich einem Schwert gebrauchte, das er nach Gutdünken in die Scheide steckte oder zückte. Kraft eben dieser Macht und der Gewalt seiner Gedanken beendete er den Krieg. Danach zog er aus, um durch Beendigung aller Kriege die Menschheit zu retten. Hier liegen Handlungen und eine Persönlichkeit vor, die sich zum mindesten an Romantik mit allem, was sich bisher in der Geschichte der Menschheit ereignet hat, messen können.

Doch wenn auch seine Eintrittskarte in unsere Gesellschaft in Ordnung ist, und wenn wir auch die Struktur seines Verhaltens, auf die es vor allem ankommt – klar durchschauen, glaube ich doch zwischen ihm und den anderen einen Unterschied zu erkennen, und der hegt, meiner Ansicht nach, in der Richtung seines Willens. Sein Streben war genau so sicher, sein Wollen so groß, sein Ziel sogar noch höher als das der anderen. Während aber der übliche Abenteurer so häufig, daß wir es fast als Regel aufstellen können, für sich oder seine Familie oder doch zum mindesten, wie Mohammed, für seine Vaterstadt kämpft, nimmt Wilson sein Abenteuer um der Menschheit willen auf sich. Nicht als ihr Diener, nein, als ihr Vorkämpfer. So lauter war sein Motiv, so unbefleckt von jedem Makel, mit Ausnahme vielleicht des harmlosesten und entschuldbarsten, einer persönlichen Eitelkeit – sozusagen ein kleiner Rest des allgemein Menschlichen –, daß sein Abenteuer in gewissem Sinne zugleich das Abenteuer der Menschheit ist.

Mit Wilson bricht die ganze Menschheit ihr Lager ab, verläßt ihre vier Wände und ringt mit der Schöpfung und deren Göttern. Dieser Unterschied trennt Wilson von den anderen, und aus diesem Grunde muß er unsere Arbeit beschließen.

Denn ich hoffe, wir sind von der Ansicht bekehrt, daß nur der Abenteurer Gefahr läuft. Jene, die daheim bleiben, sind trotz der dicksten Mauern; trotz der festesten Brustwehren in Gestalt von Staat, Gesellschaft und Verfassung, ob sie wollen oder nicht, zu einem Kollektivabenteuer verurteilt. Mag auch ein Dach den drohenden oder lichten Himmel aussperren, die Gefahr gleicht dem Äther – sie durchdringt die gesamte Materie. Dieses unser Abenteuer nimmt mit jeder Drehung der Erde, mit jedem Ruck des Sonnensystems durch die furchtbare Unendlichkeit seinen Fortgang. Der einzelne Abenteurer, der sich hinaus ins Freie wagt, erkennt die Gefahr. Wir Zusammengepferchten dagegen nicht. Er bestimmt seinen Kurs, sein Ziel, steigt kraft seines Willens zu hohem Flug. Wir tun es nicht. Die – nur im Vergleich mit der Winzigkeit des einzelnen – ungeheure menschliche Herde wird, ein Spiel des Zufalls, hin und her gewirbelt, emporgeschleudert – das ist Fortschritt –, hinabgestoßen – das ist die Urzeit. Nur drei-, viermal ist uns ein ganz Großer, Mutiger erschienen, der den Versuch unternahm, dem steuerlosen Wrack einen Kurs zu geben – oder, besser noch, es von dem Riff, an dem es gestrandet, loszueisen. Solch ein Abenteuer kann mit Fug und Recht als das ehrgeizigste von allen bezeichnet werden. Wir wollen es jetzt auf eine elliptische Formel bringen: Wilson suchte die Welt für die Demokratie zu retten.

Zum Glück begreift ein jeder die Fülle von Forderungen, welche den Hintergrund jenes gewaltigen Wortes bilden. Wir brauchen daher lediglich die wichtigsten Komponenten zu wiederholen, die auf Verlauf und Ende von Wilsons Abenteuer einwirkten.

Glücklicherweise ist auch der Glaube an die Demokratie als Regierungsform, ja als sicherste Hoffnung der Menschheit uns allen nahezu zur Pflicht geworden. Mir bleibt somit eine lange und schwierige Untersuchung ihrer Forderungen erspart. Wilson gebrauchte den Ausdruck zweifellos als Synonym für die ganze, ihm bekannte Welt, etwa so, wie ein mittelalterlicher Philosoph sich der Bezeichnung »Christenheit« bediente. In dem engeren Sinne einer Regierungsform basiert die Demokratie auf einer Hoffnung. Diese wurzelt, wie alle menschlichen Hoffnungen, in dem Wunsch, jedes Individuum möge weise genug sein, zu wissen, was in seinem Interesse liegt, und selbstlos genug, dieses Interesse zum Interesse der Allgemeinheit zu erheben. Es wird ferner behauptet, die Summe dieser Willensbezeugungen ließe sich in einem einzigen Willen zusammenfassen, der Wille des Volkes genannt wird, und der stets gerecht, unfehlbar und weise sein soll.

In der Praxis jedoch hat man zahlreiche wichtige Modifikationen und Anpassungen an diesen einfachen Lehrsatz für nötig befunden. Die politische Geschichte der Menschheit und die Fortschritte politischen Denkens unserer Zeit sind fast alle derartigem Flickwerk entsprungen. Zum Beispiel war es fast von Anfang an klar, daß ein gleichzeitiges Zusammenfinden sämtlicher Bürger, um ihr Denken und Reden nach demokratischem Prinzip in einem gewaltigen Chor zu vereinen, undurchführbar sei. Teilversuche, die Theorie unverfälscht in die Praxis umzusetzen, haben klägliche Resultate gezeitigt. So versuchte zum Beispiel Robespierre, so viel Volk wie nur möglich auf den Straßen und Plätzen von Paris zu versammeln, damit es kooperativ für Recht und Gerechtigkeit stimme. Er mußte das Experiment mit dem Tode büßen. Seither ist man meist dem englischen Modus gefolgt, das heißt, man hat die natürliche Tugend des Volkes durch den Mechanismus der Wahlen destilliert und in bestimmte Bahnen gelenkt. Unmöglich lassen sich die zahlreichen geschickten Erfindungen aufzählen, mit denen man die praktische Durchführung der reinen Theorie zu verbessern und korrigieren suchte. Sie schildern, hieße die Geschichte des modernen Fortschritts schreiben. Einige der klügsten und feinsten Köpfe rieten, die natürliche Reinheit instinktiven Wollens durch Erziehung zu läutern. Unsere Tagespresse ist ein indirektes Ergebnis hiervon. Eine große, ernst zu nehmende Schule gipfelt in den Kommunisten und Bolschewisten, die eine aktive Rolle in dem jüngsten Entwicklungsstadium dieser Angelegenheit spielen. Sie haben die logisch weniger anfechtbare, entgegengesetzte Richtung eingeschlagen und verweigern allen außer den ärmsten, unverdorbensten und zahlreichsten Volksschichten einen Anteil an der Regierung. Ferner hat man orakelhafte Traditionen ersonnen, um das Beifallsgebrüll und Gezisch der Menge in gedankenreiche politische Systeme zu verwandeln. Sie zu studieren, erfordert Muße und Gelehrsamkeit. In Wahrheit fördert die unbeeinflußte Volksstimme, statt die Summe guter Instinkte im Menschen wiederzugeben, nur allzuoft den übelsten Rückstand: Eitelkeit, Furcht und Trägheit in der ungefähr hier aufgezählten Reihenfolge zutage. Haben nicht beide Napoleons wiederholt durch eine einfache Volksabstimmung sich eine überwältigende Majorität verschafft? Dies möge uns als Warnung dienen; die Stimme des Volkes bedarf, um richtig verstanden zu werden, der kunstvollsten harmonischen Übertragung. Das Volk, sagt ein großer Franzose, hat immer recht; man muß es nur zu nehmen wissen.

Woodrow Wilson aber war aus der Tiefe seiner Überzeugung wie durch Praxis, Erziehung und Studium die Verkörperung jenes ganzen Komplexes, der sich in seiner verfeinerten Form von dem reinen Dogma der Demokratie streng unterscheidet. Letzteres ging endgültig in den Besitz Lenins über. Das heißt, Wilson vereinigte in seiner Person sämtliche gemäßigten Reformer des früheren Jahrhunderts, von Sieyès und Voltaire bis zu Gladstone, Garibaldi und Lincoln. Er war der gottgeweihte Wächter der stärksten Hoffnung der Masse Mensch, des einzigen zur Zeit aufliegenden Planes zur allgemeinen Glückseligkeit. Aufrichtig, glaubwürdig und zielsicher, führte er, gleich dem Genie, sein Amt aus eigener Machtvollkommenheit. Das muß man sich klar vor Augen halten, will man die Maße seines Abenteuers erkennen. Wilson ist die Verkörperung der demokratischen Doktrin. Er ist der Repräsentant aller jener, die an sie glaubten, von ihr träumten und für sie fochten. Er, im wesentlichen ein Mann der Tat, ist das Werkzeug der großen Dichter und Philosophen Shelley, Hugo und Heine, Jefferson, Mill und Mazzini. In ihrem Geiste und mit Hilfe ihrer Wissenschaft versuchte er die Menschheit zu retten. Aus welcher Gefahr und mit welchem Ergebnis, wird sich nach Möglichkeit im Laufe dieser Auseinandersetzung zeigen.

Mit Liebe oder Abneigung, je nach Geschmack, aber ohne seine weltgeschichtliche Funktion und Stellung aus den Augen zu verlieren, wenden wir uns jetzt seiner persönlichen Geschichte zu. Es gibt meiner Meinung nach zwei breite Straßen, die zu einem einheitlich demokratischen Glaubensbekenntnis führen: das evangelische Christentum und die Jurisprudenz. Wilson beschritt nacheinander beide. Sein Vater war ein Diener des presbyterianischen Glaubens – das ist natürlich auch eine demokratische Form kirchlicher Herrschaft. Der junge Wilson war anscheinend nicht sehr fromm, hier aber bot sich ihm Gelegenheit, die aus der Demokratie erwachsende Hoffnung auf das gottgewollte Wohl der ganzen Menschheit in sich aufzunehmen. Eine Umgebung wie die seine bot bei der Wahl eines Lebensziels nur wenig Spielraum. Wilson schreibt darüber: »Die Politik war der Beruf meiner Wahl, die Jurisprudenz der Beruf, den ich ergriff. Der eine sollte mich zu dem anderen führen. Früher galt dieser Weg als sicher, und auch heute noch sitzen zahlreiche Juristen im Kongreß.«

Auf den verschiedenen Universitäten, an denen er studierte, befolgte er anscheinend den vortrefflichen, aber meist mißverstandenen Grundsatz, sein wahres Ziel nie aus den Augen zu verlieren. Er war weder eitel noch gefällig genug, sich um Auszeichnungen zu bemühen, die ihn von seinem Vorsatz hätten ablenken können. Er las jedoch viel und machte leidlich gute Examina. »Trotzdem arbeitete er schwer und mit einer Leidenschaft und Konzentration, die sein Leben lang zu seinen hervorragendsten Eigenschaften gehörten.«

An der Johns-Hopkins-Universität, ebenso wie in Princeton und an der Universität von Virginia, interessierte er sich so lebhaft für seine Spezialfächer, daß er sich mitunter zu seinen Lehrern geradezu feindlich stellte. »Seine Kollegs erscheinen ihm eher als Unterbrechung seiner eigentlichen Studien, denn als der Zweck, zu dem er die Universität besucht.« Man hat die Liste seiner wichtigsten Lektüre in dieser Zeit pietätvoll aufbewahrt. Sie ist vorzüglich zusammengestellt, ja sie ist seinem mit Inbrunst verfolgten Ziel selbst darin angepaßt, daß alle Autoren, die seinen Glauben erschüttern könnten, in ihr fehlen.

Mit Hilfe und als Abschluß dieser Studien wählte er nach kurzem Zögern einen sehr ungewöhnlichen, aber durchaus richtigen Weg zu seiner wunderbaren Zukunft: Er habilitierte sich. Wilson ist, soviel ich weiß, der einzige Politiker, der von einem Lehrstuhl auf den Präsidentensessel der Vereinigten Staaten gelangte. Da wir den positiven Beweis besitzen, daß er durch diesen Bruch mit der Tradition sein Ziel keineswegs aufzugeben beabsichtigte, liegt hier ein typisches und bemerkenswertes Beispiel für eine abenteuerliebende, selbständige Lebenstechnik vor.

Seine literarischen Werke, die von dem Buche: »Congressional Government« zu seiner 1889 veröffentlichten Arbeit: »Der Staat« führen, sind psychologisch interessant, da sie uns seine Aufnahmefähigkeit für die echte demokratische Lehre zeigen. Außerdem bilden sie wichtige Sprungbretter, Beweise des ständig wachsenden Ansehens, das er genoß. Ihnen und kleineren Arbeiten in Fachzeitschriften verdankt er seinen Ruf an die Princeton-Universität, wo sich ihm zum erstenmal Gelegenheit bot, sich aktiv am öffentlichen Leben zu beteiligen.

Die Geschichte seines Wirkens und Kämpfens dort liest sich wie ein kurzer Abriß Plutarchs über einen Helden der antiken Stadtstaaten. Maßstab und Gesichtskreis waren nur rein äußerlich die eines städtischen Gemeinwesens. In Wilsons Fall hätte man das dortige Treiben kurzweg mit den Worten »kleinliche Schulmeisterhändel« abtun können; jedoch die Gegner selbst und die politischen, ethischen und kulturellen Fragen, um die es ging, waren in Wirklichkeit so bedeutend, daß der ganze Schulstaat eher dem bis ins kleinste ausgearbeiteten Stahlmodell einer Maschine glich, das beliebig vergrößert werden konnte. Dieser Mikrokosmos, in den sich naturgetreu (bis auf die Dimensionen) eine große Welt hineinpressen ließ, erscheint so reich an Einzelheiten, so bunt und vielfältig an Erlebnissen, daß Wilson selbst viel später, als er sich in der inneren Politik seines Landes bereits heimisch fühlte, erklärte, er fände es schwer, auch nur einen Überblick über die damaligen Ereignisse zu geben.

Das jedoch muß ich als Außenstehender versuchen, will ich nicht von vorneherein auf einen kostbaren Einblick in Persönlichkeit und Stil des Mannes, dem unser Interesse gilt, verzichten.

Hier wie überall in Wilsons Leben stoßen wir auf eine gewisse Dualität. Die Princeton-Universität steuerte, wie alle Hochschulen Amerikas, mit vollen Segeln einer Entwicklung zu, die nur schwer definierbar, aber alles eher als demokratisch war. Das Leben der Hochschule entwickelte sich immer mehr nach gesellschaftlichen Gesichtspunkten, was um so gefährlicher war, als ein derartiger Ausbau jeder theoretischen Grundlage entbehrte und in den Verhältnissen selbst wie in den persönlichen Wünschen der Mitglieder wurzelte. Innerhalb des gegebenen Rahmens einer Provinzuniversität, die junge Leute auf einen Beruf vorbereiten sollte, schossen überall rasch und den einfachen Zweck der Anstalt überwuchernd Klubs und Privatvereine zur Pflege von Sport und Geselligkeit empor. Diese gesellschaftlichen Mittelpunkte entstanden, wie alle derartigen Einrichtungen, um aus einer größeren Schar von Menschen alle jene zu vereinen, die die gleichen Neigungen und die gleiche Lebensführung hatten, und natürlich setzten sich die Mitglieder in erster Linie aus jungen Leuten zusammen, denen das Studium keine Lebensnotwendigkeit war, kurz aus den begüterten Klassen.

Dieser Vorgang war bereits recht fortgeschritten, als Wilson ans Ruder gelangte. Mitglied eines Klubs zu sein, galt für wichtiger als jede akademische Auszeichnung; »einen Klub, womöglich den Klub zu gründen, war für die jungen Füchse eines der erstrebenswertesten Dinge. Rund ein Viertel bis ein Drittel der jungen Leute im zweiten Jahre ihres Studiums wußte, daß sie übergangen werden würden. Den neu eingeschriebenen Studenten winkte als Hauptlohn des akademischen Lebens die Aussicht auf eine Klubmitgliedschaft. Eltern kamen nach Princeton, um ihren Söhnen zu der von ihnen erwünschten gesellschaftlichen Stellung zu verhelfen.« Ich zitiere hier Mr. Ray Stannard Baker, der zudem auf den unwiderstehlichen Hang zu erhöhter Exklusivität, größerem Luxus hinweist. Man war politisch klug und wählte sich Füchse, die wegen ihrer Familienverbindungen, ihres Reichtums, ihres Sportruhms oder »ihrer gesellschaftlichen Stellung« beliebt waren.

Diese Lage mißfiel dem neuen Oberhaupt gründlichst, da es in ihr eine Entwürdigung des Studiums erblickte. »Die Nebendinge haben die Hauptsache verdrängt.« Tiefer aber und ernster noch war die Herausforderung an seine Grundprinzipien. Hier bildete sich sozusagen unter seiner Nase mit unverfrorener Geschäftigkeit eine Oberschicht: die Verneinung und Feindin eines demokratischen Amerika. Diese Klubs waren ein Nährboden für eine nicht arbeitende, ja herrschende Klasse, und das geschah in dem Allerheiligsten seiner Ideale, in der Universität. Sein erbitterter, hartnäckiger Feldzug gegen die Klubs ist daher keine geringfügige Sache, sondernder Anfang eines Kampfes, der Amerika für die Demokratie retten sollte.

Die Opposition hatte anfangs den Nachteil, sich in der Defensive zu befinden. Wahrscheinlich erkannte sie so klar wie Wilson selbst, um was es sich handelte, nämlich um einen Streit, der über die Frage, wie die Studenten ihre freie Zeit verbrächten, weit hinausging: um einen Ring zwischen einer embryonalen Aristokratie und einem gut ausgerüsteten Vorkämpfer der Demokratie. Wie einer der jungen Leute, die Mr. Baker zitiert, sich ausdrückte, »konnte niemand einen Gentleman zwingen, mit einem Knoten zu verkehren«. Aber alle Phrasen, alle Verhaltungsmaßregeln und Präzedenzfälle standen auf Wilsons Seite, denn seit dem Sturze Hamiltons hatte es in Amerika nach außen hin keine andere Strömung als die demokratische gegeben. Sämtliche Waffen lagen in Wilsons Hand, aber die anderen waren ihres Bodens sicher. Bemerkenswert ist, daß seine Gegner während der ganzen Kampagne niemals den Versuch machten, ihr Tun und Lassen offen zu verteidigen; sie verteidigten mit keinem Wort die »gesellschaftliche Rolle der Universität«, gegen die er kämpfte. Niemals zogen sie die suggestiven Schlagworte »Aristokratie«, »Kultur« oder sonst irgendeinen Einwand heran, den sie gegen seine philosophisch durchaus nicht unangreifbare Auffassung einer Universität als reine Vorbereitung für das Leben oder, hart gesagt, als Laboratorium hätten vorbringen können. Sie bestritten die Tatsachen, nicht die Theorie und warteten ab. In diesem langsamen, hinterhältigen Krieg war der Führer der Gegenpartei der Dekan Andrew West, ein von Natur undemokratischer, aristokratischer Kopf. »Keiner vermochte so zierlich wie er eine lateinische Inschrift zu drechseln, bei feierlichen Anlässen ein so prunkvolles Schauspiel zu inszenieren. Er liebte die äußeren Annehmlichkeiten des Lebens, Rang und Ansehen, Pracht und Glanz.« Seine Reise nach Europa, insbesondere nach England, »hatte einen starken Eindruck in ihm hinterlassen. Das Leben in Oxford, die imposanten Baulichkeiten und wirkungsvollen Effekte hatten ihn völlig bezaubert.« In dem Brief, den er am 4. Oktober von dort an Wilson schrieb, hatte er vier Bilder aus einem Buch mit Oxforder Ansichten eingeklebt. Er war von dem Magdalenenturm begeistert. »Bei Mondschein, welch ein Traum in Silbergrau und Weiß!« Solch ein Mann war der natürliche Widerpart Wilsons, obwohl beide seltsamerweise fast den gleichen Werdegang hatten. Aber der Künstler ist der natürliche Feind der Demokratie, oder, falls er zu kämpfen sich weigert, ihr Prügelknabe und Paria, und West war im passiven Sinne zweifellos ein Künstler. Bei Wilson aber war dies in keiner Hinsicht außer in seiner Lebensgestaltung und seinem Abenteuer der Fall. Daß die Demokratie, von gewissen Gesichtspunkten aus betrachtet, Schöpfung und Traum eben der Dichter, Künstler und mutigen Abenteurer ist, die sie weder brauchen noch dulden kann, hat damit nichts zu tun. Frankenstein wurde von dem Ungeheuer, das er erzogen hatte, getötet.

Trotzdem verdeckte diese klare Opposition zwischen den beiden, die, wie bei Hektor und Achill, fast allegorischen Charakters ist, ein geheimes Band, eine verborgene Eigenschaft, ohne die wohl kein Kampf wahrhaft interessant sein kann. Der Dekan, der Künstler, muß vor sich selbst seine ketzerischen Ansichten verschleiern, und Wilson, der Einzelgänger und Abenteurer, befolgt eine im wesentlichen unsoziale Taktik, so unerschütterlich er an seinen sozialen Zielen festhält. Beide befinden sich also, von weitem gesehen, in einer falschen Lage. Der Aristokrat peitscht die Masse auf, und der Demokrat kämpft als einzelner gegen viele. Denn das eine ist klar: Die Allgemeinheit war für West. Sämtliche ehemaligen Studenten – das eigentliche Rückgrat der Universität –, das Kuratorium und die meisten Professoren standen auf seiner Seite.

Wir müssen, wie gesagt, auf Einzelheiten verzichten. Der Kampf entspinnt sich um zwei Nebendinge, die beide mit Wests Plan zur Neugründung eines Colleges für die letzten Semester zusammenhängen. Dieser Bau sollte alle anderen übertreffen und sich an Schönheit mit Oxford messen können. Um Wilsons Zustimmung zu erlangen, hätte er als integraler Bestandteil der Universität auf deren Grund und Boden errichtet werden müssen. West aber wollte ihn hinaus in eine herrliche Landschaft mit Blick auf den Golfplatz verlegen, ziemlich weit von den anderen Baulichkeiten entfernt. Wichtiger noch war die ideelle Frage der Leitung und Lebensführung, des Luxus und der eigentlichen Zweckmäßigkeit. »In Wahrheit kämpfte der Dekan um die Möglichkeit, sich zum uneingeschränkten Diktator dieses Colleges emporzuschwingen.«

Ein Freund hatte ihm rund eine halbe Million Dollar als Geschenk zur Verfügung gestellt, sein Plan hatte also einen realen Hintergrund. So wie die Dinge damals lagen, hätte diese große Summe ihm zweifellos den Sieg gebracht, hätte er nicht einen Wilson zum Gegner gehabt. Dieser aber vollbrachte im allerletzten Moment eine große Tat. Zur grenzenlosen Überraschung, Wut und Bewunderung ganz Amerikas setzte er es durch, daß die Verwaltung das Geld ablehnte. Das war seine Einführung bei der amerikanischen Nation. Er nutzte die vernichtende Niederlage seiner Gegner durch seine berühmte Rede aus, in der es heißt: »Die amerikanischen Universitäten müssen von den gleichen Sympathien durchdrungen werden, wie das gemeine Volk. Das amerikanische Volk duldet nichts, was nach Exklusivität schmeckt.« Aber kaum war der letzte Vers dieses Hohenliedes der Demokratie verklungen, da wendete sich das Blatt. West erhielt ein zweites Legat, diesmal auf viele Millionen Dollar, das, an keinerlei Bedingungen geknüpft, ihm zu treuen Händen übergeben wurde, und Wilson gab den Kampf auf.

Sein Rücktritt war keine kleine Sache. Das Wagnis war zeitlich wohl erwogen und zeigte Schwung und Bewegung. Der unlautere Abenteurer strauchelt, wenn er zum Sprung ansetzt. Wilson aber landete wohlbehalten jenseits des Grabens. Er brauchte sein Leben nicht als verschrobener Professor ohne Lehrstuhl weiter zu fristen, sondern geriet mitten in die Hauptströmung seiner Laufbahn. Es folgt eine Kette von Zufälligkeiten, Begegnungen und Gelegenheiten, wie sie alle abenteuerlichen Lebensläufe zusammenzuschließen pflegt. Er kandidierte für den Gouverneurposten von New Jersey; in hinreißendem Tempo wird er Gouverneur, Präsidentschaftskandidat und endlich Präsident der Vereinigten Staaten. Auf diesem erhabenen Gipfel sieht er die ganze Welt als Arbeitsfeld zu seinen Füßen liegen. Sein Amt macht ihn zu dem mächtigsten aller Herrscher, und seine Methode, Tapferkeit und Energie befreien ihn von der unsichtbaren Kontrolle seiner Partei in einem Maße, wie es keinem seiner Vorgänger zuteil wurde. In Wahrheit läßt sich seine Lage in ihren wesentlichen Punkten: Macht des Plebiszits und völlige Unabhängigkeit, skandalöserweise nur mit der eines napoleonischen Kaisers vergleichen. Ohne sich durch eine einzige Schuld die Hände zu binden, verwandelte Wilson seine Niederlage in der Hochschulpolitik in diesen Sieg.

So war Wilson, als die Welt ihn kennenlernte: der Hüter einer traditionellen Lehre, wie sie ein Jahrhundert lang durch den Mund der Geschichte den Heiligen der Demokratie verkündet worden war. Mit vollem Bewußtsein und rückhaltloser Überzeugung gebrauchte er seine Macht, wie keiner seiner geistigen Vorgänger. Die Hoffnungen der Masse hatten endlich ihren Papst gefunden, wir aber müssen uns zu vergegenwärtigen suchen, weshalb das Volk gerade in diesem Augenblick einen solchen Mann brauchte.

Das Dogma der Demokratie stützt sich felsenfest auf das Gemeinsame, was alle Menschen verbindet oder – wollen wir uns anders ausdrücken – auf das Postulat, daß der Mensch im Grunde gut sei. Dieser Optimismus wird durch Rechenfehler in der Praxis natürlich stark erschüttert. Keine bloße Amputation oder Knocheneinrenkung können eine derartige Vergiftung des Herzblutes der Demokratie heilen. Mitunter halten aber nicht nur Hypochonder, sondern auch objektive Beobachter, die nicht in die Zeit verliebt sind, manches an der Prämisse für stark übertrieben. Die Menschen neigen von Geburt an meist zu Eitelkeit, Furcht und Trägheit, und, was noch schlimmer ist, dieser Hang wird um so stärker und gebieterischer, je tiefer man in der Skala von Reichtum, Intelligenz und Bildung zu der großen Masse hinabsteigt, zu dem »Volk«, dem Träger und Tempel der frömmsten Wünsche der Demokratie. Von jenen drei unglückseligen Fehlern schädigt die Trägheit vornehmlich in wirtschaftlicher Hinsicht das demokratische Glaubensbekenntnis, während die Furcht es vor allem moralisch hemmt. Der gefährlichste Fehler von allen aber ist die Eitelkeit, sie tritt am stärksten und am häufigsten auf und führt außerdem noch zum Kriege.

Das Kriegsproblem ist allmählich in den Mittelpunkt menschlichen Denkens gerückt. Vor dem demokratischen Zeitalter war dies keineswegs der Fall. Die Taten von Alexander, Karl XII. und ihresgleichen waren außer in ganz großen Zwischenräumen von Hunderten von Jahren kein so großes Übel wie zum Beispiel die Pest. Trotzdem haben erhabene Betrüger wie Victor Hugo die gegenteilige Illusion in Umlauf gesetzt, aber sie wird von den Tatsachen schlagend widerlegt. Die erste Überraschung, die jeden Studenten der Geschichte erwartet, ist die Erkenntnis, daß mit der ungleichen Entwicklung der demokratischen Regierungsform auch die Zahl und Zerstörungswut der Kriege wachsen. Diese ziehen in gewaltigem Maße immer weitere Kreise in Mitleidenschaft. Ein derartiges Zusammentreffen ist natürlich auch den gläubigsten Fortschritten nicht entgangen. So entstand denn die geistreiche, auf Indizien sich aufbauende Legende, die wir alle kennen, nämlich daß der eigentliche Grund eine internationale Verschwörung der Millionäre, Rüstungsindustrien und Zeitungen ist, an der auch schöne, gewissenlose Abenteurerinnen sich beteiligen, um jungen Attachés wichtige Pläne zu stehlen. Neben dieser folkloristischen Poesie gibt es noch eine sachlichere Begründung: Man legt die Ursache der fortschreitenden Wissenschaft zur Last. Ich persönlich bevorzuge die einfache Theorie (die natürlich keiner anzunehmen braucht), daß Napoleon mit seiner Erfindung (oder vielmehr Erweiterung) der Wehrpflicht an allem schuld ist. Die Könige hüteten sich in der Regel, andere Leute als Vagabunden und Landstreicher und jene geistigen Vagabunden – die romantischen jüngeren Söhne adeliger Geschlechter – aufzufordern, für sie zu morden oder sich morden zu lassen. Die Wehrpflicht ist bis auf ganz wenige unbedeutende Präzedenzfälle eine demokratische Einrichtung. Man vergesse nicht, daß Napoleon mit ausdrücklichem Willen des Volkes Kaiser wurde. Der englische Liberale, Lord Robert Cecil, erfuhr zu seiner größten Überraschung, daß die Wehrpflicht in Frankreich von den Republikanern befürwortet wurde, während ein kleines Söldnerheer nach englischem Vorbild auf dem Programm der royalistischen Reaktionäre stand.

Doch dieser große, strenge Lehrer der Demokratie impfte seinem Volke nicht nur die Gewohnheit ein, sich in Massen zur Schlachtbank führen zu lassen, statt sich aus dem Bevölkerungsüberschuß seine Opfer auszuwählen. Er stachelte es auch zu jener Form der Demokratie auf, die den Massenmord vor allem züchtet. Der Nationalismus, die Bildung von Staaten auf Grund einer sprachlich-historischen – das heißt literarischen, wenn nicht gar poetisch-archäologischen Basis – gilt selbst in den Augen der Demokraten als gefährlicher Kriegsschürer, da er sich voll und ganz an den irrationellsten, stärksten Teil der abgrundtiefen menschlichen Eitelkeit wendet. Die Demokraten haben dafür eine besondere Art lauwarmen, verwässerten Nationalismus erfunden, den sie für harmlos, ja für heilsam halten, und an den ich sehr gerne glauben würde, könnte ich nur den klaren Unterschied zwischen dem verpönten Axiom: »Das Vaterland über alles!« und dem »Recht der Völker auf Selbstbestimmung« erkennen.

So wie die Dinge liegen, müssen Ungläubige nach wie vor der Ansicht sein, daß das Kriegführen größten Stils ein Charakteristikum der Demokratie ist, daß nichts die reine Volksstimme so zur Begeisterung mitreißt, wie die Aussicht auf eine allgemeine Balgerei, daß die Menschheit sich zu keinem anderen Unternehmen so einträchtig und bereitwillig zusammenfindet. Ferner glaube ich mit Wilsons zunehmender Erkenntnis, daß entweder die Demokratie oder die Menschheit zugrunde gehen muß, wenn dieser Trieb nicht geheilt, verdammt oder ausgerottet wird.

Wir brauchen daher nicht erst zu betonen, daß der letzte Krieg, mit dem wir es hier zu tun haben, eine durch und durch demokratische Angelegenheit war. Nach einem verzweifelten Versuch, das alte monarchische Prinzip beizubehalten, wonach nur Freiwillige hinaus in den Tod geschickt wurden, führte England die allgemeine Wehrpflicht ein. Das einzige Land, in dem der Krieg nicht den offen zum Ausdruck gebrachten Willen der überwältigenden Majorität darstellte, war bezeichnenderweise Rußland. In Deutschland war er wohl die einzige wahrhaft volkstümliche Handlung des wilhelminischen Regimes, die Arbeiterzwangsversicherung vielleicht ausgenommen.

Auch in Amerika befand sich Wilson lange Zeit in der Opposition gegen den Volkswillen, weil er sein Land nicht mitmarschieren hieß. Zwei, drei Jahre lang machte er sich der Todsünde eines wohlwollenden Despotismus schuldig. Wie er dies mit seinem Gewissen vereinen konnte, ist ein schwieriges und eigenartiges Problem. Endlich aber beschloß er dennoch, dem Volk seinen Krieg zu geben.

Allein seine Beweggründe sind absolut einwandfrei und klar. Er zog in den Krieg, um den Krieg zu töten und die Demokratie für immer vor neuen Kriegen zu bewahren. Die Partei, zu der er sich schlug, entsprach zweifellos dem nationalistischen Interesse. Sein Ziel, das beweist eine jede seiner Handlungen und Reden sowie sein ganzes Leben, war rein altruistische Liebe zur Demokratie als einzige und totale Hoffnung der gesamten Menschheit.

Die Geschichte seines Eingreifens, das plötzliche, überraschende Zerhauen des blutigen Knotens, den vor Amerikas Eintritt in den Krieg jeder Sieg und jede Niederlage nur noch enger zusammengezogen hatten, ist wohl in jedem Schulbuch jedes Staates zu lesen. Im allgemeinen wird dabei der Hauptanteil des Erfolges dem weltweiten Triumph seiner Reden, vor allem den von ihm selbst verfaßten Noten samt ihren Punkten, Partikeln, Prinzipien und Zielen zugeschrieben. Vermutlich entspringt diese Auffassung nicht durchweg lauteren Motiven, sondern der lieben Eitelkeit, welche die Rolle der Truppen zu verkleinern sucht. Insofern besteht sie jedoch zu Recht, als Wilsons Eingreifen eine zersetzende Propagandawirkung auf die Deutschen ausübte und eine absolut notwendige, gewaltige Stärkung der Moral unter den alliierten Truppen bedeutete. Das kann ich als ehemaliger Frontkämpfer bezeugen.

Zweierlei fällt uns vor allem an jenen Dokumenten auf: die ganz klare Absicht, künftige Kriege unmöglich zu machen und eine gewisse verhängnisvolle Unsicherheit des Ausdrucks. Zum Beispiel greifen die vierzehn Punkte stellenweise ineinander; Wilsons Gedanken sind logisch nicht ganz klar formuliert. Außerdem wird unnötiges Gewicht auf eine zweifelhafte Theorie über den Ursprung des Krieges gelegt. Man schiebt die Schuld »der Geheimdiplomatie« in die Schuhe – eine Auffassung, die dem demokratischen Glaubensbekenntnis natürlich schmeichelt. Die zehn Gebote weisen ähnliche Mängel auf. Am bedenklichsten aber ist die häufige Wiederkehr von Redewendungen wie »nach Möglichkeit«, »soweit vereinbar« usw. Jetzt, post festum, sieht es beinah so aus, als wäre der Mann, der das verfaßte, auf irgendeine subtile Art nicht mehr der großartig mutige Wilson von Princeton und New Jersey. Sagen wir, er war ein Wilson, der bereits an einer für den Abenteurer gefährlichen Krankheit litt: Er war sich der kommenden Schwierigkeiten allzusehr bewußt. West gegenüber hatte er einen anderen Ton angeschlagen. Trotzdem ist der Gedanke, der allem zugrunde liegt, einfach und erhaben. Der Krieg soll für immer aus der Welt geschafft werden vornehmlich durch drei Verzichte: Den ersten forderten die Anhänger des Selbstbestimmungsrechts von den Mittelmächten, die anderen beiden verlangten sie – allerdings in schüchternerem Ton – von der ganzen Welt – von allen Kindern der Demokratie. Der erste lautet auf Abrüstung mit der logischen Konsequenz der Freiheit der Meere, der zweite auf allgemeinen Freihandel. Beide aber, wohlgemerkt, »nach Möglichkeit«.

Diese Möglichkeit – die einzige, die Wilson wirklich am Herzen lag – läßt sich, sofern sie von dem in den Völkern sich widerspiegelnden Willen der Menschheit abhängt, natürlich nie genau ermessen. Und doch hängt gerade jede Einschätzung des gewaltigen Abenteuers, das jetzt mit dem Einschiffen des Präsidenten nach Europa sich der Krisis nähert, völlig von der Einschätzung dieser einen großen Möglichkeit ab. Niemand wird den Gegenbeweis führen können, daß für eine furchtbar kurze Zeit – einen Monat, vierzehn Tage, vielleicht auch nur eine Woche, alle Grenzen fielen. Dieses »nach Möglichkeit« verwandelte sich in England, Frankreich, Deutschland kraft der gewaltigen Reue und Liebe des gemeinen Volkes dem Manne gegenüber, der es gerettet hatte, in eine absolute Möglichkeit. Mir steht es daher völlig frei, zu glauben, daß Wilson den Sieg davongetragen hätte, wenn er beim Betreten europäischen Bodens als unerschütterlich feststehende Bedingungen mit lauter Stimme und in seinem alten Ton die Weltabrüstung verkündet hätte, die Entwaffnung der britischen Flotte, der deutschen und französischen Armee, der italienischen U-Boote, die Schleifung Gibraltars, Maltas, Adens, und Hand in Hand damit das Fallen aller Zollschranken – die seines eigenen Landes an erster Stelle. Ein erhabeneres Geschick erfüllend, als irgendein Sterblicher vor ihm, hätte er der gesamten Mitwelt das Tor zu einer neuen, bezaubernden Zukunft geöffnet. Die Völker schrien danach, wo immer er sich zeigte. Wahrhaftig, der Schrei war laut genug!

Kein Mensch ist je mit solchen Hurrarufen begrüßt worden. Ich, der ich sie auf den Straßen von Paris mit anhörte, werde sie mein Leben lang nicht vergessen. Ich sah Foch, Clémenceau, Lloyd George, sah Generale, heimkehrende Truppen, Fahnen vorüberziehen. Aber das, was Wilson von seinem Wagen her vernahm, war etwas anderes – etwas Unirdisches – Übermenschliches. Oh, jener unbewegt strahlende, lächelnde Mann!

Freilich wäre es nicht leicht gewesen, dieses Abenteuer reiner Menschlichkeit! Seltsamerweise war aber der Widerstand der beiden Hauptgegner, Lloyd George und Clémenceau, durchaus zweifelhaft. Beide waren überreizt vor Freude und Entspannung, denn beide – das vergesse man nicht – waren große Redner und daher Nervenmenschen. Und beide waren, jeder auf seine Art, fast mystisch exaltierte, aufrichtige Demokraten. Clémenceau war außerdem noch sein Leben lang (zum wiederholten Nachteil seiner Karriere) ein blind anbetender Bewunderer angelsächsischer Einrichtungen und angelsächsischer Führerschaft gewesen. Lloyd George war eher aus Fanatismus denn aus Berechnung ein Anhänger des Humanitätsprinzips. Wohlgemerkt, nur während dieser einen kostbaren Woche gab es jene zitternde, berauschende Möglichkeit; und das, vor allem, ist der Stoff, aus dem das Abenteuer sich aufbaut. Wäre Wilson in jenem Augenblick nur ein wenig verrückt gewesen, als der britische Premier aus Pflichtgefühl – er war ein geringer Mann – nur so ganz pro forma an dem Grundpfeiler von Wilsons Bau rüttelte, an der Freiheit der Meere, und dabei die übliche Litanei vorbrachte, »daß man stets nur im Sinne der Freiheit und Gerechtigkeit Gebrauch davon gemacht« usw. usw.! Nie, auch nicht einen Augenblick lang, hatte Lloyd George gehofft, daß der Held ihn ausreden lassen würde. Später, als er dann zur Heimfahrt seinen Wagen bestieg, kam ein merkwürdiges Gefühl über ihn, eine heimliche Enttäuschung. Wahrhaftig, er, Lloyd George, England, der Status quo und die gesunde Vernunft hatten die Schlacht gewonnen. Mit einem Wort, technisch übte zuerst England, dann Frankreich einen Druck auf Wilson aus. Danach hatte es keinen Zweck mehr, noch die dritte Frage des Weltfreihandels aufzugreifen.

Die Welt würde sich gesträubt haben; der intelligente, vernünftige Mittelstand hätte Wilson nach Hause gehen lassen und versucht, die Revolution zu unterdrücken. In Amerika hätte er ohne Frage sein Amt niederlegen müssen – eine Wiederholung des alten Kampfes von Princeton. Aber auf dem Bahnsteig in London warf die englische Garde, als sie auf den Zug wartete, der sie zur Einschiffung nach Rußland bringen sollte, ihre Waffen fort: eine unbedeutende, nirgends verzeichnete historische Anekdote. Und fast jede Stadt, jedes Dorf in Frankreich hatte einmal eine Rue Wilson. Hat man das gewußt? Das geschah nicht nach Versailles oder wegen Versailles, sondern in einer Zeit, als alle ihn bejubelten, in jenen hysterischen ersten Tagen des Friedens. Jetzt ist das Schild in den meisten Fällen wieder verschwunden. Nur manchmal sieht man noch irgendwo auf dem Lande in einem kleinen Nest, wo man sich zufrieden gab, es von dem Hauptboulevard, dem Stolz des Städtchens, zu entfernen, über irgendeinem Seitengäßchen die Aufschrift mit seinem Namen: eine unruhige Mahnung an alles, was in jener wilden, wunderbaren Woche hätte geschehen können, wäre Wilson nur ein wenig verrückt gewesen.

Aber er war normal, bei vollem Bewußtsein, die ganze Zeit. Und jetzt müssen wir die Freude darüber denen überlassen, die sie wirklich empfinden und kurz die Gründe zu der seltsamen Metamorphose der Vierzehn Punkte untersuchen. Als erstes müssen wir den Schirm und Schutz aller Gescheiterten, die Entschuldigung ablehnen, welche die Großen und ihre Anhänger bei Katastrophen stets anführen: schlechte Ratgeber, falsche Freunde. Die bedeutenden Köpfe in der Umgebung des großen Präsidenten waren, wenn möglich, noch wagemutiger als er selbst. Der schwer belastende Einfluß der heimischen Finanziers, Industriellen und Politiker – starke, aber banale Mächte – setzte, wenn man sie nicht überhaupt verleumdet hat, erst viel später ein, als das Spiel längst verloren war. Wir würden uns hier in dieser Gesellschaft, die mit Alexander anfängt, nicht mit Wilson befassen, hätte er nicht verstanden, ein freier, einsamer Mann zu bleiben. Unsere Gesellschaft ist ein wenig exklusiver als der Ivy-Klub der Princeton-Universität oder die Liste der englischen Könige.

Wilsons Taten gehören nur ihm selber. Er durchlitt diese Konferenz mit der isolierten Verantwortung eines Sterbenden. Alles war längst verloren, lange bevor man anfing. Was übrigblieb, hatte nur das grausige Interesse eines Todeskampfes. Er hatte sich aus einem Propheten in einen Bittsteller verwandelt, der die anderen anflehte und bestach, nicht zu weit zu gehen. Aber er hat tapfer gekämpft, das muß man ihm schon glauben. Gleich zu Anfang, ehe man so recht wagte, ihm zu Leibe zu rücken, erpreßte er ihnen den Völkerbundsvertrag. Aber der Blankoscheck für die Separationen, die Erfüllung der Geheimverträge – jeder Staat schien einen ganzen Koffer voll zu besitzen und alle widersprachen den vierzehn Punkten –, die wüste, heißhungrige Plünderung, die in dem Vertrag von Versailles verbrieft und verbucht ist, die wurde ihm stückweise erbarmungslos abgerungen. Er konnte nicht einmal sein Prinzip retten, als die direkten nationalen Interessen seines Landes es erheischten. So wurde er gezwungen, Shantung den Japanern zu überlassen und heimste dafür die indignierte Verachtung der Chinesen ein.

Um noch Schlimmeres, zum Beispiel die Annektion des linken Rheinufers zu verhüten, mußte er zahlen. Er mußte Nation über Nation mit Bündnissen und Versprechungen bezahlen, mußte die Zukunft der Vereinigten Staaten verpfänden, damit diese vereinigten Demokratien aufhörten, den ihnen ausgelieferten Feind in Stücke zu zerreißen. Selbst für seinen Völkerbund mußte er zahlen – mit Artikel X, welcher bestimmt, daß er und sein Land die andern beschützen und ihnen auf ewig ihren Raub gerantieren sollen.

So verlief, einseitig (von außen) betrachtet, die Zermahlung Wilsons; die Einzelheiten sind in dem von ihm unterzeichneten Vertrage vermerkt. Es war eine Zersplitterung der Mittelmächte, aber es war vor allem auch eine restlose Aufteilung seines eigenen geistigen Weltreichs, das nur wenige Jahre gedauert hatte, und er blieb bis zum Schluß dabei.

Ein einziger merkwürdiger Vorfall zeigt gleich einem körperlichen Krampf der Außenwelt die Kämpfe, die er durchmachte. Nach all den großen Opfern schrak er davor zurück, den kroatischen Hafen Fiume Italien zu schenken. Frankreich und England gegenüber hatte er in allem nachgegeben, aber der Gedanke, sich einem bloßen Italien zu unterwerfen, hätte ihn aufgerüttelt und wenn er körperlich schon halb gestorben wäre. Italien bekam Fiume nicht, jedoch dieser letzte Kampf ist nicht nur heldenhaft, sondern auch traurig. Es ist, als sei plötzlich sein altes, seit sechs Monaten gestorbenes Ich noch einmal aus dem Grabe auferstanden, »in der Gestalt des Königs, der uns starb«, um dem armen gekränkten und verwirrten Paar, Orlando und Sonnino, den Weg zu versperren. Dieses ragende Phantom löste endlich auch ein Gewitter aus. Ich habe bereits die Wirkungen eines Aufrufs an die Welt nach seiner Landung in Europa und die möglichen Folgen erwogen. Jetzt, da es viel zu spät war, erging unbegreiflicherweise ein hoffnungsloser Ruf von ihm an die Menschheit, das mächtige Signal an die Völker, das er so lange zurückgehalten hatte, und es antwortete ihm nichts als ein dumpfes Echo. Die Welt war in diesen wenigen Monaten um ein Jahrhundert weitergerückt.

Die Ursache dieses großen tragischen Sturzes, dieser messianischen Katastrophe, die an Umfang und Bedeutung den Krieg, dessen Krönung sie war, um vieles übertrifft, ist für uns kein Geheimnis. Sie ist in der Geschichte des Abenteuers nichts Seltenes und Unerwartetes. Wilson fiel nicht aus Eitelkeit, auch nicht weil man ihn überlistete, auch nicht aus irgendeiner anderen Nebensächlichkeit, mit der die böswilligen Kinder seiner Feinde diesen überwältigenden Lohn ihrer Gebete zu begründen suchen. Ein Fehler im Aufbau seiner Persönlichkeit schlug jene gewaltige Hoffnung in Trümmer. So enden alle großen Dramen. Wilson fürchtete sich. Es handelt sich in diesem Falle um jene tödliche Furcht, die vor jedem moralischen Gesetz der Welt, nicht aber vor dem Schicksal freigesprochen wird. Er fürchtete sich vor dem, was wir Verantwortung nennen. »Sie beschworen vor seinen Augen das Gespenst des Bolschewismus herauf, und er hatte nicht den Mut, das Risiko auf sich zu nehmen.« Wer sind »sie«? Clémenceau und Lloyd George? Sie waren genau so ängstlich wie er. Wilsons Tragödie ist kein tragikomischer Fall von Gaunertum und mißbrauchtem Vertrauen. Er und die Welt – denn Wilsons Abenteuer war das Abenteuer der Menschheit, und selbst die Narren dieser Welt werden das eines Tages einsehen – waren nicht die Opfer irgendeines plumpen Streichs, es sei denn, daß die Bergkrankheit, die den Hochtouristen dicht vor dem Gipfel umkehren läßt, eine besondere Tücke der Alpen ist. Wir stürzten dort, weil die Höhe allzu mächtig war, weil er alle Länder der Erde zu seinen Füßen liegen sah, die nackte Unendlichkeit der Masse des gemeinen Volkes, das er sein Leben lang verehrt hatte. Aber bis zu jenem Tage hatte er nicht gewußt, daß er sie, ihr Leben und das unabsehbare Leben künftiger Jahrhunderte in seinen zwei Händen hielt. Er sah, begriff – und gewaltiger Schwindel packte ihn. Jene Tage sind so vollständig aus unserer Erinnerung geschwunden, als wären hundert Jahre darüber vergangen; aber ein paar Menschen, die sie miterlebt haben und die damals nahe dem Piedestal standen, auf dem Wilson ragte, können sich noch undeutlich, als hätten sie es irgendwo gelesen, an den Rausch erinnern, an die mit leidenschaftlicher Begeisterung untermischte Panik dieser Zeit. Das Wort Bolschewismus hat heute nur noch eine Resonanz. Damals aber war alles möglich. Clémenceau, der um des Sieges willen, ohne zu wanken, eine vollständige Zerstörung von Paris erwog, zitterte bis in die Fingerspitzen seiner grauen Halbhandschuhe bei dem Gedanken an das unterirdische Abkommen Lenins. Er hatte bereits eine Kommune überstanden. Das große Morden war vorüber, aber noch schwebte der Blutgeruch in der Luft. Konnte Wilson ein zweites auf sich nehmen? So wich er dem Wagnis aus, und weil er nicht wagte, verlor er alles. Dies ist meiner Ansicht nach das Ende der meisten, vielleicht sogar aller Abenteuer, obwohl wir trotz aller Bemühungen keine befriedigende Antwort auf das Wie und Warum gefunden haben. Könnten wir nur einen Grund entdecken, weshalb wir die Partie verlieren müssen, die wir einzeln oder als langsam schreitende Masse bis in alle Ewigkeit mit den Göttern zu spielen gezwungen sind, es gäbe eine Art Shakespearesche Befreiung, eine Erlösung, eine echt tragische Katharsis, in der Erkenntnis, daß alles Streben von vorneherein zum Scheitern verdammt ist, einen halb musikalischen Ausgleich. Aber es gibt keinen Beweis hierfür, so wenig wie für den statischen Traum einer absoluten Gerechtigkeit, die, ein Sinnbild des Raums, dereinst für uns erreichbar sein wird. Wir werden selbst durch die kürzeste und mangelhafteste Untersuchung ermutigt und nicht von der Verpflichtung entbunden, das Abenteuer auf uns zu nehmen. Es gibt keine Gewißheit, weder gut noch böse, sondern nur einen unendlichen Rückschlag, der das Gute wie das Böse größer macht, als wir zu glauben geneigt sind. Die Gipfel sind weiter weg, die Abgründe tiefer. Ist es ein Spiel, dann ist die Vorgabe erdrückend.

So beschließt Woodrow Wilson, der letzte unserer Helden, unser größtes Abenteuer. Manche Menschen glauben, er habe wie Artus und der legendäre Alexander und viele kleinere Geister trotz seiner Niederlage uns eine Hoffnung, ein Versprechen, den Völkerbund hinterlassen, der, gleichsam ein Symbol seines dahingegangenen Fleisches und Blutes, ein Stück, das er sich aus dem Herzen riß, jenem dienen soll, welcher nach ihm sein Abenteuer fortführen und noch einmal den großen Sprung wagen wird. Vielleicht haben sie recht. Wir begannen mit dem Verzicht auf jegliche Moral und wir schließen damit. Wie dem auch sei, wir haben eine größere Gewißheit gewonnen von der unendlich hoffnungsvollen und verzweifelten Ungewißheit der Dinge, wie sie scheinen, wie sie sind und wie sie sein werden.

 << Kapitel 14 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.