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Zwölf gegen das Schicksal

William Bolitho: Zwölf gegen das Schicksal - Kapitel 13
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typeessay
authorWilliam Bolitho
titleZwölf gegen das Schicksal
publisherBüchergilde Gutenberg
year1946
translatorMarguerite Thesing-Austin
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Napoleon III.

Die großzügige demokratische Geschichtsauffassung, die auch heute noch ihre Anhänger hat, wird von Leo Tolstoi in seiner berühmten Definition, daß große Männer »Aushängeschilder der Geschichte« seien, treffend zusammengefaßt. Damit wollte er sagen, daß nur die Millionen zählen. Masse und arm zu sein galten als die einzig wichtigen menschlichen Tugenden. Die theologische Beglaubigung dieses Dogmas ist einwandfrei und achtbar (es findet sein Gegenstück in den Seligpreisungen der Bergpredigt), aber es beruht eher auf mystischer Intuition, die mir mangelt, als auf Tatsachen. Der merkwürdige Fall, den wir untersuchen wollen, bedeutet in Wahrheit eine harte Nuß für alle diejenigen, die auf eine mechanische Geschichtsauffassung schwören. Wir haben es mit einem Manne zu tun, der sowohl ein Individuum wie ein Individualist war, und der die europäische Geschichte offenbar weitgehend beeinflußt hat, indem er den großen Ereignissen oder ihren Hauptströmungen bis in unsere Zeit und noch darüber hinaus eine neue Richtung gab. Überdies soll er, wenn wir seinen Biographen, sowohl den wenigen ernst zu nehmenden wie dem großen Kollegium der Schöngeister glauben wollen, gar ein großer Mann gewesen sein.

Zum Glück geht uns das nichts an, denn wir haben ja insgeheim von vornherein auf jede moralische Wertung verzichtet. Er war ein großer Abenteurer und ist daher eine schöne Bereicherung unserer Sammlung.

Charles Louis Napoleon Bonaparte soll, wie einige behaupten, der uneheliche Sohn eines holländischen Admirals gewesen sein. Andere erklären ihn für den Bastard eines Musik- oder Tanzlehrers. Wahrscheinlich ist das nichts als romantische Polemik, um ihn zu diskreditieren und herabzusetzen. Für unsere objektiven Zwecke genügt seine gesetzliche Stellung, nämlich daß er der dritte Sohn Louis Bonapartes, des Bruders des Kaisers und Königs von Holland, und seiner Gemahlin Hortense, der Tochter Josephinens und General Beauharnais', war. Er bildete somit ein integrales Organ jener seltsam erweiterten Persönlichkeit Napoleons, deren Wachstum wir in einem vorhergehenden Kapitel untersucht haben. Der Kaiser erkannte sehr bald die vielversprechenden Möglichkeiten, die sich dem Knaben boten. Er selbst war sowohl sein Onkel wie durch Adoption sein Großvater. »Wer weiß«, bemerkt er eines Tages, »ob nicht in diesem nachdenklichen Kinde die Zukunft meines Geschlechtes liegt?«

Louis wurde 1808 geboren. Außer durch die Freude, ihn Bonbons essen zu sehen, konnte der Kaiser daher seinen eigenen Lebenshunger, den er so gern durch andere befriedigen ließ, nicht stillen. Auch wird der unmittelbare Einfluß, den er auf ihn ausübte, nicht bedeutend gewesen sein.

Sein Halbbruder, Charles Auguste Louis Joseph, der später unter dem Titel eines Comte de Morny bekannt wurde, kam zur Welt, als Louis drei Jahre alt war. Die Identität seines Vaters steht außer jedem Zweifel. Es war der Comte de Flahaut, ein abenteuerliebender Edelmann, der selbst ein unehelicher Sohn war, und zwar hatte er keinen Geringeren als den einstmaligen Bischof Talleyrand zum Vater. Morny wird in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen.

Nach der Schlacht von Waterloo wurde Königin Hortense nach Florenz verbannt, wo sie einen skandalösen Prozeß mit ihrem Gatten, dem Ex-König, führte. Von dort reiste sie durch die Schweiz und Deutschland, um sich endlich in Schloß Arenenberg im Kanton Turgau am Bodensee niederzulassen. Von allen ihren Kindern begleitete sie nur der kleine Louis. Der Knabe war jetzt etwa neun Jahre alt. Auf Arenenberg lernte er gut reiten, schwimmen und fechten; außerdem erhielt er eine oberflächliche allgemeine Bildung. Seine beiden Erzieher, der eine ein Sohn von Lebas, dem Freunde Robespierres, waren leidenschaftliche Bonapartisten. Sie weihten ihn daher in die Geheimnisse jener Lehre ein, welche die Menschenliebe der Revolution mit romantischem Nationalismus oder Chauvinismus und den Königshaß mit dem Glauben an das göttliche Recht der durch die Stimme des Volks erwählten Kaiser brüderlich vereint. Louis entwickelte niemals auch nur eine Spur von Selbstkritik. Bis an sein Lebensende hielt er an den Ideen fest, die ihm während dieses Abschnitts seines Lebens eingeimpft wurden. Noch vor seinem dreizehnten Lebensjahr hatten alle, besonders aber seine Mutter, ihm eingeredet, er sei als Nachfolger seines Großvaters auf die Welt gekommen, um unter seiner absoluten Herrschaft alle Menschen reich und glücklich zu machen. Die Bonapartes hatten inzwischen gelernt, selbst an ihre Mission zu glauben.

Im eindrucksfähigsten Alter nahm Lebas ihn auf eine Reise durch Italien mit. Sie folgten dem Weg, den seines Großvaters und Cäsars Siege genommen und suchten am Schluß die in aller Zurückgezogenheit lebende Lätitia in Rom auf. Wie man sich denken kann, erhielt sein Lebenszweck dadurch die nötige apostolische Inbrunst. Da er aus Frankreich gesetzlich verbannt war, wurde Italien, das zum großen Teil wieder unter österreichische Oberherrschaft gefallen war, seine eigentliche Heimat. Als die Revolution von 1830 die Bourbonen vertrieb, begann die über ganz Europa verstreute, weitverzweigte Familie der Bonapartes neuen Mut zu fassen. Aber die Franzosen übergingen sie. Sie entschieden sich für ein Kompromiß und wählten einen Orléans, der sich lediglich auf seine Verwandtschaft mit den legitimen Erben sowie auf die stillschweigende Voraussetzung, daß er vom Volke gewählt sei, berufen konnte. Jedoch trotz der logischen Anfechtbarkeit seiner Lage war Louis Philippe Orléans in Wahrheit der Erwählte des einzigen Standes, auf den es in einem modernen Staat ankommt: der Bourgeoisie. Sämtliche Realpolitiker Europas glaubten daher, daß er und seine Dynastie sich halten würden.

Louis verschob somit die Hoffnung auf Erfüllung seines Geschicks und begnügte sich einstweilen mit guten Werken, die ihm näher zur Hand lagen. Da er die Menschheit seinen wohlwollenden Despotismus nicht fühlen lassen konnte, wollte er ihr wenigstens die geringeren Wohltaten der Freiheit angedeihen lassen. Er trat daher den Carbonari bei.

Diese Geheimgesellschaft wird von künftigen Generationen nur schwer verstanden werden. Sie vereinigte die grausamsten und finstersten Methoden mit den sanftesten und glücklichsten Idealen. Das Paradies auf Erden sollte durch private Attentate und Straßenkämpfe geschaffen werden. Ihren idealistischen Apparat hatte sie in der Hauptsache den Franzosen entlehnt. Der Segen des allgemeinen Wahlrechts kam von der Revolution, die Verzierung des Nationalismus selbstverständlich von Napoleon her. Die Gesellschaft selbst war außerordentlich tüchtig, gefürchtet und weitverbreitet. Jeder, der ihr beigetreten war, mußte ihr, bei Todesstrafe, bis in alle Ewigkeit angehören. In dem Europa, das sich auf 1848 vorbereitete, standen die Carbonari nahe dem Mittelpunkt eines ganzen Netzes geistig verwandter, dunkler Tochtergesellschaften, die sich von Irland bis an den Bosporus erstreckten.

Der Prinz begnügte sich nicht damit, den Verschwörer zu spielen. Bis auf den heutigen Tag sind die Geheimnisse der Carbonari so wohl gehütet wie die der Gesellschaft Jesu, aber wir wissen, daß sie für Salonmitglieder nichts übrig hatten. 1831 organisierte sie eine Erhebung in der Romagna. Louis wurde nach dem hitzigen kleinen Scharmützel, das mit der Eroberung und Rückeroberung Cività Castellana endete, gefangengenommen. Seiner Mutter gelang es nur unter den größten Schwierigkeiten, ihn aus einem österreichischen Gefängnis zu befreien. Da die hohe Diplomatie versagte, bestach sie seine Wächter. Er floh nach Frankreich, und Louis Philippe gestattete ihm in unbegreiflicher Großzügigkeit oder Schwäche, ein paar Monate in Paris zu leben.

Als Hortense ihn glücklich wieder bei sich in Arenenberg hatte, überredete sie ihn, sich eine Weile auszuruhen und zu lesen. Wie so häufig, war aus einem träumerischen Knaben mit großen Augen ein recht ernster junger Mann geworden, der sich selbst sehr schwer nahm. Aus irgendeinem Grunde neigte er zeitlebens zu sporadischen Anfällen von literarischer Betätigung. Dieser Periode gehört sein großes Werk: »Politische Träumereien« an. In ihm bringt er unter zahlreichen Zitaten aus den Reden und Aussprüchen seines Großvaters in ziemlich ungenauen, etwas geschwollenen Worten den Traum zum Ausdruck, den die ganze zivilisierte Welt kennt. Bezüglich seines eigenen Ehrgeizes ist er nach Willkür diskret. Jeder Arbeiter, Bürger und Bauer soll glücklich, zufrieden und frei (von jedem fremden Joch) sein. In seinen Mußestunden soll er, wenn nötig, den Heldentod für sein Vaterland sterben. Ein solches Vaterland wird jedem bei seiner Geburt in die Wiege gelegt. Dieses goldene Zeitalter soll durch einen strengen Zuchtmeister, der auch die notwendige innere Disziplin und Richtung verkörpert, verwirklicht werden. In Wahrheit nimmt das Ganze den Faschismus voraus.

Sein Buch befriedigte ihn so sehr, daß er ständig für neue Auflagen sorgte und fast bis an seine Lebensende Zitate daraus im Munde führte. Trotzdem verließ er nach dessen Vollendung Arenenberg. Er war jetzt siebenundzwanzig Jahre alt, hatte sich aber noch nie verliebt. In der Familienschatulle herrschte Ebbe. Das Leben winkte ihm. Eine seiner ersten Mätressen war eine Schweizer Sängerin, Eleonore. Er kam mit ihr während seines nächsten Lebensabschnittes zusammen, als er in jenem Lande als Artillerieoffizier diente. Es scheint, daß sie ihm mit den nötigen Geldmitteln aushalf, ein Ereignis, das sich in seinem Leben des öftern wiederholte. Sein Stil ist offenbar von dem Casanovas recht verschieden, aber man findet ihn häufig bei Männern mit einer Mission, besonders wenn diese Mission eine höchstpersönliche ist.

Langsam aber sicher kamen die Ereignisse in Frankreich ihm und seinem Ehrgeiz entgegen. Es ist eine heikle, schwierige Sache, diese Bewegung zu erklären, oder sie auch nur im einzelnen zu beschreiben; da aber Louis' Abenteuer ohne sie als ein Wunder erscheinen würde, muß der Versuch unternommen werden.

Die Art, wie sich die napoleonische Legende in all diesen Jahren in Frankreich entwickelte, erinnert an den Verlauf eines Liebesverhältnisses. Aber läßt sich jene glorifizierte Herde, die Nation und die Wählerschaft, nicht stets von Gefühlen leiten? In Augenblicken der Gleichgültigkeit ist der Eigennutz vielleicht bestimmend; jedoch in allen ernsten Fragen von Krieg, Frieden und Staatsumwälzungen ist die Stimme des Volkes, wenn sie überhaupt durchdringen kann, heiser wie die des Pöbels und von Haß oder Liebe beschwingt.

Für die Verlobung Frankreichs mit dem König aus dem Hause Orléans (denn eine Art Verlobung und nichts anderes war es) waren die Intellektuellen verantwortlich. Sie verfolgten dabei ihre eigenen Interessen und zwangen dem unheilbar sentimentalen Mob mit List und Gewalt ihren Willen auf. Dies war bei der ganzen Angelegenheit die einzige, aber verhängnisvolle Schwäche. Man hatte das Volk zu einer Vernunftehe à la Madame Bovary mit der Familie der Orléans gezwungen, und es fand sie gefühlsmäßig unerträglich. So schaute die verliebte Riesin sich nach Liebhabern um. Zwei waren sogleich zur Stelle: der Traum einer Demokratie und der Napoleon-Mythus. Der erste geht uns nichts an. In Wahrheit kam eine Wahl gar nicht in Frage. Die Republik schloß jeden Gedanken an ein Kaiserreich aus, aber das Kaiserreich bot, wenn auch nicht logisch oder verstandesgemäß, so doch auf die unklare, weibliche Weise, in der das Volk gerne denkt, alle lockenden Züge einer Republik. Das gleiche haben wir schon an Louis' »Politischen Träumereien« bemerkt.

Wie aber sollte sich aus einer kurzen, dicken, gelben Schmetterlingspuppe, dem Kaiser der Weltgeschichte, der herrlichbunte Falter des Mythus entwickeln? Das gehört zu den Geheimnissen der gestaltenwandelnden Phantasie. Ich vermag nur dunkel gewisse Elemente zu erkennen. Die Veteranen waren entweder tot oder in das Alter gekommen, da man Geschichten erzählt, und kein alter Soldat wird jemals verraten, wie er einstmals die Aushebung haßte. Dreißig Jahre oder weniger genügen, um jede Kontrolle der alten Militärgeschichten in staubigen Aktenfächern zu begraben. Zudem hatten die heimgekehrten Feinde Bonapartes diese Akten vernichtet oder verboten. So gab es wohl in keinem französischen Dorf einen Mann über vierzig, der nicht bei den dramatischsten und malerischsten Momenten der großen Feldzüge dabei gewesen wäre, keinen, den der Kaiser nicht persönlich bemerkt und auf die Wange geklopft hätte. Auch Napoleon selbst hatte im Laufe der Zeit seine Jugend und feurige Romantik zurückgewonnen. Verschwunden war der hagere, gelbbraune Mann in der Kutsche bei Waterloo. Statt dessen war der kleine Korporal zu einer ewig unveränderlichen, künstlerischen Schöpfung geworden. Seine Gestalt war so fest umrissen und lebenswahr wie die Achills, Hamlets oder Sigurds.

Jeder heimische Herd war ein Tempel der neuen Religion. Jeder französische Jüngling litt ungeduldig unter der Vergangenheit aller jungen Leute, unter dem Gefühl der eigenen Nichtigkeit. Allabendlich hörte er mit jener Erbitterung, die dreiviertel aus Neid besteht, irgendeinen Erwachsenen erzählen: »Als wir unsere Stellungen vor dem Feind bezogen hatten, sah ich den Kaiser selbst, hoch zu Roß ...« War er aber ein kleiner Schreiber, so stelle man sich die Wirkung des Märchens vor, das mit den Worten begann: »Als wir Husarenoffiziere in Warschau in Garnison lagen, ritten wir jeden Abend nach einem großen Park vor der Stadt hinaus, wo die ganze gute Gesellschaft zu lustwandeln pflegte. Eines schönen Abends also ...«

Aber man könnte eine ganze Enzyklopädie von Gründen anführen. Zum Beispiel gab es da den Dichter Béranger. Dichter wie große Redner haben wenig Einfluß, solange sie noch Unbekanntes aussprechen. Wenn sie aber dem Ausdruck verleihen, was im Unterbewußtsein aller Menschen schlummert, dann sind sie so unwiderstehlich wie die Quellen der großen Tiefe in der Genesis. Dieser Béranger schrieb freche einschmeichelnde kleine Verse, die neben einer Unzahl neuer Arten die Frauen zu umwerben, auch eine Verherrlichung des alten Ruhmes und außerdem Spott über das neue Regime enthielten. Sie wurden überall verkauft und gleichsam mit der Luft eingeatmet. Wenn man will, kann man das Propaganda nennen. An sich ist es sonderbar genug, daß Napoleon einen Dichter fand, obendrein einen so bezaubernd leichtherzigen, frohsinnigen; aber dem war nun einmal so.

Trotz aller Bemühungen der jungen Intellektuellen träumt dieses Volk von Frankreich, sobald es sich langweilt – nicht von einer Republik, sondern von einem Herrn; wenn es weint, dann nicht um Sieyès oder Robespierre, sondern um Marschall Ney und Bonaparte. Dieser Gefühlsüberschwang, dieses Heimweh war dumpf und unklar, wie das erste Sehnen einer Jungfrau. Kaum zehn Menschen hatten von Louis gehört, wohl keiner dachte ernsthaft an seine Ansprüche. Der Bonapartismus war ein Gefühl, ein Träumen, das sich in der Vergangenheit widerspiegelte. Er war kein Vertrag, sondern ein Seufzer. »Ach, die alten Trommeln und Pfeifen!« »Die alten Zeiten, die alten ruhmreichen Taten!« Eine Musik, eine bezaubernde Melodie, die die Plätterinnen zu Berangers Worten summten, die die Gassenbuben auf ihren Botengängen vor sich hinpfiffen.

Louis mußte die sentimentalen Grillen einfangen und das Heimweh auf seine Person konzentrieren. Dabei bewies auch er jenen einheitlich starken Willen, der das Werkzeug aller Abenteurer ist. Er war konsequent, ein Mann von Phantasie und stellte somit eine Kraft dar. Aber sein Stil bildete eine seltsame Variante. Louis war sowohl biegsam wie zäh, von einem liebenswürdigen Eigensinn, wie seine Mutter einmal verärgert feststellen mußte. In Wahrheit vermochte nichts ihn von seinem Wege abzubringen, dabei schien er dauernd zu schwanken.

Sein erster Versuch scheiterte kläglich, sogar auf lächerliche Art. Mit einer heterogenen Bande von Freunden schmiedete er ein Komplott, das nach dem ersten Streich alles dem Zufall überließ. Er begab sich zusammen mit Eleonore, einem Carbonaro namens Fialin, einem alten Obersten und einem kleinen Leutnant verkleidet nach Straßburg. Dort suchte er die Garnison durch Bestechung zum Meutern zu bringen. Fast widerwillig nahm die Geheimpolizei ihn gefangen. Die Beweise seiner Schuld waren so zahlreich, daß es sich nicht lohnte, sie zu vernichten, und so wurde er ohne das geringste Aufsehen und ohne daß ein Schuß gefallen wäre, auf Regierungskosten nach Amerika deportiert.

Im Herbst kehrte er nach Arenenberg zurück. Er traf noch rechtzeitig ein, um seine Mutter, jene einstmals gefährliche Schönheit, auf dem Totenbette zu sehen. Von dort fuhr er in die Schweiz. Er brach mit Eleonore und reiste nach London.

Hier ergriff er den Beruf eines Verschwörers, der damals noch mehr en vogue war als heute. Er dinierte in schmutzigen Restaurants des Fremdenviertels mit heruntergekommenen, wildblickenden jungen Leuten, wie Fialin, Arese und anderen Carbonari. Jahre folgten, in denen er über fleckigen Tischtüchern Reden schwang, die sofort in auffälliger Weise abbrachen, wenn ein Fremder in Hörweite kam. Da er ein Bonaparte war, wurde er mitunter auch zu großen Empfängen eingeladen, wo die Gäste ihn neugierig musterten. D'Orsay, Disraeli und jene allwissende Löwenjägerin, Lady Blessington, verkehrten mit ihm. Während der Chartistenunruhen soll er einmal aus einer verstandesmäßigen Philosophie heraus Polizeidienste verrichtet haben. Endlich begegnete er Miß Howard; sie war sehr reich und betete ihn an.

1839 wurde er von einem zweiten Buch entbunden, in welchem er die Behauptung vertrat und bewies, daß Napoleon der erste Märtyrer des Sozialismus und Pazifismus gewesen sei. Noch einmal versuchte er, sich des Throns zu bemächtigen. Diesmal wurde es eine kostspielige Affäre größeren Stils, denn »die Miß« hatte ja Geld. Er landete an der Küste von Boulogne, einige Meilen vom Kai entfernt; sechsundfünfzig Anhänger begleiteten ihn, und der kleine Trupp marschierte auf die Stadt zu. Eine Kompagnie Küstenwächter und Gendarmen zog ihnen entgegen, und Louis (oder einer seiner Freunde) zeigte ihnen Säcke mit Gold, damit sie »Vive l'Empereur!« schrien. Schüsse waren die Antwort; ein, zwei seiner Freunde fielen, und er wurde mit den übrigen verhaftet.

Diesmal war der König nervös geworden, es kam zu einer regelrechten Verhandlung. Mit Hilfe seines Verteidigers, des großartigen alten Advokaten Berryer, machte Louis eine bessere Reklame für sich, als je zuvor in seinem Leben. Jeder, der in Frankreich eine Zeitung lesen konnte, wußte jetzt von ihm und seinem Anspruch. Aber er wurde zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt, eine harte und unmögliche Strafe (denn sie wird niemals durchgeführt). Derartige Mißgriffe kommen bei dem sorgenvollen und verständigen Versuch einer Unterdrückung häufig vor. Trotzdem blieb er sechs volle Jahre auf der kleinen Festung Ham, wo er, immer noch sanftmütig aber unbeugsam, die Zuneigung der Tochter seines Wärters gewann und weitere Bücher über den Bonapartismus schrieb.

Im allgemeinen hat die Haft auf ein etwas schrullenhaftes Gemüt wie das seine nur die eine Wirkung, es in seinen vorgefaßten Ideen zu bestärken. Häufig werden dabei auch weitere neue Projekte zur Verwirklichung der alten ausgebrütet. Nach London zurückgekehrt, fuhr Louis fort, mit der gleichen Sanftmut, Hartnäckigkeit und Überzeugung Komplotte zu schmieden.

Schrullenhaft oder nicht, er erfüllte lediglich sein Geschick. Der günstige Augenblick kam. Die achtundvierziger Revolution, »das tolle Jahr der Freiheit«, warf Louis Philippe mitsamt seinem Regenschirm aus Frankreich hinaus. Louis Napoleon kehrte mit dem nötigen Geld für Propaganda (diesmal bediente er sich einer Bank, statt es in Säcken mitzuschleppen) in jenes Land zurück. Er erregte nur geringes Aufsehen. Die Riesenschritte, mit denen das Abenteuer von diesem Punkte aus dem Ziel zueilte, erinnern an ein Zauberkunststück. Auch dieses läßt sich nur schwer durchschauen, selbst wenn man es erklärt bekommt. Als diskreditierte, phantastische Persönlichkeit mit einem nicht ganz sauberen Vermögen und einem großen Namen, tauchte Napoleon in dem Strudel der Revolution auf. Keine der ernsthaften Parteien heißt ihn willkommen, keine arbeitet für ihn, keine steht ihm zur Seite. Sein einziger einflußreicher Freund, außerhalb der Boudoirs oder der Gosse, ist sein Halbbruder, Morny, dessen poetische Herkunft bereits erwähnt wurde. Morny hatte sich gleichfalls mit Hilfe verliebter Frauen im Handel und auf der Börse ein beträchtliches Vermögen erworben. Er war ein kühner Spieler und ein zweifelhafter Charakter. Mit ihnen im Bunde stand der bewußte Fialin. Er war ursprünglich Feldwebel gewesen und war aus eigener Machtvollkommenheit zum Comte de Persigny avanciert. Außerdem hatte er ein Buch geschrieben, in welchem er zu beweisen suchte, daß die Pyramiden Überreste des alten Nildeichs seien und daß Ägypten sich in einen See verwandeln würde, falls man sie zerstörte. Selbst Catilina besaß keine unbedeutenderen Mitverschworenen. Die achtundvierziger Revolution war, abgesehen von dem Drum und Dran der Politik und den Klasseninteressen, ein Werk der Dichter. Das heißt, ihr fehlte von Anfang an der rechtmäßige Besitzer. Als unser Trio seine Arbeit begann, war es noch nicht entschieden, wer die Macht erben sollte. Die Dichter kamen nicht in Frage, dagegen vielleicht der Pöbel? Ein aussichtsreicher Thronkandidat. Die Bourgeoisie? Sie war uneins und von Sorgen gequält. Ihr Führer, Thiers, war in Wirklichkeit Anhänger der Orléans. Die Armee Cavaignacs? – Die Legitimisten? Hoffnungslos. In diesen Kessel warfen die drei ihre Netze, rührten ihn um und taten endlich auch einen Fischzug.

In Wahrheit konnte nicht die Rede davon sein, Partei gegen Partei aufzustellen; niemand schenkte den Neo-Imperialisten auch nur die geringste Beachtung. Cavaignac besiegte schließlich den Mob mit Waffengewalt. Die Wahl wurde immer enger und beschränkte sich zum Schluß nur noch auf ihn und Thiers. In diesem Augenblick erkaufte Louis Napoleon sich einen Sitz als Volksvertreter im Parlament. Natürlich bestand er darauf, eine Rede halten zu dürfen; wahrscheinlich hätte er in ihr sein ganzes Programm aufgerollt. Aber als sein Name fiel und das ganze Haus aufhorchte, während er sich zum Rednerpult hinauftrollte, versagten seine Nerven. Er murmelte irgend etwas Unverständliches und zog sich beschämt zurück. Gelächter erscholl; die Sache Bonapartes war gescheitert.

Aber Thiers hatte ihn bemerkt. Er selbst befand sich in einer äußerst schwierigen Lage. Der Sieg drohte der Partei Cavaignacs zuzufallen; seine eigenen Interessen, die er niemals aus den Augen verlor, lagen darnieder. So kam ihm vielleicht gerade in dem Augenblick der Blamage die Idee, daß sich ihm hier eine letzte Zuflucht bot. Er konnte diesen Trottel, diese Puppe an sich fesseln und ihn gegen Cavaignac als Präsidenten aufstellen. Ohne Frage lehnte die Wählerschaft einen Thiers ab; immerhin bestand eine schwache Hoffnung, daß sie einen Bonaparte annehmen würde.

Und so – nicht ohne Zögern – lieh die bürgerliche Partei der Ruhe und Ordnung unter Thiers und Mole Louis bei den Präsidentschaftswahlen von 1848 ihre Stimmen. Sein Programm war äußerst sonderbar und ungemein geschickt. Er wandte sich an den Pöbel, an die Revolution; dabei berief er sich auf seine eigene Vergangenheit als aktiver Revolutionär und auf seinen demokratischen Mystizismus. Da er aber auch die Partei der Ordnung vertrat, fing er sich gleichzeitig die katholischen Stimmen ein, indem er der Kirche das Erziehungsmonopol versprach und dem Papst versicherte, er würde seine weltliche Macht stützen. Auch die Orleanisten wie Thiers stimmten für ihn, denn sie hielten ihn für ihr Werkzeug. Schlimmstenfalls würden sie später einmal einen tollen Streich wagen und ihn einsperren, um ihren König wieder auf den Thron zu setzen. Möglich, daß auch die Legitimisten ihn aus Haß gegen die übrigen Kandidaten unterstützten. Das Ergebnis stand jedenfalls in keinem Verhältnis zu diesen bloßen Schiebungen. Statt elendiglich besiegt zu werden, wie Thiers gefürchtet hatte, oder im besten Falle eine kleine Majorität zu erringen, wie er selbst hoffte, wurde er mit mächtigem Schwung auf den Präsidentenstuhl gehoben. Er erhielt 5 434 226 Stimmen und Cavaignac knapp anderthalb Millionen. Gleich Zauberlehrlingen hatten die Schlauköpfe, die ihn nur als Werkzeug gebrauchten, die Geister der Tiefe heraufbeschworen; jetzt wurden sie sie nicht mehr los. Das gleiche Mißgeschick begegnet über kurz oder lang den meisten klugen Leuten, die mit Menschen wie mit Schachfiguren spielen.

Eine Untersuchung ist kaum mehr erforderlich. Wir sahen bereits, daß es in Frankreich einen gewaltigen latenten Bonapartismus gab. Wie bei einem Zimmer voll Kohlengas bedurfte es nur eines Streichholzes, um alles in Brand zu stecken. Frankreich sehnte sich, ohne daß ein Politiker es ahnte, nach einem Bonaparte, und es gab Narren, die ihm einen schenkten.

So verwandelte sich Louis aus einem Werkzeug, dessen man sich als Notbehelf zum Stimmenfang bedient hatte, mit einem Schlage in einen Herrscher, der den festen, gefürchteten Willen des Volkes verkörperte. Thiers, Mole, Cavaignac, alle diese gescheiten und verantwortungsvollen Köpfe gehören mit einemmal nur noch der Opposition an. Einige verschwinden ganz, andere bleiben, um von der Fastenspeise der Geduld ihr Dasein zu fristen. Auch nicht die geringste Hoffnung, je wieder an der Tafel der Macht zu schlemmen, würzte ihnen während der nächsten fünfundzwanzig Jahre die kärgliche Kost.

Sein Hauptschlag war ihm geglückt. Die sich daraus ergebenden Einzelheiten waren zwar schwierig, aber er und seine skrupellosen Sekundanten Morny, Persigny und andere zeigten sich ihnen gewachsen. Man darf ihm eine plötzlich erwachende Begabung für politisches Manövrieren nicht absprechen. Er entwickelte sie in seinem Amt als Präsident unter einer Staatsverfassung, die ihm kaum irgendwelche Macht einräumte, und mit einem Parlament, das offenkundig sein Feind war. Er war schneller, zäher, geschickter als sie alle, ja er zeigte die gleiche Virtuosität, die sein Großvater der österreichischen Armee gegenüber bewiesen hatte. Endlich kam der 2. Dezember 1851.

Dieses klassisch technische Modell zu allen Staatsstreichen hat zweifellos reizvolle Höhepunkte. Die Schilderung des Widerstands ist wohl die bekannteste von allen, da sie aus der Feder eines großen Dichters stammt. Aus diesem, wenn auch keinem anderen Grunde wird sie die anderen überleben. Trotzdem war die Opposition, im nüchternen Lichte der Wahrheit betrachtet, nur unbedeutend. Wenn man sich durch den geschliffenen Stil nicht blenden läßt, wird man in Hugos »Napoleon der Kleine« und in seiner »Geschichte eines Verbrechens« erkennen, wie armselig unvorbereitet das hastige Treiben und Drängen der feindlichen Deputierten war, wie sehr es an Albernheit grenzte, als sie die Oriflamme in die Faubourgs, die alte Hochburg der Arbeiter, trugen; wie gebrechlich ihre Barrikaden waren und wie nutzlos der Heldentod jener, die auf ihnen starben. Diese Kämpfe gipfelten in dem Bemühen, das zunichte zu machen, was Louis, Morny und Persigny mit erbarmungsloser Tüchtigkeit planten und ausführten. Hiermit schließt der erste Akt des Dramas. Die Bestechung der Armee – der neue Kaiser verteilte am Morgen des Staatsstreiches jeden Pfennig, den er besaß, unter die Truppen – das Ansichreißen der Zentralgewalt durch ganz wenige kluge Verhaftungen und ein geringes Maß von Sabotage – all das war in seiner Art schön und fehlerlos. (Hier nur eine Einzelheit: Die Verschwörer sorgten am Abend vor dem großen Tag dafür, daß sämtliche Trommeln der Nationalgarde zerstört wurden, damit nicht Alarm geschlagen werden konnte; außerdem besetzten sie sämtliche Druckereien der Stadt.) Jeder Abenteurer, der in Zukunft seine Kräfte auf einen Anschlag gegen die Freiheit seines Volks und auf einen rücksichtslosen Raub der Macht konzentriert, muß Louis Bonapartes Verschwörung Wort für Wort auswendig lernen. Später büßte sie an Qualität ein. Zwei Tage darauf kam es zu einem Boulevard-Massaker. Es war ein schöner Donnerstagnachmittag. Von der Madeleine bis zur Bonne Nouvelle wimmelte die Straße von friedlichen Bürgern mit ihren Eheliebsten. Vielleicht verlor Morny, der den Oberbefehl führte, den Kopf; wahrscheinlich aber waren die Soldaten alle betrunken – so lautete später die offizielle Erklärung und Entschuldigung. Jedenfalls entstand eine furchtbare Metzelei catilinarischen Stils. Artillerie und Infanterie bestrichen zehn Minuten lang den Straßenzug. Niemand zählte die Toten.

Damit endet eines der merkwürdigsten Abenteuer Europas; gleichzeitig nimmt ein zweites seinen Anfang. Denn ein Abenteuer unterscheidet sich nur insofern von einer kühnen Tat, als es ewig mit dem Unerreichbaren verknüpft ist. Nur das eine Ende des Seils hält man in der Hand; das andere ist im Unsichtbaren verankert und weder Gebete noch Wagemut, noch Vernunft vermögen es loszureißen.

Man kann, wenn man will, in dem, was nun folgte, nur das rein Malerische, nämlich das Schauspiel einer kleinen Schar Männer erblicken, die, gierig und bedürftig, aus sich heraus einen Hof gründeten, um sich an ihrer unermeßlichen Eroberung zu freuen. Oder man kann die anschließende Entwicklung als eine Folge der unklaren Menschenliebe Louis Bonapartes auffassen. Die dritte und letzte Erklärung lautet, daß der Keim zu Louis' Sturz, welcher erst fünfundzwanzig Jahre später erfolgte, an dem Tage gelegt wurde, da er sich die Krone stahl – um ganz genau zu sein, an dem Donnerstagnachmittag des Massakers. Dieses brachte ihm kein Glück, wie das manchmal bei Verbrechen der Fall ist. Zwar fiel es den Männern, die die Schlüssel zu sämtlichen Druckereien Frankreichs in Händen hielten, nicht schwerer, den Vorfall zu vertuschen, als seine sichtbaren Spuren vom Straßenpflaster zu entfernen. Sie hatten schon ganz anderes vollbracht. Aber jener eine Schritt verwandelte alle Republikaner und – was noch schlimmer war – auch alle Dichter in Feinde des neuen Regimes. Ein kluger politischer Kopf äußerte einmal vor mir die Ansicht, Louis Napoleon sei gescheitert, weil er sämtliche Dichter, an ihrer Spitze Victor Hugo, in die Verbannung schickte. Das mag ebenso wahr sein, wie die Tatsache, daß der Neo-Imperialismus potentiell gewissermaßen in den Liedern Bérangers wurzelte.

Dennoch haben die allmächtigen Musen, die, häufiger als der Philister glaubt, ganze Reiche stürzen und wieder aufbauen, allen Grund, das dritte Kaiserreich zu achten. Paris, zum Beispiel, wurde zur Weltstadt. Alles, was dem Zauberklang dieses Namens anhaftet, von den kultivierten Champagnergelagen des Montmartre bis zu der matriarchalischen Zivilisation der Rue de la Paix und der wunderbaren freien Universität des Montparnasse, war nachweislich das Werk oder doch eine Folge der Herrschaft Louis Napoleons. Und abgesehen von den Neigungen, die man von dem Freunde einer Miß Howard, eines Morny und Persigny erwartete, verfolgte Louis eine bestimmte Politik, ein logisches Resultat der notwendigen Unterdrückung der Republikaner und der kaiserlichen Theorie, daß die Menschheit sich amüsieren solle. So war Paris, das mitten im Zentrum der puritanisch-industriellen Reaktion lag, welche die übrige Welt in eine trostlos ehrbare Wüste verwandelte, die einzige Stadt auf dieser Erde, in der man aufgefordert, ja, mitunter geradezu aufgestachelt wurde, das Leben zu genießen. Das einzige, was verboten war, war die Politik. Vielleicht hat der Leser geglaubt, der Despotismus sei mit der Freiheit unvereinbar. Das dritte Kaiserreich straft seine Logik Lügen.

In dieser glücklichen Zeit trug alles zur Verwirklichung von Louis Napoleons Theorie bei. Spieler werden das am besten verstehen. Aus Furcht vor einer republikanischen Erhebung mußte das alte Netzwerk gewundener Straßen vernichtet werden. Sie schienen für Barrikade und Hinterhalt förmlich geschaffen und boten eine natürliche Verschanzung gegen Artillerieangriffe. Baron Haußmann schuf Paris zu der schönsten und luftigsten Stadt der Alten Welt um. Gleichzeitig ließ sich nirgends so leicht der Sicherheitsdienst aufrechterhalten. Überdies vergesse man nicht, daß der Bois der Boulogne da ist, weil Louis Bäume liebte. Dabei machte diese Vergnügungssucht, dieses leichte Geldausgeben die Bürger durchaus nicht zu Bettlern. Ganz im Gegenteil war die Einwanderung aus dem puritanischen England, Amerika und Deutschland sehr groß. So kam es zu einer »unsichtbaren Ausfuhr«, die Frankreich ungezählte Millionen einbrachte. Louis Bonaparte verwandelte Paris in die erste wahrhaft kosmopolitische Stadt, die die Welt seit dem alten Rom gesehen.

Paris sündigte nicht nur, es wurde auch sündhaft reich. Ein großer Teil des gewaltigen, unordentlichen Zolaschen Meisterwerks ist nichts als eine entrüstete Lobpreisung dieser Sündenepidemie des Geldes durch einen sparsamen Provinzler. Zum erstenmal erschienen am Wirtschaftshimmel merkwürdige Vorzeichen. Das Geld brachte zum Beispiel jetzt fünf Prozent statt der bisherigen drei unter den Orléans, und trotzdem wurde alles billiger und billiger. Nebenbei setzte ein Fordscher Kreislauf des Verbrauchs und der Produktion ein, der das ganze Gemeinwesen in steigenden Spiralen mit sich riß. Moralisten wie Republikaner griffen sich verzweifelt an die schwindelnden Köpfe. Bis auf den heutigen Tag beten die alten Weiber von Lancashire und Ohio um die Vernichtung von Louis Bonapartes Paris. Die einzigartige Hofhaltung der Tuilerien stand jetzt auf der Höhe dieser babylonischen Schwelgerei in Kuchen und Zirkusspielen.

Wie man sich denken kann, war es nicht wahrscheinlich, daß der Kaiser, Morny, Persigny und der übrige nahe Freundeskreis sich selber Entbehrungen auferlegten, während alle anderen auf ihre Einladung hin praßten. Indes waren sie nicht nur Piraten, die sich eine absolute Freiheit des Genusses erlaubten – sie hatten auch ihre Philosophie, ihr Programm, ja sogar eine Tradition. Ihre Gelage bauten sich daher auf einer festgefügten Etikette auf. Der Kaiser verkündete, er wünsche die »Gebräuche der Monarchie ebenso wie ihre Institutionen zu neuem Leben zu erwecken«. Die Ehrengäste bei diesem zeremoniellen Spaß haben uns verschiedene interessante Berichte hinterlassen. »Der Kaiser und sein Hof nahmen die von Louis Philippe abgelegte Mode der Kniehosen wieder auf. Die Diners (im Schlosse Compiègne) umfaßten für gewöhnlich hundert Gedecke. Die zahlreichen Hofchargen waren alle neu und nahmen ihre Ämter sehr ernst. Ein Lakei stand hinter jedem Stuhl und eine Militärkapelle sorgte während der Mahlzeiten für etwas zu laute Musik.« Kaum aber war die Tafel abgeräumt und die Dienerschaft entlassen, so wurde der Ton freier. »Wir tanzten alsdann nach den Klängen einer Drehorgel, die ein gewisser Baciocchi, ein Vetter des Kaisers, spielte.«

In den nächsten Jahren fand auch des Kaisers romantische Heirat statt. Er hatte vergebens versucht, sich aus einer der älteren Königsfamilien Europas eine reiche Braut und damit eine Verbindung zu verschaffen. Dies war selbst der Königin Victoria, der einzigen Herrscherin, die ihm anders als mit kalter Höflichkeit begegnete, nicht geglückt. Zum Schluß folgte er »der Stimme seines Herzens« und ging eine gesetzliche Ehe mit einer jungen spanischen Dame ein. Eugenia de Montijo war von leidlich guter Herkunft; sie besaß kein Vermögen, durfte aber zahlreiche berechtigte Ansprüche auf Schönheit erheben. Sie war damals sechsundzwanzig Jahre alt. Die Rede, in welcher der Kaiser seine Wahl verkündete, vermittelt einen klaren Eindruck sowohl seiner Gefühle wie auch des Widerhalls, den sein Schritt bei der Mitwelt erweckte.

»Ich will dem alten Europa zeigen, daß ich einen Weg weiß, um ihm Respekt einzuflößen. Ich will mich nicht um jeden Preis in die Familie der Könige drängen, sondern mich ganz offen zu der Stellung eines Parvenu bekennen; das ist ein ruhmreicher Titel, wenn er, wie in meinem Falle, besagt, daß man seine hohe Stellung der freien Wahl eines großen Volkes verdankt. Meine erwählte Gemahlin ist eine Französin nach Gefühl und Erziehung und durch das Andenken an die militärischen Dienste ihres Vaters. Als Spanierin bringt sie dem französischen Volk den Vorteil, keine Familie in Frankreich zu besitzen, der man Titel und Apanagen verleihen müßte. Sie ist Katholikin, fromm, liebenswürdig und gut; ohne Frage wird sie die Tugenden der guten Kaiserin Josephine wieder auferstehen lassen.«

Nach seiner Vermählung nahmen die Etikette und die Lustbarkeit noch zu. Miß Howard erhielt einen Titel – andere freigebige Freundinnen aus der Vergangenheit wurden ausbezahlt. Eine zum mindesten wurde mit Gewalt über die französische Grenze gebracht. Die Kaiserin versammelte einen Kreis von vierhundert schönen Damen um sich, von denen kaum eine dem alten Adel angehörte. Die Staatsempfänge wurden meist in der Form von Maskenbällen abgehalten. Bei einer dieser Gelegenheiten verbarg die alte Großherzogin von Baden, eine entfernte Verwandte der Bonapartes, »weder ihren Kummer, noch ihre Überraschung und Empörung«. Beide kaiserliche Majestäten und ihre nahen Freunde liebten das Landleben. »1857 in Compiègne«, schreibt der diplomatische Hubner, der der Familie nahe stand, »führten wir nach dem Frühstück und einem Wettlauf unter einem Zelt auf dem Rasen die Einnahme von Malakoff auf; der kleine Hügel, welcher die Festung vorstellte, wurde von der Kaiserin und ihren Damen verteidigt, während der Kaiser und seine Freunde ihn angriffen. Man war ein wenig zu ausgelassen und etwas zu intim.« Anläßlich dieses Festes wagte die orleanistische Presse zu schreiben: »Der Kaiser ging auf allen vieren zum Angriff vor und packte die Damen an den Füßen.« Monsieur Claude, der nicht immer ganz wahrheitsliebende Chef der Pariser Polizei, behauptet in seinen berühmten Memoiren, daß mitunter sogar noch lebhaftere Festlichkeiten stattfanden. »Bei einer dieser Gelegenheiten«, schreibt er, »wurde eine hohe Umfriedung gebaut, hinter der ein Chor nackter Knaben und Mädchen klassische Tänze aufgeführt haben soll.« Ferner gab es die bekannten spiritistischen Sitzungen. Die Kaiserin glaubte fest an das Tischrücken. Home, das berühmteste Medium Europas, wurde oft an den Hof zitiert und zeigte dort viele Wunder. »Das steifste Zeremoniell wechselte ab mit einem zwangslosen Sichgehenlassen«, schreibt der an die älteren Hofsitten gewöhnte, würdevolle Hubner. »Man hatte den Eindruck von Menschen, die, plötzlich zu Geld gekommen, eine für sie allzu schwierige Rolle spielten. Der Luxus der Kostüme, die vielen Lakaien und die überreiche Vergoldung wirkten viel zu neu.«

Lange Zeit nach dem blutigen Zwischenspiel auf dem Boulevard erfreute sich Louis Napoleon in seiner Partie mit dem Schicksal unverschämt guter Karten. Zwar hatte er schärfer gegen die Republikaner vorgehen müssen, als ihm lieb war; besonders nach seiner Heirat mußte er den Katholiken, die sowohl 1848 wie 1851 mit ihm im Bunde standen, weitere Zugeständnisse machen. Sein Ideal läßt sich, wenn man will, als eine Art sentimentales Banditentum erklären. Aber es bewährte sich überraschend gut, zur maßlosen Wut aller rechtschaffenen Menschen. Frankreich war förmlich übersättigt. Die Reichen wurden noch reicher, Brot und Wein waren billig. Wäre nur irgendwo ein bißchen Poesie dabei gewesen, man hätte glauben können, das goldene Zeitalter sei angebrochen. Aber Louis hatte bekanntlich alle guten Dichter verbannt und Geschäftsleute verstehen nur selten die Leier zu schlagen. Als Dreingabe auf das billige Brot, die fünfprozentigen Zinsen, die neu gegründete Fremdenindustrie, die vielen öffentlichen Arbeiten und Feiertage schenkte er dem Volk einen siegreichen Krieg. Mit England zusammen schlug er die Russen in der Krim.

Die Orsini-Affäre soll dieser Periode ruhevoller Verdauung ein Ende gemacht haben. Niemals hat es eine Regierung gegeben, die so reich an Unterströmungen und unterirdischen Gewalten war. »Im großen und ganzen war das dritte Kaiserreich ein einziger Fall für die Geheimpolizei.« Wohl niemand wird daher beweisen können, daß er die ganze Wahrheit über Orsini weiß. Wir wollen uns an die Romantik halten, sie ist immer noch die beste Führerin in dem bonapartistischen Labyrinth. Der Attentäter war ein Mitglied der Carbonari. Er und seine Gruppe erhielten den Auftrag, den Kameraden Louis daran zu erinnern, daß man Austrittserklärungen nur von den Toten anzunehmen pflege. Orsini und seine Freunde warfen daher eines Abends im Januar 1858, gerade als der Kaiser in seinem Wagen vor der alten Oper in der Rue Montpensier vorfuhr, drei Bomben. Sie verfehlten ihn, statt dessen wurden acht Passanten getötet und mehr als einhundertundfünfzig verwundet. Es ist dies der erste Fall, in dem eine Bombe zu politischen Zwecken verwendet wurde, – es war eine Zeit der Neuerungen.

Nach diesem Wink erinnert sich der Kaiser an seine Vergangenheit, er beginnt sich für Italien zu interessieren. Der einzige Grund, weshalb er das nicht schon längst getan, war seine Allianz mit den Ultramontanen. Diese waren gegen eine italienische Erhebung, da das Programm der Revolutionäre eine Annexion Roms und des Kirchenstaates umfaßte. Die Kaiserin selbst war die Hauptvertreterin der Kirche in den Tuilerien; nach der Orsini-Affäre schwieg anscheinend ihre Opposition. Auf hartnäckiges Drängen des Erzbischofs von Paris unterschrieb der Kaiser widerwillig das Todesurteil Orsinis. Aber schon zwei Monate später berief er heimlich Cavour zu sich und verabredete mit ihm, Österreich einen Krieg für die Befreiung Italiens zu erklären.

Ein Ausländer kann kaum im Zweifel darüber sein, daß Louis Napoleon und die Franzosen die eigentlichen Befreier Italiens waren; die Revolutionäre, die ihre siegreichen Heere begleiteten, waren lediglich Hilfstruppen. Aber es gibt abgesehen von dem natürlichen Stolz der Italiener noch die verschiedensten triftigen Gründe, weshalb das italienische Volk dem Manne und der Nation, die Montebello, Palestro, Turbigo, Magenta und Solferino gewannen, keinen großen Dank zollt. Die Befreiung geknechteter Völker ist vielleicht das gefährlichste aller menschenfreundlichen Unternehmungen der Welt.

Zum Beispiel mußte Louis Napoleon den Krieg abbrechen, lange bevor das stolze Risorgimento sich zufrieden gab. Außerdem mußte er, um sein eigenes Volk zu befriedigen, etwas Konkreteres vorzeigen als das Bewußtsein, eine gute Tat glücklich zu Ende geführt zu haben. Er annektierte daher (natürlich nach einer Volksabstimmung – der berühmten napoleonischen Spezialität) Nizza, die Riviera und Savoyen. Endlich bestand die Kaiserin mit den Katholiken darauf, daß er auch einmal seine katholische Gesinnung zeige, nachdem er sich bei Solferino als braver Carbonaro bewiesen hatte. Er sollte die Oberhoheit des Papstes in Rom sicherstellen. So marschierten denn dieselben französischen Truppen, die das neue Königreich Italien geschaffen hatten, auf dem kürzesten Wege nach Rom, um die nationale Hauptstadt zu besetzen. Diese römische Garnison bestand so lange wie das Kaiserreich selbst.

Sein erhabenes Ideal, das Leitmotiv seines Lebens: alle Menschen und sich selbst glücklich zu machen, wurde immer schwieriger, je mehr er sich darum sorgte. In Wahrheit verlor er allmählich die Nerven. Wohl blieb er bis zum Schluß äußerlich ungerührt, aber an seiner Seele fraßen die Sorgen. Er hatte alle Freuden des Lebens gekostet und war ihrer überdrüssig geworden; jetzt sehnte er sich nach der einzigen, die dem Abenteurer verboten ist, nach Frieden. Ohne Zweifel machte sein schmerzhaftes chronisches Leiden dies zu einem physischen Bedürfnis.

Morny starb; Persigny wurde durch eine Kabale der Kaiserin vom Hofe gejagt. Es folgte eine lange Reihe schlau erdachter, verfehlter Unternehmen, um die Franzosen zufrieden zu stellen; Sentimentalität und Interesse führten ihn von einem Sumpf in den anderen. Er drängte sich als Befreier Polen auf; die Russen demütigten ihn und warfen ihn hinaus. Wohl das häßlichste und kühnste seiner Mißgeschicke gipfelte in dem Bemühen, ein lateinisches Kaiserreich in Mexiko zu errichten. Der unglückliche österreichische Prinz, den er zu diesem Streich überredete, wurde drüben besiegt, gefangengenommen und erschossen.

Während also dieser zum Tode verurteilte Spieler mit äußerlich unerschütterlichem Gleichmut Einsatz über Einsatz verlor, wuchs im Nachbarstaate ein zweites romantisches Gebilde zu immer größerer Macht empor: das Bismarckische Reich. Zwar war es ganz in Schwarz und Grau gemalt, aber im Innern war es aus ebenso gebrechlichem Material erbaut wie Napoleons eigene Herrschaft. Trotz seiner gefährlichen Fassade war der Mörtel, der es zusammenhielt, nur ein poetischer Niederschlag: der Nationalismus, und das Fachwerk, das es stützte, jener unmögliche Traum: ein wohlwollender Despotismus. Wie ein Pilz über Nacht ein großes Blatt verdrängt, so wurde der weitläufige, modrige Bau Louis Napoleons durch dies organischere Wachstum eingeengt und umgeworfen.

In der Politik gilt jede Romantik und Sentimentalität für Torheit; man glaubt daher an das Gegenteil und hält jede Brutalität für praktisch und vernünftig. Nur in diesem Lichte betrachtet, wirkt Bismarcks Bauplan als das Werk eines weitblickenden Genies; denn es führte in gerader Linie zu dem absurden Schrecken von 1914. Jedoch der Unsinn des Bonapartismus war seinem illegitimen Vetter, dem ernsteren, nüchternen Wahn von »Blut und Eisen« nicht gewachsen. Louis taumelte von einem Fuß auf den anderen, verzweifelt suchte er nach rechts und links das Gleichgewicht zurückzuerlangen, das es ihm ermöglichen sollte, alle Menschen, einschließlich den lieben Gott oder doch zum mindesten die fromme Kaiserin zufriedenzustellen. Er versprach im Namen der kleinen Nationen Schleswig-Holstein zu Hilfe zu eilen, widerrief das Versprechen der heimischen Friedenspartei zuliebe, verbündete sich mit den Italienern als Gegengewicht gegen die Preußen, zog sich von diesem Bündnis zurück, weil er die Sache des Papstes hätte aufgeben müssen, und schloß zuletzt tatsächlich mit Bismarck in Biarritz ein Bündnis. All das sind frühzeitige Symptome des kommenden Ruins. In diesen letzten Jahren erinnert seine ganze Politik an die schwankenden, torkelnden Bewegungen eines Betrunkenen oder Sterbenden.

Noch einmal kommt er vorübergehend wieder auf die Beine. Er milderte die scharfen Maßnahmen gegen seine inneren Feinde; die Republikaner durften zurückkehren, man erlaubte es ihnen sogar, ihre eigenen Zeitungen zu halten. Ganz mit Recht benutzten sie diese Konzession, diese Schwäche dazu, um das gefährliche Tier einzukreisen, seinen Bau zu untergraben. Sie hetzten es von einem Winkel des Landes bis zum anderen dem Ende entgegen. Trotzdem hatte Louis ganz zum Schluß noch den Mut, sich ihnen zu stellen; er wagte einen letzten Vorstoß ins Freie. Mag man es nun als komisch oder rührend empfinden, dieser letzte Wurf, der ihm den Sieg erringen sollte, nahm die Form eines Plebiszites an. Dabei soll es ganz ehrlich zugegangen sein. Das Ergebnis war 7 358 786 Stimmen zu seinen Gunsten und 1 571 939 Stimmen für die Gegenpartei, die größte Mehrheit, die sich ein Bonaparte je errang.

Wenige Wochen darauf stürzten der Kaiser, seine Dynastie, seine Sache und Frankreich sich Hals über Kopf in den Deutsch-Französischen Krieg.

So endet diese Geschichte in Blut und Verwirrung. Von Sedan, am äußersten Rande der Weltgeschichte, schickt Louis mit einer letzten Geste, ehe Nacht und Vergessenheit sich über ihm schließen, ein Telegramm an die Kaiserin. »Die Armee ist besiegt und gefangengenommen. Ich selbst bin ein Gefangener.«

Armer Teufel, viel Stil hat er nie gehabt.

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