Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > William Bolitho >

Zwölf gegen das Schicksal

William Bolitho: Zwölf gegen das Schicksal - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/bolitho/12schick/12schick.xml
typeessay
authorWilliam Bolitho
titleZwölf gegen das Schicksal
publisherBüchergilde Gutenberg
year1946
translatorMarguerite Thesing-Austin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201301
projectid19ed8a14
Schließen

Navigation:

Lucius Sergius Catilina

Wir sind bisher nur einer lockeren chronologischen Ordnung gefolgt. Noch einmal müssen wir dem Thema zuliebe eine große Bresche in sie schlagen. Genau wie bei der vergleichenden Anatomie die Paläontologie herangezogen wird, genau so natürlich wenden wir uns in dem seltenen Fall eines Napoleon der ungeheuren, gleichsam fossilen Sammlung von Menschentypen des klassischen Rom zu. Der Vergleich ist ungemein belehrend. Deshalb nimmt Catilina, eine der interessantesten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, diesen Platz in unseren Studien ein.

In Wahrheit bedeutet er eher eine Weiterentwicklung und Fortsetzung als eine Vorarbeit zu der politischen Geschichte des Abenteuers. Dies ist bei den Charakteren und Typen des Altertums häufig der Fall. Sie haben sich durchaus nicht überlebt, bilden keineswegs nur eine Art archäologische Anmerkung in dem Buche der Neuzeit, sondern, sind – gelinde ausgedrückt – überraschend, ja erschreckend modern. Wenn wir daher Napoleon und Catilina vergleichen, so wirkt der seit zweitausend Jahren verstorbene Römer so wenig altmodisch wie seine Zeit oder seine Stadt. Ja, das Abenteuer Catilinas könnte, wenn wir es überhaupt einzureihen vermöchten, recht gut der Zukunft, zum Beispiel dem modernen Amerika angehören. Die Ähnlichkeit mit dem vorchristlichen Rom wird dort von Jahrzehnt zu Jahrzehnt auffallender. Das muß jedem einleuchten, der nicht durch Unterschiede des Luxus verblendet ist, jedem, der nicht zwischen eine Welt mit oder ohne Telephon die Entfernung zweier Planeten rückt.

Die Behauptung, daß die Vereinigten Staaten von heute das geschichtliche Gegenstück zu dem antiken Rom bilden, wäre allerdings zu kühn. Aber die Voraussage, daß sie in hundert Jahren einander sehr ähnlich sein werden, beruht auf einer verständnisvollen Einschätzung der Entwicklungsmöglichkeiten.

Damals war die herrschende Klasse Roms im großen und ganzen ungeheuer reich; außerdem war sie auf dem besten Wege, ungeheuer verderbt zu werden. Dabei hatte sie nichts von jener Energie, Organisationskraft und Härte eingebüßt, denen sie die Herrschaft über die Alte Welt verdankte. Hinter diesen Patriziern standen die durch den pseudo-poetischen Glanz ihrer Herkunft verklärten Geschlechter verarmter Einwanderer aus den übrigen Mittelmeerstaaten. Auch sie besaßen als gefälliges Thema für Volksredner ein ländlich-sittliches Ideal, eine Liste bäuerlicher Tugenden, die in Sparsamkeit und Ehrlichkeit gipfelten.

Ihre Macht wurde von einer jüngeren Mittelklasse bestritten. Diese war immer noch sittenstreng und setzte sich aus ländlichen Grundbesitzern und städtischen Kaufleuten zusammen. Daneben gab es aber noch ein unentwickeltes, gewaltiges Proletariat von Sklaven und Nachkommen der im Kriege gefangenen Sklaven, das man bereits in einem primitiven Fabriksystem ausbeutete; ferner heimatlose Soldaten, leibeigene Bauern und eine gefährliche Unterwelt. Letztere gruppierte sich um die Kampfspiele und hatte einige Jahre vor Catilinas Aufstieg einen Aufstand angezettelt. Spartakus, ein thrazischer Sklave, war mit sieben seinesgleichen aus einer Gladiatorenschule geflohen und hatte schon nach unglaublich kurzer Zeit eine ganze Armee entlaufener Sklaven, verarmter Bauern, Schmuggler, verkrachter Soldaten und sonstigen Gesindels hinter sich. Die Republik war nur mit Mühe seiner Herr geworden.

So bot diese übermäßig große Stadt die schärfsten, malerischsten Gegensätze. Auf den Hügeln standen die funkelnden Paläste der Millionäre. Diese Geldfürsten waren, wie Catilina in einer seiner Reden erklärte, »so reich, daß sie ganze Vermögen für Bauten jenseits des Meeres ausgaben. Sie trugen Berge ab, verbanden die verschiedensten Baulichkeiten miteinander und kauften Gemälde, Bildwerke und künstlerisch gearbeitete Gefäße aus kostbarem Metall. Aber wiewohl sie ihren Reichtum auf jede nur erdenkliche Weise zu verschwenden suchten, gelang es ihnen trotz ihrer Launen nicht, ihn zu erschöpfen«. Rings um ihre schimmernden Paläste lag ein Gewirr enger Gassen, breiter Straßen und öffentlicher Gärten – ein so buntes und abwechslungsreiches Bild der Baufreudigkeit und des Verfalls, wie nur die konzentrierte Macht und der Reichtum und Fleiß einer ganzen Welt es zu schaffen vermögen. Die Bevölkerung Roms war ungeheuer zahlreich; topographisch wie gesellschaftlich vermischten sich die höchsten wie die niedrigsten Kreise. Eine solche Stadt mußte naturgemäß von unaufhörlichen Skandalen widerhallen. Es gab ungeheuerliche Fälle von Bestechung und Wucher, von Mord und Lasterhaftigkeit, in die auch die glanzvollsten Namen verstrickt waren. Viele der großen Damen, die in der Geschichte Catilinas eine Rolle spielten, unterhielten vertrauliche Beziehungen zu der Unterwelt, ja, sie verkehrten mit Mördern, Erpressern, Huren, Giftmischern und Kindsabtreibern. Aber überall trat ein Zug harter Energie hervor. Das alte Rom sündigte ausgiebiger als Athen, Alexandria, Memphis und jede andere Großstadt der antiken Welt, aber diese Degeneration hatte nichts Weichliches an sich. Das Rom Catilinas glich eher einem brodelnden Hexenkessel als einem stagnierenden Pfuhl.

Ein derartiges Tempo ließ sich nicht lange aufrechterhalten. Viele von den Patrizierfamilien waren bereits vollständig ruiniert, obwohl sie immer noch zäh an ihren Vorrechten und meist auch an dem leeren Gehäuse ihres einstigen Glanzes festhielten. Die allgemeine Verschuldung war indes für alle, außer für die Moralisten, der Krebsschaden der damaligen Zeit. Das Kreditsystem stak noch in den Kinderschuhen. Einige der großen Familien besaßen nicht nur keinen Pfennig, sondern waren weit über ihren Besitz hinaus verschuldet.

Fünfzig Jahre früher wäre die Lage noch zu retten gewesen. Ein einträglicher Gouverneurposten, den man sich durch Berufung auf den Familiennamen beschaffen konnte, warf so viel ab, daß man nach einigen Jahren im Ausland in Rom von vorne anfangen konnte. Aber auch das hatte sich allmählich überlebt. Erstens einmal lief man dabei die Gefahr einer gerichtlichen Verfolgung. Die erbitterten Feinde der obersten Klassen pflegten sich hervorragender Juristen aus dem eigenen Stande, wie Ciceros, zu bedienen und trugen nicht selten den Sieg davon. Außerdem waren aber die Familien, die sich ihre Stellung bewahrt hatten, mehr und mehr darauf erpicht, alles Gute für sich zu behalten. Die oberen Klassen schlossen sich enger zusammen und schüttelten diejenigen Mitglieder ab, die ihre Lebensführung nicht mitmachen konnten.

Unter diesen befand sich auch der ruinierte Catilina. Noch hatte er die Gefahr der Ausstoßung nicht völlig erkannt. Bisher hatte er wie alle leichtsinnigen jungen Leute der Gesellschaft gelebt. Das heißt, er hatte sein Geld zum Fenster hinausgeworfen, war in eine Reihe unappetitlicher Skandale verwickelt gewesen und war bis an den Rand, ja, bis über die Ohren verschuldet. Im Alter von dreißig Jahren blieb ihm lediglich die Hoffnung auf einen einträglichen Gouverneurposten, und der war, wie gesagt, nur schwer zu haben. Überdies war er schon einmal Gouverneur gewesen. Man hatte ihn angeklagt, verurteilt und abgesetzt. Damit waren seine Aussichten freilich noch nicht versperrt – Rom war durchaus nicht heikel. Auch daß er in dem starken Verdacht stand, seinen Schwager ermordet zu haben, und daß er nach dem Staatsstreich des Sulla die unterlegene Partei in der grausamsten Weise verfolgt hatte, waren keine unüberwindlichen Hindernisse. Seltsamerweise verübelte man ihm am meisten die Verführung einer Vestalin, die obendrein noch die Schwägerin des großen Cicero war. Die vestalischen Jungfrauen waren der einzige sentimentale Luxus, den die römische Gesellschaft sich gestattete. Auch das ist ein charakteristisches Symptom.

Aber mochte sein Ruf auch schlechter sein als der der meisten jungen Männer seines Standes und seiner Zeit, er genügte noch nicht, um ihn vor Dutzenden, ja wahrscheinlich vor Hunderten von wüsten jungen Lebemännern auszuzeichnen. Wir müssen daher die Ursache seines Ruhmes und des Interesses, das wir an ihm nehmen, sorgfältig in den Tiefen seines Charakters suchen, um dieser einen, hervorragenden Eigenschaft wenn möglich einen Namen zu geben.

Die Patrizier, die herrschende Klasse Roms, waren eine reiche, intelligente, kraftvolle Oligarchie. Vielleicht ähnelt sie mehr noch als dem europäischen Adel jener Gruppe Auserwählter, die sich aus eigener Machtvollkommenheit zur besten New Yorker Gesellschaft rechnen.

Sie waren aus den wohlüberlegtesten Gründen überzeugt antimonarchisch. Gleichzeitig hielten sie energisch an dem erblichen Prinzip fest. Meiner Ansicht nach läßt sich die Bezeichnung aristokratisch selbst in ihrer verwässertsten Form nicht auf sie anwenden. Ein Aristokrat ist im allgemeinen der Nachkomme einer langen ruhmreichen Ahnenreihe. Er kann ein Mann von Geschmack und Ehre sein, aber alle diese Eigenschaften decken sich noch nicht mit der innersten Bedeutung des Wortes. Vielmehr sind sie Schlüsse, die wir daraus ziehen, ja vielleicht sogar notwendige Folgen. Wir wollen die Sache am entgegengesetzten Ende anpacken. Der natürliche Mensch wird, wenn er reich und mächtig ist, von dem Wunsche, seinen Besitz zu vermehren und zu erhalten beherrscht. Diese seinem Charakter zugrunde liegende Politik bestimmt auch sein Verhalten in der Gesellschaft. Ist er aber arm, so spürt er dennoch, auch wenn er nichts zu erhalten hat (ein Fall, der selbst unter Zigeunern nur äußerst selten vorkommt), dauernd den Wunsch, Besitz zu erwerben. Dieser Trieb wird lediglich durch Mangel an Intelligenz, Furcht vor den moralischen und kriminellen Gesetzen und vielleicht am stärksten noch durch angeborene Trägheit in Schach gehalten. Die große Mehrheit weist daher unter sich eine starke Ähnlichkeit auf, die in scharfem Gegensatz zu jener unendlich viel kleineren Gruppe steht, bei der dieser Doppelinstinkt fehlt oder doch so schwach oder so verwandelt ist, daß er zu fehlen scheint. Denn obwohl der Hunger nach Besitz allgemein und allmächtig erscheint, gibt es noch eine andere ebenso natürliche Kraft, die ihm entgegen wirkt. Das ist die Macht der Gewohnheit. Das Allbekannte, Alltägliche stumpft jede menschliche Begierde, ja vielleicht sogar den Lebenstrieb ab, wie G. B. Shaw in seiner Trilogie zu beweisen sucht. Es ist daher möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß ein Mann sich derartig an die Dinge gewöhnen kann, nach denen die übrige Menschheit hungert und dürstet, nämlich an Rang, Macht, Stellung und Reichtum, daß er vollständig den Appetit darauf verliert. Es gelüstet ihn so wenig danach, wie einem Tafelnden, der bereits beim Dessert angelangt ist, nach Essen.

Für eine solche Haltung dem Leben gegenüber möchte ich die Bezeichnung »aristokratisches Empfinden« reservieren. Es wurzelt in einer seelischen Sättigung, die der » self-made« Mann, der »den Sinn des Geldes« erfaßt hat, begreiflicherweise kaum je erleben wird, während der direkte Nachkomme zahlreicher Vorfahren, welche ihre Wünsche und ihren Ehrgeiz vollauf befriedigen konnten, dem weit eher ausgesetzt ist. Tritt zu alledem noch ein großer ererbter Name hinzu, so besitzt der Betreffende ein Gut, das er niemals verlieren kann: eben diesen Titel und das von ihm unzertrennliche, unauslöschliche Ansehen. Was immer auch dem Vermögen eines englischen Herzogs zustoßen mag, ihm bleibt etwas, das er nicht vergeuden kann, etwas, um das man ihn beneiden, dessentwegen man ihm stets mit Achtung begegnen wird. Allerdings würden die Sprachreiniger des achtzehnten Jahrhunderts ein solches Adelspatent stark anfechten. Aber abgesehen von diesen Feinheiten glaube ich dennoch, daß das häufigste Merkmal der Aristokratie, nämlich eine gewisse Blasiertheit, Verachtung und Langeweile wie auch ihr Ehrbegriff, der jede Lüge verpönt, – nebenbei eine leichte Sache für Menschen, die nichts fürchten und hoffen, – in meiner Analyse eine Erklärung finden. Der Ausdruck Aristokratie bezeichnet demnach, wenn wir ihm diese engen, aber wie ich glaube, nützlichen Grenzen ziehen, in erster Linie eine seelische Eigenschaft, etwas Immaterielles, das, oberflächlich betrachtet, sich mit dem Wesen des Heiligen vergleichen läßt. Ja, vielleicht ist es ihm noch überlegen, da es im Gegensatz zu dem Sieg über die Begierde das Fehlen jeglicher Begierde kennzeichnet.

Aber wenn auch diese seltsame Schlußfolgerung dem wahren Aristokraten einen glänzenden Reiz verleiht, einen schwachen übersinnlichen Glanz, der ihn im Gespräch und im Verkehr umschwebt, so ist es doch viel klüger, in ihm eine große Gefahr zu erblicken. Freilich ist es angenehmer, einem satten Tiger zu begegnen, als einem hungrigen. Ich für mein Teil werde lieber von einem müden Grandseigneur, als von einem ausgehungerten sozialistischen Parvenü regiert. Allein die Stellung, die der Aristokrat im Leben der Gesellschaft einnimmt, bietet ihm durchaus nicht nur die Gelegenheit zu glänzen und Vertrauen zu erwecken. Das wird man an dem vollendeten Aristokraten Catilina sogleich erkennen.

Er und seinesgleichen unterschieden sich von den übrigen Bürgern Roms durch ihre Unberechenbarkeit und ihren Mangel an Ernst. Sie standen außerhalb des gesunden Gefühlskomplexes, der die menschliche Herde zitternd aber gefügig zusammenhält.

Die Persönlichkeit Catilinas schuf ihm eine passende Umgebung. Sein Kreis bestand aus jungen Leuten seiner eigenen Klasse. Darunter befanden sich ein gewisser Gneius Piso, »ein junger Patrizier von höchster Begabung und Kühnheit«, ferner Quintus Curius, der als Falschspieler und Wüstling seines Erbsitzes im Senat verlustig gegangen war, Publius Autronius – man hatte ihn, wie Catilina, der Veruntreuung fiskalischer Gelder überführt –, Lucius Cassius Longinus, ein ungeheurer Fettwanst, der gegen Cicero in den Konsulatswahlen aufgetreten war, und viele mehr. Außerdem scharten sich um ihn eine Reihe Männer von geringerem Rang und Ansehen.

Catilina besaß kein regelmäßiges Einkommen. Längst hatte er sein eigenes Vermögen und das seiner Frau vertan, außerdem war er hoffnungslos an Geldverleiher verschuldet. Trotzdem führte er überall einen Schwarm von Anhängern aus der Unterwelt mit sich, entflohene Gladiatoren und Faustkämpfer, vom Gesetz verfolgte Verbrecher, die er in allen ihren Taten beschützte und die ihn zum Dank dafür unter ihren Schutz nahmen.

Seit seinem Strafprozeß hatte Catilina sich dauernd an der Politik beteiligt. Er hatte sogar erklärt, er wolle sich als Gegner Ciceros, des Kandidaten der Volkspartei, für die Konsulatswahlen aufstellen lassen. Er hatte sich mit einer berüchtigten Dame der Lebewelt eingelassen, einer gewissen Aurelia Oristilla, »an der kein anständiger Mensch in ihrem ganzen Leben je etwas anderes als ihre Schönheit zu loben vermöchte«, wie der strenge Sallust bemerkt. Trotzdem oder vielleicht gerade infolgedessen hatte sie ein großes Vermögen an sich gebracht. Catilina heiratete sie; seine Feinde behaupteten, nachdem er seine Gattin und seinen Sohn vergiftet hatte.

Er lehrte die jungen Männer, die er überredete, sich ihm anzuschließen, allerlei dunkle Machenschaften. Aus ihren Reihen stellte er falsche Zeugen und Fälscher von Unterschriften. »Und er brachte es ihnen bei, Ehre, Besitz und Gefahr mit dem nämlichen Gleichmut zu betrachten, den er selber diesem Dingen gegenüber bewies, ja, er lehrte sie, aus Neigung lasterhaft und grausam wie er selbst zu sein.«

Die Wahlen endeten mit einem vollständigen Mißerfolg für Catilina. Jetzt stand ihm Aurelias Vermögen zur Verfügung und sogleich schritt er zur Verwirklichung seiner großen Idee. Wahrscheinlich war ihm der Gedanke, Rom durch die Verbrecherwelt plündern zu lassen, schon lange im Kopfe herumgegangen. Naturen, wie die seine, scheinen, soweit sie überhaupt eines Gefühls fähig sind, tatsächlich mitunter eine Zuneigung für die elendesten und verderbtesten Geschöpfe der Gesellschaft zu empfinden. Dieses Gefühl hat, meiner Ansicht nach, nichts mit Mitleid oder Barmherzigkeit zu tun. Vielmehr schuf ihre Verzweiflung und seine Gleichgültigkeit eine Art dunkle Gemeinschaft und Verständigung. Die Unterwelt amüsierte ihn. Die Aussicht, sie in einer einzigen Nacht des Blutrausches und der Flammen gegen die ehrbaren Bürger, die Läden des soliden Mittelstandes und die Paläste seiner eigenen Verwandten und Bekannten loszulassen, reizte ihn noch viel mehr. Man kann, wenn man will, auch eigennützige Motive in ihm entdecken. Das ist an sich nicht schwer. Eine Hetäre, die in das Komplott eingeweiht war, verriet der Regierung später einen der Hauptpunkte seines Programms. Catilina plante »eine Annullierung sämtlicher Schulden«, und er selbst hatte deren mehr als die meisten seiner Zeitgenossen. Trotzdem lag der Verschwörung letzten Endes ein finsterer Schabernack zugrunde, eine Freude an der Aufpeitschung großer Massen zu Mord und Totschlag, und das von einem Manne, den selbst nichts mehr zu rühren vermochte. Er freute sich auf das Schauspiel der Furcht bei den anderen, denn er selbst fürchtete nichts mehr auf der Welt. Verderbtheit hatte ihn zum Unmenschen gemacht; ihm war der stärkste Trieb des Menschen, der Hunger nach Besitz, verlorengegangen.

So toll der Plan auch klingt, er war theoretisch durchaus durchführbar. Die Verbrecherwelt, deren Catilina sich bedienen wollte, war in Rom verhältnismäßig zahlreich. Sie war äußerst verkommen, äußerst verzweifelt und ihm vollständig ergeben. Ihre bedeutendsten Kampfelemente waren die erprobten, menschenfeindlichen Veteranen Sullas. Diese hatten das Geld, mit dem man sie belohnt hatte, längst vertan. Es waren lauter schlimme Gesellen; man wußte von ihnen, daß sie bei einer Metzelei keinen Pardon geben würden. Mit ihnen zusammen würden die Gladiatoren sich in Bewegung setzen: Berufsraufbolde auf Leben und Tod, entlaufene Faustkämpfer, deren Kampfart allein schon bewies, daß Kenner der Brutalität sie geschult hatten. Ihr rechter Arm trug den mörderischen römischen Schlagring aus Leder und Stahl. Mit ihnen im Bunde war ein Haufen dunklen Gesindels. Wahrscheinlich waren sie alle einmal ehrliche Leute gewesen, aber sie gehörten den geknechteten Völkern an, welche die römischen Legionen durch ihre überlegene Disziplin vernichtet hatten: finstere, rachebrütende Fremdlinge, deren Erinnerung an bessere Zeiten jede mitleidige Regung erstickte. Außerdem wimmelte es in Rom von Patriziern und Kaufleuten aller Art, die ihre bürgerliche Stellung, ihr Heim und die Hoffnung auf eine günstige Konjunktur, um sich wie ihre Rivalen zu bereichern, verloren hatten. Endlich gab es noch ein Heer vertierter Asiaten. Allerdings waren dies zweifelhafte Gesellen, was Mut und Treue betraf, aber sie sündigten aus Prinzip und würden, falls alles gut ging, sich den Sturmtruppen als wichtige Bundesgenossen anschließen.

Außerhalb Roms in dem ungeheuren Weltreich war die Lage für Catilina, wenn möglich, noch günstiger. Wir lassen die entlegenen Provinzen ganz außer Betracht. Dort hatten Raubgier und herzlose Korruption von Männern wie Catilina alle Menschen in unerbittliche Feinde Roms verwandelt. Außerdem bot ihnen schon der Verlust ihrer Freiheit einen Grund zur Rache. In Asien, Afrika und Gallien, überall wo der römische Adler herrschte, hielten lediglich Furcht und das Fehlen eines Führers und einer Gelegenheit eine ganze Bevölkerung geborener Krieger von der Empörung zurück. Piso, dem Freunde Catilinas, war es tatsächlich geglückt, zum Gouverneur Nord- und Südspaniens ernannt zu werden. Er besaß die weitgehendsten militärischen Vollmachten und war tief in das Komplott verstrickt. Ein anderer Patrizier, Publius Sittius Nucerinus, war Gouverneur von Mauretania in Nordafrika und gleichfalls ein Mitverschworener. Auch im römischen Hinterland hatte Catilina für tätige Mithilfe gesorgt, vor allem in Etrurien, wo die Urbevölkerung arm, rachsüchtig und verbittert war und allen Grund hatte, es den Siegern bei der erstbesten Gelegenheit heimzuzahlen.

So spannen sich überall dunkle, weitverzweigte Fäden. Catilina war ein begabter Kopf, der zu arbeiten wußte. Er stand absolut auf der Höhe des bedeutenden Organisationsniveaus, das Menschen seiner Klasse und seiner Stellung auszeichnete und hatte alle seine Pläne sorgfältig überlegt. Es heißt sogar, Marcus Livinus Crassus, derselbe, der später mit Cäsar und Pompejus das erste Triumvirat und damit die Herrschaft über die Welt ausübte, sei in das Geheimnis eingeweiht gewesen. Das ist an sich nicht unglaubwürdig. Dagegen dürfen wir das gleiche von Cäsar nicht annehmen, obwohl auch er durch seine überreichen Gaben an das Volk verschuldet war. Viele seiner Feinde glaubten allerdings, auch er habe von der Verschwörung gewußt, solange sie noch in den Kinderschuhen steckte.

Sallust will eine Rede, die Catilina den wichtigsten Verschwörern hielt, aufgezeichnet haben. Mag sie nun authentisch sein oder nicht, sie wirft ein Licht auf die Stimmung, in der die jungen Patrizier ihm lauschten. Catilina sagte: »Seitdem die Regierungsgewalt und die Rechtsprechung in die Hände einer kleinen Anzahl Männer gefallen sind, haben in der ganzen Welt Könige wie Fürsten aufgehört, ihnen Tribut zu zahlen; statt dessen zahlen Völker und Staaten ihnen Steuern. Wir anderen aber, mögen wir noch so tapfer und tüchtig sein, mögen wir nun dem Patrizier- oder dem Plebejerstande angehören, werden von ihnen als Pöbel betrachtet. In ihren Augen besitzen wir keine Macht oder Bedeutung; ja diejenigen, die wir zu Tode erschrecken könnten, falls das Rechte geschähe, haben ihren Fuß auf unseren Nacken gesetzt. Daher besitzen und verteilen sie jeglichen Einfluß, alle Macht und allen Gewinn. Für uns haben sie nichts als Beschimpfungen, Drohungen, Verfolgung und Armut. Wie lange noch wollt Ihr Hochgemuten diese Zustände ertragen? Wäre es nicht besser zu sterben, in dem Versuch, die Lage zu ändern, als feige weiterzuleben und in dem elenden, uninteressanten Zustande der Armut und Vergessenheit ihre Frechheit zu dulden?

Ich schwöre Euch, der Erfolg ist uns sicher. Wir sind jung und ungebrochen, unsere Unterdrücker aber sind alte, müde Millionäre. Wir müssen nur den Anfang machen; der Rest kommt von selber.«

Indes gab er nicht alle Gründe, die ihn bewegten, zu erkennen. Den Fernerstehenden winkte er nur mit der Hoffnung auf eine Neuverteilung der Ehren und Ämter. Unerwähnt blieb die innere Bosheit, die ihn trieb, das Bestehende, das ihn langweilte, zu zerstören. Nur wenigen Auserwählten gewährt der Aristokrat Catilina einen Einblick in sein ganzes Programm. Dieses umfaßte nicht nur die Aufhebung aller Schulden, die Ächtung aller reichen Bürger – er beabsichtigte eine öffentliche Belohnung für die Köpfe verschiedener Männer auszuschreiben – sowie eine Aufteilung der Ämter und Priesterwürden, der Beute und sämtlicher Gratifikationen, welche der Krieg und die Macht des Sieges zu vergeben hatten, nein, er wollte insgeheim die ganze Stadt in Brand stecken und plündern.

Dieser junge Mann gebrauchte alle als Werkzeug in seinem Anschlag gegen die Kultur: die jungen Patrizier, die seinen Reden über den Ehrgeiz und die Streichung von Schulden lauschten, so gut wie den gemeinsten Halunken, den er mit der Aussicht auf Raub und Schändung köderte. Er gleicht einem gelangweilten, bösartigen Knaben, der sein kostbares Spielzeug verbrennt, nur um die Gesichter derjenigen zu sehen, die es ihm geschenkt haben. Der Aristokrat ist zum Anarchisten geworden, und zwar sind seine Motive und die Richtung, aus der er kommt, denen der extremen Idealisten und Menschenfreunde, die manchmal zu dem gleichen Resultate gelangen, entgegengesetzt. Letztere würden die Regierung stürzen und Rom verbrennen, weil sie an die Güte des menschlichen Herzens glauben; Catilina plante eine solche Tat, weil es ihm Spaß machte, das Gute und das Schlechte, Kunst und Moral, Reichtum und Armut, Gesetz, Polizei und Verbrecher während einer einzigen Nacht in Flammen aufgehen zu lassen. Wir haben es hier mit einem neronischen Abenteuer zu tun. Der Instinkt der Zerstörung betritt lächelnd die Bühne, nachdem alles, was der Mensch zu verdammen pflegt: Habgier und Geiz, in dem verkümmerten Herzen verdorrt und eingeschrumpft ist.

An dieser Stelle greifen wir auf Napoleons Abenteuer zurück. Es müßte bereits jedem klar sein, daß hinter der äußerlichen Ähnlichkeit zweier Staatsstreiche, zweier Verschwörungen und zweier Usurpationen sich der schärfste Gegensatz verbirgt. Napoleons ungeheure Lebensgier, sein zeitlich nicht zu befriedigender Drang nach Unsterblichkeit ist im höchsten Maße konservativ und aufbauend. Er bot sich den Besitzenden an, um sie und ihr Eigentum vor der Anarchie des souveränen Pöbels zu retten. Getrieben von seiner eigenen Gier, legt er sich darauf fest, eine Weltdynastie von Königen zu gründen und ruiniert sich bei dem Versuch. Das bedeutete für ihn das Ende, mochten auch genügend Trümmer zurückbleiben, um ein neues Europa zu erbauen. Sein Abenteuer war das Abenteuer des Lebens, obwohl es Millionen Menschen den Tod brachte. Catilinas Abenteuer war das Abenteuer des Todes, wenngleich es zufällig durch Cäsar zum römischen Weltreich führte.

Nachdem wir also mühelos Catilinas Kräfte gezählt haben, wenden wir uns der Gegenpartei zu. Hier ist unsere Aufgabe weit schwieriger, denn wer vermöchte ein Gewicht zu beschreiben? Und doch war es vor allem ein Gewicht, das ihn und seine Helfershelfer erdrückte: das tote Gewicht der Schwerkraft – eben das römische Volk. Seit langem schon war diese Schwerkraft unbemerkt von Catilinas Standgenossen in die Hände des neuen Mittelstandes, der kommenden Männer hinübergeglitten. Die Bürger und Grundbesitzer hatten wenig Aristokratisches an sich. Es waren alle vernünftige, praktische Leute, welche Arbeit und schlechte Kunst, einwandfreie Moral und Geldverdienen liebten. Außerdem hatten sie eine Schwäche für gehaltvolle Reden. Ihre Häuser waren alle solide gebaut, und sie hielten darauf, Schulden zu bezahlen und einzutreiben. Wer die vatikanischen Sammlungen besucht, dem verraten die römischen Büsten, wie sie in Wahrheit aussahen. Jene glattrasierten, etwas zu schweren, würdevollen Köpfe haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem soliden Geschäftsmann, der es heute in Minneapolis zu Wohlstand und Ansehen gebracht hat. Ihr damaliger Führer war der »glorreiche Durchschnittsmensch« Marcus Tullius Cicero: ein stacheliger, unverdaulicher Bissen für einen Mann wie Catilina. Dieser Philister, dieses vom Schicksal aufgestellte Hindernis im Wege eines zuchtlosen Bohemiens, hat im Mittelalter mehr als das ihm gebührende Maß von Ehren genossen. Die damaligen Lateiner machten einen Gott aus ihm, wohl weil die Arbeiten, die aus seiner Feder der Nachwelt erhalten geblieben sind, sich leicht nachahmen lassen. Heute aber kommt er in seinem Ruhme zu kurz. Es ist durch die englischen Schulmeister modern geworden, ihn zu verachten. Man weist auf zahlreiche Spuren von Eitelkeit hin, einer geschraubten Eitelkeit, die sowohl in seinen Reden wie in seinen Briefen zutage tritt. Zusammengeflickt ergeben sie das Porträt eines lächerlichen, aufgeblasenen alten Burschen. All das trifft nicht den eigentlichen Kern. Er war natürlich ein Mann des Mittelstandes und vielleicht ein wenig gar zu weitschweifig. Aber in den kritischen Momenten des Lebens sind Selbstverständlichkeiten wie Ehrlichkeit, Tugend und Gerechtigkeit etwas ganz Großes. Sein Leben und Sterben beweist, daß er selbst ehrlich an sie glaubte. Wenn er im übrigen hoch zu Roß in einer weißen Rüstung auf dem Campus Martius ein wenig deplaciert erscheint, so darf man nicht vergessen, daß er ja kein Soldat, sondern Jurist war. An dem großen Abend, da er, einen Speer in der Hand, mit anderen Bürgern seines Standes die brennende Straße hinuntereilte, mag er das Gesindel Catilinas, den Gladiatoren, Zuhältern und Mördern, sehr wohl einen völlig anderen Eindruck gemacht haben.

Man hat behauptet, Catilina sei durch Worte, das heißt, durch Ciceros Reden besiegt worden. Etwas Wahres ist daran. Lange nachdem es durchgesickert war, daß Catilina und seine Freunde irgendeinen Streich gegen die Regierung planten, herrschte in allen Kreisen Roms eine Apathie, stärker noch als die bereits geschilderte Sympathie für seine Sache. Selbst der friedliche ahnungslose Mittelstand, den Catilinas geheimste Gedanken ausersehen hatten, den Löwenanteil seines Vergnügens zu bezahlen, unterlag diesem Gefühl. Es herrschte allgemeine Unzufriedenheit. Niemand war mit der Regierung des patrizischen Senats zufrieden, und fast jeder hieß den Gedanken einer Umwälzung willkommen. Wie wir gesehen haben, glaubte man, Cäsar und Crassus seien an dem Unternehmen beteiligt. Cicero scheint als Einziger erkannt zu haben, daß es sich nicht um bloße politische Unruhen, sondern um ein ungeheuerliches, an Wahnsinn grenzendes Verbrechen handelte. Der erste Schritt, den er tat, war genau der, der zu erwarten stand. Um seinen Anklagen breiteren Widerhall zu verschaffen, trat er als Gegner Catilinas öffentlich in die Schranken. Dieser hatte sich bekanntlich für die jährlichen Konsulatswahlen aufstellen lassen. Der dritte Wahlkandidat war Gaius Antoninus, einer der Gemäßigten. Er war so sehr gemäßigt, daß Catilina insgeheim seine Neutralität zu erkaufen suchte. Das stellte sich bei den späteren Enthüllungen heraus. Bei den Wahlversammlungen ging es natürlich hoch her. Die Kampagne endete damit, daß Cicero (der augenscheinlich von dem Sieg des Rechts und der Gerechtigkeit nicht allzu fest überzeugt war) die Kandidatur seines Feindes durch einen juristischen Kniff vereitelte. Er bewies, daß er nicht wählbar sei, und verhinderte, daß er sich an den Wahlurnen zeigte. Jetzt, da Cicero den Konsulatsposten und die volle Polizeigewalt besaß (denn er hatte den guten Willen des Antonius, des zweiten Konsuls, durch eine Abmachung über die Verteilung der Beute erkauft), mußte der Kampf zwischen den beiden, dem Aristokraten und dem Bürger, bis aufs Messer ausgefochten werden. Catilina war bis dahin seines Sieges so sicher gewesen, daß er sein Ziel mit einer Art hochmütiger Trägheit verfolgt hatte. Jetzt erwachte er zu dämonischer Energie. Eine nächtliche Sitzung in seinem Hause folgte der anderen; Waffen wurden gekauft und versteckt. Sowohl in Rom selbst wie in den Provinzen wurden alle Kräfte mobilisiert.

Überall meldete Ciceros Polizei geheime Umtriebe und Aufregung. Die ganze Unterwelt zitterte wie ein Netz, das man an einem Zipfel gepackt hat und schüttelt. Starke, unklare Furcht bemächtigte sich Roms. Es war eine Art Massenpsychose, wie sie eher bei den zusammengewürfelten Völkerscharen des Ostens auftritt, wo die Menschen wie die Bienen gleichsam kollektiv zu denken scheinen. Das römische Volk ahnte die Gefahr. Aber die Fäden der Verschwörung liefen so weit auseinander, die Beschlüsse der wenigen Eingeweihten waren so undurchdringlich – außer für den Argwohn –, daß Cicero, der sich täglich eines wachsenden Maßes von Wohlwollen und Vertrauen erfreute, nichts anderes tun konnte, als unermüdlich auf der Lauer liegen und sorgenvolle Wacht halten.

Unvermutet fiel ihm und der Partei der Ruhe und Ordnung ein gewaltiger Vorteil zu. Ein gewisser Quintus Curius war ziemlich tief in die Beschlüsse Catilinas eingeweiht. Er war ein Patrizier, »so verderbt wie leichtsinnig, der auf seine Worte und Taten nicht achtete, ein Mann von nicht geringer Abstammung, aber von Lastern, Schulden und Verbrechen erdrückt«. Catilina sah in ihm eher eine wahlverwandte Seele als einen tüchtigen Bundesgenossen. Curius hatte sich mit einer Patrizierin namens Fulvia eingelassen, die viel dazu beigetragen hatte, ihn zu ruinieren. Jetzt, da er kein Geld mehr hatte, drohte sie, ihn fallen zu lassen. Als nun Quintus Curius sah, daß er ihr als Liebhaber nicht mehr genehm war – denn bei seinen jetzt beschränkten Mitteln konnte er sich nicht länger so freigiebig zeigen –, begann er plötzlich zu prahlen und ihr das Blaue vom Himmel herunter zu versprechen. »Ja, er drohte ihr sogar, sich an ihr zu rächen, falls sie nicht gut zu ihm wäre, sobald etwas Großes, das er ihr nicht näher beschrieb, sich ereignet hätte. Alsdann würde er in der Lage sein, sie auch zu belohnen.« Fulvia, die, wie immer sie auch sonst gewesen sein mag, einen durchaus gesunden Appetit auf Geld hatte, verkaufte diese Information an Ciceros Polizei. Der große Mann wurde davon in Kenntnis gesetzt und erkannte sogleich die Wichtigkeit der Nachricht. Er entlohnte die reizende Fulvia reichlich und ließ Quintus heimlich verhaften. Dieser willigte nach einer altrömischen Tortur ein, alles, was er wußte, zu erzählen. Ja, er erklärte sich bereit (gegen Geld), als Regierungsspitzel in dem Ausschuß Catilinas zu bleiben.

Von diesem Augenblick an wußte Cicero fast von Stunde zu Stunde alles, was Catilina geheim zu halten wünschte. Zunächst bot Quintus Cicero die Möglichkeit, einen Plan zu seiner eigenen Ermordung zu vereiteln. Catilina schickte ihm eine ausgesuchte Bande von Halsabschneidern ins Haus, aber Cicero schuf sich eine eigene Leibwache. Trotzdem standen die feindlichen Kräfte noch immer so ziemlich gleich. Catilinas Anschlag war kein Plan zur Eroberung einer Festung, sondern ein krebsartiges Gewächs, das an den Eingeweiden des Staatskörpers fraß. Selbst jetzt, da es erkannt und lokalisiert war und sämtliche Instrumente bereit lagen, erforderte eine Operation die äußerste Sorgfalt. Die geringste falsche Bewegung, der kleinste übereilte Schnitt, und jene »konsularen Persönlichkeiten«, der große Cäsar selbst und Crassus, konnten mitsamt ihrem ungeheuren Einfluß, Anhang und Können Catilina in die Arme getrieben werden. Cicero genoß im Senat keineswegs die gleiche Stellung und Macht wie jene Riesen. Dennoch war jede Minute von Bedeutung. Das unterirdische Ungeheuer wühlte mit rasendem Eifer weiter. Selbst Quintus Curius wußte nicht, wann die kritische Stunde schlagen würde.

Der Gang der Ereignisse war sehr einfach. Manlius, ein Leutnant Catilinas, ein zäher alter Soldat, war beauftragt, eine Erhebung in Faesulae, im Herzen des alten Etrurien vorzubereiten, wo die Überreste einer einst großen Nation nur darauf warteten, einen letzten Kampf gegen Rom zu wagen. Ob Manlius nun allzu sicher auftrat, oder ob das Volk bereits zu erbittert war, ein Aufstand brach aus und Cicero erhielt dadurch die Gelegenheit oder die Verpflichtung, die Miliz aufzurufen und sich von dem Senat – der ihm im großen und ganzen feindlich gesinnt war – die besonderen Vollmachten zu beschaffen, die nur erteilt wurden, wenn die Republik in Gefahr schwebte. Gleichzeitig wurde dem Brauche gemäß von Senat eine Belohnung für jeden ausgeschrieben, der über die Verschwörung Auskunft erteilen könnte. »Ein Sklave erhielt seine Freiheit und hundert Sestertien, ein Freier vollständige Begnadigung und zweihundert Sestertien. Um diese Zeit«, fährt Sallust fort, »befand die Republik sich in einer beklagenswerten Lage. Wenn auch jede Nation, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, ihren Waffen gehorchte und Frieden und Wohlstand blühten und gediehen, war trotz des Versprechens der Regierung keiner der an dem gewaltigen Komplott Beteiligten zu bewegen, vorzutreten und Informationen zu geben. Keiner fiel von Catilina ab.«

Die Entscheidung hing an einem Faden. Die Stadt befand sich in ungeheurer Aufregung. Die ganze Bevölkerung war niedergedrückt. Alle Arbeit lag darnieder, und die Bürger scharten sich zu düsteren oder zornigen Gruppen zusammen, um die verschiedensten Gerüchte zu besprechen. Große Menschenmengen umlagerten, schweigend oder Drohungen und Flüche ausstoßend, Ciceros Haus.

Über der ganzen Situation lagerte ein Nebel. Die meisten ehrlichen Bürger wußten nicht, wer ihr Feind oder Freund war. Etwas Besseres konnte Catilina sich nicht wünschen. Die Parteien – Verschwörungen und Gegenverschwörungen, Mißverständnisse und Kompromisse – schufen ein so wirres Durcheinander, daß die eigentliche Opposition nicht aus noch ein wußte. Der römische Bürger sah, wenn er auf die Straße blickte, gleichsam einen wüsten Auflauf von Polizisten, Banditen, Politikern und Zuschauern. In dessen Kern ballte sich irgend etwas Merkwürdiges, Furchtbares zusammen; was dieses Furchtbare aber war, das vermochte er nicht zu erkennen. Das Ganze glich einem schwarzen, kochenden Strudel. Das Ungeheuer in seiner Mitte war vor Schaum und der trüben Flüssigkeit, die es ausspritzte, unkenntlich. Aber jede Minute war kostbar. Cicero mußte einen Entschluß fassen. Eine Amtshandlung konnte ihm nichts nützen. Sie hätte den Wirbelsturm nur noch aufgepeitscht. Jene Masse verschlang Freund und Halbfreund, Demokraten, Verbrecher, Wahnsinnige und Staatsmänner. Ein kühner Streich war die einzige Rettung. Aber es durfte kein chirurgischer Eingriff werden, eher galt es, die brodelnden Elemente zum Niederschlag zu bringen, oder besser noch: man mußte mitten in das Zentrum hinein ein Netz werfen und das Ungeheuer ans klare Licht des Tages ziehen. Dabei durften aber nicht zu viele kleine Fische mitgefangen werden, damit ihr Gewicht nicht das Netz zerreiße. Hätte man Catilina ganz einfach verhaftet, es wäre zu wüsten Unruhen gekommen. Man mußte ihn entlarven. Wohl niemals war ein großer Redner mehr am Platze, ja er war ein Gebot der Stunde. Wer die große Kunst der Auseinandersetzung, die intellektuelle Analyse, die Aufdeckung von Tatsachen in der Weißglut von Stil, Stimme und Ausdruck verachtet, mag sich den Fall überlegen. Wie hätte ein einfacher General, ein Napoleon, ein Held Rom in diesem Augenblicke retten können? Nur Cicero, der Redner, vermochte das und tat es auch wirklich. Seine drei Reden sind denn auch als Kulturschatz für die Allgemeinheit in die Ewigkeit hinübergerettet worden.

Ihre Wirkung war so unbarmherzig wie die eines Scheinwerfers, mit dem man in eine dunkle Höhle hineinleuchtet. Nie konnte auch der konfuseste Kopf über das, was die Finsternis barg, in Zukunft noch im unklaren sein. Cicero riß Catilina auch vor seinen Anhängern die Maske ab. Er packte ihn gleichsam bei den Ohren und hielt ihn, gefoltert, besiegt, ja mitunter (auf den Höhepunkten seiner Reden) lächerlich gemacht, ganz Rom vor. Catilina und seine Verschwörung wirkten plötzlich einfältig. Der Mann hatte den Mut, dazusitzen und alles mit anzuhören. Zum Schluß hatte es den Anschein, als habe Cicero ihn sogar vor sich selbst entlarvt.

Wie dem auch sei, dieser Mann, der stets kalt wie Eis gewesen war, schien plötzlich verlegen und beschämt. Er erhob sich zu einer Gegenrede, konnte aber nur ein paar Worte stammeln. »Er hoffe, der Senat würde nicht allzu hart mit ihm verfahren. Sie möchten doch nicht allen Ernstes glauben, daß er, ein Patrizier, dessen Vorfahren dem Staate so zahlreiche Dienste geleistet hätten, diesen Staat habe verderben wollen, während Marcus Tullius Cicero, ein Emporkömmling, einer der neuen Familien, ihn retten wolle.« Weiter kam er nicht. Ein einstimmiger Schrei des Hasses und der Verachtung erscholl. Rufe wie »Verräter, Feind!« wurden laut. Inmitten dieses Getümmels, Drohungen ausstoßend, die niemand verstand, verließ er die Versammlung.

Und Rom. Von jener Stadt begab er sich eilends zu Manlius nach Etrurien. Cicero und die Polizei unternahmen nicht den Versuch, ihn aufzuhalten. Sie kannten nur das eine Ziel: ihn zu isolieren, ihn und die Seinen so hinzustellen, daß alle sie in ihrem wahren Lichte erkennen mußten. Von jetzt an war man hart wie Eisen.

Catilinas Offiziere, die er in Rom in seiner Angelegenheit zurückgelassen, wurden vorsichtig verhaftet, nachdem die Polizei ihnen eine schlaue Falle gestellt hatte. Es waren Lentulus, Cethegus, Statilus, Gabinius und Coeparius. Fast alle waren jung und Patrizier. Ihre Schuld war durch Dokumente belegt, und die Verbrecherbanden machten einen energischen Versuch, das Gefängnis in Brand zu stecken und sie zu befreien. Trotzdem ging Cicero nur langsam gegen sie vor. Ihre Stellung machte eine summarische Justiz unmöglich.

Er war gezwungen, sie gerichtlich anzuklagen. Die eine Phase dieses Prozesses beweist, wie schwierig Ciceros Lage war und daß er recht hatte, so behutsam vorzugehen. Kaum waren alle Zeugenaussagen gesammelt worden, ja die Angeklagten hatten ihre Schuld so gut wie gestanden, da erhob sich Cäsar. (Sein Einfluß im Senat war ungleich stärker als der Ciceros.) Er verlangte eine milde Behandlung und suchte geschickt und unmerklich die Schwere des Vergehens abzuschwächen. Ohne Cato, der als Enkel des gefürchteten alten »Zensors« und als Oberhaupt der altmodischen ländlichen Grundbesitzer einen starken Einfluß ausübte, wäre die ganze Angelegenheit noch in letzter Minute in Verwirrung geraten, dorthin, wo Cäsar sie ohne Zweifel aus Gründen des Ehrgeizes zu sehen wünschte. Aber dieser Cato (der viele Jahre später genau wie Cicero ein Opfer von Cäsars Staatsstreich werden sollte) erhob sich unmittelbar nach dem großen Soldaten und überschüttete ihn ohne jede Rücksicht mit Ironie. Er warf ihm Weichmut vor und forderte empört, daß die Verschwörer mit der ganzen altväterischen Strenge des Gesetzes behandelt würden. »Ich rate daher zu folgendem: da der Staat durch eine verräterische Zusammenrottung sittenverderbter Bürger in die größte Gefahr gebracht worden ist; da ferner die Verschwörer verhaftet und zudem noch auf ihr eigenes Geständnis hin ein Massaker, Brandstiftung und alle möglichen Schandtaten gegen ihre Mitbürger geplant haben. So mag ihre Bestrafung nach dem alten Brauche erfolgen, wie sie für Männer, die eines Kapitalverbrechens schuldig befunden wurden, festgesetzt ist.«

Die Senatoren ließen sich mitreißen. Dieses eine Mal kränkten sie ihren Liebling Cäsar und verhängten die Todesstrafe. Ohne ihnen auch nur einen Tag Zeit zur Widerrufung zu lassen, führte Ciceros Polizei die Catilianer in das Hauptgefängnis der Stadt. Es dämmerte bereits. Es gab darin einen Raum, das sogenannte Verließ des Tullius, einen schmutzigen, dunklen Keller zwölf Fuß unter der Erde. In diesen trostlos finsteren Ort, voller Schmutz und Gestank wurde Lentulus als erster an einem Strick, den man ihm unter die Achseln zog, herabgelassen und unten von den Henkern, die seiner warteten, erdrosselt. Nacheinander erlitten die übrigen das gleiche Schicksal.

Lentulus war tatsächlich einmal Konsul gewesen. Seine Familie gehörte zu den angesehensten und bedeutendsten Geschlechtern Roms, und sein Ende erregte ungeheures Aufsehen. Catilina suchte diese Stimmung auszunutzen und entfesselte endlich den Aufstand. Seine etrurische Armee war zerlumpt und zahlreich und umfaßte sowohl die auserlesenen, gut ausgerüsteten Regimenter etrurischer Patrioten, durchsetzt mit kampfgewohnten disziplinierten Veteranen, wie ein wüstes Gesindel von Sklaven und Gaunern, von denen viele nur spitze Stangen, Sensen oder Hämmer trugen. Dieses Heer stürzte sich auf die Truppen des anderen Konsuls Antoninus, der ihnen mit einer kleinen regulären Streitmacht vor die Tore der Stadt entgegengezogen war.

Jeder der beiden Gegner befolgte die gleiche Taktik. Zuvor hatten sie die Veteranen aus der Masse ausgesucht, um sie als Sturmtrupp zu gebrauchen. Der erste Zusammenprall war daher furchtbar. Das Schauspiel des Zusammenstoßes dieser alten Römer muß Catilina erfreut und entzückt haben. Er selbst stand, umringt von seinen Banditen, unter einem Felsen und hatte einen Adler oder eine Standarte aufgepflanzt, irgendeine Reliquie aus einem früheren Krieg, die seit langem in seiner Familie war. Kaum aber merkte er, daß beide Parteien sich so ziemlich das Gleichgewicht hielten, da stürzte er sich mit seinen Gefährten von der Flanke her in das Getümmel. Sehr bald warfen auf beiden Seiten die Veteranen ihre Speere und Wurfgeschosse von sich, und es kam zu einem Handgemenge mit dem kurzen römischen Schwert, das die Welt erobert hatte. Dies war kein Treffen für bloße Räuber und Banditen. Die Verbrecher machten sich daher mit den Verwundeten der äußersten Reihen zu schaffen, während die tapferen aber unerfahrenen etrurischen Bürger mitsamt einem wilden Haufen von Sklaven, Schäfern, Taschendieben, Faustkämpfern und entlaufenen Gladiatoren von Manlius vorwärtsgetrieben wurden. Anscheinend war es die prätorianische Kohorte, ein Eliteregiment schwerer Kavallerie, die dem Staate den Sieg errang. Sie waren nicht gewohnt, daß irgendwelche Fußsoldaten auf Erden, nicht einmal römische Veteranen, ihnen zu widerstehen vermochten und stoben, ohne mehr als nur einen Bruchteil ihres Schwunges einzubüßen, durch die Reihen der erschreckten Truppen Catilinas, durch diese berüchtigte Verbrecherarmee, die seit langem die friedlichen Gemüter der römischen Bürger terrorisiert hatte. Als hätten sie ein Rudel Wölfe vor sich, stießen sie bis ins Zentrum vor, wo die Veteranen in tödlicher Umklammerung lagen, und trieben sie auseinander. Gleichzeitig machten Manlius, Catilina und seine ersten Offiziere, die alle beritten waren, sich frei, ließen Taktik Taktik sein und stürzten sich in den Strudel. Dort inmitten des Getümmels starben sie alle.

An jenem Tage gab es ein großes Morden. Es wird berichtet, daß kein freier Mann aus Catilinas Streitmacht mit dem Leben davon kam, und auch die Sieger verloren ihre tapfersten Leute. Die Überlebenden unter den Rebellen wurden von den regulären Truppen später zum Vergnügen gejagt, und als die Armee zurückgezogen wurde, setzte sich ein Schwarm Polizisten mit ihren Spitzeln in dem Bezirk fest, um alle Spuren des Abszesses, der vor kurzem noch die Existenz Roms und den Lauf der Weltgeschichte bedroht hatte, weiter zu verfolgen und auszumerzen.

Das war der Verlauf des ohne Beispiel dastehenden Abenteuers Catilinas und sein durchaus nicht unrühmliches Ende. Zwar flackerte der Brand noch hier und da in Gallien und in dem Verbrecherviertel Roms auf, aber er ließ sich ziemlich leicht löschen. Am gefährlichsten war die Verschwörung in Spanien, wo Piso Gouverneur war. Doch der ehrgeizige junge Mann wurde gerade in dem Augenblick von seinen Truppen ermordet, als er sie dem Feinde zuführen wollte. Ein sonderbares Ende, denn Sallust behauptet, weder vor- noch nachher hätten die Spanier je gemeutert, da sie ein geduldiges und zähes Volk seien. Vielleicht hatte Ciceros geheime Polizei auch bei diesem Vorfall die Hand im Spiele.

Aus allen diesen Gründen halte ich das Abenteuer des jungen Aristokraten für eines der erstaunlichsten der Geschichte. Ohne Zweifel wurde er in erster Linie nicht durch einen Zufall, sondern durch das schiere Gewicht einer festgefügten Gesellschaft besiegt, das sich in den verschiedensten Begebenheiten, die sich ihm entgegenstellten, äußert. Das Hauptinteresse aber, das sein Angriff gegen die Republik, ja gegen eine ganze Kultur für uns hat, liegt nicht in dem Außergewöhnlichen des Anschlags selbst, sondern in der hohen Wahrscheinlichkeit, daß er sich über kurz oder lang wiederholen dürfte, sobald die klar erkennbaren Umstände, die ihn begünstigten, wieder eintreten. Diese sind: eine unhaltbare politische Lage, eine starke Verbrecherwelt und eine Gruppe Aristokraten, die jeden Glauben, jedes Verantwortungsgefühl und jede Furcht vor den Folgen verloren hat, lauter Elemente, welche bei einem normalen Verlauf der Weltgeschichte gar nicht selten zusammentreffen. Wir jedoch, die wir nicht im geringsten an politischen Gefahren und ihrer Verhütung interessiert sind, sondern es nur mit dem Studium des Abenteurers an sich zu tun haben, müssen, da wir obendrein uns aller moralischen Betrachtungen, selbst über ein Geschöpf wie Catilina enthalten wollen, den Fall lediglich behandeln, soweit er uns angeht. Mögen künftige Republiken mit dem Willen der Götter ihren Cicero und Cato finden oder nicht.

Catilina wird uns, wie gesagt, am klarsten, wenn wir ihn mit dem Baumeister Napoleon vergleichen. Sein Abenteuer war das Abenteuer des Todes. Ja, in einer Hinsicht ist es dem Selbstmord näher als dem Mord verwandt. Denn was hätte Catilina aus einem schwelenden Aschenhaufen und einem Berg Leichen für sich selbst retten können? Sein Plan hätte selbst bei vollendeter Durchführung niemals ein Weltreich geschaffen. Lange bevor er aus der allgemeinen Katastrophe die Krone hätte an sich reißen können, würden seine eigenen Anhänger ihn höchstwahrscheinlich umgebracht und aufgespießt haben. Sallust bemerkt hierzu: »Auch die ärmsten und verrohtesten Verbrecher liebten den Gedanken nicht, die Stadt anzuzünden, in der sie selbst wohnten. Sie glaubten, Catilina habe nur eine allgemeine Plünderung und Aufteilung der Beute geplant, bis Cicero ihnen das Gegenteil bewies.« Nein, wie der Selbstmord ist Catilinas Wahnsinnstat das große Abenteuer der Weltmüdigkeit. Er und alle, die wie Lentulus in sein Geheimnis eingeweiht waren und ihm folgten, waren frei von den gewöhnlichsten Wünschen und Begierden aller sonstigen Abenteurer. Und doch galten für diese Männer, die sterben wollten, leidenschaftslos die gleichen Gesetze und Regeln wie für die anderen, die das Leben liebten. Catilina hatte nicht mehr noch weniger Glück als ein Napoleon oder Alexander. Die Götter sind gleichgültig in dem großen Spiel mit dem Schicksal. Catilinas Flugbahn stieg so steil wie nur irgendeine empor, solange er voll Willenskraft und Kühnheit kämpfte. Aber auch er machte Fehler der Zeitberechnung und hielt inne, um den Gewinn zu zählen. In seinem besonderen Fall bestand dieser Gewinn in der Freude an dem Grauen und der Verwirrung, die sich auf den Gesichtern seiner Mitbürger spiegelte. Er weidete sich daran, statt aufwärts und seitwärts zum Schlage auszuholen und stürzte in sein Verderben.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.