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Zwölf gegen das Schicksal

William Bolitho: Zwölf gegen das Schicksal - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorWilliam Bolitho
titleZwölf gegen das Schicksal
publisherBüchergilde Gutenberg
year1946
translatorMarguerite Thesing-Austin
correctorreuters@abc.de
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Karl der Zwölfte

Falls es mir, wie ich hoffe, geglückt ist, Berührungspunkte zwischen dem Abenteuer und der Religion nachzuweisen, so bin ich berechtigt, Karl XII. einen Heiligen zu nennen. Denn falls der Leser dieses nützliche Patent nicht ausschließlich den Mitgliedern der von ihm persönlich bevorzugten Weltentstehungslehre verleihen will, gibt es etwas, das sowohl Sankt Simeon Stylites, dem gegenwärtigen Inhaber des Welttitels für Schmutz und Selbstverstümmelung aus der großen Gemeinde der Fakire von Benares, als auch Lenin und anderen aus der kreuztragenden Sekte der Essäer, den Kommunisten und diesem Karl gemeinsam ist. Uns springt schon auf den ersten Blick die ihnen allen eigentümliche übermenschliche Aufrichtigkeit in die Augen; in diesem Punkte ist ihre Ähnlichkeit so augenfällig, wie die groteske Verschiedenheit ihrer geistigen Erscheinungen.

Wenn wir daher die sonderbare psychologische Substanz, die so verschiedene, einander widersprechende Resultate zeitigt, näher unter die Lupe nehmen, sind wir überrascht: nicht daß von Zeit zu Zeit Heilige auftauchen, sondern daß unter der gegebenen Voraussetzung einer Religion mit gläubigen Anhängern nicht jeder ein Heiliger ist. Nicht der Heilige, sondern der Sünder ist eine Kuriosität. Falls wirklich der Erbe des Himmlischen Reichs und des Universums seinen Seelenbräuten einen überirdischen Roman verspricht, was Millionen Mädchen felsenfest glauben, so muß man sich fragen, weshalb auch nur eine von ihnen zögert, auf das unermeßlich geringere Leben hier auf Erden zu verzichten. Berechnung kann es nicht sein – das würde Unglauben in sich schließen – auch nicht eine Frage des Geschmacks, denn wer wählte nicht lieber die ewigen Wonnen statt der kleinlichen Genüsse, wie diese Welt sie der Mehrzahl solcher Mädchen bietet: einen Besuch, fünf-, sechsmal im Jahr in einem Provinztheater; die wenigen Male, da sie den sozialen Gesetzen und rein weltlichen Gepflogenheiten zum Trotz dem eigenen Urteil und Willen folgen dürfen; die plumpen Liebkosungen irgendeines jungen Advokaten oder Kaufmanns; seine langweilige Gesellschaft für die wenigen Minuten, von denen sie annehmen, daß sie die Spanne ihres irdischen Lebens darstellen. Außerdem darf man nicht vergessen, daß das geisterhafte Versprechen sich in jeder frommen, christlichen Familie auf philosophische, geschichtliche und gesetzliche Garantien stützt, wie kein anderer Zweig des Wissens sie bieten kann. Das einzige Rätsel, das der Fromme uns aufgibt, mag er nun dieser oder jener Religion angehören, ist das ärgerliche Problem der Lauen und der Sünder. Wer sich zu Lenins Glauben bekennt, daß der ungelernte Arbeiter einem wissenschaftlichen Gesetz zufolge (wenn ich nicht irre, nennen sie es so), im graden Verhältnis zu seiner Zerlumptheit herrscht, für den ist die Vernichtung jener, die diese Lehre zu Gewaltherrschern stempelt, nichts als die praktische Folge eines Gesetzes gegen das Räuberwesen. Dagegen ist der Kompromißler unter den Kommunisten, der sich im Ausland herumtreibt, ein unverständliches Monstrum, das nichts als Verwirrung schafft.

Und so steht es, überflüssig zu bemerken, mit allen Gläubigen. Uns quält nicht die ruhevolle Folge natürlicher, vernünftiger und verständlicher Ereignisse im Leben der Heiligen, sondern die Inkonsequenz. Diese intellektuelle Gereiztheit liegt, meiner Ansicht nach, auch dem seelischen Schwung der Prediger und Propheten zugrunde; sie alle, von Jesaja über Calvin und Robespierre bis zu Trotzki, zischen den Wankelmütigen und Lauen, der nicht den Weg zum eigenen Munde findet, irgendein aufpeitschendes Wort wie »wahnsinniger Narr« zu.

Die Heiligen, deren Leben als eine logische Folge ihres jeweiligen Glaubensbekenntnisses dahinfließt, sind nicht verrückt, ebensowenig wie die Summe einer Addition ein Witz ist. Es ist vielmehr eine törichte Frechheit, sie als Irre zu behandeln, wie manche Historiker das tun, und zwar nirgends so gern wie im Falle Karls XII., dem Heiligen unter den Abenteurern, von dem Voltaire, gewiß kein Phantast, sagte, er sei »der einzige Mensch, der ganz ohne Schwäche«, das heißt, nach logischen Gesetzen gelebt habe.

Ehe wir jedoch die Handlungen und Folgen seiner Geistesklarheit untersuchen, müssen wir uns einige möglichst knapp gefaßte anerkannte Gemeinplätze gefallen lassen. Die Dummheit und Unvernunft des normalen Menschen, der, in der klaren Erkenntnis des Besseren, dem Schlechteren folgt, das Ersehnte ausschlägt und hinnimmt, was ihn anwidert, der sein Leben gegen den Kompaß steuert und trotzdem über den Wahnwitz jener Auserwählten, die fest den Kurs halten, Mund und Augen aufreißt, ist als allgemeines Gesetz für das Menschengeschlecht von größter, vielleicht sogar übersinnlicher Bedeutung. Die Menschheit befindet sich in der furchtbaren Lage eines geistig Gesunden, der in einem Irrenhaus lebt, oder eines Kindes, das hellwach unter einem Alpdruck leidet, aber ihr sind, wie auch den glücklicheren Tieren, gewisse Schutzmittel und Führer mitgegeben. Diese bieten, da sie nicht unsere eigene Erfindung sind, doch einen gewissen Trost, wenn auch keine ausreichende Gewähr für eine Hoffnung. Einige von ihnen sind freundliche Stützen, wie die Hand, welche die Amme dem Kind, das seine ersten Schritte macht, entgegenstreckt. Sie treten häufiger als Hemmungen denn als Triebe auf, also das Gegenteil von dem, was wir bei den Insekten Instinkt nennen. Oft überkommt mich angesichts des Einflusses dieser kosmischen Mechanik eine Art grollende Furcht, und es scheint mir, als hafte ihr der unangenehme Beigeschmack eines schlechten Scherzes an, als hielten uns die Allmächtigen durch einen derben Spaß zum besten. Die gleiche Kraft tritt in dem Schicksal des armen Christoph Columbus zutage, ja mitunter muß der Philosoph in seinem Studierzimmer, der Forscher in seinem Laboratorium und auch der einfache Mensch inmitten seiner Grübeleien ein spöttisches Gelächter vernehmen. »Was Fliegen müß'gen Knaben, das sind wir den Göttern.« Oder – um alle Bitterkeit fallen zu lassen – die Menschheit spielt Blindekuh mit einer Binde über den Augen, und ihr Gleiten und Stolpern dient ihr als Richtschnur. Das Unsichtbare ist bei bester Laune. So auch gegenüber dieser menschlichen Dummheit, die uns zu denken gibt. Ohne sie wären wir verloren. Was würde wohl aus dem Menschengeschlecht, falls alle oder nur ein Teil der wunderbaren Lehren, an die wir geglaubt haben, so getreulich in die Tat umgesetzt würden? Uns bleibt nur die unwürdige Schlußfolgerung, daß der Menschheit unheilbare Dummheit ihr Hauptschutzmittel ist. Die Dummheit erhält, wie man sich früher auszudrücken pflegte, die Spezies am Leben. Unsere lächerliche Faulheit und Schwäche sind unsere Rettung. Allerdings ist das, wenn man will, genau so würdelos, wie wenn man am Hosenboden aus dem Wasser gezogen wird.

Fast alle diese Lehren vom richtigen Betragen nehmen eine unvergleichliche Persönlichkeit zum Vorbild. Das heißt, ihre praktische Ethik stützt sich auf Biographien, und dies zeigt uns deutlich genug, wo die eigentliche Gefahr liegt, vor der uns unsere angeborene Schwerfälligkeit rettet. Denn keine wahre Biographie hat die Kraft, die Phantasie anzuregen; nur der Mythus besitzt ethischen Magnetismus.

Das Leben, jenes flüchtige, beflügelte Geschöpf, muß abgeschossen werden und wie ein ausgestopfter Vogel durch die Hände des Künstlers gehen, ehe es uns als Vorbild dienen kann. Religion und Ethik sind daher nie frei von Kunst; das Wesen der Persönlichkeit muß vereinfacht, gleichsam auf Draht gezogen, seine zufälligen Erscheinungen und Resultate müssen theoretisch beleuchtet und in Beziehungen zueinander gesetzt werden, bevor sie jenen Instinkt zu wecken vermögen, der einzig und allein zu unseren Gunsten arbeitet: den Nachahmungstrieb. Diese Kunst, das aktive Prinzip der Mythologie, kann nur als Poesie, epische Poesie, bezeichnet werden.

Es scheint daher, als hätte das Epos einen bedeutenden, wenn auch ungeahnten Einfluß auf den Entwicklungsgang der meisten Menschen. Wahrscheinlich trifft das auch zu. Wieviele umfangreiche, mühevolle Untersuchungen sind nicht von Philosophen und psychologischen Therapeuten dem Charakterproblem gewidmet worden, das in so und so vielen Fällen sich durch die Suche nach einem in der Jugend- oder Knabenzeit gelesenen Buch und nach dem Helden dieses Buches hätte lösen lassen. Haben wir es mit einer Frau zu tun, so wird höchstwahrscheinlich eine Schauspielerin, die sie in irgendeiner Rolle bewundert hat, ihr ganzes späteres Leben beeinflussen. Die meisten Männer dagegen sind, wenn wir ihre scheinbar tiefsten Charakterwidersprüche aufdecken, um in den Worten ihres eigenen Geheimnisses zu reden, die Helden eines ungeschriebenen Buches, die Fortsetzung zu einem Werk, das sie einst gelesen haben. Es kann sich sogar um ein Buch handeln, dessen Titel sie vergessen haben; vielleicht ist es eine Lebensbeschreibung Alexanders des Großen oder Buffalo Bills, vielleicht »Das Licht Asiens« oder »Huckelberry Finn«, Frank Merrywell oder ein Evangelium, Jesse James, John Inglesant oder Jack der Riesentöter. Man finde das Buch und man wird ein intimes aufschlußreiches Bild ihrer Handlungen und Stimmungen gewinnen, kurz, man wird die Technik, wie sie dem Leben zu Leibe rücken, in Erfahrung bringen, die Jung unter den Rubriken extrovertiert und introvertiert zu einem Elementarfaktor erhebt. Man wird sogar herausfinden, weshalb der Betreffende bei der Auswahl seiner Krawatten einer besonderen Farbe den Vorzug gibt oder weshalb er sich überhaupt nicht die Mühe macht, zu wählen; im Falle einer Dame aber, warum sie laut und freimütig oder leise spricht, warum mit jener eigentümlich anmutigen Handbewegung oder mit jenem Lächeln. Sucht die Ursache nicht in den geheimnisvollen Differenzierungen ihrer einzigartigen Seele; sie sind nur Umwandlungen der Art, wie ihre Lieblingsschauspielerin, die sie während ihres letzten Schulsemesters auftreten sah, lächelte, sprach und sich bewegte.

Diese Ichwerdung durch Nachahmung von Helden aus Büchern, Sagen, Dramen, diese Selbstanleitung mit Hilfe der Dichtkunst ist ungemein weit verbreitet, wahrscheinlich sogar allgemein; wir wollen sie Imitatio Herois nennen und die Bezeichnung Donquichotterie für besondere Fälle aufsparen, in denen das Vorbild lächerlich oder die Verehrung überschwenglich, logisch und hingebungsvoll wie bei einem Heiligen ist.

So war die innerste Lage jenes ungewöhnlichsten Menschen, Karls XII., und die Hypothese, er sei wahnsinnig gewesen, von der gewöhnlich die Schilderungen seines Lebens, seines Charakters und seiner Taten ausgehen, ist sowohl überflüssig wie falsch. Er besaß ein Buch und er besaß einen Helden: Alexander den Großen von Quintus Curtius, und all seine Unvernunft war nur die Folge seines Glaubens, der durch keinerlei Unvernunft verwässert war.

Kurz und gut, das Abenteuer Karls XII., das zu seinen Lebzeiten die ganze Menschheit bedrohte, war das seltsame Erlebnis eines Knaben, der das Abenteuer an sich absolut ernst nahm. Was würde wohl geschehen, würde der Traum, ein Seeräuber oder Buffalo Bill zu werden, in die Praxis umgesetzt, ohne daß Trägheit und Dummheit, diese segensreichen Beigaben einer freundlichen geringschätzig lächelnden Vorsehung sich ins Mittel legten? Ihr werdet ja sehen.

Vorerst wollen wir aber nach einer Erklärung dieser Eigentümlichkeit oder Zufälligkeit suchen. Sogleich drängt sich der Rassen- oder Vererbungsfaktor mit gewohnter Sicherheit in den Vordergrund. Gustav Adolf, »der Orkan des Nordens«, war neben zahlreichen anderen dynamischen, explosiven und asketischen Naturen ein Vorfahre Karls. In dem Blut seines Volkes, der Schweden, lebt noch etwas von dem pessimistischen Titanentum der Wikinger; – diese waren die einzigen Menschen, die an eine Religion zu glauben wagten, wonach alles, Götter, Menschen und Materie, ein schlechtes Ende nehmen mußte. Die Skandinavier und ihre englischen Vettern nehmen in der frühen Geschichte Europas etwa die gleiche Stellung ein wie die großen Fleischfresser im Tierreich. Seeräuber, Zerstörer, Menschentöter, waren sie dennoch den geheimnisvollen psychologischen wie biologischen Schranken, die die Natur uns setzt, nämlich Idiosynkrasien und Krankheiten unterworfen, anscheinend um zu verhindern, daß sie durch uneingeschränkte Vermehrung die Welt entvölkerten. So leiden Löwen zum Beispiel an Räude, Antilopen aber nicht. Jedenfalls besteht unbestritten eine Nordische Neurose, die zahlreiche unklare Formen annimmt, von der Wanderlust bis zum Spleen, von jenem eigentümlichen Phänomen, dem Berserkertum, bis zu dem merkwürdigen schizophrenen Genie, das Alice im Wunderland hervorbrachte. Indes führen all ihre Verzweigungen von der gesunden Norm seitwärts und aufwärts und in die Tiefe. Etwas Unirdisches ist jener Rasse eigen, nur muß man den Ausdruck streng sachlich und nicht als Kompliment auffassen.

Dieser Zwiespalt begleitete das Wachstum seines Willens, begünstigte eine Anlage zur Schrullenhaftigkeit. Die Lieder und Sagen seines Volkes und seine Familientradition mußten einem Gemüt, wie dem seinen, das nordische Ideal, auf anderen als auf geradem Wege zu den Freuden des Lebens zu gelangen, einprägen. Karl war ein schweigsamer Knabe, er zeigte einen kalten wilden Eigensinn, der sich nur durch den Appell an seine unerbittliche Eitelkeit lenken ließ. So willigte er zum Beispiel erst ein, Lateinisch zu lernen, nachdem sein Erzieher ihm bewiesen hatte, daß sämtliche nordischen Könige dieser Sprache mächtig waren. Aus dem gleichen Grunde lernte er gut Deutsch sprechen.

Er erbte den Thron unter der Regentschaft seiner Großmutter, als er fünfzehn Jahre alt war. Bei Hof herrschte allgemein die Ansicht, daß er sich zu einem durchaus mittelmäßigen Menschen entwickeln würde.

Dunkelheit und Schweigen werden oft mit dem Nichts verwechselt. Er sprach nur selten und vertraute sich Niemandem an; zwar wohnte er regelmäßig dem Kronrat bei, aber meist schien er, den Kopf in den Händen vergraben, die Sitzungen zu verschlafen.

Jedoch im Innern dieser ausdruckslosen Schmetterlingspuppe vollendete die Phantasie Tag und Nacht rastlos ihr seltsam schöpferisches Werk. Noch einmal möchte ich betonen: Alexander war nicht sein Vorbild; niemand vermag das Leben ohne Vermittelung der Kunst nachzuahmen. Karl verehrte nicht den launenhaften, genialen, menschlichen Alexander, sondern den Alexander-Mythus, wie der Scharlatan Quintus Curtius ihn geschaffen hatte. Das Buch trug er stets bei sich; unablässig beschäftigte es seine Gedanken.

Der menschliche Wille liebt von Natur aus die Askese. Sie bietet ihm ein geeignetes Training, daher müssen alle Religionen, die sich an den Willen wenden, insbesondere die Religion der Heldenverehrung, Bußübungen vorschreiben und zu ihrer Grundlage machen. Curtius, der Priester des Alexanderkults, gewann Karl XII. zum Proselyten, indem er sich an seine Eitelkeit wandte – sie war das einzige Tor, das zu einer nebelhaften Vision des Ruhmes führte. Gleichzeitig stellte er ihm die Aufgabe, in legendärer Keuschheit und starrem Eigensinn zu leben. In Wahrheit oder im Licht der Vernunft betrachtet, zeigte er ihm praktisch keinen bequemen Weg zur Weltherrschaft; dieser glich weit eher dem einsamen Kriegspfad eines Indianers.

Karl jedoch spürte mit dem felsenfesten, fanatischen Glauben eines Heiligen jeder Einzelheit der Legende nach, um sie dann erbarmungslos nachzuahmen. Zum Beispiel Alexanders Gewohnheit, auf dem Fußboden zu schlafen. Seine Vorliebe für Wasser – insbesondere vor Beginn einer Schlacht. Seine Sparsamkeit in der Kleidung. Seine Verachtung für Leibesübungen und Rennen; mit einem Wort, er eignete sich all jene Maniriertheiten an, die bei dem jungen Alexander in dem glühenden Wunsch gipfelten, sich von seinem Vater Philipp zu unterscheiden. Curtius hatte sie alle ernst genommen, sie verwässert, übermalt und sorgfältig in dem Epos zusammengeflickt.

Karl gewöhnte es sich an, wie Alexander zu sprechen, in einsilbigen Worten und abgerissenen Sätzen. Er erfand eine neue Art des Sitzens, Gehens und Stehens, die seiner Auffassung von Alexanders Auftreten entsprach, ja er machte aus sich einen Automaten. Selbst sein Lächeln war künstlich, dem inneren Vorbild angepaßt, ein schiefes Grinsen, das auf seinem Antlitz erschien, so oft er an seines Helden Lächeln dachte, und das jeden, der nicht wußte, wie er dazu kam, verwirrte. In Wahrheit besaß er keinen Sinn für Humor, sein Blick blieb wäßrig und starr, wenn auch scharf, was immer ihm auch begegnete. Karl war sehr groß, für jene Zeiten ein Riese. Noch vor seinem zwanzigsten Lebensjahr verlor er alle seine Haare. Er war glatt rasiert (wie Alexander) und weißblond.

So war zu Beginn unserer Geschichte dieses Muster aller Knaben, die jemals Räuber und Indianer gespielt haben. 1699 wurde im Ministerrat die schwerwiegende Frage des feindlichen Dreikönig-Bündnisses beraten.

Die drei feindlichen Herrscher waren samt und sonders Nachbarn Karls: Friedrich von Dänemark-Norwegen, ein etwas dunkler Charakter, durchschnittlich geizig, tugendhaft und fromm. Ferner ein höchst wunderbares Paar, wert auf der gleichen Bühne wie unser Held aufzutreten; zwei Persönlichkeiten, zwei Kräfte mit einem leisen Beigeschmack des Allegorischen, wie jener routinierte Dramatiker, das Schicksal, sie seinen besten Stücken beizumischen liebt.

Der eine von ihnen, August der Starke, König von Sachsen und Polen, war eine Mischung von Fortinbras und Falstaff, ein Mann ohne Hemmungen; ein gewaltiges, unverwüstlich gesundes Geschöpf breitesten Formats, ohne Bosheit, mit beträchtlichem Können und unerschöpflicher guter Laune. Er konnte mit seinen zwei Händen Feuerzangen biegen und Hufeisen zerbrechen und soll dreihundert uneheliche Kinder gehabt haben.

Der zweite war Peter Romanow, immer noch der Große genannt, ein prachtvoller Landstreicher und Verbrecher, der als Erster Rußland dem europäischen Festland anschloß. Peter war zwischen Mord und Totschlag aufgewachsen, seine Erzieher waren ein Hofnarr und ein internationaler Gauner gewesen, und er selbst stellt in der Weltgeschichte Gargantua dar, übertraf aber noch sein Vorbild. Alle Gelüste und alle Leidenschaften, die die Menschheit quälen, gediehen in ihm zur Vollendung, ohne einander zu beengen. Peter liebte ein Buch so heiß wie eine Orgie, die Arbeit so glühend wie den Wein oder die Frauen; sein Leben ist eine einzige Anhäufung krassester Widersprüche, in denen jede Eigenschaft, ausgenommen Erfindungsgabe und guter Geschmack, zutage tritt.

Dieser Zar, der seinen Thron im Stiche ließ, um in Deptford Schiffszimmermann zu werden, fand trotz fleißiger Arbeit Zeit, sich allmorgentlich in einem Schubkarren über des englischen Schriftstellers Evelyns fünf Fuß breite Ilexhecken, den Stolz Englands, spazieren fahren zu lassen, bis er sie ein für allemal ruiniert hatte. Derselbe Mann erbaute seinem Volk in einem Sumpf eine neue Hauptstadt, ein Werk, bei dem mehr Arbeiter an Entbehrungen zugrunde gingen, als die Stadt während eines Jahrhunderts Einwohner zählte.

Der einzige Anhaltspunkt, den das elementare Geschöpf Peter uns bietet, ist seine unverwüstliche Energie – eine äußerst sonderbare Eigenschaft bei einer Rasse, die ihr innerstes Wesen in dem Hohenlied der Arbeitsscheuen, dem Gesang der Wolgaschiffer, zum Ausdruck bringt. Seine Energie war wie die der Elemente selbst; ihre überschüssige Kraft tobte sich gewittergleich in lärmenden Späßen aus. Er, der gelegentlich sogar das Amt des öffentlichen Henkers übernahm, war ein Meister in den verschiedensten Formen des Handwerks, sein eigener Kanonier, Segelmacher, Anatom und Mörtelmischer. Dieser Mann wurde vom Schicksal als Gegenspieler Karls aufgestellt.

Die Koalition war das Werk einer Persönlichkeit, die eine Erwähnung verdient, Patkul, ein livländischer oder estnischer Edelmann, ist in zahlreichen Gedichten besungen worden. Sein Vaterland war durch einen früheren Eroberungszug an die Schweden gefallen. Er selbst gehört zu jenem Typ von Menschen, die, durch Byron und Napoleon berühmt geworden, bis zum Versailler Vertrag in Mode standen. Er war ein Patriot und Freiheitsheld und unterschied sich nur wenig von ähnlichen sympathischen Erscheinungen, wie sie in hundert kleinen europäischen Hauptstädten ein Denkmal gefunden haben. Wie bei allen seinesgleichen wurzelt auch bei ihm das Vaterlandsgefühl in der Liebe zu den Sagen und Märchen seines Volkes. Diese lernte er durch seine Amme kennen. Er wuchs heran, um mit einer Mappe bunter ethnologischer Karten unter dem Arm, jahrelang an Höfen zu antichambrieren, deren Gesetze in ihrer Muttersprache gefaßt waren. Später war er in Verschwörungen und Gegenverschwörungen mit Spionen, Bankiers, Sonderlingen und Glücksrittern verstrickt. Er hatte ein, zwei streng politische Morde auf dem Gewissen und starb, wie einige seiner Glaubensbrüder, als Märtyrer. Außerdem war er tapfer, schön und edel, etwas von einem Verräter und ein wenig langweilig.

Dieser Patkul war von Karls Vater, gegen den er sich nicht zu empören wagte, abgewiesen worden. Als nach dessen Tode ein Knabe (wie manche behaupteten, obendrein ein Dummkopf) den schwedischen Thron bestieg, schien seine Zeit gekommen. Die Koalition war also Patkuls Werk. Seine Idee war einfach, sein Weg dagegen kompliziert: Die drei Könige sollten die alte estnische Freiheit wieder aufrichten und sich dafür durch Aufteilung des an ihre drei Staaten angrenzenden schwedischen Reichs entschädigen.

Viele von den europäischen Großmächten betraten die Schwelle des achtzehnten Jahrhunderts mit deutlichen Anzeichen von Ermüdung, so auch die Schweden. Sie ruhten auf ihren Lorbeeren; schon eine weit geringere Gefahr hätte ihnen Schrecken eingejagt. Die schwedischen Räte waren alt. Zwar waren sie immer noch gläubig, aber sie wußten doch nicht so genau, wie vordem ihre Väter, ob Gott in jedem Kriege auf ihrer Seite fechten würde. Höchstwahrscheinlich war das Leben zu ihrer Zeit weniger lustig als in dem vergangenen Jahrhundert, und wer sich nicht von Herzen seines Lebens freut, der ist bekanntlich abgeneigt, sein Leben aufs Spiel zu setzen.

So kam es, daß in dem Ministerrat, dem Karl auf seine nachlässige Art präsidierte, anfänglich düstere Einheit herrschte. Man erwog die Frage eines Vergleichs, und ein, zwei Stimmen hatten sich bereits für eine Politik der Verhandlungen und des Hinhaltens ausgesprochen. Dies war das erste und fast das letztemal, das man Karl reden hörte. Er hob den Kopf, richtete sich so steif wie möglich auf und ragte mit seiner gleichmäßigen gutturalen Stimme: »Meine Herren, ich habe beschlossen, niemals einen ungerechten Krieg zu führen, einen gerechten jedoch nur durch den vollständigen Ruin meiner Feinde zu beenden. Ich werde den ersten, der gegen mich ins Feld zieht, angreifen, ihn überwinden und dann mit den anderen abrechnen.«

Der historische Moment ist stets einfach und kurz; er gehört nur einem Menschen und einem Willen und duldet nicht (falls die Zeit wirklich reif ist), daß andere sich in sein Recht einmischen. Überraschung entrang den Räten ihre Zustimmung. Mit einer Verbeugung schieden sie aus dem Zimmer und damit aus den Annalen der Geschichte.

So schiffte sich der neue Alexander ohne jede Kriegserfahrung, nur mit einem Buch als einzigen Führer, nicht mit der Zustimmung, nein unter der schweigenden Duldung seines Volkes zu der seltsamsten und einsamsten soldatischen Heldentat der Geschichte ein. Der König von Dänemark, unser typischer Realist, wurde das erste Opfer der vulkanähnlichen Macht des poetischen Glaubens, der da Berge versetzet. Friedrich handelte klug, vernünftig und nach den Regeln der Erfahrung, das heißt, er nahm das schlecht verteidigte Holstein, das unter dem Protektorate Karls stand, in Besitz. Als uneinnehmbare Basis diente ihm das Meer, das an seinen schiffbaren Stellen durch Landbefestigungen und eine überlegene Flotte verteidigt war.

Der Leser wird im Laufe dieser Schilderung noch so häufig auf die Ausdrücke »unmöglich« und »uneinnehmbar« stoßen, daß es angebracht erscheint, ihnen gleich am Anfang ein paar Worte zu widmen. Von einem bestimmten Standpunkt, dem technischen aus betrachtet, besteht das Leben des Abenteurers aus der Kunst, Unmögliches zu vollbringen, dagegen wollen wir den Ausdruck »Held«, wie vereinbart, auf den von ihm rationalisierten und moralisierten Mythus beschränken. Als einfache logische Folgerung ergibt sich der Satz, daß alles Heroische letzten Endes die Verwirklichung des Unmöglichen, die Eroberung des Uneinnehmbaren, die Erreichung des Unerreichbaren, die Logik der Unlogik ist: lauter Widersinnigkeiten, aber eben sie machen das Wesen des Abenteurers aus. Ferner umfaßt er das Geheimnisvolle und das Lächerliche, zwei wichtige Komponenten der Hoffnung, ohne die selbst die Ameisen nicht leben können, falls auch sie, wie ich annehme, ein Bewußtsein haben. Jeder Fuß der dänischen Stellung war bewacht, ausgenommen das sogenannte »Flinterend«, der unschiffbare Teil des Sundes zwischen Seeland und Schweden. So sind auch die Möglichkeiten des menschlichen Lebens durch natürliche Gesetze und das Uhrwerk zahlloser Determinismen auf ein unerträgliches Minimum eingeschränkt – mit Ausnahme der Stelle, an welcher der Abenteurer durchbricht. Dort wo der gesunde Menschenverstand zögert, wo als freundliche oder spöttisch boshafte Warnung die Tafel »Unmöglich« den Tastenden zurückschreckt, dort und nirgends anders liegt der Ausgang, findet der Gefangene die Tür ins Land des Abenteuers. Die Welt hat einen Spalt; glaubt ihr, sie sei von oben bis unten vermauert? Macht euch auf das Unerwartete gefaßt, denn es ist schwer zu finden und unzugänglich, sagt der tiefsinnigste aller vorsokratischen Griechen, nicht weil er sich mit Absicht verschließen wollte, sondern weil ein Geheimnis ihm die Lippen versiegelte.

Durch dieses Flinterend stürzte Karl sich auf sein Opfer. Vorerst galt es aber, den Widerstand seines eigenen Admirals, eines vernünftigen, erfahrenen, pflichttreuen Mannes, zu überwinden: wiederum eine Unmöglichkeit, die er glücklich durchsetzte. Das Flinterend war unschiffbar, der Wind widrig, Karl war erst achtzehn Jahre alt; sie landeten daher, ohne einen Schuß abzugeben, wohlbehalten vier Meilen nördlich von Kopenhagen, das die sieghaften Schweden selbst in den glanzvollen Tagen seines Großvaters nicht zu erobern gewagt hatten. Das Ziel des Helden, Unmögliches zu verwirklichen, ist eine faszinierende Aufgabe; aber es ist ermüdend, darüber nachzulesen, und wir werden noch einige saftige Bissen vorgesetzt bekommen. Wir schließen daher diesen ersten Abschnitt mit der Bemerkung, daß Karl innerhalb von vierzehn Tagen seinem ersten Gegner den Frieden aufzwang und ihm die Rückgabe der geraubten Länder, einen Tribut und eine Entschuldigung abnötigte. Hätte er es gewollt, er hätte Dänemark annektieren und einen tausendjährigen Krieg beenden können. Allein Karl kannte keine Schwächen; jetzt und später regelte er sein Leben nach den Vorschriften eines Buches. Der oberste Grundsatz Alexanders lautete, niemals inne zu halten; Karl setzte seinen Eroberungszug fort.

Selbstverständlich unter veränderten Bedingungen. Die Jagd nach dem Wunder birgt, wie man an allen unseren Helden bemerkt haben wird, einen wunderbaren Lohn in sich; an jeder Biegung des unwirklichen Weges lauert ein unwirklicher, unverdienter Vorteil, ein Geschenk. Karl hatte einen unsichtbaren Feind mit Hilfe einer mittelmäßigen, skeptischen Armee besiegt. Jetzt besaß er plötzlich ein unvergleichliches Heer von Halbgöttern. Seine Schweden benehmen sich von nun an so erstaunlich wie er selbst, wie Soldaten aus einem Buch. Jede Nation rühmt sich irgendeiner Sage von der Unbesiegbarkeit ihrer Kämpfer, für meinen Geschmack jedoch können sich weder die Bogenschützen von Crécy noch die Männer der alten Garde noch irgendwelche anderen, durch nationale Eitelkeit verklärten Truppen in ihren Taten mit den Leistungen der Soldaten Karls vergleichen.

So ist die Arithmetik des Abenteuers; nach ihr ist zweimal zwei durchaus nicht vier, so wenig wie die euklidische Mathematik in dem Universum Einsteins gilt. Nichts oder eine Million; eines Narren Tod in den Wassern des Sunds oder die Führerschaft einer Armee, welche die Griechen vor Thermopylae schon bei dem ersten Angriff überrannt hätte. Gleich den lächerlichen Landkarten des Columbus führten die lächerlichen Regeln des Alexanderkults Karl auf dem geradesten Wege zum Erfolg.

Die erste Folge seines Sieges war, daß er Karl gegen fremde Kritik und gegen irgendwelche persönlichen Zweifel stählte. Viele haben in den nun folgenden Ereignissen einen tiefgründigen Plan entdeckt, zum mindesten glaubten sie, ihn entdeckt zu haben. Indes verrät Karls Handeln keine Spur von einer vernünftigen Politik. Der erste Teil seiner Rache war beendet; jetzt reiht er, wie in einem Schulbubenroman, Kapitel an Kapitel bis zum bitteren Schluß. Er kämpfte mit August und Peter, nicht mit Rußland oder Polen. Er wollte dabei keine Eroberungen machen, sie sollten sich nur gründlich bei ihm entschuldigen. So wenig wie Don Quichotte die Regierung Spaniens stürzen wollte, so wenig war es Karl um irgendwelche großen, verborgenen Ziele zu tun. Sein Vaterland, seine Armee sind nur seine Werkzeuge; in ihm, wie in seinem Vorbild, lebt der reine, antisoziale Egoismus eines Knaben, der von Hause fortläuft, um zur See zu gehen oder gegen Indianer zu kämpfen. Die Welt muß sich um ihn drehen, wie um ihre Achse. Die militärischen, wirtschaftlichen und politischen Folgen seiner Handlungen sind lediglich Nebentöne der Melodie, die er pfeift.

Der Feldzug von Narva, der als militärische Aktion in der Weltgeschichte einzig dasteht, ist daher in Wahrheit lediglich eine gewaltige Tracht Prügel, die er einem unverschämten Raufbold, dem Zaren Peter verabfolgt. Von dem edlen Patkul überredet, unternahm Peter einen Überfall auf die schwedischen Besitzungen an der Ostsee, bevor noch die Kunde von den Ereignissen in Dänemark ihn erreichte oder er die volle Bedeutung dieser Nachricht begriffen hatte.

Hinter ihm standen nach bester asiatischer Kriegstradition seine wimmelnden Völkerscharen – achtzigtausend Russen mit einhundertundfünfzig Kanonen – eine regelrechte Somme-Armee für damalige Begriffe. Diese wälzte sich bis vor die schwedische Festung Narva, wo rund tausend Schweden sich verzweifelt verschanzten. Peter selbst leitete in bester Laune und nach eigenem Muster die Operationen. Anfänglich verlieh er sich selbst den Rang eines einfachen Leutnants, jedoch nur um bei jeder Gelegenheit Ratschläge und Befehle zu erteilen und seinem Oberstkommandierenden Energie einzuflößen. Wie Bottom im Sommernachtstraum übernahm er sämtliche Rollen; das einemal stand er vor einem Hauptmann stramm, um ein Beispiel echter Disziplin zu geben, das anderemal stürzte er davon und ohrfeigte einen General, weil er einen Graben schief aufgeworfen hatte. Er wußte alles, freute sich an allem und machte alles selbst.

Diese Horde Krieger aus den entlegensten und wildesten Ecken der Welt, kalmückische Bogenschützen, kosakische Reiter, schlitzäugige Bewohner Sibiriens aus den urzeitlichen Friedhöfen des Mammuts, trugen Waffen jeglicher Art, die modernsten holländischen und französischen Musketen wie mit Nägeln beschlagene Keulen und zackige Speere; und in ihrer Mitte brannte die Energie des Herrschers gleich einem Fieber. Mit einem Maschinengewehr-Bataillon hätte man ihrem Angriff ohne große Sorge entgegensehen können, jedoch den gleichen oder ähnlichen Waffen gegenüber waren sie so gefährlich wie eine Herde Büffel. Allerdings trennten sie die verschiedensten Sprachen und Kampfmethoden, und keine noch so gründliche Ausbildung hätte sie zusammenzuschweißen vermocht. Allein abergläubische Liebe und Achtung vor ihrem Tyrannen Peter erfüllten sie mit Todesverachtung, und alle waren gierig nach der Beute, die ihnen der geschichtlichen Überlieferung zufolge auf einem Marsch nach Westen im Kampf mit westlichen Truppen winkte.

Als Peter, der sowohl Verstand wie Instinkt besaß, die geheimen Berichte über die sonderbaren Bewegungen der feindlichen Armee empfing, traf er alle Vorbereitungen für einen gefahrlosen Sieg. Er wußte, daß Karl nur zwanzigtausend Mann mit sich führte, trotzdem wählte er die Defensive. Vor seinen Horden ließ er tiefe Gräben aufwerfen, die nach dem neuesten und erprobtesten System mit Pfählen gespickt waren. Durch rasche fleißige Arbeit entstand ein ganzes Netzwerk von Außenbefestigungen und Glacis. Vor diesem sämtliche Borsten sträubenden Stachelschwein lag felsiges hügeliges Terrain. Um jede, auch die kleinste Anhöhe auszunutzen, wurden zwanzigtausend ausgewählte Truppen, Scharfschützen wie Kanoniere, hier aufgestellt. Aber selbst damit war Peter nicht zufrieden. In höchsteigener Person führte er eine Reservearmee auf das Schlachtfeld. Wer sich seines Charakters nicht erinnert, dem müssen all diese Vorbereitungen übertrieben oder als ein Zeichen starker Furcht erscheinen. Wahrscheinlicher ist, daß Peter trotz des tiefen Eindrucks, den Karls Sieg über Dänemark auf ihn machte, lediglich mit der ihm eigenen Begeisterung einer seiner Passionen folgte.

Karl dünkten sogar die zwanzigtausend Mann, die er an der Küste gelandet hatte, überflüssig. Die meisten von ihnen ließ er in Eilmärschen nachkommen, er selbst aber jagte ohne einen Tag Aufschub mit rund viertausend Reitern und der gleichen Anzahl Grenadiere der Todesfalle von Narva zu. Der Winter war bereits gekommen, die Wege waren eingefroren. Nach drei Tagen und Nächten stieß er auf die Vorposten des Zaren. Nachdem unser Held auf dem Gebiete der Strategie und Geographie das Unmögliche erreicht hat, zertrümmert er die seinen Weg versperrenden Hindernisse der Physiologie – Schlaf und das Bedürfnis nach Ruhe. So übermenschlich ist die Macht des geheiligten Unsinns, der ihm im Schädel spukt. Ohne jede Rast rückt er mit dem Teil seiner Truppen, der sich noch rühren kann, zu einem Frontangriff vor. Ohne Zweifel hatten die hinter ihren Felsen hockenden, weißen russischen Scharfschützen diese zerlumpten, ausgemergelten und von einem Geiste geführten berittenen Gespenster nicht erwartet. Sie gaben eine unregelmäßige Salve ab. Eine der Kugeln war ein Prellschuß und fiel in Karls Krawatte. Eine andere tötete sein Pferd. »Diese ... machen wir etwas Bewegung«, war alles, was er sagte.

Seine Schweden waren bald zur Stelle, und die meisten Russen flohen unter Preisgabe ihrer Musketen. Sie rissen vor ihrer eigenen Furcht zwischen den Felsen aus und »trugen heillose Verwirrung in das Lager der Zwanzigtausend«. Man glaube nicht, daß diese ausgewählten Vorposten etwa undiszipliniert oder untüchtig waren, bildeten sie doch den besten Teil von Peters Armee. Aber je straffer die Ausbildung, je größer und sorgfältiger die Vorbereitungen, desto zahlreicher die Leute, die dem Unmöglichen ausgeliefert waren. Gegen alle natürlichen Vorkommnisse war man gewappnet. Man hatte für jede Eventualität Instruktionen erteilt, allein die Zeit, die geringe Anzahl der Truppen, die wahnsinnige Unvernunft des Ganzen warf alles über den Haufen. Die Schweden stürmten heran. Schon bei den ersten Schreien zerschmolz die ganze Organisation zu einem zappelnden Haufen, auf den der bleiche Riese und seine Leute, keuchend und Tod und Verderben säend, einhieben. »Sämtliche Vorposten wurden durchbrochen; eine Aktion, die in jedem anderen Feldzug als drei Siege gelten würde, brachte den Vormarsch Karls auch nicht eine Stunde zum Stillstand.«

So erschien er plötzlich vor der Hauptstellung der Russen. Dahinter standen in fieberhafter Aufregung achtzigtausend Mann, die ihre Waffen schwangen und Kriegsrufe ausstießen. Tamtams und Kriegstrommeln, barbarische Musik aus Mittelasien, vermischten sich mit Peters deutschgeschultem Pfeifer- und Trompeterkorps zu einer wild begeisterten Symphonie. Und mitten in diesen Lärm hinein platzte zuerst ein Schneesturm, dann, wie Gespenster, die auf den Flügeln des Windes ritten, Karl mit seinen neuen Berserkern.

Wie sie die tiefen Gräben, die stählernen Piken, die von Kanonen bestrichenen Glacis passierten, davon besitzen wir meines Wissens keinen klaren Bericht. Es scheint, als ließe das Gedächtnis gerade in den höchsten Momenten des Lebens den Menschen im Stich, während die geringfügigsten gleichgültigsten Ereignisse deutliche Spuren hinterlassen. Wahrscheinlich vermochten Karl und seine Leute sich in der ungeheuren Erregung des Augenblicks an nichts mehr zu erinnern; wir können nur im Zustand des Rausches Übermenschen sein. Man kennt lediglich das Ergebnis; nach einer halben Stunde hatten sie den ersten Graben mit dem Bajonett erobert. Nach Ablauf von drei Stunden standen sie in der Mitte des Forts, wo die Toten sich zu Bergen türmten, und die Schweden, toll vom Sieg und der Erschöpfung, über den Leichen mit ihren Bajonetten gegen die Sperre der Tartaren und Turkomanen kämpften. Panik ergriff die russischen Truppen; dicht aneinander gedrängt, sahen sie im Wirbel der Schneeflocken kaum, was vor sich ging und hörten nur die Schreie der Sterbenden. Explosiv trieb es sie auseinander, sie warfen Musketen, Bogen, Wintermäntel ab und flohen. Die dreitausend Reiter Karls verfolgten den zügellosen Mob von fünfzigtausend bis zum Fluß, ihre Mordlust sättigend. Eine einzige Brücke querte den Strom. Sie brach unter dem Ansturm der Flüchtlinge zusammen, und der Fluß füllte sich mit Leichen. Als endlich der Schrecken sich ausgetobt hatte, kamen die Überlebenden in zügellosen Haufen, um sich Karl zu ergeben.

Das Treffen bei Narva ist vielleicht die größte und edelste Schlächterei in der Kriegsgeschichte Europas. Es endete mit einem vollendeten Stück Schauspielkunst der beiden führenden Charakterdarsteller. Karl – das brauche ich nicht erst zu sagen – war prachtvoll in seiner klassisch edlen Rolle. Mit einer nachlässigen Handbewegung befahl er die Freilassung sämtlicher Gefangenen mit Ausnahme der Generale; diesen sandte er kostbare Geschenke, erkundigte sich höflich nach ihrem Wohlbefinden und entschuldigte sich, daß er sie gefangen halten müsse. Peter war, nachdem er befohlen hatte, den Überbringer der Nachricht zu erdrosseln, zuerst aufgeregt, dann belustigt und zum Schluß ungeheuer interessiert. Seine stärkste Passion, der Wunsch zu lernen, fand auf Monate hinaus Nahrung, indem er die Überlebenden, soweit sie ihm Auskunft geben konnten, über die kleinsten Einzelheiten des Kampfes ausfragte. Außerdem grübelte er über die technischen Ursachen des Zusammenbruchs nach. Sein endgültiges Urteil lautete: »Dadurch, daß Karl mich besiegt hat, wird er mich lehren, ihn zu besiegen.«

Um das nicht ganz so rationalistisch denkende Volk zu beschwichtigen, verbreitete er überall die Nachricht, die Schweden seien Hexenmeister und Zauberer. Er befahl, den heiligen Nikolaus, den Schutzpatron des Landes, anzuflehen, daß er ihm Engel zur Verstärkung senden möge. Dann erst eilte er fort, um mit seinem ernstlich beunruhigten Bundesgenossen, August von Polen, zu beratschlagen.

Diese Besprechung dauerte fünfzehn Tage, und zusammen brachen die beiden einigen hundert Flaschen Wein den Hals. Voltaire, der wie alle Rationalisten wählerisch ist, urteilt darüber: »Diese nordischen Fürsten verkehren mit einer Familiarität miteinander, die im Süden unbekannt ist. Peter und August verbrachten vierzehn Tage mit allerlei Festlichkeiten, die schließlich ausarteten, denn der Zar, der sein Volk zu reformieren bestrebt war, vermochte seinen gefährlichen Hang zu Ausschweifungen niemals zu zügeln.«

Während diese beiden höchst irdischen Männer des Rates pflogen, traf unser plutarchischer Held alle Vorbereitungen für den dritten Teil seines Rachegesangs. Im Frühjahr erschien er an der Dwina. Die vortreffliche, nach europäischem Muster gedrillte polnisch-sächsische Armee erwartete ihn am anderen Ufer. Unter ihr befanden sich Patkul, der Patriot, den Peter nach der Narvakatastrophe abgeschüttelt hatte, und eine kleine Schar livländischer Edelleute, die geschworen hatte, lieber zu sterben, als einen Schritt zu weichen.

Der Wind war Karls Bundesgenosse. Er selbst machte aus Bündeln nassen Heus große Feuer, und die steife Brise wehte den Rauch über den Fluß dem Feind entgegen. Mit dieser Deckung trieb er sein Pferd wiederum zum Frontalangriff in den Fluß. Der alte, erfahrene und keineswegs abergläubische deutsche General von Stenau schlug ihn (Karl erreichte als vierter das jenseitige Ufer) mit schweren deutschen Dragonern zurück. An den seichten Stellen des Flusses unter dem schützenden Rauch sammelte Karl von neuem seine Truppen. Man kennt den Ausgang; vielleicht hatten die phlegmatischen deutschen Soldaten ihn im Innersten ihrer Herzen vorausgeahnt. Das Wunderbare, das Unmögliche wurde abermals Wirklichkeit. Karl trieb sie bis vor die Mauern des kurländischen Mitau, als wären sie eine Herde Bisons und nicht die renommiertesten Truppen der Welt.

So beginnt der merkwürdigste aller Feldzüge; ein tüchtiger General und eine erprobte Armee von achtzigtausend Mann werden in ihrem eigenen Lande von einem Eroberer, der seine zahlenmäßig weit unterlegenen Truppen fast wie eine Meute Jagdhunde gebraucht, gejagt und verfolgt. Es ist Karl nur darum zu tun, die Spur nicht zu verlieren, er wählt keine Marschroute, fragt nicht nach den Gefühlen und Kräften seiner Meute; er schont ihr Leben so wenig wie ein Jäger das eines von ihm geliebten Hundes. Kreuz und quer über die Landkarte des östlichen Deutschland jagt er sie auf beste alexandrinische Manier. Die einzige strategische Frage, die Karl stellte, lautete: »Wo sind sie?« Nicht: »Wie viele? Was für Befestigungen?« Endlich hatte Karl den Krieg so umgeschaffen, wie Schulbuben ihn sich erträumten.

Die Lage Augusts des Starken bei diesem Halali war nicht nur peinlich, sondern auch ziemlich lächerlich. Er ertrug sie jedoch mit jenem Humor, der an sich eine Art Tugend ist. Ohne jede Rücksicht auf seinen hohen Blutdruck hetzte ihn die wilde Jagd durch die unergründlichen Wälder Polens, über unzugängliche Gebirgspässe, steile Schluchten hinauf und hinab. Nie hat ein Sterbender eine so nachtmahrähnliche Verfolgung erduldet. Sie glich eher den Traumgesichten de Quinceys, der »durch alle Wälder Asiens vor dem Zorn eines Götzen floh«. Ja, mitunter müssen den dicken Bonvivant, wenn er sich auf den unbequemen Polstern seiner Kutsche oder auf einem improvisierten Lager in einem gottverlassenen kleinen Gasthaus wälzte, böse Träume gequält haben. Dann sah er wohl eine Art Gesicht, halb lächerlich, halb furchtbar, einen hochgewachsenen, kahlköpfigen Jüngling, dessen Lippen ein groteskes Grinsen verzerrte. »Er trug einen Reitrock aus grobem blauen Serge mit Kupferknöpfen, hohe Stiefel und Handschuhe aus Renntierleder, die ihm bis zu den Ellenbogen reichten und ritt oder lief, wie seine Infanterie sich am Steigbügel haltend«, hinter ihm her.

Aber Karl hat ihn nie eingeholt, obwohl er sein ganzes Reich auf den Kopf stellte und die Landstraßen Nordosteuropas mit Skeletten besäte. Endlich, enttäuscht aber beharrlich, ließ er August in Warschau von seinem eigenen Volk feierlich entthronen. An seine Stelle setzte er einen jungen Mann, der ihm aus einem unerklärlichen Grunde gefiel, einen gewissen Leczinsky, einen gelehrten, sanftmütigen aber tapferen kleinen Adeligen. Inkognito, hinter einer Säule der Kathedrale verborgen, sah er seiner Krönung zu. Sein einziger Lohn war, in hochmütiger Unsichtbarkeit die Alexanderrolle zu spielen.

Die tolle Verwirrung, die der wieder auferstandene Halbgott auf seiner blinden Jagd hinter dem bestbekannten Monarchen Deutschlands anrichtete, erschreckte natürlich ganz Europa zu Tode. Eine bange Vorahnung, daß die menschliche Rasse von einer jener im Kreislauf wiederkehrenden Katastrophen bedroht sei, packte die eingeweihten Kreise der Diplomatie. Böse Tage standen bevor, das alte Geschlecht der Weltvernichter war in Karl zu neuem Leben erwacht. Außer einer Schar von Glücksrittern, die ihm ihre Dienste anboten, gingen ernstere und gewichtigere Persönlichkeiten, halb Diplomaten, halb Spione, ständig in seinem Lager aus und ein, um einen Blick in diesen Krater zu werfen. Einer von ihnen war der große Marlborough selbst, der im Auftrage seiner Regierung dort erschien. Die Erfahrungen, die er machte, sind besonders interessant.

Karl empfing ihn vor dem Feuer in einem kahlen Kasino, ohne das geringste Zeichen von Interesse, indem er mit seiner Reitgerte gegen seine Kanonenstiefel schlug. Ohne Unterbrechung und ohne zu antworten hörte er sich ein langes Kompliment des Siegers von Blenheim an, in dessen bestem Französisch, das an sich schlecht genug war. Sein Kanzler, Piper, befand sich mit ihm im Zimmer. Ihn fragte Karl auf Schwedisch: »Ist dies Marlborough?« Der Engländer, der nicht nur ein großer General, sondern auch ein geschickter Diplomat war – welch interessanten Krieg hätten sie miteinander geführt –, nahm von seiner Unhöflichkeit keine Notiz. Er war gekommen, um zu erfahren, wie sich Karl zu der französisch-englisch-österreichischen Koalition stellen würde, und selbst wenn Karl ihm einen seiner Stiefel an den Kopf geworfen hätte, würde ihn das in seiner Mission nicht gestört haben. Marlborough pflegte bei Verhandlungen nur sehr langsam vorzugehen. Er hatte es niemals eilig, Vorschläge zu unterbreiten oder Fragen zu stellen und zog es im Gegenteil vor, unter dem Deckmantel einer banalen Konversation ungemein scharfe Beobachtungen anzustellen, um auf solche Weise unbemerkt hinter des anderen Gedanken zu kommen. Auch der tüchtigste Diplomat wird sich nicht rühmen, einen Menschen zu durchschauen, er wird zufrieden sein, wenn er seine Absichten erkennt. So dauerte es denn auch nicht lange, bis ein Wort Marlboroughs in Karls eisigem Blick einen merkwürdigen Reflex, eine Art Funken hervorzauberte. Dieser fiel seinem Ausfrager auf, und seinen Vorteil geschickt und unbemerkt ausnutzend, erkannte Marlborough, daß er seine Vorschläge und Befürchtungen für sich behalten könne, ohne sich weiter dekouvrieren zu müssen. Jenes eine Wort war der Name Peter. Ohne daß Karl auch nur den Mund geöffnet hätte, begriff der schlaue Engländer, daß »der Ehrgeiz, die Leidenschaften und die Absichten Karls ausschließlich dem Osten und somit Rußland galten und, daß das übrige Europa fürs erste von ihm nichts zu befürchten oder zu erhoffen habe«. Nach dieser glänzenden Entdeckung verabschiedete er sich, um seinen Bericht aufzusetzen.

Die Richtung des Kometen führte in der Tat weitab von der westlichen Zivilisation. Der Grund ist einfach genug: Zwei von den Gegnern, die ihn so hinterlistig angegriffen hatten, waren aus dem Weg geräumt. Aber Peter saß immer noch auf seinem Thron und befand sich trotz Narva bei bester Laune.

Falls irgend jemand behaupten sollte, daß Karls Siege auf seinen Charakter keinerlei Einfluß hatten, so bedeutet das eine überflüssige Ausschmückung einer wahren Geschichte. Kühle, nicht aus der Fassung zu bringende jugendliche Helden werden durch Erfolg meist übellaunig, eine Stimmung, die mehr als alle anderen zur Grausamkeit neigt. So muß man denn eher jener Geistesverfassung als irgendeinem Hang zum Sadismus zwei abscheuliche Handlungen zuschreiben, die in diese Periode fielen, nämlich die Hinrichtung Patkuls, dessen Auslieferung er auf unehrenhafte Weise von August erzwang, und die kaltblütige Niedermetzelung von zweitausend russischen Kriegsgefangenen, Patrouillen, die seine Vorposten gefangengenommen hatten. Mehr im Einklang mit seiner Rolle war sein unerlaubter Grenzübertritt auf das Gebiet des Kaisers von Österreich. Auf seiner Verfolgung Augusts des Starken versperrte ihm die Grenze jenes mächtigen Staates den Weg, und er überschritt sie, ohne Zögern und ohne sich zu entschuldigen. Derselbe Kaiser gab dem päpstlichen Legaten auf dessen Vorwürfe, daß er sich so behandeln lasse, die Antwort: »Es ist noch ein Glück, daß Karl mich nicht aufforderte, meinen Glauben zu wechseln; ich hätte wirklich nicht gewußt, Eminenz, was ich in solchem Falle getan hätte.«

Karl beschloß also, Peters Bestrafung fortzusetzen. Auf dem Marsch nach Osten ritt er ziemlich allein, wie das seine Gewohnheit war, ein bis zwei Meilen seinem Heere voraus. Der Weg führte dicht an Dresden vorbei, wo August, im Bemühen, seine polnischen Besitzungen zu vergessen, friedlich weiterregierte. Plötzlich fiel es Karl ein, ihn zu besuchen; als seine Offiziere ihn hinter einer Wegkrümmung aus den Augen verloren hatten, galoppierte er querfeldein auf Dresden zu. Vor den Toren der Stadt präsentierte eine Schildwache das Gewehr vor dem einsamen Reiter und fragte ihn nach seinem Anliegen. »Mein Name ist Karl. Ich bin ein Dragoner. Ich bin auf dem Wege nach dem Schloß.« Auch die Schloßwache wurde auf diese Weise überrumpelt, er ritt mit seinem Gaul die Stufen vor dem Haupteingang hinauf, saß ab, trat rasselnd in die Halle und schritt die Treppe empor. Im ersten Zimmer, das er betrat, fand er August ungewaschen, unrasiert und leicht übernächtig, mit einem Schlafrock bekleidet, denn es war noch früh am Morgen. Sie unterhielten sich eine Weile über gleichgültige Dinge: die Qualität von Karls Uniform, seine Kanonenstiefel, die er, wie er behauptete, seit drei Jahren außer zum Schlafen nicht ausgezogen hätte – schwedisches Leder. Dann gingen sie auf die Terrasse hinaus, um die Aussicht zu bewundern. Ein livländischer Majordomo bat August flüsternd, sich bei Karl für seinen Bruder, der in einem schwedischen Gefängnis schmachtete, zu verwenden. August tat es, gutmütig und herzlich. Karl schlug ihm kalt und schroff die Bitte ab, warf einen Blick auf seine Uhr, rief nach seinem Pferd und ritt davon, wie er gekommen war. Kaum war er verschwunden, so wurde der Staatsrat zusammenberufen, um den ganzen Nachmittag zu beraten, was man von Rechts wegen hätte tun sollen. Inzwischen schwebte Karls Armee in Todesangst, zweifellos machte sie sich bereits ans Werk, die Stadt zu belagern. Ohne ein Wort der Erklärung befahl er, den Marsch nach Osten fortzusetzen.

So verließ dieser junge Mann Europa, wie ein Herr das Haus verläßt, das ihm gehört. So weit war er von jeder Wirklichkeit entfernt, so verstrickt in den Verlauf seines eigenen Romans, daß selbst die Akte seiner Tyrannei meist wie die Zerstreutheiten eines Gottes anmuten. Sie sind zufällig und unbeteiligt und nicht Übergriffe eines unüberwindlichen Siegers. Er wollte Peter – den dritten Intriganten in dem Drama – zur Strecke bringen, und am Ende – vielleicht – Asien erobern. Alexander hatte das ja auch getan.

Bis zum Schluß gestaltete sich dieser russische Feldzug zu einer Jagd auf den Zaren; alles war dem Zufall überlassen, nichts wickelte sich planmäßig ab. Jeden Monat verlor Peter eine Armee oder eine Stadt, floh und brachte ein neues Heer zusammen, nur um noch einmal angegriffen und gründlich geschlagen zu werden. Einer von Karls ungeheuerlichen militärischen Aussprüchen ist uns überliefert. So war es zum Beispiel seine Gewohnheit, »seine Patrouillen nie etwas anderes zu fragen, als wo der Feind stehe«. Karl war der Ansicht, daß »ein schwedischer Grenadier fünfzig Kosaken aufwiege«. So verfolgten die zum Untergang verurteilten Abenteurer ihre verhängnisvollen Siege tiefer und tiefer in den russischen Winter hinein.

Sein Abenteuer war so hoffnungslos, so herrlich unnütz wie das Leben selbst, das, was immer für Wege unsere Neigungen und eitlen Pläne wählen, doch unvermeidlich im Tode mündet. Hinter jeder Möglichkeit, jeder durch Karl und seine Truppen verwirklichten Unmöglichkeit lauert Pultawa – einerlei, ob er seine Verbindungslinien aufrecht erhielt (was er nicht tat) oder ob er in irgendeiner Festung den schlimmsten Winter seit Menschengedenken verbrachte, in welchem selbst die Krähen tot von den Bäumen fielen, um dann seine Jagd nach dem Weißen Walfisch, dem großen Zaren fortzusetzen. Dabei hätte er Pultawa nicht verloren, sondern wäre einer späteren Katastrophe entgegengeeilt, hätten die mitleidlosen oder mitleidigen Götter nicht bestimmt, daß er hier mitten in einem ungeheuren Sumpf, umzingelt von Mütterchen Rußlands zahllosen Horden, außer Gefecht gesetzt würde. Halbtot und gänzlich betäubt von einer Kanonenkugel trugen zwei, drei seiner Offiziere ihn aus dem Gemetzel hinaus, während die anderen sich zur letzten Abwehr zusammenscharten.

Eine Weile lag er bewußtlos; gleich einem toten Gewicht wurde er vom Rücken eines Gauls auf eine Bahre und von dort in eine wackelige Kutsche gehoben, die man jenseits mehrerer Flüsse und Sumpfe verloren auf der Landstraße fand. Währenddessen verfolgten ihn die Wölfe und die Kosaken. Trotzdem trieb er in der stärksten abenteuerlichen Strömung, in die er, der Hohepriester dieses Kults, bisher geraten war. Die Jagd hinter August und Peter her stellt zwei Heldengedichte dar, die Jagd hinter dem halbtoten Körper Karls bis zur russischen Grenze übertrifft sie beide. Aber sie brachten ihn glücklich in Sicherheit. Man beachte sorgfältig den Grund zu seiner nächsten Überspanntheit. Ein fester Wille birgt logischer- und pathologischerweise ein bestimmtes natürliches Unvermögen in sich. Er unterliegt mitunter einer Lähmung, vermag sich nicht umzustellen; Karls Wille war eisern. Er war ausgezogen, um Peter zu züchtigen; jetzt, als Vernunft und die Verhältnisse ihn drängten, sein Ziel hinauszuschieben, jetzt, da er ruiniert, verbannt, ohne Heer und ohne einen Pfennig war, weigerte er sich einen Finger zu rühren; wahrscheinlich war er auch gar nicht dazu imstande.

Mehrere Jahre lang blieb er in dem kleinen türkischen Dorf; er ließ seine Eroberungen, ja gelbst sein väterliches Erbteil im Stich. Mochten sie für sich selber sorgen. Allmählich wurden sie von seinen Feinden aufgefressen, er aber blieb stumm und verstockt, besessen von dem einen Gedanken, seinen Streit mit Peter auf diese oder jene Art zu Ende zu führen.

Diese Jahre verliefen psychologisch in einer Art Dämmerzustand, im Starrkrampf, hervorgerufen durch eben diesen ungeheuren Willen. Äußerlich waren sie mit den seltsamsten hartnäckigsten Intrigen gegen die Hohe Pforte angefüllt, um den Sultan zu bewegen, ihm eine neue Armee zu stellen.

Statt dessen beschloß der Sultan, ihn des Landes zu verweisen. Die Folgen gipfelten in jenem berühmten Vorfall, neben dem die Taten Achills und Königs Artus sich wie die alter, abgeklärter Männer ausnehmen. Karl weigerte sich, abzuziehen. Er bewohnte im Dorf ein steinernes Haus. Der Pascha von Bender erhielt den Befehl, ihn mit Gewalt hinauszusetzen und Unannehmlichkeiten durch eine möglichst eindrucksvolle Zurschaustellung von Gewalt zu vermeiden. Er kam daher auf den Gedanken, seine sämtlichen verfügbaren Truppen, die zur Zeit im Manöver lagen, aufmarschieren zu lassen. Karl weigerte sich nicht nur schroff, das Feld zu räumen, sondern schoß durch das Fenster auf dieses Heer von dreißigtausend Mann. Man ließ schwere Geschütze auffahren, die schließlich das Haus in Brand steckten. Auch jetzt erklärte der Held sich nicht für besiegt. Mit einer kleinen Schar Getreuen machte er einen Ausfall auf die Straße, die von einem Regiment Janitscharen besetzt war und erkämpfte sich einen Weg durch ihre Reihen. Man vernahm des Paschas Stimme, schrill vor Staunen und Aufregung; er bot hundert Goldstücke jedem, der den hünenhaften König überwältigte und ihm lebend übergäbe. Endlich verhakten sich in dem wilden Handgemenge, in welchem die Schweden einige Türken töteten und viele von ihnen verwundeten, die Sporen von Karls Stiefeln, seinen berühmten Kanonenstiefeln. Er stolperte und fiel und wurde gebunden ins Gefängnis geschafft. Wie Voltaire mit einem kühnen Flug der Phantasie schreibt: »zeigte seine Miene dabei den gewohnten Ausdruck unerschütterlicher Ruhe«. So ist allem wahrhaft Edlen ein Schuß unendlicher Torheit beigemischt. Nur so entzieht es sich den Händen des Gemeinen, das nichts anderes ist als die gewöhnliche Form gesunden Menschenverstandes.

Unvermittelt, wie ein Kind seine Entschlüsse wechselt, gewann Karl seine Willensfreiheit zurück. Er fand sich mit der Ausweisung ab und machte sich mit nur einem Begleiter auf den Weg, um ganz Europa zu durchreiten und in sein Vaterland zurückzukehren, das er seit seinem Zug nach Dänemark nicht mehr gesehen hatte. Sein Wille war in eine andere Bahn gelenkt und stürzte jetzt mit der Gewalt eines Gießbaches dem neuen Ziele zu. Er durchritt Europa mit einer Eile, als müsse er zu einer Hochzeit zurechtkommen und klopfte, nachdem er seinen Gefährten abgeschüttelt hatte, am ll. November 1714, mitten in der Nacht, einsam, zerlumpt, grinsend an den Toren Stralsunds, der einzigen Festung an der Südküste der Ostsee, über der noch seine Flagge wehte.

Er rettete sie als Aschenhaufen. Voll heiliger Scheu empfing ihn sein Land. So wird ein Stamm armer Wilder eine Wiederverkörperung ihrer alten Stammesgottheit aufnehmen, nachdem ein Erdbeben sie vernichtet hat. Niemand wagte, ihm Vorwürfe zu machen oder ihn auszufragen, er aber nahm mit dem gleichen Grinsen, der gleichen Uniform sein zerstörtes Reich in Besitz, als wäre in all den ungeheuerlichen Jahren nichts Außergewöhnliches geschehen.

Aber dieser gebrochene Mann besaß, so sicher wie er seine Stiefel sein eigen nannte, nach wie vor den Geist des Angriffs. In ganz Nordeuropa war man totenstill, wie in einer Kirche, bis es ihm einfiel, sich zu rühren. Armeen, die auf dem Marsche gewesen waren, um sein wehrloses Land zu überfallen, machten halt und warfen auf die dringlichen Befehle ihrer obersten Kriegsherren Befestigungen auf. Die verbündeten Könige stellten jede Kriegshandlung ein und eilten hastig zu einer Konferenz, um einen umfassenden Verteidigungsplan zu entwerfen.

Inzwischen sah sich Karl in aller Ruhe die Lage an. Die halb heroische, halb komische Episode seiner Ausweisung scheint irgendeinen Riegel seines Denkens gelöst zu haben. Zum erstenmal fühlte er sich imstande, einen allgemeinen Plan zur Eroberung Europas aufzustellen. Wie man sich denken kann, waren die Angriffslinien, die er wählte, von einer unerhörten Kühnheit. Daß er – abgesehen von einem unvorhergesehenen Ereignis – mit einer glücklichen Durchführung rechnen konnte, steht gleichfalls außer Zweifel. Die größte Gefahr, die das moderne Europa je bedrohte, nahm hier greifbare Gestalt an. Karl beschloß als erstes, die unzugänglichen Gebiete im Westen seines Reiches, das unter dänischer Herrschaft stehende Norwegen, anzugreifen, das kein Schwede bisher zu erobern gewagt hatte. Das würde die Welt ebensosehr überraschen wie sein erster Überfall auf Kopenhagen, nur plante er diesmal keine bloße Heldentat, die ihm nur moralischen Gewinn einbrächte, sondern er wollte einen Zugang zur Küste und zum offenen Meer gewinnen. Von dort aus, so war seine kühle Überlegung, würde er England, die Herrin der See, angreifen. Sein Plan, tiefgründiger als der Napoleons, wählte gerade diesen Ausgangspunkt.

Aber um England anzugreifen, brauchte er vor allem eine Flotte. Nach erfolgter Landung war das Projekt leichter zu verwirklichen, als es auf den ersten Blick erscheint. Man schrieb das Jahr 1717. Der alte schottische Kronprätendent war nach wie vor rührig, und Karl knüpfte Verhandlungen über ein eventuelles Bündnis mit ihm und seiner immer noch starken Partei an. Aber wie hinüberkommen? Jetzt zeigte sich Karls eigenste Natur. Ein allgemeines Gerücht hatte ihm die Kunde von einer großen Seeräuberniederlassung in Madagaskar zugetragen; es sollten lauter gut bewaffnete, mit seetüchtigen Schiffen ausgerüstete Kämpfer sein, und Karl sandte ihnen Unterhändler. Er fragte an, ob sie sich und ihre Schiffe unter seiner Führung für eine Landung in England verdingen würden; als Lohn sollten sie in den eroberten englischen Häfen ungehindert plündern dürfen.

Vor dieser Gefahr, einer der schrecklichsten Möglichkeiten der Geschichte, rettete uns auf höchst unredliche, das heißt, auf wunderbare Weise sein Tod. Kurz vor dem Ende einer glücklich durchgeführten Belagerung stand Karl auf der vordersten Brustwehr. Eine Kugel zerschmetterte ihm den Kopf.

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