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Zwölf Erzählungen neuerer deutscher Dichter

Verschiedene Autoren: Zwölf Erzählungen neuerer deutscher Dichter - Kapitel 12
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
titleZwölf Erzählungen neuerer deutscher Dichter
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunVierte Auflage
editorJohannes Henningsen
year1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161220
projectid41d80a3f
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Claus Hinrich Ringhoff

Eine Erinnerung

Von Wilhelm Schäfer.

Aus »Die Rheinlande«, Monatsschrift f. deutsche Kunst, II. Jahrg. 1902, Heft 13. Mit Erlaubnis der Redaktion.

 

Da hatte ich ihn seit Jahren vergessen, sein einfältiges Schiffergesicht, sein Häuschen hinterm Deich und das Blinkfeuer seines Leuchtturms. Nun an der Mosel dachte ich an ihn. In dieser verlorenen Landschaft, wo die Seele sich an sonnigen Tagen findet wie im Märchenland. Das grüne milchige Wasser scheint stillzustehen; und wie im Winter wohl auf Dorfstraßen das Eis sich aufeinander friert zu glatten Platten, nur seltsam still bewegt: So schieben sich die Wellen. Und nirgend ist ein Menschenlaut, nur dann und wann ein verlorener Peitschenschlag. Und irgendwo ein Wagen, der polternd über den Steindamm auf die Fähre rollt. Sonst alles still, gleich wieder still im Märchenland.

An diesem Sonntag war es anders. Stark über die Eifel und das Mayfeld her kam der Sturm. Ich stand auf dem Doppelbergfried, der aus den Trümmern der Ehrenburg gewaltig aufragt. Ich sah die schweren Wolken durcheinanderflattern wie schwarze Soldatenmäntel, hörte den Sturm donnernd an die Felsen schlagen und dachte an jene erzenen Zeiten, wo in den Menschen noch die ungebrochene Kraft der Elemente war, wo sie auf Steingipfeln horsteten wie die Adler und eiserne Kleider trugen, wenn sie miteinander um Tod und Leben spielten.

Nachher in der schweren Regennacht mußte ich über die Mosel zurück. Unter uns die Wellen rissen den Fährnachen fast von der Kette. In Wind und Regen stand neben mir der Arzt, den sie gerufen hatten zu einer Mutter, die in dieser wilden Nacht ein junges Menschenleben mit ihren Schmerzen gab. »Das wird eine unglücksvolle Nacht!« sagte er und sah hinüber nach dem schwachen Licht, wo sie auf ihn warteten. Aber er dachte nicht an das neue Leben und an die Mutter: »Vierundsiebzig, ich weiß noch gut. Es war solche Nacht. Und nachher standen die Zeitungen voll von gestrandeten Schiffen und ertrunkenen Menschen.«

Da dachte ich an ihn, an Claus Hinrich Ringhoff und seinen Leuchtturm zu Altenbruch, an seine wilden Seemannsjahre und an sein Leuchtschiff bei Neuwerk vor der Elbe, was brauchte ich zu suchen unter den Menschen vergangener Zeiten. Claus Hinrich Ringhoff war stark wie jemals einer. Einhundertzwanzig Menschen hatte er in Todesfahrten aus der Nordsee geholt, und nun war er der Leuchtturmwärter zu Altenbruch, der sich freute, wenn das Uhrwerk seiner Lampe glatt im Gange war. Drei Sekunden blendendes Licht, dann fiel der schwarze Zylinder, und für eine Sekunde war alles dunkel; drei Sekunden hell, eine Sekunde dunkel bis in den Morgen.

In meinem Zimmer, als ich trocken und wohlverwahrt war, nahm ich mein Notizbuch vor. Da stand auf den ersten Blättern, was ich vor Jahren ohne sein Wissen aufschrieb, als seine Frau es mir still und beglückt zu lesen gab:

»Die Hamburgische Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe hat in ihrer Vorstandssitzung am 28. Dezember 83 beschlossen, dem Schiffszimmermann Claus Hinrich Ringhoff für die während der Jahre 1881 bis 1883 unter seiner Leitung und opfermutigen Beihilfe ausgeführten und mit großer Lebensgefahr verbundenen Rettungswerke, durch welche 67 Menschen aus Seegefahr gerettet worden sind, ihre silberne Rettungsmedaille zu verleihen.«

Hamburg, im Januar 1884.

»Namens der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger bekunden wir hierdurch, daß wir dem früheren Vormann vom Elbleuchtschiff 2 Herrn H. Ringhoff für hervorragende Leistungen bei Rettung Schiffbrüchiger seit dem Jahre 1864 diese goldene Medaille der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger verliehen haben.«

Bremen, den 20. Januar 1897.

Der Ehrenpräsident
Der Vorstand Heinrich Prinz von Preußen.
H.H. Meier.

Ich las die beiden Blätter, und während draußen der Sturm noch immer seine kreischenden Gespenster ums Dach jagte und durch das brausende Laub der Bäume – wurden aus dem Mancherlei, was mir damals seine spöttische Einfalt erzählte, ein paar Erinnerungen zu vollen Bildern.

*

Da ist einmal ein Januar, mit eisigen aber stillen Lüften. Sie sind auf ihrem Elbleuchtschiff Nummer zwei und sehen den Rauch der Dampfer aufkommen an dem blauen Winterhimmel, sehen die schwarzen und hellen Rümpfe hingleiten am Horizont, bis wieder nichts von ihnen bleibt als der ferne Rauch. Sie sehen aber auch die stolzen Segler kommen mit breitbedeckten Masten und freuen sich, daß es noch eine Kunst der Schiffahrt gibt, die nicht mit ihrem Steam langweilig und sicher fährt wie ein Eisenbahnzug. Aber auf einem Fünfmaster durch den Kanal zu jagen vor vollem Wind, jeden Augenblick hundert eisenfeste Hände bereit zum Greifen und hundert Augen spähend wie bei Jagdhunden nach dem einen Kopf, in dessen Geistesgegenwart Entschluß und Befehl sich sekundenschnell folgen – solch ein Kapitän ist Fürst und Feldherr – und wo Engländer und Amerikaner vorsichtig mit kleinen Segeln fahren, da geht der Deutsche, der Hamburger vor ihnen her mit allen Winden: Ja, das ist Schiffahrt und höchste Lebenslust!

Drei Tage vor dem Letzten ist ein Italiener da, ein Dampfer, der in dem hellen Himmel umkehrt und auf Hamburg zurückgeht, wie wenn der Kapitän dort sein Schnupftuch vergessen hätte oder sein Portemonnaie. Als sie am anderen Morgen durch den Frühnebel sehen, kommt er zurück auf einem Weg zwischen dem Sand, den sonst nur die Fischer wissen. Er aber fährt ihn unbesorgt wie ein Betrunkener, dem's nun einmal gleich ist, wo seine Füße gehen. Und als sie noch alle kopfschüttelnd stehen, hält er auf das Leuchtschiff zu, geradezu mit vollem Dampf. Sie fangen an zu fluchen, geben ihm Signale, schimpfen und schreien: er hält auf sie zu. Und als sie schon meinen, jetzt schneide er sie mitten durch, da geht er um ein paar Meter rauschend vorbei. Dreht sich und hält auf Schaarhörn. Da legt er sich vor Anker, wo bei stillem Wetter ein Rind in seiner Wiege schwimmen kann: Wo aber Stahl zerbricht wie dünne Bretter, wenn der Sturm die Wellen in den Sand jagt.

Und der Sturm kommt, wie wenn der Italiener ihn bestellt hätte. Er fängt an mit einer seltsamen Unruhe in den Gewässern, die man ans Herz drücken fühlt. Aus dem Himmel wachsen wattige Wolken. Als der Abend kommt, steht das Sonnenlicht gelb und dumpf dahinter. Dicke Wellen schwappen faul gegen die Wand des Leuchtschiffs. Und doch ist noch nirgend ein Wind zu spüren. Sie geben dem Italiener ein Signal nach dem anderen. Er rührt sich nicht bis fast in die Nacht. Da sehen sie ihn langsam abdampfen in die hohe See.

Aber am anderen Morgen, als Meer und Himmel sich vermischen zu einer eisstäubenden donnernden Masse, hören sie schießen, von Schaarhörn herüber. Sie wissen gleich, daß es der Italiener ist, und als gegen zehn die Helligkeit in den Nebel kommt, sehen sie ihn daliegen, wo er am Abend gewesen war. Ein regelrechtes Rettungsboot ist gar nicht auf dem Elbleuchtschiff Nummer zwei. Aber Claus Hinrich Ringhoff kommt mit jedem Boot zurecht. Und die es mit ihm wagen, sind tapfer wie Walrosse, wenn er sie führt.

Niemals käme so ungeheure Kraft in einen Menschenarm, wenn nicht das brüllende Element an den Rudern risse, wenn nicht der Eisschaum in den sausenden Lüften wäre wie die tausend Messer eines gespenstischen Heeres. Das ist kein Menschenkampf. Das sind Tiere, die sich ineinander verbeißen und vor Wollust schreien, wenn scharfe Zähne ihre Brust aufreißen. Auf dem Elbleuchtschiff Nummer zwei kauen sie Tabak und spielen Karten, aber hier pressen sie die Zähne ineinander und eher bricht das Handgelenk, als daß ihr Ruder dem Wasser nur eine Sekunde nachgibt. Und so, von den überstürzenden Wellen hin und her und zurückgeworfen und dennoch keinen Augenblick das Ziel verlierend, kommen sie an den Italiener heran. Der liegt inmitten der stürzenden Wasser gleich dem schwarzgekohlten Gerippe eines abgebrannten Hauses.

Wie Raupen sich an einem Zweig zusammenballen, so klebt die Mannschaft in einem schwarzen Klumpen aneinander. Die Leiter hängt schon herunter. Und kaum ist das Boot heran, hängt der erste auch schon da mit seiner Kiste unter dem Arm. Dann beginnt ein wüstes Plumpsen, Schreien und Stoßen von betrunkenen Menschen, die mit ihren Kisten in das Boot wollen. Noch eine Minute so, und es ist übervoll.

»Die Kisten buten!« schreit Ringhoff, und als sie nicht hören, greift er die erste, die er greifen kann und wirft sie ins Wasser. Gleich fuchtelt ein brauner Kerl mit einem Messer. Da hat er einen Schlag mit dem Ruder flach vor den Kopf, daß er rückwärts fällt zwischen die Menschen und Kisten.

So mit einem betrunkenen Gesindel fahren sie durch das stürzende Meer zurück, die ihr Leben drangesetzt hatten, um Menschen zu retten.

*

Ein anderes Mal mitten im Sommer: Die See geht nicht sonderlich hoch. Aber der kleine graue Dampfer ist voll Wasser. Er wird im nächsten Augenblick versinken wie ein Bolzen und im Strudel alles mitreißen, was in seinem Umkreis ist. So können sie nicht anlegen, stehen in den Rudern bereit, in jeder Sekunde von ihm fortzukommen, wer gerettet sein will, muß den Sprung ins Wasser tun. Und alle wagen ihn, alle schießen aus der Flut wieder hoch wie Kork; denn dürr oder fett, solange der Mensch lebendig ist, bleibt er dem Meer zu leicht. Und allen wird ein Rettungsgürtel zugeworfen. Nur zwei – wie überall auch hier die zögernden Letzten – ein junges Mädchen und ein Pater fürchten sich. Ihnen ist das Holz unter den Füßen sicherer als das bodenlose Wasser. Aber an dem Holz hängt und zieht der Tod. Wenn einer sie von hinten hinunterstieße, die schaudernd vorgebeugt dastehen.

Irgendwoher kommt ein Schnarren, wie wenn eine Uhr ablaufen will. Das schließt mit einem erstickenden Zischen, und lautlos wie ein Bolzen versinkt der Dampfer. Ein glattes Rauschen bohrt sich ihm nach ins Meer hinunter. wie eine Feder wird das Boot zurückgerissen. Aber schon schlagen und schäumen die glatten Fluten von allen Seiten ineinander. Wirbelnd dreht sich das Boot. Dann werfen die Wellenkämme ihre tanzenden Streifen über dieses Grab wie über die anderen. Claus Hinrich Ringhoff auf ihrem Rücken fährt seine Beute heim.

*

Schon kennt die ganze Küste seinen Namen. Da ist es eines Tages mit ihm vorbei, von Cuxhaven wird gemeldet, daß die See den kleinen lächelnden Menschen doch geholt hat. Und das ist so:

An einem Dezembertag, drei Tage vor Weihnachten, geht die See gewaltiger als je. Seit einigen Wochen ist ein neuer Kapitän auf dem Elbleuchtschiff Nummer zwei, der den Schiffszimmermann Claus Hinrich Ringhoff noch nicht kennt. Der aber kennt ihn: Er hat sein junges Gesicht blaß gesehen, als er im Boot auf das Leuchtschiff kam und die Wellen stürmisch gingen. Aber der Kapitän kennt seine Pflicht. Durch den kalten Nebel, den fürchterlichen Dunst, in dem alles sonst lautlos versinkt, sind dumpfe Schüsse gekommen, und so muß das Boot hinaus.

Claus Hinrich Ringhoff, der nicht blaß wird, wenn um ihn die See brüllt, schüttelt den Kopf. Es geht zur Nacht. Die da draußen, wer weiß im Nebel, wo sie liegen, sind auf ihrem Dampfer sicherer als ihre Retter im kleinen Boot. Der Kapitän, der sein Leuchtschiff nicht verlassen darf, hat ein edles Herz und einen heißen Kopf. Er befiehlt, in einem blühenderen Zorn, als ihn Ringhoff ohne Augenzwinkern ansehen kann. Das ist Meuterei! Und am selben Abend, während aus dem fürchterlichen Nebel noch ein paarmal das Schießen kommt, schreibt er einen Amtsbericht nach Cuxhaven.

Am Morgen hat der Sturm den Nebel in schwarze Wolken gepreßt, die schnell am Himmel hinjagen. Als zwischendurch einmal ein Sonnenschimmer fern auf den weißen Buschsand fällt, sehen sie den Dampfer dunkel davor liegen. Nun will Ringhoff fahren.

»Geht mich nichts mehr an!« sagt der Kapitän, der den Ringhoff noch nicht kennt. Aber der holt lächelnd seine Jungen und beginnt die schwerste Fahrt seines Lebens. Zuerst geht es glatt, so glatt wie es gehen kann in einem Sturm von Wellen, hinter denen die Windkraft des Ozeans steht, und noch vor Mittag kommen sie an den Dampfer heran. Der sitzt schräg völlig fest im Sand, unrettbar verloren. Aber so scharf sie spähen: keine Gestalt hebt sich zwischen den zerstörten Masten und geknickten Schornsteinen. Sie zwingen das Boot dicht in den Sturm von Gischt, der an der schwarzen Schiffswand aufspritzt, sie nehmen die hohlen Hände an den Mund und rufen. Keine Antwort, nur der krachende Sturz der Wasser.

Da sind sie gefahren durch hundert Tode, haben ihre harten Hände wund gepreßt an den Rudern, sind glühend heiß geworden in dem eisigen Wintersturm. Und nun war alles nur ein leichter Anfang. Nun müssen sie herum um den Sand, wo die Gewalt der ganzen Nordsee sich zusammendrängt und die schwersten Wellen vor sich hinfegt wie stäubende Wolken. Jeder von ihnen weiß, daß er jetzt die knöchernen Arme des Todes rasseln hören wird. Aber als Ringhoff die Korkjacken anziehen läßt, ist kein banger Ernst unter ihnen, nur eine Wut, an den alten Feind heranzukommen, eine Wut, wieder einmal zu fühlen, daß Muskeln zu Stahl werden können. Schon von weitem sehen sie den weißstäubenden Dampf. Aber es geht nicht glatt heran, Schlag für Schlag schwer gegen die queranstürmenden Wasserstürze. Und einmal sind sie da:

Claus Hinrich Ringhoff steht am Steuer. Er weiß: Drei Wellen wirft die See, drei furchtbare Wellen, und immer ist die dritte der Besen, der alles wegfegt. Es gilt, sie zu bestehen und unter ihrem Schutz schnell um die Ecke zu kommen. Er weiß aber auch, daß jeder Widerstand die stärkste Welle bricht, und sei es nur ein Faden. So wie ein Mädchen beim Seilchenspringen den Einsprung abwartet, so sie mit ihrem Boot. Eine Sturzwelle rauscht vorbei, noch eine und die dritte. Nun rasend mit hingerissenen Körpern hinterher bis mitten vor die Ecke. Schon kommt sie hinter ihnen her, die erste der drei Schwestern, die immer beisammen sind. Den Anker in den Sand, daß der Strick sich strafft wie ein Draht und ihre Macht zerschneidet. Die erste jachtert heran mit gewaltiger Brust, sie fühlt sich durchgeschnitten und wälzt ihre zwei Lappen weiter. So die zweite. Aber dann! Wie wenn der ganze Erdball kochend aufjagte; das Brausen wird donnernd wie tausend Kanonen. Wenn jetzt das Seil nicht hält, sieht keiner sein Leuchtschiff wieder. Wie Soldaten vor dem Kommando Feuer, so liegen sie mit ihren Fäusten um die Ruder. Jetzt: Ist das nicht ein Kriegsruf? Ein Jubelschrei? Oder war es die Welle, die kreischend in Stücken weiter rast. Ein Beilschlag in das Seil, noch einer: Das Boot ist frei, und ehe noch die drei anderen Schwestern zur Rache kommen können, sind sie um die Ecke herum.

Und nun in ruhigerem Wasser an dem Sand vorbei. Unterdessen aber ist der kurze Wintertag herum. Der Nebel kommt zurück, und die Dunkelheit fällt hinein. Als sie endlich festen Grund haben, ist es schwarze Dämmerung. Sie ziehen das Boot so hoch in den Sand hinauf, wie sie können. Dann stellt sich Ringhoff vorn in die Spitze und leuchtet mit der Laterne über den dunklen Sand, während die anderen gehen, die Schiffbrüchigen zu suchen. Die Dunkelheit wird tiefer. Weiter dürfen sie nicht gehen, als das Licht der Laterne durch den Nebel reicht. So kommen sie nach einer mühsamen Stunde des Suchens zurück und haben niemand gefunden. Und nun beginnt für sie eine Nacht:

Während allüberall im deutschen Land die Kinder mit glücklichem Lächeln auf dem warmen Mund vom Christkind träumen, während ihre Eltern in hellen Stuben den Weihnachtsbaum schmücken, sitzen die Helden vom Leuchtschiff Nummer zwei eine Nacht von vier Uhr nachmittags bis neun Uhr morgens, siebzehn lange Stunden naß bis an die Knochen im eisigen Nebel auf dem durchweichten Buschsand. Das Boot ist hoch ins Land gezogen, daß es die Wellen nicht fortreißen. Das schwache Flämmchen der Laterne daran ist das einzig Menschliche mit ihnen in dieser Öde. Keiner spricht ein Wort; jeder weiß, hier gilt es: Zähne zusammen! Wer hält's länger aus, der Nordseesturm oder die Jungen vom Elbleuchtschiff Nummer zwei? Einem Ertrinkenden nachspringen, einem rasenden Stier in den Weg treten, dazu reicht die Wut eines Augenblicks. Aber hier in dem nassen Sand sitzen und sich vom Sturm und Meer die Minuten vorzählen lassen in einem starken Brausen, wie wenn das Wasser rundherum aus den Himmeln stürze: Das können nur sie.

Und endlich – sind das Menschen, deren schwarze Gestalten hier an dem schwarzen Sand im Morgennebel sitzen? Sind es Götter der Vorzeit oder Abgeschiedene? – Endlich wird die schwarze Nacht bleigrau, und durch den ziehenden Nebel streicht ein kaltes Leuchten. Einer nach dem anderen steht auf und versucht zu gehen. Die Nacht weicht auch aus ihren Sinnen. Sie fühlen, daß sie keine Meertiere sind hier auf dem Sand, sondern Seeleute vom Leuchtschiff Nummer zwei, die manchmal Karten spielen und tolle Tänze tanzen, wenn sie ans Land kommen.

Einer bleibt am Boot zurück. Ringhoff mit den anderen geht auf den Sand hinauf, die Schiffbrüchigen zu suchen. Noch sind sie keine Viertelstunde weit: Da hören sie sprechen, da sehen sie Männer wie sich selbst in Korkjacken. von Büsum drüben in Holstein sind sie gekommen und haben die Schiffbrüchigen gefunden.

Und nun – was will rund herum das brüllende Meer und der Nebel, der über den Sand gepeitscht wird – nun beginnt eine schweigende Begrüßung der Helden: Wickinger, die sich nach einer Todesfahrt zusammenfinden.

Die von Büsum haben ein Rettungsboot und nehmen alle mit. Nur der Kapitän will gleich nach Cuxhaven, und Ringhoff mit seinen Jungen fährt ihn hin. Von Buschsand nach Cuxhaven, das sind gradaus fünf Stunden Wegs; und wenn eine Landstraße da wäre, wollten sie wohl zum Nachmittag hingegangen sein. Aber da ist die Nordsee mit tausend Wellen, und mit jeder müssen sie sich schlagen. Als sie mitten drin sind, legt sich der Sturm aufs neue furchtbar ein. Und immer von der Seite gegen das Boot, Welle auf Welle, bis eine stark genug ist, es umzuwerfen. Da tut Ringhoff das letzte, was er weiß, rundum mit dem Beil schlägt er die obersten Planken heraus. Und so halb im Wasser sitzend, durch einen kurzen Tag und langen Abend kommen sie gegen zehn in Cuxhaven an und gehen so stolz in den Hafen, wie nur ein Dampfer hineingehen kann. Siebenunddreißig Stunden von Bord, siebenunddreißig Stunden aus der Welt.

Die Tochter vom Kommandeur ist gerade im Flur, als sie jemand auf der Treppe hört, der die Schelle nicht finden kann. Sie ist nicht ängstlich und macht auf. Da sieht sie einen nassen Menschen stehen, fährt erst mit der Hand zurück, schreit dann und fängt an zu heulen, hängt sich dem kleinen alten Kerl an den Hals: »Ihr, Ringhoff, seid wieder da!«

Schon hat's in der Zeitung gestanden, daß ihn endlich das Meer doch geholt hat: Und da ist er doch wieder mit seinen listigen Augen. Sie bringt ihn zum Kommandeur ins Zimmer. Und Claus Hinrich Ringhoff trinkt einen furchtbar steifen Grog, und trockene Kleider und Betten sind da für ihn und seine Jungen, so gut, wie sie keiner von ihnen braucht. Sie könnten auf einem Steinhaufen schlafen.

Am anderen Nachmittag kommt er zurück auf sein Elbleuchtschiff Nummer zwei. Und der Kapitän, der ihm aus seinem heißen Kopf den Meuterbrief geschrieben hat, steht da und drückt ihm die Hand, und das helle Freudenwasser läuft ihm über das junge Gesicht.

*

Du lieber Claus Hinrich Ringhoff, ich weiß nicht, ob du noch lebst und Glück hast mit deiner großen stillen Frau und deinem emsigen Sohn. Aber wenn du lebst, so wirst du diese Erinnerungen in den Schubkasten zu den Medaillen legen, die niemals auf deine Brust kamen. Auch die gedruckten Worte wirst du niemand zu lesen geben, als deiner Frau. Aber du wirst den Kopf nach wie vor fest zwischen den Schultern tragen und aus deinem einfältigen Gesicht werden die scharfen Äuglein spöttisch auf die Heimatlosen sehen, die ihre schwächlichen Nerven kurieren wollen in deiner Natur, darinnen man geboren sein muß, um so lächelnd in der Nordseeluft zu stehen wie du.

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