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Zwei Welten - 1

Egmont Colerus: Zwei Welten - 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEgmont Colerus
titleZwei Welten - 1
publisherVerlag R. Kiesel
addressSalzburg
year1930
firstpub1926
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100809
projectid6ab5b32a
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Erste Epoche

Göttin Ungewißheit

Plötzlich stand das Haus vor ihnen. So plötzlich, daß sie erschraken, wiewohl sie es schon seit unzähligen Tagen fiebernd ersehnt hatten. Die schwarze, klotzige Fassade wuchs aus dem trägen Braun des Kanales und starrte mit erblindeten Spitzbogenfenstern in das milchige Licht eines reglosen Augustmittags.

Irgendwo am Rande der Lagune zerbrach schellend der Ton eines Kirchengeläutes.

Die Gondel knirschte schon an die schrägen Piloten, die das Haus sockelten und, mit halbnassen Algen bedeckt, scharfen Geruch entströmten.

Niemand sah die beiden Männer, niemand achtete ihrer, obgleich alles ungewöhnlich war, was die Gondel barg.

Einer von ihnen, lang und hager, saß steif und starrte gegen die schwarze Fassade. Aus verwittertem Antlitz stachen undurchdringliche Augen. Nur der spärliche Ziegenbart zuckte leise. Der andere aber war mächtig und geduckt; und lebendig in jeder Faser seines massigen, feisten Leibes. Beide staken in harten Ledermänteln, deren Säume farbloses, dichtes Pelzwerk verbrämte. Und spitze Pelzkappen gleich unbestimmter Färbung klebten wie verwachsen auf dem schmalen und dem dicken Haupte.

»Anno 1269 post Christum natum sind nach neunzehnjähriger Abwesenheit die edlen Brüder Nicolo und Maffio aus dem Geschlechte der Polo heimgekehrt, nachdem sie sich auf dem Erdkreis durch fast alle Länder schlugen! Preis, Dank und Ehre diesen großen Söhnen Venedigs!« Maffio, der Dicke, krähte es hinaus in die Mittagsstille, wie um lähmende Unruhe zu übertäuben, hob pathetisch den Arm und sprang so jäh empor, daß das Gleichgewicht der Gondel in Gefahr kam. Dann schwang er sich auf die Bohlen, die nur eine Hand breit oberhalb des trüben Wassers hingen.

Nicolo, mit der Gondel durch die Heftigkeit des Aussteigens in die Mitte des schmalen Kanales zurückgestoßen, sah ihn hart an. Dann schlug er mit eingesunkenen Lippen ein Kreuz, beugte den hageren Oberkörper zum Grund der Barke und erhob sich erst, als der Schlag des Ruders das Fahrzeug wieder an die Bohlen gejagt hatte.

Eben verwehte der Nachhall der letzten Mttagsglocke.

Die Brüder sahen sich nicht um, als der bunte Gondolier Ballen und sonderbares Gepäck emsig auf die Bohlen warf. Schon waren sie auf den steinernen Stufen und vor dem schweren Tore.

Nicolo Polo machte eine eckige Geste, als wolle er Maffio zurückhalten. Der aber hatte schon den Klopfer in der Hand und ließ ihn gegen den Flügel schmettern.

Wie in einem Gewölbe dröhnten die rücksichtslosen Hiebe durch die enge Schlucht des Kanales und brachen sich zickzack an den Fassaden.

Nicolo riß hastig die Klappen des Ledermantels zurück und hielt ein schimmerndes Kleinod in der Hand. Er murmelte in unverständlicher Sprache.

Maffios Antlitz wurde röter und röter.

Plötzlich erstarrten beide. Hoch und schrill, schnappend und knirschend, drehte sich ein Schlüssel. Und in unterbrochenen Schlägen fuhr der Riegel zurück.

Das Tor sprang auf.

»Madonna! Satan sendet die Toten!« Gellender Aufschrei eines schmierigen Weibes aus zahnlosem Munde. Klapperndes Schlagen verzerrter Kreuze. Noch einmal: »Madonna! Madonna! Helft mir!« Stets wimmernder, stets leiser.

Die alte durchäderte Hand glitt gekrallt der Kante des halboffenen Türflügels entlang und die Gestalt der Greisin, ein armes Bündel fleckiger, einst schwarzer Lappen, knickte gegen die Fliesen.

»Maddalena, ich verstehe dich!« Tief und metallisch bebend tönte es von Nicolo daß der Ziegenbart sich hob und senkte. Selbst Maffio zuckte. So sonderbar war die Stimme. Doch weiter: »Maddalena! Im Namen des Gekreuzigten! Ich verstehe dich. Aber wir leben. Hörst du? Wir leben! Siehst du nicht, daß wir gleich dir älter geworden sind?« Und er kam noch zurecht, ihr Hinabgleiten aufzufangen. Sie bebte, langsam begreifend und sich fassend, mit den tausend unsauberen Runzeln, in denen Schweiß und Schmutz entlang liefen.

Maffio hatte einen Blick ihrer unsteten Augen aufgefangen. Plötzlich wandte er sich ab und pfiff sonderbar durch die Zähne. Er wußte schon alles.

Es kam auch schnell. Die kaum verklungene Stimme Nicolos setzte wieder an und ward heiser.

Maffio schlug die Hände vors Gesicht und pfiff noch schriller, noch unwahrscheinlicher.

»Maddalena!« Nicolo beugte sich mit stechendsten Augen vor. »Maddalena, wo ist Assunta, wo ist mein Weib Assunta?«

Ein Krach, ein Aufplätschern. Der Gondolier hatte, neugierig starrend, einen Ballen ins Wasser geworfen.

Maffio, erlöst, stieß einen wilden Fluch aus und fuhr herum.

Das alte Weib aber heulte: »Siebzehn Jahre, Masser Nicolo, siebzehn, achtzehn Jahre, Masser Nicolo! Alle guten Geister mögen sie beseligen! Assunta, mein Liebling, Assunta, Assunta!« Langgezogen und gell stets wieder der Name.

»Tot? Verloren?« Wie ein Gurgeln, ein grausiges Gurgeln schnitt Nicolos Ton in das Nachplätschern des Wassers, über dem der bunte Gondolier, gehalten von der feisten Hand Maffios, hing und verzweifelt nach der Kiste angelte.

Das alte Weib kniete im Türspalt und zog mit hilflos blödem Gesichtsausdruck einen klobigen Rosenkranz durch die Finger.

Nicolo aber stand schon unten am Wasser. Gräßlich knirschten die Kiefer. Sein schwerer Stiefel stampfte ein-, zwei-, dreimal gegen die Bohlen. Plötzlich lohte die Faust. Lichtkringel tanzten über die Fassaden. Die Hand, ganz Sehne, ganz Verzweiflung, ragte zur Höhe. Und im nächsten Augenblick fuhr mit blaffendem Knall das Juwel in die Tiefe des lehmbraunen Wassers.

»Bewahrt es, bewahrt den Schatz! Nicht!« Keuchend klang knapp hinter ihm die Stimme des Weibes. »Bewahrt Eure Schätze, Masser Nicolo! Lebt und freut Euch! Ihr habt einen Sohn, Masser! O, einen süßen, lieblichen Sohn!«

Maffio stand jetzt dicht neben Nicolo.

»Hörst du, Bruder? Hörst du?« Und der Feiste preßte seinen Arm. »Neue Blüten, neue Zweige trieb das schwarze Haus der Poli! Wir sind nicht die Letzten! Hörst du?«

Nicolo hatte sich zusammengerissen. Unergründlichen Blickes kehrte er sich vom Kanale ab und wieder klang seine Summe wie Glockengut: »Führe uns in das Haus, Maddalena! Wir werden es von den Spinnweben säubern, die die Fenster blind machen.«

Und er wollte eben mit Maffio die Schwelle übertreten, als vom Schwarz des Hintergrundes sich ein neues Ereignis abhob.

Vorerst nur ein Kopf in der Schwärze. Ein wilder viereckiger Kopf, wie mit der Axt aus Holz gehauen. Strähne willensstarker Muskeln liefen von den Wangen hinab zum athletischen Hals, Flammenzungen von Narben über Stirne und Nase. Dazu tiefliegende umschattete Augen.

Der Türflügel flog unter dem Druck der kurzfingrigen Pranke knirschend auf und schlug ein wenig zurück. Die Gestalt schob sich heraus ins Licht. Und sie war des Kopfes würdig. Unter einem gelben genetzten Hemd bäumten sich die Platten der Brust, schwollen über den Rippen die Geflechte der Sägemuskeln. Und die Arme saßen an den unwahrscheinlich breit ausladenden Schulterkugeln wie Keulen.

Bauschige schwarze Hosen über nackten grauen Füßen. Auch auf Brust und Armen glasige Flächen, Flammen und Krater gräßlicher Narben.

Maffio duckte sich plötzlich. Aus dem feisten Ledermantel wurde ein kaum minder drohender Widerpart.

Das alte Weib fuchtelte verständnislos mit den Armen und der zahnlose Mund jappte auf und zu, ohne daß ein Ton sich bildete.

»Räuber im Hause! Nicolo, den Dolch! Räuber sind unsre Erben. Wehe, der nächtliche Enrico!« Maffio stieß den Arm senkrecht empor und ein sichelkrummer Dolch loderte.

Auch Nicolo war zu äußerster Spannkraft erwacht.

»Soll alles in Scherben gehen?« keuchte er. Dann brüllte er mit furchtbar unerbittlicher Stimme: »Mörder, feiger Mörder! Wo ist mein Bruder Marco? Du Untier sitzest im Hause der Poli und er modert in feuchter Erde? Weißt du, wer wir sind? Graut dir?« Und wieder langgezogen, daß die Fassaden schütterten: »Mörder! Mörder! Bandit! Mörder!«

Eine lange Gondel schoß um die Ecke. Gebauscht die Standarte des heiligen Marcus. Ein roter Löwe an schwarzem Bord, daß die Spiegelung im Kanäle als schmutziger Blutfleck mittanzte. Aufgleißen von gewölbten Brustpanzern und Schwertern. Schwarz und purpurn, in knöchellangem Gewand, ein Mann mit Hakennase und welligem Haar. Ganz Würde, ganz Macht und Geist.

»Mörder!« schrillte es nachhallend durch die Enge des Kanales. Der Gondolier duckte sich.

Enrico wand sich kniend vor dem halboffenen Flügel und die Narben schillerten fahl im strotzenden Braun der Muskelmassen.

Maffio drang geduckt mit haßverzerrtem Antlitz vor. So nahe, daß seine Stirne fast das Gesicht Enricos streifte. Ausholend schwang sein Dolch zitternde Kreise hinter seinem Rücken.

Da, ein kurzer Blick Enricos, ein Zusammenzucken, ein Stoß gegen die Brust Maffios, daß er über die Stufen zurücktaumelte.

Ein zweiter, langer, fingerschmaler Dolch wuchs aus der hageren Faust Nicolos, der den torkelnden Bruder auffing.

Die Gondel schoß heran. Das Wappen des heiligen Marcus stand ausgebreitet im Kanäle.

Und eine Stimme, jammernd und doch voll baßdunkler Kraft:

»Helft, helft! Madonna! Helft! Helft mir, Masser Malipiero! Sie töten mich! Sie töten mich!«

Dazwischen das Emporschnellen Maffios, die kalte Wut des hagern Nicolo, dessen Ziegenbart vom vorgeschobenen Kinn wagrecht stand.

Vom Kanale sonor und unwidersprechlich dazwischen:

»Im Namen San Marcos! Friede! Friede im Namen der Republik!« Schon waren die blauen Brustpanzer auf der Stiege und Kettenhandschuhe umfaßten wuchtig dolchbewehrte Gelenke.

Enrico schob sich wie ein speerbedrohtes Raubtier, den Blick auf alle gerichtet, rücklings zum Tor und sprang seitwärts über die Stufen auf die Bohlen, wo die Staatsgondel die Barke der Poli achtlos fortgeschoben hatte.

»Was soll das, Enrico? Was geht vor? Warum gellt der Ruf nach Mördern über das Wasser?« Malipiero stieg, ungehindert durch das Gewand, auf die Bretter, straffte das Haupt zurück und zog die Lippen zu einem blutlosen Strich zusammen.

Unvermittelt prasselte ein Redeschwall, lang gestaut, verschlagen von Entsetzen, aus dem zahnlosen Munde der abseits kauernden Maddalena.

»Die edlen Poli, Masser Malipiero, die toten Brüder, durch ein Wunder der Madonna heimgekehrt. Sie wissen nichts. Maffio, Masser Maffio hat Enrico erkannt. Sie wissen nichts. Woher auch sollten sie...«

Ein gebieterischer Wink Malipieros. Ein Wink, nach drei Seiten befehlend: Maddalena schwieg. Die Panzerfäuste lösten sich, daß die Dolche zu Boden klirrten. Enrico kniete zwischen Malipiero und den Brüdern.

»Edle Freunde, der Republik vom Schicksal wieder geschenkt, gestattet, daß ich euch in euer Haus geleite. Ich habe es als Nachbar wohl behütet die ganze Zeit. Was ihr Enrico anzuklagen habt, werde ich anhören! Umarmt mich, edle Herren!« Malipiero ging auf die Poli zu.

Der bunte Gondolier, der Erregung entkommen, schwatzte, aus der Gondel auftauchend, überlaut in die Pause hinein und geriet mit dem Führer der Staatsbarke wegen des Anlegeplatzes in Streit. Ein kurzes Kopfwenden Malipieros brachte beide zum Schweigen.

Enrico und Maddalena kauerten apathisch auf den Stufen. Die Gepanzerten stellten sich, ihrem Aufzuge gemäß, da sie keinen Befehl erhielten, für alle Fälle breitspurig rechts und links des Tores wie Wachtposten.

Maffio und Nicolo aber umarmten Malipiero wortlos, da zu viele Ereignisse die wenigen Augenblicke erfüllt hatten.

»Verzeiht, ich wußte nichts, sah nur Fremde, sah Dolche und fürchtete Blutvergießen. Verzeiht meinen Befehl, edle Herren!« Malipiero löste sich aus den Armen der Brüder.

»Euch sei vergeben!« Kalt, fast gelangweilt, sagte es Nicolo. »Doch wir werden Gericht halten. Bis heute ist das Blut des Bruders ungesühnt! Auch nach hundert Jahren fordert Meucheltat peinliches Recht!«

»Es schmerzt uns, Euch zu behelligen!« fiel Maffio glatt und geschmeidig ein.

»Ihr selbst werdet Schuld gegen Sühne wägen! Kommt jetzt, wenn ihr mir gestattet, die Schwelle zu übertreten!«

Und er nahm sie, ganz Würde, ganz unwidersprechliche Hoheit, an den Händen und preßte seine Lippen, zurückgebogenen Hauptes, zu einem blutlosen Strich zusammen. Das schwarze Kleid aber hinderte ihn keineswegs an ebenmäßigem Schritte, mit dem er die letzten Stufen emporstieg.

Die Brustpanzer der Wächter lohten farbenspiegelnd, das Wappen des heiligen Marcus faltete sich in der Windstille zusammen, blutigmatt stand der rote Löwe auf schwarzem Bord. Dann weiteten sich schmerzhaft ihre Pupillen. Denn nach all dem grellen Licht des Mittags umfing sie das Schattendüster der Vorhalle des schwarzen Palazzos.

Da kam der volle Schauer der Heimkehr über sie. Die Gewölbe begannen zu sprechen, zu erzählen. In wirren hohen Tönen, wie Glasglocken. Alles mit einem Male: Kindheit, Jugend, Mannbarkeit. Hier war Bruder Marcos Leiche, bedeckt mit schwarzem Mantel, gelegen. Maiskolben hingen jetzt an Borden und schimmerten gelb und rot.

»Santo cielo, die Polenta! O, die Polenta!« Brenzliger Rauch drang durch eine niedere Seitentür in die Halle; Maddalena stürzte hinein in den Dampf, in den sich Fischgeruch mischte.

Weiter erzählten die Gewölbe. Vom Hof ragte ein schräger Lichtstrahl herein. Dort drüben lag das Brautgemach. Wo ist Assunta? Wo Bruder Marco?

»Wo ist mein Bruder? Mörder!« Unwillkürlich wurden Nicolos Gedanken laut und hallten durch den Raum.

Plötzlich lag Enricos wilder Körper vor ihm auf den Knien. Der viereckige Kopf preßte sich küssend an die sehnige magere Hand.

Malipiero trat einen Schritt näher und legte leise die Finger auf die Schulter Nicolos.

Furchtbares, ächzendes Aufseufzen des demütigen Enrico.

»Hört ihn, er will beichten!« Sanft sagte Malipiero die Worte. »Doch zuvor noch: Ihr irrt, edle Brüder, wenn ihr mich für einen Richter oder Senator haltet. Ich bin Custode des Arsenals, sonst nichts!«

»Sonst nichts?« Maffio schmunzelte bei der Nennung des Titels verbindlich und pfiff vielsagend durch die Zähne. Dann nickte er dem Custoden mit einer Geste kameradschaftlicher Ehrerbietung zu. Da hatte sich das erste Wort schon aus der Kehle des Athleten gepreßt.

»Ich tat es! Alles gestehe ich, alles!«

»Was tatest du?« Fast ängstlich wurde die Stimme Malipieros.

Nicolo wandte sich herum und sein unerbittlicher Blick stand funkelnd oberhalb des spärlichen Ziegenbartes:

»Seht Ihr, Malipiero? Ihr wißt eben nicht, daß wir auf der Spur des Unergreifbaren waren, als wir abreisen mußten. Maffios List hatte das Geheimnis des Mordes ergründet.«

»Nach dem Gesetz ist die Schuld vielleicht schon verjährt.« Malipiero versuchte noch mit Würde abzulenken.

»Das werden die Richter und Räte entscheiden. Ihr sagtet selbst, daß Ihr diesem Stande ferne seid.« Nicolos Ton war hart geworden. Leise zischte er noch: »Es war mein Bruder, Masser, mein Bruder!«

»Nicht nur um den Bruder, auch um den Sohn handelt es sich hier!« Malipieros Stimme erklang in ebenso abweisender Schärfe. »Hört jetzt und richtet dann!« Und zu Enrico, hastig und heischend: »Um dein Leben geht es, Dummkopf! Rede, aber rede schnell!«

Da gewannen die Gesten des Bedrohten etwas Rasendes, Eckiges, Flirrendes. In ungeschicktem Mienenspiel drehte sich der Kopf, rollten die Augen, schlenkerten und erstarrten die riesigen Keulen der Arme. Und der Schwall der Worte überkollerte sich:

»Ja, ihr Herren, ich war ein Räuber von Narenta, ein Seeräuber, bevor ich Rialto betrat. Ah, ich bin gewohnt, ein Schiff durch Klippen zu reißen, wenn die Brandung gegen schwarze Felsen donnert. Nichts fürchte ich! Ich jauchze dann und singe zum Pfeifen des Sciroccos!«

»Das möge verjährt sein! Was geht uns das an?« Höhnisch zuckte der Bart Nicolo Polos.

»Das geht Euch an, Masser, gewiß geht es Euch an. Ihr habt einen Sohn, Masser. O, einen Sohn!« Plötzlich erstickte ein grausiges Schluchzen die Worte und er schleuderte die Arme auseinander, als ob er einen Berg umarmen wollte. Nicolo horchte auf. Enrico aber, kaum gefaßt, schon weiter. Zunehmend feuriger: »Wird Euer Sohn, ein edler Venezianer, nicht die Meere durchfahren? Wer soll ihm das Schiff durch die Klippen steuern? Wer ist so treu, so furchtlos? Wer kennt nur den Herrn und den Tod?«

»Preise dich nicht an! Was soll ich damit? Steuerleute hat Venedig mehr als jede andere Stadt!« Nicolo stampfte ungeduldig mit dem Fuße.

»Seht ihr, seht ihr!« heulte Enrico auf. »Ich kann nicht reden. Alles ist zugleich in diesem Kopfe. Ich wollte doch sagen, wie wenig ein Seeräuber von Narenta wußte, was Liebe, was Tugend ist. Da fiel mir Marco ein, Masser Marco!«

»Warum sprichst du nicht vom Morde? Ich habe keine Lust mehr, dein Geplapper zu hören. Rede von Marco! Rede endlich!« Nicolo knirschte mit den Zähnen.

»Ich sprach von ihm und Ihr wart aufgebracht. Madonna, hilf mir! Ich bin verloren!« Ratlos glotzte der Riese gegen Malipiero.

»Marco ist Euer Sohn, Masser Nicolo! Er spricht von ihm, vom jungen Marco Polo. Habt Erbarmen, Nicolo! Ihr ahnt nicht, was er Eurem Sohne tat!« Wohllautend, fast bittend klang die Stimme des Custoden.

»Nichts tat ich! Ich liebe ihn! Verzeih mir, Erlöser, daß ich lästere. Heilig ist mir Masser Marco. Mein Engel ist er. Ein Wunder hat er vollbracht!« Dröhnend schlug sich Enrico an die Brust. »Ja, ein Wunder! Ein Seeräuber war ich, ein Bravo, mehr als ein Bravo! Und jetzt bin ich ein Mann, von dem der große Doge gesagt hat, daß er dem heiligen Marcus mehr nützt als zwanzig Scharwachen. O, mein Falke, mein holder Masser Marco! Glaubt mir, edle Herren, kein Jüngling auf Rialto ficht besser als er, keiner schwimmt besser, keiner zielt sicherer mit der Armbrust. Seht her!« Mit einem Sprunge war er draußen und wieder in der Halle und warf einen zerbeulten Sturmhelm, ein zerschlissenes Kettenhemd und einen grausigen Stoßdegen auf die Fliesen.

»Seht her!« Stets atemloser: »Wo wäre er, der Holde? Wo wäre er? Seht, bevor das Wunder geschah, hatte ich kaum eine Narbe. Dann aber kamen die Verwandten, die Barbigos, die Porzis, die Guiletamas! Drei Bravi, oft, vier, fünf! Und alles auf den Falken, alles aus Gier, das Haus, den schwarzen Palazzo zu stehlen. Und ich hatte dem Masser Malipiero versprochen, nicht mehr zu stechen. O, es ist schwer, bei der Madonna, mit fünf Bravos zu fechten und nicht zu stechen! Zerknickt habe ich ihre Degen mit den bloßen Händen, ausgedreht die Arme der starken Gesellen. Mit dem Schwertknauf habe ich sie betäubt. Gott sei mein Zeuge! Nie mehr hat Enrico gestochen!« Er holte tief Atem. Dann dumpf: »Aber Narben hat er bekommen, Narben, hier und hier und hier! Und Masser Marco ist hinter ihm gestanden. Nicht einen Nadelstich hat seine Haut. Dann hat er fechten gelernt von Enrico, draußen im Hofe bei der Zisterne. Täglich viele Stunden. Heute kann ihm kein Bravo mehr etwas anhaben. O, es waren schwere Jahre, Masser! Und die Basen sind gekommen und haben Kuchen gebracht und Backwerk, Krabben und Hummern. Und oft haben wir kein Geld gehabt und der süße Marco hat geweint vor Hunger. Ich habe den Hummer den Katzen gegeben und sie sind verreckt. Und am Kuchen hat eine Taube gepickt von der Piazza und sie ist tot auf die Fliesen gefallen. O, Masser, es waren schwere Jahre! Und ich bin hinausgefahren mit Marco in die Lagune und wir haben uns die Krabben und Fische selbst geholt. Nichts hat er gegessen, was nicht ich gekocht habe oder Masser Malipiero uns eigenhändig geschenkt hat. An den Türen haben sie gekratzt, die Verwandten und Bravi, wenn der Sturm durch die Nacht geheult hat. Weiber haben sie geschickt mit feuchten Lippen und geheimen Winken, als er älter war. Alles vergeblich! Gott segne euch, daß ihr hier seid, Masser Nicolo und Maffio! Dank dem Himmel! Einen Marco Polo habe ich gemeuchelt, doch er ist in andrer Gestalt wieder zur Erde gekommen und ich habe mit meinem Blute, mit warmem roten Blut versucht, die Madonna zu versöhnen. Und sie hat mir im Traum gesagt, daß der ermordete Marco in Eurem Sohne lebt. Es war das Wunder, das große Wunder, ihr edlen Herren! Jetzt aber kann ich sterben, wenn ihr glaubt, daß Masser Marco sicher ist vor den Verwandten!«

Schon lag er mit dem Antlitz auf den Fliesen und murmelte Gebete.

»Kein Wort zuviel, tausend zu wenig!« sagte Malipiero leise. »Auch gegen meine Brust hat er einst den Stoßdegen gezückt. Marco, Euer Sohn, hat mich damals gerettet. Es war das Wunder. Der heilige Marcus sei gebenedeit!«

Furchtbarer Kampf spielte auf dem Antlitze Nicolos. Plötzlich wandte er sich lautlos ab.

Maffio jedoch, über dessen Züge das Ergebnis kältester, geschmeidigster Rechnung zuckte, sagte glatt und sicher:

»Erhebe dich, Enrico! Das Haus der Poli verzeiht dir deine grausige Tat. Es erwartet aber, daß du ihm noch große und schwere Dienste erweisest. Verstehst du mich, Enrico?«

»Was will ich andres? Gott sei gepriesen!« jubelte der Riese. Doch nach einem scheuen Blick auf Nicolo: »Nein, ich werde dennoch in Ketten geworfen! Einer allein kann meine Schuld nicht tilgen. Laßt mich nur einmal noch den jungen Heiligen sehen! Einmal noch die Hand Marcos küssen, Masser Nicolo, dann schlagt mir den Kopf ab, dann spießt mich, dann werft mich in den düstersten Kanal!«

»Maffio ist der älteste Polo!« sagte Nicolo, noch immer abgewandten Hauptes. »Er hat das Recht, für unser Haus zu sprechen. Was ich fühle, soll dich nicht kümmern. Von mir droht dir keine Gefahr. Du bist frei und entsühnt, Enrico!« Plötzlich veränderte sich seine Miene. Als ob alles ungeschehen wäre, riß er sich herum und fragte mit metallenem Klange:

»Ich hörte, daß ich einen Sohn hätte. Warum hat er uns noch nicht begrüßt?«

»Er ist nicht in Venedig! Bei Freunden meiner Familie auf dem Festlande.« Malipiero folgte der vergessenden Pose Nicolos und legte das Haupt zurück, daß die Hakennase vortrat: »Enrico wird ihn holen. Mach dich fertig, Enrico! Nimm aber doch den Panzer. Von heute ab stich zu, wenn einer angreift. Geh!« Und er preßte die edlen Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen.

Eine Stunde später.

Nicolo Polo schritt aufrecht und hager mit starrem Blick durch die Gelasse des ersten Stockwerkes. Seit fast zwei Jahrzehnten hatte sie niemand betreten, da Malipiero strengste Sperre verfügt hatte, um den Hausrat vor den Verwandten zu schützen.

Gespenstisch hallte der Tritt. Nicolo hielt den Dolch in der Faust. Fingerdicker Staub in den Fensternischen, auf den Truhen, auf Spiegeln, Tischen und Bänken. Zerschlissene Tücher, halbverhüllend über den Möbeln. Dazu fahles, dämmeriges Licht, nur ab und zu helle staubdurchflirrte Sonnenbahnen schräg hereinragend. Langes, fortgepflanztes Knarren und Ächzen des Holzes. Tickendes Scharren von Bohrwürmern. Ein verirrter großer Schmetterling surrte schrill und klatschte an harte Gegenstände. Mäuse huschten aufgescheucht.

Unten saß Maffio im Schatten der Mauer mit Malipiero am Steintisch bei dunkelrotem Wein und horchte den Custoden über Männer und Taten der Republik aus. Und tastete den Puls des Handels, fragte nach Zinsfuß, Bedarf und Marktpreisen.

Nicolo schritt langsam. Er wollte umkehren, er, der sich furchtlos durch Völkermorden und Wüsten, Sonnenbrand und Bergeis durchgeschlagen hatte, ohne zu erschrecken.

Die Flucht der Zimmer und Säle bog im rechten Winkel ab. Jetzt flatterten Vorhänge in plötzlich entstandener Zugluft. Trotzdem erstickte die Schwüle den Atem und verlegte die Lungen mit Staub, daß dicke Schweißtropfen auf seiner Stirne perlten.

Da waren jetzt die goldenen Armsessel, eingelegt mit buntem Glas, der Stolz des Hauses Polo. Und die Mosaike an den Wänden. Kaum ein Fleckchen glitzerte. Stumpf alles, raschelnd, krachend, summend.

Und wieder ein rechter Winkel. Schon schritt er jenseits des Hofes.

Er stockte entsetzt. Hatte nicht ein klagender, verwehender Seufzer aufgeklungen? Nein, nichts, eine rostige Angel! Weiter, weiter ans Ende!

Er stieß die Türe des Brautgemachs auf. Und starrte mit undurchdringlichen Augen. Das Blut stach an tausend Stellen seines Körpers wie feine Nadeln und im Hirn toste es.

Was lag dort auf dem unberührten Bette? Und er sprang, fast von Sinnen, hinzu. Ah! Ein Schemen! Faltig und gestreckt das Kleid aus Damast und dann ein heller Fleck, der ihm geliebte Züge vorgegaukelt hatte. Und oberhalb des leeren Fleckes die gestickte Haube.

»So empfängst du mich, Assunta? Liegen noch die Ketten um deinen Hals? Was raschelt dürr und welk zu Boden? Sind es die Blumen, die du am Hochzeitstage trugst? Wallen Schleier und Spitzen herab? Assunta! Assunta! Wo war ich? Wo bist du? Gab es auf Erden grausigere Trennung?« Er stöhnte so gräßlich, so abgrundtief, daß tausenderlei Spuk zu rauschen anhub. Und ein vergilbtes Pergament knisterte zu Boden, das er in sinnlosem Schmerze, wie von außerirdischem Zwange gepackt, las: »Bis zum letzten Atem harrte ich. Du kamst nicht. O, du kamst nicht, Nicolo. Marco wird dich umarmen, wenn du kommst. Und ich werde nicht dabei sein und doch dabei sein! Leb wohl! Mein Atem stockt, mein Herz steht still. Auf Wiedersehen!«

Nicolo warf sich auf die Knie. Krallend griff er in die damastenen Falten, die brüchig unter seiner Berührung zerschlissen. Eine Schnur aus edlem Gesteine klapperte auf die Fliesen.

Plötzlich hob er den Dolch und wußte nicht warum.

Da dröhnte ein naher Schritt.

»Erlöser, hilf mir! Wo war ich, wo ist sie hin? Wo war ich? Was tat ich? Ist es ein Traum? Ein Erwachen, ein Zauber?« Wie eine fremde Stimme hörte Nicolo die grausig hallenden Fragen.

Da antwortete es schon, antwortete drängend und schnell: »Was jagst du Schemen nach, Bruder? Hast du nicht einen Sohn? Würdest du sie noch lieben, wenn sie lebte?«

»Halt ein!« schrillte Nicolo auf. »Raub der Toten nicht das Letzte!«

»Ich raube nichts! Dem Sohn erhalte ich den Vater! Das gleiche wünschte Assunta, als sie die Augen schloß. Noch einmal! Vergiß nicht, daß ihr Bild, ihr Schemen fünfundzwanzig Jahre zählte, die Wirklichkeit jedoch dir eine Matrone gewiesen hätte. Und dann ... Laß mich reden, Bruder! Liebtest du sie wirklich, als du in den Armen der braunen und gelben, krauslockigen oder schmaläugigen Mädchen lagst in Persien, in Byzanz, in Karakorum? Liebtest du sie da?«

»Teufel!« zischte Nicolo.

Dann aber erhob er sich plötzlich entsetzt, denn ein breiter Strom milchweißen, nüchternen Lichtes war über alles geschossen und es lag da in verschlissener, vergilbter Armut und entrücktester Fremdheit.

Und beim aufgestoßenen Fenster stand Maffio und schluchzte. Denn der Bruder war gerettet. So durfte er den Schmerz teilen.

Nicolo jedoch starrte ihn unergründlich an, ragte steif und hager, der schüttere Bart bebte. Und er verließ ohne sich umzublicken das Gemach des Todes.

 

»Francesca! Francesca! Die Lagune!« Halb zurückgewandt jubelte es Marco Polo in die summende Stille des Abends und hob die behandschuhte Linke hoch, auf der ein Falke hockte und den Kopf mit der buntbebuschten Lederkappe schüttelte.

Er wartete die Antwort nicht ab und stürmte noch einige Schritte vorwärts. Nahe schon lag der breite Schilfgürtel. Darüber hinaus aber, unkörperlich und glasiggelb, streckte sich die Fläche des stillsten Wassers bis zum kaum kenntlichen Himmelssaum. Nur unterbrochen von dunklen Streifen Schlammes, von Schilfinseln, von fernen Fischerhütten. Auch ein Boot schwebte irgendwo weit in der Unendlichkeit.

Marco Polo stand jetzt spähend auf dem spärlichen Rasen. Dunkelbraun schimmerten die nackten Beine und das verschossene Wams wogte unter achtlosen Atemzügen.

Auf dem Antlitze aber waren Ernst und Lächeln, Freude und Zwiespalt zugleich. Nur die Augen flammten suchend. Und das schwarze Haar ringelte sich.

Er sog mit bebenden Nasenflügeln die Wasserluft ein, die von der Lagune strich. Dann horchte er.

»Marco!«

Er fuhr herum.

Sie hatte die Büsche auseinandergebogen und kam in schlanken Schritten auf ihn zu. Die schräge Sonne legte einen flirrenden Kranz um ihren zarten Kopf. Wie Pinselstriche saßen die hohen Brauen in ihrem eifergeröteten Gesicht.

»Wir sind weit, weiter, als wir dachten!« rief sie. »Es wird Zeit zur Heimkehr, Marco!« Fast bittend: »Die Mücken werden bald aus dem Wasser steigen.«

»Und nichts ist uns begegnet, kein Vogel, kein andres Wild! O, das war ein ergiebiger Tag!« Fast höhnisch ward Marcos Stimme.

Plötzlich aber jubelte er wild: »Nein, nein! Ich wußte es ja. Sieh, ein Reiher, ein Reiher!« Und er riß mit äußerster Schnelle dem Falken die Kappe vom Kopfe und nestelte die Fußfessel los. Dann rannte er bis zum Wasser und schleuderte jauchzend den mächtigen Vogel in die gelbdurchflirrte Abendluft, in der der Reiher mit wuchtigen Schwingenschlägen hoch oben segelte.

Francesca stand jetzt knapp hinter ihm und sah mit weitgeöffneten Augen dem kommenden Schauspiele entgegen.

Für einen Herzschlag verließ seine Aufmerksamkeit den Falken. Das Profil Francescas trat in sein Bewußtsein. Und er folgte entzückt den Linien dieses Antlitzes, das sich, in Schau versunken, willenlos der Außenwelt hingab. Die leicht gebogene, zarte Nase, der glatte Mund, etwas geheimnisvoll Weiches und doch Mutiges des Kinns und Halses. Und die Arme vorgestreckt wie die eines Kindes, das nach Unerreichbarem langt. Der kleine, feste Busen erschauerte unter dem kühlen Hauche der Abendbrise und der runde, schmale Schenkel mit dem vorgesetzten Knie lag wie eine lockende Ahnung von weichen Falten des Kleides umflossen.

Sie fühlte den Blick Marcos und sah ihn aus noch halb entrückten Augen an.

Er zuckte auf und suchte den Falken, der sich in mächtigem Fluge aufwärts schwang.

»Sieh, der Reiher sticht! Er steigt und schraubt sich höher. Noch ist der Falke blind!« Marco erhob weisend den Arm.

Und wirklich hatte der Reiher die Drohung schon erkannt. Den Kopf weit vorgestreckt, peitschte er die Luft mit den Schwingen und stieg mit jedem Flügelschlage höher und höher.

Anfeuernd jauchzte Marco dem Falken vertraute Rufe zu.

Wie ein Rausch kam es über Francesca und ihr ganzer Leib begann zu beben. Ohne Willen drängte sie sich an Marco.

Noch einmal rief er dem Falken, dann rieselte die Berührung durch sein Blut und er riß Francesca in seine Arme. Ein seufzender Klagelaut enthauchte ihren Lippen. Doch schon schloß sich ihr Mund unter dem Kusse.

Marco erschrak. Ihre Lippen brannten wie in rötestem Fieber. Doch er konnte sie noch nicht loslassen. Wilder und wilder vergrub er seinen Mund in ihr Antlitz und preßte die pulsende Wärme ihrer Glieder an sich, die sich schon abwehrend bogen.

»Ah! Er hat ihn überflogen! Er stößt herab!« Sie hatte sich losgemacht und warf beide Hände hinauf gegen den Himmel, von dem jetzt der Falke wie ein Bolzen gegen den Reiher niederschoß, der mit schiefgestelltem Kopf, den Schnabel aufwärts, den furchtbaren Feind zu letzter Abwehr erwartete.

Schon ballten sich die Kämpfer in ein flatterndes Wirrsal und die Federn stoben.

»Du bist der Falke, Marco, du selbst bist der Falke!« rief Francesca mit solchem Weh, daß Marco erschauerte.

»Was ist dir?« Wieder umfaßte er sie, diesmal zart und lindernd. Dann abgelenkt: »O, sie kämpfen! Der Reiher will sich nicht ohne weiters ergeben. Sieh, der Falke läßt nach!« Und er riß die Hände an den Mund, krümmte sie zum Rohre und schrie: »Ilo, Falke, ilo, i–l–o!«

Tiefer und tiefer drückte der Jäger unerbittlich sein Opfer.

Da fühlte Marco wieder ihre heiße Wange an seiner. Eine Träne näßte ihn kitzelnd. Dann aber, mit seltsam tiefer, umflorter Stimme:

»Du sollst der Falke sein, Marco! So liebe ich dich. Sieh! Auch der Reiher ist bezwungen!«

Wildes Flügelrauschen knapp oberhalb ihrer Häupter. Ein klatschender Aufschlag auf den Boden. Breit, den einen Flügel zu riesigem Fächer gespreitet, der Reiher, dessen Kopf noch immer starr und schief aufwärts stand, während der lange, spitze Schnabel leise klapperte. Darüber, schwingenpeitschend, der Falke, unter dessen Klauen Blut durch die silbrigen Federn sickerte. Schon setzte der gekrümmte Schnabel zu tödlichem Gehacke an.

Marco sprang hinzu und riß den Falken vom Opfer, stülpte ihm die Lederkappe über und schlang ihm die Fessel um die Füße.

Dann zog er den Dolch.

Der Reiher regte sich nicht. Nur sein starrer, irrender Vogelblick schillerte voll Jammer in die Abendstille.

Francesca umfaßte das Gelenk Marcos.

»Nicht ihn töten, töte ihn nicht!« Auch ihr Blick war voll von bittendem Jammer.

»Er leidet, Liebste, er ist wund und elend. Ich muß ihn erlösen!« Und Marco versuchte sich sanft loszumachen. Da kniete Francesca neben dem Reiher:

»Nein, Marco, er wird sich erholen. Er ist nur gelähmt von Entsetzen!« Und sie strich über die Federn und zog den Flaum beiseite, wo das Blut sickerte.

Marco band den Falken an einen Strunk. Der saß da, schüttelte den Kopf, sträubte die Federn zu einer Kugel und zitterte vor Gier und Jagdlust.

»Komm her zu mir, Marco!« Leise, verzagend sagte es Francesca vor sich hin.

»Noch einmal, Geliebte, was ist dir heute? Schreckte ich dich? Tat ich dir etwas zuleide?« Marco kniete an ihrer Seite und strich ihr sanft über das Haar.

»Nein, nichts davon!« Sie versuchte, dem Reiher die ausgebreitete Schwinge zu glätten. Dann sah sie plötzlich auf: »Du weißt, daß ich nicht feig bin. Du weißt, daß ich stets deine Spiele teile und daß ich mich deiner Wildheit freue. Heute aber fürchte ich mich. Nicht vor dir. Vor anderem, vor Ungreifbarem, vor dem Schicksal, das im Zwiespalt deines Antlitzes, deiner Seele liegt.«

Mit scharfem Rucke war die Lähmung vom Reiher gewichen. Schon stand er, leise zitternd, auf seinen langen Stelzbeinen und plusterte sein Gefieder. Dabei nickte er mit letzter Blödigkeit den flaumgekrönten Kopf. Dann aber spreitete er die Schwingen und erhob sich. Ohne jede Schwäche, als ob nichts ihn bedroht hätte.

In überschäumendem Glück über die Rettung des Tieres schlug Francesca kindlich die Hände zusammen. Auch sie hatte ihres düsteren Gedankens vergessen. Marco aber lachte übermütig. Und wieder stieg ihm heißes Begehren in die Kehle, als er die Geschmeidigkeit ihrer Bewegung umfaßte.

Der Reiher strich schon hoch über ihren Köpfen. Die schräge Sonne packte ihn und wandelte ihn in einen glitzernden Goldsegler, einen Wundervogel ahnungsvoller Märchen.

»Ich bin der Falke, Francesca! Siehst du es? Sagtest du nicht so? Blick hin, wie er sich gefesselt sträubt und geblendet am Boden hockt! Was nützt ihm die Überwinderkraft? Und du, der Reiher, du ziehst fort, weit fort und läßt ihn ohnmächtig verlangend liegen. Was tut's? Der Falke muß es ertragen!« Er lachte neuerlich auf.

Francesca aber fühlte über ihre Seele den Hieb einer Geißel klatschen. Sie nur flüchtig bezwungen? Sie nicht zu jedem Opfer bereit? Was wollte er? Warum quälte er sie? War er zomig, daß sie sich früher seinem Ungestüm entwunden hatte?

Nein, er sollte nicht zweifeln! Und gejagt von allen Fragen, verwirrt, ohne klares Wollen, lag sie an seiner Brust, drängte ihren Körper gegen seinen Leib und küßte ihn so wild, daß auch seine Sinne tosten.

Da wurde ihr Leib plötzlich schlaff und ihr Denken verwehte zum Nichts. Ihr Kopf sank hintenüber, als wolle er vom Halse brechen. Ein Hauch, ein Duft, ein Augenblick trennte die beiden noch vom Gipfel des Wunsches.

Da schoß wie mahnender Schreck die Bewußtheit über die Sinne des Jünglings. Und er machte sich zärtlich von ihr los, stieg die kühle Treppe des Willens hinauf aus den stammenden Kellern der Leidenschaft.

Er zerbrach die Versuchung mit dem Schalle des Wortes:

»Der Falke reißt sich los, Francesca! Wir müssen heimwärts reiten!«

Langsam straffte sich ihr Leib und die Augen verloren die Weiche des Verlöschens.

»Du liebst mich nicht, Marco! Was tatest du? Warum stießest du mich fort, als ich kam?«

Er hockte beim Falken und band ihn an die Faust.

»Mehr als mich, liebte ich dich, Francesca! Reuelos soll unsre Liebe sein!«

Sie senkte das Köpfchen und dunkle Scham flutete ihr zugleich mit der Erkenntnis in die Wangen.

»Verzeih mir!« hauchte sie, als sie der Lagune den Rücken kehrten.

 

Auf der Straße trabten sie in scharfem Gange. Stolz saß Marco Polo im Sattel, die Faust mit dem Falken hoch erhoben. Francesca aber hielt noch immer ihr Köpfchen gesenkt.

Der Himmel lag grellrot über der Weite. Alleen kreuzten einander. Im Norden stand dunkelblaß die Alpenkette in flirrendem Rauch. Von Baum zu Baum schlangen sich die Rebengewinde, an denen reife Trauben hingen. Verirrtes Gebell von Hunden durchdrang die Stille. Hie und da ein Aufleuchten bunter Bauernkittel.

Sie trabten gegen den Mittelpunkt der Röte.

Jetzt war über Marco ein banges Gefühl gekrochen. Plötzlich, als sie auf die freie Straße hinausgeritten waren. Zurückgestautes Blut hämmerte am Willen und klagte ihn versäumter Lust, ungenützten Lebens an. Sitte und Mannheit höhnten einander, Werte schoben sich kunterbunt und verwirrten sich.

Die Gedanken flohen zurück, prüften die letzten wenigen Wochen, seitdem Francesca als Pol in seinem Leben stand. Die Seelen hatten sich schon mehr als einmal durchdrungen, ihre Leiber waren noch nie so nahe gewesen wie heute. War es ein Ende? Ein Anfang?

Wieder durchtoste das Blut sein Hirn, bis er zu ihr hinsah. Da überkam ihn Rührung, reinste Zärtlichkeit und Liebe. Er schüttelte sich, daß der Falke erschrak.

Ihre Worte nahmen von ihm Besitz. Ihre Furcht vor dem Schicksal. Und jetzt erst erinnerte er sich der Pflicht, sie zu trösten.

»Francesca, was ängstigte dich, als wir beim Reiher knieten? Antworte nicht! Du weißt doch, wie alles kommen soll. Die Lehre deines Vaters wird mich zu hohen Zielen befähigen, die Zeit wird bald erreicht sein, da ich über das schwarze Haus der Poli gebieten darf. Und ich werde es verkaufen, damit der Neid der Verwandten zerrinnt. Dann werden wir hier oder anderswo auf der Terra ferma den großen Zielen leben! Oder mißtraust du meinem Willen?«

Wie erwacht sah ihm Francesca ins Gesicht. Wieder waren ihre Augen weit geöffnet und die hohen Brauen standen wie Pinselstriche im Antlitz.

»Mißtrauen? Nein, Marco! Mehr Beweis meines Vertrauens konnte ich dir wohl nicht geben. Nein, es ist anders, Geliebter. Das Absonderliche deines bisherigen Schicksales, die Eigenheit des verwaisten Raubvogels, das fürchte ich. Vielleicht ist es nichts andres, als das Gefühl der Unwürde, der Abhängigkeit. Die nie erlöschende Angst des Liebenden, den Inhalt des Seins zu verlieren.« Sie richtete sich auf und reichte die Hand herüber. »Die Tochter Vincenzo Moris wird nicht mehr solch kleingläubiges Zeug schwatzen. Verzeih mir!«

Die Stimme verhallte. Doch leise Unruhe lag auf beiden Seelen, als sie in den Seitenpfad einbogen und das Haus vor ihnen stand.

Nicht groß, nicht prächtig, doch behaglich. Eine helle Mauer umgrenzte es in weitem Umfange und hohe Platanen hoben sich aus den umgebenden Ölgärten.

 

Vincenzo Mori trat ihnen im Flur entgegen.

Vergeblich versuchte er seine buschigen hellen Brauen zu strengem Ausdruck zu runzeln.

»Die Falkenbeize mag euch vergnüglicher gewesen sein als mir. Sorge hat schon meine Arbeit unterbrochen!« Sein Ton wollte den Brauen nicht folgen und die fast schüchternen, verträumten grauen Augen straften auch den letzten Rest des Tadels Lüge.

Er erkannte denn auch sogleich die Nutzlosigkeit eines nicht herbeizuzaubernden Zornes und lachte unvermittelt auf.

»Geh in die Küche zu den Mägden, Francesca! Unser Gast dürfte Hunger verspüren.«

Francesca nickte verlegen und willig. Marco aber, dessen Gedanken den gelbdurchflirrten Abend an der Lagune umkreisten, nestelte hastig an der Kappe des Falken und erwartete ungeduldig, daß er angesprochen würde.

Auch Vincenzo Mori schien in ferne Räume zu sinnen, denn er beschrieb, wie zeichnend, plötzlich eine Geste durch die Luft. Die Falten seines grauen, langen Samtkleides bauschten sich weißgekehlt.

»Und Ihr, Marco Polo,« setzte er, alles verbindend, fort. »Euch bitte ich noch, falls Ihr nicht zu müde seid, ein Stündchen meinen neuesten Erkenntnissen zu lauschen!«

Schon drehte er sich ab und ging durch den Flur hinaus ins Freie, wo ein wohlgepflegter Gemüsegarten sich breitete. Eine Freitreppe stieg hier zwischen Beeten in das obere Geschoß.

Marco preßte noch verstohlen das Händchen Francescas an die Lippen, dann war er in einigen lautlosen Sätzen am Fuße der Treppe und folgte Vincenzo gesenkten Hauptes.

Den Falken reichte er einem Knecht, der im Garten harkte.

Der letzte Schein kupfernen Untergangs überglaste die dunklen Möbel, die Bücher, Radkarten, Phiolen und Instrumente, die in sinnvoller Regellosigkeit das Arbeitszimmer Vincenzos zusammensetzten.

Der Gelehrte stand abgekehrt und blätterte in Papieren.

Marco schnippte sich den Staub vom Koller, hielt jedoch sogleich ängstlich inne.

»Ich vertraue Euch, Marco Polo!« Vincenzo stand noch immer abgewandt und seine Stimme zitterte leise. Dann schneller: »Francesca hat auch keine Mutter mehr. Beide seid ihr unbehütet in euren Gefühlen. Und Francesca gleicht ihrer Mutter, Marco! Ein Mann der Weisheit kann da nichts ändern, nichts biegen, nichts lenken. Ich sehe den Makrokosmus, Marco Polo, Ihr wißt es. Welten, Sphären, Sternläufe, Völkergeschicke. Ja, die liegen vor mir und ich blättre in ihnen wie hier in diesen Papieren. Vor, zurück! Einerlei. Ich lege sie in andre Ordnung. Nichts entgeht mir. Doch der Mikrokosmus der Gefühle? Er hat keine Gesetze. Hier endet meine Macht. Ich vertraue dir, Marco!«

Der Jüngling war seltsam ergriffen. Wie konnte Vincenzo so klar um Geheimnis und Gefahr ihrer Liebe wissen? Woher dieses »Ich vertraue!« das fürchterlicher zwang als: »Du sollst nicht stehlen!«

»Du sollst nicht stehlen!« sagte er verwirrt laut vor sich hin. Während ihn aber noch Schreck umschnürte, fühlte er schon den vollen gütigen Blick Vincenzos. Und ein Lächeln huschte um den Mund des Weisen.

»Du verstandest mich, Marco, obwohl dir jetzt dein Wort, das Ende langer Gedankenläufe, töricht scheint. Ich beuge mich vor dem Unabänderlichen.« Nach kurzer Pause: »Auch wir leben in Armut. Also ist Geduld und gemeinsame Arbeit das Ziel!«

»Mein Ziel ist kein anderes. Vielleicht ist meine Selbstsicherheit jugendlicher Übermut. Aber ich hoffe, auch den Geist geschmeidig zu machen wie den Körper. Ihr sollt mein Lehrer und mein Vater sein!« Stolz und gesammelt hatte es Marco vorgebracht. Zu sachlich vielleicht, zu überlegt, zu hundertmal für die Sekunde der Entscheidung aufgespart.

Der Gelehrte aber hörte nur den Sinn und schloß Marco segnend in die Arme.

»Dein Herz ist rein, ich vertraue dir!« sagte er leise und löste sich los.

Schon stand er wieder bei den Papieren.

»Es sind Briefe eingelangt, Marco Polo, ich habe viel erlebt und durchdacht in der Einsamkeit des heutigen Nachmittags.« Und mit der werbenden Stimme, mit dem überzeugten, mitreißenden Pathos, das nur den von geistigen Hymnen Unberührbaren sonderbar und gemacht erscheint: »Es regen sich dunkle Kräfte, die Gestalt werden wollen, Marco Polo. Um uns herum summt flüssiges Metall in brodelnden Kesseln. Der Zapfen wird herausspringen und die heißen Ströme werden in die Formen schießen. Und die Güsse werden dastehen von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Tiefatmend und geheimnisvoll: »Ich sah die Münster in deutschen Landen, sah die zerklüfteten grauen Riesen ihrer Türme und Pfeiler. Ich sah die Kuppeln und Mosaike von Byzanz, als ich noch jung war. Gesänge hörte ich und höfische Kunst. Hast du es bemerkt, Marco? Nein, niemand sah es noch vor dem heutigen Tage. Hier, auf italischem Boden, in Florenz, in Pisa, in Venedig, in Ravenna, Mailand und Assisi verwandelt sich alles. Alles wird hier anders. Breiter und zierlicher, weicher und voller werden die Türme und Pfeiler. Klangvoller, singender, tiefer die Canzonen und Sonette. Und aus den starren Mosaiken und Tafeln von Byzanz dringt Leben in unsre Figuren und Gestalten. Körper formen sich, Antlitze werden Sinnbild und Spiegel der Wirklichkeit, Berge und Bäume...«

Ein wildes heulendes Gebell unterbrach ihn und verschlang seine letzten Worte. Rasselndes Schleifen an der Kette. Zurufe. Der Hund ließ sich nicht beruhigen. Eine baßdunkle Stimme dröhnte auf.

Vincenzo Mori machte eine abwehrende Gebärde. Er zwang mühsam die letzten Gedanken zurück.

Schon hub er wieder an.

»Alles verwandelt unser Boden. So sagte ich. Und da stieg ich zurück in die Geschichte, um der Kraft unsres sonnendurchglühten Landes nachzugehen. Ich überlegte die Heereszüge der deutschen Ghibellinenkaiser, die Verwandlungen der Langobarden, der Gothen...« Vincenzo stockte.

Ein Schritt jagte die Treppe hinan. Die Türe flog auf.

»Was ist geschehen?« Marco sprang entsetzt hinzu.

Denn Francesca lehnte atemlos am Türpfosten und wankte, die Hand gegen das Herz gedrückt.

»Ein Unheil?« In dumpfster, ratloser Sorge quälte Vincenzo die Worte über Lippen, die eben noch Weltgeschicke hervorgezaubert hatten.

Francesca hob, noch immer einer Antwort unfähig, den Kopf. Doch sogleich wich von Vincenzo und Marco der Alp. Denn trotz flammender Erregung lag ein Glanz des höchsten Entzückens über den Zügen des Mädchens.

Leise zog Marco ihre Hand vom Herzen und preßte sie.

Da strömte seine Kraft auf sie über, doch der Überschwang warf sie ins Knie. Und sie jubelte heraus:

»Euer Vater, Marco! Marco, dein Vater! Dein Vater ist heimgekehrt. Heute, als die Glocken von Venedig Mittag läuteten. Du hast einen Vater, Marco! Die Toten sind lebendig geworden!«

Und sie schlug die Hände vors Antlitz, neigte tief das Köpfchen und Schluchzen fassungsloser Mitfreude schüttelte ihre zarten Schultern.

Vincenzo kehrte sich ab und faltete die Hände. Halb unbewußt betete er für die Zukunft.

Marco Polo hob Francesca sanft empor, zog sie leise an sich und hauchte ihr einen Kuß auf die Stirne. Sein starker Leib aber zitterte. Und seine Gedanken und Gefühle kreuzten sich, daß der Mittelpunkt seiner Bewußtheit für Augenblicke zerbrach. Wie gebannt flüsterte er das Wort vor sich hin, um aus dem Klang das Wesen zu erkennen:

»Mein Vater! Mein Vater! Vater, wer bist du? Wer ist mein Vater?«

Die drei saßen beim Abendessen im engen Lichtkreise hoher bronzener Öllampen. Mitten in der Schwärze des Saales lagen leuchtende Früchte auf dem Tische. Trauben, Granatäpfel, gelbe Feigen.

Jetzt erst kam ihnen voll zu Bewußtsein, daß das Ereignis, für den Augenblick zumindest, Trennung bedeutete. Jähe Unterbrechung vorgefaßter, als unabänderlich angesehener Pläne.

Jeder aber spann den gleichen Gedanken anders.

Vincenzo Mori blickte unter den hellen, buschigen Brauen verträumt ins Leere. Er merkte nicht, daß Marco mit Francesca verstohlen kindliche Spiele der Zärtlichkeit trieb. Händedrücke, Ineinanderversenken der Augen, leises Streicheln, hauchfeines, erschrecktes Streifen der Knie.

Er sann dem italischen Boden nach, der die eckigen Kunstformen fremder Völker verwandelt. Die neue Zeit brach an. Würde Marco Mitkämpfer werden im ersten Treffen um die große Erneuerung? Wer sollte es entscheiden? Der wiedererstandene Vater war ein Kaufherr!

Francesca lächelte verklärt und trank die Zärtlichkeiten. Kaum Wehmut war in ihr verblieben. Was bedeutete kurze Trennung? Nach dem ersten Sturm, der ihre Unberührtheit aufgewühlt hatte, sehnte sie fast das Alleinsein herbei. Die erfüllte Einsamkeit, die nur dem Gedanken an ihn gehörte. Hielt sie doch ihre große Liebe für die Ewigkeit, an der alles Zeitliche zerbricht.

Der einzige, dessen lebhafter Geist nur mehr das Neue umkreiste, war Marco Polo. Die zwiespältigen Regionen seiner Seele waren entfesselt. Unablässig suchte er in sich die naturgebotene Kindesliebe zu erwecken. Sogleich prallte er an die Nebelhaftigkeit des Gegenstandes. Ein älterer Mann mit einem Ziegenbart! Enrico hatte es ihm kurz erzählt. Strenge und finster. Was sagte das nach langer Reise?

Plötzlich hatte Vincenzo Mori zu sprechen begonnen.

Marco Polo zerpflückte hastig eine Feige, daß ihm das rosige Gekröse der Frucht an den Fingern klebte.

»Vergeßt nicht, Marco, meinen Freund Malipiero zu grüßen. Erzählt ihm von den neuen Ausblicken, die ich heute zu schauen begann.« Und als Marco dienstfertig nickte: »Wir wollen noch heiligen Wein trinken, Marco!« Zu Francesca: »Mein Kind, hol den Vino santo. Und sag dem Enrico, er möge hereinkommen. Er soll sich mit uns für die Fahrt stärken!«

Francesca zuckte zusammen. Für einen Augenblick war das Gefühl der Ewigkeit zerbrochen. Die Vorbereitung für das Schmerzliche begann unerbittlich.

Trotzdem lächelte sie weiter und eilte hinaus, um nicht durch einen langsamen Schritt die Zeit des Beisammenseins zu verkürzen.

Von draußen scholl Gekicher und Aufkreischen einer weiblichen Stimme durch die offene Tür herein.

Vincenzo Mori sagte wie vor sich hin: »Die nächste Zeit wird deine Umgebung mächtig ändern. Vergiß unsrer Gespräche nicht. Und bleibe standhaft gegen die Leute, denen alles zum Gespött ist. Die das Wichtigste und Heiligste belachen. Und die nur Antlitze, ernst wie Fledermäuse, bekommen, wenn es sich um Zechinen handelt.«

»Der Tag der Weisheit verscheucht die Fledermäuse!« Stolz auf seinen Willen und zufrieden mit der Gelenkigkeit seiner Antwort, langte Marco Polo nach einer Traube.

Geräuschvoll wurde die Türe geöffnet.

Enrico, im Kettenhemd, trat in den Saal und verbeugte sich mit der komischen Würde eines fahrenden Komödianten.

Kurz nachher kam Francesca, der eine Magd mit dem schweren Weinkrug und den Bechern folgte.

»Komm her, Enrico, setz dich an den Tisch!« sagte Vincenzo Mori gütig.

Enrico ward verlegen. Er räusperte sich, kratzte sich eine Narbe, die sein kurzgeschorenes Haar leuchtendweiß spaltete. Dann kollerte er geschraubt hervor:

»Wenn es dem Knechte gestattet wird!« Zog jedoch den Sessel so weit vom Tisch ab, daß er wenigstens drei Schritte von den anderen entfernt war. Der dargereichte Becher brachte ihn in neue Verlegenheit, aus der er sich mit verschmitzter Kneipenpose befreite. Er schnalzte mit der Zunge und nickte mit dem Kopf:

»Nicht zu verachten, das Tröpfchen! Also, wenn es mir schon befohlen wird: Die edlen Herren und Frauen sollen leben!«

Im Ansetzen des Bechers hatte er aber schon wieder das Gefühl des groben Verstoßes, da er bemerkte, daß Francesca mit verhaltenem Lachen Marcos Hand berührte.

Vincenzo Mori brach die Befangenheit dadurch, daß er ohne Scheu herzlich auflachte:

»Näher, näher heran, Enrico! Wie sollen wir mit dir anstoßen, wenn du am anderen Ende des Saales sitzest?«

»Recht habt Ihr, ich bin ein Esel!« Das Geständnis machte ihn sicher. Alle lachten vergnügt.

Schon saß er ganz nahe und streichelte verstohlen die Hand Marcos, der ihm einen Rippenstoß versetzt hatte.

»Erzähle!« forderte Marco auf. »Halte ich es doch für unwahrscheinlich, daß du auf dem Herwege ohne Erlebnis davongekommen bist. Übrigens laß ein andres Mal die Mägde in Frieden! Sonst wirft dich Francesca aus dem Hause!« Marco sah ihn plötzlich strenge an.

Enrico knickte zusammen. Alle Sicherheit war dahin. Er setzte den Wein ab, stand geduckt auf und jammerte:

»O, Masser Marco, Ihr seid ein schrecklicher Richter! Nie kann man Euren Hieben entgehen. Stets wird man von Euch besiegt. Alles wißt Ihr, alles sagt Ihr hart heraus, nichts laßt Ihr durchgehen. Ich schwöre, daß ich den Mägden nichts Übles tat. Sie wollten mir die Narben mit Pech bestreichen und ich wehrte mich.«

»Genau so wird es gewesen sein!« Marco starrte ihn höhnisch an. Francesca lachte hell heraus, da ihr noch vor Augen stand, wie er die erschreckte Magd um den Küchentisch verfolgt hatte, bei ihrem Eintreten aber auf das Holz zugefahren war und sinnlos mit der Hacke hineingeschlagen hatte, als machte er sich nützlich.

»Setz dich, Lügenfreund!« Marco runzelte die Stirne.

»Nicht das, nicht das!« Er hob flehend die gefalteten Hände. »Ich will ja alles erzählen.«

»Seid getrost, Enrico, Ihr befindet Euch unter meinem Schutz!« Vincenzo schenkte ihm ein. »Masser Marco Polo wird Euch nichts tun, wenn Ihr gesteht.« Und im Antlitze des Gelehrten zuckten verdächtige Fältchen.

Enrico wetzte auf dem Sessel. Der Wein aber hatte ihn redselig und mitteilungsbedürftig gemacht. So polterte er mit eckigen Gesten und gefährlichen Schwüngen der riesigen Pranken los:

»Masser Marco hat recht! Stets begegnet mir etwas. Ich wollte mir doch bloß die Galeere ansehen, mit der die edlen Herren angekommen sind. Wer weiß, dacht ich mir, ob nicht Masser Marco mich fragen wird. Und Enrico will nicht dastehen wie ein Tölpel.«

»Sehr gut!« rief Marco dazwischen.

»Ja, Ihr habt's leicht, Masser!« Enrico wurde elegisch. »Euch lieben alle, Ihr besiegt alle. Ich aber muß mir das bißchen Liebe sauer erwerben und werde noch verspottet.«

»Wir schätzen Euch doch alle, Enrico!« Francesca beugte sich mitleidig vor. »Marco hat Euch sicher lieber als fast alle anderen Menschen!«

Sofort verschluckte sich Enrico vor Rührung. Und er begann zu bramarbasieren: »Ja, er hat mich lieber, ich weiß es. Aber er ist ein Falke und muß um sich hacken. Wer hat auch einen besseren Knecht? Hört und entscheidet! Also ich komme zum Hafen. Nein, so etwas habt ihr noch nicht gesehen. Alles drängt sich herum, alle wissen schon, daß die edlen Poli angekommen sind. Und sie laden Ballen um Ballen aus der Galeere. Und es wird viel geschwätzt. Ein Reichtum, Massere, ein grenzenloser Reichtum! Ho, ich bin jetzt der Knecht sehr reicher Leute. Auch Masser Marco wird jetzt reich sein. Da werden sich die Verwandten ärgern.« Er machte eine Pause.

Francesca war plötzlich ernst geworden und suchte verwirrt zuerst den Blick des Vaters, dann die Augen Marcos.

Der Jüngling verstand die ungesprochene Frage und sagte schnell:

»Sie sollen ihre Waren in den Keller pferchen. Uns liegen wichtigere Dinge am Herzen. Erzähl weiter, Enrico!«

Francesca lächelte wieder. Enrico rang um Ausdruck.

»Ich weiß, daß Ihr Euch nie um Geld schert. Recht habt Ihr und unrecht, Masser Marco! Also hört! Ich sprach von den Verwandten. Wer steht nicht dort an der Landungsbrücke? Hopp! Da steht der rote Beppo, der saubere Bravo der Barbigos, und stößt die Matrosen an, wie sie eben ein verdächtig schweres Kistchen ausladen. Es entsteht Streit. Noch ein Bravo kommt dazu. Und während der Beppo – Gott weiß, er ist ein starker Kerl – mit den Matrosen rauft, hat schon der andre das Kistchen und will sich davonmachen. Oho! Ah! Das wäre noch schöner!« Ein Becher flog unter der wilden Geste Enricos klirrend um.

»Weiter, weiter!« rief man dem Erschrockenen zu. »Laßt Euch nicht stören!«

»Ich lasse mich auch nicht stören!« dröhnte Enrico, der vor Erregung alles verwechselte. »Wie der Teufel bin ich plötzlich im Gewühl. Rechts und links klatschen die Wangen Beppos. Der andere bekommt einen Fußtritt, daß das Kistchen klirrend auf die Steine stiegt. Evviva Polo! Evviva Polo! brülle ich. Abbasso die Barbigos! Pfui, da ging's an! Noch ein paar Kerle sprangen hinzu. Die Matrosen, dummes Volk aus Kandia oder Negroponte, verstanden nichts. Einige wollten gar auf mich. Da, bei der Madonna, es war herrlich! Da reiße ich den Degen heraus. Die andern Degen und Dolche fuchtelten irgendwo! Hopp, hopp, ila, ila! Jeder hat seinen Stich. Keiner gefährlich. Aber gerannt sind sie alle. Und meine Gondel ist auch geflogen, daß das Wasser geschäumt hat.«

»Bist du toll?« fuhr Marco auf. »Wer hat dir erlaubt zu stechen?«

»Masser Malipiero!« Stolz warf sich Enrico in die Brust und leerte den Becher in einem Zug. »Enrico weiß, daß er die Gelübde halten muß!«

»Das kann gut werden!« Marco mußte plötzlich über die Szene lachen.

»Jedenfalls hat er schon jetzt dem Hause Polo einen Dienst erwiesen. Dein Vater wird sich über die Brauchbarkeit deiner Diener freuen!« Vincenzo hob das Glas. Dann schnell und gerührt: »Ich weiß nichts Besseres als den Schlachtruf Enricos: Evvivano die Poli! Abbasso die Feinde des edlen Hauses!«

Marco war aufgesprungen. Er tat Bescheid. Dann aber rief er stark: »Dank vor allen den Freunden unsres Hauses, ohne die ich den Vater nie gesehen hätte. Die Malipieros und Moris sollen blühen und auch du, treuer, dummer Enrico, sollst hoch leben!«

Feierlich und ausgelassen, aufgepeitscht von der Kraft des Weines, unterlagen alle der Stimmung: Lächeln auf den Wangen, Sieden des Blutes, Liebe, Opfermut und eine winzige Träne, die sich zwischen die Lider zwängte! –

Das Aufsteigen des Vollmondes nach Mitternacht bedeutete endgültig den Abschied.

Die ganze Gegend lag in fahlem Glaste. Weich, reglos und duftend die Luft. Geisterhaft die Umrisse des Landhauses und die weite Umfassungsmauer. Vor dem Tore loderte in der Hand Francescas eine Fackel und ließ in das Grünlichweiß des Mondlichtes rote Zungen hineinlecken. Zwei Rosse sprenkelte die nahe Grellheit.

Marco Polo stand noch auf dem Boden. Alle Habseligkeiten trug er mit sich. Den abgetragenen, dunklen Mantel, die kurze Armbrust, einen kleinen Sack mit Mundvorrat und Geschenken.

Enrico saß schon auf dem Rücken seines Pferdes. Zwiefaches Licht funkelte von Kettenhemd und Sturmhaube. Er saß starr wie ein Standbild und wandte sich ab.

Vincenzo Mori aber sagte leise:

»Stellt die Tiere in die Osteria an der Lagune. Ihr wißt: In die Osteria zum guten Hirten. Der Knecht wird sie am Morgen zurückholen.«

Die Fackel in der Hand der Jungfrau zitterte. Dunkles Weh zerbrach ihren Willen. Der einsame Morgen lag schal und quälend, leer und jämmerlich vor ihr.

Marco Polo preßte sie in seine Arme.

»Keine halbe Tagreise trennt uns, Francesca! Hab Dank, tausend Dank!«

Und er umarmte auch Vincenzo.

»Auf Wiedersehen!« Wie aus andrer Welt klangen die bebenden Worte der Jungfrau.

Marco saß schon im Sattel.

»Ilo, Falke, ilo, i–l–o!« Ganz verändert plötzlich die Summe Francescas, letzte Kraft hatte gesiegt. Er verstand sofort. Das Wort, das den Falken zurückrief, zurückzwang, sollte in seinen Ohren bleiben. Und damit, untrennbar verbunden, der Abend an der gelbüberflirrten Lagune.

»Bald wird er wiederkommen, der Falke!« jauchzte er zurück. Dann gab er dem Pferde die Fersen und sauste in die Nacht hinaus. Hinter ihm dröhnte der Panzer Enricos.

Lange noch aber stand der rotübergloste Kreis, zwei liebe Gestalten im Mittelpunkte, vor seinen Augen, wenn er sich mit pochendem Herzen umwandte.

 

Die Lagune war nach allen Seiten ein Spiegel zitternden Flimmers. Sternschnuppen, eine, zwei, zehn, lohten auf und schnitten das Himmelsgewölbe in lautlosem Rasen. Schräg, senkrecht, fallend, vom Himmelssaume aufwärtsschießend.

Im Takte eines leisen Seeräuberliedes von Narenta – monotone Schwermut, grausames Aufgellen, tierisches Liebeslocken – fuhr das Ruder in die Wasser und tausend Karfunkel träufelten herab, wenn das Blatt einmal den Wasserspiegel überhöhte.

Marco Polo sah die eckige Gestalt vor dem Monde stehen. Unwahrscheinlich groß und wuchtig. Der Panzer lag irgendwo in der Gondel. Wieder nur das genetzte Hemd, die pluddrigen Hosen, die nackten Füße.

Der Jüngling warf sich in die Polster und schloß die Augen. Er hüllte sich eng in seinen Mantel, denn eine Kühle kroch von allen Seiten an ihn heran, die er sich nicht deuten konnte. Es war nicht kalt! Nein, Schweißperlen standen ja auf seiner Stirne. Leise klapperten die Zähne gegeneinander. Ein Fieber? Woher? Er war die Sümpfe gewohnt, er wußte nicht, was Fieber sei.

Schon drängte sich schichtend Gedanke über Gedanken. Nein, es war etwas anderes, etwas, das aus der Seele kam und den Körper niederwarf. Orkane des Blutes waren es, tosend von unerhörten Gefühlen. Francesca! Der Vater! Zuerst die Zukunft, dann die Vergangenheit des Lebendigsten. Frauenliebe vor Kindesliebe. An einem Tage zusammenbrausend die tiefsten Mächte des Menschseins.

Vater! Vater, wer bist du? Wer ist mein Vater? Muß ich dich lieben, wie ich Francesca liebe? Dich, den ich nicht kenne? O, hilf mir, Verstand, auf den ich so stolz bin! Helft mir, ihr sieben Wissenschaften! Nein, ihr seht mich kalt und verständnislos an. Francesca, Francesca, du hast einen Vater. Sag du mir das Rätsel, sag mir die Lösung! Auch du weißt es nicht? Willst den Vater verlassen um meinetwillen, wie die Schrift lehrt? Wer also sagt es mir, da keiner es so sonderbar erlebte, so fremd jeder Natur, jeder Erfahrung? Beten? Heilige anrufen? Wissen es die Heiligen? Gott ist allwissend!? Keinen Frevel, Marco! Belade die Seele nicht mit Todsünde! Nein, keine Sünde. Ich weiß es. Sehen muß ich ihn, sehen. Und er wird mich anblicken. Vater! Mein Schrei mischt sich mit seinem. Sohn, mein Sohn, so habe ich dich endlich, den ich ersehnte in all den Jahren. Da bist du, mein Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Wo bin ich? Vater, deine Arme sind zu stark. O, ich liebe dich! Töte mich nicht! Mein Herr und Gott, warum, warum, ah, warum hast du mich verlassen, verlassen? Vater, ah, Vater ... !

Fieber und Rausch, Müdigkeit, peitschendes Erlebnis und Phantasie. Alles in einem, überquert, schiebend, drängend. Dazwischen das Lied Enricos: Schlachtruf. Die Piraten stürzen sich auf die stolzen Galeeren Venedigs. Ah! Ila, ila, ila, hopp! Der Stich sitzt. Die Planken krachen. Hochauf schäumt das Meer.

Nein, heraus aus dem Chaos! Ich will nichts wissen. Ich träume ja bloß. Nein, zurück, zurück in die Klarheit. Warum soll denken unnütz sein? Ich war einmal ein Kind. Zurück, zurück! Ich will nicht so träumen. Ich will Wirklichkeit. Also, zurück ins Reine. Ich werde alles finden, wenn ich mich nur recht erinnere. Alles muß in der Jugend liegen, in der Kindheit.

Totenklage des Räubers, Schrei und Jammern. Dann monotones Beweinen. Einige der Kumpane lagen zerfetzt auf den Planken. Enrico stöhnte es hinaus über die Lagune.

Plötzlich war Marco Polo wieder klar im Geiste. Noch fröstelte ihn. Doch seltsam leuchtend, mit einer Farbe übergossen, deren Ton sonst nur Träumen eignet, standen die Bilder vor ihm, standen, solange er sie sehen wollte, waren sein Eigenstes und doch so fremd. Er selbst bewegte sich in den Bildern, sah sich an und erkannte den Zuschauer nicht als sich selbst. Denn der saß hinter undurchdringlichen Wänden. Und er murmelte die Worte vor sich hin, die die Menschen in den Bildern sprachen und hörte sie zurück im Echo als fremde Stimmen:

 

Zuerst der Lido Malamocco. O Zauberklang dieses hüpfenden Wortes.

Malipiero tritt in das schwarze Haus. Der Malipiero, wie er vor fünfzehn Jahren aussah. Damals hat er noch nicht so hoheitsvoll den Kopf zurückgeworfen und die Lippen nach jedem Satze gegeneinandergepreßt.

»Komm, kleiner Marco!« sagte er. »Wir werden in einer Gondel durch die Kanäle fahren und dann das Meer sehen, das jenseits der Lagune liegt. Merk dir das Wort gut, Kleiner! Was ist auch für einen Venezianer wichtiger als das Meer? Unser Meer ist es, unsre Adria! Merk dir das Wort! Wenn du es gesehen hast, nie, nie wieder wirst du es lassen können, nie wirst du es vergessen!«

Hierauf eine Fahrt voll sonderbarer, krauser Phantasien. Was würde sich ereignen, was in den Gesichtskreis treten? Nichts ließ sich vorstellen, nichts sich ahnen.

Plötzlich der Lido. Die Gondel knirschte auf den weißen Sand. Hohe Dünen. War das schon das Ereignis? Enttäuscht sprang der Knabe hinaus und versank knöcheltief. Ein Ende, bevor es noch begann?

Er kletterte die Düne hinan. Malipiero blieb hinter ihm. Wie lange ging das so fort?

Da packte es ihn. So unvermittelt packte es ihn, daß er laut aufschrie und ins Unendliche versank.

Alles zugleich. Ah! Alles zugleich: Ostwind, frischer, salziger Ostwind zauste in seinen Haaren. Und es rollte gegen ihn heran, breit und dunkelblau und unfaßbar. Zu seinen Füßen leckte es herauf in langen gischtigen Falten und rauschte und toste. Rechts und links, so weit der Blick reichte. Stets die gleiche Linie der Düne, die gleiche Wucht des Anpralles. Und draußen, bis zum Himmel, stach und gewölbt, dunkelblau und von unzählbaren weißen Streifen und Punkten gesprenkelt.

»Ja, das ist das Meer, das ist unser Meer! Nie werde ich es vergessen!« Wie im Rausch jubelte das Kind die Worte.

»Sieh dorthin!« Malipieros Hand ruhte auf dem Köpfchen des Knaben und drehte es nach Norden.

O, ein neues Wunder. Drei schwarze Galeeren zogen nahe dem Ufer hintereinander nach Süden. Scharf und abgegrenzt, so daß man jeden Mann auf den Planken sah. Schräg ragten die Segelstangen zur Höhe. Am Heck die riesigen Laternen. Und wie Beine die zahllosen Ruder. Man hörte mit dem Winde die rauhe Stimme, die sie in Schwung hielt: »Uno, due, uno, due, hallo, fester, uno, due!« Der Schaum sprühte. Uno, due, klapperten die baumlangen Ruder. Und die Standarten flatterten. Jetzt wilder Gesang, Abschiedsrufe. Plötzlich ein neues Befehlswort.

»Der Wind wird stärker, sie hissen Segel. Verstehst du, Kleiner? Der Windgott bläst in die Tücher und treibt sie. Merk auf, jetzt hörst du schon die Taue knarren!«

Und Ruck auf Ruck gingen die bunten Segel hoch und ihr greller Ocker und das satte Karminrot bauschten sich blaffend auf all der Bläue.

»Was werden sie sehen, wenn sie dort hinkommen?« Ein rätselhaftes Weh umschnürte die kleine Brust. Eine zehrende, zersprengende Sehnsucht. Er fühlte plötzlich, daß die in den Schiffen dorthin gelangen würden, dorthin, wo sich der Himmel mit dem Meer vermählte.

»Nichts andres als wir!« Gütig lächelte Malipiero. »Wieder werden sie das Meer vor sich sehen, verschwimmend am Saume des Himmels.«

»Und hinter sich? Was sehen sie dann?« Die Fragen peinigten das kleine Hirn, daß sich die Wangen röteten und die Augen weit offenstanden.

»Das gleiche, was sie vor sich sehen, Marco! Wenn du weit hinauskommst aufs Meer, dann siehst du den ganzen Umkreis so. Kein Land. Nur Wasser, Wasser und Himmel.«

»Und wenn sie wieder zum Rande kommen?« Schon keuchte der Atem des Kindes.

Der Wind hatte jetzt die Segel ergriffen. Majestätisch rauschten die Galeeren nahe vorbei, leicht geneigt unter dem Drucke der hohen, bunten Dreiecke. Die Schnelligkeit wuchs.

»Noch einmal und viele Male werden sie an den Rand kommen!« Auch den Erwachsenen hatte das dürstende Sehnen des Kindes ergriffen. »Dann aber, nach vielen Tagen, wird plötzlich Land aufsteigen wie ferner Dunst am Himmelsrande. Fremdes Land. Berge und Bäume und Häuser!«

Marco Polo rannte wie sinnlos gegen die Küste. Schon spritzte Schaum um seine Füßchen. Da riß er die Hände an den Mund und jauchzte mit dünner Stimme in die Brandung:

»Nehmt mich mit, ihr Männer! Kommt her und laßt mich mitfahren!«

Plötzlich faßten ihn starke Arme. Malipiero hatte ihn emporgehoben und die Düne hinaufgetragen. Er lag im Sande. Als er aber die Augen aufschlug, sah er das träge Wasser der Lagune, sah die Häuser und Türme Venedigs, die sich in den ruhigen Tümpeln spiegelten, wie unkörperlich auf der Glätte schwebten.

Und er weinte aufgewühlt und hoffnungslos vor sich hin. – – –

 

Der Gesang der Seeräuber von Narenta war verklungen. Stark und schmiegsam peitschte das Ruder der Gondel die Wasser.

Schon tauchte ein neues Bild empor.

Wieder Malipiero. Kurz nachher im Winter. Der Knabe Marco wollte die Galeeren nahe sehen, mit Händen greifen. Malipiero hatte ihm von Meeren erzählt, an deren Ende noch kein Mensch gekommen sei, die sich stets weiter und weiter dehnten. Gott allein sieht ihr andres Ufer. Auch Länder gäbe es, die stets weiter und ferner reichten.

Wie groß die Galeeren wohl seien? Wie der Hof, wie ein Haus, wie der ganze Kanal? Marcos Erinnerung phantasierte und übertrieb. Hoch sind die Masten wie ein Turm, Volk wimmelt auf den Borden wie auf der Piazza.

Malipiero kam eines Nachmittags herüber ins schwarze Haus und holte das Kind. Es solle das Arsenal sehen. Alles würde sich dort aufklären.

O, wer konnte es fassen, als man drinnen stand?

Die riesigen Bäuche umgestürzter Galeeren. Gerippe ohne Bohlen, durch die man hindurchsah wie durch Gitter. In ungeheuren Hallen brodelte das Pech in Pfannen, die waren zehnmal so weit wie die Zisterne. Und herum sprangen, von Gluten flackernd gerötet, berußte Gestalten mit schwarzen Gesichtern und schöpften den rauchenden, zähen Brei mit langen Löffeln und gossen ihn in die Fugen der Schiffsbäuche, daß alles stank und zischte. Und stopften Werg hinein und hämmerten, daß es nur so dröhnte.

O, und die Seilerbahn. Lächerlich fast war es anzusehn, wie ein alter Mann aus einer Schürzentasche die wolligen Bündel zog und mit ernster Miene rückwärts stolperte, während sich vor ihm ein zitternder Faden spann.

»Wie die Spinne im Haustor!« lächelte Malipiero und zeigte auf andere Seiler, die schon dickere Schnüre flochten.

Dann wieder riesige, bunte Segeltücher, auf denen hundert Flicker hockten und stichelten.

Man konnte sich nicht sattsehen.

Endlich in den Waffenkammern, wo die Panzer und Helme, Lanzen und Schwerter in langen Reihen standen, wo Schmiede aus glühenden Zapfen die Funken heraushieben, kam das Ereignis: Lachend brachte ein alter Werkmann dem Kinde ein köstliches Ding, einen kleinen rostigen Degenkorb, in dem eine zierliche, hölzerne Klinge steckte.

Malipiero ging mit dem seligen Knaben zurück zu den Seilern und fertigte ihm eine kunstgerechte Koppel.

Marco schritt so steif und gravitätisch, daß die kleinen Beine zu schmerzen anhuben.

Es war spät geworden, Malipiero nahm ihn an der Hand und sie schlenderten kreuz und quer durch enge, halbdunkle Gäßchen, zwischen Gartenmauern, entlang an Kanälen.

Wenig Menschen begegneten ihnen. Bis sie endlich in Viertel kamen, die ganz ausgestorben schienen. Plötzlich ward eine Gasse immer enger, kahle Wände zu beiden Seiten. Stickig die Luft, die mit letztem Scheine hereindrang.

Da, atemlos und unerwartet, fremd und gräßlich. Über und über in schwarzem Mantel ein riesiger Mensch. Der Mantel flog von den Schultern.

»Madonna! Ich bin verloren!« Erstickter Schreckensruf Malipieros, der den Degen von der Seite rieß.

Schon stand das Ungetüm vorgeneigt, zum Sprunge geduckt. Rasselndes Kettenhemd, Sturmhaube tief ins Gesicht gedrückt, der kurze, lodernde Stoßdegen gegen die nahe Brust Malipieros kriechend.

Marco verstand nichts. Doch plötzlich sah er das bleiche, in Leid verzerrte und doch so wunderbar stille Gesicht Malipieros. Da ward Unbekanntestes für ihn volles Wissen. Keine Furcht lähmte das Kind. Es ging um das Leben des Menschen, der nur gut bisher zu ihm war. O, wie liebte er ihn!

Auch er war ja ein Mann, auch er, Marco Polo. Zwei gegen einen.

Der erste Schritt geschmeidigsten Ausfalles klirrte auf den Fliesen.

»Halt! Halte ein! Wehe dir, Schelm!« krähte ein jämmerliches Stimmchen. Und im nächsten Augenblick stürzte das Kind, den Bravo instinktiv nachahmend, im Ausfalle vor und stieß die Spitze des hölzernen Degens mit äußerster Kraft gegen das Kettenhemd des furchtbaren Riesen.

Malipiero erstarrte in peitschendem Schrecken. Sich selbst hatte er vergessen. Was kam jetzt? Was würde kommen an Grauen und Unmenschlichkeit?

Da, ein Wunder, ein großes, niegeahntes Wunder. Aufheulend, wie durchbohrt, wankte der eckige Riese und schleuderte den Helm, den Degen auf die Steine, daß es wild klirrte und dröhnte. Dann flog ein Beutel gegen die Wand und Zechinen hüpften und klimperten zwischen den Kämpfenden umher.

»Hier, noch eins! Hab ich dich?!« Hochgerötet und wie berauscht stach das Kind blindlings gegen den Goliath, der plötzlich auf dem Boden lag und sich wie ein schuldbewußter Hund in zerknirschtem Kriechen bewegte. Schallend küßte er die Füße des Knaben, der noch wie toll auf den wilden, viereckigen Kopf und den muskelstarrenden Nacken loshieb.

»Gnade, Gnade! Madonna, ein Engel! Was ist mir? Gnade!« wimmerte die baßdunkle Stimme des Besiegten.

Malipiero sprang hinzu. Er schlug ein Kreuz. Tränen rollten über sein Antlitz.

Da ließ der Riese den Knaben, dessen Wangen jetzt plötzlich sich verfärbten und langte nach den Füßen Malipieros.

»Genug, steh auf! Was tat ich Euch? Was wolltet Ihr?« Malipiero hatte den Degen eingesteckt und stand ganz Hoheit, ganz Würde da. Damals zum ersten Male warf er den Kopf zurück und preßte die Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen.

Da begann der Riese hilflos mit den Armen zu fuchteln. Immer rasender und eckiger:

»Das Wunder, Masser, das große Wunder! Madonna! O, Madonna! Seht Ihr es nicht? Habt Ihr nicht das Licht gesehen? Einen Engel hat mir Gott gesandt, einen Engel! Nehmt mich ins Haus, Masser Malipiero! Ihr wißt nicht, wie sie lauern. Auf Euch und auf alle, die gut sind. Ich will den Engel schützen. Nein, er braucht mich nicht. Er ist stärker als ich. Nein, büßen will ich, zehnfach büßen! O, es war so schön!«

Und er hob plötzlich das Kind empor und küßte es, küßte die Hände, die Arme, die Knie. Und preßte es an sich. Scheu stellte er es dann wieder auf den Boden.

»Nehmt Eure Sturmhaube und den Degen! Die Zechinen sollen die Bettler finden! Kommt!« Malipiero ging mit Marco weiter.

Hinter ihnen aber klirrte der wachsame Schritt des nächtlichen Enrico. –

 

Plötzlich ein ziehendes, scharrendes Geräusch. Ein schaukelnder Stoß. Dann peinigende Ruhe.

Marco Polo fuhr auf. Schon sitzend rieb er sich die noch halbblinden Augen.

»Corpo di Venere! Corpo di Bacco!« dröhnte die Stimme Enricos. »Corpi di tutti santi! Wir sitzen fest! Aus ist es mit der glatten Fahrt, porco dio!« Und ein Katarakt weiterer Flüche donnerte über die Lagune.

Marco achtete ihrer kaum. Die Veränderung der Umgebung nahm ihn gefangen: Kein Stern mehr am Himmel, kein Mond, kein Glast. Hatte er geschlafen? Blau war jetzt alles, fahl und wesenlos. Wasser und Firmament rannen als verschwommene, kalte Unendlichkeit ineinander. Nur im Norden eine dicke Nebelmasse, die gegen sie zukroch.

Das Wasser klatschte auf. Enrico war aus der Gondel gesprungen und versuchte, sie vorzuschieben.

Der Nebel rollte in sich selbst und kam näher.

Jetzt erst bemerkte der Riese, daß Marco ihm zusah.

»Legt Euch hin, Masser, schlaft, ruht! Bei der Madonna, hier ist kein Fortkommen! Keine Pflöcke, keine Zeichen weit und breit!« Er schob an, daß die Gondel krachte. Dann knurrend: »Legt Euch hin, schlaft! Was wollt Ihr tun? In einer Stunde werden wir genug Wasser haben. Was ist eine Stunde? Nicht bemerkt hättet Ihr's, wenn Ihr im Schlaf gewesen wärt.«

»Mach, was du willst!« Marco gähnte verärgert. Dann rollte er sich in seinen Mantel. Denn plötzlich schwammen sie in wallender Milch. Der Nebel hatte sie gepackt.

Als er noch kaum die Augen geschlossen hatte, waren die Fragen schon wieder bei ihm. Was hatte er für Dinge ausgesponnen die ganze Zeit? Wohin hatte sein Blick in die Kindheit ihn getrieben? Nichts war klarer, nichts deutlicher geworden. Kein Gefühl, kein Beispiel, das sich auf einen Vater bezog, hatte er gefunden.

Doch halt! Nein, es war zu lächerlich! Warum war ihm das nicht gleich eingefallen? Gab es einen eindeutigeren Fall? Sogleich war wieder das Bild da. Das Bild, das er dann in aller Ruhe zergliedern und befragen konnte.

Sein Großohm Barbigo. Derselbe Barbigo, dessen Bravi ihn seit Kindheit umlauert hatten, der angeblich krank wurde und Zufälle bekam, wenn er an das schwarze Haus der Poli dachte.

Sonntag auf der Piazza. Wer auf Rialto kennt nicht Giuseppe Barbigo, den kleinen Greis mit dem schneeweißen, spitzigen Bart, dem kreisrunden, geröteten Antlitz, der stumpfen Nase und den wässerig grauen Augen, die fast verschwimmen? Wer aber kann dazu noch die fünf Söhne übersehen? Fünf Söhne! Hier hört jeder Zweifel auf. Das ist ein Vater! Und die fünf Söhne gehen wie Holzpuppen hinter ihm her. Einer gleicht dem anderen aufs Haar. Alle fünf haben wassergraue Augen, rote Gesichter und spitze, schwarze Bärte. Ängstlich senken sie die Köpfe, wenn der Alte innehält, mit den viel zu kurzen Waden steif auszuschreiten, und sich umblickt. Fester packt der eine da das schwere Gebetbuch, der andre die brennende Kerze, der dritte den Polster, an dem Barbigo in der Kirche zu lehnen pflegt. Ähnlich sind sie zum Verwechseln, diese wortlosen Söhne. Nein, doch nicht! Der eine hat ja nur ein Auge. Das andre ist ein glänzend weißer Spalt zwischen eingesunkenen Lidern. Und ein andrer ist noch merkwürdiger gezeichnet. Die Nase beginnt erst zwei Finger unter der Stirne. Das Bein ist eingedrückt, eingeschlagen, wie herausgepflügt.

Niemand wagt zu lachen. Giuseppe Barbigo sieht alles. Und überallhin sprüht er Grauen. O, und es ist doch so lächerlich! Jetzt sind sie drinnen in der Kathedrale des San Marco, jetzt sieht sich keiner mehr um, jetzt kann man grinsen, lachen, sich schütteln.

Das also ist ein Vater? Sonderbar genug! Noch sonderbarer aber, was der entlassene Knecht dem Enrico erzählt hat. Sie dürfen nicht heiraten, die fünf. Vorderhand wenigstens nicht. Jedes Stück Brot zu Hause wird in fünf Teile geteilt, sie essen die Suppe aus gemeinsamer Schüssel. Es kommt billiger, sagt Giuseppe Barbigo. Dabei treiben sie alle Handel und die Keller und Lagerhäuser bersten.

Zwei wollten nicht mithalten. Der eine suchte sich eine Braut. Heute fehlt ihm die Braut und das eine Auge. Der andre machte Geschäfte auf eigene Rechnung. Sein Nasenbein ist flachgedrückt von einem Degengriff für alle Zeiten.

Wer tat es, wer verletzte die beiden? Ein Bravo, ein Knecht? Ein Henker?

Nein, nein und abermals nein! Der Vater tat es, der eigene Vater! Um Gottes willen! Sonntag werden sie wieder auf der Piazza ihm nachzotteln, der Einäugige wird das Gebetbuch tragen, der Nasenbrüchige die brennende Kerze. Und alle werden sich ducken, wenn er im steifen Schreiten inne hält und sich umblickt.

Uno, due, hallo, fester, uno, due! Nicht so lässig! Rudert mit euren Löffeln in der gemeinsamen Suppe, wie die Ruderknechte auf der Galeere!

Ah! Das also war ein Vater? Kein Himmel stürzte ein, kein Doge rührte sich, wenn ein Auge, eine Nasenwurzel fehlte?

Zitternd machte Marco Polo eine Gedankenbewegung zum Dolch. Doch schon gellte es auf: Verflucht seist du, verflucht, verflucht! Parricida! Vatermörder, duck dich, kriech hinunter in den letzten Winkel brodelnder Höllenglut!

Nein, es war alles Traum, alles Spuk.

Komm zu mir, mein Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe! Niemand durfte bis heute gegen dich die Hand erheben. Um so weniger wird dein Vater dich kränken! Komm! Sein Schrei, sein Jubel des Erkennens mischt sich in meinen. Wir sinken einander in die Arme, ein Stück, ein Leib. Der Wille Gottes ist erfüllt.

Was aber ist Barbigo? Nichts, nichts, sei ruhig, Marco Polo. Giuseppe ist ein Verbrecher, ein Geizhals, ein Teufel! Die Stunde furchtbarsten Gerichtes wird kommen. Nahe ist sie schon, nahe. Mein Vater wird ihn zertreten, ihn, der nach dem schwarzen Palazzo schielte.

Schlaf ein, Marco. Gedanken sind machtlos gegen das Lebendige. Das geht seinen Weg und schleppt an langen dünnen Seilen die Gedanken hinter sich her. Wie wüßte das Seil, wer es vorwärtsspannt, nachläßt, zerreißt!?

Schlaf, Marco Polo! Wachend wirst du erkennen. Schlaf jetzt – schon schaukelt die Gondel – die Sonne geht auf – nahe ist der erfüllende Tag. – – –

 

Das Tor des schwarzen Palazzos stand weit offen. Marco Polo hatte sich kaum die Zeit genommen, alle Veränderung, die wie eine nicht reif gewordene Stimmung das Pochen seines Herzens vermehrte, zum Bewußtsein zu bringen.

Leute oben an den erblindeten Spitzbogenfenstern. Ein Vorhang, der herausgeflattert war. An den Bohlen Lastbarken, hoch beladen mit Waren, zwischen die Enrico die Gondel hatte zwängen müssen.

Jetzt stand er schon in der Vorhalle. Auch hier plötzliche Bewohntheit. Stimmengewirr, Schlurfen, Hammerschläge.

Maddalena stürzte aufgeregt herbei.

»In den Hof, Masser Marco! Schnell in den Hof! Eilt Euch, Masser Marco!«

Bleierne Hemmung und rasender Vorwärtsdrang kämpften in der Brust des Jünglings. Das Unbewußte aber trieb ihn, ohne sich um Gedanken zu kümmern, hinaus.

Ein Mirakel! O, wer hat schon dergleichen erblickt?

Er starrte und starrte.

Auch Enrico brummte vor Staunen auf.

Jetzt eine scharfe metallene Stimme:

»Habt ihr verstanden? So bleibt die Reihe. Daß mir keiner umhertorkelt! Gleicher, gemessener Schritt!«

Plötzlich wieder fremde Laute, gurgelnd und hart.

Ja, er war es, er, er, er!

Der stechende Blick, das verwitterte Antlitz, der schüttere, fast wagrechte Ziegenbart. Doch wie überirdisch prächtig war er! Herrlicher noch als alle die anderen, deren jeder schon allein das Auge blendete.

Was regte sich dort auf der Schulter des Mohren? Was schlug dort mit roten Flügeln und kreischte?

Nein, zu ihm, nur zu ihm! Wie er hoch ragte in dem weißen Seidenrock, der bis zu den Knien reichte und mit hundert grellen Arabesken gestickt war. Das seidene Barett, umkränzt von flaumigem Zobel. Die roten kurzen Saffianstiefel. Und die Sonne flirrte in den Edelsteinen des krummen Säbels.

Marco trat einige Schritte vor.

Maffio Polo, gekleidet gleich dem Bruder, stieß einen kleinen bunten Kerl, der eine ellenhohe ziselierte Goldtafel steif vor sich hielt, etwas unsanft vor und krähte:

»Du hier stell dich an die Spitze! Verstehst, du Tropf? Du bist der Vorläufer.«

»Fertig! Es ist höchste Zeit!« Nicolo Polo begann zu schreiten.

Da entrollte sich das Gedränge. Knapp hinter den Brüdern zwei lange Türken mit riesigen Pfauenwedeln, hohen Turbanen und Pludderhosen. Dahinter ein Mohr mit einem Affen auf der Schulter. Einer hielt einen fremdartigen Falken. Ein anderer, ein kleiner Schlitzäugiger, hatte eine Stange, auf der ein Papagei kreischte. Truhen auf den kahlen Köpfen gedrungener Tataren. Eine riesige Schildkröte auf einer Platte, die einem Manne zu schwer war. Und Seide überall, rot, gelb, grün, in Regenbogenfarben, Schleier, geblümtes Zeug, flatternde Fähnlein, blitzende Waffen, Bogen, Dolche.

Marco stürzte vor. Jetzt kam es, jetzt war die Erfüllung da.

»Vater! Vater, hier bin ich!« Gräßlichste Erregung dämpfte den Schrei zu mißtönendem Keuchen.

Maffio kehrte sich halb herüber. Dann gab er Nicolo ein Zeichen.

Der undurchdringliche Blick des Hageren glitt stechend über Marco Polo.

»Vater! Ich bin es, Vater! Ich, Marco, dein Sohn!«

Nicolo winkte dem Zuge ein scharfes Halt. Er trat einen Schritt heraus.

Marco stand mit gebreiteten Armen da und erwartete bebend das Ereignis.

Maffio schmunzelte und pfiff schrill durch die Zähne.

Nicolo Polo aber stampfte plötzlich mit dem Fuße auf, daß es klirrte. Seine Zähne wurden sichtbar. So sehr verzerrte sich sein Gesicht. Und er schrie:

»Jetzt kommst du? Jetzt?« Und zu Maffio: »In diesem Jammeraufzuge kann ich ihn doch nicht zum Dogen mitnehmen! Porco diabolo! Dieser Malipiero hätte auch für feinere Tracht sorgen können!« Und wieder zu Marco: »Siehst du nicht, daß wir gehen? Komm zu Mittag wieder!«

Und er war schon im Zuge. »Vorwärts, macht schnell! Vorwärts! Nun, wird's bald?«

Maffio winkte noch freundlich herüber.

Enrico hob drohend die Faust, als in sonderbarem Rhythmus der farbentolle Zug durch das Hoftor den Palazzo verließ.

Marco aber stand da und konnte nichts fassen. Nichts, nichts! Unter seinen Haaren stachen tausend Nadeln brennendster Schamröte. Sein Herz flatterte. Tränen preßten sich hinauf gegen die Augen.

Komm zu Mittag wieder! Komm zu Mittag wieder! Jammeraufzug! Feinere Tracht! O, o entsetzlichstes Erlebnis! Das war der Schrei des Vaters? Das die Antwort auf die heißen Gedanken einer ganzen Nacht! Ja, komm nur zu Mittag wieder! Komm nur! Ich werde dir dann ein Auge ausschlagen oder die Nase eindreschen, je nach meiner Laune. Hoho! Uno, due, hallo, fester! Du wirst dann die Suppe löffeln mit dem Mohren und den anderen. Auch der Affe wird mitlöffeln. Er hat doch so feine Tracht! Ein jämmerliches blaues Röckchen mit Flitter und Edelsteinen. Siehst du, Affe, an dir habe ich Wohlgefallen. Du bist ein Höfling. Du darfst mit zum Dogen. Du bist meiner würdig!

Plötzlich laut und heiser:

»Mach die Gondel fertig, Enrico! Wir fahren ins Arsenal zu Malipiero!«

Der Zorn verebbte ein wenig. Hatte nicht der Oheim gelächelt und gewinkt? Wahrscheinlich verstand er selbst nur zu wenig vom Leben? O, wie prächtig, wie königlich hatte der Vater ausgesehen! Vielleicht war er nur enttäuscht, weil er auch ihn königlich schauen wollte? Er, der in den östlichen Ländern einer der Großen gewesen war. Vielleicht hatten sie gewartet auf ihn, ungeduldig gewartet? Ja, die Sandbank, die sie aufgehalten hatte bis zur Flut!

Nein, nein und dreimal nein! Für einen Blick, eine Geste, einen Kuß, für das einzige Wort genügt die Zeit eines Atemzuges. Eben Maffio hatte es bewiesen.

 

Er trat in die Vorhalle.

Da stand ein untersetzter schiefäugiger Mensch mit wichtiger Miene. Mehrere Werkleute um ihn herum. Er gab Weisungen.

»Dieses Ding hier kommt fort. Macht keine Geschichten. Schlagt es mit der Hacke herab!« Und er zeigte auf ein geschnitztes Regal, das Marco einst mit Enrico selbst verfertigt hatte.

Marco sprang hinzu.

»Was fällt dir ein? Nichts kommt herunter! Verstehst du?«

Der Untersetzte pflanzte sich breitspurig vor ihm auf. Zuerst lachte er gellend, dann spuckte er aus. Und in seinem gebrochenen Venezianisch:

»Ah, du Strolch, wie kommst du da herein? Pack dich! Noch schöner wäre es, Befehle zu geben. Willst du?«

Marco war fahl geworden.

»Was? Wie? Strolch? Warte, du Halunke!«

Und im nächsten Augenblick prasselten schon rechts und links furchtbare Maulschellen auf das Gesicht des taumelnden Aufsehers.

»Faßt ihn! Haut ihn nieder! Ein Dieb! Ein Räuber!« Letztes Aufkreischen eines Zusammenbrechenden.

Plötzlich war Enrico da, eben, als sich die Werkleute gegen den Jüngling stürzen wollten.

»Masser Marco Polo, beschmutzt nicht Eure Hände! Bei der Madonna, ich will alles besorgen!« Und er fuhr in den Knäuel, daß gleich zwei zu Boden flogen.

Marco war zum Bewußtsein gekommen und stand steif da.

Winselnd duckte sich der Schiefäugige.

»Ruhe jetzt!« brüllte Marco. »Auch du Enrico, laß ab!«

Alle Werkleute fast waren verschwunden. Mühsam krabbelten die Gestürzten auf die Beine.

»Und es wird dennoch herabgeschlagen!« keuchte der Aufseher, der sich außer Gefahr wähnte. »Masser Nicolo hat es befohlen! Da müßt auch Ihr Euch ducken, grober, junger Herr!« Er rieb sich die Wangen. »Ja, auch Ihr, auch Ihr, auch Ihr!« krähte er nochmals boshaft heraus. Dann zischte er so schnell, daß keiner ihn unterbrechen konnte: »Euer Glück, daß dieser große Kerl da Euch beim Namen rief. Dem Aussehen nach hätte ich Euch nicht für einen Polo gehalten. Ich werde es aber dem Vater sagen, wie Ihr Euch aufführt. So etwas ist doch unerhört!« Und er fing plötzlich zu schluchzen an.

»Die Ohrfeigen habt Ihr für den Strolch erhalten! Versteht Ihr? Und wenn Ihr die Wand anrührt, gibt Euch Enrico noch hundert dazu! Basta! Ja, seht ihn Euch nur an! Ich denke, Ihr werdet gehorchen. Was Ihr meinem Vater sagt, ist Eure Sache! Addio!« Und Marco kehrte sich ab.

Sein Sinn aber und sein Herz waren zerstört. Jetzt nur schnell zu Malipiero. Vielleicht wußte der einen Ausweg, einen Trost. Hieß Sohn sein wirklich nichts andres als Sklaverei? Als Sturz aus Freiheit und Selbstbestimmung? Nein! Das war es nicht. Vincenzo Mori und Malipiero wären andre Väter. Er sah es an Francesca. Vom Menschen hing es ab, vom Menschen. Nur vom Herzen. Doch nein! Ihn kannte ja der Vater nicht, wie Mori und Malipiero ihn kannten, urteilte nur nach dem Kleide. Der Aufseher hatte es bestätigt. Er war dem Aussehen nach kein Polo! Das war alles. Doch wozu wieder die Gedanken? Allein kann man nichts lösen! Fort, nur fort! Fort zu Malipiero!

Und er sprang in die Gondel und Enrico peitschte sie durch die Kanäle. – – –

 

Die Mittagssonne brannte erbarmungslos auf Piazza und Piazzetta.

Eben hatte Giuseppe Barbigo den Dogenpalast verlassen. Da er sich in öffentlichen Geschäften betätigt hatte, trug er die samtene Staatsrobe. Zwei Gewaffnete mit Hellebarden klirrten hinter ihm einher. Alles an ihm atmete höchste Erregung. Noch steifer als sonst schritt er mit den allzukurzen Waden aus, geröteter war sein Antlitz und die hellgrauen Äuglein sprühten und funkelten vor Wut.

Ein größerer Taubenschwarm tummelte sich in der Richtung, die Barbigo nahm. Zu Hunderten hockten die Tiere auf den warmen Fliesen und spreiteten die Flügel. Einige Männchen verfolgten gurrend ihre Weibchen und blähten die Hälse.

Der Ratsherr, der schon seit geraumer Zeit nach einem Gegenstande seines Zornes ausgespäht hatte, kam durch diesen Anblick sogleich in Bewegung.

»Ja, macht nur ruku, ruku, rukuuu!« Und mit heraustretenden Stirnadern ahmte er krampfhaft die Verbeugungen der Tauber nach.

»Rukuku, ruku, ruku!!« höhnte er wild und drohend, indessen die zwei Gewaffneten nur mit äußerster Kraft ein Gelächter verhalten konnten.

Plötzlich sah er die verzerrten Grimassen. Da war es um seine letzte Beherrschung geschehen.

»Esel, mehr als Esel!« brüllte er mit seiner schrillen Stimme. »Sticht euch die Sonne, oder soll ich ...?« Und als die Gewaffneten erschrocken fortsahen: »Ja, ich will euch schon Sitten beibringen!« Mitten in den Taubenschwarm sprang er hinein und versuchte die Tiere mit Stockschlägen zu erreichen.

Während es aber über seinem Kopfe nur so rauschte, da die Panik des einen Schwarmes alle andern Tauben in Aufregung versetzt hatte, schrie er überjappend:

»Denkmalbesudler ihr, Getösemacher, Unholde! Eine Schande ist es für den heiligen Marcus, eine Schande, eine gräßliche Schmach! Rupfen soll man euch, spießen und braten!«

Plötzlich, als er merkte, daß er keines der Tiere treffen konnte, riß er sich zusammen und setzte sich wieder in gemessenen Schritt.

Er bog in ein schmales Gäßchen ein, das zu einer Riva führte. Hier, auf dem Kanale, mußte seine Gondel kommen. Warum war sie noch nicht da? Hätte er sie doch lieber warten lassen. Nein, es war schon besser so. Sicherlich hatte der Gondolier inzwischen einige Fahrten gemacht und Geld eingenommen. Kein Groschen ist wertlos. Aus Einern werden Zehner, daraus Hunderter, Tausender und daraus endlich der Reichtum. Häuser baut man nicht vom Dach abwärts. Auch nicht aus Wänden, sondem aus kleinen Steinen.

Unvermittelt packte ihn eine Welle von Zorn. Auf der engen Riva kam ein ganzer Troß von Gewaffneten angeschritten. »Warum ärgern mich diese Kerle?« murmelte er zu sich selbst. »Ah, ich weiß, sie erinnern mich. Sie erinnern mich an dieses schändliche levantinisch - sarazenische Rudel. Pfui!« und er spie in den Kanal. »Ein elender Aufzug war das mit dem Affen und der Schildkröte. Pfui! So etwas tun Schalksnarren, aber Männer lassen solche Dinge.«

Das fremde Gefolge war nähergekommen. Schon sah man deutlich den Führer. Ein hoher, ungemein breitschultriger Mann, über dessen Panzer der weiße Ordensrittermantel wallte. Ein kleiner Kopf an langem Halse. Milchweiße Locken und in sonderbarem Gegensatz dazu ein schwarzer Bart, der vom Kinn sich in einer Schneckenwindung herabdrehte, so daß die Spitze seitwärts stand.

Barbigo war wie ausgewechselt, als er den Fremden erkannte.

»Ein Erzengel sendet Euch her, Masser! Schnell, ich habe mit Euch zu reden!« krähte er achtlos.

Der Fremde neigte würdevoll den Kopf und schritt ihm rasch entgegen.

»Staatsgeschäfte, Ränke, Verbrechen!« schrie Barbigo noch lauter.

Der Weißlockige machte eine Geste gegen umherlungerndes Gesindel, das am Rande der Riva hockte. Eben horchten einige auf und einer machte sich eilends aus dem Staube.

»Recht habt Ihr! Recht, sehr recht, edler Tedesco!« setzte Barbigo fort, als er dem Ordensritter die Hand drückte. »Kein Wort darf man reden, kein Zeichen machen, kaum denken! Eine Schande ist es für den heiligen Marcus, eine große, schwere Schande. Da lungern die Späher überall um die Piazza herum in den Gassen. Jeder weiß schon nachmittags, daß der Ratsherr Barbigo mit dem Gesandten des deutschen Kaisers Staatsgeschäfte besprochen hat. Schuld ist nur die Gondel! Ah, die kommt schon!«

»Ist es etwas Dringendes? Ich meine etwas unmittelbar Bedrohliches?« versuchte der Deutsche, dessen stahlharter Blick auf Barbigo ruhte, in den Redeschwall einzudringen.

»Ja, das ist es!« Der Ratsherr schnitt sofort weitere Fragen ab. »Eine Languste habe ich zu Hause, groß wie ein Lamm, und Wein aus Xeres. Kommt mit mir! Es soll mich ehren!«

Der Ordensritter war sprachlos. Barbigo lud ohne Not auf der Straße einen flüchtig Bekannten zu einem Leckerbissen ein? Und wollte Xereswein kredenzen? Wann war derartiges erfolgt? Der Grund mußte ungeheuer sein. So nickte er freundlich lächelnd mit dem Kopf und sagte, nachdem er sein Gefolge durch einen Wink aufgefordert hatte, den Weg allein fortzusetzen:

»Gerne, wenn ich Euch nicht beraube!«

»Berauben?« Eine Art von Erkenntnis würgte im Halse Barbigos. Doch die Schwere des Falles überwog. Er zwang sich zu gewinnendem Lächeln, das allerdings nur zu häßlicher Pfiffigkeit gedieh und quiekte: »Was fällt Euch bei? Wähnt Ihr, daß mir das Zeug schmeckt ohne Gäste? Und dann – was wollte ich nur sagen? – nun, und dann ist es doch Mittagszeit, ich muß mit Euch sprechen, es geht Euch nämlich fast mehr an als mich. So etwas ist leichter beim Glas besprochen als in der Gondel. Oder ist Eure Zeit knapp?«

»Nein, habt keine Sorge!« Der Ordensritter hatte jetzt einen kaum merklich boshaften Ton in der Stimme. »Zudem sind Langusten mein Lieblingsgericht und ich bin sehr hungrig!«

»Wenn sie nur groß genug ist für Hungrige, die Languste!« und Barbigo schnitt eine Grimasse, als er seinen Gast durch Zeichen bat, die Gondel zu besteigen.

 

Nach kurzer, schweigender Fahrt glitten sie mit dem Fahrzeuge in das dumpfige Wasserportal des uralten Palazzos, dessen Granitbau rötlich schimmerte. Zwischen den schweren Quadern aber bröckelten unverputzte Ziegelsteine.

Barbigo und sein Gast stiegen eine gewundene Treppe hinan und betraten einen düsteren Saal, durch dessen hohe Spitzbogenfenster glasig bläuliches Licht hereinströmte. Sie hatten noch nicht den schweren Eichentisch erreicht, als schon eine Türe knarrend aufgestoßen ward und ein seltsamer Aufzug sich hereindrängte: Fünf hagere, spitzbärtige Männer, gleich gekleidet, gleichen Gesichtsausdruckes, fast in nichts voneinander zu unterscheiden. Erst ein näherer Blick erschrak über des einen ausgeronnenes Auge und des anderen eingedrücktes Nasenbein. Neun wässerig graue, verschüchterte Augen richteten sich auf den Vater, forschend, ob Gefahr im Anzuge sei.

Barbigo aber hatte sie noch kaum wahrgenommen, als er schon rief:

»Packt euch, dreht euch auf den Fersen! Ich will heute mit dem Gaste allein sein. Eßt, wo ihr wollt! Nun, wird's bald?«

Der Gesandte verzog in verdächtiger Art den Mund und verbarg seine Erheiterung dadurch, daß er zu den Söhnen hinübergrüßte.

Diese aber schlurften schon, einander drängend, zur Türe hinaus, die sich schleunigst hinter ihnen schloß.

»Ihr sagtet, daß Ihr Hunger hättet? Wenn ich Euch recht verstand? Wir werden gleich beginnen.« Barbigo ergriff, während sie sich setzten, eine Glasglocke, die er in pedantisch abgehackten Rhythmen schrillen ließ. Dabei sah er, wohlgefällig über die Genauigkeit seiner Einrichtungen, zum Gesandten.

Ein Diener erschien wie aus dem Boden gewachsen.

»Schöner Klang, was? Habe sie selbst in Murano fertigen lassen. Kennt Ihr so etwas in Deutschland?«

»Wir ziehen Metall vor!« antwortete lächelnd der Ordensritter. »Unsere Hände sind nicht zart genug für solche Kostbarkeiten!«

»Sehr gut, sehr gut!« jappte Barbigo. »Ja, wir Venezianer sind eben weibische Schwächlinge. Doch das wolltet Ihr vielleicht gar nicht sagen? Ich bin heute sehr ärgerlich.« Zum Diener gewendet: »Nun, was stehst du da umher? Marsch hinaus! Salat, Languste, Brot, Xereswein! Halt, nicht davonlaufen!« Der Diener schoß hin und her. »Zwei Pokale! Wohlgemerkt, einen aus Kristall, einen aus Gold. Der Masser Tedesco zieht Metall vor. Er hat schwere Hände. Jetzt hinaus!«

Der Diener war verschwunden.

»Nun, edler Senator?« Der Gesandte schraubte seinen Bart mit wuchtiger Hand nach links und sah Barbigo hart lächelnd an. »Ich wähnte, es gäbe Staatsgeschäfte, Ränke, Verbrechen? Wollt Ihr mir etwas mitteilen oder andeuten?«

»Recht habt Ihr!« Ein Fausthieb Barbigos auf die Tischplatte. »Ja, Ihr habt recht. Aber ich will mir den Appetit nicht verderben.« Ein zweiter Fausthieb folgte. »Elendes Gesindel, diese Poli. Gesindel sage ich, Gesindel und noch einmal Gesindel! Es ist eine Schande für den heiligen Marcus, eine gräßliche Schmach. Nein später, werter Freund. Der Diener ist da. Basta! Gesindel!« Noch einmal zum Abschluß ein besonders wuchtiger Hieb.

Huschend schnell stellte der Diener alles auf den Tisch. Eine ungeheuere Schüssel Salates, der stark nach billigem Öl duftete, die sagenhafte Languste, die wenig über eine Spanne lang war, einen mächtigen Brotleib und die hohe ziselierte Weinkaraffe. Den Kristallpokal schob er seinem Herrn hin, den kleinen goldenen Becher reichte er dem Gesandten. Dann machte er sich davon.

Barbigo fing sogleich zu jammern an:

»Sagte ich Euch nicht, daß für Hungrige zu wenig da ist? Seht, wie man mich mit der Languste betrogen hat. Meine schlimmsten Befürchtungen sind überholt!«

Der Gesandte lachte gutmütig.

»Macht Euch keine Sorge, Masser! Es gibt doch auch verschieden große Lämmer!«

»Ah, das ist anzüglich, sehr gut, sehr witzig, echt deutscher Witz, echt deutscher Witz!« Das Gesicht rötete sich und die Äuglein funkelten boshaft. »Nein, lassen wir das. Wein ist genug da, daß wir selbst wie Zicklein springen werden, wenn wir ihn austrinken.« Er schnitt mächtige Scheiben vom Brote herunter. »Kennt Ihr den Wein? Nicht? Nun, da eßt nur nach jedem Schluck tüchtig von diesem vorzüglichen Roggenbrot. Das einzige Mittel, daß das Aroma ganz zur Geltung kommt.« Schon ging er mit gutem Beispiel voran. »Sehr viel Brot wird bei mir gegessen. Nur Schlemmer essen kein Brot. Denkt an die heilige Schrift, Masser. Brot ist die Urnahrung, es ist die Königin der Speisen, das Rückgrat der Kraft und Gesundheit!«

Der Gesandte erhob den Becher. Er leerte ihn auf einen Zug, nahm dann ein Krümlein Brot und sagte liebenswürdig:

»Ihr seid ein scharfer Kenner, Masser Barbigo. Ich werde jetzt nach jedem Schlückchen ein Stück Brot essen!« Damit füllte er schon den Becher.

Der Senator würgte an einem Fluche. Im letzten Augenblick besann er sich, daß Wichtigeres auf dem Spiele stehe, und ahmte vor sich selbst ein ersticktes Husten nach. Dann warf er seinen Zorn in die erlösendste Richtung und keifte unvermittelt:

»Kennt Ihr die Tataren, Masser? Ich denke, Ihr kennt sie? Wenigstens sagt man so!«

»Was fragt Ihr mich?« Plötzlich war jede Schalkhaftigkeit aus den Zügen des Gesandten gewichen. Scharfer Ernst lag in seinem Tone: »Sind das die Ränke? Droht dem Abendland neues Unheil, da noch Poloniens und Hungariens Dörfer von Brand und Mord dampfen?«

»Das Unheil droht!« Barbigo schüttelte die Glocke. Dann weiter: »Also, Ihr kennt sie? Sagt mir es deutlicher. Haltet Ihr die Tataren für gefährliche Gegner?«

»Gefährliche Gegner? Was sind das für Worte?« Der Deutsche stürzte hintereinander einige Becher Weines hinunter. In düsterer Glut: »Der Teufel selbst sind sie, der Erzfeind, eine Rotte von unbarmherzigen Gespenstern! Ich selbst focht an der Liegnitz. Einer der wenigen bin ich, die davon kamen. Und das auch nur, weil ich verwundet in ein Bächlein fiel und für tot dort lag.«

»Nun, dann hört! Von der Schlacht werdet Ihr mir später erzählen!« Barbigo beugte sich vor.

Der Eintritt des Dieners unterbrach seine Worte.

»Wer hat dich gerufen, Schelm!« schrie er erbost.

»Ihr habt geläutet, Masser!« flüsterte erschreckt der Diener und krümmte den Rücken.

»Dann habe ich eben zur Unzeit geläutet! Ah, ich weiß schon. Hier Masser, nehmt Euch vom Salat. Greift nur tüchtig zu. Und noch ein Stück Brot oder mehr. Ich muß die Schüssel den Söhnen senden. Sonst büßen sie den Sinn für Pünktlichkeit ein: Ja, qualis rex, talis grex, sagt der Römer, wenn Ihr das versteht!« Und er teilte vor.

Als der Diener mit der Schüssel und dem Reste des Brotes in der Türe stand, setzte Barbigo den abgerissenen Gedanken fort:

»Also hört!« Breit und triumphierend. »In Venedig sind seit gestern Leute. Was sage ich Leute? Nicht irgendwer. Adelige Venezianer sind es, die dem Dogen frank und frech erklären, daß der Erzteufel, der große Khan der Tataren, ein herrlicher, gebildeter, schöner, gütiger – ich weiß nicht, was noch für ein Mann sei, daß sein Reich ein Sammelsurium von guten, unvorstellbaren, gerechten Einrichtungen wäre und daß nichts mehr anzustreben sei für die Christenheit als die Huld und das Wohlwollen dieses Ausbundes aller Tugenden. Habt Ihr genug? Das Schönste sagte ich noch nicht!«

»Ja, Weltbeglücker sind das!« Der Gesandte lachte bitter auf. Dann ernst und eindringlich: »Es war ein großes, mutiges, ein gottbegeistertes Heer, das wir der schlitzäugigen Flut entgegenwarfen. Alle Wappen des Abendlandes gleißten auf der Walstatt. Wer sollte uns schlagen? Keiner von uns dachte an Niederlage. Und der funkelnde Lanzenwald brauste vorwärts.« Der Ritter beugte sich vor. Stoßweise und keuchend, während seine Augen in wildem Erinnern loderten: »Dann kam es. Wie Wolken schossen sie heran, die kleinen Kerle, auf ihren winzigen, zottigen Rossen. Weich, ungreifbar. Wir stürmten klirrend und tosend in die Wolke. Sie zerstob nach allen Seiten. Wir hieben Hunderte, Tausende nieder. Wie ein unverwundbarer Dämon saß mancher, der eben vom Rosse getaumelt war, plötzlich wieder droben. Und das Schwirren der Pfeile durchsurrte gräßlich die Luft. Stets wütender hieben wir drein. Sie flohen. Sie rissen die Pferde herum. Ha, Masser, wißt Ihr das Gefühl, das damals das Christenheer durchbrandete? Keiner kannte mehr Grenzen. Nieder bis zum letzten Mann! Nach, nach, nach!« Er senkte den Kopf.

»Zauber? Hinterhalt? Was dann? Was taten die Teufel?« Barbigo starrte hochgerötet den Gast an. »Zauber? Ich weiß es nicht! Hinterher wurde viel gefabelt!« Müde klang die Stimme des Deutschen. »Nein, ich wähne eher, daß es der Sieg von Bienenschwärmen über den Bären war. Wir lösten unsere Rudel bei der Verfolgung auf. Plötzlich wuchsen in den Flanken neue Scharen empor. Für zehn Erschlagene erstanden hundert Neue. Und die Pfeile schwirrten. So sank einer von uns nach dem anderen aus dem Sattel und das letzte Häuflein glaubte noch an Sieg, da es nicht sah, daß die anderen, alle anderen schon mit durchbohrten Hälsen, Knien und Weichen unter den Pferden lagen. Es waren Giftpfeile, Masser! Auch in meinem Halse stak ein Geschoß. Ich starb nicht, weil die Spitze mit dem Gift am Rande der Brünne abgebrochen war. So lag das Abendland schutzlos vor den Teufeln. Sie aber kehrten um, trotz unsrer Vernichtung. Das war das Wunder, Masser, das bis heute niemand erklärt hat. Doch lassen wir das! Ich will Euch jetzt antworten.«

Barbigo unterbrach:

»Sehr wunderbare Einrichtungen, die Ihr schildert. Ich wußte es ja. Hinterlist, Feigheit, Treulosigkeit, Niedertracht. Was sie mit den Unterworfenen trieben, ist bekannt.«

»Ja, seht, Masser, ich halte es trotz all der Scheußlichkeit für möglich, daß die oberste Leitung dieser Mordbanden, dieser seelenlosen, gottverlassenen Schwärme einem Fremden vielleicht höchstes Ebenmaß, Planmäßigkeit und Ordnung, vor allem aber redlich erworbenen Reichtum vortäuschen konnte. Was sagt der Eindruck eines einzelnen Venezianers, der vom Khan gut aufgenommen wurde?«

»Es handelt sich nicht um den Eindruck!« Barbigo war aufgesprungen und in steifer Erregung ganz nahe an den Gast herangeschritten. Plötzlich schrillte er heraus: »Verrat an der Christenheit, Verrat, Gottesfrevel! Gesandte des Großkhans sind die Poli, versteht Ihr? Gesandte mit Vollmacht und Briefen, Geschenken und Pakten. Späher sind sie, gekaufte Spione. Nicht einmal Späher. Sind sie doch des Großkhans treue Diener. Hier aber täuschen sie jeden. Denn unwillkürlich vergessen wir ihr Amt und sehen nur die zurückgekehrten Landsleute in ihnen. Was sagt Ihr jetzt?«

»Es ist unmöglich!« Fassungslos starrte der Ordensritter.

»Was ist unmöglich?« lachte Barbigo. »Wirklich ist es, wahr und leibhaftig! Beim Dogen waren sie heute und er hat ihre hochmütigen Botschaften ruhig angehört. Geehrt sind sie worden, alles dürfen sie erfahren. O, ich weiß, sie werden rasch wieder verschwinden. Oder hier bleiben zum Schein und Boten entsenden. Dann aber werden wieder die schlitzäugigen Schwärme heranbrausen und nicht früher haltmachen, als bis sie die Rosse im Ebro getränkt haben!«

»Es darf nicht sein! Was soll man tun?« Jede Sicherheit war aus dem Antlitze des Gesandten gewichen.

»Konfiskation des Vermögens ist das erste!« jappte der Ratsherr heraus, wobei sich seine Züge in boshafter Freude verzerrten. »Keine Zechine dürfen sie besitzen, dann kann vielleicht Venedig die Geheimnisse billig kaufen.«

»Wie aber sollen wir das tun? Sie sind doch Gesandte?«

»Ja, aber nicht mehr Venezianer! Unsere Rechtsgelehrten werden das schon besorgen. Anklage als Feinde der Christenheit, Konfiskation des liegenden Besitzes wegen Auswanderung und neuer Bürgerschaft. So etwas wird gehen. Vor allem Konfiskation des Besitzes! So ein Gesindel, diese Poli! Und das sind meine Verwandten, Masser, meine Vettern. Stellt Euch meine Lage vor!«

Es klopfte heftig an der Türe.

»Was gibt's?« schrie Barbigo wütend.

Der Diener stürzte herein.

»Masser, dringende Botschaft! Ein Mohr ist draußen!«

»Herein mit ihm!«

Der Deutsche war aufgestanden und ging sinnend auf und nieder. Wo waren die Ränke? War er nur zum Werkzeug eines Familienzwistes ausersehen? Er lächelte grimmig: Die Languste stand noch unberührt auf dem Tische.

Ein buntgekleideter Negerknabe warf sich vor dem Ratsherren aufs Antlitz. Dann erhob er sich in kniende Stellung und überreichte ihm einen Brief auf goldener Platte, deren Rand von Karfunkeln schimmerte.

Barbigo verfärbte sich.

»Das Siegel der Poli! Ist die Frechheit auf Erden ohne Grenzen? Eine Schande für den heiligen Marcus!« Er zischte nur mehr und öffnete wutzitternd das Schreiben. Er hatte aber noch nicht zwei Zellen überflogen, als er schon den Neger mit wilder Geste anschrie:

»Hinaus! Ich werde antworten! Pack dich!«

Der Knabe, der anscheinend nur die fortweisende Gebärde verstand, huschte schleunigst davon.

Barbigo aber stampfte, scharf beobachtet vom Gesandten, mit seinen allzukurzen Waden auf den Boden, daß die Karaffen und Pokale klirrten.

»Hört!« keuchte er, als er sich mühsam gefaßt hatte. »Hört, was sie schreiben!« Und er las mit schriller, höhnischer Betonung: »Geliebter Oheim! Das Fest unsrer Wiederkehr wäre für uns kein Freudenfest, wenn dabei unsre Verwandten fehlten, die all die Zeit des Fernseins unsrer in sorgenvoller Liebe harrten. Ehrt uns also am vierten Abend nach Erhalt dieses Schreibens durch Eure Anwesenheit und vergeßt nicht, alle mitzubringen, die Euch lieb und verwandt sind. Maffio und Nicolo Polo.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause.

»Nun?« Der Gesandte trat nahe an ihn heran. »Habt Ihr Euch nicht getäuscht, Masser? Vielleicht sind die Poli besser, als sie Euch scheinen?«

»Besser als sie scheinen? Sagt das nicht noch einmal! Bei Gott, ich könnte vergessen ... ! Besser? Nein, so etwas! Ja, schlau sind sie. Anhang haben sie. Geld haben sie und Macht. Schlechter sind sie, zehnmal schlechter! Besser als sie scheinen? Masser, Ihr wißt wohl nicht, was Ihr sagt?« Barbigo hüpfte von einem Bein aufs andre vor Erregung.

»Seid Ihr fertig?« Kalt und abweisend fragte es der Gesandte.

»Was wollt Ihr? Habe ich Euch verletzt? Begreift doch, daß ...«

»Ich frage, was Ihr von mir wollt?«

»Erratet Ihr's nicht? Seht Ihr's nicht? Konfiskation des Vermögens ist das erste! Nein, blickt mich nicht so verweisend an! Ihr müßt doch meine Lage bedenken! Ich kann als Verwandter nicht verklagen. Sie laden mich ein, sie schmeicheln, sie täuschen Liebe vor. So ein Gesindel! Und ganz Venedig weiß, daß wir uns hassen seit jeher. Auch der Doge weiß es. Nun, ich setze mich ins Unrecht, habe ihre Rache am Halse. Gefährlich sind sie. Selbst der Junge ist ein Teufel. Und das Ärgste: Es würde nichts geschehen zur Abwendung des Unheils! Ihr aber, Masser? Nun, wo werden die Tataren zuerst einbrechen, in Deutschland oder in Venedig? Wer will mit Pferden Venedig erobern? Wozu haben wir unsre Galeeren? Versteht Ihr mich endlich? Aber vergeßt nicht: Das erste ist Konfiskation des Vermögens!«

Er sank in den Stuhl zurück.

Der Deutsche blickte ihn lange mit verächtlichem Zorne an. Dann wandte er sich zum Gehen und sagte schneidend:

»Ich verstehe Euch voll und ganz, Masser! Ich kann, ich darf auch nicht anders handeln, als Ihr es wollt. Wenn Eure Anklage wahr ist, dann müssen die Poli als Feinde der Christenheit vernichtet werden. Ich aber – versteht mich recht –- hätte vorerst versucht, die Blutsverwandten von ihrem Tun abzubringen, bevor ich... Genug! Ich danke Euch für die Gastfreundschaft!« Er reichte ihm steif die Hand.

Barbigo aber fuhr auf:

»Wie sagtet Ihr? Was geht Euch mein Charakter an? Ich habe schon meine Gründe. Mir wenigstens steht die Christenheit höher als zufällige Blutsbande. Laßt solche Bemerkungen.

Ich möchte darum gebeten haben.« Plötzlich gedämpft und vertraulich, während er die Hand ergriff: »Versteht mich, niemand darf wissen, daß ich Euch einweihte! Denn der Senat wird wahrscheinlich mir die Verwaltung des konfiszierten Vermögens übertragen. Sonst würden die Leute glauben...«

»Schon gut!« Der Gesandte ging. An der Türe rief er noch zurück: »Vergeßt nicht, mich durch einen Boten zu verständigen, wenn Ihr Neues erfährt!« Dann drückte er die Türe geräuschvoll ins Schloß.– – –

 

Schon zum dritten Male hatte Marco Polo dem Enrico ein Zeichen gegeben, am schwarzen Palazzo vorbeizufahren. Stets hatte es ihn wieder zurückgetrieben.

Er haderte und schalt mit sich selbst. Doch die zwei Grundstimmungen seiner Seele rissen ihn vor und zurück. Feigling nannte ihn die eine Zone seines Gemütes. Warum wich er aus, was ward besser dadurch? Mußte man aber nicht feig werden, wenn selbst Freunde Verrat übten? Verrat? Welch großes Wort! Ja, es grenzt an Verrat, wenn ein Mann wie Malipiero sich nicht auf seine Seite schlug. Zur Geduld und Rücksicht hatte er ihm geraten und seine Heftigkeit, seine harten Gedanken sogar getadelt. Da drängte die zweite Stimme herauf: Ausgestoßen, heimatlos, verbannt! Mit was für Gefühlen war er sonst dem Palazzo nahegekommen?! Mein Haus, mein Besitz! Verteidigt gegen eine Welt von Widersachern. Keiner hatte es ihm abgejagt. Und jetzt? Wer war er, er, der kaum wagte, geduckt und leise die Schwelle zu übertreten, und wehrlos auf neue Schmach gefaßt sein mußte?

»Leg an, Enrico! Sei es, wie es will!« entschied sein Unbewußtes, das müde des Zwiespaltes Entscheidung herbeisehnte.

Er stand in der Vorhalle. Sein erster, halb ungewollter Blick fiel auf die Stelle, wo das verhängnisvolle Regal die kahle Wand unterbrach. Doch was war das? War seine Macht doch größer, als er gewähnt hatte? Da hing es ja, sauber gescheuert, und darauf stand eine Reihe kostbarer fremdartiger Bronzen und Vasen in bizarrsten Formen. Was war das? Ein Zufall?

Plötzlich, als er den Gedanken kaum noch zu Ende gedacht hatte, fühlte er eine plumpe Hand, die ihn zärtlich über die Achsel in die Wange kniff.

Er fuhr herum. Alles Blut schoß ihm zu Kopf. Denn hellauf lachend stand, angetan in leichte, geblümte Gewände, Maffio feist und vergnügt vor ihm.

»Ha, gefällt dir das, mein Bürschchen? O nein, das ist kein Zufall, daß es noch dahängt. Zufälle gibt es bei uns nicht. Wir wissen und sehen alles!« Und er schüttelte sich vor Lachen. Dann zu Enrico, der eben eintrat: »Du, geh jetzt essen! Heute ist Festschmaus. Man hat dir genügend aufgehoben. Auch der Lohn für ein halbes Jahr, natürlich im Nachhinein, liegt schon bereit. Vornehm, was? Zwölf oder mehr Jahre hast du umsonst gedient. Aber ich habe ihn schon angesetzt, daß du zufrieden sein wirst. Nur tu mir den Gefallen und erschlag mir keinen vom andren Gesinde! Ich brauche jeden einzelnen, hahaha!« Wieder schüttelte er sich.

Marco starrte betroffen auf den Oheim.

Enrico, der wenn möglich noch weniger von allem verstand, küßte Maffio die Hand und stammelte etwas von Dank.

»Ja, noch etwas. Du bist Custode des Hauses und außerdem der Person des jungen Maffer zum Schütze zugeteilt. Für entsprechende Tracht wird gesorgt werden. Addio!« Und er winkte ihn freundlich hinaus.

»Nun zu dir, mein süßer Neffe!« Unvermittelt preßte er Marco an sich und küßte ihn. Als er sich losgelöst hatte, hub er neuerdings schallend zu lachen an.

Was war vorgegangen? Konnte man sich so täuschen? Hatte man noch nichts von dem Auftritte mit dem Aufseher erfahren? Marco begann sich zu schämen. Wozu hatte er Malipiero gegenüber seine Verwandten angeklagt? Ja, er war sehr kindisch und heftig. Malipiero hatte recht. Aber der Vater? Wer wußte, was folgen würde? Maffio hatte ihm schließlich schon am Morgen ein Zeichen seines Wohlwollens gegeben.

Eben wollte er den Mund auftun, als Maffio schon herausplatzte:

»Nein, so etwas! So habe ich schon lange nicht gelacht! Ja, Marco, mein Bürschchen, du bist ein echter Polo. Geboren zum Herrschen und Befehlen. Recht hast du gehabt. Das wäre noch das Schönste, wenn jeder Handwerker hier Vorschriften machen wollte. Am wenigsten verdienst du es, der unser Haus all die Jahre beschützt hat. Siehst du, mein Söhnchen, ich habe sofort, als ich mich vom Lachen über die geschwollenen Backen des erbosten Aufsehers erholt hatte, dein Regal scheuern und durch kostbare Kunstwerke ehren lassen. Du sollst doch nicht das Gefühl bekommen, daß wir von heute auf morgen wie die Plünderer ins Haus brechen. Nein, sei getrost! Die Poli halten zusammen. Und dann muß das Gesindel, das ohnedies stets zu Aufruhr neigt, sehen, wer der Herr ist. Du bist ein echter Polo. Recht hast du gehabt. Du wirst im Leben deinen Weg machen. Nein, habe ich gelacht!«

Marco war einen Augenblick sprachlos. Fast hätte er sich niedergekniet und für kaum begangene Sünden um Vergebung gefleht. Keine vernünftige Antwort fiel ihm ein. Was sollte er sagen? Halb unbewußt brachte er vor:

»Vielen Dank, tausend Dank! Es scheint dir sicher kindisch, aber ich habe das Ding mit Enrico selbst gefertigt...«

»Verstehe schon, verstehe! Erklärungen sind gar nicht nötig. Was einem Polo gefällt, gefällt ihm. Basta! Wir haben Gott sei Dank die Macht, einen eigenen Geschmack zu besitzen. Übrigens, du munterer Ausreißer, warum bist du nicht zu Mittag gekommen, he? Bist wahrscheinlich die Ordnung nicht gewöhnt? Macht auch nichts! Alles läßt sich regeln.« Plötzlich sah er Marco pfiffig an. »Oder vielleicht gar beleidigt, well wir am Morgen etwas kurz angebunden waren? Das darfst du nicht krumm nehmen, Marco! Alles zu seiner Zeit! Wir sind Kaufleute, Gesandte, was weiß ich, was wir alles sind. Jeder ist auch nicht so beweglich wie ich. Dein Vater hat Schweres erlebt. Er freut sich innig auf dich. Geh jetzt hinauf, er wartet schon. Und komm dann wieder zu mir. Ich werde dann mit dir einkaufen gehen. Schön werden wir dich herausputzen!« Er versetzte Marco einige vertrauliche Püffe und pfiff vergnügt durch die Zähne.

»Nicolo ist oben!« setzte er noch hinzu, drehte sich freundlich ab und ging, gegen den Hof zu, hinaus.

Marco hätte am liebsten aufgeschrien und mit den Fäusten getrommelt vor Lust. Solche muntere, kluge Verwandte hatte das Geschick ins Haus geschneit? Wild trieb er mahnende Stimmen zurück, die ihn vor oberflächlicher Beurteilung warnten. Nein, und dreimal nein! Maffio war kein böser, kein falscher Mensch. Im Gegenteil. Er verstand vielleicht sogar manches an ihm, das Malipiero und Vincenzo versteckt getadelt hatten. Und noch etwas, das er sich nicht einzugestehen wagte: Die zaubrische Macht des verachteten Reichtums, die Leichtigkeit und Freiheit, die er gewährte, begannen über ihn ein wenig Gewalt zu bekommen. Er fing unwillkürlich zu träumen an. Was würde er Francesca, der bescheidenen, sparsamen Francesca schenken können? Vielleicht gar ein Geschmeide, einen Edelstein, eine kostbare Vase?

Nein, jetzt galt es nicht zu träumen. Jetzt kam das Entscheidende. Die Frage, ob auch des Vaters Herz sich ihm so schnell öffnete wie das Gemüt des Oheims.

 

Mit angehaltenem Atem pochte Marco Polo an der schweren Eichentüre. Ein gedämpfter Ruf der Erlaubnis drang an sein summendes Ohr. Halb im Taumel faßte er die Klinke und trat einen Schritt in das kleine Gelaß. Dann stockte er schüchtern und harrte neuer Aufforderung.

Nahe beim Spitzbogenfenster, wo der Boden des Zimmers um zwei Holzstufen erhöht lag, saß der Vater in seinem hochlehnigen Stuhle an einem kleinen Tischchen. Ein faltiges Seidengewand umfloß die ganze Gestalt. Besonders die Ärmel mit den weiten, karmoisinroten Stulpen erzeugten fremdländischen Eindruck. In der einen Hand hielt er einen kugelig geschliffenen Kristall, der an einem Stiele befestigt war, und blickte durch dieses Gerät auf einen Edelstein, den er mit der anderen Hand eben einem klappernden Ledersäckchen entnommen hatte und jetzt gegen das Licht hielt.

Sein spärlicher Ziegenbart ragte fast wagrecht und eines seiner Augen hatte er, um besser zu sehen, zugekniffen.

Nachdem er den rötlichen Karfunkel von allen Seiten betrachtet hatte, legte er den gestielten Kristall hin, ergriff eine Wage und warf kleine Gewichtchen in die Schale. Dann ließ er das Zünglein spielen und notierte rasch einige Angaben in ein aufgeschlagenes Buch.

Schließlich setzte er den geprüften Stein in eine der zahlreichen Öffnungen eines dicken schwarzen Brettes, das auf dem Tischchen lag und das Marco jetzt erst mit Staunen gewahrte. Denn wohl hundert Karfunkel glitzerten darauf in unterschiedlichsten Farben.

Nur wenige Augenblicke hatte die Tätigkeit gedauert, doch zu lange für den ungestümen Drang Marcos. Schon stieg ihm grelle Röte von Scham und Enttäuschung ins Antlitz.

Da kehrte sich der Vater plötzlich herum und sah ihm voll ins Gesicht. Und ein sonderbares, halb erzwungenes Lächeln freundlicher Aufforderung legte die verwitterten Züge in tausend Fältchen und machte die Augen noch kleiner, noch stechender.

»Sei gegrüßt, mein Sohn!« sagte er feierlich und seine Stimme klang wie Glockengut. »Tritt näher und umarme mich!«

Eine Welle sinnlos heißer Liebe, verzehrender Erfüllung brauste durch Marcos Gemüt. Wirr schoben sich die Sehnsüchte und Gedanken der Nacht durcheinander. So erkenne ich dich endlich, mein Sohn! Mein Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe! hörte er aus dem Klange der Stimme. Und er kam erst zum Bewußtsein, als er auf den Knien vor dem Vater lag und die harten sehnigen Hände mit wilden Küssen bedeckte.

Nicolo schloß für einen Herzschlag überwältigt die Augen. Dann aber befreite er sanft die eine Hand aus den Händen des Sohnes und streichelte eckig und ungelenk sein Haupt. Dabei sagte er wie zu sich selbst: »So war also mein gräßliches Leiden nicht vergebens. Neue Zweige, neue Blüten trieb das schwarze Haus der Poli.«

Und er zog Marco zu sich herauf und umarmte ihn lange.

Dann ließ er ihn wieder auf die Knie zurückgleiten und behielt die Hand wie segnend auf seinen Locken.

»Dein Leben hat sich von gestern auf heute von Grund aus verändert. Sei gerecht, geduldig und dankbar!« tönte unvermittelt die Stimme des Vaters.

»Ich liebe dich, Vater! Und aus dieser Liebe wird alles entspringen, sie wird alle Widerstände zerbrechen!« hastete Marco hervor, den neue Reue über sein Gespräch mit Malipiero ankroch.

»Widerstände?« Der Ton Nicolos war hart geworden.

»Widerstände?« wiederholte er. »Was sollte es für Widerstände geben, da sich dein Los nur zum Besseren wenden kann? Doch ...« und sein Ton wurde weicher, da er den Schrecken Marcos fühlte, »doch ich wollte sagen, daß auch ich gerecht sein muß. Du bist ein wilder Vogel, den selbst goldene Gitterstäbe entsetzen.«

»Nein, so meinte ich's nicht! Liebe ist für mich kein Käfig. Auch gehorchen kann ich!« stammelte Marco verwirrt. »Ich weiß jetzt selbst nicht, was ich mit den Widerständen meinte!«

»Dann wollen wir nicht mehr davon sprechen!« Unbedingt und abschließend war Nicolos Antwort. »Doch um andres zu erwägen: Steh auf, Marco, und sieh dir die Edelsteine an!«

Marco stand schon vor dem Tischchen. Da wies Nicolo in freundlichem Erklärertone mit dem Mittelfinger der rechten Hand gegen die Karfunkel:

»Ich glaube dir's, daß du erstaunt bist, Marco. Sieh, das hier, der blaue ist Lapislazuli, das Rubin, das Chrysopras. Das ist kaiserliches Jade, das sind rote und das weiße Korallen. Amethyst, Smaragd, Bernstein, Diamant dürftest du kennen. Das ist Azur, das chinesische Glas. »Nun,« und er pochte mit dem gestielten Kristall aufs Buch, »das wirst du alles lernen müssen. Aber nicht nur wie sie heißen. Nein, auch die Kennzeichen, die Schönheitsmerkmale, die Fehler, das Gewicht und vor allem den Wert. Und die Art, wie der Wert mit steigendem Gewichte mehr als im Verhältnisse zunimmt. Verstehst du? Nicht gleich ist ein doppelter Stein dem doppelten Wert. Vielleicht in manchen Fällen. Kurz, das will gelernt sein!« Und er blickte, sich selbst unterbrechend, auf. »Hast du bisher überhaupt etwas gelernt, mein Sohn?«

Jetzt glaubte Marco endlich, dem Vater ein reifes Geschenk bieten zu können. Ein Geschenk, das zugleich den Rang des Spenders festlegte und erhöhte. Und er erwiderte sicher:

»Ja, Vater, mancherlei lernte ich schon. Ich beherrsche die lateinische Sprache, las die antiken Bücher, erwarb mir Kenntnisse des Rechnens und der Metrik. Auch die Redekunst pflegte ich, sowie das Studium der Geschichte und der Sternkunde. Kurz, ich legte den Grund in mancher der sieben Wissenschaften.«

»Das ist gut, recht gut!« schnitt der Vater die Rede ab. »Schaden kann das ja schließlich nichts!« Und als er den entsetzten Blick Marcos wahrnahm, härter und befehlender: »Ich meine es so: schaden kann all der Wissenskram noch nichts! Ich aber verstehe unter Lernen doch noch andres, Wichtigeres. Die Edelsteine sind da nur ein Beispiel. Fast eine Liebhaberei, möchte ich sagen. Nein, schaden wird es dir sicher nicht, wenn du allerlei aus den Wissenschaften kennst. Auch ich habe als Jüngling manches durchstöbert und später sehr oft Vorteil davon gezogen. Jetzt aber wird es für dich heißen, Lebendiges zu erlernen!«

»Ist Wissenschaft nicht lebendig, sie, die dem Leben neue Wege weist?« Fast spitz kam die Erwiderung von Marco Polo, der schon mit leisen Schatten von ernüchternder Enttäuschung rang.

»Nein!« sagte Nicolo schneidend. »Nein und nochmals nein! Was du einwarfst, ist eine alte Ausflucht alles verstaubten Gelehrtentums. Wissenschaft hinkt nach. Wissenschaft kann man kaufen, lenken, vernichten. Die Lehren des Lebendigen sind das Wissen vom Erwerb des Geldes, vom Erfolg und von der Staatskunst. Das ist Wirklichkeit, das andre ist Schein und Ausrede.« Bohrend heftete er den Blick in die sprechenden und widerstreitenden Züge Marcos. Dann fügte er noch kalt hinzu: »Voraussetzung dieses Wissens ist Kenntnis der Menschen. Wie sie sind, nicht wie man sie haben möchte! Ich habe meine Weisheit erstritten und erlitten. Der Erfolg zeugt mir für die Wahrheit meiner Ansichten. Alles andre ist die billige und gutgläubige Begeisterung unerfahrener junger Menschen!«

Es entstand eine summende Pause, in der Marco, der sich voll durchschaut fühlte, in seiner Verlegenheit einen Karfunkel aus dem Brette nahm und ihn gedankenlos gegen das Licht hielt.

Der Vater, der plötzlich fürchtete, zu weit gegangen zu sein, und seine Heftigkeit niederkämpfte, lenkte scherzend ab:

»Das wird dir wenig Mühe machen, die Kennzeichen zu begreifen. Schließlich wird dir das Rechnen in der Kaufmannskunde und die Geschichte in der Staatskunst sehr helfen. Von der Redekunst ganz zu schweigen. Wähne nicht, daß ich es dir nicht hoch anrechne, daß du, der Verwaiste, deine Zeit anstatt mit Torheit nur mit Nützlichem verbrachtest. Ich will dich auch in nichts behindern. Nur den Schatz der Erfahrung will ich dir frühzeitig schenken, damit du leichter deinen Weg machst und weniger leidest als ich.« Und er senkte schmerzvoll und verdüstert das Haupt.

Unvermittelt faßte er Marco ins Auge, der über den wilden Ausdruck des Antlitzes erschrak. Nicolo blickte aber sogleich wieder ins Leere und begann mit veränderter, fast abwesender Stimme, wie zu sich selbst, zu sprechen. Und soviel Leid klang schon aus den ersten Sätzen, daß der Zorn Marcos über die Mißachtung der Wissenschaft sofort verwehte.

»Ahnt ein Mensch, was es hieß, als wir in Bokhara festsaßen, heimwärts wollten und die Aussicht auf Rückkehr sich von Tag zu Tag trüber gestaltete? Zwei Jahre auf Reisen. Das Weib, das geliebte, meine Assunta, schwanger, als die Galeere die Anker lichtete! Und ostwärts trieb es uns, ohne Erbarmen ostwärts. Jeder Schritt entfernte uns von der Hoffnung. Was waren dagegen die Greuel der Reise? Was die Gefahren? Was das wilde Unheil, als wir im Sande der Lop-Wüste fast verschmachteten?« Wieder sah Nicolo zum Sohne herüber und in den Augen spiegelte sich plötzlich ablenkende Erinnerung. Er begann zu gestikulieren:

»Wir lagen im rieselnden Sande. Sonne, erbarmungslose Sonne. Kein Wasser. Und das Fieber schüttelte uns. Einer nach dem anderen verschmachtete. Da – da – hob sich im Westen, weit, am Himmelssaume, lockend und duftig eine Stadt, Bäume, Wasser, ein Turm. Ein hoher Turm, eckig, mit einer pyramidenförmigen Spitze. Unsre venezianischen Diener schrien heiser auf. Dürre, kraftlose Arme reckten sich gegen das Bild. San Marco krächzte es, San Marco! Selbst Maffio und ich brüllten San Marco. Obgleich wir wußten, daß uns der Weg eines Jahres davon trennte. Das war Heimweh, Marco, das war die tiefste Hölle. Und wir krächzten und keuchten noch das heilige Wort, als das Trugbild schon längst im Geflirre des Wüstenwindes verweht und einer nach dem anderen von uns zu Boden getaumelt war. Wir alle wollten sterben. Vielleicht allein Massio nicht. Der hoffte noch. In wirren Träumen sah ich Assunta über die Wüste schweben, sah das Bambino, dich, dich sah ich, Marco. O, ich weiß nicht, was dann geschah. Eine Karawane fand uns, Wasser rieselte in unsre Kehlen. Gerettet! Gerettet zu tausend neuen Qualen!«

Nicolo machte eine Pause. Marco, dessen Seele erschüttert die jagenden Bilder miterlebte, wagte nicht zu atmen. Da hatte Nicolo wieder seine volle Beherrschung. In reinem, dunklem Tone setzte er fort, mehr ein Weiser, denn ein Leidender:

»Zwiefach gespalten war von da ab mein Herz. Gewiß, es vergingen ruhige Wochen, Monde. Zeiten, in denen Arbeit, Ereignis und Gefahr alles übertäubten. Doch stets kam es wieder, kroch mich wie ein Schatten an im Augenblick des Erfolges, begleitete mich als kaum hörbarer Unterton. Unfrei, entzweigerissen! Sieh, Marco, ich zähle kaum zweiundvierzig Jahre. Maffio ist fast fünfzig. Ist mein Äußeres nicht weit älter, als das des Bruders?«

Jäh brach er ab und stampfte mit dem Fuße.

»Was geht's dich an, Marco? Doch nein! Es soll dir Warnung sein. Halte dein Herz frei, hänge dich an keine Seele!«

Und als Marco, den die Worte wie ein Geißelhieb getroffen hatten, ihn ohne Fassung anstarrte:

»Möglich ist's, daß wir noch vor Jahresfrist zum großen Khan der Khane zurückkehren. Du wirst uns begleiten. Höhere Aufgaben als persönlicher Gewinn bestimmen uns. Und nicht noch einmal ertrage ich den Zwiespalt des Herzens.«

Maffio trat geräuschvoll ins Zimmer. Und erblickte als erstes den haltlos irrenden Blick Marcos. Was war vorgefallen? Hatte es Streit gegeben?

»Nun, ist unser Söhnchen nicht ein ehrenvoller Zuwachs der Familie?« fragte er unbefangen in dreistem Tone, um Gewißheit zu erzwingen.

Da nahm Nicolo, der die Aufklärung des rätselhaften Verhaltens seines Sohnes der Zukunft aufsparte, auch selbst die Gelegenheit wahr, in Undurchdringlichkeit zurückzugleiten, und zwang ein maskenstarres Lächeln herauf.

»Gewiß, Bruder, ich bin vorläufig mit seinem bescheidenen Wesen zufrieden. Er scheint trotz unsres Fernseins gute Sitte in sich aufgenommen zu haben.« Und zu Marco: »Hier, mein Sohn, nimm diese zehn Zechinen. Du sollst sie irgendwie verwenden. Wie dich's freut. Dann aber wirst du ein kleines Kapital von mir geliehen erhalten. Wohlgemerkt, nicht als Geschenk. Du mußt lernen, wie man Geld verdient, bevor wir abreisen. Weiß doch nur Gott, ob uns das Schicksal nicht in den Weiten des Ostens auseinandertreibt.« Halb abgewandt: »Leb wohl, Marco, dein Oheim nimmt dich jetzt in seine Obhut. Höre auf ihn, er ist klüger als wir alle!« Und er bemerkte kaum, daß ihm Marco wieder die Hände küßte und leise seinen Dank aussprach.

Schon hatte er den Stiel des Kristalles in der Hand und entnahm dem klappernden Ledersäckchen neue Karfunkel.

 

Zu gleicher Zeit saß der edle Gesandte des deutschen Kaisers zurückgelehnt in der hohen Halle seines Palastes und diktierte einem Secretarius, der an einem kleinen Tischchen hockte, die arkanen Berichte für seinen Herrn.

Als er alle Vorfälle erschöpfend geschildert hatte, zog sich eine Furche schweren Mißmuts über sein Antlitz. Wild drehte er die Schnecke des Bartes zu steilerer Windung und hub an:

»Noch etwas, Secretarius! Der Schlußpunkt widerlichen Verwandtenneides harrt der Erledigung. Schreibe – Gott weiß, ich muß der Arm dieses Unholdes werden! – schreib also ein feierliches Documentum an den Dogen, enthaltend die Anklage wider die edlen Brüder Polo, die sich durch Annahme des Amtes von Gesandten des Tatarenkaisers schweren Verrates an der Christenheit schuldig gemacht hätten. Insonderheit deutsche und hungarische Lande seien von neuen Einfällen mongolischer Horden bedroht, wenn erst besagter Khan vom wahren Stande des leider so sehr zermürbten Kriegsheeres unsres Vaterlandes verläßliche Auskunft erhalten hätte. Dies sei aber umsomehr zu besorgen, da die Poli sicher dem Tataren Lehenstreue geschworen hätten und als Venezianer bei ihren Landsleuten wiederum geringen oder gar keinen Verdacht erregten und so in ihrer Doppelrolle und bei ihrer Kenntnis abendländischer Zustände das Ende der Christenheit durch genaue Berichterstattung herbeiführen könnten. Ich aber – schreibe weiter – ich, als Gesandter des heiligen, römischen Kaisers deutscher Nation, des erhabenen Rudolf von Habsburg, sei gezwungen, selbst auf ein Gerücht, das mir zu Ohren gekommen, Anklage zu erheben, da jeder Sturm zuerst deutschen Landes Rechte und Gefilde verwüsten würde. Es würde mich aber – füge noch hinzu – mehr als alles andre freuen, wenn sich der Verdacht gegen die weitgereisten Söhne der glorreichen Republik des heiligen Marcus als nicht so schwer oder gar grundlos erweisen sollte.« Er machte eine kleine Pause, um etwa Vergessenes nachzuholen. Als er sich aber innerlich von der Vollständigkeit seiner Anklage überzeugt hatte, sagte er hart:

»So, fertige dieses unheilvolle Documentum aus. Ich selbst will es dem Dogen überreichen und erläutern. Der Inhalt ist secretissime! Du verstehst mich!«

Und er erhob sich, um nachdenklich im Saale auf und nieder zu wandeln, während der Secretarius seine zierlichen Buchstaben auf das Pergament setzte.

 

»Nichts hat sich hier verändert seit meiner Jugend! Ein beruhigendes Gefühl!« Massio spähte das enge Gäßchen entlang, in dem der schwere Brodem des Augustnachmittags lag. »Ah, da ist schon unser Ziel!« Er winkte weisend mit der Hand und schritt schnell einer niederen Ladentüre zu.

Marco, der in einer Art von Betäubung alles über sich ergehen ließ und sich jeden Augenblick zwang, nicht zu grübeln, folgte ihm mechanisch. Enrico, ein mächtiges Bündel auf den Schultern, wischte mit dem Handrücken hellen Schweiß von der Stirne,

Im Schneiderladen entstand Bewegung.

»O, Massere, ich kenne euch! Tretet ein! Es ist mir eine Ehre, eine ungeheure Ehre!« Zahlreiche Bücklinge des gebeugten, alten Mannes, der unter buschigen, weißen Brauen mit kurzsichtigen Auglein blinzelte und in seinen großen Pantinen geräuschvoll schlurfte. »Ja, ich kenne euch! Oft muß ich euch schon gesehen haben. Es ist mir eine große Ehre. Ach, meine schlechten Augen! Verzeiht, wenn mir der Name nicht gleich geläufig ist!«

»Polo! Maffio und Marco Polo, alter Tropf!« brummte Enrico vorlaut, der sich ärgerte, daß die Höflichkeiten an der Türe ihn verhinderten, das schwere Bündel abzulegen.

»O Madonna! Alle Heiligen! Die edlen Poli!« Der alte Handwerker war nicht mehr zu halten. Noch eine Verbeugung, dann war er verschwunden und von drinnen ertönte ein Schwall und ein Gewirre verschiedener Stimmen.

»Ein andres Mal warte, bis ich den Namen nenne!« sagte Maffio, während sie die Schwelle überschritten.

Enrico duckte sich beschämt. »Er hat solch dummes Zeug geredet. Er kennt Euch, kennt Euch nicht, das wäre so weitergegangen. Masser, es ist heiß auf der Straße, nicht bloß für mich.«

»Schon gut! Trink eben nicht so viel zu Mittag, dann wird dir kälter sein!«

Sie waren eingetreten. Eine niedere, geräumige Werkstatt. Kühle Luft, durchsetzt von Gerüchen der Stoffe und Speisendampf, der aus Nebengelassen hereindrang. Bunte Stofflappen, niedere Stühle, Nadelkissen, Fadenreste. Ein hoher Spiegel, mehrfach zusammengesetzt aus Muranoglas und einigermaßen erblindet. Noch klang der Wortschwall aus den Nebenräumen.

Plötzlich war der Schneider, ein Stück Zeug in der Hand, wieder da. Auch zwei Knaben, die einen Augenblick gegafft hatten, setzten sich und griffen vom Boden begonnene Werkstücke auf und stichelten gebückt.

»Verzeiht, Massere, die Neuigkeit war zu groß! Ganz Venedig spricht seit gestern von euch. Meine Frau mußte es erfahren. Und ich habe heute schon die Ehre! O, niemand hat gedacht, daß ihr noch lebt. Ich Tropf! Setzt euch doch, edle Herren! Hier sind Stühle. Wie vorgestern ist's mir, daß ich euch Kleider und Wamse nähte, Masser Maffio. Wie vorgestern. Das waren Zeiten! Darf ich euch ein Glas Wein bringen? Schlecht, aber unverfälscht.« Schon war er wieder draußen.

»Pack inzwischen das Zeug auf!« Maffio gab Enrico einen Wink, während Marco noch immer stumpf vor sich hinsah.

»Madonna, welche Pracht!« Der Schneider, der eben eintrat, ließ vor Begeisterung über die Seiden und Brokate, die Enrico auszubreiten begann, fast die Becher fallen. »Wer hat schon so etwas gesehen? Auf eure Gesundheit, edle Herren!«

»Nun zur Sache!« entschied Maffio, als er getrunken hatte. »Es ist viel zu tun. Nicht für mich. Für meinen Neffen! Vor allem: Habt Ihr etwas Fertiges in der Werkstatt?«

»Gewiß, gewiß! Ich glaube, dem jungen Masser wird alles passend sein. Madonna, was für eine schöne Gestalt er hat!«

»Also, zeigt her! Und du, Marco, wach jetzt auf und leg dein Koller ab! Wir müssen Probe halten.«

Marco schreckte empor. Gehorsam zog er mit Hilfe Enricos sein Wams und das Unterkleid aus. Er stand jetzt vor dem Spiegel, den Rücken den anderen zugekehrt.

»Beim heiligen Marcus, der Schneider hat recht!« brummte Maffio vor sich hin, als er die braunen, breiten Schultern erblickte, die sich wie ein schlanker Kegelstutz gegen die schmalen Hüften verjüngten. Bei jeder Bewegung spielten unter der glatten Haut muntere Stränge und Knoten durchgebildeter Muskel. Darüber das Genick hatte etwas rührend Kindliches, trotz aller Kraft. »Wie eine der antiken Bronzestatuen, die wir den Byzantinern fortgenommen haben!« setzte Maffio seine Begeisterung fort und pfiff durch die Zähne. Als er aber sah, daß Marco errötete: »Jetzt heißt's zu zeigen, daß man auch in Kleidern etwas vorstellt.«

Der Schneider hatte seine zwei bleichen Knaben wieder von der Arbeit aufgestöbert. Er rannte hin und her.

»Ein Glück, daß mir ein paar junge Edelleute durchgebrannt sind!« räusperte er sich. »Wo nähme ich sonst fertige Kleider her?« Und er probierte Marco ein hellblaues, dann ein dunkelbraunes und schließlich ein violettrotes Gewand an.

Marco, der sich im Spiegel vor sich selbst verwandelte und das Ansehen von Jünglingen annahm, die er bisher oft staunend und neidlos, stets aber mit dem Gefühl des Unerreichbaren betrachtet hatte, begann sonderbar, für sich selbst rätselhaft, aufzuleben. Es war nicht Eitelkeit. Freude an der Verwandlung, Lust am Vollkommenen war es und eine ganz leise Vorahnung von Macht und äußerer Geltung.

»O, ich vergaß! Auch Baretts habe ich, Schuhe und Degen. Ich habe es zu den Kleidern besorgt, weil die Besteller zu bequem waren, die Sachen selbst zu suchen. Ja, sie sind mir gleich ordentlich durchgebrannt, die jungen Herren.« Mit einem Blick auf Marco: »Sitzt vortrefflich! Bei solcher Gestalt hat der Schneider nicht viel zu tun. Aus einem Sack und einem Riemen kann man Euch ein Gewand machen!«

»Va bene!« Maffio blickte auf. »Welches gefällt dir am besten, Marco? Das alte bleibt vorläufig hier. Du ziehst gleich das neue an.« Nach kurzer Pause: »Noch besser, nimm zwei, Marco. Wer weiß, wann der gute Gevatter mit den anderen Sachen fertig wird?« Zu Enrico: »Und du, bring jetzt den Ballen her! Jetzt beginnt die Beratung wegen der Festkleider.«

Marco, der bisher die Absichten des Oheims nicht geahnt hatte, war betroffen und sprachlos. Er faßte es nicht ganz. Zwei herrliche Kleider so nebenbei und dann noch die Beratung über Festgewänder? Sein Sinn, der bisher jeden Groschen bedacht hatte, konnte es kaum begreifen, daß solche Ausgaben nicht mondelange Zerrüttung der Einkünfte bedeuteten.

»Nun, Marco? Willst du alle drei?« schmunzelte Maffio.

»Was fällt dir bei, Oheim?« erwiderte Marco erschreckt. »Ich dächte, daß eines schon zu viel ist. Wenn ich nicht einsehen würde, daß ein Sohn so vornehmer Leute nicht wie ein irrender Ritter umherlaufen darf!«

»Sehr gut!« lachte Maffio. »Irrender Ritter! Du bist witzig, mein Söhnchen! Das gefällt mir. Irrender Ritter! Besser kann man's nicht sagen. Dafür kaufe ich alle drei! Basta!« Dann fügte er noch hinzu: »Welches du jetzt anziehen willst, steht dir frei. So, und jetzt wird Maß genommen für die Festgewänder.«

Es folgte eine lange Beratung, bei der sich Enrico durch Vorschlag unmöglichster Farbenzusammenstellungen besonders hervortat. Vor den chinesischen Seiden, golddurchwirkten Brokaten aus Mossul und persischen Stickereien verblaßten die venezianischen Gewänder zur Bedeutungslosigkeit. Endlich war man über Kleider, Mäntel und Baretts im Reinen. Marco, mitgerissen von der Farbenpracht, wurde zusehends lebhafter. Nur ab und zu glitt wie ein dunkler Schatten manches der väterlichen Worte über sein Gemüt.

Maffio sprühte von Einfällen und pfiff und lachte.

Man war im wesentlichen einig. Marco hatte das violette Gewand angelegt. Dazu den Degen an gelber Lederkoppel und ein samtenes Barett. Enrico betrachtete ihn verliebt von der Seite und benützte jede Gelegenheit, ihn verstohlen zu streicheln.

Plötzlich verschwand jedes Lächeln vom Antlitze Massios. Seine Züge legten sich in ernste Falten und wie bekümmert fragte er:

»Nun, Gevatter, wieviel soll das alles kosten?«

Der Schneider kratzte sich hinter dem Ohre. Dann meinte er:

»Wir werden wohl nicht streiten, Masser! Es ist viel Arbeit! Schnelle Arbeit! Sorgfältige Arbeit! Gehilfen muß ich aufnehmen. Masser, die Zeiten sind schwer. Bedenkt das. Alle Preise steigen. Es ist die Ernte. Die verdammte Ernte ist schuld. Darum sind auch die Löhne nicht zu erschwingen . ..«

»Kurz, du willst mich überhalten!« fiel Maffio barsch ein.

Marco ward verlegen. Wozu plötzlich dieser feindselige Ton? Er blickte Maffio erstaunt an. Und wie ein höhnender Kobold raunte es ihm zu: »Sieh nur, sieh, sie bekommen Antlitze wie Fledermäuse, wenn es sich um Zechinen handelt. Was ist Wissenschaft, was Lebensziele, was Liebe? Ja, jetzt rollen Zechinen. Zieh auch dein Antlitz in solche Falten, Marco! Du mußt das Lebendige lernen. Die Lehre vom Gelderwerb, vom Erfolg ...«

»Überhalten?« jammerte der Schneider. »Masser, wer gab Euch Anlaß zu so grausamen Worten? Für Euren Vater habe ich schon gearbeitet, für den edlen Herrn Andrea Polo da San Felice. Stets war man mit mir zufrieden. Ich wollte nur rechtfertigen, warum nicht alles so billig ist, wie vor zwanzig Jahren.«

»Also der Preis? Du siehst, wir haben noch andres zu tun!« Zu Enrico: »Pack wieder ein, Enrico, wenn man nicht erfahren kann, wieviel es kostet!«

»Herr, schindet mich nicht, verkennt mich nicht! Gleich will ich's berechnen, gleich!« Und er stürzte hinaus in den Nebenraum.

Maffio grinste unvermittelt wieder vor sich hin.

Marco sah den Knaben bei der Arbeit zu und zwang sich, seine frühere Freude an den Farben wieder zu erwecken.

Der Schneider kam zurück.

»Ihr werdet zufrieden sein, Masser!« Unterwürfig hielt er Maffio eine Rechentafel hin. »Fünfunddreißig und eine halbe Zechine alles in allem!«

»Was? Wie? Fünf und ... ? Was? Fünfunddreißig Zechinen?« Maffio sprang mit entgeistertem Antlitze empor. »Höre ich recht? Macht Ihr Scherze?«

»Es geht nicht billiger, es geht nicht, Masser? Ich habe schon dabei bedacht, daß Ihr Kunde waret...« Erregt hastete es der Schneider.

»Ja, waret! Das ist das richtige! Ich war Kunde bei Euch!« Zu Enrico: »Pack das Zeug schnell zusammen, das eine Kleid, das Marco anhat, mag er behalten. Alles andre ist null und nichtig. Wieviel kostet das eine Kleid?«

»Zweiunddreißig Zechinen, – einunddreißig – dreißig!« Angstvolles Gestammel, während Enrico zu packen anhub.

»Bist du toll? Ein Kleid? Ich frage nach dem einen! Das andre geht mich nichts mehr an.«

»Achtundzwanzig, Masser, – siebenundzwanzig!«

»Wieviel kostet das violette Gewand, der Degen und das Barett? Ich höre nichts andres! Enrico, geh zur Gondel!«

Enrico hatte sich schmunzelnd den Pack aufgeladen und stand bei der Türe.

Der Schneider wimmerte auf:

»Niemand läßt mehr etwas anfertigen. Wir verhungern, Masser! Seht, wie die Knaben blaß sind! Ihr versteht nicht, Masser, was Hunger ist. Stark seid Ihr und feist.«

»Willst du mich beleidigen?« Maffio blitzte ihn drohend an.

»Alles, nur das nicht! Bitten will ich, flehen. Ich muß den Auftrag haben, sonst kann ich keine neue Ware anschaffen, kein Tuch, keine Seiden und Zwirne. Beim heiligen Sebastian, ich verdiene nichts, gar nichts, wenn ich fünfundzwanzig rechne. Nur der Laden kommt wieder in Betrieb.«

Enrico stand noch bei der Türe und grinste vergnügt. Der Auftritt gefiel ihm. Marco dagegen wünschte ein baldiges Ende des Feilschens.

»Vierundzwanzig! Ein ganz nettes Sümmchen!« sagte plötzlich Maffio in verändertem, freundlichem Tone und streckte dem Handwerker die Hand hin. Mit den Augen winkte er Enrico zurück.

Da brach der arme Schneider innerlich zusammen. Er schluchzte auf:

»Herr, das ist eine Zechine Verlust, reiner Verlust! Wie soll ich das tragen? Meine eigene Arbeit bleibt schon bei fünfundzwanzig unbelohnt!«

»Wir sind Poli, man wird uns fragen, woher Marco die Kleider hat. Verstehst du das nicht? Und du willst ein Kaufmann sein?« Maffio gab dem Verzweifelten einen Rippenstoß. Dabei klimperte er schon mit dem Golde.

Plötzlich raffte sich der Schneider zusammen. Abgewandten Antlitzes schlug er in die Hand ein.

Maffio sagte ruhig:

»Ich zahle bar, im voraus! Falls die Arbeit aber nicht allerbester Art ist, wird's mit der Empfehlung nichts. Ich halte auch im Bösen Wort. Verstehst du?« Er zählte die Zechinen auf. Dann fügte er noch schmunzelnd bei: »Ich wußte ja, daß man nirgends besser und preiswerter kauft, als bei dir, Sebastiano!«

Der Schneider antwortete nichts mehr. Zögernd blickte er auf das Gold. Er machte noch eine Bewegung, als ob er den Handel rückgängig machen wollte. Schließlich aber siegte die furchtbare Zwangslage, in der er sich befand. Und er grüßte mit einem Gesichte, das verzerrt war von Erregung, Niederlage und Höflichkeit.

»Ihr werdet mir die Gewänder selbst bringen!« sagte Marco mit eigentümlicher Betonung. »Das schönste in längstens drei Tagen. Vielleicht muß noch etwas geändert werden!«

»Gewiß, Masser, gewiß!« Eine Ahnung des Armen witterte Mitleid und Verständnis. Und er verbeugte sich respektvoll vor Marco.

 

Als die drei wieder auf der Straße waren, schien Maffio den ganzen Auftritt längst vergessen zu haben. Denn er erkundigte sich sogleich eingehend bei Enrico nach dem Weinladen des sogenannten Armeniers. Enrico wußte Bescheid. Der Alte sei zwar schon vor einigen Jahren gestorben, das Handelsgeschäft werde aber nach wie vor, sogar in größerem Umfange, vom Sohne des bekannten Armeniers fortgeführt.

Die Gondel erwartete sie, bewacht von einem der buntgekleideten Tataren, an einer benachbarten Riva und Enricos kräftiges Rudern leitete sie Zickzack durch die Kanäle, bis sie vor der Fassade des großen Handelshauses hielten.

Schon unterwegs hatte Marco, der von seinem Oheim durch allerlei Schnurren unterhalten wurde, gleichwohl aber einsilbig blieb, bemerkt, daß er von Vorbeikommenden und aus den Gondeln in ganz andrer Weise angeblickt wurde, als er es gewohnt war.

Besonderen Ärger empfand er über das nach seiner Ansicht scham- und würdelose Gaffen einiger halbwüchsiger Mädchen, die in einer Prunkgondel vorbeiglitten.

Sie stiegen aus und betraten die breite Straße, die vor dem Kaufhause vorbeiführte. Eine Art von Schenke befand sich vor dem Tore des Verkaufsladens.

Als sie sich zwischen den umherstehenden und sitzenden Zechern durchgewunden hatten, befanden sie sich in einem mächtigem Gewölbe, das ringsum auf dem Boden, auf Borden und Tischen mit allerlei Gebinden, Fässern, Krügen, Flaschen und Schläuchen erfüllt war. Der Duft vielfältigen Weines, vermischt mit Modergeruch, lag wie ein schwerer Nebel im Räume.

Ein Küfer kam auf sie zu und fragte nach ihrem Wunsche.

»Können wir nicht den Padrone selbst sprechen? Es handelt sich um größere Mengen!« sagte Maffio schmeichelnd und drückte dem Kellermeister eine Münze in die Hand.

»So, größere Mengen? Werden wohl zwei oder drei Krüge sein? Was? Nun gut, ich kann's ja versuchen. Hoffentlich wirft mich der Padrone nicht die Stiegen herab!« brummte der Küfer achtungslos und verschwand schlüsselrasselnd.

Sie warteten ziemlich lange.

»Nun, das mag kein schlechtes Geschäft sein!« meinte Maffio zu Marco. »Bedenke, der einzige, der wirklich gute Weine aus Griechenland, Spanien und Sizilien einführt. Der einzige in dieser trinklustigen Stadt. Bisher ist noch keiner gegen ihn aufgekommen seit Menschengedenken. Er hat überall die Hand auf den Inseln, hat eigene Weingärten an Ort und Stelle, versteht den Versand und die Aufbewahrung ... Ah, da ist er schon! Jetzt heißt's klug sein, sonst zieht er uns das Fell über die Ohren.« Die letzten Sätze schon im Flüsterton.

Wie Maffio es gesagt hatte. Der Padrone stand vor ihnen und starrte sie aus seinen toten Vogelaugen undurchdringlich an. Klein war er und nicht schön gewachsen. Besonders die weit zurückfliehende Stirn, die riesige, schmale Hakennase, die die Stirnlinie fortsetzte und fast einem Geierschnabel glich, das winzige, von tiefschwarzen, kurzen Haaren bedeckte Hinterhaupt und der kleine, die Spitzen abwärtsrichtende Schnurrbart verliehen der Erscheinung etwas Kaltes und Weltenfremdes, mit dem keine Verständigung möglich schien. Man sehnte sich förmlich danach, dieses Wesen überhaupt sprachbegabt zu finden.

»Ihr habt mich mitten aus schwerer Arbeit gerufen, Massere; ihr scheint eure Angelegenheit für äußerst wichtig zu halten. Ich hoffe, daß sie's ist!« gurgelte der Armenier stoßweise hervor.

Enrico sah ihn schon mitleidig an, da er das Benehmen für achtungslos hielt. Für seinen Naturinstinkt gab es nur eine Einteilung der Menschen nach Hiebfestigkeit. Und die schien hier sehr gering zu sein. Marco dagegen hatte den Eindruck einer ungeheuren lähmenden Macht.

Maffio endlich reagierte mit geschmeidiger Liebenswürdigkeit und sagte:

»Gewiß kann ich als Kaufmann beurteilen, daß man seine Standesgenossen nicht leichtfertig behelligt. Wir wollen aber in den nächsten Tagen ein großes Gastmahl veranstalten ...«

»Ah, vielleicht gar Borggeschäft? Nein, Masser, die ganze Nobilität von Rialto steht bei mir zu Buch. Schlechte Zeit. Zugegeben. Aber es ist genug. Ich muß Ware nachschaffen.« Der Armenier wollte sich abkehren.

»Halt, Padrone, nur kein Vorurteil! Von Borg ist keine Rede. Ich will aber nur das Allerbeste, daher bat ich Euch persönlich!«

»So? Das wissen doch meine Leute auch, was gut ist. Ich pflege nicht im Laden zu verkaufen. Ich verstehe die Sache nicht. Sagt es heraus! Was steckt dahinter?« Mißtrauisch faßte er Maffio ins Auge.

»Chios brauche ich und Cypro und Marsala. Außerdem Vino santo und Ruffino. Größere Mengen, wie gesagt, vom Allerbesten. Da ich aber weiß, daß das Geld heute in Venedig nicht auf der Straße liegt, und ich jetzt bereit bin, bar zu zahlen, halte ich es für richtig – Masser, ich sagte, daß ich selbst Kaufmann bin – also, ich halte es als Kaufmann für richtig, daß Ihr mir die Preise mit Rücksicht auf Barzahlung und Menge entsprechend niedriger stellt. Deshalb ließ ich Euch bitten.«

»So, das ist Eure Ansicht! Ihr erlaubt, daß ich – und schließlich bin ich auch so eine Art von Kaufmann –,« er zeigte mit der Hand auf die Warenmassen herum, »daß ich also andrer Meinung bin. Denn erstens: Wer nicht bar zahlt, bekommt überhaupt keinen Becher Weines. Zweitens: Wenn Ihr allerbesten Chios, Cypro und was Ihr sonst noch wünscht haben wollt, müßt Ihr entweder bei mir kaufen oder selbst auf die Inseln fahren. Dort aber habe auch wieder ich die besten Weinberge. Wer seid Ihr übrigens, daß Ihr Euch auf Eure Kaufmannstugenden soviel zugute tut? Ich kenne Euch gar nicht.« Etwas wie ein überlegenes Grinsen lag, ohne die Augen zu verändern, um seinen Mund.

»Va bene!« Maffio sah ein, daß hier wenig zu hoffen war. Der Armenier überblickte die Sachlage und nützte sie rücksichtslos aus. »Ich habe keinen Grund, meinen Namen zu verschweigen. Man nennt mich Maffio Polo!«

»Alle Achtung!« sagte der Armenier, ohne eine Miene zu verziehen. »Um so besser werdet Ihr meine Erklärung verstehen. Wenn ich Rubine besonderer Größe brauchen sollte, erhoffe ich auch von Euch keine Gnade. Gott sei Dank brauche ich keine. Übrigens verzeiht meine Unhöflichkeit. Es ist jetzt nicht angenehm, mit der bankrotten Nobilität Geschäfte zu machen. Also, was ich sagen wollte. Der Wein wird göttlich sein. Kein Tropfen Fälschung. Dafür meinen Kopf zum Pfand, schriftlich mit Siegel. Aber der Preis? Ich weiß, daß ein Polo zahlen kann. Bitte, ich schwatze Euch nichts auf. Ihr seid selbst gekommen. Der Preis wird nicht wucherisch sein, nicht übertrieben, aber sehr angemessen. Angemessen der Güte und angemessen dem edlen Hause Polo. Die paar Zechinen werden sich für Eure Zwecke bezahlt machen, wenn die Senatoren, Custoden und die anderen – ich weiß nicht, wen Ihr einladet – am nächsten Tage keine Kopfschmerzen und Magenübel haben werden.« Nach einer Pause: »So, jetzt werde ich Euch ehrlich beraten. Über Preise wird nicht mehr gesprochen. Sollte die Summe zu hoch sein, können wir ja die Mengen vermindern oder billigere Sorten wählen.« Damit rief er einige Küfer zu sich, schlug ein Buch auf und erteilte Befehle.

Maffio machte gute Miene zu allem und ließ sich die Kostproben kredenzen. Auch Enrico beteiligte sich eifrig an diesem Geschäfte.

Als man schließlich die Mengen berechnete und Maffio noch einige Krüge als Vorrat für spätere Gelegenheiten einschaffte, betrug die Rechnung über fünfzig Zechinen.

Marco sah entsetzt, wie sein Oheim diesen Betrag, der ihm ein Vermögen dünkte, dem Armenier einhändigte, der kalt und unbewegt die Quittung ausstellte und die gekauften Gebinde vor den Augen der Käufer unter Siegel legen ließ.

»Ihr werdet zufrieden sein!« sagte der Armenier gleichgültig, grüßte kaum und verschwand.

 

Die Taverne zum »Unbesiegten Löwen« lag an der nördlichen Lagune. Eigentlich war es mehr als eine Taverne. Es war eine jener Stätten, in denen die Söhne der Nobilität einander zu treffen pflegten, um bei Wein, Spiel und nicht zuletzt in Gesellschaft zahlreicher Kurtisanen ihre Abende zu verbringen und ihre Zechinen zu vergeuden.

Der gegen die Lagune zu offene Garten mit der mächtigen Steinbalustrade, den schweren, geschnitzten Tischen, auf denen Bronzelampen für die Dunkelheit bereit standen, war auch schon ziemlich gut besucht, als Maffio mit Marco eintrat. Enrico folgte degenklirrend in respektvoller Entfernung.

Sie waren aus den steinbelegten Spitzbogengalerien, die den Garten auf zwei Seiten abschlossen, eingetreten. Auch hier standen Tische und Stühle, Lampen und Karaffen.

Scherzworte, Gekicher grellgekleideter Mädchen, Zurufe prächtiger Jünglinge verstummten, als die drei erschienen.

Ein Stutzer wagte die Schlußfolgerung, gab ihr flüsternd Ausdruck und es raunte sich von Tisch zu Tisch:

»He, das ist der berühmte Enrico, der ärgste Raufdegen auf Rialto. Weiters ist der Jüngere Marco Polo – nun, da ist's keine Kunst, zu wissen, daß der Dicke einer der Weltfahrer ist. Schön haben sie sich herausstaffiert. Aber etwas protzig, ein wenig gemein.«

Die Mädchen waren andrer Meinung. Zahlreiche dunkle Augen streiften neugierig den verträumten Jüngling.

»Ah, ein neues Gewand, hast du bemerkt, Peppina, wie der Knabe an sich hinunterblickt und die Falten zurechtzupft? So machte ich's, als ich das erste Männerkleid erhielt. Soll ich ihm einen Spiegel reichen?« Eifersüchtig und spitz flüsterte es einer der Gecken der Geliebten zu.

Sie riß sich vom Anblicke Marcos los und spöttelte halb ärgerlich, halb geängstigt: »Wenn du den Degen des Enrico zwischen die Rippen bekommen willst, tu es! Hier, nimm meinen!« Und sie reichte ein Spiegelchen herüber.

Der Geck nahm es und wurde puterrot. Er erhob sich ein wenig vom Sessel, wartete aber kaum, bis Peppina ihn beim Gewandzipfel faßte. Schon saß er wieder und brummte etwas von feigen Frauenzimmern.

Peppina lachte hellauf, der Geck stürzte ein Glas Wein hinunter und sprach von kühler Abendluft und der Schönheit der Lagune.

Maffio hatte inzwischen die in rote Koller gekleideten Bediensteten in Bewegung gesetzt und ließ erlesene Speisen und Weine auftürmen, da ihm plötzlich einfiel, daß Marco nicht zu Mittag gegessen hatte.

Marco, der wieder verstohlen an seinen neuen Kleidern heruntersah und beim Herauslangen der Speisen, befangen durch die vielen neugierigen Blicke, ein Weinglas umwarf, wollte sich aus der Peinlichkeit seiner Lage befreien und sagte unvermittelt in verfälschtem Tone:

»Darf ich etwas fragen, Oheim Maffio?«

»Gewiß, alles! Je delikater, desto lieber! Hast du noch nicht bemerkt, mein Bürschchen, daß mir das Reden ungeheure Lustgefühle erzeugt? Also los!« Und er lud energisch ein Riesenstück des gesottenen Fisches auf den Teller Marcos.

Marco rang um angemessenen Ausdruck:

»Ich wollte nur wissen, ob du wirklich der Meinung bist, daß der Schneider dich überhalten wollte, während der Armenier von vornherein redlich vorging?«

»Der Armenier redlich?« Massio begann laut zu meckern. »O, das ist wahrlich ein Spaß!« Ernster werdend: »Nein, mein Kind, meiner Ansicht nach ist der Schneider durch und durch ein ehrlicher, braver, gottesfürchtiger Mensch, der Armenier dagegen ein Verbrecher oder nahe daran!«

Marco war sprachlos. »Ja, warum hast du dann ...« hub er an.

»Warum? Sehr einfach! Doch halt! Gar nicht so einfach. Du hast ganz recht! Einem kaufmännisch unerfahrenen Menschen wie dir muß das sonderbar erscheinen.«

Maffio konnte nicht fortsetzen, da ein grotesker Aufzug die allgemeine Aufmerksamkeit fesselte.

In ziemlich verschossenen Prachtkleidern ältesten Schnittes zogen nämlich plötzlich fünf fast gleich große, steife Männer, alle mit schwarzen Spitzbärten und wässerig grauen Äuglein, in den Tavernengarten ein. Man konnte es beim besten Willen nicht anders nennen: Sie zogen ein.

Enrico, der nahe beim Eingange einsam an einem Gesindetischchen saß, machte zu Marco eine höhnische Geste, indem er den Mund schiefzog, mit dem Daumen der linken Hand über seine Achsel gegen die fünf Spitzbärte zeigte und sich dann fratzenhaft hinter ihrem Rücken verneigte.

Unweit den Polis stand ein größerer Tisch leer. Dorthin begaben sich die fünf und schickten den Bediensteten, der sie um ihre Wünsche fragen kam, barsch fort. Dann steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten. Plötzlich krähte einer kichernd auf.

»Die jungen Barbigos, meine ehrenwerten Oheime!« flüsterte Marco zu Maffio. »Ein Weltwunder, daß sie allein in eine Taverne dürfen. Da muß etwas vorgefallen sein. Oder wenn nicht, dann gibt's morgen Verwandtenmord auf Rialto!«

»Das also sind sie?« Maffio lehnte sich zurück und betrachtete mit äußerster Belustigung das Naturwunder der fünf ähnlichen Zerrbilder. Plötzlich ohne Überleitung: »Um auf den Schneider zurückzukommen! Es ist das eine gute Gelegenheit, dir etwas von den Grundbegriffen des Handels beizubringen. Siehst du, Marco, der Schneider mußte! Er mußte abschließen, er hat's selbst gesagt. Sicher zahlt er bei diesem sogenannten Geschäft zu. Aber er mußte es abschließen, weil das Ganze – Fortführung des Ladens – auf dem Spiele stand. Außerdem ist er dumm, sentimental, zeigt seine Gefühle, hat Zu- und Abneigungen, Tradition, den Vater schon bedient und so weiter. Schließlich Überschätzung meiner Empfehlung. Kurz, er war schwach, ich stark. Fazit, ich feilschte solange, bis ich wußte, daß er wirklich zuzahlt. Tiefer war nicht zu kommen.«

»Vielleicht arbeitet er aber jetzt unlustig, läßt uns im Stich, ist nachlässig?« warf Marco ein, den ein Unbehagen überkam.

»Im Gegenteil, mein Lieber! Je geringer das Entgelt, desto stärker das Gefühl beim Bezahlten, minderwertig zu sein; daher das Ergebnis: Ehrgeiz, Lust zu zeigen, daß man mehr verdient, leise Hoffnung auf spätere Überzahlung.«

»Nun, der Armenier? Der ist vielleicht zu schnell und gut bezahlt, ist ein Verbrecher, wie du selbst sagst, also wird er uns gefälschten Wein ins Haus schicken!« Marco versuchte, schon etwas erregt, alle Geisteswaffen spielen zu lassen.

»Nicht dumm, aber trotzdem grundfalsch, mein Bürschchen!« Maffio sah seinem eifergeröteten Neffen halb zärtlich, halb schlau blinzelnd ins Gesicht.

Da tönte vom Nebentisch die selbstbewußte Stimme des einäugigen Barbigo. Überlaut und pompös:

»In Gottesnamen, eine halbe Karaffe Istrianer und fünf Becher!«

Maffio konnte nur schwer sein Lachen verbeißen.

»Warum nicht gleich Aqua Veneziana! Auch ein guter Tropfen!« flüsterte er Marco zu, dessen Antlitz ein flüchtiges Lächeln überglitt.

»Nun, lassen wir uns nicht unterbrechen!« fuhr Maffio fort. »Also grundfalsch, sagte ich. Gut, zugegeben, ich mußte zahlen, was er wollte, mußte sein freches Benehmen außerdem freundlich grinsend einstecken. Va bene! Aber sein Geschäft ist eben auf dem Grundsatz aufgebaut, die besten Inselweine in Venedig zu vertreiben. Das darf nie anders werden. Besonders nicht beim Gastmahl der Poli, an dem, Gott und der Armenier wissen es, vielleicht gar der Doge in höchsteigener Person teilnimmt. Also: Fälschung unmöglich. Aber der Armenier wieder weiß, daß ein Polo dem besagten Dogen nicht Istrianer kredenzen darf. Ergo: Der gute Polo muß beim Armenier kaufen. Weil aber auch der genannte Polo nicht jeden Narrenpreis zahlt, wie der Schneider nicht jeden Bettel nahm, sondern schließlich vielleicht ein neues Getränk für den Dogen erfindet – denn dumm ist der Polo nicht, alle Achtung hat das scheußliche Vogelgesicht selbst gesagt – nun, dann kommt eben der hohe angemessene Preis zustande. Schlußergebnis meines Vortrages aus Kaufmannskunde: Wo Wettbewerb ist, dort ist der Käufer stärker, wo keiner vorliegt, der Verkäufer. Beides aber innerhalb der Grenze des Möglichen und eben noch Vernünftigen. Das ist doch ganz einfach, wie?«

Marco saß wie verdonnert da. Seine Gedanken sausten. Sein Gefühl aber gab nicht nach. Richtig, alles richtig, doch aber grundfalsch! Wo war der Haken, der Angriffspunkt, von dem aus man das Gefüge aus den Angeln heben konnte? Plötzlich die Erleuchtung:

»Und die Moralität? Das Christentum? Gut, Oheim, ich gebe zu, daß man deine Regeln anwenden kann, daß sie gelten! Aber die Sache ist doch ganz allgemein gar nichts anderes als das Verhältnis von Stärke und Schwäche überhaupt. Deshalb frage ich jetzt weiter: Muß man die Regeln anwenden? Und hier, glaube ich wenigstens, wird sich die Morschheit der Regel erweisen!« Marco hatte die Sätze in übersprudelndem Feuer hervorgehastet. Innerlich triumphierte er schon.

»Goldene Worte!« lachte ihm Maffio zu. »Bei Gott, aus dir kann etwas werden. An ähnlichen Zweifeln habe ich in deinem Alter gelitten. Dann aber bin ich dem Wesenskerne dahintergekommen. Paß einmal auf!« Und er streckte unversehens den Arm, so daß er mit dem Zeigefinger fast das Auge Marcos berührte. Der Jüngling zuckte leicht zusammen und blinzelte heftig. Maffio hatte die Hand schon wieder zurückgezogen, als Marco ihn verdutzt und singend ansah.

»Ich bin noch nüchtern, du kannst es glauben!« setzte er fort. »Das war nur ein Lehrbeispiel.« Forschend: »Hast du ernstlich damit gerechnet, daß ich dir mit dem Fingernagel das Auge zerkratze?«

»Nein!« antwortete Marco gedehnt. »Doch wo willst du hinaus?«

»Nur Geduld! Also du hast gezuckt, hast geblinzelt, obwohl du sehr tapfer bist und zudem in diesem Falle auch nach eigenem Gefühle außer Gefahr warst. So ist es mit dem richtigen Kaufmann. Beginnt es sich um Gold zu handeln, dann zucken und blinzeln in ihm ganz von selbst die betreffenden Organe. Es ist ein selbsttätiger Vorgang, möchte ich behaupten. Wer anders veranlagt ist, ist eben kein Kaufmann und wird nie einer werden. Denn, vergiß nicht, Marco, wo käme man hin, wenn man Gefühle berücksichtigte? Jedem Gefühlskomödianten wäre man ausgeliefert! So gut kennt keiner die Menschen, daß er so etwas wagen darf. Was hat das also mit Moralität zu tun? Was mit Christentum? Wo noch stets vorausgesetzt wird, daß der andere ebenso veranlagt ist?«

»Also man muß rücksichtslos sein?« Marco fühlte ein wehes Unterliegen seiner Gründe.

»Nicht man muß, sondern man ist es! Wille hat damit nichts zu schaffen. Übrigens kann man andre Worte wählen und geschickt für rücksichtslos sagen. Dadurch wird aus dem Laster eine Tugend!« Plötzlich ablenkend: »Sieh, jetzt haben deine Oheime dich anscheinend erkannt. Eben hat einer hergezeigt und nun ist die Aufregung fertig.«

Marco sah hinüber. In der Tat begannen die Barbigos sich äußerst auffallend zu gebärden. Einer versuchte krampfhaft aus der leeren Karaffe Wein einzugießen, während die anderen fortwährend herüberschielten und dann hastig raunten.

Maffio und Marco beobachteten sie eine Weile. Da schienen sie befangen zu werden und suchten sich als Gegenstand ihrer Neugierde einige Mädchen, die mit Blumenkörbchen am Arme zu zweit und dritt auffordernd zwischen den Tischen umhergingen.

Plötzlich sagte einer der Brüder halblaut etwas zu den andern. Er schien Beifall zu finden. Denn wenige Augenblicke später zog ein andrer einen Würfelbecher hervor und mit eng zueinandergesteckten Köpfen begannen die fünf unter schrillem Gelächter und verworrenem Geschwätz zu würfeln. Stets röter wurden die Köpfe, Gang um Gang kreiste um den Tisch: von einem Einsatz aber war nichts zu bemerken.

»Das muß ich wissen, was da vorgeht. Wir werden einen großen Spaß machen, Marco! Hör auf zu grübeln! Man muß die Welt untersuchen, um sie zu verstehen. Nicht aber urteilen, bevor man sie kennt!« Maffio schlug Marco derb vertraulich auf die Schulter und rief einen Bediensteten herbei.

Marco zwang sich, nicht mehr weiterzudenken, um die Laune des Oheims, der so tief vergnügt dreinsah, nicht zu trüben. Zudem siegte sein jugendlicher Übermut, als er das wilde Würfelspiel mit einem Blicke streifte und er verbiß ein lautes Lachen. Fast hoffte er boshaft auf ein plötzliches Erscheinen des alten Barbigo mit tragikomischem Abschluß.

»He, du!« flüsterte Maffio zum Bediensteten. »Nimm die größte Karaffe, die ihr habt, füll sie mit schwerem Inselwein und bringe sie den Barbigos. Zuerst sag gar nichts. Erst, wenn sie sehr eindringlich fragen, verrate den Spender. Sag, ein Willkommgruß des Vetters! Schenk aber gleich tüchtig ein!«

»Va bene, Masser!« Der Bedienstete beeilte sich, dem Auftrag nachzukommen.

»So, jetzt geht die Geschichte los!« raunte nach einigen schweigsamen Augenblicken Maffio Marco zu.

In der Tat stand der Bedienstete, der in seiner Verschmitztheit manches ahnte, schon beim Tische der Barbigos.

»Erlaubnis, Massere!« sagte er ohne Rücksicht auf das Würfelspiel und schenkte den ersten Becher voll.

Ein Erdbeben oder das Einschlagen eines Brandbalkens hätte nicht mehr Verwirrung stiften können.

Maffio wurde rot vor Entzücken und Marco verschluckte sich.

»Ah! Bist du toll?« schrillte der erste, der es bemerkte. »Ein Irrtum!« »Wir haben nichts verlangt!« »Natürlich, man will uns teuren Wein aufhalsen.« »Wir trinken keinen schwarzen Sudel!« »Frechheit, so etwas!« »Wir würfeln! Siehst du das nicht, Lümmel?« »Packt ihn!« »Der Padrone muß her! Ruft die Scharwache!« »Hallo, Diebe, Betrüger!« So quiekte, piepste und schwirrte es durcheinander. An den anderen Tischen war man schon aufmerksam. Dabei schossen die hageren Barbigi wie gestochen in die Höhe. Ruhiges Weiterschenken des Bediensteten. Zunehmendes Geschrei. Einer packte den Becher und goß ihn auf den Boden. Die Lage wurde bedrohlich.

Da plötzlich eindringlich halblaut der Bedienstete:

»Kein Irrtum, Massere! Haltet ein! Verschüttet nicht den Malvasier! Willkommgruß eures Vetters! Ehrengeschenk!«

Zuerst waren alle fünf erstarrt. Dann sahen sie einander forschend an und plötzlich dröhnte ein fünfstimmiges, erlöstes Gelächter durch den Garten, das noch mehr Schreck hervorrief, als der Streit.

Im nächsten Augenblick saßen sie schon und zogen den Würfel wieder hervor.

»Nun, kannst du nicht schneller einschenken, Tölpel?« »Ist das Bedienung?« »Voll, da fehlt noch eine Fingerbreite!« »Blöde Späße, warum redest du nicht gleich?« Der Duft des Weines war ihnen bereits in die Nase gestiegen.

»Die werden bald abgewirtschaftet haben!« kicherte der Nasenbrüchige boshaft. Keiner aber wagte es, zu den Poli hinüberzusehen. Um so eifriger tranken sie und das Würfelspiel wurde stets rasender. Einer schrieb jetzt sorgfältig das Ergebnis jedes Ganges auf.

Maffio und Marco beobachteten gespannt das Weitere.

»Wir werden noch sehr hörenswerte Dinge heute erfahren, warte nur, Marco!« sagte Maffio und rieb sich die Hände.

Kaum hatte er es ausgesprochen, als schon einer der fünf mit dem Spiele innehielt und erhitzt und mutig vom Weine den anderen zuraunte:

»Wir müssen uns bedanken! Wenigstens grüßen!«

»So ist es, ich lade sie herüber ein!« antwortete der Einäugige, stand leicht schwankend auf und ging unter ungeheurer Spannung der anderen zum Tische der Poli.

Dort verbeugte er sich äußerst gravitätisch und setzte an. Er brachte aber nichts heraus als: »Wenn es beliebt!?« wobei er hilflos verzerrte Gesten der Einladung machte.

Maffio kicherte, stand ebenfalls auf, verbeugte sich womöglich noch gravitätischer und sagte mit geheuchelter Hochachtung:

»Wenn es gestattet ist! Es ist uns eine ausnehmende Ehre. Seid tausendmal gegrüßt, edle Vettern!«

»O, nichts zu danken!« fiel der Einäugige unrichtig ein.

»Also mit gütigster Erlaubnis!« Maffio winkte Leute herbei, die Gläser, Speisen und Karaffen hinübertragen sollten. Auch Marco erhob sich und begann die Verbeugungen nachzuahmen.

 

Man saß jetzt beisammen.

Die Barbigos erhoben steif und abgezirkelt ihre Becher auf das Wohl des Spenders.

Maffio hatte aber sein Glas noch nicht geleert, als er schon herausplatzte:

»Was in aller Welt spielt ihr hier? Schon eine Stunde zerbreche ich mir den Kopf. Ihr würfelt und würfelt und es geschieht nichts. Oder seid ihr vielleicht Wahrsager und Astrologen?«

Ein schrilles und schmetterndes Gelächter antwortete ihm.

»Man hält's kaum aus, so lustig ist es heute!« krähte sich verschluckend der eine und hielt sich die Seiten.

Dann, nachdem sie sich mühsam beruhigt hatten, sahen sie einander verschmitzt an. Eine neue Lachsalve war die Folge.

»Nun, ihr seid doch sonst keine Tavernengeher und Trinker!« mischte sich Marco ins Gespräch, Boshaft fortsetzend: »Ist euer Vater vielleicht verreist?«

Sie zuckten alle bei dem Worte Vater zusammen. Ihre Heiterkeit war jedoch sogleich wieder da.

»Was redest du, grüner Neffe?« hänselte der Nachbar Marcos und stieß ihn linkisch in die Rippen. Dann triumphierend: »Der Vater selbst hat uns geschickt! Er ist heute besonders guter Laune, weil – weil ...« Erschrocken brach er ab.

»Weil seine Feinde blind ins Verderben rennen!« ergänzte mit schlauem Augenzwinkern der Nasenbrüchige.

»So, so! Nun, und das Würfelspiel?« Massiv ließ nicht locker.

In diesem Augenblicke setzte Musik ein. Flöten trillerten, Dudelsäcke quiekten und eine Pauke dröhnte. Ein Teil der Anwesenden begann mitzusingen.

Noch ein Ereignis zog alsbald die Aufmerksamkeit auf sich: Ein sehr laut geführtes Wortgefecht übertönte den Lärm. Marco fuhr herum. Er hatte die Stimme Enricos erkannt. »Ah, da muß ich hin. Das kann gut enden!« schrie er durch den Lärm zu Maffio, der sich jetzt ebenfalls mit einem raschen Blick der Sache annahm.

»Enrico scheint heute nachgiebig zu sein!« meinte Maffio leichthin. Denn in der Tat hatte sich der Streit schon wieder gelegt. Die Ursache des Zwistes, der rote Beppo, steuerte hastig auf ihren Tisch zu. Ein Kerl, kaum kleiner und schwächer als Enrico, nur wenn möglich, noch knorriger. Den rechten Arm in der Binde. Rote, abstehende, struppige Haare, ein sommersprossiges Gesicht, in dem grüne, schielende Augen stierten. Ringe aus Messing in den fleischigen Ohren. Sehr herabgekommen und abgeschabt.

Ganz verdutzt und fassungslos stand er vor dem Tische und glotzte abwechselnd die Barbigi und die Poli an.

»O, euer Vater selbst – ja wozu eigentlich? – ich soll euch schützen – jetzt sitzen sie bei euch – ich verstehe nichts mehr!« stotterte er. Dann mit einer Geste gegen Enrico: »Auch der dort ist unbegreiflich. Gestern noch hat er gestochen, heute grüßt er mich. Da soll man nicht fluchen! Also jetzt zum Teufel, was soll ich machen?«

»Hinsetzen zu Enrico und saufen! Du siehst, wir sind gute Freunde. Wie der Herr, so der Knecht! Basta! Da hast du einen Saggio, kauft euch was Rechtes und Schluß!« Maffio warf ihm die Silbermünze zu, die der Bravo flink mit der Linken auffing.

»Ja, ja, jedes Wort wahr! Tu, was der edle Masser sagt! Schnell! Marsch!« keifte der Einäugige und wurde von seinen Brüdern unterstützt.

Beppo schüttelte verständnislos den Kopf. Jedenfalls schien der Polo nicht so schmutzig zu sein wie sein Herr. Hatte Gefühl für durstige Knechte. Auch gut! Wozu mit dem Teufel Enrico raufen, besonders, wenn man nur eine Hand frei hat? Vielleicht konnte man sich anfreunden und beide Herren hineinlegen. Und er trottete zurück zum Gesindetisch, wo er von Enrico, dem Marco schnell ein Zeichen hinübergewinkt hatte, gröhlend in Empfang genommen wurde.

Die Musik hatte inzwischen ausgesetzt.

»Also ein Vorschlag zur Güte! Ein feierlicher Vertrag!« grinste Maffio. »Die Karaffe ist leer. Jeder sieht das. Sie ist aber sofort wieder voll und in der Folge nie mehr leer, wenn ich die Geschichte mit dem Würfelspiel erfahre. Ich bin neugierig, das ist nun einmal meine Schwäche.«

»Sehr viel überflüssiges Geld scheint Ihr zu haben. Man sieht das auch am Kleid des Neffen. Sehr viel Geld. Leider dauert so etwas nicht ewig. Es nimmt sehr schnell ab.« Unsicher brummte es einer der Brüder.

»Das laßt meine Sorge sein!« Maffio grinste noch breiter.

»Unsinn redet mein Bruder, er ist betrunken!« entschuldigte ihn der Nasenbrüchige. »Natürlich geht's ihn nichts an!«

»Also der Vertrag?!« Maffio blickte im Kreise herum.

Da begann ein atemloses Flüstern, Puffen und Kichern. »Sag du ihm's!« »Es ist ja nichts dabei!« »Nein, ich schäme mich!« »Feigling!« so schwirrte es hin und her.

»Laßt den Wein kommen! Wir werden es sagen!«

»Auf Ritterwort?« Maffio winkte bereits dem Bediensteten.

»Ja, auf Ritterwort?« Der Einäugige schlug ein.

Und als Maffio bestellt hatte, hastig und heiser, während die anderen weiterkicherten: »Nun, der Vater hat uns zu wenig Geld mitgegeben. Wie soll ich's ausdrücken? Bah! Gradeaus: Ihr versteht!«

»Gar nichts verstehe ich!« Maffio schüttelte den Kopf.

»Also, wenn's sein muß! Wir sind ja schließlich lauter junge Leute!«

»Mit Ausnahme Marcos!« unterbrach lachend Maffio.

»Ja, witzelt nur!« Der Einäugige war gekränkt. »Ihr seid wahrscheinlich kalt wie ein Fisch. Alle dicken Leute sind ohne Leidenschaft!«

»Ganz richtig!« Maffio platzte heraus. »Sehr gut, sehr gut, allgemein bekannt!«

»Nun und da...« Jetzt nahm sich der Barbigo den entscheidenden Anlauf. »Kurz, jeder von uns will heute noch was erleben. Ihr versteht! Aber das Geld reicht nur für einen. Die Mädchen sind teuer! Es ist eine Schande!«

»Herrlich! Göttlich! Einzig!« Maffio konnte sich nicht mehr halten. »Ja, warum zerschneidet ihr dann nicht das Mädchen? Und da würfelt ihr den ganzen Abend...? Nein, das ist doch noch nie dagewesen! So etwas gibt's wirklich nur in Venedig!«

Die Brüder sahen plötzlich so jämmerlich drein, daß Maffio von Mitleid ergriffen wurde. Ohne viel nachzudenken, setzte er fort:

»Nun, da läßt sich abhelfen! Wozu hat man einen Vetter?« Und er begann nach allen Seiten, wo er Mädchen sah, die mit Blumen herumstiegen, zu winken.

»Madonna! Jetzt kommen gleich zwanzig! Nein, dich hab ich nicht gemeint!« Mit Kennermiene: »Du kommst zu uns und du und du!« Er war aufgestanden und wählte unter dem Schwarm, der sich herbeidrängte. Dann zu Bediensteten: »Bringt Stühle, Becher, Karaffen! Und die Musik soll näher kommen. Aber rasch!« Und er nötigte die geputzten, geschminkten Mädchen, die frech umherblickten, auf die Sessel.

»Nicht so stürmisch! Ruhe!« Ein Barbigo hatte schon eine leichte Ohrfeige, da er geradeaus seine Nachbarin umhalsen wollte.

Die Mädchen aber drängten sich alle in die Nähe Marcos. Jede wollte neben ihm sitzen, obwohl er sie anscheinend gar nicht bemerkte und fortwährend höflich Platz machte.

»Warum bist du so traurig, Kleiner? Sieh, die alten Wänste glänzen vor Vergnügen!« piepste ein hübsches, junges Ding mit zerzaustem Blondhaar und kniff ihn in die Wange.

»Ich bin gar nicht traurig! Ich bin lustiger als die andern. Ich lache eben innerlich. So, jetzt trink, Mädchen, und störe mich nicht!« Und Marco schenkte ihr ein.

»O, so ein mürrischer Knirps!« schmollte die Abgewiesene und kehrte sich beleidigt ab, vergaß aber nicht, mit dem Knie an Marco anzustoßen und lässig eine Blume in seinen Schoß zu werfen.

Inzwischen kam neuer Wein, Scherze schwirrten hin und her und Maffio erregte eine Lachsalve nach der anderen, wobei er die Mädchen durchaus nicht vernachlässigte.

Plötzlich lallte ein Barbigo:

»Schade, daß man sie so verfolgt! Sie werden schwerlich auskommen! Nette Kerle, die Poli, nicht? Man kennt sie nur zu wenig. Eigentlich sollte man sie warnen!«

Die andern Brüder blickten, soweit sie die Worte gehört hatten, entsetzt auf den Sprecher.

Maffio faßte ihn scharf ins Auge. Dann sagte er langsam:

»Kein Wort weiter, ich will nichts von euch erfahren! Es liegt nicht in meiner Absicht, daß Giuseppe, mein lieber Oheim, einen von euch ins Jenseits befördert! Trinkt lieber weiter!«

»Er ist ein Edelmann durch und durch!« gröhlte der Nasenbrüchige. »Auf dein Wohl! Du wirst dich schon selber schützen!«

Marco hatte sich unbemerkt erhoben und war zwischen den Tischen hindurch langsam zur Balustrade gegangen. Keinen Schritt machte er, ohne daß ihn der Name Polo oder Barbigo umzischelte. Ihm war dieses Aufsehen im tiefsten Herzen zuwider. Hinaus, hinaus aufs Wasser, ins Freie, in die Alleen und Haine! Nur fort!

Er stand an der Brüstung. In roter Dämmerung lag die Lagune zu seinen Füßen. In seinem Rücken brannten schon die bronzenen Lampen auf den geschnitzten Tischen. O, dort drüben, dort, wo leichter, durchflirrter Nebel den Himmelssaum bildete, dort war gestern der Falke auf den Reiher gestoßen. Gestern? Waren es nicht Monde, Jahre? Francesca! Pfui, heraus aus dieser Stickluft des Würfelspieles, der Dirnen und des Weindunstes! Heraus zu dir! Die Sehnsucht nach der Geliebten packte ihn plötzlich mit körperlichem Schmerz. Er biß sich ins Gelenk und küßte die eigene Hand, nur um ein fleischliches Symbol des fernen Weibes zu erhaschen. Fast wäre er kopfüber in die Lagune gesprungen. Wie ein kleines Kind vor bösen Gespielen, fürchtete er sich plötzlich vor der trunkenen Gesellschaft. Er konnte nicht mehr umkehren!

Maffio, der sich der Dreistigkeit zweier Mädchen nur mit Mühe erwehrte, die mit geübtem Blick in ihm den Zahlungskräftigsten der ganzen Gesellschaft erkannt hatten, merkte mit einem Male das Fehlen Marcos. Er wartete einige Zeit. Als aber Marco nicht zurückkam, wurde er unruhig und fragte:

»Habt ihr gesehen, wo Marco hingekommen ist?«

Niemand wußte es.

Plötzlich erinnerte sich das Mädchen mit dem zerzausten Lockenkopf:

»Er ist dort, zwischen den Tischen durch, zur Steinbrüstung gegangen. Ein sonderbares Herrchen! Mir scheint fast, daß er unglücklich verliebt ist!« Und sie kicherte boshaft, wobei sie innerlich litt. Denn endlich einmal hatte sie heute die Liebe nicht als Geschäft genießen wollen. Schade! Der leckere Junge wollte nicht. Auch gut! Um so mehr Wein muß man trinken. Und sie stürzte ein Glas hinunter.

»So, so!« schmunzelte Maffio. Er blieb absichtlich noch eine Weile sitzen, um Marco nicht bloßzustellen. Dann sagte er stolz: »Ich denke eher, andre sind unglücklich in das ›sonderbare Herrchen‹ verliebt. Er wird schon wissen, warum er die Lagune lieber betrachtet als die Weinlachen auf dem Tisch.« Dabei blickte er höhnisch auf die umgestürzten Becher, die der Ausgelassenheit der Barbigos zum Opfer gefallen waren.

Er bestellte eine neue Karaffe. Da er dabei aufgestanden war, konnte er sich unauffällig vom Tische entfernen.

 

Marco, der in wirren Träumereien Zeit und Ort vergessen hatte, starrte noch auf die Lagune hinaus, die bereits in glanzlosem Abenddüstern lag. Plötzlich fühlte er eine Hand auf der Schulter und fuhr herum.

»Gefällt's dir nicht mehr hier?« sagte Maffio leise.

»O, verzeih, Oheim!« stammelte Marco verlegen. »Das Gegröhle der albernen Burschen und diese Mädchen sind mir zuwider geworden. Ich bin frische Luft gewöhnt. Ich mußte mich nur für einen Augenblick erholen.«

»Ganz gut, Marco!« erwiderte Maffio freundlich. »Ich wollte ohnedies schon gehen. Es ist höchste Zeit. Denn ich möchte vermeiden, daß der Rausch den Familienhaß der Barbigi an die Oberfläche treibt. Mir wäre ein Krakeel mit den Dummköpfen oder gar mit Beppo höchst unerwünscht. Ich werde nur die Zechschuld ordnen. Geh du inzwischen zu Enrico und sag ihm, er soll sich fertig machen.«

Marco nickte, während Maffio zurückging. Sonderbar, wie vertraut er schon mit dem Oheim war! Wie ein älterer Bruder erschien ihm Maffio. Und doch waren sie so weltenfern verschieden. Irgendwo, im Innersten, berührte sich wohl das gleiche Blut. Würde er sich in die Richtung Maffios entwickeln? War alles gar nur Einbildung und Selbstbetrug? Oder die zauberhafte Gewandtheit Maffios, mit Menschen umzugehen?

In solchen Gedanken schritt er achtlos zwischen den Tischen durch, an denen schon ein äußerst ausgelassenes Treiben herrschte. Ein Geck rief ihm etwas nach. Er griff an den Degen und fixierte den Rufer. Dieser aber verkroch sich, gleich als ob er unbeteiligt wäre, hinter ein Mädchen.

Das also waren die Söhne der Nobilität? Die zukünftigen Herrscher der Republik? Ihn ekelte. Und er fühlte sich erst wohl, als er bei Enrico und Beppo anlangte, die beide sofort aufsprangen und ihm ein Glas Wein anboten.

»Hier schmeckt's mir zehnmal besser als dort draußen!« entfuhr es Marco, als er den Becher leerte.

Ein begeisterter Blick der beiden Riesen dankte ihm für den freundlichen Ausspruch.

»Wir fahren, Enrico!« setzte er fort.

Während Enrico seine Sachen zusammensuchte, erschien schon Maffio und raunte dem roten Beppo zu:

»Gib auf deine Herren gut acht! Du bist mir verantwortlich, daß sie sicher und in halbwegs möglichem Zustand nach Hause kommen. Daß mir auch wegen der Mädchen kein Streit ausbricht! So, da hast du noch einen Saggio, vertrink ihn aber lieber erst morgen. Auf weitere Freundschaft! Addio!«

Beppo küßte in einer Aufwallung von Rührung die Hand Maffios. Ja, das waren Herren! So was konnte man sich suchen auf Rialto! Jetzt verstand er erst die Anhänglichkeit Enricos. Und er platzte heraus:

»Ich bin zwar ein Lump, Masser, aber ein Lump mit Ehre. Vor mir sind die Poli sicher. Es ist besser, wenn sich Verwandte vertragen. Ich werde nicht vergessen, wie gut ihr gegen mich seid, obwohl ich's mir wenig um euch verdient habe. Echte und wahre Christen seid ihr, Massere!« Das Wort Christen sagte er mit einer sonderbar starken, fast anzüglichen Betonung.

Als Maffio mit Marco und Enrico zur Gondel kam, befahl er dem Tataren, der apathisch wartend beim Bug hockte, eine Fackel zu entzünden und sich damit vorne hinzustellen. Er selbst setzte sich bequem neben Marco. Enrico tauchte das biegsame Ruderblatt in den schwarzen Kanal und unter dem ersten Schlag begannen rote Reflexe zu tanzen.

Maffio pfiff vor sich hin. Unvermittelt sagte er:

»Nun, Marco, hast du etwas bemerkt? Es sind nette Dinge im Anzuge!« Er wandte sich zu Enrico um: »Hat dir Beppo etwas ausgeplaudert?«

»Woher wißt Ihr, Masser?« raunte Enrico vorgebeugt zurück. »Er hat Andeutungen gemacht. Ich rudere Euch nur nach Hause. Dann werde ich mich noch in den Schenken umhertreiben, wenn Ihr erlaubt. Bei Morgengrauen werden wir schon etwas erfahren haben. Vielleicht ist Eile nötig!«

»Ausgezeichnet!« erwiderte Maffio. »Tu, was du für gut hältst!« Zu Marco: »Also der Ring schließt sich!«

Marco sah ihn verständnislos an.

Maffio lachte: »Du hast gar nichts bemerkt?« Und als Marco verneinte: »Nun, das tut nichts zur Sache! Wozu habe ich mich Jahrzehnte im Osten umgetan? Sie sind hier Kinder, die Herren Ränkeschmiede, obgleich sie sich Wunder auf ihre Pfiffigkeit einbilden. Vor allem darf man bei Ränken gegen reiche Leute nicht knickern!«

Sie bogen in einen schmalen Seitenkanal ein. Zu ihrer Rechten erhellte die Fackel des Tataren eine maurische Fassade. Plötzlich setzte, irgendwo im Unbestimmten, eine Frauenstimme ein. Ein klimperndes Saiteninstrument begleitete mit rieselnden Tonfolgen den Gesang.

»Halt an, Enrico! Das will gehört sein!« Maffio suchte an den Wänden die Richtung, aus der der Schall über den Kanal klang.

Die Stimme schwoll an. Nichts Gekünsteltes. Ein schmeichelnder, werbender, fast wehmütiger Canto, der den Hörer sofort verzauberte und der Phantasie das Bild der Sängerin mit tausend blühenden Schönheiten vorgaukelte. Körperlos wie gläserne, regenbogenschimmernde Bälle lösten sich die einzelnen Töne los und leuchteten irgendwo in der Nacht, bis sie unmerklich verloschen und neuen Tönen Platz machten. Plötzlich wieder Laute tiefsten Gefühles wie purpurdunkle Gesichte. Dann ein spielerischer Triller, eine atemraubende Passage, ein einsamer, wilder, stets anschwellender Höhenton, zu eigener Gestalt sich entfaltend und alles andre vernichtend. Als er die Brust des Lauschers zu sprengen drohte, ein neckender Überschlag, ein schwindelndes Gleiten zu wollüstiger Tiefe, ein müdes Verhauchen.

Der Gesang war verweht und die nächtliche Stille summte rauschend auf dem Kanäle.

»Was war das?« flüsterte Marco, dessen zerklüftetes Gemüt für Augenblicke im Banne wohligster Entspannung entrückt gewesen war.

»Ah, ich habe einen guten Einfall!« Wie zu sich selbst sagte es Maffio. »He, Enrico, weißt du vielleicht Bescheid? Du kennst doch ganz Venedig?«

»Ihr meint die Sängerin?« Enrico, der in der schaukelnden Gondel hockte, fühlte sich geschmeichelt. »Gewiß weiß ich es! Wer sollte es auch nicht wissen?« Und er deutete gegen die Fassade. Dann flüsterte er: »Es ist die Griechin, Masser! Gewiß, die Griechin wird es sein! Dieser sonderbare Palazzo da gehört ihr. Man behauptet, sie hat ihn im Spiel gewonnen. Niemand kann übrigens darüber Genaues sagen. Eltern hat sie keine. Schön ist sie, Masser, herrlich schön! Und jung.«

»Griechin?« unterbrach Maffio den Wortschwall. »Ist sie aus Byzanz?«

»Auch das weiß man nicht, auch das nicht! Ich glaube aber, daß sie eine Venezianerin ist.«

»Nun, Enrico, würdest du es wagen, jetzt bei ihr anzupochen? Ich möchte ihr einen Vorschlag machen.«

»Es ist schon spät!« Enrico überlegte. »Doch es wird vielleicht gehen. Sie gibt sehr oft Feste und Gesellschaften. Dann sind alle Fenster hell bis zum Morgengrauen.«

»Gut!« Maffio zögerte einen Augenblick. »Also heute ist sie allein oder nur in engerem Kreise. Denn es sind nur zwei Fenster beleuchtet. Wach ist sie auch, sonst würde sie nicht singen. Leg an, Enrico! Dort an der Treppe! Kommst du mit, Marco?«

Marco befand sich in einem Netz von Unbegreiflichkeiten. Noch waren die Andeutungen des Oheims über drohende Gefahren nicht aufgeklärt und er sprang schon in neue Abenteuer. Was hatte Maffio hier vor? Suchte er Liebesgunst? Oder hing alles zusammen? Jedenfalls hatte das Selbstbewußtsein des Jünglings einen Stoß erlitten. Er hatte doch ein einsames, gefährliches Leben erfolgreich geführt. Warum stand er diesem neuen Dasein so läppisch gegenüber? Blitzartig waren diese Überlegungen. Schon sagte er:

»Ich bleibe lieber in der Gondel! Es ist gut, wenn einer unten wartet. Für alle Fälle. Übrigens halte ich's für schicklicher, wenn du als väterlich reifer Mann hinaufgehst und den verführerischen Neffen zurückläßt!«

Maffio lachte. Sie legten schon an der Treppe an. Er erwiderte noch: »Der zweite Grund ist triftig! Der erste weniger. Ich glaube nicht, daß mich die schöne Sängerin mit Dolch und Degen empfangen wird.«

Maffio pochte leise an das bereits verschlossene Portal. Ein Schlurfen wurde hörbar. Nach einiger Zeit öffnete sich ein kleines Fenster neben dem Tore und eine unwillige Männerstimme fragte:

»Was gibt's? Seht ihr nicht, daß schon alle Türen geschlossen sind?«

Maffio stellte sich ins Licht, das die Fackel heraufwarf.

Der Ton wurde freundlicher: »Ihr irrt wahrscheinlich, Masser! Wen sucht Ihr?«

»Deine Herrin!« sagte Maffio liebenswürdig.

»Meine Herrin?« Wieder mißtrauisch: »Ich habe Euch noch nie gesehen! Ich kenne alle Leute, die mit meiner Herrin bekannt sind. Gute Nacht, Masser!« Und er wollte das Guckfenster schließen.

»Ich sagte auch nicht, daß ich schon die Ehre hätte, Eure Herrin zu kennen! Habt einen Augenblick Geduld!« Maffio klimperte mit Münzen. »Auch mich könnt Ihr nicht kennen! Ich bin erst gestern nach Venedig zurückgekehrt.« Und als er merkte, daß weder das Geld, noch seine Liebenswürdigkeit Eindruck machten, gerade heraus: »Ich bin Maffio Polo! Den Namen werdet Ihr wenigstens gehört haben. Tut mir den Gefallen und fragt, ob Eure Herrin geneigt wäre, mich wenige Augenblicke zu empfangen. Wenn nicht, lasse ich für die Belästigung um Verzeihung bitten und fragen, ob ich morgen vorsprechen darf. Noch etwas! Bringt das Eurer Herrin als ergebenen Dank für den herrlichen Canto, den wir in der Gondel belauscht haben.« Und er drückte dem verdutzten Wächter einen Ring mit einem großen Rubin in die Hand. »Also, werdet Ihr mir den Gefallen erweisen?« setzte er noch hinzu.

»Gewiß, Masser Polo! Gewiß! Ich weiß aber noch nicht, ob die Herrin Euch empfängt. Mir dürft Ihr nicht zürnen. Es ist eine ungewöhnliche Stunde für Besuche!«

Es verging einige Zeit. Endlich öffnete sich wieder das Fenster und der Wächter sagte:

»Die Herrin würde Euch gerne empfangen, da sie neugierig ist, den edlen Herrn von Polo zu sehen. Womit aber wollt Ihr beweisen, daß Ihr es seid? Das ist die Voraussetzung!«

Enrico, der bisher abseits gestanden war, trat jetzt auch ins Licht. Der Wächter hatte ihn kaum erblickt, als er schon rief:

»Va bene! Da ist der Beweis! Verzeiht, wir müssen vorsichtig sein. Meine Herrin hat viele Feinde. Ich werde gleich öffnen. Wo Enrico ist, dort ist ein Polo. Ah, und der junge Herr in der Gondel ist Masser Marco? Gut. Seid willkommen!«

Das Tor ging knarrend auf und Maffio trat mit Enrico in die erleuchtete Vorhalle. Er wies diesen an, hier zu warten. Dann folgte er einem Mädchen, das ihm mit einer getriebenen Bronzelampe die Stiegen hinaufleuchtete.

Marco dachte inzwischen in der Gondel vor sich hin. Der Gesang hatte ihn sonderbar ergriffen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß sein Gemüt seither viel ruhiger und gesammelter war. Dann nahm er plötzlich den Tataren in Augenschein. Unheimlich starr stand er noch immer beim Buge und hielt die lodernde Fackel hoch ohne zu zittern. Das gelbe Gesicht mit den schmalen Schlitzaugen und dem abwärtshängenden Schnurrbart glich einer Steinmaske. Man hätte Furcht bekommen können vor diesem steifen, undurchdringlichen Wesen, das den Befehl so wörtlich nahm, daß es sich selbst nicht die kleinste Erleichterung gestattete.

Plötzlich hörte Marco hoch über dem Kanal für einen Augenblick die Stimme des Oheims. Darauf in unendlicher Weiche eine antwortende Frauenstimme. Er sah empor. Da merkte er verfließend zwei Schatten am erhellten Fenster und ein fast spöttisches, rieselndes Lachen tönte herab. Es war kein Zweifel. Das war dieselbe Stimme, die gesungen hatte. Marco ertappte sich für einen Herzschlag auf dem Gefühle leiser Eifersucht. Er verscheuchte den tollen Einfall. Was ging ihn die Sängerin an? Was die Absichten Maffios?

Kurz darauf rief der Oheim auch schon die Gondel an. Er war munterer als je und lachte. Als er einstieg, sagte er:

»Ja, mein Bürschchen, das möchtest du wissen, was es da gegeben hat! Nichts wirst du erfahren! Das Geheimnis wird sich erst in einiger Zeit enthüllen. Erzähl niemand etwas von dem Besuch. Übrigens, ein Glück bei Frauen hast du, Marco, das ist wahrlich schon abstoßend! Ich brachte sie gar nicht vom Fenster weg. Fortwährend gaffte sie auf die Gondel herunter. Und ich bin doch heute selbst so bezaubernd!« Er schlug Marco väterlich stolz und derb auf die Schulter.

»Auf die Kleider stiegen sie, wie die Mosquitos zum Licht!« Wegwerfend versuchte Marco den Ton zu färben, doch es kam nicht ganz zur Geltung, da ihn leise der Erfolg prickelte.

»Dann lauf nackt umher! Ich glaube, du wirst auch damit nicht weniger Erfolg haben!« Maffio gröhlte über seinen derben Spaß. Plötzlich ernster: »Jetzt möchte ich aber doch wissen, was in aller Welt mit dir los ist? Willst du Mönch werden? Bist du gar Novize? In der Taverne läufst du davon, wenn die guten Mädchen sich eben auf dein Knie setzen wollen, hier bist du beleidigt, wenn dich dieser singende Engel angafft? Wie reimt sich das mit deinen Muskeln? He, oder gar vielleicht schon vergeben das niedliche Herzchen?«

Marco war nahe daran, die Wahrheit zu sagen, um sich den Sticheleien zu entziehen. Da fiel ihm plötzlich das Wort des Vaters ein, das furchtbare Wort, das ihn wie ein mahnender, dunkler Unterton schon den ganzen Nachmittag begleitet hatte: »Halte dein Herz frei, hänge dich an keine Seele!« Da stand die Wand des Verbotes zwischen ihm und Francesca. Nein, nichts sagen, nichts verraten! Vielleicht war mit Geduld und Vorsicht der Vater umzustimmen. Und er versuchte abzulenken.

»Lassen wir die albernen Mädchen, Oheim! Ich bin noch jung, war stets allein. Ich kenne fast keines. Was mich viel mehr erregt, waren deine früheren Worte von Ränken und Gefahren!«

»Oho, unaufrichtig, mein Söhnchen?! Hat Geheimnisse? Nun, man wird bald dahinterkommen!« Maffio schmunzelte gutmütig. Eben bog die Gondel in den Canal Grande, auf dem noch reges Leben herrschte. Fackeln und Laternen tanzten über der schwarzen Fläche und die Palazzi waren von huschenden Strahlen überglüht. »Nun gut! Ich bin kein Mensch der Gewalt. Also, du hast nichts bemerkt, stellte ich früher fest. Es geht aber dennoch etwas vor.«

Nach einer kurzen Pause: »Jetzt merk auf: Barbigo hat heute gegen uns einen Anschlag angezettelt. Daher seine Freude. Seine Feinde rennen blind ins Verderben, hat das eine der betrunkenen Gespenster ausgeplappert. Also, er ist so sicher, daß er die Söhne schon zur Feier des Tages zum ›Unbesiegten Löwen‹ schickt. Beppo muß nach, um sie zu schützen. Und zwar gegen uns! Das hat uns wieder Beppo durch sein Gestammel verraten. Er fürchtet also, daß wir doch irgend was hören und uns rächen. Folglich: Öffentliche Angelegenheit! Dann hat Beppo zu Enrico Andeutungen gemacht. Was, weiß ich noch nicht. Endlich hat Beppo das Wort Christen so eigentümlich betont. Da wir nun ein gutes Gewissen haben und weder stehlen, noch morden; weiters in Venedig noch gar nichts anstellen konnten; schließlich Gewalt kaum möglich ist, da er gegen dich und Enrico allein nichts ausgerichtet hat, geschweige denn also gegen unser großes Gefolge aufkommen dürfte, kann ich nur glauben, daß er behauptet, wir seien im Osten vom Christentum abgefallen, hätten zu Götzen gebetet oder dergleichen! Wie scheinen dir meine Schlüsse?«

»Meine Bewunderung!« sagte Marco aufrichtig begeistert. »Ich war doch auch anwesend, hatte nicht an Zeche, dumme Neffen und Sängerinnen zu denken und merkte nichts. Ich bin wirklich sehr untüchtig!«

Maffio freute sich über das Lob des spröden Jünglings: »Nun, doch nicht gar! Das alles ist nur Übung! Wir hatten am Hofe des Großkhans gefährlichere Erlebnisse. Selbsterhaltungstrieb ist das und Erfahrung. Mit Tüchtigkeit hat das nichts zu tun.«

Wieder bogen sie in einen Seitenkanal. Die Gondel näherte sich dem schwarzen Palazzo. Da schoß ein zweites Wort des Vaters, geweckt durch die Nennung des Großkhans, Marco durch die Gedanken. Noch schnell wollte er sich durch eine Frage Gewißheit verschaffen. So warf er hin:

»Das soll ich ja bald durch eigenen Augenschein kennen lernen. Der Vater sagte mir, ich würde mit euch zum Großkhan reisen. Es ist ein weiter Weg. Wir werden wohl zwei Jahre brauchen, bis wir wieder in Venedig einlangen?!«

»Zwei Jahre?« Maffio sah ihn erstaunt an. »Nein, Marco, du irrst. Vielleicht reisen wir erst in zwei Jahren fort. Ich denke aber, daß wir zu Lebzeiten des großen Kublai nicht mehr zurückkommen. Bei einiger Verzögerung können Jahrzehnte verstreichen, ehe wir heimkehren. Ist dir das so erschreckend? O, es lebt sich gut drüben! Es ist eine herrliche, reiche, bunte Welt! Wenn man diese Weiten kennen gelernt hat, erscheint Venedig wie ein enger Käfig!«

Marco antwortete nicht mehr. Er war froh, daß sie an den Bohlen des schwarzen Palazzos anlegten. Ja, jetzt verstand er den Vater. »Halte dein Herz frei! Hänge dich an keine Seele!« Und ein furchtbarer Schmerz zerriß sein Gemüt und ließ es zur Hoffnungslosigkeit zusammensinken.

Er hörte kaum, daß Maffio ihm mitteilte, man habe ihm jetzt im ersten Stockwerke ein freundliches Gelaß eingerichtet.

»Du wirst sehr überrascht sein! Nun gute Nacht, mein Liebling!« sagte Maffio gerührt und küßte ihn.

Er jedoch stammelte nur kurz und mechanisch einige Dankesworte, dann ließ er sich von einem Diener hinaufführen.

 

Alles war zugleich in den Gedanken Marco Polos, als der Diener die Türe hinter ihm zugedrückt hatte: Rasender Schmerz, Neugierde, leichter Rausch, der alle Eindrücke zehnfach übertrieb, ein buntes Wirrwarr von Gehörtem und Gesehenem, neue Gefühle zu neuen Menschen. Mit tausend verschiedenen Stimmen flüsterte, kreischte, gellte es auf ihn ein, alles schob sich durcheinander, nichts konnte er mehr ordnen und lösen. Er fürchtete um seinen Verstand zu kommen.

»Reichtum! Glück! Seligkeit!« heulte es höhnend in ihm auf. »Jahrzehnte können verstreichen, ehe wir heimkehren!« meckerte ein verzerrtes Echo.

Schweiß stand auf seiner Stirne.

Plötzlich begann er mit lallenden Gedanken zu sehen: O, so schön ist es im Zimmer! Herrlich schön! Ja, eine große Überraschung. Wer hat alles zurecht gelegt? Sehr lieb von euch. Wie die Lampe starr brennt. Eine schöne Lampe!

Nein, alles ist dahin, dahin, dahin! Francesca, wo bist du nach den gräßlichen Jahrzehnten? Und vielleicht zwei Jahre warten, zwei Jahre auf die Hinrichtung warten! Wäret ihr doch nie gekommen! Warum seid ihr nicht im Osten geblieben, wo es sich so herrlich lebt? Wozu in den engen Käfig eindringen?

Käfig? Ah, da stand einer. Auf einem sonderbaren, eingelegten, sechseckigen Tischchen. Oder war es achteckig? Ein wichtiges Problem! Man kann es ja abzählen. Nein, erschrick nicht, bunter Vogel! Zu dir bricht niemand in den Käfig ein. Man muß fast lachen über dich, wenn du dich mit dem Schnabel an dem Gitter anhältst und langsam hinunterturnst. D, du kreischst auf? Ja, so ein Ton ist in mir, wie du ihn hervorbringst, Papagei.

»Ich vertraue dir, Marco, ich vertraue dir!« Vertrau mir nur, Vincenzo Mori, edler Mann. Du hast recht. Warum solltest du böse sein? Habe ich etwas getan? Ein Kleid habe ich angenommen, war eitel, habe zugesehen, wie sie Fledermausantlitze bekommen, wenn Zechinen rollen. Das läßt sich gutmachen. Nicht gutmachen läßt sich...

So, da ist das Fenster. Frische Nachtluft, Sterne, so viele Sterne. Da unten ist der Garten Malipieros. In diesem Zimmer war ich noch nie. O, die Nachtluft ist gut. Da fröstelt man ordentlich. Vielleicht klären sich die Gedanken.

Also, unbarmherzig, ganz unbarmherzig gesprochen, es ist alles zu Ende. Alles, was gestern wirklich war. Ich habe eine Welt verloren und eine andre gewonnen. Sehr weise! Philosoph und Kaufmann zugleich. Aus mir wird sicher etwas. Ich bin begabt. Ich werde mir die neue Welt ansehen. Fort vom Fenster! Dort drüben ist Malipiero, der gehört zur alten Welt. Weinen werde ich später.

Das ist ja ein wirrer, bunter Traum. Nein, diese Teppiche! Ein schwellendes Lager. Was hat man mir noch alles hergestellt? Die Waffen sind nicht zu verachten. Dolche, ziseliert, mit Gold eingelegt. Ein spitzer tatarischer Helm. Ein Kettenhemd mit goldenen Achselstücken. Und eine Alabasterschale mit Früchten. Was das sein mag, die borstige braune Riesennuß? Und dieses Ding, das in netzförmige Felder eingeteilt ist?

Man könnte versuchen, einen Dolch in die Brust zu versenken. Ja, das werde ich versuchen. Pfui! Scharf sind sie, jetzt tröpfelt mir schon Blut vom Finger und ich habe die Schneide kaum berührt. Gut, da wird es schnell gehen. Alles geht im Traum schnell. Und es macht doch nichts.

Ich bin nur neugierig, auf welchem Planeten ich erwachen werde und ob der Dolch noch in meiner Brust stecken wird.

Lassen wir den Dolch! Später! Da gibt's ja noch tausend Dinge. Ohne Zweifel, sie lieben mich. Sie sind gefällig, aufmerksam. Warum sind sie das?

Ich weiß es jetzt. Zwei Mächte kämpfen um mich. Gott und Teufel? Schäm dich, Marco! Ist Vaterliebe teuflisch? Aber nein, ich meine ja nicht den Vater, nicht die Person. »Das war Heimweh, das war die Hölle!« Du bist selbst ein Opfer des Teufels gewesen, Vater. Ich liebe dich! Was also? Wo ist das feindliche Prinzip? Ich kann nicht mehr denken. Ich werde mich auf die bunten, gestickten Polster werfen. Du kommst mit, blitzender Dolch, du sollst mir Gesellschaft leisten!

Marco warf sich auf das breite Lager, von dem Teppiche und Kissen ihm entgegenschwollen. Die Lampe begann durch die Erschütterung zu flackern und bunte Reflexe tanzten auf den hohen Vasen und den leise erklirrenden Waffen. Ein großer Schmetterling tackte an singende Gläser.

So, da liege ich und versinke in Seide und Duft. Woher kommt diese Wolke von Rosenduft? Auch ein Geschenk? War je ein Traum so vollständig? Jetzt weiß ich auch plötzlich die zwei ringenden Mächte: Himmlische und irdische Liebe! Reichtum der Seele, Reichtum des Leibes. Ha, dreht sich schon wieder alles? Lebte ich wirklich in himmlischer Liebe? Sind die Glieder Francescas nur himmlische Lockung? Sie sind so weich, so duftig, so sinnverwirrend. Francesca, Francesca! Warum sind sie gekommen, uns zu trennen? Ist das wirklich nur irdische Liebe, wenn ich den Vater liebe? Nein, ich fasle! So ist es nicht. Der Reichtum ist das Irdische, die Anbetung der Zechinen. Das ist der Unterschied.

Fort mit dem Dolch! So, da liegt er mitten im Zimmer. Ich will selbst im Traum nicht sterben, bevor ich alles geklärt habe. Mein Gott, warum leide ich so! Ich tat ja nichts Böses. Aber hat mein Vater Böses getan, als es ihn stets weiter nach Osten verschlug? Das Bambino sah er in der Wüste, krächzte San Marco, doppelbedeutend, Marco die Heimat, Marco das Kind. Er wußte es damals nicht. Was geht's mich an, ob er es wußte?

Jetzt ist mir fast, als ob sich die Gedanken ordnen würden. Wenn nur dieser rasende Schmerz nicht wäre! Und doch. Ist es wirklich Schmerz? Was ist Schmerz? Ich weiß, was ich eigentlich wünsche. Mit dir sprechen muß ich, Francesca, du sollst neben mir liegen, ich will dich atmen hören und dir alles sagen.

Nie, nie, nie wird das sein! Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Nie, nie, nie! Jetzt weiß ich auch, was Schmerz ist. Wie lange kann ich dieses Gespenst, das in mir tobt, noch ertragen? Warum habe ich den Dolch fortgeschleudert?

Nein, ich muß mit dir sprechen, Francesca. Sieh dich nur im Zimmer um, Marco! Sie haben dir alles hingelegt. Reichtum heißt alles besitzen. Armut alles entbehren! Könnte man da nicht gellend auflachen? Kann man wirklich nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen? Habe ich gedient? Ist schon die Berührung Mammons vergiftend?

Zurück zur Absicht! Ich suche etwas, das die Berührung unsrer Seelen ermöglicht, Francesca!

Er sprang auf und stieß mit dem Fuß an den Dolch.

Fort mit dir, später, du brauchst dich nicht aufzudrängen, du bist so mächtig wie der Armenier. Ich werde dich suchen, wenn ich dich brauche. Gut! Ich wußte es ja! Da liegt das Papier und das Schreibzeug. Da ist auch die Quelle des Duftes. Ein geschliffenes Kristallfläschchen. Nein, lieber weit weg. Jede Duftwoge bringt den Herzschlag zum Stocken. Und wie viele haben ihre Geliebte in solchen Zimmern empfangen, an sich gedrückt, sind eins mit ihr geworden? Warum ich allein ausgestoßen? Vor die Wahl gestellt?

Wahl? Jetzt werde ich Francesca schreiben. Die Schrift wird meine Gedanken ordnen. Was sie wohl jetzt eben denkt und fühlt? Ahnt sie etwas? Daß schon das Ende da ist, bevor es Anfang wurde?

Was dachte ich da von Wahl? Ich habe ja gar keine Wahl! Wie ein Korn bin ich zwischen die Mühlsteine geraten. Liebe als Mühlstein! Ein richtiger Vergleich! Wenn nur nicht dieser Hohn in mir wäre! Ist das ein Medicamentum der Natur gegen Verzweiflung? Oder der beginnende Wahnsinn?

Ja, wenn ich wählen könnte?! Ich werde jetzt schreiben. Alles werde ich schildern, damit sie wenigstens weiß, wer mich umgibt, wie die neue Welt aussieht. Sie wird einen Ausweg sehen, den ich noch nicht sehe. Francesca, du bist ein Engel, du bist allwissend, deine Liebe ist stärker als meine. Solche Liebe ist allmächtig. Aber ohne Voraussetzung kannst du nicht raten. Wenn ich doch mit dir sprechen könnte!

Marco saß bereits an einem Tischchen, das der Lampenschein hell bestrahlte. Er glättete das seidenweiche, fremdartige Papier zurecht und setzte die Feder an.

Wie weich dieses Papier ist! Wo mag es her sein? Nein, keine Betrachtungen. Schreiben, nur schreiben!

Ha! Hat schon die Berührung des Schreibwerkzeugs die Verbindung mit dir hergestellt, Francesca? Plötzlich weiß ich die Lösung. Daß ich sie früher nicht ahnte? »Meine Francesca!« Ja, ich schreibe, das zarte, schmiegsame Instrument läuft wie von selbst über das Papier. »Sie haben mich ohne Schuld zur Verzweiflung getrieben. Man will uns trennen. Ich soll hinaus in die uferlose Welt auf Jahrzehnte und soll mein Herz an keine Seele hängen. Mein Vater hat recht. An der ewigen Sehnsucht nach meiner Mutter hat er seine Jahre vertrauert und ist alt und düster geworden. Wer die Welt durchreist, darf nichts in seinem Rücken fühlen, nichts, keine Erinnerung darf ihn beschweren. Aber – und das ist meine späte Erleuchtung – aber, sage ich, oder hast du es mir durch die Nacht herüber eingegeben: Muß man, wenn zwei Dinge unvereinbar sind, beide zur Ausführung bringen? Gilt da nicht das Vorrecht des früheren? Kurz, ich werde nicht mitgehen. Ich bleibe bei dir. Kann mich mein Vater wirklich zwingen? Zuerst werde ich Gründe versuchen. Ich hoffe nicht sehr auf ihren Erfolg. Dann fliehe ich schlimmstenfalls. Ich kann Falkner werden, Soldat, Schreiber. Gehungert habe ich genug. Ich kann auch allein sein. Enrico wird mir sicherlich ins Exilium folgen. Was geschieht dann? Schmerz des Vaters? Fluch des Vaters? Die Bibel erlaubt selbst dem Mädchen, Vater und Mutter zu verlassen. Ist die Sünde für einen Mann so groß, der sich selbst bisher sein Leben baute? Ist mein Schmerz nichts? Sind meine Ziele nichts? Ich kenne sie ja sozusagen gar nicht, für die ich mich opfern soll! Also sei getrost, Francesca! Auf den Willen kommt es an! Auf nichts als den Willen...«

Er begann den Brief zu überlesen, da seine Gedanken abgelenkt stockten.

Und das soll ich schreiben? Ist alles wahr, was ich sagte? Was wird geschehen, wenn ich mit den Gründen beginne? Der Vater wird mich anblicken, stechend, undurchdringlich. »Mein Sohn,« wird er mit tiefer Stimme sagen, »an dem Entschlüsse ist nichts zu ändern. Nicht persönlicher Gewinn treibt uns nach dem Osten. Und das große Ziel des Vaters soll wieder gehemmt sein durch Sehnsucht? Was habe ich noch auf der Welt, mein Kind? Wie lange werde ich noch leben? Du bist jung, kannst vergessen, Ersatz finden. ..«

Nein, keinen Ersatz, was ist das für ein gräßliches Wort? Nein, es ist etwas andres. Ich fürchte mich! Ich bin im Banne dieser Augen! Weg mit dem Brief! Ein anderer:

»Meine Francesca! Wie soll ich dir alles Neue schildern, das seit gestern in mein Leben kam? Älter bin ich geworden um Jahrzehnte und jünger um Äonen. Verstehst du das? Nein, du kannst es nicht begreifen, da du die Augen des Vaters nicht gesehen, die Geschmeidigkeit des Oheims nicht erfahren hast. Wie gelähmt bin ich gewesen nach jedem Satze, machtlos zerschellten meine Beweisgründe an ein paar flüchtigen Worten dieser beiden Männer. Lächeln, Mitleid blieb bei ihnen, Niederlage und Lähmung bei mir. Woher diese Macht? Wie ein Kind saß ich da und stammelte mit fremder Stimme. Und dennoch! Jetzt, wo ich allein bin, sehe ich ihre Trugschlüsse. Sie haben unrecht in manchem, ich hatte recht. Gleichwohl werden sie stets recht behalten. Auch das weiß ich jetzt. Denn sie können bei jedem Satze den Erfolg als Beweis bringen. Ja, Erfolg! Nicht Wahrheit, nicht Lauterkeit, nicht Göttliches! Sichtbarer, greifbarer Erfolg! Fledermausantlitze bei Zechinen. Erfolg und Zechinen sind das einzig Ernste. Alles andre ist Rauch, ist billige Schwärmerei der Jugend, die eben nicht schadet, wenn sie beizeiten gebremst wird. Wohin verliere ich mich? Davon wollte ich gar nicht schreiben. O, ich bin so machtlos, Francesca! Alle Macht ist bei ihnen. Der Beifall der Welt wird bei ihnen sein. Ich aber bin der Narr, der Träumer. Nein, auch das ist nicht volle Wahrheit...«

Wohin komme ich? Nein, das ist auch nicht der Brief. O, jetzt ist wieder der Schmerz bei mir! Warum antwortet mir niemand, wo ist die Erleuchtung?

Er blickte hilflos durch das Zimmer. Der Papagei turnte, aufgeregt durch die hastigen Gebärden seines neuen Herrn, im Käfig umher und schlug krächzend mit den bunten Flügeln. Marco erschrak. Nicht über den Schall, nicht über den Mißton, sondern über Gedankenläufe, die plötzlich in ihm zur Form wurden und ihn zwangen, halb unbewußt den Brief zu zerknüllen und einen neuen zu beginnen.

»Francesca! Geliebte! Nur du wirst es verstehen, was ich jetzt sage. Nur du wirst den Abgrund meiner Zweifel und Wünsche verzeihen können. Ich weiß, du liebst mich so sehr, daß du sogar verzichten kannst. Das Schicksal will nicht, daß wir vereint sind. Laß von mir, gräme dich nicht, ich bin deines Schmerzes nicht würdig. Wir fehlten. Ich war noch zu jung, zu unreif, um mich zu entscheiden. Siehst du, Francesca, der Papagei – doch was will ich sagen? Ich weiß schon! Also die bunten Farben dieses fremden Vogels haben Dinge mir wachgerufen, die eben so wahr sind, wie meine Liebe zu dir. Meer, ferne Länder, die Wüste – o, sie schreien mit hageren, gestreckten Armen San Marco, – ein Phantom, – fremde Früchte, – Gefahren – Abenteuer – Weiten, nichts als Weiten – schimmernde Burgen aus Marmor – Reichtum. Francesca, verzeih mir! Auf den Knien liege ich vor dir. Was kann ich für mein Blut? Und noch furchtbarer. Heute habe ich eine Stimme gehört. Sie sang durch die Nacht. Da sah ich die Frauen des Morgenlandes. Perlen blitzten, Karfunkel, raschelnde Seide. Düfte, schwere Düfte, wie sie jetzt durchs Zimmer streichen...«

Er weinte in namenloser Qual auf und riß die Zeilen wild in kleine Fetzchen. Verrat! Furchtbarer Verrat! Feinde innen, Empörer in der eigenen Brust! Feinde auf allen Seiten. Ja, das ist der Wahnsinn! Jetzt hat er mich gepackt. Wo sind Feinde? Alle lieben mich, alle sind besorgt um mein Wohl! Liegt dort nicht im Zimmer noch der Sack mit den kleinen, guten, süßen Geschenken? Was gabst du mir mit auf den Weg, Francesca? O, ich bin so elend. Es ist die zweite durchwachte Nacht. Das hält auch die Kraft eines starken Jünglings nicht aus. So, jetzt sehe ich dich wieder, Francesca? Alles andre waren wirre Träume, wie sie Märchen bei Kindern erzeugen. Noch einen Brief? Soll ich mich vor mir selbst zu Tode schämen? Das ist meine Weisheit? Oder bin ich wie der Held antiker Tragödien in den Zwiespalt unentwirrbaren Schicksals geraten? Schuldlos, schuldig! Wo liegt die Schuld? Ist Leben allein schon Schuld? Erbsünde? Ist Glückstreben Schuld? Wirken in mir mehrere Seelen, die sich gegenseitig verzerren? Oder war ich bisher ein ahnungsloses, glückbegleitetes Kind? Oder ist alles Fieber?

Stets rasender, stets wirrer jagten einander seine Fragen und Gedanken. Er stand auf. Nachtluft kühlte ihn beim Fenster. Der Papagei entlockte ihm schmerzlich höhnisches Lachen. Er kostete willenlos von den fremden Früchten, trank Wein, der dastand, betäubte sich am Rosenöl. In Kreisen kehrten alle Stimmungen stets wieder: Flucht, Lähmung, Befreiung, Weltdrang, Zurücksinken in wilde Liebe. Zahllose Blätter beschrieb er. Setzte den Dolch an die Brust, um ihn, geäfft durch ein plötzlich erblicktes Spiegelbild, im Selbsthohn wieder zur Erde zu schleudern.

Endlich lag flirrende Müdigkeit auf seinem Denken, das durch alle Tiefen von Haß und Liebe gerast war und sich dadurch stumpf gerast hatte. Er fluchte nicht mehr, segnete nicht mehr, hoffte und verzweifelte nicht mehr. Jugend brach aus ihm hervor, Kraft und Leichtsinn.

Und er schrieb, ohne es viel zu bedenken, einen zärtlichen Brief – den letzten. Plaudernd schilderte er die kleinen Begebenheiten des Tages, erzählte von Kleidern, betrunkenen Oheimen, Schätzen seines Zimmers.

Diesen Brief verschloß er und warf sich, ohne das Licht zu verlöschen, auf das weiche Lager. Er bemerkte auch kaum, daß schon ein kalter, blauer Ton beginnenden Morgengrauens durchs Fenster hereindrang und die Lampe zu einer faden, gelben Kugel verblassen ließ.

Einzelne abgerissene Worte und Bilder tanzten an der Grenze seines Traumes.

 

Plötzlich durch den Halbschlaf Marcos ein dröhnendes Pochen. Einmal. Darauf dreimal, schnell hintereinander. Dann mit langem Zwischenräume zweimal. Und wieder, noch heischender, noch schmetternder: einmal, dreimal, zweimal.

»Was gibt's?« Marco fand sich nicht zurecht. Fortgeweht waren die Ereignisse der letzten Tage. Er glaubte noch allein im Hause zu wohnen. Er wußte nichts vom Vater, vom Oheim, vom zahlreichen Gesinde. Nur das für höchste Eile und Gefahr verabredete Zeichen Enricos hörte er. So, jetzt noch einmal! »Was gibt's? Madonna, was ist los?«

Er schüttelte mit äußerster Willensanstrengung die letzte Umklammerung des Schlafes ab.

Unvermittelt fühlte er mit dem Erwachen zugleich das dichtbevölkerte Haus. Wie ein wohliger Trost legte sich dieses Bewußtsein über sein Erschrecken. Was wollte Enrico? Oder hatte er das Anpochen nur geträumt? Wahrscheinlich! Schon wollte er sich gähnend auf die andre Seite wälzen und sich neuem Schlummer hingeben.

Nein! Kein Traum! Jetzt erklang es wieder. Doch wie zart, fast schüchtern.

»Tritt ein, Enrico! Schnell! Was gibt's?« Jetzt rief er wirklich, zwar mit umflorter Stimme, doch wesenhaft.

Ein Scharren und Suchen am Türschlosse. Ah, er kann ja nicht öffnen, es ist versperrt. Gut, ich muß öffnen.

Und mit einem Satz sprang er auf die Füße. Müde war er, wie zerschlagen. Was tat's? Wie lange hatte er geschlafen? Gleichgültig! Die Sonne war noch nicht aufgegangen.

Er klinkte den Riegel auf.

»Verzeiht, Masser Marco, verzeiht, wenn ich Euch störte!«

Enrico, in Kettenhemd und Sturmhaube, versuchte leise aufzutreten. Mit einem Blick über das Zimmer: »Madonna, schön haben sie Euch's gerichtet! Wozu brennt die Lampe? Schade ums Öl! Erlaubt, daß ich sie verlösche!« Und er pustete mächtig in die Flamme.

»Echt Enrico!« Marco lächelte leise. »Zuerst gibst du das Notzeichen und dann bläst du die Lampe aus. Also, jetzt heraus mit den Neuigkeiten!« Marco hatte sich wieder aufs Lager gelehnt und versuchte, die gestrigen Ereignisse zu ordnen.

Enrico aber sprudelte schon heraus: »Fast alles habe ich erfahren. Höchste Eile ist notwendig, Masser! Furchtbar! Euer Vater und Euer Oheim stehen unter Anklage! Verrat an der Christenheit lautet der Vorwurf. O, es ist schrecklich! Was machen wir, Masser Marco? Was machen wir?«

»Was? Verrat an der Christenheit? Wer? Barbigo?«

Marco fuhr ein Schauder durchs Gemüt. Konnte die Anklage nicht wahr sein? Was wußte er über Vater und Oheim?

»Nein, nicht Barbigo! Auch Barbigo! Der Gesandte, der Tedesco, ist der Anzeiger. Da muß der Doge einschreiten!«

»So!?« Marco war aufgestanden. »So!« wiederholte er mechanisch. Die Poli halten zusammen, hatte Maffio gesagt. Also das ganze Haus in Gefahr. Nun, es wurde immer schöner! »Sofort zu Maffio!« setzte er seine Gedanken fort.

»Va bene!« Enrico trat schon zur Türe hinaus. Marco folgte schnell.

»Hier sind wir. Ihr schützt mich, wenn er zürnt!« Enrico pochte an die Türe.

Nach kurzer Zeit erklang ein unverständlicher Ruf. Enrico pochte weiter.

»Geduld! Gleich bin ich da!« tönte es jetzt hell heraus und im nächsten Augenblick ward auch schon die Türe aufgestoßen.

»Wie siehst du aus, Marco? Bist du krank?« Maffio, der sich eben mit einer scharfduftenden Essenz über die Schläfen fuhr, sah den Neffen forschend an. Marco antwortete nicht gleich. Er betrachtete gedankenlos die Pracht des großen Raumes, die weißen Seidenhosen und die nach oben zugespitzten Lederpantinen Maffios.

»Ah, Enrico! Ich verstehe! Kommt herein!« Dann wieder zu Marco: »Antworte endlich, Kleiner! Warum starrst du so verzweifelt?« Und er streichelte die Wange des Neffen und zog ihn ins Zimmer.

»Nichts ist mir! Ich bin gesund. Ich mag vielleicht über die Neuigkeiten Enricos erschrocken sein ...!« Marco fühlte schon wieder die Lähmung, die ihn unwillkürlich in Lügen hineinzwang.

»Sehr gut! Nun, dann später von deinem Aussehen.« Zu Enrico: »Also, was weißt du

Enrico hatte sich, der weisenden Geste folgend, auf einen Sessel niedergelassen. Marco saß neben dem Oheim auf dem Ruhelager.

»Was ich weiß, Masser? Furchtbare Dinge! Gefahr und Schrecknis!«

»Erzähl alles ruhig vom Beginn. Es ist besser so. Da dauert es weniger lang!« Maffio verlor nicht im mindesten seine muntere Miene.

Enrico sah ihn erstaunt an. Dann ging der Strom der Ruhe auch auf ihn über und er gestikulierte nur wenig, als er anhub:

»Gut, vom Anfang! Als Ihr schlafen gingt, verließ ich den Palazzo. Das hattet Ihr ja befohlen. Keine drei Gassen war ich noch, da hörte ich schon von Vorübergehenden über eine Nachtsitzung des Senates reden. Hallo, dachte ich, das kann wichtig sein. Ich weiß nicht, warum ich mir das dachte. Also schnell zum Marcusplatz. Ho, da waren die Fenster des Palazzo Ducale schön beleuchtet. Viel Volk auf der Piazza. Was gibt's da oben? fragte ich – bei Gott, Bekannte finde ich überall. Ja, das weiß niemand. Schwere Staatsgeschäfte, Verschwörung, Aufstand, die steigenden Preise. So antworteten sie mir. Oho, niemand weiß es? Auch gut! Ist's bald zu Ende? fragte ich. Zu Ende? Eben hat's begonnen! Va bene! Da kann man inzwischen noch etwas andres versuchen.« Enrico machte eine Pause, um seine Chronik zu ordnen.

»Sehr spannend!« sprach Maffio dazwischen und langte nach einem Lackschächtelchen, in dem fremdartiges Zuckerwerk lag. Er bot Marco und Enrico an.

»Spannendes kommt erst! O, danke, Masser! Also, was habe ich eben erzählt?« Enrico schlug sich auf die Stirne, von der er die Sturmhaube zurückgeschoben hatte.

»Du bist vom Marcusplatz fortgegangen oder dergleichen!« half Marco aus.

»Ja, richtig! Also ich treibe mich umher. So in Kreisen um das Haus Barbigos. Prost! Da kommen schon die Brüder daher mit Beppo. Nein, Masser, war das ein Anblick!« Er lachte auf. »Lassen wir den Anblick! Die Sache ist zu ernst. Ich mache also dem Beppo ein Zeichen. Sie wackeln alle ins Haus. Kichern, kreischen, johlen und halten sich gegenseitig den Mund zu. Gut, drinnen sind sie. Ich setze mich im Dunkel vors Haus und warte. Nach einiger Zeit kommt der Beppo heraus und fragt, was ich will. Nichts will ich! sage ich, du sollst mir nur endlich genau erklären, was du mit deinen Andeutungen beim ›Unbesiegten Löwen‹ gemeint hast. Sonst willst du nichts? antwortet der Beppo. Er hat auch schon genug getrunken und kann darum nichts bei sich behalten. Gut, sagt er. Deshalb werden wir nicht streiten. Übrigens ist der edle Senator Barbigo auch im Palazzo Ducale bei der Nachtsitzung. Was geht mich die Nachtsitzung an? erwidere ich. Sag mir, was du in der Taverne meintest! O, nicht viel! wirft der Beppo hin. Der Senator hat nur, wie er mich den Söhnlein nachgeschickt hat, gesagt: Du, Beppo, hat er gesagt, schütz mir die Söhne vor diesen verdammten Polos. Das sind große Bösewichter. Sie sind im Begriff, die Christenheit zu verraten!«

»Ah, siehst du, Marco, wie richtig ich schloß? Ich habe doch feine Ohren!« Maffio nickte sichtlich erfreut mit dem Kopfe.

Marco sah ihn verblüfft an. Wie konnte sich der Oheim so betragen, als ob ihn selbst die Sache gar nichts anginge?

Da antwortete Maffio schon auf diese Gedanken:

»Du wunderst dich, Marco, daß ich nicht erschrecke? Erstens habe ich ein sehr freies Gewissen und zweitens weiß ich noch gar nicht, ob mich der Senat zum Tod verurteilt hat!« Und er pfiff lächelnd durch die Zähne. Dann zu Enrico: »Setz deinen Bericht fort, mein Freund!«

Enrico warf sich geschmeichelt in die Brust und begann sich jetzt in übersprudelndem Eifer hineinzureden:

»Ich lasse also Beppo stehen. Er kann mir nur schaden, da er besoffen ist, denke ich. Zurück zur Piazza. Sicher reden die da droben von besagtem Kapitalverbrechen. Wenn sie aber davon reden, dann ist viel gewonnen. Denn, wenn einmal so viele von einer Sache wissen, dann wird sie auch Enrico bald wissen. Nächster Gedanke: die edlen Herren müssen einmal nach Hause. Sie haben alle Gondeln. Gondeln fahren aber nicht allein, sondern besitzen Gondoliere. So, da ist der Enrico schon im Fahrwasser. Wozu kennt er die Gondoliere der Morosinis, Falieros und Gradenigos? Suchen wir also die Freundchen. Hopp, da liegen Gondeln draußen über der Piazzetta in der Lagune und dort andre in den Kanälen. Ein Wunder, wenn die Herren auf der Heimfahrt nicht noch weiter Reden halten. Besonders dort, wo es aus einer Familie mehrere Senatoren gibt, oder wo einer einen Freund mitnimmt. Gut! Ich habe meine Leute bald beisammen. Schwätze ihnen die Ohren vom Reichtum und der Dummheit der Poli vor ...«

»Bravissimo!« Maffio schlug sich beim Worte Dummheit entzückt aufs Knie. Dann winkte er Enrico, sich nicht unterbrechen zu lassen. Dieser wartete kaum die Aufforderung ab und sprach schon weiter:

»... nun und erzähle ihnen, daß ich durch ein feines Stückchen – dazu lächle ich pfiffig – diesen neuen, unerfahrenen Herren tüchtig Geld geschröpft habe. Allein trinken, sage ich weiter, ist langweilig. Und dann frage ich sie gemächlich nach ihrem Geschmack aus, nenne jede Weinsorte billig, die sie mir angeben, und klimpere tüchtig mit dem Geldbeutel. Schließlich vereinbaren wir ein Stelldichein in einem Weinhause, wo gewöhnlich wenig Leute hinkommen. Wann aber? frage ich unschuldig. Nun, bis die vermaledeite Sitzung zu Ende ist! antworten sie. Ah, die Sitzung, tue ich erstaunt. Ja, warum sitzen sie denn in der Nacht? Ist nicht auch noch morgen ein Tag? Da wird's wieder was Schönes geben! werfe ich ein. So ein paar Hinrichtungen, neue Steuern oder gar Krieg mit den Genovesi! Ja, wir wissen selber noch nichts! antworten sie mir. Es wird sehr geheim getan. Aber auf der Heimfahrt werden wir schon manches hören. Wenn du neugierig bist, können wir in der Taverne alles besprechen. Du hast recht, gut, daß du uns aufmerksam machtest, es wird schon nichts Angenehmes da droben ausgekocht werden. Da muß sich unsereiner vorsehen. Schließlich geht immer alles auf dem Rücken des Volkes aus!«

»Also, aufgepaßt, Marco, jetzt kommt der letzte Teil der Tragödie!« sagte Maffio plötzlich etwas ernster und schärfer. »Da, nimm diese Frucht, sie wird dich stärken und erfrischen!« Und er reichte Marco einen Teller mit sonderbaren grünen Früchten hin, die in einem öligen Safte schwammen. Zwei zugespitzte Stäbchen lagen am Rande der Schüssel.

»Noch eine Kleinigkeit, wenn's erlaubt ist!« Enrico sah Maffio fragend an. Als dieser geduldig nickte: »Vor den Ereignissen in der Taverne trieb ich mich noch zwischen den Strolchen umher, die heute besonders zahlreich an den Seitenkanälen lungerten. Auch dort habe ich Bekannte, Gott strafe mich! Und da erfuhr ich, daß der Senator Barbigo zu Mittag den deutschen Gesandten getroffen und ihm etwas von Ränken und Verbrechen zugerufen hat. Das, Massere, wurde das erste Steinchen, das erste, greifbare Steinchen in meinem Mosaik!«

»Sehr schön gesagt!« lächelte Maffio. »Die Grundlagen sind mir jetzt klar. Zeig uns jetzt das ganze Mosaik auf einmal!«

Enrico geriet in höchste Erregung. Man sah ihm den Zorn an, den ihm selbst die bloße Wiedergabe des Gehörten verursachte: »Also, in Gottes Namen! Ich berichte alles! Aber beleidigt Euch nicht, Masser Maffio! Es sind abscheuliche Dinge!« Und er gab sich einen Ruck. Dann unaufhaltsam und bewegt: »O, das war noch ein langer Weg! Stück für Stück mußte gesucht werden. Eine Taverne genügte nicht. Mädchen mußten mithelfen. Endlich wußt ich's. Also,« und er betonte jedes Wort, »also sage ich, die Nachtsitzung war euretwegen einberufen, Massere! Der Tedesco – Gott schleudere ihn mit einem Fußtritt in den Höllengrund – hat euch am Nachmittag beim Dogen angezeigt, daß ihr, Masser Maffio und Nicolo, als Gesandte der Tataren die Christenheit verratet. Bis nach Mitternacht haben sie herumgestritten. Schlecht stand es, elend schlecht. Der Barbigo hat euch scheinbar verteidigt, in jedem Satz aber neue Bosheiten vorgebracht. Schwefel über sein lästerliches Haupt! Endlich sollen sie beschlossen haben, vorläufig nichts zu unternehmen, bis neue Beweise vorliegen. Einer von den Morosinis hat nämlich gesagt, daß die Gefahr größer wird, wenn man Gesandte mißhandelt. Dann werden die Tataren bestimmt kommen. Barbigo hat sich erboten, euch beim Gastmahl auszuholen. Ihr werdet dann betrunken sein und prahlen und euch selbst verraten, hat der alte Teufel gemeint. Trotzdem, Massere, wenn ich raten darf, flieht! Man weiß nicht, was nach dem Gastmahl geschieht, so oder so. Die Stimmung ist schlecht. Barbigo wird jetzt erst beginnen, zu schüren. Venedig ist gefährlich, wenn einmal so ein Wort gefallen ist wie Verrat. Und der Erzbischof hat sich auch schon eingemischt, wegen der gefährdeten Christenheit ...«

»Was sagst du dazu, Marco?« Maffio, der gelassen zugehört hatte, wandte sich an seinen Neffen. Seine Stimme klang so, als ob er über Wein oder Früchte sprechen würde.

Marco, dessen Müdigkeit durch die Erregung zurückgedrängt war, den aber trotzdem kalte Schauer der Übernächtigkeit schüttelten, antwortete stoßweise:

»Ich? Was soll ich sagen? Es ist gräßlich! Ich habe doch viel erlebt von den Verwandten, fürchte mich nicht! Heute habe ich Angst. Ich sehe auch nicht, wie du widerlegen willst, daß ihr Gesandte des Erzfeindes der Christenheit seid?!«

»Sehr lehrreich!« Maffio wiegte nachdenklich den Kopf. »Also, so denkt ihr hier?! Da du doch etwas Wohlwollen für mich haben dürftest, Marco, bist du sozusagen die gutgesinnte Volkesstimme. Auch Enrico läßt mir wenig Zweifel an der Gefahr der ganzen Lage. Va bene!« Und er dachte einige Augenblicke angestrengt nach. Plötzlich schmunzelte er breit und vergnügt. »Basta! Es ist gar keine Gefahr!« sagte er wie als Abschluß langer Gedankenläufe. »Wir müssen nur einige kleine Erweiterungen unsrer Absichten eintreten lassen. Marco, du siehst elend aus! Nicht geschlafen, was? Zu viel neue Eindrücke?« Er winkte, eine Antwort abschneidend: »Also, du legst dich schlafen, mein Söhnchen. Am Nachmittag und in den nächsten Tagen halte dich bereit. Staatsbesuche, Kirche, Beichte, Kommunion! Feierliche Taufe unsrer Tataren! Alles öffentlich und prunkvoll! Und du, Enrico, hol mir Masser Malipiero!«

»Er ist nicht in Venedig!« fiel Marco, der schon wieder in äußerstes, fast bewunderndes Staunen geraten war, ein. »Gestern abends ist er zu den Moris hinübergefahren!«

»Mori? Wer ist das?« Maffio fragte achtlos dazwischen.

Marco aber erschrak heftig. Jetzt näherte sich der wache Geist des Oheims dem Geheimnis. Trotz aller Anstrengung errötete er und dieses verräterische Zeichen verstärkte sich noch, als er sich dessen bewußt ward. Nein, keine Dummheiten! Er wandte sich zu den Früchten und versuchte, mit dem Stäbchen eine davon aufzuspießen. Dabei sagte er möglichst nachlässig:

»Das sind die Freunde, bei denen ich zu Besuch war, als ihr ankamt!«

»Madonna!« Maffio schlug sich auf die Stirn. Anscheinend hatte er nichts bemerkt. »Gut, daß die Sprache darauf kommt. Siehst du, fast hätte ich vergessen, sie zum Gastmahl einzuladen. Ah, das trifft sich gut. Du wirst doch auch wollen, daß man deine Freunde einlädt? Nicht?«

»Gewiß!« Marco sah ein, daß er nicht auskonnte. »Ich weiß aber nicht, ob sie kommen werden. Es sind einfache Leute, der Vater ein Gelehrter!«

»Sehr gut! Gelehrte sind oft sehr schnurrig bei Gastmählern. Einladen muß man sie.« Plötzlich sich besinnend: »Du sagtest Vater? Das heißt wahrscheinlich, daß deine Freunde die Kinder sind?«

Marco war wütend über sich selbst. Nicht das harmloseste Gespräch konnte er führen, ohne sich Blößen zu geben. Warum hatte er nicht gleich von Francesca gesprochen! Jetzt fiel ihm nichts Vernünftiges mehr ein. Er erwiderte nur unsicher:

»Er hat eine Tochter! Ich sage nur Vater, weil er auch wie Malipiero sozusagen Vaterstelle an mir vertrat. Allerdings erst in der letzten Zeit. Ich kenne die Moris noch nicht sehr lange. Sie sind Freunde Malipieros.« Dann setzte er noch hinzu: »Auch meine Freunde! Alle beide, Vater und Tochter!«

Maffio hörte nicht mehr sehr aufmerksam zu. Er hatte sich schon an Enrico gewandt:

»Ja, wie soll man das machen? Du bist zwei Nächte ohne Schlaf. Es muß aber jemand zu Malipiero und Mori. Besonders zu Malipiero. Ich schreibe einen Brief! Zum Teufel, nur ein ganzer Mann kann das bestellen. Vielleicht lauern sie und haben Häscher auf uns gehetzt.«

»Ich werde fahren. Es kennt niemand den sichersten Weg zu Mori wie ich!« Enrico sagte es mit aller Ruhe. »Beim heiligen Marcus, länger habe ich oft gewacht, als zwei Nächte. Übrigens habe ich gestern im Arsenal auf einer Taurolle geschlafen, als Masser Marco bei Masser Malipiero war.«

»Nun, dann fahre mit Gott!« Maffio war aufgestanden und legte die Hand auf die Schulter Enricos. »Ich gebe dir aber doch einen bewaffneten Turkomanen mit, einen Kerl, der nichts fürchtet und ein gewiegter Bosporusruderer war. Du kommandierst, rudern soll er. So wird es gehen!« Plötzlich zu Marco: »Und du leg dich zu Bett! Aber schnell! Sorgen sind unnötig. Ich hätte – das schwöre ich dir – etwas Gescheiteres gegen mich vorgebracht, als diese Mätzchen, die der alte Barbigo auftischt. Nein, er ist nicht viel klüger als seine läppischen Söhne! Brauchst du noch etwas, Marco?«

Marco verabschiedete sich schnell vom Oheim. Im Fortgehen sagte er:

»Enrico kommt gleich wieder zu dir zurück. Ich will ihm nur einige Zeilen für meine Freunde mitgeben.«

»Sehr gut!« Maffio saß schon schreibend an einem mit goldenen Vögeln verzierten Lacktischchen. »Sehr gut! Es ist recht von dir, daß du gegen deine Freunde höflich bist!«

Als Marco wieder in seinem Zimmer angelangt war, übergab er Enrico den Brief an Francesca.

»Verwahre ihn gut! Zeig ihn niemand! Nur Monna Francesca! Verstehst du? Nur Monna Francesca!«

Enrico nickte. Dann sagte er noch in jammerndem Tone:

»Sie hätten fliehen sollen, die Herren! Es wird nicht gut enden! Bei Gott, Enrico fürchtet sich nicht. Was aber wollen wir gegen den Senat, den Erzbischof, den Dogen? Es ist heller Wahnsinn, Tollkühnheit! Die Massere kennen Venedig nicht mehr, sie erinnern sich nicht! Redet ihnen noch zu, Masser Marco! Ratet ihnen zur Flucht. Wenn ihr aber flieht und ich bin noch nicht da, dann schreibt die Richtung und das Ziel auf einen Zettel und steckt ihn in die gewisse Nische. Ihr wißt schon. Ich werde dann sofort folgen. Lebt wohl, Masser Marco, Gott segne Euch! Nichts als Gefahren! Ich verlasse Euch aber sicher nicht!« Und er küßte Marco die Hand.

Dieser aber nickte ihm nur mehr langsam zu. Denn die Müdigkeit begann ihn zu überwältigen. Und er hatte kaum mehr die Kraft, das Gewand abzustreifen.

Er lag schon auf den schwellenden Polstern. Trotz aller Wirrnisse war ein Gefühl von Geborgenheit bei ihm, als er langsam in das auflösende Chaos eines abgrundtiefen Schlummers glitt.

 

Zwei Stunden später im Zimmer, in dem Nicolo Polo die Edelsteine betrachtet hatte. Auch jetzt saß er an der gleichen Stelle. Maffio, noch immer im Morgengewand, einige Schritte von ihm entfernt.

Eben war eine kleine Pause im Gespräche entstanden, in der Nicolo sinnend mit wagrecht vorgeschobenem Barte zum Fenster hinausblickte. Der Rest eines fast höhnischen Lächelns lag noch auf dem Antlitze.

»Ich sehe, daß du einverstanden bist!« Maffio sagte es in seinem sicheren, krähenden Tone.

»Wir haben noch einige Tage Frist, alles bis zum Letzten aufzuklären. Es fällt mir nicht ein, davonzulaufen!« Nicolo hatte sich wieder herumgewendet, als er antwortete. Dann rief er, gewohnheitsmäßig in mehreren Sprachen, die Erlaubnis zum Eintreten, da es angepocht hatte.

Der tatarische Diener überreichte mit krummem Rücken einen übergroßen Brief und glitt rücklings hinaus.

»Ein neuer Mosaikstein? Das Siegel riecht nach hohen Staatsgeschäften!« Fragend sah Maffio auf den Bruder, der ohne Hast mit einer gewissen pedantischen Sauberkeit den Brief geöffnet hatte.

»Nichts Neues! Der Doge bedankt sich für die Einladung. Lorenzo Tiepolo wird persönlich erscheinen. Also bis dahin sind wir sicher!« Nicolo reichte das kurze Kalligramm herüber.

Maffio legte es nach flüchtigem Blicke hin, denn schon drängte sich eine neue Angelegenheit in sein durchlebtes Antlitz:

»Es ist Zeit, Bruder,« und er sah um einen Schatten besorgter drein, »daß ich mit dir über Wichtigeres spreche, als diese dummen Ränke es sind!«

Nicolo, der Maffios geheimstes Mienenspiel kannte, fragte sofort:

»Du meinst Marco?«

»Ja, ich meine deinen Sohn.«

»Nun?«

»Ich bin in Verlegenheit. Wie soll ich dir es erklären!« Maffio blickte vor sich hin und pfiff ganz leise und ganz schrill durch die Zähne. »Sagen wir es vielleicht so!« Er nickte sich selbst Zustimmung. »Ja, also Marco hat ein schweres Geheimnis vor uns. Nur eines! Nichts ist mir unbekannt sonst an ihm. Aber wenn du gesehen hättest, wie dieser Bursche –- Gott weiß, ich bin selbst vernarrt in ihn – also wie er sich Weibern gegenüber beträgt, hättest du auch an der eigenen Menschenkenntnis gezweifelt. Stark ist er und sehnig, soll wie ein Teufel fechten, schwimmen, reiten, jagen. Alle Mädchen starren ihn mit schmachtenden Augen an, schwänzeln um ihn. Und er sitzt da, ärgert sich, wird mürrisch – bastia Madonna, wie stimmt das zum Körperbau? Ich lasse mir gefallen, wenn einer wählt! Aber unbedingte Ablehnung?«

»Vielleicht der Überfluß!« Nicolo schüttelte den Kopf. Plötzlich schoß die Erinnerung an gestern durch seine Gedanken. Marco hatte sich verändert, sichtbar, erregt, als von Abreise und Bindung die Rede war. Leichte Röte stieg in die verwitterten Wangen des Vaters. Unvermittelt hieb er mit der Faust auf ein Tischchen und knirschte:

»Nein, nein und tausendmal nein! Es darf nicht geschehen!« Dann dumpf und stöhnend: »Es ist aber schon geschehen. Wir sind zu spät gekommen. Ich werde das Recht des Vaters geltend machen: Verbot, strengstes Verbot! Drohung! Es handelt sich um sein Glück und um mein eigenes.«

»Ich fürchte, daß du errietest!« Maffio sprach in weltmännisch bedauerndem Tone mit schiefem Kopfe, etwa, wie wenn man einem gleichgültigen Menschen beim Begräbnis seines ebenso gleichgültigen Oheims Beileid ausdrückt. »Was soll man tun? Ich habe sogar schon eine Spur. Sie führt aufs Festland. Armer Marco! Armes Herzchen! Wenn es nur nicht zerbricht unter väterlichen Prozeduren!«

Nicolo sah den Bruder stechend an. Was wollte er? Wozu der leise Hohn? War er gar schon im Bündnis? Seine Gesichtsfarbe wurde noch um einen Ton röter, seine Stimme gepreßter:

»Bah! Wie weit soll die Sache sein? Er ist achtzehn, sie vielleicht sechzehn oder so etwas. Schluß damit! Es ist noch Kinderspiel. Man kann sich von jeder Frau trennen, wenn die heilige Verpflichtung des Ehebandes und der Mutterschaft noch nicht den Naturtrieb des Schützenmüssens und das Gefühl der Ewigkeit, der Unzerreißbarkeit geweckt hat. Wer kümmert sich um Verträge vor Unterschrift oder Handschlag? Sie sind eben nicht zustandegekommen. Damit basta!«

»Das bist du, Nicolo! Du selbst, Nicolo Polo!« Maffio dehnte den Namen in besonderer Betonung. »Marco ist dein leiblicher Sohn! Gut! Aber damit endet der Vergleich auch schon! Vieles mag er von dir ererbt haben, doch eben in diesem Punkte nichts. Oder wenig. Jedenfalls sind Anlagen zur Nachfolge in deinen Charakter durch deine Abwesenheit nicht zur Reife gekommen. Nein, nicht mit Gewalt! Sieh dir den Raubvogel nur an, wie er die Federn sträubt, wenn von Zwang bloß die Spur auftaucht!«

»Ich bin sein Vater, Maffio! In diesem Punkte kann ich nichts erlassen!« Eine rätselhafte Eifersucht und Angst, ja ein ihm sonst ganz fremdes Mißtrauen gegen den Bruder quoll in Nicolo herauf.

»Auch nicht zum Besten des Sohnes?« Fast spitz fiel Maffio ein.

»Sein Bestes obliegt mir zuerst! Er soll nicht durch Ränke und Berechnungen, sondern durch ehrliche Überzeugung um seinen Traum kommen. Falls er überhaupt von Liebe träumt!«

Maffio sah einen Augenblick verärgert vor sich hin. Dann lachte er plötzlich gutmütig und ehrlich belustigt.

»Eine nette Einschätzung des Bruders. Ohne Gemeinheiten geht es beim dicken Maffio nicht ab! Armes Söhnchen! Nur ja nicht eine Auslieferung an den Erzschelm!«

»Übertreib nicht!« Nicolo schüttelte mißbilligend den Kopf. »Ich denke doch, daß du die Verschiedenheit unsrer gewöhnlich geübten Methoden nicht leugnen kannst!?«

»Welche davon im gegebenen Falle die richtige war, wird sich an der leider unvermeidlichen Wirkung in naher Zukunft erweisen! Amen!« Maffio war aufgestanden und neigte lächelnd den Kopf zum Abschied. Dann reichte er versöhnlich seine Hand hin.

Nicolo nahm sie abgewandten Antlitzes. Einmal kehrte er sich noch herum, als sich der Händedruck löste. Fast ein ängstliches Fragen, nicht an Maffio, nein, an das Geschick selbst, glomm unter dem Stechen der Augen. Allmählich aber verhärteten sich die Züge. Was zurückblieb, war die Unabänderlichkeit geäußerter Absicht und in Anspruch genommenen Vaterrechtes.

Maffio erkannte es und ging sinnend hinaus. Bald aber fesselte ihn schon Neues. Seine unübertreffliche Fähigkeit, alles rechtzeitig vorzubereiten, die Anstrengung jedoch für den Entscheidungsmoment aufzusparen, hatte wie immer gesiegt.

 

Francesca fröstelte es ein wenig, als sie über die Freitreppe zum Gemüsegarten hinabstieg. Es war über Nacht kälter geworden.

Ostwind, dachte sie und streckte, während ihr Fuß den Kies zu leisem Knirschen brachte, die Handfläche der vermuteten Windrichtung entgegen. Sie hatte sich nicht getäuscht. Die Brise streifte ihr den kurzen Ärmel vom hochgehobenen Arm und ließ ihn flattern. Nicht genug war diese Keckheit der stürmischen Luft. Sie stahl sich bei der Achsel unter das lose Kleid, bauschte es und strich vorwitzig über den kleinen, hohen Busen.

Francesca schauerte zusammen, ließ die Arme sinken und preßte sie an den Leib. Ihr Gesichtchen mit den Brauen, die wie Pinselstriche hoch über den Augen saßen, rötete sich. Die Frische des Erwachens machte die Haut flaumig wie den Schmelz des persischen Apfels.

Prüfend sah sie über die Gemüse. Denn Malipiero fiel ihr plötzlich ein und das Mittagmahl. Ob er wohl schon das Frühstück eingenommen hatte? Dort, der längliche Kürbis war bereits gelb. Man konnte ihn abnehmen. Auch Artischoken standen zur Verfügung.

Nein, jetzt nicht. Das hatte später Zeit. Jetzt wollte sie noch ein wenig sinnen. Das Warten war doch schwerer, als sie sich's vorgestellt hatte. Aber warum? Wieder Malipiero! Wozu hatte er gestern abends so sonderbare Dinge gesprochen? Fürchtete er wirklich für Marco? Und dann der Traum. Doch später von diesem Wirrsal. Zuerst zum Falken. Das arme Tier sehnte sich ja auch nach dem Herrn.

Und Francesca schritt, vom Ostwind zu einem Bilde Dianens modelliert, mit ihren schmalen Beinen quer zwischen den Gemüsen auf den hohen Heckenzaun zu, hinter dessen Durchbrechung die Baumgipfel herüberlugten.

Schön waren heute die Farben. Alles wie reingewaschen.

O, der Falke hatte sie schon bemerkt und schlug mit den Flügeln. Sein hoher Gitterkäfig stand auf der anderen Seite der Hecke, am Rande des Baumgartens.

Da das Tier auf dem Boden des Verließes saß, kniete Francesca nieder und bückte sich. Der Falke versuchte, den Kopf zwischen den Gitterstäben durchzuzwängen, und sah sie mit dem traurigen Ausdruck an, den die hellen Augen gefangener Raubvögel in die Freiheit hinauswerfen.

Marco, Marco, vorgestern erst trugst du ihn auf deiner Faust. Noch ist der Atem deiner Berührung an seinen Krallen. Ja, Falke, leide nur! Auch ich leide. Ich habe Marco mühsam beruhigt, hat der edle Malipiero gesagt und mich oft so eigentümlich angeblickt, als wüßte er um ein Geheimnis. Aber, so hat er dann fortgesetzt, ich glaubte selbst nicht ganz an meine Trostgründe. Denn es ist eine andre Welt, in die du geraten bist, Marco. Fremder, als wir sie uns alle vorstellen können. Nicht sein soll man etwas in dieser Welt, nur werden, nur etwas werden. Ja, Falke, so hat Malipiero geredet und viel andres noch dazu. Kann man lieben in dieser Zone des Hastens und Erraffens? Ebensowenig weißt du es wie ich, mein Falke. Soll ich jetzt, nach einem Tage der Trennung, schon den Ilo-Ruf ertönen lassen? Ärgern würde er sich, würde mich verachten, verlachen. Ich sollte mich schämen. Ich bin seiner nicht würdig, bin eifersüchtig auf den Vater. Allein will ich ihn besitzen in grenzenloser Selbstsucht.

Aber der Traum? Warum schlief ich gestern, in der ersten Nacht nach der Trennung, so süß und gläubig? Und heute war er stets um mich wie ein irrender Schatten. Was träumte ich, Falke, weißt du es? Rief dich auch dein Herr durch die Nacht? O, ich sah so fremde Länder, sah hohe Galeeren, auf denen er hinausfuhr, ich rief, ich schrie – er blickte starr vorwärts und drehte sich nicht um. Dann wieder, blaß und weinend, lag er zu meinen Füßen, küßte mich, wir waren näher, als es Menschen sein können. Ich verging in Wonne und hielt – Stroh in der entsetzten Hand. Ein Bündel leeres Stroh. Was bedeutet das? Und dann suchte ich ihn. Im Hause, im Garten, an der Düne, auf kahlen Hügeln, in Wäldern. Unbekannte Stimmen sagten mir, trugen es mir durch die Lüfte zu, er sei eben hier gewesen. Endlich fand ich ihn. Und er sah mich zornig an und wieder war alles verweht. Suchen, suchen ohne Ende! Wie lang hat diese Nacht gedauert, Falke?

Ich bin ein dummes, gottloses Mädchen. Aberglaube ist sündhafter als Unglaube. So sagt mein edler Vater. Es wird besser sein, Falke, wenn du deinen Fleischlappen frißt. Du bist gläubiger als ich. Man merkt, daß du nicht geträumt hast. Ich werde jetzt den Garten schön machen, damit Marco sich freut, wenn er kommt.

Und Francesca suchte in einem kleinen Holzschuppen, in dem Werkzeuge, Spaten und Sensen lagen, nach der kurzen Sichel.

Bevor sie ihre Absicht, das Zustutzen der Hecken und das Mähen des überwuchernden Grases am Rande der weißen Wege, auszuführen begann, erhob sie sich, kehrte sich vollends herum und spähte zwischen der flimmernden Weite der lichtstehenden Olivenbäume und Platanen, die ihre knorrigen Äste in sonderbaren Winkeln verrenkten, gegen den tiefblauen Himmel und gegen das Gebirge, das heute hoch und nah aufragte, und die Sicht dort abschloß, wo die Gartenmauer die Bäume von den Maisfeldern abgrenzte. Dort, am nördlichen Gartensaume, war auch das Bienenhaus mit den strohgelben Körben.

Warum ist Marco heute nicht hier? Die göttliche Morgenfrische, an die sich ihr kaum umhüllter Leib gewöhnt hatte, brachte ihr Blut in schäumende Wallung. Jugendkraft scheuchte grüblerische Gedanken fort und verschanzte sich hinter heiße Glaubensstärke.

Plötzlich aber fuhr sie zusammen. Dort, bei den Bienen, stand ein Mann in dunklem Gewände. Warum stand er so steif und steinern wie ein Gespenst? Er schien nicht zu leben, nicht zu atmen.

Malipiero! rief das Erkennen beruhigend durch ihr Erschrecken. Sollte sie ihn fliehen, ihn suchen, ihn fragen? Wozu überhaupt dieser Aufruhr, diese Bedeutung, die sie dem Zufalle seines Hierseins beilegte?

»Ich werde fragen! Die Braut Marcos flieht nicht!« sagte eine fremde Stimme, eine vom Wunsch heraufgelogene Gewissensstimme und sie ging ohne jedes Zagen gegen die starre Gestalt.

Malipiero hatte etwas gehört und drehte sich langsam herum. Als er Francesca wahrnahm, versuchte er zu lächeln. Doch er versuchte es nur. Der Rest seiner Mühe war ein forschend kalter Blick, hinter dem nur Gott alle Gefühle ahnen konnte, die in der Seele einander kreuzten.

»Guten Morgen, Monna Francesca!« Er bot ihr die Hand, als er sie erreicht hatte. »Ich sah den Bienen zu, um das Principium der Selbstlosigkeit zu ergründen. Weit kam ich in dieser Forschung nicht!« Wieder versuchte er zu lächeln.

Francesca aber blickte ihn unsicher an. Was meinte er? Oder war es ein Scherz, wie man Kinder neckt, indem man ihnen absichtlich hochtrabende Reden hält, die sie beim besten Willen nicht verstehen können?

»Ihr habt – verzeiht, wenn ich von andrem spreche – gestern so düstere Dinge über Marco Polo gesagt. Uns liegt Euer Freund doch auch am Herzen, da wir seine Gaben und sein Gemüt schätzen gelernt haben.« Sie sah auf. Als aber Malipiero schwieg, sprach sie die Frage deutlicher aus: »Ich meine, ob Ihr wirkliche Gefahr für ihn in der Veränderung seines Lebens seht?«

»Das hängt davon ab!« Malipiero warf den Kopf hoheitsvoll zurück und preßte die Lippen zu einem schmalen, blutleeren Strich zusammen. Dann setzte er fort: »Wenn er der Neue wird, ganz der Neue wird, oder wenn er ganz der Alte bleibt, dann läuft er keine Gefahr. Unglücklich wird er nur werden, wenn er zugleich der Neue wird und der Alte bleibt!« Plötzlich abweisend: »Doch ich störe Euch in der Arbeit Ich sehe, daß Ihr eine Sichel in der Hand habt. Lebt wohl, Monna Francesca, ich muß mit Eurem Vater ernste Dinge sprechen!« Und er hauchte ganz Würde, ganz Hoheit, einen zarten Kuß auf die Stirne des Mädchens und kehrte sich ab.

Francesca zuckte leicht zurück. Im letzten Augenblick kam ihr die Besinnung, daß sie keine Untreue beging, wenn sie dem Freunde etwas weiter gestattete, was zwischen ihnen stets Sitte war, seitdem sie denken konnte.

Viel wuchtiger aber stieg jetzt noch ein zweiter Schreck in ihr empor. Malipiero hatte das Urteil gesprochen. Mit gräßlicher Deutlichkeit stand das zwiespältige Antlitz des Geliebten vor ihr. Der Teufel hatte den Vater zurückgesandt, um die Zweiheit zu entfesseln und seine Seele zu zerstücken.

Sie stammelte:

»Und was von Euren Möglichkeiten wird geschehen? Was glaubt Ihr?« Sie stockte, da Malipiero sie erstaunt und forschend anblickte.

»Ihr habt ein gutes Herz, Monna Francesca, viel zu gut für die rauhe Wirklichkeit! Wie Euer Vater!« Dann endgültig und schnell: »Ich prophezeie nicht, Monna Francesca! Ich bin auch nur ein Mensch. So lange das Unglück nicht da ist, muß man wohl aufs Glück hoffen. Das beste aber wäre für ihn, wenn er ganz der Neue würde. Er ist vielleicht doch zu schwach für die Welt des Seins. Oder zu heißblütig!« Und er ging schon, ohne sie mehr anzublicken.

Francesca aber fand keinen Ausweg aus der Wirrnis des Herzens, als den Garten »für ihn« zu säubern und die vordringlichen Sprößlinge der Hecke sorgfältig abzusicheln. –

Als Malipiero zum Hause kam, trat eben Vincenzo Mori aus einer Tür neben der Freitreppe. Seine hellen Brauen waren womöglich noch buschiger als sonst.

Er wartete den Gruß des Gastes nicht ab, sondern begann unvermittelt:

»Auch für dich ist ein Brief der Poli eingelangt, Malipiero!«

In diesem Augenblick schob sich Enrico hinter ihm zur Türe heraus. Hochgerötet im Antlitz. Schweiß troff über seine Stirne und Staub klebte an der Haut.

Malipiero sah verwundert auf den Riesen. Er ahnte dringende Geschehnisse.

Mori aber sprach schon weiter, ohne sich durch das Erscheinen des Turkomanen behindern zu lassen, der Enrico auf dem Fuße gefolgt war:

»Sie haben mich eingeladen, die Poli. In äußerst schmeichelhaften Worten. Mich selbst und Francesca. Es soll ein großes Fest werden. Doge, Senatoren, Erzbischof, Verwandte und andre Patrizier. Du mußt mir raten, Malipiero!«

Malipiero, der seinen Blick auf die hagere Riesengestalt des Turkomanen gerichtet hatte, der nicht weniger erschöpft aussah als Enrico und die Hand verlegen um den Krummsäbel preßte, riß sich von seiner Schau los und antwortete:

»Gewiß, ich werde dir raten. Wir haben vieles zu besprechen, Vincenzo!«

»Verzeiht, Massere!« Enrico verbeugte sich devot. »Verzeiht, wenn ich unterbreche. Wo ist Monna Francesca? Ich soll sie grüßen von den Herren und ihr den Turkomanen zeigen. So wurde mir befohlen. Dann müssen wir wieder zurück. Der Boden knistert in Venedig!«

»Diese guten Narren sind in fünf Stunden herübergerast!« Mori erklärte es kopfschüttelnd Malipiero. »Sie lassen sich nicht halten. Enrico hat seit vorgestern nicht geschlafen.« Dann zu Enrico: »Monna Francesca dürfte im Baumgarten sein.« Und als Malipiero auf den fragenden Blick Zustimmung nickte: »Ja, sie ist dort. Sagt ihr, sie soll euch Wein und etwas zu essen geben. Die Antwort für die Massere Polo holt dann bei mir!«

Er nahm Malipiero zutraulich unterm Arm, während die zwei Diener durch den Gemüsegarten schritten.

»Kommt zum Frühstück, Malipiero!«

 

Bald saßen sie am dunklen Tische. Früchte zierten ihn, Honig und dicke Milch.

Malipiero hatte das Schreiben überflogen und sagte plötzlich aufblickend:

»Enrico hat recht! Es scheint ungemütlich zu werden für die Poli! Verrat der Christenheit! Wahrscheinlich ein Unsinn, aber eine sehr, sehr unangenehme Anklage.« Dann teilte er Mori rasch den Inhalt der Zeilen mit, die Maffio an ihn gerichtet hatte.

Mori hörte schweigend zu, während er den Gast bediente und sich selbst eine Schale Milch eingoß.

Malipiero setzte fort: »Ich bin gewiß kein Feigling. Du weißt es, Vincenzo. Aber die Zumutung Maffios, ich solle ihm kraft meiner Beziehungen sozusagen Späherdienste gegen die Republik leisten, ist fast unverständlich. Wie sieht es in diesen Köpfen aus? Ich kann mich doch nicht amtlich in ein Verfahren mengen, das noch schwebt und mich außerdem als Custoden des Arsenals nichts angeht? Beziehungen, Erfolg, Erfolg, Beziehungen! Ich will nicht zählen, wie oft diese Worte im Briefe stehen!«

»Gewiß, das sind zwei getrennte Welten, diese Poli und wir!« fiel Mori ein. »Du sollst eben ihn, den Erfolgreichen, von vornherein für ein weißes Lamm halten und ihm mit ganzer Kraft dienen. Beziehung, wirksame Beziehung ist doch wohl nichts andres als Unterstützung der Würdigsten. Das heißt derer, die sich die Würdigkeit einbilden! Außerdem noch die Verpflichtung gegen Marco!«

»Er hat mir das Leben gerettet! Du hast recht!« Malipiero warf den Kopf zurück. »Ich werde also überlegen, wie ich ihnen ohne Verstoß gegen die Reinlichkeit meiner Amtsführung dienlich sein kann.«

Dann stand er auf und begann hoheitsvoll im Zimmer auf und nieder zu wandern.

»Wirst du das Fest besuchen, Vincenzo?« lenkte er ab.

Mori zögerte. Dann verlegen und abgewandten Auges:

»Es wird prächtig hergehen. Die Leute sind reich. Ich selbst war lange nicht in Venedig. Es handelt sich um die Kleider, Malipiero. Ich will es Francesca nicht zumuten, dort wie ein armes Landmädchen zu erscheinen!«

»Laß das meine Sorge sein! Für dich, Vincenzo, habe ich selbst ein prächtiges Gewand. Ich trage ja die Staatskleidung. Und für Francesca . ..«

»Deine Güte ist zu groß! Wie soll ich sie annehmen?«

Malipiero machte eine wegwerfende Geste:

»Wo man die Leute nach dem Äußeren schätzt, ist diese kleine List erlaubt. Da ist es für uns Anbeter der Tat und des wahren Wertes die heiligste Pflicht, zusammenzuhalten. Kein Wort weiter! Ich wäre gekränkt!«

Mori senkte den Kopf. Eine Pause entstand, die keiner der beiden zu beenden wagte.

Plötzlich blieb Malipiero stehen. Er blickte Mori scharf und lang ins Antlitz und sagte in sonderbar gepreßtem Tone:

»Wundere dich nicht, Vincenzo, wenn ich für das Wohl Francescas über Gebühr Sorge trage. Höre mich jetzt an. Es ist Entscheidendes.«

Mori sah erschrocken auf. Was würde jetzt kommen? Er hatte nicht einmal die Kraft, den Sprecher mit einem Wink an der Vollendung seiner Sätze zu hindern.

»Seit deine Tochter atmet,« fuhr schon der Custode fort, »war es mir fast wie ein Glaubenssatz, daß sich die Freundschaft zwischen dir, dem Älteren, und mir, der fast dein Sohn sein könnte, schließlich in ein natürliches Verhältnis vertiefen würde!« Und als Mori, der die Spannung nicht mehr ertrug, zu Boden blickte, schnell und unabänderlich: »Deine Tochter soll mein Weib werden, Vincenzo! Es ist Gottes Ratschluß. Ich wollte dich heute nur fragen, ob du die Zeit schon für reif hältst, daß ich mit ihr selbst spreche!«

Mori stöhnte wild auf. Er bedeckte das Antlitz mit den Händen. Malipiero erfaßte die Lage noch nicht. Gespannt und geduldig erwartete er eine Antwort.

Da hatte sich der Gelehrte wieder voll in der Gewalt. Ein eisiger Schreck durchfuhr aber seinen Leib, als sein aufblickendes Auge Francesca gewahrte, die eben leise eingetreten war und nun wie erstarrt, die Türschnalle noch in der Hand, mitten im Schritte innegehalten hatte.

»Nun, was ist Eure Antwort und Meinung?« Malipiero, der von kaum bewußtem Zweifel erfaßt worden war, stieß es hastiger als beabsichtigt hervor.

Da zerbrach Moris Geistesgegenwart. Ohne Gedanken, ohne klaren Willen keuchte er hervor:

»Francesca ist die Verlobte Marco Polos! Seit vorgestern, Malipiero, seit vorgestern! O, ich kann den Schmerz nicht ertragen, dich zu kränken!« Und er bedeckte wieder das Antlitz mit den Händen.

Malipiero aber zuckte mit keiner Miene, obwohl seine Gesichtsfarbe sich zu durchscheinender Blässe veränderte. Er antwortete heiser:

»Wenn es ihr Glück bedeutet, bin ich zufrieden. Wenn nicht, werde ich ihr Freund sein. Ich werde sie nicht verlassen. Sie gehört zu unsrer, zur reinen, erfolglosen Welt!« Und er warf das Haupt zurück und kehrte sich ab.

Francesca aber, deren Auge jetzt seines kreuzte, rief mit klagender Stimme, die wie der Ton eines geängstigten Kindes klang:

»Haßt ihn nicht, Malipiero, haßt ihn nicht! Er wußte ja nichts und auch ich war ohne Ahnung!« Und ehe Malipiero noch einen Schritt machte, warf sie sich vor ihm aufs Knie, küßte seine Hand und flüsterte: »Haßt ihn nicht. Verzeiht mir und ihm. Nein, nur ihm! Haßt mich, Malipiero! Gebt alle Schuld mir. O, mir ist so elend!«

Malipiero war aus seiner Starrheit erwacht. Langsam hob er Francesca empor, lächelte sie mit einem heiligen Lächeln ausgekämpften Widerstreites an und hauchte ihr einen Kuß auf die Stirne. Dann sagte er voll und tönend, während sich seine Gestalt zu Würde und Hoheit aufrichtete:

»Mein neidloses Herz wünscht Euch heißestes Glück zu Eurer Wahl, Monna Francesca! Ich kann verstehen, ich besser als jeder andre, daß man Marco lieben muß. Gott segne euch!«

Während aber die Tränen aus den Augen Francescas perlten, die ein schwaches Lächeln dankbaren Widerspiels zurückzustrahlen versuchten, wandte sich Malipiero an Mori:

»Ich reise noch heute, Vincenzo! Venedig und der Schutz Marcos erfordern es. Über das Fest werden wir am Mittagstische sprechen! Ihr kommt doch hin, Monna Francesca?«

Mori, der gegen seinen Freund an Fassung nicht zurückstehen wollte, antwortete für sein Kind:

»Gewiß werden wir dort sein, Malipiero. Ist es doch unsre Pflicht, auch weiterhin Marcos Schritte mit Rat und Hilfe zu begleiten!« Und er drückte innig die Hand des Freundes.

Malipiero aber verstand die geheimen Gedanken Moris, die durchwogt waren von Zweifel, Sorge und düsteren Ahnungen.

Die zwei auf die ereignisreiche Nacht folgenden Tage verstrichen für Marco Polo im Nu. Er hatte kaum einen Herzschlag lang eigenen Gedanken nachhängen können. Einkäufe, Vorbereitungen für das Fest, Besuche wechselten einander ab. Neue Menschen der hohen Nobilität waren in seinen Gesichtskreis getreten, wobei die Freundlichkeit und Hochachtung, die man ihm zollte, mehr als einmal sein Selbstbewußtsein gestärkt hatten. Francesca hatte in einem zärtlichen Briefe ihr Kommen verheißen. Das baldige Wiedersehen schob fernerliegende Sorgen zurück. Zudem war Maffio unablässig bemüht, sein Vertrauen zu gewinnen; ja selbst der Vater hatte sich herabgelassen, seine Gelehrsamkeit in Anspruch zu nehmen, indem er ihn bat, eine Begrüßungsrede für das Fest, streng nach den Regeln antiker Rhetorik, zu verfassen. Er hatte sich mit ehrgeizigem Feuereifer an die Aufgabe gemacht und hatte wohlerwogenes Lob und ein seltenes Buch als Belohnung davongetragen.

Das Haus hallte von frühestem Morgengrauen bis spät in die Nacht von emsiger Tätigkeit des Gesindes und zahlreicher Handwerker wider. Die Augen kamen reichlich auf ihre Rechnung. Maffio war überall. Was ihn nicht hinderte, den Ränken Barbigos noch gründlich nachzuspüren. In der Tat hatte er auch schon am zweiten Tage durch allerlei Bestechungen eine Abschrift der Anklageakten in der Hand.

Malipiero war einmal herübergekommen und hatte mit ihnen einige nichtssagende Höflichkeiten ausgetauscht. Im übrigen war er verschlossener als je gewesen.

Auf einer der Einkaufsfahrten hatte Marco, der seine zehn Zechinen noch nicht berührt hatte, weil er tatsächlich – besonders in der Nähe Maffios – keine Gelegenheit dazu fand, bei einem Goldschmied zwei Gegenstände gesehen, die er als Geschenk für Francesca in Betracht zog. Und zwar einen goldenen Kamm, der fünf, und eine ziselierte Dose, die acht Zechinen kostete. Er beschloß, zu überlegen, was der Geliebten mehr Freude bereiten würde.

 

Am zweiten Nachmittage, als zufällig weder Maffio noch Nicolo zu Hause waren, erschien der Schneider Sebastiane mit den Prunkgewändern. Er wurde zu Marco ins Zimmer hinaufgeführt, der ihn äußerst freundlich empfing.

Zuerst war Marco von der Pracht der Kleider geradezu geblendet. Seine Neugierde jedoch, wie sie ihm passen würden, wurde durch eine zweite, plötzlich auftauchende Gedankenreihe abgelenkt.

Die Probe begann. Der Schneider legte ihm sorgsam die Gewänder an und bat ihn, in die Nähe des Spiegels zu treten. Er zupfte und glättete, visierte und kniete nieder, maß und verglich.

Marco jedoch hatte nur mehr ein Interesse. Er war längst entschlossen, die Unbill, die der Schneider durch Maffio erfahren hatte, aus eigener Tasche gutzumachen. Doch wie weit sollte er darin gehen? Der erste Preis war um elf Zechinen höher als der bezahlte. Das konnte er nicht leisten. Also zehn? Nein, das war unmöglich. Fast hätte er das Geschenk für Francesca vergessen. Das wäre das Schönste! Francesca stand ihm schließlich näher als der Schneider. Doch da war wieder ein Haken. Welches Geschenk? Die Büchse zu acht oder der Kamm zu fünf? Im ersten Fall blieben zwei, im zweiten Fall fünf Goldstücke. Hatte aber der Schneider von zwei Zechinen etwas? Marco sah die blassen Knaben. Hunger ist das Ärgste. Er wußte es aus Erfahrung. Aber würde Francesca nicht die Büchse lieber haben als den Kamm?

»Gefällt Euch der Schnitt, Masser?« Leise murmelte es der auf den Fliesen kniende Schneider.

Mechanisch drehte sich, noch immer rechnend und erwägend, Marco gegen den Spiegel. Fast fuhr er zurück. Was für ein kummervolles, häßliches Antlitz starrte ihm da entgegen? »Fledermäuse! Fledermäuse!« kreischte es höhnend durch sein Inneres. Und er verlor die Selbstbeherrschung, vergaß Raum und Umgebung und spie wütend gegen das teuflische Glas.

»O, Masser, was tut Ihr? Aus ist es mit der Kundschaft! Ihr seid empört, wie noch kein andrer es war. Wehe mir!« wimmerte der geknickte Schneider.

Da erwachte Marco.

»Bei der Madonna, was fällt Euch ein, Gevatter Sebastiane? Verzeiht mir! Die Fledermäuse sind daran schuld!«

»Fledermäuse?« Die Angst des Schneiders wuchs. Er fürchtete, Marco fiebere. »Wo sind Fledermäuse? Was meint Ihr?«

»Dort, Gevatter!« lachte Marco weiter. »Dort, ebensoweit hinter dem Spiegel, als ich vor ihm stehe. Außerdem in jedem Palazzo in Venedig. Was ich damit meine, soll Euch nicht kümmern. Das Kleid ist herrlich, über jedes Lob erhaben!« Und er lief zu einem Tischchen und schüttelte Goldstücke aus einem Lederbeutelchen. Dann munter: »So, da habt Ihr noch fünf Zechinen, Eure Kinder sollen nicht blaß sein. Aber haltet säuberlich den Mund!«

Fassungslos drehte der Schneider die Goldstücke in der Hand. Dann küßte er mit tränenschwimmenden Augen Marcos Hände und murmelte:

»Eure Worte verstehe ich nicht. Euer Herz aber ist mir begreiflich. Besser gesagt, es ist auch unbegreiflich. Denn so gute Menschen sind heute selten auf Rialto!« Als aber Marco abwehrte, setzte er noch hinzu: »Masser, edler Masser, denkt nicht, daß ich's Euch vergesse. Die Zechinen werden sich für Euch noch auf Erden bezahlt machen. Ich bin kein so alberner Kaufmann, wie Masser Maffio denkt. Ich habe kein Geld, das ist alles. Zudem bin ich ein Handwerker.« Und als ihn Marco fragend ansah: »Ich höre sehr viel, wenn die Nobili zu mir kommen. Viel erfahre ich da von guten Gelegenheiten. Ruft mich, wenn Ihr Geschäfte machen wollt! Ich kann manches vermitteln.« Dann packte er seine Sachen zusammen, küßte Marco nocheinmal beide Hände und machte eine sonderbar segnende Bewegung gegen seinen Wohltäter, als er über die Schwelle trat.

 

Das Geheimnis der großen Welt lag knapp vor Marco Polo: In einer Stunde sollte das Fest seinen Anfang nehmen. Grelles Licht durchflutete sein Zimmer. Enrico stand bereit, alle Wünsche des Herrn zu erfüllen und wortlos die Handreichungen zu verrichten.

Verstohlen preßte Marco die Faust gegen sein Herz, das ungebärdig pochte. Zugleich schnürte ihm ein Gefühl kitzelnder Spannung leise die Kehle zu.

»Seid Ihr bereit, Masser? Soll ich das Kleid reichen?« Enrico konnte das Schweigen nicht mehr ertragen.

Marco aber starrte auf den Papagei, der wieder einmal seine Umschwünge vollführte. Die nächsten Stunden würden ihn in einen Wirbel ziehen. War er stark genug, alles zu bestehen, was heranbrausen mußte? Francesca, Barbigo, Malipiero, alle die hohen Herren der Stadt, Licht, Glanz, Geschmeide, Wein, Staatsgeschäfte, Tollheit. Er selbst im Mittelpunkt oder nahe daran. Hausherr mit Pflichten. Maffio und sein Vater hatten ihm manches eingeschärft. Gott sei Dank, wenigstens brauchte er keine Rede zu halten.

»Verzeiht, Masser!?« Enricos drängende Frage schlug schon wieder an sein Ohr. »O, Masser Maffio!« Bei diesem Ausruf Enricos fuhr Marco herum. Langsam übernahm sein Antlitz das Lächeln des Oheims, der in dunkelblauem Brokat, über und über mit Goldstickerei und Juwelen bedeckt, ungemein prächtig wirkte.

»Marco, mein Söhnchen!« Er nahm sich kaum Zeit, die Schwelle zu überschreiten und hob ein sonderbares Ding in der Hand hoch. Dann hereinkommend: »Erschrick mir nicht, Kleiner! Ich will dich nur bitten, dieses Koller unter dem Kleide anzulegen!« Damit warf er einen Schlangen- Hautpanzer, an den Platten aus dickem, dunklem Leder genietet waren, aufs Ruhelager.

Marco verstand nicht gleich. Maffio aber setzte schon fort:

»In den letzten Stunden ist unsre Lage heikler geworden, Marco. Du bist doch kein Hasenfuß. Es wird dir hoffentlich die Unterhaltung nicht verderben. Alles nur für alle Fälle. Gegen zufällige Dolchstöße im Gedränge. Die Panzer sind gut. Im Osten bei ähnlichen Anlässen erprobt. Man ficht leichter, wenn Herz, Lunge und Magen gesichert sind.«

»Fechten?« Marco konnte sich die Sache nicht reimen. Enrico grunzte vor Vergnügen, als er von Kämpfen hörte.

»Nun, für alle Fälle, meine ich. Frag nicht, sondern tu es, Marco! Mir zu Gefallen. Die Herren erscheinen mit großer Leibwache, hörte ich. Wozu, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich drei Vierteile meiner Leute bewaffnet in den Keller gesteckt. Zur Bedienung sind Venezianer aufgenommen. Im äußersten Fall schlagen wir uns zur Galeere durch. So! Wahrscheinlich ist das alles Hirngespinst. Aber ich hasse Überrumplungen!« Damit lachte er Marco ins Gesicht, brummte etwas von der Vorbereitung des Weines und war schon wieder draußen.

»Sehr vergnüglich!« sagte plötzlich Marco, den die Heiterkeit Maffios angesteckt hatte. »Also, zeig einmal das Ding her, Enrico!« Und als Enrico den Panzer prüfend in der Hand wog und die Härte versuchte: »Leg es mir in Gottes Namen an! Hoffentlich sieht man's nicht durch das Kleid!«

In seinem Innern aber begann es zu brausen. Ja, das war Leben, das Ereignis! Und er träumte schon vom Wein, von glatten Reden, Überfall, Feuerlohen und tosendem Waffenklirren. Hopp, ila, ila, so, da lag ein Feind! Her zu mir, Francesca! Hinter mich! Kommt heran, ihr Feiglinge ...

»Er schmiegt sich vortrefflich dem Körper an. Eine prächtige Erfindung!« Enrico gab sich alle Mühe, den Panzer kunstgerecht zu binden. »Der Satan soll mich braten, wenn ich nicht mindestens zehn Kerle ersteche!« setzte er einen anderen Gedanken fort und blickte verliebt auf die fremden Waffen, die an der Wand hingen.

»So, jetzt das Kleid!« Marco suchte es mit den Augen, um festzustellen, ob es am Halse den Panzer decke.

Ein venezianischer Diener trat ein und meldete, Masser Nicolo habe ihn gesandt. Der junge Masser möge bald in den Saal kommen. Jeden Augenblick könnten Gäste eintreffen.

Marco winkte ihn bejahend hinaus. Dabei erfaßte ihn jedoch die Erregung mit vollster Gewalt. Also schnell, zur Entscheidung, zur Entscheidung! So summte es in tausend Richtungen. Wieder Francesca, Malipiero, der Doge, Kampf, Sieg. Wo würde er am Morgen schlafen? In der Erde? Im Kanal? Auf der Galeere? Schade um das schöne Kleid, das würde kaum Hellebardenstiche aushalten!

Und er blickte es voll Freude an und glättete es zurecht, als Enrico es ihm anlegte. Herrlich, dieses blendende Weiß des Atlasses, diese blau-, rot-, gold- und schwarzgestickten Figuren. Diese besetzten Nähte und die flaumige, rauchgraue Pelzverbrämung. So, jetzt noch die Kappe mit dem Pelzrand und der flimmernden Edelsteinspange. Die Koppel und der Dolch, an dessen Griff die Karfunkel einander verdrängten.

»Wir sind fertig, vom Panzer sieht kein Zauberer eine Spur!« sagte Enrico befriedigt.

Marco gab sich einen Ruck. Also los! Die Zukunft in die Hand Gottes! Schluß! Er war ein Mann!

»Jetzt mach du dich prächtig, Enrico! Vorwärts!« Und er gab dem Beschützer einen vertraulichen Stoß. Dann schritt er, nicht nur äußerlich verwandelt, auf den Gang hinaus.

 

Er hörte seine eigenen Schritte hohl widerhallen. Den Kopf warf er ins Genick und weitete die Brust. O süßeste aller Göttinnen! Herrliche Ungewißheit! Liebe, Leben, Tod und Chaos, alles gleich nah! Ein Strom unbekannter, zitternder Wonne durchrieselte ihn.

Er stieg eine enge, spärlich erleuchtete Treppe hinunter. Moderluft? Gespenster? Nein, dreimal nein! Laß mir dieses Prickeln bis ans Ende, Geschick! Drüben geht es wieder hinauf. Ja, da war sie schon, die Hauptstiege. Herrlich! Vorgeschmack. Teppiche auf den Stufen, in Licht gebadet. Blumen in fremdartigen Vasen an den Wänden. Und weit offen die Türen des Vorsaales.

Eine Urkraft schnellte ihn hinauf. Sein Fuß versank wohlig in den Teppichen. Alles war ja nur Scherz, nur Spiel! Was kann einem Polo geschehen? Was ist Venedig, der enge Käfig, gegen die Weiten der Seele von Männern, bestimmt, den Erdkreis zu umspannen?

 

Marco stand im Vorsaal. Nicolo und Maffio erteilten Befehle. Diener trugen eilends Karaffen, Vasen, Stühle, Tischchen. Rannten zur Stiege. Liefen hinunter. Aus der anderen Seite kamen zwei herauf, die eine Truhe schleppten.

Marco hatte noch nicht Zeit gehabt, ein Wort mit seinen Angehörigen zu wechseln, als schon ein Negerknabe zwischen allen andern durchschoß und atemlos etwas herausgurgelte.

»Hoho, die ersten Gondeln! Knapp genug sind wir fertig geworden. Mach ein Staatsgesicht, Marco!« Und Maffio trat in die Türe.

Nicolo aber, der eben Marco vom Kopf zum Fuß gemustert hatte, murmelte:

»Sehr gut, Marco! Ich bin zufrieden! Sieh nur zu, daß du die richtige Mitte zwischen Freimut und Bescheidenheit einhältst!« Dann wandte auch er sich zur Tür und winkte Marco, ihm zu folgen.

 

Schon waren zahlreiche Gäste im Vorsaale versammelt. Kleine Gruppen, die sich flüsternd unterhielten. Prachtvolle Gewänder und Geschmeide, nicht viel weniger kostbar als der Prunk der Hausherren.

Die Stimmung schien gedrückt und lauernd. Besonders die Antlitze der Frauen spiegelten Erregung wider. Man sah es den meisten an, daß sie vorher viel über das Kommende gesprochen hatten.

Maffio und Nicolo waren unablässig bemüht, dem neuen Zustrom, der seinen Höhepunkt erreicht hatte, gerecht zu werden. Hier eine Verbeugung, ein Lächeln, einige Worte, dort ein Händedruck, ein Wink, ein Scherz. Auch Marco stand nicht müßig.

Eben hatte er den jungen Gasparo Morosini, den jüngsten Senator der Republik, in den Vorsaal geleitet. Eine hohe, sehnige Gestalt. Römerkopf mit Adlernase und schwarzem Lockenhaar. Ein geborener Feldherr.

»Ich danke Euch, Marco Polo! Hier sehe ich schon Bekannte. Laßt Euch nicht aufhalten!« Etwas von oben herab und gönnerhaft entließ er, mehr mit Rücksicht auf eine ihm entgegenkommende Patrizierdame, den Gastgeber.

Marco begriff nicht sogleich, blieb unschlüssig stehen und sah vor sich hin. Plötzlich wurde er gewahr, daß er allein stand.

»O, Malipiero, im großen Staatsgewand! He, Nicolo, den müssen wir feierlich in Empfang nehmen!« Maffio eilte schon dem Nachbarn entgegen. Nicolo folgte.

Im gleichen Augenblicke hatte eine unsichtbare Macht Marco herumgedreht.

Francesca! Francesca! Es jubelte in ihm auf. Ja, da kam sie zwischen Mori und Malipiero. Und schön sah sie aus in ihrem hellblauen Brokatkleide. So hatte er sie noch nie gesehen. Und ein prächtiger alter Schmuck. Alles nahm er zugleich wahr.

Malipiero war, von Maffio und Nicolo begrüßt, ein wenig zur Seite getreten. Mori suchte mit den hellen Augen und wurde von Francesca abgedrängt.

In diesem Augenblick stand schon Marco vor ihr. War er hingesprungen? Er erschrak, denn er wußte es selbst nicht.

»Francesca!« flüsterte er heiß. »Meine Francesca! Sei gegrüßt im schwarzen Palazzo!«

Ihr Blick traf ihn und leichte, verwirrte Röte lohte über das reine Antlitz. Sie preßte seine Hand.

»Wie schön du bist, Marco! O, wie schön! Ist alles hier, wie du es wünschest?« Auch sie flüsterte heiß und rasch.

»Ja, ich bin zufrieden! Wir werden bei der Tafel nebeneinander sitzen. Maffio hat mir's versprochen. Doch komm weiter. Wo ist dein Vater?«

Mori trat, nachdem er sich zwischen zwei Gruppen durchgewunden hatte, hinzu. Freundlich und rasch begrüßte er Marco, spähte aber sogleich nach Malipiero, der eben herüberkam.

»Wenn's dir möglich ist, Marco, nimm dich für eine Weile Francescas an. Ich muß Vincenzo mit einigen gelehrten Senatoren bekanntmachen!« sagte er hoheitsvoll nach kurzer Begrüßung und faßte schon Mori unterm Arm.

Marco, der jetzt mit Francesca allein stand und ihr hastig einige Neuigkeiten zuraunte, während sich beide selbstvergessen dem gegenseitigen Anblicke hingaben, hatte schon zahlreiche Augen auf sich gezogen.

»Ein schmuckes Paar!« stellte trocken ein alter Senator fest.

»Oho, wer ist das?« Morosini stieß seine Dame sanft mit dem Ellbogen an.

Sie nahm die beiden kritisch in Augenschein, dann sagte sie schnippisch:

»Jedenfalls wird sie bessere Kleider bekommen, wenn der junge Polo sie heiratet!«

Maffio aber, der eben für einen Augenblick seiner Hausherrnpflicht enthoben war, zischelte Nicolo, den er am Ärmel festhielt, zu:

»Ein Jammer, Nicolo! Sieh dir das Mädchen an. Madonna, das ist ein wahres Engelsantlitz! Verdammtes Schicksal, daß sie nicht unsre Verwandte wird. Der Teufel soll den Großkhan holen!«

»Nun, nicht doch!« Nicolo schüttelte mißbilligend den Kopf. »Du hast ja recht, aber was nicht sein kann, kann eben nicht sein! Ah, entschuldige, der gefährliche Tedesco!«

Der Ordensritter stieg eben, hoch und hager, die Treppe herauf und drehte den Bart mit einem Ruck zu schneckenhafter Windung. Sein Ausdruck hatte etwas von besorgtem Ernst.

Maffio überließ ihn dem Bruder. Er selbst ging geradezu auf Marco und Francesca los und verbeugte sich vor dem Mädchen.

»Jedenfalls die edle Tochter des Gelehrten Mori?!« Er betrachtete sie mit wohlgefälliger Liebenswürdigkeit.

»Das ist Oheim Maffio! Kein Zweifel!« Francesca hatte im Gegensatz zu Marco, in dessen Zügen der Zwiespalt kämpfender Gefühle deutlich hervortrat, keinerlei Schüchternheit gegen Maffio.

Maffio, von der Stimme und dem Freimut vollends hingerissen, küßte die Spitzen ihrer Finger. Dann lächelnd:

»Unverkennbar? Wie? Wahrscheinlich hat mich mein lieber Neffe schon entsprechend boshaft beschrieben!«

»Boshaft? O nein!« erwiderte Francesca ruhig und schlicht. »Im Gegenteil. Eher wohlwollend!« Dabei zuckte eine ganz kleine Schalkhaftigkeit um ihre Lippen.

»Also gut behandeln mich deine Freunde eben nicht!« Maffio machte ein gespielt bekümmertes Gesicht. »Aber schließlich aus solchem Munde sind auch Neckereien eine Ehre!« Plötzlich aufhorchend. »O, jetzt wird die Sache ernst!« Im Flüsterton und schon zum Gehen gewendet: »Der Doge kommt! Marco, das edle Fräulein wird dir verzeihen. Führe sie schnell zum Vater. Wir müssen Tiepolo unten empfangen!«

Marco, der über das Betragen Maffios ebenso erstaunt war wie über die Gewandtheit Francescas, gehorchte mechanisch.

»Ich finde den Vater auch allein. Geh, Marco! Versäume meinetwegen nicht wichtigste Pflichten!« Francesca drückte leise den Arm Marcos, der sie zum Vater leiten wollte.

Übrigens kam eben Malipiero bei ihnen vorüber.

Marco löste sich los und eilte dem Oheim nach.

Eine starke Bewegung an der Türe ließ ihn erschrecken. Er fürchtete, schon den Zeitpunkt versäumt zu haben. Da stockte er und konnte nur mit letzter Kraft die Muskeln seines Gesichtes in Ordnung halten.

Denn eben betrat, steif auf allzu kurzen Waden einherstapfend, angetan in ein grelles Prunkgewand, Giuseppe Barbigo den Vorsaal. Und hinter ihm, wenn möglich noch greller, in Rot und Grün und Violett, die fünf Zerrbilder der starr schweigenden Söhne.

Barbigo erwiderte nach allen Seiten laut schrillend Grüße, die ihm noch gar nicht gezollt worden waren. Mit dem ersten Bekannten wechselte er schon einen Händedruck und winkte gleichzeitig abgehackt einem andern zu, während sich die Söhne in linkischen Verbeugungen verrenkten.

Marco hatte Maffio unten auf der Treppe eingeholt. Es war höchste Zeit.

Grellster Fackelschein schlug schon vom Kanale durch das offene Portal herein und das Klirren von Waffen ward hörbar.

Nicolo gab eben den Dienern Weisungen, die riesige Prunkgondel zu vertäuen, als etwa dreißig Gewaffnete in die Toreinfahrt rückten und rechts und links Spalier bildeten.

Über den ausgeworfenen Steg schritt, bestrahlt vom Fackelschein, in vollem Staatskleide Lorenzo Tiepolo, zu seiner Rechten der Erzbischof im roten Ornate des Kardinals mit breitem, bepflocktem Hute. Hinter den beiden Sekretäre und Diakone.

Maffio, Nicolo und zwischen ihnen Marco beugten die Knie und Maffio hielt ihnen auf einer goldenen Schüssel Salz und Brot entgegen.

Der Doge stockte einen Augenblick. Dann nahm er mit spitzen Fingern vom Dargereichten, wahrend der Erzbischof die Hand zum Kusse vorstreckte.

Die Poli küßten die Hand des Kirchenfürsten, hierauf die Hand des Dogen.

Flüchtig und doch bedeutsam, hob der Erzbischof sein funkelndes Brustkreuz und murmelte, als die drei, das Zeichen des Kruzifixes schlagend, sich neigten, die Formel des Segens.

Dann traten die Poli zurück und schlossen sich dem Gefolge an. Ein Diener des Hauses, ein prächtig gekleideter Venezianer, schritt dem Zuge voran und wies mit hochgehobener Bronzefackel den Weg, indes er den Einzug der beiden Fürsten feierlich verkündete.

 

Die letzten Worte der Begrüßungsrede Nicolo Polos klangen durch das Lichterflirren des großen Saales.

Ein leises, knisterndes Aufrauschen unzähliger Gewänder und Seiden antwortete.

Diener huschten herein. Schüsseln mit Fischen und Braten, mächtige Weinkrüge türmten sich auf der Tafel, die in ungeheuerem Hufeisen drei Wänden entlanglief.

Langsam, beginnend von Nachbar zu Nachbar, schwoll die Unterhaltung an. Denn der Doge hatte geschwiegen. Trotzdem war es mehr ein Flüstern als ein Gespräch. Gläserne Starrheit auf allen Mienen.

Nur wenige Ausnahmen dieser Befangenheit. Marco versuchte mit Francesca den Rang der Gäste zu deuten. Dabei war ihm seine Personenkenntnis in vielen Fällen behilflich. In andren Fällen hätte er sich Enrico als Führer gewünscht.

Dort in der Mitte saß Tiepolo. Der Doge. Das war unzweifelhaft. Ihm gegenüber Nicolo und Maffio. Zur Rechten Tiepolos der Erzbischof, dessen hartes Gesicht sich von tausend Fältchen runzelte. Die Augen standen sonderbar nah nebeneinander und glühten förmlich. Jedoch nach innen, nicht nach außen. Der große Mann im Ordensrittermantel zur Linken des Dogen war wohl der deutsche Gesandte. Man merkte es an der harten Aussprache.

Mori neben Malipiero mit einigen Senatoren in tiefem Gespräch. Marco kannte den Gesichtsausdruck, wenn er Welträtsel diskutierte.

Und die Barbigos! Wie die jungen Zerrbilder gierig zugriffen und dabei nach dem Vater schielten! Der aber saß da, sein Antlitz war schon hochrot. Kein Zweifel, ein Ausbruch stand nahe bevor. Um die Söhne jedoch scherte er sich nicht im mindesten.

»Wie diese Schranzen und Sekretäre steif hinter dem Dogen stehen! Erinnern sie dich nicht an Sumpfvögel?« Francesca lächelte leicht.

»O, was ist das, ein verspäteter Gast?« Gasparo Morosini, der nicht weit von ihnen saß, folgte aufmerksam den Schritten Maffios, der, von einem Diener geholt, zur Türe eilte.

Bald drehten sich alle Augen in die gleiche Richtung. Denn ein zauberhafter Glanz ungewöhnlichster Tracht leuchtete in der Türe auf.

»Gott strafe mich, es ist die Griechin!« Morosini sagte es vor sich hin und kümmerte sich nicht mehr um die wütenden Blicke der Eifersucht, die ihm seine Dame zuschleuderte, bevor sie sich mit gespielter Gleichgültigkeit girrend dem erstaunten Nachbarn zur Rechten, einem dicken, schläfrigen Senator, zuwandte.

Marco erbebte. Das also war Maffios Überraschung? Jetzt kam sie näher.

»Sie ist schön wie ein byzantinisches Märchen! Sieh, Marco, die Pracht! Wer mag das wohl sein?« Neidlos bewundernd vertiefte sich Francesca in den Anblick.

Marco gewann durch diese Worte seine Sicherheit zurück. Zugleich stieg etwas wie kaum bewußter Dank gegen Francesca in ihm auf. Er betrachtete die Griechin genauer, die jetzt mit Maffio gegen die Mitte der Tafel zuschritt.

Ihr Gesang hatte nicht gelogen. Die üppige, biegsame Schlankheit des fast schleichenden Ganges, der die Edelsteine und Perlen, mit denen das Kleid über und über gestickt war, zu schillernder Geltung heraushob; der fast unwahrscheinlich helle Teint und die rotblonden Haare, die unter einem Turban hervorquollen, gaben jeder Bewegung etwas unhörbar und doch wogend Musikalisches. Dazu noch der harte, siegreiche Blick graublauer Augen, deren Wimpern an den Spitzen tiefdunkel waren. Die blitzende Reihe der oberen Zähne ihres halbgeöffneten Mundes vergruben sich plötzlich mit scharfem Druck in die Unterlippe.

Marco fühlte diesen Biß. Wie ein Schauer zuckte es durch seine Nerven.

Sie setzte sich jetzt in der Nähe Massios, nach allen Seiten grüßend, nieder.

Der Erzbischof faßte sie mit einem unerbittlichen Blick des Mißfallens ins Auge. Der Doge nickte ihr mit starrem Lächeln zu, als sie ihm ihre Ergebenheit durch besonderen Gruß anzeigte. Morosini aber rückte ungeduldig auf seinem hochlehnigen, geschnitzten Stuhl, da er nicht wußte, wie und wann er in ihre Nähe gelangen könnte.

Marco und Francesca aber hatten ihrer schon vergessen. Ein inniges Wort, und alle tausend Kleinigkeiten hatten sie wieder zueinander getrieben und hielten sie fest, obwohl Marco mehr als einmal den Traum der Nähe durch Notlügen zerbrechen mußte, die er ihren Zukunftsfragen als Antwort ersann. Sie aber gab sich dieser trauten Nähe hin, war glücklich und merkte nichts. Denn auch ihr Geheimnis, der Antrag Malipieros, lag unter der Oberfläche.

 

Das Mahl hatte inzwischen seinen Fortgang genommen. Eben wurden die Weine kredenzt, die Maffio und Nicolo, der Sitte gemäß, vorkosteten.

Die Unterhaltung wurde unter dem Eindruck der Chier und Samier etwas lauter und gelöster.

Plötzlich wandte sich Giuseppe Barbigo mit achtlos schriller Stimme an die Poli:

»Eure Weine und Speisen sind gut. Das merkt jeder. Aber ihr könntet noch mehr, noch Selteneres auftischen! Wollt ihr nicht?«

Maffio begriff sofort, daß sich hinter diesem plumpen Scherze andres verbarg. Er ließ jedoch mit Absicht Nicolo erwidern, da er als Zuhörer schärfer beobachten wollte.

Nicolo ging auch ohne Zögern auf die erkannte Finte des Bruders ein:

»Ihr meint wohl die Speisen, die man am Hofe des Großkhans ißt?! Nun, die waren nicht haltbar genug, um sie nach Venedig zu bringen!«

Lauernd blickte der Erzbischof auf und sah dann Tiepolo an, der wieder Barbigo mit einer leisen Miene ablenken wollte.

»O, so wörtlich ist das nicht zu nehmen! Aber Ihr seid nicht weit vom Verständnis, lieber Neffe!« Barbigo ließ sich nicht mehr zurückhalten und ging geradeaus aufs Ziel los.

Der Doge gab ein Zeichen. Ein Sekretär drehte sich nachlässig um und verließ langsam und unauffällig den Saal.

Maffio hatte es genau wahrgenommen. Vielleicht als einziger. Er hüstelte. Dazwischen räusperte er tatarische Laute:

»Aufgepaßt, man umkreist uns!«

Nicolo nickte. Dann zu Barbigo:

»Trotzdem verstehe ich Euch nicht ganz. Oder solltet Ihr es gar bildlich meinen, ehrenwerter Oheim, und von uns eine Schilderung unsrer Abenteuer verlangen?« Er sah ihn stechend an.

Die Gäste begannen zu verstummen. Das laute Gespräch im Mittelpunkte der Tafel erzwang allgemeine Aufmerksamkeit.

»Verlangen?« Barbigo wehrte hitzig ab. »O, nein! Bitten wollte ich Euch. Es ist doch für uns Christen des Abendlandes lehrreich, zu erfahren, wie es bei unsrem Erzfeinde aussieht!«

Tiepolo wandte sich scharf herum:

»Sie sind Gesandte, vergeßt das nicht, edler Senator!« sagte er sanft verweisend. »Wählt lieber mildere Ausdrücke. Unsre Gastgeber waren lange im Osten. Sie haben dort andre Ansichten bekommen, als wir sie hier haben!«

Barbigo schwieg einen Augenblick. Wollte ihn der Doge wirklich zurechtweisen? Oder zu schärferen Ausfällen antreiben?

Auch Maffio erwog das gleiche. Sei es wie immer! Man tuschelte schon auf allen Seiten. So würde er eben selbst eingreifen. Und er sagte lächelnd:

»O, wir nehmen das nicht übel! Das Abendland hat sicher wenig Grund, die Tataren zu lieben!«

Die Verblüffung über diese Antwort war allgemein. Selbst Nicolo sah zunächst nicht ganz klar.

Plötzlich stand ein tatarischer Diener vor ihnen und raunte auf tatarisch:

»Die Hauptstiegen sind von den fremden Leibwachen besetzt, ihr Herren!«

Maffio rief einen kurzen Befehl zurück, der niemandem auffiel.

Unvermittelt griff der Erzbischof ein:

»Für christliche Völker wäre es nicht so unwichtig zu wissen, wie es in diesen fernen Ländern mit der Religion bestellt ist!«

»Und mit dem Kriegswesen! Schließlich sind Leute, die einen Palazzo in Venedig bewohnen, der ihnen von Geburt an gehört, auch so etwas wie Venezianer!« Barbigo keuchte bereits vor Erregung. Jetzt mußte die Weigerung kommen, jetzt sogleich der Verrat offenbar werden.

Der Doge hatte sich in steinerne Unnahbarkeit zurückgezogen. Der abgesandte Sekretär stand wieder hinter ihm. Auch Malipiero sah mit kaum mehr gebändigter Erregung herüber.

Alle übrigen – und es waren fast alle – die etwas ahnten, bebten vor Spannung. Nicht allein in der Brust des deutschen Gesandten loderte Empörung über den bevorstehenden gräßlichen Bruch des Gastrechtes auf.

Maffio und Nicolo aber lächelten.

Francesca, die nur rein instinktiv Gefahr fühlte, drängte sich an Marco. Der aber hatte einen Gesichtsausdruck wie ein junges Raubtier, das zum Sprung ansetzt. Ganz Kraft, Wildheit und Kampflust. Fast wie ein Schimmer von Wonne lag es auf den Zügen. Francesca bebte unter dieser männlichsten Offenbarung in heißer Liebe. Sie durfte sich auch nicht fürchten! Er würde sie verachten!

Maffio und Nicolo lächelten noch immer. Die wenigen Augenblicke wurden zu unerträglichen Zeiträumen. Am meisten für Barbigo, dessen kleine graue Äuglein in unnennbarer Bosheit funkelten.

Seine Söhne aßen unbekümmert und klapperten mit Gläsern und Schüsseln.

»Nun?« pfiff Barbigo endlich heraus.

»Wir haben vorausgesehen, edle Herren und Frauen,« Maffio ließ sich lächelnd zu jedem Worte Zeit, »daß ihr Ähnliches würdet hören wollen ...«

Dazwischen Barbigo, wie durch eine höchster Anspannung entsprungene Gedankenverbindung veranlaßt:

»Wo ist übrigens Euer Gefolge, Maffio Polo? Mit Ausnahme zweier Ungläubiger sehe ich nur venezianische Diener! Sehr auffällig! Fast unheimlich!«

»Richtig! Seht Ihr aber scharf!« Maffio lachte heraus. »Und wie das zu meinen Worten paßt! Ihr seid ein Gedankenleser, ein Magus!«

»Höhnt nur, drückt Euch nur witzelnd um die Antwort!«

Maffio wandte sich jäh ab, stand auf und verbeugte sich vor dem Dogen.

»Um meinem Oheim zu antworten, bedarf ich Eurer Erlaubnis, hoher, erlauchter Doge!« Auf den erstaunten Blick Tiepolos: »Ich wollte nämlich,« und es lag jetzt boshafter Hohn auf Maffios Antlitz, »nun, ich wollte meinen edlen Gästen das Kriegswesen des Ostens nicht nur erklären, sondern auch zeigen. Ich habe daher mein Gefolge die fremdartigen Waffen anlegen lassen. Ein Wink von Euch, hoher Doge, und sie sind im Saale!«

»Was wollt Ihr damit?« Tiepolo hatte sich verfärbt.

»Sicher weniger als andre mit der Besetzung der Stiegen des Gastgebers!« Nicolo war aufgesprungen und starrte drohend gegen Dogen und Erzbischof.

Der Erzbischof aber sagte gelassen:

»Laßt sie herein, Doge! Besser mit unsrem Willen, als gegen ihn. Wenigstens ist alles an einem Punkte versammelt. Zuvor noch eine Frage. Gilt euch da drüben das Essen von Brot und Salz etwas? Oder ist das den Barbaren ebenso gleichgültig wie die Gebote Christi?«

Kein Laut regte sich im Saale. Nicht die Kühnsten wagten aufzublicken.

»Es ist mir so heilig wie das Gastrecht! Heiliger aber ist mir das Gebot des Erlösers, Eminentissime!« Maffio rief es eindringlich. Dann leiser: »Die nächste Stunde wird euch überzeugen! Jetzt aber verzeiht den Scherz, den ich mir erlaubte. Wir durften bloß als Gesandte des Großkhans uns vor euren Augen nicht als Tölpel erweisen!« Er lächelte freundlich. »Die Bewaffneten mögen erst später kommen, wenn sie euch dann noch irgendeine Teilnahme erwecken. Jetzt aber wollen wir Venezianer sein, edle Herren! Und als Venezianer offen vor den erlauchten Häuptern unserer geliebten Republik ein böses Gerücht zerstreuen!«

»Laßt ihn nicht reden, er flunkert, er weicht aus!« Barbigo hatte keinen Atem mehr.

Der Saal rauschte auf. Der furchtbare Ausbruch schien für einen Augenblick gebannt. Marco sah bereits zu, wie man spannende Theaterstücke beobachtet.

»Schweigt Barbigo! Ihr sprecht zuviel!« Der Erzbischof funkelte den Senator an.

»Wie, mir als Senator? Was fällt Euch ein? Wißt Ihr nicht? So ein Übergriff! Nun, wir werden noch...«

»Laßt uns verhandeln! Alles andre später!« Tiepolo winkte ungeduldig gegen Barbigo.

»Nun, könnt Ihr dieses Gerücht, wie Ihr es nennt, zerstreuen? Oder meinen wir verschiedenes?« Der Erzbischof sprach im gleichen ruhigen Tone, den er nicht veränderte, weiter.

»Gewiß! Wir meinen das gleiche, Eminentissime! Die Anklage nämlich, um ganz ohne Umschweife zu reden, die der ehrenwerte Gesandte der deutschen Majestät gegen uns wegen Verrates der Christenheit erhoben hat!« Maffio sprach womöglich noch gebändigter als der Kardinal.

Der Eindruck war überwältigend. Jeder der vielen Anwesenden wurde durch die Nennung dessen, was man nicht ganz zu denken gewagt hatte, was nur durch Ränke mühsam ans Licht hätte kommen sollen, wie von einem Peitschenhieb getroffen. Das Aufschluchzen einer ihrer Beherrschung nicht mehr mächtigen Frau erklang in schauerlicher Hohlheit.

»Woher wißt Ihr von dieser geheimen Anklage?« Lorenzo Tiepolo blickte die Poli mehr erstaunt als entsetzt an.

»Wir kennen den Inhalt Wort für Wort! Verzeiht, erlauchter Doge, wenn wir Euch über diesen Punkt erst nach der Reinwaschung unsres Rufes Auskunft geben. Gewährt uns nur die Gnade, unsre Verhaftung erst nach Verlesung des Briefes zu befehlen, den der Großkhan an Seine Heiligkeit den Papst richtete. Nicolo wird ihn erläutern!« Maffio setzte sich wie unbeteiligt.

Plötzlich und unerwartet kam die Massenseele zum Durchbruche. Die Antwort des Dogen und ein Wink des Erzbischofs verloren sich fast in einem Gemurmel, das ein Ende der Spannung erzwingen wollte. Die Ruhe und Sicherheit der Poli hatte ihren Freispruch vorweg genommen. Nur Barbigo versuchte sich der günstigen Stimmung entgegenzuwerfen. Er gestikulierte, jappte und funkelte. Er konnte jedoch nicht mehr zu Gehör kommen.

Schon stand Nicolo, stolz und starr, eine mächtige Urkunde in der Hand, in der Mitte des Saales und sein Bart ragte fast wagrecht vom Kinne, während seine Augen den Lärm bändigten.

»Nur wenige Worte sind es, die zur Sache gehören!« sagte er und seine Stimme klang voll wie Glockengut. »Uns mehr als viele andre schmerzt es, daß der Stuhl Petri zurzeit unbesetzt ist. Mit Gottes Hilfe wird bald ein neuer Papst die Tiara tragen. So aber blieb uns kein Ausweg, als den Brief des großen Khans der Khane inzwischen zu verwahren. Um jeden Zweifel zu zerstreuen: Er ist in tatarischer und sarazenischer Sprache verfaßt. Der Legat seiner Heiligkeit, Tebaldo de Vesconti di Piacenza, dem wir zu Acre im gelobten Lande den Brief unterbreiteten, fügte noch mit Siegel eine lateinische Übersetzung bei. Es kann somit jeder, auch hier, die Wahrheit des Berichtes nachprüfen!«

Nicolo machte eine Pause.

»Wir sind der Botschaft gewärtig!« Der Doge winkte Barbigo unwidersprechlich Schweigen zu und forderte durch eine Geste Nicolo auf, fortzufahren.

Nicolo nickte kurz. Dann las er aus dem Dokumente:

»Seine Majestät, der Khan der Khane, läßt Seine Heiligkeit bitten, ihm Gelehrte zu senden, die durchaus vertraut sind mit den Grundsätzen der christlichen Religion und auch bewandert sein sollen in den sieben Wissenschaften. Diese mögen den Gelehrten meines Reiches mit klugen und gerechten Beweisgründen dartun, daß der Glaube, zu dem sich die Christen bekehren, höher steht und auf tieferer Wahrheit beruht, als irgend ein andrer. Ich will dann glauben, daß die Götter der Tataren und die Götzenbilder, die in unsren Häusern verehrt werden, nichts sind als böse Geister. Gläubig aber werde ich dann allen Völkern des Ostens befehlen, sich zu Christum zu bekehren.«

»Das sollte wahr sein? Gepriesen sei der Allmächtige!«

Der Erzbischof breitete in ungeheurer Vision wie segnend die Hände.

»Und nun den Beweis unsrer Reinheit!« Nicolo hob die Stimme zu mächtigem Klange. »Hört weiter! Seine Majestät kann es aber nicht unterlassen, dem Herrn der Christenheit mitzuteilen, daß dieser Entschluß durch Bitten der treuen Gesandten Nicolo und Maffio Polo angeregt wurde. Gleich wie dieselben edlen Brüder schon einmal mich, den Khan der Khane, zu meinem und des Abendlandes Nutzen, dessen unbezwingliche Kriegsmacht mir erst durch ihre Schilderung klar ward, von einem Kriegszuge gegen Westen abhielten. Daher ewiger Friede herrschen soll zwischen Ost und West!«

Ohne das Antlitz zu verändern ging Nicolo zu seinem Platze und überreichte dem Dogen das Dokument zur Einsicht.

Tiepolo aber schob es mit zitternder Hand zurück.

Da fühlte Marco plötzlich den heißen Druck von Francescas Händchen. Er riß sich vom Mittelpunkt des Geschehens los und sah ihr ins Antlitz.

»Gott segne euch! Ich bin so froh und so stolz!« Heiligster Jubel lag in ihrem verklärten Antlitz.

Marco erwiderte den Händedruck. Doch er schauerte zusammen. Wie ein Verräter erschien er sich dem Mädchen gegenüber, das so treu zur Sache der Poli stand.

Der Doge hatte wieder die Stimme erhoben. Er suchte mit den Augen, wer von den hohen Beamten der Tür zunächst säße.

»Malipiero, tut mir den Gefallen und schickt die Leibwache zurück zum Palazzo Ducale!« Während sich Malipiero hoheitsvoll nickend erhob, zu den Brüdern Polo: » Eure Bewaffneten mögen mich nach Hause geleiten! Dies eine kleine Genugtuung für unser verletzendes Mißtrauen!«

Plötzlich gurgelte ein gräßlicher Ton auf. Barbigo, der schon die längste Zeit nach Worten ringend vor sich hingestiert hatte, schlug mit den Händen um sich, daß Gläser, Schüsseln und Pokale zu Boden klirrten. Dabei traten die Augen aus den Höhlen und das Antlitz nahm blaurote Farbe an, was infolge der weißen Haare besonders furchterregend aussah.

Die Söhne waren aufgesprungen und bemühten sich ohne sonderliche Erregung um den Vater. Zurufe und Fragen schwirrten hin und her. Maffio stand schon in der Nähe und jagte zwei Diener um Wasser und Essenzen.

»Ein gewöhnlicher Anfall! Er hat's oft! Stets, wenn ihn die Feinde ärgern!« krähte, stolz auf die erlösende Wirkung, die seine Worte zeitigen mußten, der Einäugige.

»Ein kränklicher Mann soll sich von Staatsgeschäften fernhalten!« Der Erzbischof sah verächtlich auf die Zügellosigkeit, mit der Barbigo zu kreischen anhub.

»Bringt ihn nach Hause!« Steinern und mitleidlos machte der Doge eine fortweisende Gebärde. »Der hohe Senat wird ihm den dringenden Urlaub sicher bewilligen!«

Barbigo, der die Reden trotz seiner Zuckungen anscheinend wohl verstanden hatte, ballte halb wie im Krampf die Fäuste und stieß einen schrillen Schrei aus. Dann ließ er sich vorgequollenen Blickes aus dem Saale führen.

Der deutsche Gesandte aber, der im Trubel des Zwischenfalles sich endlich zu den Poli durchgedrängt hatte, hielt ihnen die Hand hin:

»Ich vergaß vor Staunen über die Größe eurer Taten meine Anklage zurückzuziehen. Seid bedankt, edle Venezianer, im Namen der römischen Majestät deutscher Nation! Unsterblich sind eure Verdienste um die Christenheit. Verzeiht. Es war meine Pflicht, feindselig gegen euch zu handeln. Mein Herz hat stets diese Lösung gehofft und gewünscht!«

Von allen Seiten umringte man jetzt die Herren des schwarzen Palastes. Selbst Marco ward gegen seinen Willen in den Strudel der Beglückwünschung hineingezogen.

Maffio aber fand trotz allem Zeit für neue Befehle.

Die hohen Türen rechts und links öffneten sich und gaben die Aussicht auf eine Flucht kleinerer Gemächer frei. Eine Musikbande begann zu spielen.

Und auf mächtigen Tabletten wurden in eilendem Schritte neue Massen von Leckerbissen und Weinen hereingebracht.

Der Doge stand jetzt in einem engeren Kreise von Vertrauten.

Man besprach hohe Politik. Plötzlich wandte er sich herum und rief Malipiero an. Dann zu den Poli:

»Ihr habt sicher gehört, daß unsre Kornspeicher infolge der Mißernte leer sind. Nun haben wir Ancona, Treviso, Padua, Bologna, Ferrara und Triest gebeten, uns einen Teil ihres Überschusses abzulassen. Hohn war die Antwort. Dalmatien hat höflich zugesagt aber zu Wucherpreisen. Nun gut! Gestern hat der Senat geantwortet. Vom Vorgebirge Ravenna bis Fiume wird unser Meer gesperrt. Doch davon will ich nicht weiter sprechen!« Zu Malipiero, der eben hinzugetreten war: »Es ist für diese Zwecke ein ganzer Mann nötig. Kapitän des Golfes wird dieser Befehlshaber heißen, der die Wirksamkeit unsres Senatsbeschlusses gewährleistet. Darf ich Euch dem Senate vorschlagen, Malipiero? Mein Entschluß ist die Folge Eures mutigen Eintretens für die Gesandten, zu einer Zeit, da wir noch zweifelten. Ihr habt damit die Republik vor einem großen Mißgriff bewahrt!«

Malipiero warf den Kopf zurück. Was hatte er getan? Wofür ein Lohn? Für eine Handlung, die er fast als Mißbrauch der Amtswürde angesehen hatte? Was spielte das Geschick für Streiche? Oder war die bloße Nähe eines Polo glückbringend?

Er verbeugte sich mit undurchdringlicher Miene:

»Jeden Posten, den mir die Republik anvertraut, werde ich auszufüllen trachten. Ich danke Euch für die Ehre, erlauchter Doge! Mein Eintreten für die Gesandten des Khans aber war kein Verdienst. Es war meine Pflicht, da ich die Verwandten Marcos für unschuldig ansah.«

Nach abermaliger Verbeugung zog er sich zurück und preßte die Lippen gegeneinander, daß sein Mund nur mehr einem blutleeren Streifen glich.

Maffio aber lächelte: »Bei der Madonna, das ist der edelste und reinste Beamte auf Rialto. Man schämt sich förmlich vor solch hohen Ehrbegriffen!«

»Ihr habt recht!« lächelte Tiepolo zurück. »Ein Jammer, daß man hohe Politik mit solchen Gesinnungen nicht führen kann. Malipiero würde als Doge schreckliche Dinge anrichten. Aus Gerechtigkeit würde höchstes Unrecht erwachsen. Summum Jus, summa Injuria, wie der Römer sagt!«

Das Gespräch wurde unterbrochen. Denn die göttliche Stimme der Griechin begann den Raum zu durchschwingen und alle die zerstreuten Gruppen zu andachtsvollen Zuhörern zu verwandeln.

 

Leichter Rausch umflorte die Sinne Marco Polos. Daran aber hatten die wenigen Pokale Griechenweins den geringsten Anteil. Ein gesteigertes Lebensgefühl war es vielmehr, das raschere Kreisen jungen Blutes und die wohlige Abspannung nach siegreich abgewendeter Gefahr.

Er stand in der Mitte des großen Saales. Gestrafft und wie verwurzelt mit den Fliesen des schwarzen Palazzos. Kein Boden wankte und knisterte. Fest wuchteten die Grundsäulen Polo'scher Macht.

Schon waren der Doge, der Erzbischof und einige ältere Senatoren gegangen. Aber auch Malipiero und Mori mit Francesca hatten sich vor kurzem verabschiedet.

Wann würde er sie wiedersehen? Nein, jetzt nicht denken! Das Lebewohl war süß und herzlich gewesen, gläubig, ohne Mißklang, wie alles, was sie heute gemeinsam erlebt hatten.

Er blickte um sich. Die ganze Gesellschaft schien im gleichen Lebensrausche zu wogen wie er.

Lachen, neckende Blicke. Jünglinge, die mit Mädchen tuschelten und in Nebenräume verschwanden. Maffio saß im Kreise einiger munterer Zecher. Eben schlug Gelächter auf. Man spielte und Goldstücke klimperten.

Von der anderen Seite kam der Vater, die Hände auf dem Rücken, im Gespräch mit einem Kaufherrn. So schien es wenigstens Marco. Der Jüngling schmunzelte. Denn die edlen Herren schnitten Fledermausantlitze.

Er ging einige Schritte weiter, weil er merkte, daß sich viele Gäste rufend und lachend zusammendrängten.

Es war nicht zu verachten. Auf einer Matte hockte einer der Turkomanen und führte Taschenspielerkunststücke vor. Neben sich hatte er auf einem Gestelle ein sarazenisch bunt gekleidetes Äfflein hocken.

Eben als sich Marco in die Gruppe zwängte, reichte der Turkomane dem Affen eine zierliche Armbrust, die das Tier, ängstlich abgewandten Antlitzes, in die winzigen schwarzen Händchen nahm. Auf einen Befehlsruf drückte es die Waffe ab, Zuckerwerk flog in die Gäste und der Affe ließ die Armbrust achtlos fallen und kraute sich umherstarrend am Hals. Lauter Beifall und Gekicher. Man verlangte Wiederholung. Neuerlich drückte der Turkomane die Armbrust an die Backe des Äffchens. Er suchte nach etwas und ließ es einen Augenblick unbewacht. Da griff das Tierchen blitzschnell nach der Ladung, steckte das Naschwerk selbst in den Mund und kaute mit jämmerlich bekümmertem Ausdruck, während die Waffe irgendwo baumelte. Alle bogen sich vor Lachen.

Plötzlich hörte Marco ganz nahe neben sich eine Stimme, die ihn herumzwang:

»Wollt Ihr mir nicht Gesellschaft leisten, stolzer Masser Marco?!«

Er sah in die großen sieggewohnten Augen der Griechin, die spöttisch auffordernd lächelte und die schimmernden Zähne in die Unterlippe grub.

»Ich wagte nicht, Euch zu stören. Euer herrlicher Gesang ...« Marco stammelte leicht verwirrt die nichtssagenden Höflichkeiten.

»Laßt das!« schnitt die Griechin ab und entfernte sich einige Schritte von der Gruppe. Marco folgte ihr. Dann sagte sie leise:

»Vorhin seid Ihr mir schnurstracks davongelaufen, als wir uns eben kennengelernt hatten!« Lächelnd, in Abwehr einer Antwort: »O, ich weiß ja. Ich verstehe. Pflichten sind Pflichten. Besonders, wenn es holde Pflichten sind. Jetzt aber möchte ich ein wenig mit Euch plaudern. Ich habe heute große Angst ausgestanden!«

Marco überkam ein eigentümlich prickelndes Gefühl. Ganz recht so! Das war wieder ein Abenteuer. Göttin Ungewißheit! Was verschlug's? Was sollte geschehen? Und er bot ihr den Arm.

»Vielleicht winden wir uns aus dem Gedränge!« lächelte er zurück. »Wir werden uns einen Platz suchen, wo der Lärm des Festes nur mehr als fernes Brausen hörbar ist!«

»Wundervoll gesagt!« Die Griechin kicherte. Dann wie ein unartiges Kind, das Verzeihung erbettelt: »Nicht böse sein, Marco! Ich bin ja so froh, daß alles gut ausging!«

Marco führte sie langsam aus dem Saal. Auch hier in den Nebenräumen das gleiche Bild. Pärchen, trinkende Tafelrunden, Spieler. In einer Ecke schnarchte ein alter, beleibter Senator in einem Lehnstuhl.

Der junge Polo öffnete eine Türe, die bisher anscheinend zufällig verschlossen geblieben war. Denn drinnen brannten die Lampen. Wein stand in Kristallkaraffen auf kleinen Tischchen.

»O, wie kühl und ruhig es hier ist!« Die Griechin ließ sich lässig neben Marco nieder und streifte ihn für einen Augenblick mit der Wärme ihres Leibes. Dann nahm sie zwei Pokale, füllte sie und sagte:

»Wie hat Euch mein Gesang gefallen? Ich war sehr ängstlich. Ich bildete mir ein, er würde Euch heute sehr stümperhaft anmuten. Indes hörtet Ihr wahrscheinlich gar nichts davon!«

Marco ward verlegen. Was wollte sie? Diesem Tone und diesem blitzartigen Wechsel geäußerter Gefühle war er nicht gewachsen. Eben wollte er etwas erwidern, als sie schon wieder absprang:

»Ich bin ein eitles Mädchen! Gut, daß Ihr schweigt, Marco! Es geschieht mir recht. Ich werde zu viel gelobt und angebetet. Ich wollte aber eigentlich andres mit Euch sprechen!«

Jetzt klang die Stimme endlich aufrichtig. Marco begann gegen seinen Willen zu vergleichen. Sie gehört zur großen, zur reichen, zur flimmernden Welt. Wüsten, Meereshorizonte, bunte Länder! Ja, sie hat ein Geheimnis. Woher kommt sie? Ein Duft ist um sie, den man ahnt, der aber unfaßbar bleibt. Sind das wieder satanische Blendwerke? Versuchungen?

»Sprecht, wie es Euch gefällt, schöne Griechin! Ich werde versuchen, Eure Sprache zu verstehen!« Halb unbewußt hatte Marco seine Gedankenläufe in wirkliche Worte fortgesetzt.

Sie sah sogleich erstaunt auf:

»Meine Sprache? Ich spreche doch venezianisch! Nein, Marco, nicht wieder die Stirne runzeln!« Und sie strich ihm unbekümmert mit kühler, weicher Hand über die Stirne. Und als er zurückbebte: »Ich verstand Euch besser, als Ihr's ahnt! Marco, Ihr werdet bald, sehr bald eine treue und selbstlose Freundin brauchen. Ja, eine Freundin. Ein Mann könnte nie ermessen, an welch furchtbarem Punkte Eures Lebens Ihr eben haltet!«

Marco blickte sie entgeistert an. War sie eine überirdische Macht, die sich in das Geheimste seiner Seele einfraß? Waren die roten Löckchen, die unter dem perlenübersäten Turban hervorquollen, Schlangen?

»Es ist alles so einfach, Marco!« sprach sie schon weiter. »Nicht für Gelehrte, nicht für die weisen Staatsmänner und Kaufleute, nein, für ein Weib. Seht Marco,« und ihre Stimme bekam eine so eindringlich gütige, schrankenbrechende Weiche, daß Marco widerstandslos den Wohllaut trank, »seht Marco, ich bin so etwas wie eine Dichterin. Verlacht mich nicht! Meine Augen erblicken das Sonderbare. Und dann spinne und träume ich meine Märchen!« Sie griff nach dem Pokal und nippte vom Weine. »Und noch etwas!« setzte sie etwas nüchterner fort. »Ich war ein armes Mädchen, ein armes, wissensdurstiges Wesen, hingegeben an die Künste und Sehnsüchte. Wie Ihr, Marco! Dann kam ein Tag. Ein einziger Tag. Und ich ward die Herrin des maurischen Palazzos. Drei Jahre sind es her. Aber ich habe die Tage nicht vergessen, da ich aus einer Welt in die andre schritt. So konnte ich einen Teil Eures Märchens leicht aussinnen!« Sie lehnte sich zurück und reckte sich, daß die Formen ihres Körpers lockend hervortraten.

Marco war bereits im Banne ihres Märchens. Wohin hatte ihn das Abenteuer gerissen? Wie war es möglich, einem Wesen nach wenigen Worten so nahe zu rücken? War es Bestimmung? Verhängnis? Oder doch nur ein Teil jener zweiten Welt, die er noch nicht voll begriff und daher übertrieben deutete? Vielleicht nur Schein, Spiel, Neckerei? Was bezweckte sie aber? Was ging sein Schicksal sie so nahe an, daß sie sich träumend und dichtend mit seinem Schmerz befaßte? Ja, Schmerz! Jetzt war er wieder bei ihm! Francesca! Neue Gefahren türmen sich. Der innere Rebell bäumt sich empor.

Die Griechin hatte ihn beobachtet, während die Spiegelungen der Zweifelqualen über seine Züge flackerten.

»Versteht mich recht, Marco!« sagte sie beschwörend. »Fern sei von mir, daß ich Eure heilige Liebe berührte. Ich sehe aber das Ende, das Ihr vielleicht nicht seht. Aufs Meer gehört Ihr, in feme Länder, hinaus in das Ungeheure, Unerforschte. Euer Antlitz sagt es. Hier, in der Enge werdet Ihr ersticken!«

Da fuhr Marco empor:

»Und wenn Ihr tausendmal die Wahrheit sagtet, was um alle Himmel wollt Ihr damit? Helft mir, ich verstehe Euch nicht! Ich will Euch nicht verstehen!«

»Jetzt ist das Nichtbegreifen auf meiner Seite!« Ein kalter Ton kam in ihre Stimme. »Ich sagte es deutlich genug. Also noch einmal: Ihr werdet bald einer Freundin, einer selbstlosen Helferin bedürfen, Marco!«

In diesem Augenblicke trat, wie suchend, Gasparo Morosini ins Zimmer. Er faßte die beiden scharf ins Auge. Dann murmelte er eine Entschuldigung und kehrte sich unschlüssig ab.

»Verzeiht mir, schöne Griechin! Verzeiht, ich bin ein Tölpel!« Marco, der sich im wilden Zickzack seiner Gefühle nicht zurecht fand, wurde plötzlich von würgender Angst gepackt, eine unwiderbringliche Gelegenheit plump zerstört zu haben.

»Was soll ich verzeihen? Es ist möglich, daß meine Träume eben nichts als Träume waren und daß Ihr wirklich ein Tölpel seid!« Die Griechin biß sich bebend in die Lippe.

Morosini hatte sich wieder herumgedreht. Mit starrer Entschlossenheit kam er auf die beiden zu, ehe Marco noch antworten konnte und verbeugte sich, fast ohne Marco zu beachten:

»Monna Melissa! Erlaubt, daß ich Euch an das Versprechen mahne!«

Die Griechin warf einen kurzen, rätselhaften Seitenblick auf Marco, der teilnahmslos zu Boden blickte. Dann glättete sie ihr Antlitz zu einem geschmeidig höhnischen Lächeln und erwiderte:

»Gewiß, Morosini! Meine Versprechen sind mir stets heilig! Unser junger Gastgeber wird mir verzeihen!« Und sie stand schon auf und nahm den Arm Gasparos, ohne sich Mühe zu geben, Marcos Starrheit aufzurütteln.

Morosini, der die Peinlichkeit einer Auseinandersetzung vermeiden wollte, führte sie schnell hinaus.

 

Was nun? Was nun? Ja, was war eigentlich geschehen? Ein sehr unerquicklicher Abschluß des Festes. Doch hinwiederum: Muß alles gut enden? Ungewißheit als Göttin gewährt nicht eindeutig nur den guten Abschluß. Logisch und folgerichtig sein, mein Freund!

Marco sah, während sich die Gedanken mühsam ordneten, auf die zwei Glaspokale.

Zwei, ja, es waren zwei! Der ihre noch halb gefüllt. Ein Hauch dieses Mundes am Rande. Ein Hauch der Lippe, auf die sich die unbarmherzigen Zähne niedersenken. Symbolum! Dieser Biß ist nicht zufällig. Sie ist ein gleißnerisches Raubtier!

Wozu der Zorn, Marco? Ja, draußen spielt Musik. Vielleicht kost sie. Keuchend, Brust an Brust mit Morosini. Was geht's mich an? Bin ich toll? Ich sollte lieber an Francesca denken! Wie lieb sie sich über den Kamm freute, die Arme. So dankbar vertrauend ihr Blick und so besorgt. War er nicht zu teuer? Hast du kein allzugroßes Opfer gebracht? Nein, sei ruhig, Francesca! Das Opfer wirst du bringen, du allein!

O Maffio, du Kenner der Welt. Mein Glück bei Frauen ist wahrlich abstoßend! Pfui! Mir graut selbst davor. Wie sie mich lieben, die Mädchen. Besonders Melissa! Ja, die ist rasend vor Liebe. Ein Stückchen meiner wahren Seele hat sie gesehen und ist aus und davon! Sie kann eben wählen! Sie ist wie der Armenier. Wer weiß, was geschieht, wenn Francesca andre Männer kennen lernt?

Nein, was treibe ich, was denke ich. Ich bin ja schon besessen. Gleich muß ein Unglück hereinbrechen. Ich merke es erst jetzt, daß beide Frauen tief in mir vergraben sind. Ich kann nicht mehr an eine denken, ohne daß die andre emportaucht. O, vor einer Stunde konnte ich es noch.

Ist das stets so in der Welt? Oder habe ich vielleicht blind dahingelebt, Vorstufen nicht durchlitten? Ich werde mich jetzt zwingen. Wenn mir heute der Geist nicht hilft, bin ich ein Tölpel. Dann ist alles in Scherben geschlagen. Herbei, großer Philosoph! Aristoteles, du wirst mir deine Regeln leihen. Ich werde die Fälle ordnen, pro und kontra gegeneinanderhalten.

Jetzt kichern die Mädchen im Nebenzimmer. Ist es ihre Stimme? Was geht mich ihre Stimme an?

Richtig, Aristoteles! Ich werde den Wein austrinken, den sie stehen ließ. Es ist ohnehin das letzte, das ich von ihrer Körperlichkeit erhasche. Duftet der Kelchrand? Ihr Körper ist so warm, so schmiegsam. Welcher Körper? Meine ich Francesca? Ja und doch wieder nein! Aristoteles! Jetzt wird drinnen getollt. Vielleicht ist sie schon fortgegangen?!

Also, das Haus Polo hat heute gesiegt. Ich bin ein Verräter, wenn ich nicht juble. So, diesen, meinen Pokal trinke ich auf das Haus Polo! Aber gegen wen haben die Poli gesiegt? Ah, jetzt weiß ich es! Sie haben gegen einen Polo gesiegt. Wage, Gleichnis! Einer muß unglücklich sein, damit die andern steigen können. Mein Gott, wie unsinnig! Einer macht sich selbst unglücklich. Fort mit Aristoteles, fort mit Weisheit, weg mit der Welt Moris! Jauchzender Verrat! Ich ertrag es nicht mehr. Ich bin zu schwach. Jauchzender Verrat! Hinüber zu ihnen mit flatternden Standarten. Ja, das sind Taten, das ist Weisheit! Wimmelnde Völker zurückhalten, Weltteile bekehren, das Abendland retten. So nebenbei zwischen Edelsteingeschäften, Gelagen und Weibern! Wohlan, gerettete Abendländer, jetzt kriecht auf dem Boden, jetzt wirbelt Lachen auf, jetzt starrt in alte Folianten und begeistert euch an euch selbst! Kein Tatare wird euch stören. Und dann verhöhnt mir nur fleißig die Menschen, die euch retteten. Krämerseelen, öde Tatmenschen, Erfolgsanbeter!

Nein, ich halte es nicht mehr aus. Ich muß sie noch einmal sehen!

Und er sprang jäh auf und ging unsicher und scheu durch die Räume. Noch bunter das Bild, noch gelöster. Halb liegend auf Ruhebänken, zurückgelehnt in die Polster kosende Paare. Trinker, die wohlerzogen gröhlten und kicherten. Tanzende Tataren, lautlos die Glieder verrenkend und tolle Grimassen schneidend.

Er fand sie lange nicht. Angst schüttelte ihn. Irgendein junger Patrizier zog ihn halbtrunken ins Gespräch und flüsterte ihm Zoten zu. Er mußte mit ihm trinken. Nicolo kam vorüber, steif und unverändert, wies einige Diener an und lächelte ihm freundlich zu. Er machte mit eckiger Gebärde die Geste des Trinkens gegen seinen Sohn und nickte beschwichtigend.

Marco hatte das Gefühl für den Ablauf der Zeit verloren. Raste die Zeit oder stand sie still? Der junge Patrizier hatte auf ihn eingeredet. Plötzlich schien er das gewisse Glas, das die Grenze bildet, geleert zu haben. Er verstummte und wurde teilnahmslos.

Marco, den Angst, Ungeduld und eine durch den Anblick der liebenden Pärchen hervorgerufene wilde Eifersucht, eine ganz allgemeine Eifersucht auf den Erfolg, faßte, benützte den Augenblick, um zu entwischen.

 

Wieder wurde er aufgehalten, wieder durch kleine Ereignisse der Ausgelassenheit abgezogen. Endlich, in einem stilleren Zimmer, in dem nur wenige, weit voneinander entfernt, flüsterten, stand er plötzlich knapp vor ihr. Sie saß unter einem hohen Spiegel, Morosini lehnte lässig neben ihr und hatte den Arm unauffällig um ihre Schulter gelegt.

Marco sah sein eigenes Antlitz im Spiegel und erschrak. Es war verzerrt und haltlos. Nicht drohend, nicht furchterregend. Nur abstoßend und mitleidswert.

Aber auch Melissa hatte dieses Antlitz gesehen. Einen ganz kurzen Augenblick ruhten die großen sieggewohnten Augen forschend auf seiner Miene. Dann trat ein Zug völliger Fremdheit und Verächtlichkeit in ihr Gesicht, sie kehrte sich scharf zu Morosini, so daß sie Marco den Rücken drehte und sagte absichtlich überlaut einige belanglose Worte, die der Römerkopf gelassen erwiderte.

Marco wollte sie ansprechen, bitten, drohen, wollte auf Morosini losspringen, wollte, wollte – und war gelähmt. Schon wandte er sich wieder zum Gehen, als Morosini gönnerhaft lächelnd plötzlich sagte:

»Nun, Marco Polo, spät ist es geworden, Ihr werdet uns bald hinauswerfen? Nicht?«

Melissa änderte ihre Haltung nicht im mindesten.

»Meinethalben könnt ihr hier übernachten!« Marco wußte vor Wut nicht, was er sprach.

Da fuhr Melissa herum:

»Ich verbitte mir solch dumme Bemerkungen! Auf Wiedersehen, Masser Polo!«

Morosini grinste. Nicht einmal böse. »Seid doch nicht so streng, Herrin! Es war ja bloß ein ungeschickter Scherz! Nicht wahr, Marco Polo?«

Marco aber hörte die Worte nicht mehr. Oder vielmehr, er faßte ihren Sinn nicht auf. Blutrot im Antlitz, eilte er davon und konnte erst wieder denken, als er an dem Platze saß, den er vor langer Zeit, er wußte nicht wann, verlassen hatte.

Ja, auch das war also zu Ende! Nichts mehr gab es für ihn! Ihr Gesichtsausdruck hatte alles gesagt. Konnte ein Weib so hassen, so zürnen? Und er konnte so jämmerlich dastehen? Jetzt verstand er plötzlich die letzten Worte Morosinis. Und das hatte er eingesteckt? Mitleid des höhnenden Nebenbuhlers? Nebenbuhler? Er phantasierte ja von Rechten, die er aus einer nichtssagenden Freundlichkeit ableitete. Aus einer Geste, einer Laune, die sicher nicht Liebe bedeutete. Warum hatte Maffio ihn damals im nächtlichen Kanäle durch Scherzworte aufgestachelt? Hilf mir, Francesca! Wie elend ich schon bin! Jauchzend verraten, dann betteln. Wo ist die Ehre, die Selbstachtung? Glücklicher Polo! Abstoßender Erfolg bei Frauen!

Und er begann vor sich hinzulallen, zu wüten, zu höhnen. Die Zeit war verloren, die Umgebung tot. Plötzlich schreckte er auf. Es war still um ihn. Die Musik und das Brausen des Festes schwiegen.

Maffios Stimme zerriß die Ruhe:

»O, da bist du, mein Söhnchen! Recht hast du, man trinkt auch manchmal gern allein! Aber jetzt komm! Monna Melissa sucht dich schon die längste Zeit. Sie will nach Hause. Aber nicht früher, ehe sie dich gesehen hat. Ja, ja, Marco! Dir geht's besser als unsereinem, der zweihundert Zechinen verwürfelt hat und dazu noch höflich grinsen soll!«

»Melissa?« Endlich konnte Marco das Wort herauskeuchen. »Melissa?« wiederholte er, wobei ein sonderbar toller Strom durch Leib und Seele toste.

»Ah, du weißt nicht! Es ist die Griechin! Die Griechin heißt Melissa! Nun?« Und er nahm Marco unterm Arm.

In den Zimmern war kein Gast mehr zu sehen. Im Vorsaale huschten Diener um einige Scheidende.

Melissa stand lächelnd im großen Saal, in dem die Musikanten ihre Instrumente verpackten. Der erste Morgenschein drang durch die Fenster.

»Hier ist er! Ich fürchtete schon, ihn nicht mehr zu finden!« Und Maffio trat abseits.

Melissa aber, die sich sanft und zutraulich lächelnd an der Befangenheit Marcos werdete, faßte ihn bei der Hand.

»Nun, Marco? Sehr böse? Ich werde es gutmachen!« Und als Marco noch schwieg, zu Maffio: »Findet Ihr's für sehr sündhaft, Oheim, wenn ich Eurem kleinen Neffen auf gute Freundschaft einen Abschiedskuß gebe?«

»Melissa!?« Marco hauchte in sinnlosem Erschrecken nur den Namen.

Die Griechin aber, der Maffio, sich abkehrend, zugelacht hatte, faßte Marco mit einem Blick lodernder Liebe traumschnell um den Hals und preßte ihre Lippen auf seinen Mund.

Marco riß sie vergehend an sich. Dann straffte er sich zitternd zusammen und flüsterte: »Und Morosini?«

»Du bist ein dummes Kind, Marco! Was schert er dich?« Plötzlich ernst und in dem Tone, der zuerst Marco verzaubert hatte: »Du wirst mich bald brauchen, Marco! Was ich versprach, halte ich! Ich will dir die beste Freundin sein. Du kennst mein Haus. Es steht dir zu jeder Zeit offen. Zu jeder Zeit! Merk dir's! Leb wohl!«

Und sie schüttelte munter seine Hand, huschte noch zu Maffio und gab ihm einen neckenden Backenstreich.

»Enrico wird Euch nach Haus führen, holdestes Wunder des Abendlandes! Kommt!«

Und er nahm ihren Arm, legte ihn mit der heiteren Grandezza der Beleibten in den seinen und leitete sie hinaus.

Marco aber schlug die Hände vors Antlitz, um den Duft ihres Atems nicht zu verlieren.

 

Am frühen Nachmittag des folgenden Tages saß Marco in lässiger Haltung auf dem Granitrand der Zisterne und betrachtete sein Bild im dunklen Spiegel des Wassers.

Kein Schatten von Unlust oder Müdigkeit lag über seinem Gemüt. Im Gegenteil. Wie oft bei überkräftigen Menschen, hatte die durchwachte, ereignisschwere Nacht das Zuviel fortgewischt und er fühlte sich freier und gelöster.

Träge kamen und gingen Bilder und Gedanken. Die Zeit wollte nicht vorwärtsrücken. Stunden dehnten sich zu Ewigkeiten. Nie gehörte Melodien klangen in ihm auf und verwehten in verträumter Süße. Eine ganz kleine, halb unbewußte Lüsternheit bebte ab und zu durch die Glieder.

Ungewißheit! Noch stärker fühlte er heute ihren Rausch, ihre Lockung. Seine Gedanken malten sich ein Leben aus, das die Ereignisse nur anbrach, an Früchten und Genüssen nur nippte, vorbeiglitt, taumelte, siegte, vergaß. So wie die sonderbaren Melodien, die schon verwehten, ehe sie recht geboren waren.

Dazwischen Eitelkeit, der er nicht widerstehen konnte. Macht, Reichtum, Schönheit! Vorbedingungen für den Taumel und Sieg. Er begann sein Antlitz zu erforschen, versetzte sich plötzlich in die Seele eines Mädchens und liebte sich selbst vom andren Ufer. Narcissus! lächelte es irgendwo in ihm. Er aber konnte nicht zürnen, sich nicht losreißen, bis endlich eine Wallung des Wassers und aufsteigende Blasen seine Züge verzerrten und verwischten.

»Nachwehen des Festes? Kopfschmerz?« fragte tief und voll eine Stimme knapp neben ihm.

Verwirrt fuhr er auf. Sein Vater stand in schlichtem, dunklem Kleide unbewegt vor dem Zisternenrande und sah ihn stechend an. Doch merkte man seine Mühe, freundlich und zutrauenerweckend zu erscheinen.

»O nein!« erwiderte Marco ein wenig verlegen, da er nur langsam in die Wirklichkeit zurückfand. Dann schneller und betont sicher: »Ich wäre ein trauriger Polo, wenn ich von dieser herrlichen Nacht Kopfschmerzen davongetragen hätte!«

Nicolo schien die Antwort sehr zu befriedigen. Denn sofort zog sich ein gutmütiges, eckiges Lächeln über das Antlitz und der Ziegenbart schob sich bebend vor.

»Nun, so etwas hört sich gut an! Der Zusammenhalt mit der Familie hat also auch angenehme Folgen. Ich freue mich über deine Einsicht!« Dann gedämpfter, als ob er sich schon etwas vergeben hätte: »Wir wollen jetzt geschäftliche Dinge besprechen. Komm mit mir, Marco!« Und er kehrte sich ab und ging voran, ohne auch nur an ein Zögern seines Sohnes zu denken. Marco glitt rasch vom Zisternenrand herab. Geschäftliche Dinge? Nun, das konnte mancherlei bedeuten. Hoffentlich nichts Folgenschweres. Bah! Wozu Zweifel? Neue Ungewißheit, Taumel! Schluß! Man wird sehen!

Nicolo war inzwischen in die Toreinfahrt getreten und wandte sich nach rechts in den Gang, der zu ebener Erde dem Gebäude entlang lief. Marco konnte sich nur mit Mühe an seiner Seite halten, so mächtig schritt der Vater aus.

Es war kühl und dunkel im gewölbten Gange.

Nicolo sperrte umständlich eine schwere Eichentür auf. Sie standen in einem großen Gelaß. Auch hier Dämmerschein und modrige Kühle. Hoch oben, ihnen gegenüber, ein Gitterfenster, wie ausgeschnitten aus der dunklen Wand in fahlblauem rauchigen Tagesglanz. Kreuzgewölbe, zum Mittelpunkt der Decke strebend. Ein langer Holztisch aus rohen Brettern. Und an den Wänden Kisten und Ballen.

Der Vater ging um das Ende des Tisches herum und rückte einen einfachen Stuhl zu einer Stelle, wo Papiere lagen.

Marco war stehengeblieben und sah neugierig auf die Warenmengen. Was wohl Kisten und Ballen enthielten? Sie schienen neu verpackt, also nicht mitgebrachte Ware.

»Such dir einen Stuhl, Marco! Ich lege keinen Wert darauf, daß du stehst!« Nicolo war bis zur Ecke gegangen und sagte es, ohne sich umzudrehen. Während Marco dem Befehle gehorchte, bückte er sich und mühte sich ab, eine eiserne Truhe zu öffnen. Der Schlüssel knirschte grell. Weitersprechend: »Madonna, der Schlüssel sollte gefettet werden!« Plötzlich ein lautes, schlagendes Schnappen. »So, jetzt ist das Zeug endlich offen!« Und er kam, einen schweren Beutel in der Hand, zurück und setzte sich dem Sohne gegenüber.

Marco ahnte plötzlich den Zusammenhang. O, das hätte er fast vergessen. Er gelangte aber nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu bringen, denn Nicolo sprach schon wieder:

»Es ist die Einlösung eines Versprechens, besser noch, die Ausführung meiner Absicht!« Er stellte den Beutel auf den Tisch, daß es hell klimperte. »Handelskapital, Leihgeld! Du verstehst, Marco. Ich erledige die Sache erst heute, weil ich dir nicht zumuten konnte, als Sohn eines angeklagten Hochverräters Geschäfte einzuleiten. Nun stehen aber alle Türen offen. Natürlich nur dem Fähigen. Wir werden ja sehen!« Nach einer kleinen Pause, da Marco nichts erwiderte: »Wie schon gesagt, schadet auch ein Mißgriff nichts. Selbstverständlich keine Tollheiten und Jungenstreiche. Aber ansonst: Das Wesen des wahren Geschäftes ist seine Unsicherheit. Ganz sichere Geschäfte sind nicht lehrreich. Im übrigen bist du mein Schuldner. Mit Brief und Siegel. Rücksicht wird keine geübt. Ich werde dich in diesem Punkte als Fremden, mehr noch, als Feind behandeln. Du wirst auch Zinsen zahlen. Ich stelle dir frei, zurückzutreten. Willst du?« Er sah ihm mit unerbittlicher Miene ins Gesicht.

Marco fühlte, daß es da keine Gnade gab. Nun, schlimmstenfalls machte er keine Geschäfte und ließ das Geld irgendwo liegen. Zurückweisen durfte er das Anbot auf keinen Fall. Aber die Zinsen? Er konnte es dem Geldwechsler leihen. Der würde, so hatte er wenigstens einmal gehört, sechs Prozent pro Anno zahlen.

»Wieviel Zinsen muß ich gewährleisten?« fragte er in einer ihm sonst fernliegenden geschäftlichen Vorsicht.

Nicolo, der anscheinend erriet, was in Marco vorging, erwiderte mit einem durchdringenden Augenblitz:

»Drei pro Monat! Eine sehr milde Bedingung für die gegenwärtigen Geldverhältnisse in Venedig!«

Also Schluß mit dem Plan, das Geld dem Wechsler zu geben! Marco mußte plötzlich lächeln. Ho, ein neues Abenteuer. Warum sollte es nicht gelingen? Der Armenier verdient sicher mehr als drei pro Monat. Und schließlich hatte ihm der Vater den Freibrief für Bankrott gegeben. Also blieb nur der Zwang, gewagte Geschäfte zu machen. Mit Enrico und dessen Freunden würde sich schon etwas finden. Es war ein Spaß. Der Gelehrte und Falkenjäger als Kaufmann.

»Ich danke dir für deinen Antrag, Vater!« Er machte absichtlich ein bekümmertes Gesicht, da es ihn plötzlich lockte, den Partner irrezuführen. Nicolo hatte sich auch tatsächlich täuschen lassen. Mit bebender Hand griff er nach dem Beutel. Er lauerte nur mehr auf das »aber«, um mit ganzem Zorne loszubrechen. Da sagte Marco lächelnd:

»Ich danke dir! Ich nehme natürlich deine Bedingungen an. Es wird mir ein besonderer Ehrgeiz sein, die Schuld möglichst bald zu tilgen. Verlangst du Anteil am Gewinn?«

Nicolo starrte ihn sprachlos an. Plötzlich lachte er kurz und gellend auf:

»Ich habe dich vielleicht doch unterschätzt, Marco! Jedenfalls hast du eine Vorbedingung zum Erfolg: Du bist bodenlos frech und selbstbewußt!« Dann kopfschüttelnd: »Der Gewinn gehört dir! Nein so etwas, mir einen Anteil anzutragen, wo ich schon Wucherzinsen nenne!? Also gut! Hier ist die Quittung. Es sind zweihundert Zechinen!« Und er schob den Beutel zu Marco hinüber, der ihn, ohne die Miene zu ändern, in Empfang nahm. Schon wollte er unterschreiben. Da zuckte ein Gedanke durch seinen Kopf und er schüttete das Gold auf den Tisch. Und zählte. Richtig fehlten fünf Zechinen.

»Die Summe ist nicht voll!« sagte er lächelnd. »Du darfst mir nicht zürnen, Vater, wenn ich dich bitte, den Irrtum auszugleichen oder die Quittung zu ändern!«

Nicolo hatte ihn die ganze Zeit scharf beobachtet. Eine Schlußfolgerung schien er nicht zu beabsichtigen. Wortlos schob er fünf Zechinen über den Tisch und erwiderte:

»O, ich hatte vergessen, daß eben dieser Beutel schon geöffnet worden war. Va bene! Die Quittung ist richtig unterfertigt!« Er steckte sie zu sich. Dann düster: »Was sagst du zu den Waren, Marco?« Und er zeigte auf die Kisten und Ballen, wobei sein Gesichtsausdruck jedoch deutlich verriet, daß Schwerwiegendes bevorstand.

Wenigstens Marco hatte diesen Eindruck. Und er täuschte sich auch nicht. Denn Nicolo sagte hart:

»Wozu Umschweife? Es ist die Rückfracht! Venezianisches Glas, Waffen, Rüstungen. Ich wollte doppelt umsetzen. Es werden einige tausend Goldstücke dabei herausfallen!«

»Rückfracht?« Marco verspürte ein Würgen im Halse. Heute schon? Maffio hatte doch gesagt, daß die Abreise nicht so bald erfolgen würde.

»Für alle Fälle!« Nicolo kehrte sich ab. Dann schnell: »Ich glaube ja nicht, daß wir morgen fahren. Auch nicht übermorgen. Übrigens, was schreckt dich das?«

Marco wußte nicht, was er antworten sollte. Ah, die Lähmung! Eben hatte er noch innerlich triumphiert, als er sich beim Geschäfte nicht vollends als Tölpel erwies und nun diese Erkenntnis! Wahrscheinlich hatte der Vater schon an den Hauptschlag gedacht und nur getändelt, während er die Plänkelei für das Treffen gehalten und alle Kraft ausgegeben hatte. Wo war jetzt seine Schlauheit? Er fand sie nicht.

Nicolo aber steuerte jetzt ohne Rücksicht aufs Ziel:

»Nun? Du antwortest nicht? Gut! Dann werde ich für dich sprechen. Denn ich weiß alles!« Ohne Marcos Aufzucken zu beachten: »Es fällt weder Maffio noch mir ein, das edle Mädchen irgendwie herabzusetzen!« Marco sprang mit geballten Fäusten empor: »Bleib ruhig sitzen! So benimmt man sich nicht, am wenigsten dem Vater gegenüber! Verstehst du?« Zunehmendes Drohen in der Stimme. Marco zitterte an allen Gliedern. Er fühlte, wie Blässe und Schweiß auf sein Gesicht traten. »Hörst du, du sollst dich setzen!«

»Ich kann auch stehend auffassen, was du mir zu sagen hast!« Keuchend hatte er die Worte ohne Überlegung herausgezischt.

Ein furchtbarer Faustschlag Nicolos erschütterte die Tischplatte:

»Schweig, frecher Lümmel!« brüllte er. »Ich habe dich nicht gefragt. Wenn du diesen Ton willst, gut!« Etwas beherrschter, dafür schneidend kalt: »Ich verbiete dir also, noch jemals mit Francesca Mori zusammenzutreffen. Ich hoffe, du zweifelst mein Vaterrecht nicht an. Grund: Du wirst sie nie heiraten, da wir bald abreisen und unsre Rückkehr in Nebelferne liegt. Sie ist aber zu gut dazu, von dir ins Unglück gestürzt zu werden. So, jetzt geh, ich will keine Antwort, kein Argumentum, keine Bitte! Geh! Ich weiß, was ich sagte und weiß, warum ich es sagte! Geh!« Und er winkte mit dem Kopfe. »Da, die Zechinen!« rief er noch und drückte sie dem Sohne in die Hand.

Marco aber hatte nur den Wunsch, dem Banne dieser hemmungslosen Brutalität zu entkommen. Er faßte es nicht, wie man einen Wehrlosen mit solchen Mitteln bekämpfen konnte. Denn, daß er wehrlos war, doppelt wehrlos als Sohn und als Nutznießer des Reichtums, das saß fest in seinen Gedanken. Allerdings hatte trotzdem nur die Lähmung einen letzten Empörungsversuch verhindert.

So ergriff er mechanisch den Geldbeutel und stürzte flatternden Herzens zur Türe hinaus.

 

Er war äußerst verwundert, als er in der Gondel saß und sein Inneres prüfte. Was war das? Keine Spur mehr von wilder Auflehnung, kein eigentlicher Haß, keine Beschämung. Beide Frauen gleich nah und lockend. Er begehrte in diesem Augenblicke keine.

»Enrico, leg bei einem Händler an, ich muß mehrere Geldbeutel kaufen. Der große Sack ist mir zu gefährlich!«

Enrico lenkte die Gondel sogleich in einen Seitenkanal. Es ist ja schließlich nichts Neues geschehen, setzte Marco seine Gedanken fort. Nur deutlicher, erbarmungsloser. Arme Francesca! Er ertappte sich bei der Überlegung, ob es für ihn nicht am leichtesten wäre, dem Vater blind zu gehorchen und sie niemals wiederzusehen. Nein, das ist Feigheit. Zwang. Was man nicht Aug in Aug austragen kann, ist Schurkerei.

»Enrico, halte hier bei der Kirche!«

Plötzlich hatte ihn der Anblick des Gotteshauses in eine sonderbare Richtung abgelenkt. Er würde in der Kirche endgültige Aufschlüsse erhalten, Gott würde zu ihm sprechen.

Er stieg die Stufen empor. Das Portal weit offen. Große Stille. Er kniete nieder und schlug das Kreuz. Dann ging er auf den Fußspitzen vor. Aus dem Dunkel, das nur wenige Opferkerzen im Seitenschiff erhellten, traten langsam Umrisse. Stumme Beter. Bedrängte und Verlassene. Oder Stumpfe.

Kniend bohrte er die Augen in das Zwielicht gegen den Altar. Gott, wo bist du? Ich sehe dich nicht!

Aus einer Seitentüre kamen einige scharlachgekleidete Ministranten. Schweigendes Vorbeiziehen vor dem Hochaltar. Kniebeugen. Dann weiter. Ein Glöcklein schrillte ungewollt und verhallte wie beschämt. Die Ministranten verschwanden in die Sakristei. Hochzeit? Begräbnis? Ein Ereignis bereitete sich anscheinend vor.

Gott, wo bist du? Wie eine dunkle Wand lag es vor dem inneren Blicke Marcos. Sein Wille war müde, sein Glaube schwankend. Ah, jetzt weiß ich. Gott hat sich abgekehrt. Nicht zürnend, nicht verdammend. Er kehrt sich ab, wenn er will, daß die Menschen sich selbst entscheiden. Geprüft wird nur der Gerechte. Suche den Ausgang aus dem Labyrinth, dann werde ich dir künden, ob ich mit dir zufrieden bin, ob du eine höhere Stufe erklommst. Ich, der Herr, der jetzt für dich über den Wolken thront.

Auch das ist Erkenntnis, Marco Polo. Gott hat dir geantwortet, indem er schwieg.

Plötzlich fiel ihm der Schneider ein, als sein Auge einen Beter traf. Zweite Erleuchtung?

Ja, es gibt viele Wege, Herr der Heerscharen! Ich werde mich durch Reichtum vom Reichtum befreien. Wer will mich zwingen, wenn ich Geld besitze? Nein, keine Empörung! Vater, du hast die Christenheit gerettet. Was bin ich vor Gott gegen dich?

Ich habe mich vermessen, habe die Göttin Ungewißheit angerufen. Sie soll täglich um dich sein, Ketzer, der du dir ein güldenes Phantom aufrichtetest. Hinaus mit dir aus dem Hause des Herrn!

Nein, nein, Gott liebt mich! Der Anti-Hiob bin ich, bin der wiedergeborene König Midas. Gott wird mir Glück über Glück senden, auf daß ich geläutert werde. Gott, ich liebe dich, ich preise dich! Was wäre eine Welt ohne Väter!

Und er erhob sich und verließ schnell das Gotteshaus.

»So, jetzt die Geldbeutel, dann zum Schneider Sebastiano!«

Es war wohl drei Stunden nach Sonnenuntergang, als Marco und Enrico die Heimfahrt antreten konnten. Ein buntes Durcheinander von Erinnerungsbildern, stets vermengt mit den Ereignissen der Nacht, war in seinem Kopfe. Vieles war über Erwarten geglückt, manches eingeleitet. Schon rollte ein Teil der Zechinen, bestimmt zu wachsen und sich zu mehren. Sebastiane hatte nicht geflunkert. Er wußte um manche Geheimnisse. Und Enrico hatte alles ergänzt und ausgespürt. Spelunken, versteckte Läden, der Barkenhafen, gröhlende Matrosen, derbe Späße, eine kleine Balgerei. Morgen würde die Sache in ein entscheidendes Fahrwasser kommen. Ungewißheiten auf allen Linien.

Eine kühle Abendbrise strich über die Kanäle. Oben leuchteten Fenster in Häusern und Palästen. Irgendwo Musik.

»Zu jeder Zeit! Es steht dir zu jeder Zeit offen!« sagte plötzlich eine verzaubernde Stimme durch das Dunkel. Er fuhr auf. Hatte er geträumt? Ja und nein! Sicherlich hatte er nicht geschlafen.

Was willst du tun, Marco? Francesca stand vor ihm, liebreich und traurig. Gekreuzigte Liebe. Nein, Francesca, ich suche ja nur die Freundin, die selbstlose, verschwiegene Freundin. Mit wem soll ich alles besprechen? Es wird so bunt sein bei ihr. Vielleicht singt sie leise wie damals.

Warum pochen dann die Pulse so wütend, wenn es sich dir bloß um Geplauder handelt? Ich ahne, daß du mehr erwartest, als du dir eingestehen darfst.

Tollheit! Ich bin übernächtig. Ich werde gehen. Sie wird ohnedies schlafen und mich abweisen. Ein Umweg mit der Gondel ist angenehm. Und dann – du hast gelernt, Marco! – dann ist es nicht schlecht, wenn der Vater unsicher wird. Ja, was wird das wilde Söhnchen eigentlich unternehmen? Warum ist es noch nicht zu Hause? Wohin ist es gefahren? Ich bin ein Menschenkenner, aber alles weiß ich auch nicht, was in diesem gärenden Hirn vorgeht. So wird der Vater grübeln. Zürne nicht, Vater! Ihr selbst lehrtet mich das Spiel. Darf ein Sohn nicht mit dem Vater zur Übung die Klinge kreuzen? Taten entscheiden! Enderfolg ist maßgebend. Das ist eure Religion. Und stets folgen die Kinder im Bekenntnis den Eltern. Da nun meine Tat nichts ist als Spiel, kam auch der Erfolg ...

»He, Freund, zum maurischen Palazzo!« Marco warf sich in die Kissen des Sitzes. Kein weiteres Wort wäre hörbar geworden. Seine Stimme hatte versagt.

Es gelang ihm, an Nebensächliches zu denken. Eine Lüge nach der andern türmte sich auf mahnende Stimmen. Wieder waren die Melodien des Nachmittags bei ihm und die Stimmung der Zisterne.

Das Anknirschen der Gondel erweckte ihn. Eiskalte Ernüchterung wollte ihn zurückjagen.

»Steigt aus, Masser Marco, wacht auf!« Enrico wollte ihn sachte bei der Hand fassen.

Da war jedes Zögern unmöglich.

»In der Tat, fast wäre ich eingeschlafen! Warum ruderst du auch so träg wie ein altes Weib?« Er lachte kurz und sprang ans Land.

Schon war er bei der Türe und pochte heftig. Das Pförtnerfenster öffnete sich.

»Gemach, gemach!« brummte es heraus.

»Ich bin Marco Polo! Kann ich die Herrin sprechen?« Marco flüsterte stockend.

»Willkommen! Sie schläft zwar, hat aber befohlen, Euch einzulassen, Masser. O, ich erkenne Euch vom letzten Male. Alles ist in Ordnung, tretet ein!«

Marco mußte an sich halten, um nicht laut aufzujubeln. Ja, sie hielt Wort. Wer konnte es bezweifeln? Sie schläft. Trotzdem darf ich in den Palazzo. Monna Melissa, Monna Melissa! Er berauschte sich am Klange des Namens und schloß dabei wild die Fäuste, daß die Nägel sich ins Fleisch gruben. Sinnbild. Ihre Zähne sind es, ihre schimmernden Zähne. Und Schauer durchrieselten ihn. »Da, auf gute Freundschaft!« Er warf dem Türhüter achtlos eine Zechine hin.

»Madonna! Gott segne Euch, Masser, Gott segne Euch und alle Kinder und Kindeskinder! Habt einen Augenblick Geduld!« Er sprudelte es heraus und wies auf einen hochlehnigen Stuhl, der einsam in der Einfahrt an der einen Wand aufgestellt war. Zu Enrico: »Wir werden die Gondel in ein Wasserportal stecken und versperren. Ihr kommt dann zu mir. Ein Gläschen Wein. Ist's Euch recht?« Zu Marco: »Natürlich, wenn's der edle Masser erlaubt!«

Marco saß schon mit lässig gekreuzten Beinen im Thronsessel. Er nickte und machte ein Zeichen, das den Türhüter zu größter Eile antrieb.

Nur meine Person, nichts als mein Selbst hat mir den Eingang zu diesem süßen Reich geöffnet. Ich bin ein Günstling. Sie ist die Königin. O, es ist so schön, so herrlich. Und dabei weiß ich noch nichts. Wie schön wird es erst sein, wenn ihre Stimme tönt, flüstert, droht. Ja, Gefahr ist um dich, Melissa, lockende, prickelnde Gefahr. Ich weiß kaum mehr, wie du aussiehst. Zug um Zug, Miene um Miene muß ich dich neu entdecken. O, wenn sie nur nicht erwachend sich anders besinnt und mich fortweist. Wer kann für ihre Laune gutstehen? Wie selbstsüchtig von mir. Geben soll sie, nichts als geben. Sie ist müde, in holden Träumen. Und ich jage sie auf, aus der Wärme des Lagers, aus schwülem Versinken ...

»Enrico!« Wie in Angst hatte es Marco hervorgestoßen.

»Was befehlt Ihr, Masser?« Enrico trat nahe zu Marco hin und sah ihn erstaunt an. Denn eine sonderbare fleckige Röte lag über seinem Antlitze.

»Ich? Nichts will ich! Habe ich gerufen?« Marco erwachte wie aus einer Starre, in die ihn seine letzten Gedanken geschleudert hatten.

Da schreckte er wild zusammen. Der Türhüter kam die breite Treppe herunter.

Nein, er soll nichts sagen! Er soll schweigen. Ich sehe es an seinem Gesicht, daß ich fortgeschickt werde. Austreibung aus dem Paradiese! Flammenschwert! Der Pförtner hatte die Fackel hochgehoben.

»Monna Melissa bittet den edlen Masser Marco Polo, in ihre Gemächer einzutreten. Sie wird in kurzer Frist erscheinen! Erlaubt, daß ich Euch führe!« Zu Enrico: »Ich komme gleich wieder herunter, wenn mich Masser Polo entläßt.«

Ja, ja, ja! Sie ist gnädig! Sie öffnet mir das Paradies! Marco wußte nicht, was er tun sollte. Die Freude zersprengte fast sein Herz. Er faßte sich aber. Nein, jetzt keine Albernheit! Melissa will einen Mann als Freund und kein tolles Kind. Und er straffte sich zu voller Ruhe zusammen und folgte zurückgebeugten Hauptes dem Führer.

 

Er war noch in tiefer Schau versunken. Ein sehr großer Raum. Wieviel Teppiche mochten es sein, die den Boden deckten, bis zu Manneshöhe die Wände sockelten und Truhen, Ruhelager, Sessel verbargen? Dazwischen die geschnitzten Taburetts und Tischchen. Kupfergeschirr fremdartiger Formen, getrieben und gebaucht. Dort, rechts und links des dunklen Schrankes, dessen Holz seltsam gefladert gleißte, die zwei hohen Lampen.

Eben glitt sein Auge über die bunte Ornamentik der Decke, hinüber zu den Hufeisenbogen der Fenster. Tiefe Nischen! Gehörten sie noch dem Räume an oder war es vielmehr eine Art von Galerie? Wie verschieden ist jeder Fußbreit hier von der düsteren Wucht des schwarzen Palazzos.

»Ich habe wirklich geschlafen, Marco, es war keine Ausrede!« hörte er plötzlich weich und durchlächelt neben sich sagen.

»Monna Melissa! Verzeiht!« Er starrte sie einen Herzschlag lang verwirrt und forschend an. Sie trug es gelassen und nickte leicht.

Wie anders sie aussah als gestern! Größer, weicher umrissen, lebendiger. Ah, der Turban fehlt. Voll umrieseln die roten Locken das süße Haupt. Meergrüne, leichtfließende Seide, gehalten durch ein Arabeskenband.

Marco stürzte vor ihr aufs Knie und bedeckte ihre Hand mit Küssen. Herb und schwül zugleich war der Duft, der um sie lag, von außen auf sie überzuströmen schien.

Sie tätschelte seine Wange, lässig, wie man ein Kind begrüßt.

»Es ist lieb von dir, Marco, daß du mir Glauben schenktest. Man soll mir vertrauen! Nichts macht mich stolzer, als wenn ich alle Versprechungen halte. Auch wenn sich der erlauchte Erzbischof manchmal über die Form meiner Worttreue ärgert.« Sie lachte belustigt, als ob ihr die Miene der Eminenz viel Spaß bereitete. Dann heischend: »Jetzt aber steh auf, Marco! Ein Mann soll nicht vor einem albernen Mädchen knien!«

Ja, das war wieder der Ton, der himmlische, grenzensprengende Ton, der bis ins Innerste drang und das Gefühl einer aus Ewigkeiten kommenden Verwandtheit erzeugte. Marco schnellte sicher und leicht auf die Füße.

»Sprich noch nichts, Marco! Ich schlief seit der Vesper! Wir haben Zeit, sehr viel Zeit. Jetzt werden wir uns ein Plätzchen suchen. Es ist doch schön, wenn ein ganzer Palazzo zur Auswahl bereitsteht, nicht?« Und sie zog ihn schon an der Hand zur Nische.

»Das ist noch nichts!« plauderte sie mit putzigem Ernst weiter. »Es wird erst schön, wenn das grelle Licht der Lampen ...« Sie wies auf die zwei von Teppichen und Pfühlen bedeckten Ruhelager, die, nahe nebeneinander, bis zum vergoldeten Gitter reichten, das den unteren Teil des Fensters schloß. »Du wirst ja sehen!« beendete sie den abgebrochenen Satz. »Und nun mach dir's bequem. Doch blick erst hinaus, bis ich es dir erlaube!«

Marco, der sich ganz ihrer Stimme hingab und die Worte kaum verstand, ließ sich in die zaubrische Weiche der Seiden, Daunen und Teppiche nieder. Sein Auge aber haftete an einer Kristallvase, die irgendwo im Zimmer glitzerte.

Plötzlich fühlte er, daß Melissa nicht mehr in seiner Nähe war. Er blickte auf. Da packte es ihn mit würgender Gewalt.

Nein, eine Täuschung! Melissa kam, die Lampen im Rücken, auf ihn zu. In den Händen eine Kupfertasse mit Früchten und Zuckerwerk. Doch was war das? Wie ein Schattenspiel zeichneten sich, an den Konturen verrauchend, zwei edle Beine ab. Nein, keine Täuschung! Jetzt kam sie näher. Sollte er fortsehen? Er konnte nicht! Diebstahl, Sünde! Sie wußte es vielleicht nicht, daß der dünne Stoff den Blick in die Geheimnisse ihres Leibes einzudringen gestattete. O, jetzt ganz deutlich. Die Knöchel, der holde Schwung der Waden, die langen Knie. Und wie sich unmerklich die Schenkel verbreiterten, bis sie sich ahnungschwer schlossen; und sich außen die zarte Linie der Hüften zu runden begann.

»Noch nicht zum Fenster hinaussehen, sonst wirst du zu einer Salzsäule!« rief sie ihm neckend entgegen, beugte sich knapp vor ihm nieder, daß noch der Umriß des vollen, aufstrebenden Busens vortrat, und setzte die Tasse zwischen die Ruhelager. »Ach, du wirst etwas trinken wollen? Ich träume ja noch! Bin ich ungeschickt!« Und sie lief zurück.

Marco fühlte, daß er nicht länger schweigen und starren konnte, wenn ihm auch ein wildes Brausen des Blutes fast die Kehle versperrte. Es fiel ihm nichts ein. Er begann zu fürchten, daß er durch eine kleine Dummheit den Traum zerstören könnte. Da half ihm Melissa unbewußt aus seiner Bedrängnis.

»Wähle, Marco!« rief sie herüber. Sie stand jetzt so, daß das Licht sie von der Seite traf und der Zauber ihres Leibes wieder unter der Hülle der meergrünen Seiden verschwunden war. »Welchen Wein soll ich bringen?«

»Mir wird jeder Wein lieb sein, der aus deiner Hand kommt!« erwiderte Marco erlöst. Plötzlich von Erinnerung durchzuckt: »Gestern habe ich das Glas geleert, das du stehen ließest, als . ..« Er stockte, über sich selbst erschrocken.

»Ah, als ich so garstig gegen dich war! Sag's nur, mein Freund! Zehnmal habe ich es verdient. Nein, so etwas soll nicht mehr vorkommen. Straf mich einfach! Laß mich heute dein stehengebliebenes Glas trinken!« Und sie suchte lächelnd nach einer Karaffe und nach Pokalen.

»Vorläufig habe ich noch keinen Anlaß zu solcher Vergeltung!« Marco war plötzlich sicher geworden. Melissa, die jede feinste Schattierung seiner Stimme merkte, lachte sogleich auf:

»Recht so, Marco! Ich werde mir die gefährliche Drohung des Wörtchens ,vorläufig' und ,noch' wohl einprägen. Sei nur streng mit deiner Freundin. Sie ist ein verzogenes, launenhaftes Ding!«

Marco antwortete nicht, da er das Wunder ihrer Glieder fiebernd zu erhaschen suchte. Sie kam eben herüber. Doch es war vergeblich. Bevor sie noch die Lampen erreicht hatte, nahm sie ein zierliches Stäbchen und verlöschte sie.

Ermattende Enttäuschung kroch ihn an. Reue fast, daß er vorhin nicht noch wilder, noch gieriger geschaut hatte. Jetzt war es vorbei. Wunder sind zuerst unverständlich, so schnell treten sie an uns heran, dann, wenn wir sie endlich erfaßt haben, sind sie unwiederholbar dahin.

Sonderbar! Plötzlich merkte er, daß trotz Verlöschens der Lampen die Helligkeit nicht so sehr abgenommen hatte. Blaues Licht lag auf Melissa, die die Karaffe eben zu den Früchten setzte und ihren Leib aufs zweite Ruhelager schmiegte.

»Jetzt blick um dich, Marco! Der Zauber des Kanales!«

Er gehorchte und erschauerte unter der Schönheit der Umgebung. Die Nische war ein Erker, schwach vorspringend. Mondschein in breiten Bändern, die Hufeisenbogen durchflutend. Lichter und Gondeln. Schwarze und silbrige Wasser. Gegenüber die erhabene Wucht finsterer Gebäude. Man sah, den Kanal entlang, weit hinaus. Hinweg über mondlichtgezackte Dächer, Kuppeln, Türme und Gärten.

»Und jetzt sollst du schweigend der Melodie des maurischen Palazzos lauschen!«

Eine Laute lag plötzlich in ihren Händen. Schon tönte die rieselnde Folge eines leisen Akkords. Und dann wieder, wie damals in jener Nacht, – nur unkörperlicher, näher, fast hauchend – der göttliche Canto. Schwermütig, fremdartig; unvermittelt schneller, übermütig, tanzend, zurücksinkend, verwehend. Waren das nicht die Melodien des Nachmittags? Die ungreifbaren Holdseligkeiten an der Zisterne?

Eine scharfe, fast dissonierende Schlußbegleitung. Unbefriedigend, Sehnsucht zurücklassend.

»Wir werden jetzt sprechen, Marco! Ich kann auch später noch singen, wenn du willst. Du solltest nur alles zugleich erleben. Jedes Erste ist unwiederbringlich!« Marco wollte eben zur Rede ansetzen. Melissa aber warf noch hin: »Du bist nicht ohne Ursache gekommen, Marco! Verschweig nichts! Vielleicht kann ich helfen!«

Ein leises Beben begann seinen Körper zu schütteln. Was sollte er ihr sagen? Diese Stimmung durch Erweckung häßlicher Bilder zerschlagen? Doch, es mußte sein! Sie soll alles wissen. Es wäre Kränkung, wenn ich schwiege. Fiebere ich? Was bedeutet dieses Frösteln? Ah, ich weiß! Das Bild, als sie herschritt. Nein, es war ja nur Einbildung. Das Kleid ist dicht. O, da lehnt sie neben mir. Ich brauche nur die Hand zu strecken und ich weiß, ob das Gewebe durchscheinend sein kann. Entsetzlich! Wo treibe ich hin?

Blitzartig schnell diese Gedanken. Wirr, durcheinander, unterbrochen von rieselnden, markausdörrenden Schauern.

»Schreckliches hat sich zugetragen, Monna Melissa!« Seine Stimme zitterte von vielfachem Weh. »Schreckliche Dinge, unentwirrbarer Widerstreit!« Und schneller und schneller hastete er, ohne Mühe, etwas zu ordnen, alles heraus, was Francesca, den Vater, die Zukunft betraf.

Melissa bot ihm Wein. Ihre Augen brannten in verstehendem Mitleid auf seinem Antlitz. Wie frierend zog sie die Füße hoch, daß sie auf den Polstern kauerte. Ihre vom Mondlicht schimmernden Zähne gruben sich schmerzlich in die Weiche der Unterlippe.

»Sie wissen nicht, was sie tun!« hauchte sie einmal dazwischen. »Armer Marco, armer, armer Freund! Ein Golgatha der Liebe! Und die süße Francesca, das reine Schwesterlein!« Plötzlich lauter: »Ja, meine Schwester ist sie! Schwester im Geiste. Was wissen alle Männer von Liebe? Worte sind das, nichts als leere Redensarten. Geh zu ihr, Marco und trotze dem Vater!« In ihrem Blicke schillerte sonderbare, dürstende Erregung.

Marco aber schlug die Hände vors Antlitz. Plötzlich sah er Francesca vor sich. Ahnungslos schlummert sie, den goldenen Kamm ans Herz gepreßt. Sie hat die Wege des Gartens für mich mit weißem Kies bestreut und mein Fuß wird ihr Herz zerstampfen, statt mit ihr auf diesen Wegen zu wandeln. Mori, reinster Vater! Jauchzender Verrat!? Wer hat das gedacht, sich daran berauscht? Bist du noch Francesca, Weib, das ich sehe? Fließest du nicht in eins zusammen mit einer anderen? Schwesterlein? Welten seid ihr, ferne, getrennte Welten. Erst mein schändliches Herz machte euch in Frevelgedanken zu Schwestern.

»Ich kann nicht! Ich bin am Ende!« klagte Marco hinaus, ohne zu wissen, ob seine Worte laut geworden waren. Dann heiser: »Ich hange im Raume, nicht auf Erden, nicht auf den Gestirnen. O, wo finde ich Festland? Uferlos! Höllentief! Vater oder Geliebte. Es gibt keine Entscheidung. Gott selbst hat sich schweigend abgekehrt!« Und wie ein zermalmender Strom, schoß, alles verwirrend, alles trübend, plötzlich leuchtend und unwiderstehlich, ein Bild in das Chaos seiner Gefühle: Zart und göttlich, verrauchend an den Grenzen, die Wunder ihrer Gestalt. Ihrer, ihrer Gestalt! »Melissa, ich versinke! Nur du kannst noch retten!« Ein Fieber hatte ihn gepackt. Wild begannen die Zähne gegeneinander zu schlagen, siedende Wellen löschten sein Augenlicht. Dumpf brausten ferne Katarakte in den Ohren.

Da, ein leiser Schrei. Ein Schrei aus den Abgründen weiblichster Liebe.

»Marco! Mein Gott! Marco?! Es zerbricht dich! Nein, nein! Hörst du? Du sollst leben, Marco, sollst selig sein!«

Schon umflutete ihn ein Strom von Wärme.

»Marco! Geliebter!« hauchte es flüsternd, weich und wild an seinem Ohr. Ihre Zähne gruben sich in seine Lippen. Ein bäumender, zuckender Leib brannte, kaum gehemmt durch dünnste Seiden.

Und er verging in der Glut der Umarmungen, während laut und schwer dunkle Glocken dröhnend durch sein Inneres läuteten.

Ein leiser, vibrierender Seufzer erweckte ihn nach unvorstellbar langer Zeit.

 

Melissa ruhte jetzt mit dem Haupt auf seinem Schoß. Ihre Finger glitten über die Saiten und sie sang mit geschlossenen Augen leise in die Nacht hinaus.

Der Mond stand höher und koste die schimmernden Falten des Kleides.

In Marco aber war es still. Er fühlte, wie schäumendes Blut langsam durch die Adern kreiste. Schattenhaft tauchten Bilder auf. Schattenhaft drängten sich Sorge und Schmerz vor. Ohne Anstrengung verscheuchte er sie. Undurchdringliche Geborgenheit umschloß ihn und Melissa mit magischem Kreise. Nicht letzte Liebeserfüllung. Er dachte nicht an Liebe. Es war das Mysterium der Durchdringung, der ersten Einswerdung mit dem anderen Wesen. Fallen der Schranke zwischen Ich und Nichtich.

Kosend glitt seine Hand über ihr Haar, ihre Stirne, die Arme. Dann ruhte sie wieder unbewußt auf der straffen Weiche des Busens. Melissa merkte es so wenig wie er.

Das war Freiheit! Kein Schimmer von Lüsternheit. Nur triebhaftes Spiel der Muskeln, gelenkt durch Gefühle, Dank und Innigkeit. Ja, Freiheit! Keine Hemmung durch Verbot, Erlaubnis, Sitte, kein Belauern jeder Tat durch den Geist. Er selbst, hingegeben, ursprünglich, sündelos!

Sie rankte sich an seine Brust hinauf, umschlang seinen Kopf und ließ das Saitenspiel hinabgleiten.

Flüsternde Sätze, Liebesworte, Erzählungen, Träumereien.

Marco schilderte ihr ebenso wirr und bunt Enrico, erzählte vom Schneider, von Geschäften, von Hoffnungen.

Bis die beiden ein brausendes Aufbranden wieder erwachten Taumels neuerlich in blutrotes Schweigen zurückriß.

Wer wußte, ob Stunden, ob Ewigkeiten verrannen? Enger und enger schloß sich der magische Kreis, süßer und wonniger ward die Entrückung aller Wünsche.

Marco hatte eben traumverloren nach dem Pokal gelangt und gierig den herben Wein geschlürft, als sich Melissa plötzlich ein wenig aufrichtete und mit heller Stimme fragte:

»Darf ich eine Bitte aussprechen, Marco?«

Er strich ihr zart über die heiße Wange und lächelte:

»Jede, Melissa! Ich war schon traurig, daß du nur schenktest und nichts erbatest!«

»Gut!« Unvermittelt kehrte sie sich ab und entwand sich zum erstenmal seiner Umarmung. Sanft und fast unmerklich, trotzdem aber deutlich. »Ich wollte dich fragen,« ihr Ton hatte etwas sonderbar Fremdes, Verlegenes, ja Erkünsteltes, daß Marco erstaunt aufhorchte. »Ich wollte dich fragen, ob du mir schöne Dinge schenken wirst, wenn deine Geschäfte glücken!?«

Er zuckte entsetzt zusammen. Das also der Abschluß? Das die Enthüllung? Dunkler Haß brach in ihm empor. Ich habe sie für eine Königin gehalten und sie ist eine Dirne! Gräßliche Erniedrigung. Was hatte er getan? Francesca! Wortbruch. Untreue. Befleckung. O, jeder Stein des Palazzos, jeder Teppich, jede Perle besudelt von geheuchelter Liebe! Aus solchen Bausteinen also bauen sich Märchenträume auf?

Nein, fort von hier, fort aus diesen Stätten, die seinen tiefen Sturz sahen.

Melissa hatte sich wieder zu ihm gedreht. Unsägliche Traurigkeit schimmerte unter höhnischem Lächeln.

Er verstand nicht. Scherzte sie? War er ungerecht? Hatte sie ihm Jungfräulichkeit verheißen? Nichts, nur keine Ekstasen, Marco! Was willst du? Ehrlich hat sie dir gegeben, was sie hatte, hat geholfen, so gut sie konnte. Er war jetzt Kaufmann. Gut. Ein vertrauensvoller Partner, einer, der so stark war wie der Armenier, begehrte schüchtern und zaghaft Gegenleistung. Was war dabei? Oder gar eine Beauftragte Maffios, der dieser nicht genug gezahlt hatte oder die doppelt verdienen wollte? Furchtbarer Verdacht würgte in seinem Halse.

»Hat dir Maffio vorher etwas gesagt, aufgetragen, dich gebeten? Du verstehst!« Er sagte es heraus, ohne imstande zu sein, die drängenden Worte zu bremsen.

Melissa hatte ihn nicht aus den Augen gelassen, während seine Miene von Unwettern überhuscht gewesen war. Jetzt verschwand der letzte Schimmer des Lächelns, nur Traurigkeit, abgrundtiefe Trauer und ein Zug eiserner Willensanstrengung blieben zurück.

»Ich leugne nicht, daß mir Maffio einiges sagte. Das andre erriet ich. Jedenfalls waren mir seine Worte nur Voraussetzung, nicht Grund für mein Handeln! Verachte mich nicht zu sehr, Marco! Jeder geht seinen Weg nach bester Einsicht und muß sich allein vor seinem Gotte verantworten. Das wird auch dein kindlich edles Gemüt nicht ändern können!« Und als Marco, erstaunt über die dunkle Schlichtheit ihrer Stimme, ohne Antwort aufhorchte: »Wir werden für heute scheiden, mein Freund! Ich weiß, daß du mich bald wieder brauchen wirst. Alles, was ich habe, steht dir jederzeit voll zu Diensten. Leb wohl, mein Geliebter! Und viel, viel Glück und Segen für deine Taten und Geschäfte!«

Verwirrt erhob sich Marco und küßte sie schweigend. Er erschrak. Tränen rollten aus ihren Augen über sein Antlitz. Da preßte er sie an sich und bat sie wortlos um Vergebung. Sie aber strich zitternd über sein Haar.

Er stand noch mit gesenktem Blick an seiner Stelle, als die Lampen aufflammten und schon der Diener in die Tür trat, um ihn die Treppen Hinabzugeleiten.

 

Eine Wand schwerer Gewitterwolken hing in der Richtung der westlichen Lagunen. In fahlem Gelblichgrau leuchteten Fassaden und Dächer, auf denen noch ungetrübtes Licht vom Osten glimmerte.

Schwüler Brodem zitterte über den Kanälen.

»Der erste Donnerschlag?« Gasparo Morosini, eben im Begriffe, die schmale Holzbrücke zu betreten, wandte sich an Luigi Zeno, als dumpfes, splitterndes Krachen von der Piazza San Angelo herüberdrang.

»Nein, kein Donner! Etwas andres! Sieh nur, Gasparo!« Luigi wies mit der Hand den Kanal hinunter, an dessen beiden Rändern wimmelndes Laufen zahlreicher Menschen anhub. Alles in eine Richtung. Schon wurden sie von zerlumptem Volk gedrängt und gestoßen.

Von der andren Seite aber klirrten auf der gegenüberliegenden Riva zahlreiche Gepanzerte der laufenden Menge entgegen.

Zeno sah mit zweifelndem Antlitz zu Morosini auf. Er war weitaus kleiner als der straffe, junge Senator. Jedoch breit und sehnig. Äußerst prächtig gekleidet. Das zarte Antlitz wie geschminkt. Ein geschürztes Mündchen. Die Brauen aber gerade Striche von der Nasenwurzel nach beiden Seiten steil aufwärts.

»Sie drängen alle über die Brücke!« Er teilte Püffe aus, mit denen er allzu Rücksichtslose vom Brokat seines Kleides fernhielt. Dann weiter in larmoyantem Tonfall: »O, sie heulen. Es ist ein Aufruhr!«

Auch Morosini hatte es gehört. Zusammenstrom wilden Volksschreies, hoch und gell. Dann wieder das splitternde Krachen.

»Wir müssen hin. Vielleicht läßt sich Gefährliches vermeiden!« Morosini blickte um sich, die Faust um den Degengriff geknirscht. Man duckte sich und wich zurück. Die beiden konnten ungehindert die Brücke überschreiten und in eine enge Gasse vordringen, die gegen San Angelo sich öffnete. Im Rücken hörten sie das Klirren der Gewaffneten.

»O, auch hier schon Gepanzerte!« Zeno veränderte seine Stimme nicht im mindesten.

Vor ihnen der geräumige Platz. Einige hundert johlende, dichtgedrängte Menschen. Abgehärmte Frauen und bleiche Kinder. Hungernde Armut. Eine Seite des Menschenrudels klebte an einer Hausmauer, aus der in breitem Schwall Staubwolken aufdampften. Zerfaserte Balken, zerspellte Bretter, zerdroschene Mauern. Dazwischen tierisches Aufheulen. Die Gepanzerten, gering an Zahl, versuchten die Menge auseinander zu treiben. Schon floß Blut. Einige schleppten sich wimmernd abseits, indes irgendwo an ihrem Leibe fleckige Röte hervorquoll.

Morosini kehrte sich jäh herum, da er knapp hinter sich den Zuzug der Hellebardenträger hörte:

»Halt, was geht hier vor?« herrschte er den Führer an.

»Brot, Wasser!« Den Rang des Fragenden erkennend: »Hungeraufruhr, hoher Senator!« Dann leise: »Gebt uns Weisungen! Sollen wir hineinhauen?«

»Nein!« Morosini ging furchtlos vor den Gepanzerten gerade gegen die Menge zu, die jetzt in irrer Wut aufkreischte, als sie neue Gewalt gegen sich anrücken sah.

»Geht nach Hause, Leute! Gleich wird's regnen!« brüllte er mit alles übertönender Stimme. »Es soll euch nichts geschehen. Ihr werdet jedoch selbst einsehen, daß auf diese Art kein Brot geschaffen wird.«

Die harte Tatkraft und der unbeugsame Mut erzwangen für einige Augenblicke Schweigen. Dann vereinzelte keifende Rufe, die sogleich wieder zu wüstem Gejohle zusammenbrandeten.

Von einer andren Seite des Platzes rückte ein neues starkes Pikett von Hellebardenträgern heran.

Zeno, der nicht von der Seite Morosinis gewichen war, faßte einen alten Mann bei der Schulter und drehte ihn zu sich. Er herrschte ihn an: »Was gab's? Rede du! Das Gegröhle kann man nicht verstehen!«

»Versteckt hat er das Brot, will es erst herausgeben, bis der Preis noch mehr gestiegen ist. Wir haben ihn nicht erwischt. Er ist davongelaufen!« Der Alte, hochrot im Gesicht, sprudelte es gestikulierend heraus.

Morosini hatte hingehorcht. Plötzlich ein kurzer Befehl an die Wachen. Sie drangen von allen Seiten in die Menge. Wieder rückten neue heran.

»Hebt mich hoch!« befahl er zwei Gewappneten.

Steine begannen an seinem Kopf vorbeizusausen. Angstschreie in der Menge. Man begann den aussichtslosen Widerstand zu fühlen. Morosini benützte einen Augenblick ächzender Stille, um mit voller Kraft zu dröhnen:

»Noch einmal, Bürger von San Marco! Geht nach Hause! Seht ihr nicht, daß schon die ersten Tropfen fallen? Ihr werdet naß werden!«

Ein erstickter Wutschrei antwortete. Die eingekeilte Masse begann mit verbissenem Zorn die furchtbaren Hellebarden- Hiebe zu erwarten, ohne mehr an Abwehr zu denken.

»Geht nach Hause! Es wird euch für diesmal nichts geschehen!« Zu den Soldaten: »Macht vorläufig keinen Waffengebrauch!« Wieder zur Menge, mit vollster Lungenkraft: »Der Senat hat eben beschlossen, auf Brotwucher die Strafe von Tod, Verbannung oder Kerker zu legen. Je nach der Schwere des Falls. Das kann euch genügen!«

Ein furchtbarer Donnerschlag krachte im Zenith. Ein Windstoß heulte auf.

»Nach Hause, ihr Leute! Sonst gebe ich das Zeichen, die Hellebarden zu zücken! Öffnet Gassen, Soldaten!«

Der Regen begann niederzuprasseln.

Noch einen Augenblick verharrte die Menge wie betäubt. Dann aber begannen, schrill pfeifend, die ersten sich abzulösen.

Die Zusammenrottung war zerschlagen. Unmerklich verdünnte sich der Knäuel. Die Gewappneten sperrten die Zugangsstraßen.

Morosini aber war, ruhig, als ob nichts vorgefallen wäre, mit Zeno in eine Seitengasse eingebogen.

»Hast du noch ein Stündchen für mich übrig?« fragte er den Freund, der die steilen Brauen noch mehr zur Höhe zog und bejahend nickte.

 

Ein kleines Gelaß mit einem Spitzbogenfenster gegen den Kanal. Mosaike auf Goldgrund zwischen Wandpfeilern. Byzantinische Möbel mit eingelegter Glasur.

Zeno saß auf einer verschnörkelten Truhe und streichelte liebevoll das eigene Antlitz, als ob er es noch mehr glätten wollte.

Morosini ging starren Blickes auf und nieder.

»Du weißt, wie sehr ich sie liebe!« sagte er unvermittelt.

»Ja, ich weiß! Es ist auch begreiflich!« Zeno schürzte das Mündchen. Dann klagend: »Nur eines verlang nicht von mir, daß ich mir vorstelle, wie man eine Einzige lieben soll!«

»Immer dieselbe Prahlerei! Du gefällst dir wohl als venezianischer Paris?«

»Danke!« Zeno lächelte melancholisch. »Ich will ja auch niemanden zu meinem anstrengenden Beruf bekehren,« setzte er entschuldigend, nicht ohne leisen Spott in der Stimme, hinzu.

»Nun gut! Schön von dir! Du hast aber seit neuester Zeit einen gefährlichen Mitbewerber um den Ruhm des Allerweltlieblings!«

»O!?« Zeno machte ein komisch bestürztes Gesicht.

»Jetzt hör mit den Späßen auf, Kleiner!« Morosini sagte es mit väterlicher Strenge. »Es ist mir nicht danach zumute!«

Zeno behielt mit Mühe neue Neckereien bei sich. Es siegte jedoch seine große Zuneigung zum Freunde. Deshalb antwortete er mit ungespielter Teilnahme:

»Geht die Sache mit der Griechin schlecht? Du bist zu gutmütig, zu treu, mein Lieber! Glaubst du, das merkt nicht jedes Weib auf eine Meile? Gut, ich bin Paris, dann bist du Mars. Lerne Netze stricken!« Plötzlich wieder schalkhaft: »Jetzt aber will ich den Namen meines großen Mitbewerbers wissen!«

Morosini stellte sich gerade vor ihm auf und sagte scharf:

»Das erledigt sich in einem. Es ist Marco Polo. Derselbe Polo, der meiner Griechin nachstellt. Was soll ich tun? Melissa hat mir bei ihrem Zorn verboten, gegen ihn vorzugehen. Ich kenne sie. Vielleicht gelänge es mir, ihn zu erschlagen. Dann aber ist auch mit ihr alles zu Ende.«

»Möglich! Es gibt solche Mädchen. Es gibt auch andre. Doch – man muß ja nicht gleich erschlagen?!« Luigi begann sich für die Sache zu ereifern. »Also Marco Polo? Übrigens wäre er nicht einmal so leicht zu erschlagen. Abgesehen von der Stellung der Poli. Leider sind sie eine sehr einflußreiche Gegnerschaft. Va bene! Meine Mädchen werden vor ihm versteckt!«

»Ich bin dadurch nicht klüger!« Morosini setzte sich neben ihn auf die Truhe. »Es ist noch eine Schwierigkeit. Sagen wir, eine seelische.«

»Sehr spannend! Auch so etwas hast du?« Zeno platzte es heraus und lachte in traurigem Tonfall.

Morosini mußte mitlächeln: »Du bist beim Zeus mehr ein Mädchen als ein Mann!« sagte er kopfschüttelnd. »Aber siehst du, – es fällt mir zwar schwer, dir's eben jetzt zu sagen – also, ich habe für solche Bürschlein etwas übrig. Und darum gefällt mir auch dieser Marco. Ich kann ihm nicht zu weh tun. Es ist so eine griechische Vorliebe für schöne Knaben in mir. In allen Ehren natürlich!«

»Cara mia! Das ist ein Geständnis!« Zeno schlug sich mit der Hand auf das Knie. »Er liebt mich, er liebt ihn, er liebt sie. Mich verspottet er. Und ich soll ihm aus diesem Wirrsal helfen!«

»Das wollte ich dich bitten!« Morosini langte nach der Hand des Freundes.

Zeno, geschmeichelt über das Vertrauen des Helden, zu dem er, ohne es zu zeigen, wie zu einem Halbgott aufsah, sagte:

»Ich werde etwas finden!« Und er drückte dem Freunde die Hand. »Nur einen kleinen Fingerzeig, einen Anhaltspunkt! Basta! Ich hab's! Du sagtest, er sei ein Paris. So wie ich. Das heißt in deiner Sprache, er stellt mehreren nach. Da werden wir eine gegen die andre ausspielen!«

»Das ist nicht ehrenhaft, das sind Ränke!« Morosini zog die Stirne kraus.

»Überlaß das mir!« Fein lächelnd: »Es ist doch auch nicht ehrenhaft, das erste Mädchen mit dem zweiten zu betrügen. Eine muß wohl die erste gewesen sein? Oder war es die Griechin?«

»Nein! Die Nichte oder eine Bekannte Malipieros. Sie heißt Francesca Mori. Ich glaube wenigstens, daß der Polo sie liebte. Melissa hat er erst auf dem Fest kennengelernt!«

»Nun gut! Die Griechin geht ihn also nichts an. Das wäre eine schöne Welt, in der jeder zehn Mädchen braucht. Er soll mit seinen Verwandten zu den Sarazenen gehen, wenn er so etwas will!« Zeno hatte sich in ehrliche Empörung hineingeredet.

Morosini aber lachte auf:

»Ich wußte ja, daß du mich trösten würdest, Kleiner! Du bist doch mehr als drollig! Du aber sollst trotz deiner Sitten nicht zu den Sarazenen gehen!«

»Habe ich Sitten?« Zeno zog die Brauen unwahrscheinlich hoch. Dann endgültig: »Diese Francesca wird ihn auf den rechten Weg zurückbringen. Du aber wirst deine Melissa ungetrübt besitzen. Darauf mein Wort. Sie liebt ja auch den Polo gar nicht. Sie will dich nur anstacheln!«

»Ich gebe dir Vollmacht. Wenn der Erfolg da ist, werde ich froher sein, als du denkst!« Damit kehrte sich Morosini nachdenklich ab, um einen Imbiß und Wein für den Freund herbeischaffen zu lassen.

 

Marco hatte es zustande gebracht, Vater und Oheim zu verblüffen und ihre Menschenkenntnis auf eine harte Probe zu stellen. Sein Verhalten war ebenso rätselhaft wie sein augenscheinlicher kaufmännischer Aufstieg. Daß er oft tagelang nicht nach Hause kam, ließ sich zur Not mit den geschäftlichen Pflichten erklären. Daß er aber nach einer knappen Woche schon dem Vater die Schuldsumme, zuzüglich von drei Prozent für den ersten Monat, auf den Tisch zählte und die Quittung befriedigt zerriß, erschien Nicolo anfänglich als Flunkerei. Er hat eben überhaupt nichts mit dem Gelde gemacht und sich die sechs Zechinen Zinsen irgendwo ausgeliehen, dachte der Vater. Zwei Tage später kam der schlagende Gegenbeweis. Marco bat den Vater, ihm einen Aquamarin und eine Anzahl kleiner Rubine gegen angemessenen Preis abzulassen. Nach alter Gewohnheit – Erziehung zur Vorsicht, nannte es Nicolo – verlangte er eine unverhältnismäßig hohe Summe. Marco übernahm darauf die Steine gegen Quittung und Kaution, ließ sie schätzen und bot seinerseits einen ausgesprochenen Unterpreis. Nicolo war derart belustigt über die ernste Miene des Sohnes, daß er den Handel abschloß, worauf Marco seelenruhig den Betrag hinlegte.

Als Maffio es erfuhr, schenkte er dem »frechen Bürschchen« einen großen Smaragd.

Zur selben Zeit stieg einmal in Nicolo der Argwohn auf, Marco setze sich über Verbot und Drohung hinweg und besuche Francesca. Er fragte schroff. Der Sohn aber leistete aus freien Stücken einen Eid aufs Kruzifix.

Maffio, der bei diesem Auftritt zugegen war, schmunzelte in sich hinein. Er ahnte zumindest, daß die Griechin im Leben seines Neffen eine Rolle zu spielen begonnen habe. Marco hatte Geld und trug es zu Monna Melissa. Auch gut! Wenigstens würde er lernen, möglichst rasch umzusetzen. Schließlich strömten ja drei Vierteile des Weltverdienstes sicherlich in irgend einer Form zu den Weibern. Mulier incitans! Die Peitsche der Schönheit. Wozu leben wir auch, wenn nicht, um unsre Wünsche zu stillen?

Marco selbst war wesentlich andrer Stimmung. Etwas Verbissenes, Trotziges trieb ihn durch Mühen, Sorgen und tägliche Aufregungen. Das Leben flimmerte und opalisierte um ihn herum. Wirklichkeit schien ein leeres Wort. Denn wie ineinandergeschichtete Träume lösten sich die Ereignisse ab. Jetzt noch auf Gelderwerb, einen Augenblick später auf der Höhe kitzelnder Spannung. Alles auf einen Wurf. So, diesmal hatte er noch Glück gehabt. Dreifache Vermehrung. Fast tausend Zechinen nannte er schon sein eigen. Wie lange noch? Entschlossen eilte er zum Geldwechsler. Hier, vierhundert auf Zins! Die müssen mir bleiben. Das andre mag meinethalben in Dunst zerrinnen. Es ist ja eigentlich nicht Geld. Es ist nur ein rasender, wirbelnder Mechanismus, stets zeugend, wirkend, stachelnd.

Darauf, rasch umgekleidet und gebadet, zu Melissa. Sie schien nur für ihn zu leben. Stets traf er sie an. Ihre Hingabe war ohne Einschränkung, hinauf bis zu den Gipfeln brandroten Rausches. Nicht mehr Sättigung, nein, Aufpeitschung zu ungewolltem Hunger.

Von Tag zu Tag kannte er sie weniger. Lächelnd, dankend in Wort und Tat, nahm sie die Geschenke. Trotzdem ohne Freude. Er fühlte oft, wie sie sich selbst die Leidenschaft abkämpfte, unter der ein Meer von Traurigkeit lag. Doch wechselte Stimmung so schnell mit Stimmung, daß er auch diese Wahrnehmung schließlich als Irrtum ansah. Einmal, es war auf die Stunde, da er selbst leisen Überdruß zu fühlen anhub, quälte sie ihn. Nicht böse, nicht allzu grausam, doch mit unfehlbarer Sicherheit.

Er gab es auf, sie ganz ergründen zu wollen. Er nahm das Überreiche von ihr und begann sich manchmal in kleinen Tyrannenlaunen zu gefallen. Sie aber spottete diese Anwandlungen sanft hinweg.

Trotz allem konnte er es sich nicht mehr verbergen, daß manchmal, in ungehetzten Augenblicken, etwas Schales, Müdes über seiner Seele lag, das er nie gekannt hatte. Und in solchen Momenten stieg die Vergangenheit auf wie das verlorene Paradies und der Mittelpunkt dieses Eden war Francesca.

Gleichwohl war dies kein Hindernis, daß er am selben Abend der Griechin neue Geschmeide brachte und bis zum Morgengrauen in ihren wissenden Armen lag.

Es ging gegen Mitternacht, als Marco, wieder einmal zum Bewußtsein der Leere erwacht, sein Zimmer betrat. Er war heute unverhofft bald mit den Geschäften zu Ende gekommen und wollte Melissa schlafen lassen. Hatte er sich doch auch erst für morgen mit ihr verabredet.

Ja, bunter Papagei, du turnst wohl stets die gleichen Schwünge, um mich an jene Nacht der hundert Briefe zu gemahnen. Äußere Wunder sind selten. An innere Wunder hätte ich nie geglaubt. Und doch! Sind meine heutigen Gedanken, gemessen am Damals, nicht ein Wunder? Oder ist es gar die gewisse, oft erzählte Verblendung, die plötzlich verweht und das Alte in aller Kraft, Reinheit und unveränderter Gestalt wieder an die Oberfläche bringt ...?

Ah! Was ist das? Was war das? Wachtraum? Zauber? Hell tönte der Ilo-Ruf zum zweitenmal durch die Stille der Nacht.

Wer ruft dem Falken? O, jetzt zum dritten Male! Keine Täuschung! Hinunter zum Boden, Marco! Du hast den Reiher in gelber Abendluft gejagt. Traum war es, Traum. Der Reiher ist bezwungen. Mein Gott! Es ist ihre Stimme. Es kann nicht sein! Zum Fenster! zum Fenster!

Er stürzte zum Fenster und beugte sich hinaus, daß er fast das Gleichgewicht verlor. Rauchiges Mondlicht lag über dem Garten Malipieros. Der Grund flimmerte nahe und silbrig. Sein Name hauchte herauf.

Ja, sie ist es! Wie ist sie hiehergekommen? Zu dieser Stunde? Gleichgültig! Sie ist hier, da handelt es sich nicht mehr um das Vorher! Dort stand sie, an einen schwarzen Stamm gelehnt, in all ihrer herben Vertrautheit. Ah, jetzt sinkt die Verblendung! Zu ihr gehöre ich, zu ihr!

Marco überlegte nicht mehr. Halb unbewußt erfaßte sein geschmeidiger Körper einen Weg, der schwindelnd und drohend über Quadervorsprünge, Fenstersimse, Säulenzierate und Beschläge zur Tiefe leitete. Er schwang sich hinaus, riß sich die Haut von den Händen, glitt ab, fing sich im letzten Augenblick und stand nach wenigen Herzschlägen im Garten Malipieros.

Mit einem Wehlaut flog Francesca auf ihn zu, umklammerte seine Gestalt und flüsterte:

»Marco, was tatest du? Warum wähltest du diesen gräßlichen Weg? Bedeutet dir das Leben nichts mehr?« Jetzt erwachte er und zog sie in das Dunkel, da er ein Geräusch gehört zu haben glaubte.

»Ich weiß selbst nicht! Ich wollte mir keine Zeit zur Überlegung lassen!« Er wischte sich verstohlen die blutende Hand an einer Falte des Wamses ab.

Da fühlte er, wie ein Zittern ihren Leib durchrieselte:

»O, ich verstehe dich, ich verstehe dich! Du hättest sonst das Fenster zugeschlagen!«

»Francesca, warum glaubst du das?« Er zog sie an sich und küßte sie innig. Nur innig. Letztes Begehren fehlte.

Sie schluchzte auf und machte sich frei. Dann gebändigt:

»Wahr ist es, Marco, was man mir schrieb! Die Griechin! Was ist vorgefallen? Soll alles zu Ende sein? Sag's, Geliebter, ich zürne nicht. Sag's, damit ich nur der gräßlichen Ungewißheit entkomme!«

»Man schrieb dir? Wer?« In seiner Stimme drohte es wild auf.

»Ich weiß es nicht. Ein Fremder gab mir den Brief. Es ist ja so gleichgültig. Ist es wahr, Marco?«

»Und deshalb ...?« Marco zuckte auf. Die Gedanken kreuzten sich wirr in seinem Kopfe.

»Ja, deshalb kam ich. Mein Vater und Malipiero wähnen mich schlafend. Es ist die zweite Nacht. Gestern...« Ihre Stimme zerbrach.

»Gestern – war – ich – bei ihr!« Ohne Willen keuchten die Worte aus der Brust Marcos. Entsetzt stockte er. Dann schlug er die Hände vors Antlitz und wollte fliehen.

Da fühlte er, wie sich ihr Leib in letzter Angst an den seinen preßte. Ah, nur ein zartes Gewand bedeckt diese Glieder! Wie jung, wie herb sie sind! Wilde Lust lohte in ihm auf. Er umfaßte sie, daß seine Gelenke knackten.

»Marco, ich bin schuld!« hauchte es an seinem Ohre. »Sie hat dir sicherlich mehr gegeben. Ich war feig. Nimm mich, Marco! Nimm mich, dann brauchst du sie nicht weiter!« Und sie rankte sich an ihm empor, daß sein Blut zu sieden anhub.

Plötzlich eine gräßliche Vision: Satan, starrend und flammend. Scheußliches Grinsen über der zottigen Fratze. Eine zerbrochene, kreischende Stimme de profundis: »Tausend Weiber, Marco, alle Weiber wirst du besitzen! Nimm sie! Nimm sie ohne Erbarmen! Kühl deine Brunst an ihrem Leibe! Dann fort mit ihr! Fort auch mit Melissa! Zu neuen Weibern! Nimm sie, nimm sie ...!«

Ein greller Aufschrei Francescas. Blutrotes Licht hieb die Milde des Mondlichtes in Stücke.

Marco starrte verständnislos in das Schwelen naher Fackeln.

Plötzlich Schritte, schlurfende, knirschende Schritte.

»Wer ist das? Keinen Widerstand!« Die dröhnende Stimme Nicolos.

Marco fuhr entsetzt herum und deckte Francesca mit seinem Leibe. Sein geblendetes Auge aber traf, wenige Schritte von ihm entfernt, den Vater und Maffio, umgeben von zahlreichen Tataren und Turkomanen.

Auch Nicolo war wie erstarrt, als er Marco erkannte.

Maffio schob sich vor und versuchte Nicolo mit einem Scherz abzulenken:

»Wir wollen gehen! Ich glaube, das ist keine Gefahr für unser Haus!« sagte er lachend. Denn er wußte sofort alles.

Nicolo aber ließ sich nicht täuschen.

»Tritt zur Seite, Marco!« schrie er. »Ich will sehen, wen du verdeckst!«

Marco rührte sich nicht.

In diesem Augenblicke trat Malipiero, ganz Hoheit und Würde, aus einem Seitentore seines Hauses und ging, ohne Marco und Francesca zu beachten, auf die Fackelträger zu.

»Euer Zweck, edle Herren, in meinen Garten zur Nachtzeit einzudringen und zu lärmen?« fragte er schneidend und warf den Kopf zurück.

»Wir fürchteten Räuber, da wir ein Rascheln und Scharren an der Wand hörten!« Maffio trat zu ihm und bot ihm die Hand.

Da sah Malipiero Marco. Er sah auch Francesca, die bei seinem Erscheinen furchtlos vorgetreten war.

Bevor aber noch Malipiero die Hand Maffios faßte, ein heiserer Wutschrei Nicolos:

»Ah, Francesca Mori? Das ist dein Schwur aufs Kruzifix?« Er stürzte gegen Marco, blieb jedoch knapp vor ihm mit geballten Fäusten stehen.

Da erwachte Marco aus der Lähmung der letzten Augenblicke:

»Ich habe meinen Eid nicht gebrochen! Heute, das erstemal seit dem Feste, sah ich Francesca!«

»Francesca Mori ist mein Gast!« Malipiero stellte sich schützend zwischen sie und Nicolo, dessen Miene sich zunehmend verzerrte.

Plötzlich brach Nicolo los. Er stieß die Fäuste empor und brüllte in verändertem, wahnsinnsnahem Tone:

»Hinweg, Marco! Zurück! Schluß! Ein Polo heiratet keine Dirne!«

Marco prallte vor. Schon reckte auch er die Faust zur Höhe. Sofort aber siel sein Arm wieder schlaff herunter und er kroch in sich zusammen. Schlotternd, mit vorgeschobenen Schultern stand er da und keuchte stoßweise.

Maffio war hinzugesprungen und versuchte den Bruder zurückzureißen.

Malipiero aber legte sanft den Arm um Francesca, die mit armen, weitaufgerisenen Kinderaugen ohne Verständnis das Gräßliche emporflammen sah, und sagte mit unendlicher Größe:

»Francesca, du siehst, daß alles zu Ende ist. Der Krämersinn der Poli wagt eher Blut und Beschimpfung, als die Verbindung mit einem armen Edelfräulein!« Zu Nicolo aber, der sich von Marco abdrehte und auf ihn losstürzen wollte: »Hinaus, Eindringlinge! Sonst lasse ich euch von der Scharwache von meinem Grund entfernen. Jeder weitere Schritt ist Bruch des Hausfriedens!«

Maffio erkannte klar und deutlich, daß Malipiero Recht und Macht auf seiner Seite hatte. Er faßte Nicolo hart am Arm und rief ihm tatarische Worte zu.

Malipiero aber sagte kalt:

»Auch du, Marco, geh! Du bist Francescas nicht mehr wert!« Und er wies ihn mit dem Arm unwidersprechlich hinweg.

Francesca wollte noch einmal zu Marco eilen, ihn zurückzwingen, alles ungeschehen machen. Plötzlich sauste ihr das entsetzliche Wort, der wilde Schimpf durch die Seele. Was hatte Marco getan? Wahnsinniges Entflammen, tolle Drohung, dann schmählicher Rückzug, bevor noch ein Arm ihn gehindert hatte. Sinnlos beides. Kein Wort jedoch der Abwehr, kein stolzes Bekenntnis zu ihr! Keine Tat, die ohne Rücksicht auf Folgen ihre Ehre rein wusch. Und das von ihm, dem sie sich trotz seiner schändlichen Untreue noch eben hatte hinwerfen wollen, um seine Seele zu retten?

Francesca fühlte zum ersten Male die tiefe Geborgenheit, die vom Charakter Malipieros ausstrahlte. Noch war alles in ihr zu zerrissen, zu weh, als daß sie es zu deuten gewußt hätte. Halb unbewußt gab sie sich der neuen Kraft hin und ließ sich willenlos von ihm fortführen.

Nicolo war aber zur Besinnung gekommen. Ein hartes Schluchzen durchschütterte seine Brust, das er forteilend verbarg.

Der Garten lag leer.

 

Am düsteren Gange kam Vincenzo Mori den beiden entgegen, die Fackel hoch erhoben, die er aus der Wandhülse genommen hatte.

»Was ist geschehen? Hat sich das Leiden Francescas verschlimmert?« Besorgter Zuruf des Vaters, dessen gütige Augen sich ängstlich unter buschigen Brauen weiteten.

»Keine Krankheit! Schlimmeres! Sprich nichts, Mori! Schone dein Kind!« Malipiero warf wild den Kopf zurück.

Mori hatte schon die Tür zur Halle aufgestoßen.

Francesca schien bewußtlos. Wenigstens verriet kein Zug ihres gesenkten Antlitzes irgend eine Teilnahme an der Umgebung.

Die drei standen im Saale. Mori hatte zitternd die Fackel in einen Wandarm gesteckt. Flackernde Röte hinauf zu den spitzen Kreuzgewölben, die im Unbestimmten verschwammen. Steinerne spiegelnde Fliesen. Alles schwer und streng. Hochlehnige Sessel an den Wänden. In der Ecke funkelte ein dunkler Panzer, halb umhüllt von einer zerfetzten Standarte.

Malipiero führte Francesca zu einem der Stühle. Sie ließ sich willenlos sinken und starrte einen Augenblick aus blutleerem Gesicht mit unsteten, lodernden Augen.

Mori, der bisher an sich gehalten hatte, warf einen bittend fragenden Blick auf Malipiero.

Francesca folgte der Miene. Mit einem Male zuckte etwas über ihre Wangen und eine fremde Stimme, ruhig und hohl, daß beide Männer erschauerten, sagte:

»Redet! Es ist ja doch alles so gleichgültig! Was sollte es mich noch erschüttern?«

»Francesca, Francesca, mein Kind!?« Mori stöhnte auf.

Wieder entsetzliches Schweigen.

Plötzlich noch ruhiger, noch unheimlicher:

»Wenn Malipiero nicht will, werde ich sprechen!«

Malipiero preßte die Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen. Dann schnell:

»Marco hat sie betrogen und verlassen. Nicolo hat sie geschmäht. Eben wies ich die Elenden hinaus!«

»Ich war nie krank, Vater! Ich log. Das heißt, ich widersprach nicht, als du mich krank wähntest.« Francesca flüsterte hastig weiter: »Gestern die Nacht harrte ich seiner. Er war bei – er kam nicht. Auch am Tage gestern nicht. Deshalb freute ich mich, als du beschlossest, noch bis morgen in Venedig zu bleiben. Er tat nichts, verbrach nichts. Er ist selbst ein Unseliger! Ich war es, die ihn rief.« Mit brechender Stimme: »Laßt mich jetzt gehen! Ich muß allein sein! Keine Angst! Ich weiß, was ich meinem Gott und meinem Vater schulde!« Und sie stand auf und wankte wie eine Nachtwandlerin hinaus, ehe noch einer der Männer alles voll erfaßte.

Erst als sie die Türe hinter sich ins Schloß gedrückt hatte, eilte ihr Mori nach.

Malipiero aber ging im Saale auf und nieder, daß es schaurig widerhallte.

Eine Viertelstunde später.

Mori hatte eben in abgerissenen Sätzen berichtet, was ihm Francesca noch mitgeteilt hatte.

»Eure Dienerin ist bei ihr. Sie scheint jetzt zu schlafen. Sie sah nicht, daß die Alte eintrat!« Mori blickte vor sich hin. Plötzlich im Tone jenseitiger Abgeklärtheit: »Ich wußte, daß es kommen würde, Malipiero! Wußte es längst. Ich verdamme Marco nicht!«

»Dieses Allverstehen grenzt an Schwäche!« Malipiero brauste jäh auf.

Mori beachtete es kaum und fuhr wie zu sich selbst fort:

»Also darum lächelten die Ärzte so sonderbar und schüttelten die Köpfe. Jetzt ist mir alles klar. Sie merkten, daß es nicht Krankheit sondern Liebeskummer sei!«

»Du sprichst in einem fort von Vergangenem! Was willst du in der Zukunft tun, Mori? Soll alles ungesühnt bleiben?« Malipiero war dicht an ihn herangetreten und sah ihn starr an.

»Nichts!« Moris Antlitz wurde düster und traurig. »Vielleicht kennst du Marcos Seele doch nicht ganz!« setzte er leise fort. »Ich aber sehe die Zukunft, wie ich das Vergangene schon im Keime wahrnahm. Wähnst du wirklich,« seine Stimme hob sich, »wähnst du, daß Marco die Sünde je vergessen wird? Reichtum und Ehre wird er vielleicht erraffen. Nie aber glücklich sein. Zu schwach ist er für die Welt der Reinheit, weil er in dieser Sphäre nur verharren könnte, wenn nie die große Welt des Scheines in seine Nähe käme. Trotzdem aber wird ihn die Sehnsucht nach Reinheit ewig verfolgen. Stets auch wird ihr Symbolum Francesca sein, weil er sie wahrhaft liebte und weil die dunkle Tat gegen sie sein erster Abfall war!« Laut und stark: »Ich bemitleide ihn, Malipiero, obwohl er mein Kind ins Unglück stieß. Ich werde für ihn beten, nicht aber ihn verfluchen!«

»Wir werden sehen, was das Bürschchen weiterhin treibt! Ich kann irren, Mori! Meine Meinung von ihm ist jedenfalls erschüttert!« Hart und endgültig: »Du sahst nicht, wie jämmerlich er dastand, als man dein Kind schmähte!« Malipiero warf den Kopf zurück.

Dann fielen beide Männer in Schweigen.

Die Fackel aber zischte auf und rote Reflexe tanzten über den gespenstischen Raum und hafteten schließlich an der Rüstung des großen Dogen Malipiero, der vor Menschenaltern der Schrecken der Ungläubigen gewesen war.– – –

 

Inzwischen hatte Maffio Polo alles aufgeboten, um Marco im schwarzen Palazzo ausfindig zu machen. Seine Mühe zeitigte keinen Erfolg. Auch ein Bote, der gegen Morgen ins Haus der Griechin entsandt wurde, kehrte unverrichteter Dinge zurück.

Mit Marco war aber auch Enrico dem Gesichtskreise der Brüder Polo entschwunden und ein Tag nach dem anderen verrann, ohne daß sich an diesem Zustand etwas änderte.

 

Kurz vor Tagesanbruch auf den Lagunen westlich von Chioggia.

»Ist ein Irrtum unmöglich, Andrea?« Malipiero, der am Heck der großen Barke lehnte, wandte sich an den Unterbefehlshaber.

»Irrtum? Ihr werdet selbst sehen, Masser Ammiraglio!« Andrea erwiderte hastig und gekränkt.

Vor ihnen tackten die schnell durchgezogenen Ruderschläge vieler bewaffneter Matrosen. Ihrem Boote folgte, nur als schwarzer Schattenriß sichtbar, ein zweites größeres.

»Du bleibst also dabei?« Malipiero fragte nur mehr der Form halber.

»Gewiß! Jede andre Auskunft wäre Lüge!« Andrea stand auf, spähte und rief den Matrosen die Richtung zu.

Das Fahrwasser war schwieriger geworden. Plötzlich knapp voraus schwarzgeballte Büsche.

Malipiero kümmerte sich nicht mehr um die Umgebung. Zu stark beschäftigte ihn die Erinnerung. Furchtbare Tage waren eben vorbei, ohne jede Aussicht auf ein Ende. Neue Zweifel, neue Gefahren. Arme Francesca! Würde ihre Seele genesen? Die Flucht ins Kloster hatten Mori und er im letzten Augenblick verhindern können. Keine Lösung. Wie kann ein sechzehnjähriges Mädchen die Tragweite lebenslanger Bürde erfassen? Eigene Selbstsucht? Nein, das nicht, nur das nicht! Er selbst hatte ja auch schon wieder verzichtet. Sogar Marco verziehen.

»Links, weiter links!« kommandierte Andrea.

Nein, Marco hatte noch Ansprüche. Wenn man ihn nur fände! O, wie herzbrechend jener Morgen war, als sie Francesca vor dem Falkenkäfig fanden. Bleich, zerstört. Wie lange hatte sie dort ihr Antlitz an den Erdboden geschmiegt? Nein, Marco hat das nicht getan, Nicolo war es, nur Nicolo. Alles wäre noch zu heilen gewesen.

»So, jetzt geradeaus, genau Kurs halten! Rechts und links sind Sandbänke!« Der Unterbefehlshaber lotete mit einer Stange die Wassertiefe.

Angeblich war Marco nach der schrecklichen Nacht noch bei der Griechin gewesen. Was blieb ihm auch übrig? Er würde schon wieder heimfinden. Doch seit wenigen Tagen eine Wandlung in Francesca. Sie weint nicht mehr. Lächelt schwach bei meinem Kommen. Drückt mir wärmer die Hand, hat mich sogar einmal geküßt. Nein, nein, nein! Ich werde ihr Marco wieder zuführen. Sie erwartet es von meiner Freundschaft. Arme, brave Moris. Wie tapfer und stolz lebtet ihr dahin. Zerstört?! Nein, es darf nichts endgültig zerbrochen sein. Francescas Zärtlichkeit gegen mich ist eine Bitte. Ich verstehe dich, Francesca. Auch das will ich noch für dich tun!

»Ruder einlegen! Auf den Strand laufen!« Dann schnell zu Malipiero: »Wir sind am Ziele, Masser Ammiraglio!«

Malipieros Gedanken schwenkten scharf ab. O, jetzt sollen wir endlich die Halunken fangen. Stets sind sie uns zwischen den Fingern durchgeglitten. Gab es Verächtlicheres als Menschen, die die Not des Volkes zu schnödem Geldgewinn mißbrauchten? Mehlschmuggler! Endlich hatte der Senat einiges Getreide aufgebracht, das in kleinen Mengen verteilt wurde. Täglicher Aufruhr, Verwundete, Eingekerkerte. Und warum? Nur, weil es diesen Hehlern gelang, auf Schleichwegen Mehl hereinzubringen, weil es, zu Wahnsinnspreisen erworben, vor den Augen der Hungernden von den Reichen höhnend in ihre Küchen geschleppt wurde.

Wehe ihnen, wenn man sie fing!

Das Boot knirschte an den Strand, die Matrosen klirrten auf die weichen Dünen.

Buschwerk überall im Umkreise.

»Hier zieht sich eine gewundene Wasserrinne durch«, erklärte Andrea. »Drüben ist schon fremdes Gebiet. Kein Mensch ahnte, daß hier eine Durchfahrt ist!«

»Legt eine Kette quer über den Kanal. Aber unter Wasser. Die Matrosen sollen sich zu beiden Seiten hinter den Büschen verbergen!« Malipiero überwachte die Ausführung seines Befehles.

Schon schimmerte es grau und fahl über den Lagunen.

Noch war wenig Zeit vergangen, als plötzlich leiser Schiffergesang und gleichmäßiges Plätschern von Rudern im Süden hörbar wurde.

»Frech sind die Burschen! Man muß es ihnen lassen!« Andrea raunte es fassungslos Malipiero zu.

Der Gesang kam näher.

Unvermittelt die Umrisse einer großen Trabakel mitten in der Fahrrinne. Rasch näherrückend.

»Porco diabolo! Wir sitzen fest!« gröhlte es vom Bord. »Madonna, eine Kette!« Einer hatte mit einer Stange im Wasser umhergesucht. »Was sind das für Teufeleien?«

Weiter gedieh das Erstaunen nicht. Schon dröhnte der Haltruf Malipieros, während seine Matrosen den Bord erklommen.

Wüstes Durcheinander. Hilfeschreie: »Überfall, Räuber, Piraten!« Die wenigen Bootsleute ächzten in Stricken.

Malipiero und Andrea waren auf einem ausgeworfenen Brett an Bord gekommen. Einer der Matrosen, der den Raum durchstöbert und mit einer Fackel in jeden Winkel geleuchtet hatte, rief ihnen entgegen:

»Nichts, Massere! Harmlose Hölzer! Ein Fäßchen Fische! Es sind ehrenwerte Leute!«

»Ja, was wollt Ihr von uns?« Der Schiffer jammerte auf. »Wir haben den Weg abgekürzt, bei der Madonna, bei allen Heiligen, wir sind ehrliche Venezianer. Auf Holz und Fischen liegt doch kein Zoll. Was dachtet ihr, Massere? Laßt uns frei! Wir haben nichts verbrochen.«

»Er scheint die Wahrheit zu sagen!« Andrea wandte sich kleinlaut ab.

»Löst die Fesseln!« Malipiero stand ganz Würde und Hoheit da. »Dankt den Schmugglern für den Schrecken!« setzte er fort. »Erzählt nichts weiter und kommt morgen zum Kapitän des Golfs. Ich werde euch jedem ein Goldstück auszahlen lassen als Entschädigung. Fahrt weiter mit Gott! Vermeidet jedoch in Zukunft diese Fahrrinne!«

»O, Ihr seid ein edler Herr, ein gerechter Herr!« Der Schiffer, von den Fesseln befreit, warf sich vor ihm nieder und küßte seine Hand. »Masser Malipiero, jetzt weiß ich alles. Welcher Bootsmann sollte auch noch nicht von Euch gehört haben?« Als Malipiero abwehrte: »Masser Capitano, größter Capitano, hinter uns kommt eine andre Trabakel. Gleich wird sie hier sein. Sie hat Steine geladen. Die Leute riefen es uns beim Vorüberfahren zu. Aber mir ist es trotz der Dunkelheit aufgefallen, daß sie für Steine zu hoch geht!«

»Ah, hört Ihr, Masser? Das also ist die List!« Andrea horchte auf. Dann zum Schiffer: »Hast du vielleicht auch Schmuggelware unterm Holz?«

»Hebt es auf, dreht die Trabakel um! Masser Malipiero soll selbst sehen!«

»Wir haben keine Zeit! Der Matrose hat ohnedies unter die Hölzer geleuchtet!« Malipiero winkte ab. Zu den Matrosen: »Ans Land! Löst die Kette. Zieht sie dann aber sogleich wieder straff!«

Blitzschnell wurden die Befehle ausgeführt. Schon glitt die Trabakel in die nördliche Lagune hinaus.

 

Jeder Augenblick brachte zunehmendes Tagen. Man konnte schon hundert Schritte weit sehen. Leichter Nebel fiel ein.

Plötzlich schoß, fast lautlos, ein langes Fahrzeug, von mächtigen Ruderschlägen getrieben, nahe dem einen Ufer entlang. Hart klirrte es an die Kette, daß das Heck sofort herumschwang und das Boot fast breitseit im Kanale lag.

Ein erstickter Wutschrei. Dann tiefe Stille.

»Vorsicht, ein Hinterhalt!« flüsterte Andrea Malipiero zu.

»Nein, sie ahnen etwas! Es sind wenig Leute an Bord!« Dann laut: »Halt, ihr Schiffer! Ergebt euch! Dreißig Schwergewaffnete stehen zu beiden Seiten des Wassers!«

Es rührte sich nichts.

»Entert!« befahl Malipiero. Er sprang selbst voran.

Fünf Ruderer kauerten erstarrt an den Riemen. Vorne eine gedeckte Back. Der ganze übrige Boden des Bootes mit schweren Steinen bedeckt.

»Räumt die Steine fort!« Malipiero suchte nach dem Führer der Trabakel.

Die Matrosen begannen die Steine fortzuschleudern. Da, – eine dünne Schicht, noch eine, dann Getreidesäcke, so tief der Bauch des Bootes reichte!

»Ha, wir haben euch, Halunken! Seht euch vor!« In tiefster Befriedigung zischte es Andrea heraus. »Wo sind eure Führer, blöde Ruderknechte?« brüllte er die jammervollen Schiffsleute an, die noch immer nicht wagten, sich zu rühren.

Verglasten Blickes, schlotternd, wies der eine gegen die Back.

»Heraus mit euch!« donnerte Malipiero, der, jeder Gefahr trotzend, vorsprang und mit dem Degenknauf an den Bohlen des Verschlags hämmerte.

Da, plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, knapp vor ihm eine sehnige Gestalt. Über und über verhüllt von einem groben Mantel. Eine Kapuze über das Antlitz gezogen.

»Herunter mit der Maskerade! Was soll's?« Malipiero faßte wild zu und riß dem ertappten Verbrecher den Stoff vom Gesicht.

Er taumelte zurück. Das Zwielicht hatte ihm das Gräßlichste gewiesen.

»Marco Polo!?« keuchte er heiser und leise heraus. Dann ohne Überlegung, auf den Zerschmetterten zutretend und den Mantel wieder über sein Gesicht schleudernd: »Ich kenne dich nicht mehr, Schändlicher! Behalt das Tuch vor dem Antlitz! Ich will dich nicht sehen!« Laut zu den Soldaten: »Bindet ihm die Hände auf den Rücken. Sein Gesicht soll verdeckt bleiben! Es ist ein Aussätziger!«

Scheu schlichen die Matrosen heran. Niemand zweifelte an der Wörtlichkeit des Gesprochenen. Man wand Stricke um Marcos Arme.

»Wußten die Ruderknechte von der Fracht?« Kalt und schneidend fragte Malipiero.

»Ich bin allein schuldig! Sie wissen nichts!« kam es erstickt unter dem Mantel hervor.

»Andrea, du belegst Schiff und Ladung mit Beschlag! Die Ruderer werden in die Heimat zurückgebracht. Ich selbst aber fahre im kleineren Boote mit zwei Matrosen und dem Verbrecher voran. Das Urteil wird unterwegs vollzogen. Es ist ein allerschwerster Fall!« Malipiero kehrte sich ab.

Zwei Matrosen schleppten Marco wie ein Bündel und stießen ihn unsanft in die Barke. Der Kapitän des Golfs saß steinern am Heck. Er warf den Kopf zurück und knirschte die Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen.

Es war inzwischen hell geworden.

Die Matrosen legten sich in die Riemen und das Boot schoß nordwärts gegen Venedig, wo eben der Campanile aus leichten Morgennebeln emporglänzte.

Eie hatten jetzt zur Rechten eine kleine Laguneninsel. Eine höhere Düne, die steil anstieg und sich wahrscheinlich auf der andren Seite abdachte. In einiger Entfernung schaukelten Fischerboote. Doch so weit, daß nichts deutlich wahrnehmbar wurde.

»Legt hier an! Dann schafft den Gefangenen ans Land und wartet, bis ich wiederkehre!« Malipiero sagte es kalt und unwidersprechlich. Die Matrosen schauderten leicht zusammen. Der Verbrecher erweckte ihr Mitleid. Doch nur für kurze Zeit. Schon flüsterte der eine: »Es geschieht ihm recht! Elendes Geschmeiß, diese Brotwucherer und ihre Helfershelfer!« Der andre grinste und machte, als Malipiero fortsah, die Geste des Halsabschneidens. Dann versetzte er schnell dem Gefangenen einen Fußtritt.

Das Boot lief auf den Sand. Der Gefesselte wurde herausgestoßen. Malipiero faßte ihn am Arm und zog ihn rasch die Düne hinauf, die sich, wie erwartet, auf der andern Seite flach senkte.

Marco versagten die Füße fast den Dienst. Sein Atem röchelte, da ihn der dichte Mantel halb erdrosselt hatte.

Geblendet und zitternd starrte er in das Licht der eben aufgegangenen Sonne, als Malipiero das Tuch von seinem Antlitz zog.

Malipiero erschrak. So furchtbar entstellt von Schmerz und Verzweiflung waren die Züge des Jünglings. Er drehte sich ab. Dann sagte er tonlos:

»Das also ist das Ende, Marco Polo? Nein, schweig, ich frage dich nicht!« Und er ergriff den Dolch und schnitt ohne Zögern die Fesseln durch.

Marco ließ langsam die Arme sinken. Verständnislos sah er vor sich hin.

Malipiero aber faßte ihn an der Schulter:

»Marco Polo!« preßte er in schrecklicher Erregung heraus. »Marco Polo, ich habe nicht vergessen, daß du mir einst das Leben rettetest! Ich gebe es dir zurück! Wir sind quitt!« Nach tiefem, keuchendem Atemholen: »Bleib hier eine halbe Stunde liegen. Sieh dann zu, wie du nach Hause gelangst. Eines aber sage ich dir noch: Vergiß nie, daß alle, die du berührtest, für dich freveln mußten. Alle werden wir durch dich ein Leben lang Schmutz mit uns schleppen müssen. Zuerst ich selbst, der seine Pflicht verletzte! Was werde ich fühlen, wenn ich andre dem Tod und dem Kerker überliefere, die nicht schuldiger sind als du? Aber nicht nur mich, auch Francesca hast du beinahe in Schmach und Sünde, auf jeden Fall ins Unglück gejagt. Und die Griechin? Ich weiß es nicht! Will es nicht wissen!« Nach einer furchtbaren Pause: »Die Strafe vollzieh an dir selbst. Nicht durch Selbstmord. Das wäre billig. Widerlege durch ein langes ehrbares Leben die scheußliche Schmach deiner Jugend!«

Und er kehrte sich jäh ab und ging schnell den Weg, den sie gekommen waren, zurück.

Marco aber hatte nicht einmal mehr die Kraft, ein Wort hervorzubringen. Er brach zusammen, sein Antlitz fiel in den Sand. Und nur leise Stöße seiner Schulterblätter unterschieden ihn von einem Toten.

Plötzlich umgab weiche Wärme seinen Leib, koste ihn, strömte auf ihn ein. Wogendes Pulsen ließ ihn frei im Räume schweben. Der Rest seines Bewußtseins wünschte die Ewigkeit dieses erlösten Zustandes.

Kälte, Kitzel und Gekrabbel im Genick. Ein Käfer. Wo bin ich? Wie kommt der Käfer in mein Bett?

Marco schnellte auf und versank knöcheltief in weichem Sande.

Eine leichte Brise strich um seinen Kopf, zauste an den Haaren.

Ah! Wasser ringsum! Sand! Die Sonne steht schon hoch. Früher Vormittag.

Schicht um Schicht kamen die Bilder der Erinnerung. Geschlafen? Was war Traum, was Wahrheit?

Wüste, schreckliche Träume! Er begann sich umzusehen, lief gegen die flache Höhe der Düneninsel. Draußen, eine halbe Meile weit, Fischerbarken.

Also verfehmt, verstoßen!? Auswurf der Menschheit! Ja, in diesem unseligen Traum hatte er es fast selbst geglaubt. Bah! Jetzt fühlte er anders.

Und trotziger Wille, ein Wille von so wilder Urkraft bäumte sich in ihm auf, daß er die Arme streckte und die Muskeln straffte.

Wo fand er in sich das gräßliche Verbrechen? Die Mädchen sollen mich in Ruhe lassen! Warum ist alles gleich Beschmutzung und Frevel? Hatte er etwa nicht geliebt? Nicht gelitten?

Stärker war er, das war seine Sünde. Sophist Kallikles. Ja, es ist so. Das waren die zwei Welten! Naturgesetz der Kraft, Ur-Recht des Stärkeren und die wimmelnden Ameisenscharen der Schwächlinge, die sich zu Unterdrückung des Mächtigen, des Schönen, des Gottgewollten verbanden.

Schmiedet getrost eure Gesetze! Wer lebt nach ihnen? Wohl nur die Feiglinge und Faulpelze! Oder Besessene wie Malipiero, denen Recht und Sitte Selbstzweck war. Gleiten am Rande dieser Gesetze, einbrechen in die Überlieferung, lachend wieder sich aus den Fallstricken ziehen, ja, das allein war Leben!

Nur kein jammerndes Elend! Wo war das schreckliche Delictum, wenn man einigen Reichen Mehl verschafft, das sonst gar nicht nach Rialto gelangt wäre? Spürten sie die paar Zechinen? Wurde dadurch die Republik ärmer? Va bene! Aufreizung? Nun, er hatte mehr als einen Sack an Hungrige verschenkt. Die Kinder des Schneiders hatten rote Backen bekommen. Und andere Kinder auch.

Er schätzte die Entfernung zu den Barken. Sicherlich konnte man da lange Strecken waten. O, ein Abenteuer, ein Spaß, sonst nichts!

Gut, die eine Welt stieß ihn aus! Er hatte noch die Griechin. Die wußte von den Geschäften, ohne sich zu bekreuzigen.

Da kroch ihn leise Ernüchterung an. Nutznießerin der Schmach, sie billigt alles, was Geld trägt, höhnte es plötzlich. Und Maffio und Nicolo? Was würden die sagen? Fast zwei Wochen war er fort vom Hause. Freuen werden sie sich, mit offenen Armen den verlorenen Sohn empfangen!

Nein, mein Freund! Das ist zu rosenrot gesehen. Etwas Nüchternheit wäre angezeigt. Pfui! Das Leben auf Rialto wird nicht mehr sehr gemütlich sein. Wer weiß, ob nicht manches durchsickert. Hallo, das wäre ein Futter für Barbigo und die andren Neider!

Also fort aus Venedig! Hinaus aufs Meer! Ja, sehr schön. Zwei Jahre kann es währen, bis wir abreisen.

Schluß mit den Grübeleien. Ich werde zu den Barken schwimmen.

Er warf die Kleider ab, schnürte sie in ein Bündel und band sie über den Kopf. Den Mantel ließ er liegen.

Einige hundert Schritte konnte er waten. Dann verlor er plötzlich den Grund. Mit wonnigen Gefühlen stürzte er sich flach ins laue Wasser, wie Mädchenarme genoß er die Umkosung der Flut und schnellte sich vorwärts, daß es um ihn schäumte.

Den erstaunten Fischern bot er reichlichen Fährlohn. Einer, der wenig vom heutigen Fang erhoffte, goß ihm Rotwein aus einer Korbflasche in einen Zinnbecher und ruderte, ohne zu fragen oder zu grübeln, mit ihm gegen San Marco.

 

In einem abgelegenen Teil des Barkenhafens traf er Enrico. Wenige Sätze und der Diener verstand.

Sie saßen in einer kleinen Osteria. Niedere Decke aus geschwärzten Balken. Fischgeruch. An den Wänden Flaschenkürbisse. Im Hintergrunde auf einem Herde Holzkohlengeflacker, das die alte Padrona mit einem Truthahnwedel anblies, während auf einem Rost in Öl getauchte Sardellini schmorten und ab und zu zischend Feuer fingen.

»Kein Wort mehr von der Sache!« raunte Marco und stürzte ein Glas Wein hinunter, da ihn ein wenig fröstelte. »Benachrichtige die Zwischenleute! Sie sollen den Mund halten und Ruhe geben. Nach Entdeckung der Durchfahrt ist nichts mehr zu holen. Dann lauf zum Geldwechsler und heb alles Geld ab. Dreihundert Zechinen sind beim Teufel. Es ist nicht viel. Und dann – ja, das Wichtigste! Geh in den schwarzen Palazzo, aber so, daß dich niemand sieht. Du triffst das schon. Durch den Geheimgang vom Keller. Und bring mir anständige Kleider, den Degen und einen Teil des Geldes. Den Rest versteck im Palazzo! So, jetzt bin ich am Ende.«

Der Wirt kam eben vorbei.

»He, Padrone, habt Ihr ein Zimmer, in dem ich einige Stunden schlafen kann? Bin die letzten Tage meist im Boot gelegen oder im Freien. Mein Freund hier weckt mich, wenn er zurückkommt.«

»Gewiß, gewiß! Alles habe ich für Gäste, die zahlen können!« Der Padrone verbeugte sich mit verlegen pfiffigem Lächeln.

»Ah, du meinst, daß ich wie ein Landstreicher aussehe?!«

»Nicht doch, Masser, nicht doch!«

»Nun gut! Recht hast du! Hier Bezahlung im voraus!« Und er warf Münzen auf den Tisch.

»Verzeiht, verzeiht tausendmal, hier am Hafen...!«

»Genug, laß das! Wo ist das Zimmer?« Marco war schon aufgestanden. Enrico eilte, ohne weiter zu warten, davon, da er den Nachforschungen Malipieros zuvorkommen mußte.

Der Wirt führte Marco sogleich eine knarrende Holzstiege hinan und öffnete ein Zimmerchen mit winzigem Fenster. Ein riesiges Doppelbett füllte nahezu ganz den Raum.

»Es ist mein eigenes, Masser!« Der Padrone warf sich stolz in die Brust. »Kein Ungeziefer, kein Lärm, keine Gespenster!« fügte er anpreisend bei.

Marco lachte. Dann schloß er hinter dem Padrone den Riegel und wühlte sich in die Polster. Nach wenigen Augenblicken sank er in tiefen, traumlosen Schlaf.

»Alles in Ordnung!« meldete Enrico, der ihn nach einigen Stunden aus dem Schlummer gepocht hatte. Er hielt das violette Gewand über dem Arm.

»So, die alten Lumpen werfen wir auf die Hafenmauer! Der Padrone wird eine Grimasse schneiden, wenn er mich sieht. Ist er ein Schwätzer?« Marco begann sich mit Hilfe Enricos umzukleiden.

»Beileibe nicht! Vater von Schmugglern und andren Halunken! Ich kenne ihn lange!« Enrico lachte über seine eigene Ausdrucksweise.

»Dann sag ihm, er soll über meinen Besuch gründlich den Mund halten. Gib ihm noch die fünf Silberstücke. Oder lieber die ganze Zechine! Ich komme gleich nach. Ich muß mich noch kämmen!«

Enrico ging. Marco suchte vergeblich nach Kamm und Spiegel. Endlich gab er's auf und folgte Enrico.

Die Wirtsleute starrten den Verwandelten an wie ein Wunder.

»Am Ende Masser Polo selbst?« raunte der Padrone und stieß Enrico an.

»Bei der Madonna, du irrst!« höhnte Enrico und blinzelte. »Es ist der Sohn des Senators Loredano, der heute nachts ein gefährliches Liebesabenteuer drüben in Treviso hatte!«

»Va bene! Ich verstehe! Daß ich den Loredano nicht gleich erkannt habe? Bin ich dumm!« Der Wirt blinzelte grinsend zurück. Was ging's ihn an? Natürlich war es Marco Polo! Er hatte die Zechine und hielt das Maul. Selbst auf der Folter. Das war sein Geschäft. Basta!

»Zu Monna Melissa! Hast du eine Gondel?« Marco winkte Enrico zu sich.

»Ich habe eine! Gleich fahren wir. Hoffentlich ist sie zu Hause!« Und Enrico schnitt ein bekümmertes Gesicht.

»Wo soll sie sein?« Marco stutzte. Dann machte er eine verächtliche Geste mit der Hand. Er wollte jetzt keine Aufklärung.

Der Pförtner des maurischen Palastes wollte ihn nicht einlassen. Was war los? Enricos Bemerkung fiel ihm plötzlich ein.

»Sie erwartet Euch erst für morgen! Monna Melissa ist ausgefahren!« jammerte der Alte.

»Nichts ist sie!« Marco geriet in Zorn. »Ich sehe ihre Gondel dort drüben. Sag die Wahrheit!«

»Sie ist unwohl! Hat Kopfschmerzen!« Der Pförtner bat, stotterte. Schließlich, als Marco derb wurde, begann er zu drohen: »Es ist ihr Haus, nicht das Eure! Habt doch Vernunft! Ich schlage Euch einfach die Türe vor der Nase zu!«

»Das werden wir sehen!« Marco verlor die Selbstbeherrschung. Er stieß den Pförtner zur Seite, der zurücktaumelte, und stürzte die Treppen hinauf.

Enrico nahm sich des Winselnden an.

»Ein Unglück, ein großes Unglück! O, Madonna! Hätte er mir doch gefolgt! Ich meinte es ja gut mit ihm. O, ein Unglück, ein unausdenkbares Unglück!« Er jammerte weiter, ohne daß Enrico sogleich den Grund seiner Angst erfuhr.

Inzwischen hatte Marco hart an der Türe gepocht und war, ohne Erlaubnis abzuwarten, eingetreten.

Er erstarrte.

Sah er recht? Um Gotteswillen! Melissa, die Laute in der Hand, an die Brust Morosinis gelehnt? Ha, und das meergrüne Kleid, das durchscheinende Mirakel!

Seine Hand fuhr zum Degen.

Da nahm ihn Melissa wahr.

»Bist du toll, Marco?« Sie sprang auf und blickte ihm, bleich vor Zorn, entgegen, während sich ihre Zähne hart in die Unterlippe senkten. »Wer hat dir erlaubt, hier einzudringen?«

»Ich selbst!« Marco warf den Kopf zurück und zog die Waffe ein Stück heraus. Mit einem Blick auf Morosini, der ihn drohend anstarrte: »Hat jemand etwas dagegen? Er möge vortreten!«

Da lachte Morosini höhnisch auf:

»Nein, mein Freundchen! Mit Mehlwucherern fechte ich nicht! Ich bin ein Edelmann, mein Söhnchen!«

Marco fühlte plötzlich den Boden unter sich wanken. Ein heiseres Keuchen war alles, was er hervorbrachte. Schlaff fielen seine Hände herab, daß der Degen in die Scheide zurückklirrte.

Melissa aber fuhr herum. Jetzt traf ihr hassender Blick Morosini. Sie bebte am ganzen Leibe:

»Ein Edelmann? Ein wortbrüchiger Schurke bist du, ein Schelm! Geh! Ich will dich nie mehr sehen!« Schnell zu Marco: »Du aber bleib noch ein Weilchen. Ich will dir einige Worte sagen, bevor ich auch dir den Abschied gebe!«

Morosini stand bestürzt vor ihr. Marco hatte sich noch nicht bewegt. Plötzlich gab sich der Römerkopf einen Ruck und erwiderte leise:

»Ich habe mein Wort nicht gebrochen, Monna Melissa!«

»Wieso? Willst du noch lügen?«

»Nichts will ich, als mich reinwaschen! Das könnt Ihr mir nicht verwehren nach Eurem gräßlichen Vorwurf!« Schnell und stoßweise: »Ich habe ja nur geschworen, Marco Polo nicht zu verraten! Ist es Verrat, wenn ich es ihm selbst sage? Er weiß es doch!«

Melissa lachte höhnisch auf. Auch Marcos Entsetzen legte sich, da er sah, daß Morosini einlenkte.

Plötzlich geschah etwas Unerwartetes. Der mächtige Kämpfer Morosini ging auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und sagte schlicht:

»Verzeiht, Marco Polo! Ich habe Euch beschimpft. Verzeiht! Ihr wißt, ich liebe Melissa. Noch einmal mein Ritterwort, daß ich Euch nicht verrate. Im Gegenteil. Ich werde Euch schützen. Ich habe es ihr versprochen!«

Marco erfaßte die Lage nicht. Er erwiderte nur treuherzig den Handschlag, da ihn der edle Ton bezwungen hatte.

Melissa aber sagte:

»Das war schön von dir, Gasparo! Schön und eines Morosini würdig. Ich erwarte dich morgen vormittags!«

Morosini erwiderte wie erlöst:

»Eigentlich ist doch nur der Ungestüm des edlen Polo an allem schuld gewesen!«

»Zugegeben! Auf gute Freundschaft, Morosini!« Marco, halb verwirrt, wollte vor Melissa nicht an römischer Seelengröße zurückstehen. Dann mit Pathos: »Vielleicht kämpfen wir noch einmal Seite an Seite für San Marco! Es wäre herrlich!«

»Ausgemacht! Gegen die Genovesi!« Gasparo lachte und küßte Melissa zum Abschied die Hand.

Dann ging er, ohne sich umzublicken.

Marco und Melissa standen einander schweigend gegenüber.

Unvermittelt veränderte sich ihr Antlitz zu tiefer Traurigkeit.

»Ich habe viel getragen für dich, Marco Polo! Du aber würdigst es nicht, verstehst es nicht! So muß ich sprechen!« In höchster Erregung: »Ich bin seit vorgestern die Verlobte Morosinis!«

»Was? Die – Verlobte – Morosinis?« Marco schlug die Hände vors Antlitz. Dann jäh, in ausbrechender Wut: »Die Verlobte? Sag es nicht noch einmal! Eine entzückende Braut, die andre um Geschenke ansieht und Liebe heuchelt!« Plötzlich aufschreiend: »Was habe ich gesagt? O, es ist entsetzlich! Furchtbare Erlebnisse haben meinen Verstand verwirrt. Ich werde ein Ende machen!« Dumpf lallend: »Ich – werde – ein – Ende – machen!«

»Nein!« Hoheitsvoll befehlend, wie Marco sie noch nie gehört hatte, ihre Stimme. Aufgerichtet stand sie vor ihm. Ihre flammenden Augen zwangen ihn nieder. Dann leiser, doch nicht weniger heischend: »Nein, du wirst leben! Durch mich wirst du leben! Nicht an mir zerschellen!«

Marco sah sie an. Narrte ihn eine Vision? Wie konnten diese Augen nach seinem gräßlichen Schimpf plötzlich so liebevoll, so rein, fast mütterlich blicken? Er kniete langsam vor dem Unverständlichen nieder.

»Steh auf, Marco!« sagte sie in ganz verändertem, fast spöttischem Tone. »Steh auf und setz dich neben mich. Und lausche schweigend.«

Er gehorchte gebannt.

»Die Kurtisane, die Dirne! Ja, Marco, das denkst du! Oder nicht?« Sie lachte bitter. »Eigentlich muß ich dir für deine Schmähung dankbar sein. War es doch nur die hörbare Bestätigung für das Gelingen meines Werkes!« Sie machte eine Pause.

Dunkle Scham würgte im Halse Marcos, daß er kaum zu atmen wagte. Was wollte sie? War sie keine Kurtisane? Was hatte er getan? Tränen stiegen in seine Augen.

Melissa aber sprach plötzlich ruhig weiter.

»Ich hatte dir nie etwas gesagt, hätte auch das noch für dich getragen, Marco! Ich tat es ja bewußt. Nein, Marco, dieser Palast stammt nicht aus dem Sündenlohn von hundert Liebesnächten! Er ist das Erbe nach meinem Vater. Davon später. Komm jetzt ins Nebenzimmer!« Sie stand auf. Marco folgte ihr.

Es war ein Schlafgemach. Felle auf den Fliesen. Herrliche Vasen und Bronzen. Ein antiker Marmortorso. Auf einem Tischchen alle seine Geschenke, wie zum Verkauf ausgelegt. Vorne ein schmutziger Handschuh.

»Was soll das?« Marco wies fragend auf die wohlbekannten Dinge.

»Dein erspartes Eigentum, mein Freund!« sagte Melissa ruhig. »Vieles davon hätte mich erfreut. Denn es war in Liebe gegeben. Um eines aber bitte ich dich. Laß mir den Handschuh, den du einmal in der Nische verlorst, als du – ich nenne es so und werde es stets so nennen – als du von einer deiner Abenteuerfahrten zurückkehrtest.«

Eine Ahnung blitzte in Marco auf, die ihn zerschmetterte:

»Du wolltest dich vor mir niedrig machen, wolltest mir alles schenken, ohne mich zu binden, wolltest ... ?«

»Gewiß, Marco, das wollte ich nicht nur, ich tat es! Doch jetzt erwidere nichts, sondern höre weiter!« Sie zog ihn auf das Fell und legte den Arm um seine Schulter.

»Gut, Marco, du mußtest glauben, ich sei eine große, eine vornehme, eine besonders abgefeimte Dirne. In den Augen der Welt bin ich es vielleicht. Ich aber liebte dich wirklich. Ich rettete dich. Das weiß ich heute besser als je. Nun aber muß ich auf dich verzichten, Marco. Mißversteh mich nicht. Bis ans Ende der Welt würde ich dir folgen. Damit aber wäre auch mein Werk vernichtet. Neue Fesseln für dich, neue Unfreiheit!« Nach einer Pause: »Da ich jedoch weiterleben will, flüchtete ich mich zu dem, der mir nach dir der Liebste ist. Zu Gasparo. Er wird mich heiraten. Du kannst es nicht verbieten, Marco! Jetzt befreie du mich! Denn du mußt hinaus ins Unerforschte. Dorthin öffnete ich dir den Weg!«

Marco kämpfte einen gräßlichen Kampf mit sich selbst. Schon wollte er sie an sich reißen zu ewigem Besitze. Liebe strömte in ihm empor. Ja, jetzt erst liebte er sie! Er hatte sie besessen, stets begleitet vom Unbehagen des halb Erkauften. O, schreckliche Blindheit! Nein, sie war zu groß, zu reif für ihn. Nie würde er sie beherrschen, nie sie in Wahrheit besitzen. Die Ferne lockte. Andre würden kommen, andre, ebenso rätselhafte Frauen mit herrlichen Leibern und großen Seelen. Variatio aeterna! Ewiges Wechselspiel! Göttin Ungewißheit! Hier gab es nur mehr eine Entscheidung oder Tod.

»Ich habe dich nicht freizugeben! Nie warst du gebunden! Du bist eine Heilige, Melissa!«

Tränen stiegen in ihre Augen.

»Heilige? O Marco, was sprichst du? Ja, Jünglingen, vielleicht auch manchen Mädchen werde ich dafür erscheinen, weil ich das Leben, die Freiheit höher schätzte als die sogenannte Sünde. Vor mir selbst bin ich alles andre denn heilig! Mein ganzes Leben werde ich an dem Geheimnis vor meinem Gatten zu schleppen haben! Morosini wähnt der Einzige zu sein, der mich besaß. Er glaubt fest an mein Wort. Du bist größer, zukunftsreicher, er ist aber besser als du, Marco Polo. Darum vielleicht mußte ich ihn betrügen. Es ist wohl der Zwang des Schicksals! Heilige? Und was wird Gott sagen? Ich kenne Gott nicht, weiß nicht, ob er wie ein junger oder wie ein alter Mensch über Leidenschaften denkt! Ich werde ihm die Füße küssen, werde ihn an Magdalena erinnern und jede Strafe tragen. Tat ich doch alles aus Liebe. Zu dir, zu mir, zum großen göttlichen Leben!«

»Gott wird dich lieben!« Ekstatisch rief es Marco aus.

»So wie dich, Marco Polo! Nicht mehr und nicht weniger! Wir beide sind Bürger einer mittleren Welt. Nicht ganz Geist, nicht ganz Fleisch! Und jetzt leb wohl, Marco, und wisse, daß du in den Armen der natürlichen Tochter eines hellenischen Fürsten lagst! Segnen mögen dich alle Götter, die das Leben behüten!«

Zum ersten Male sah er in ihren Augen einen fast hilflos weichen Schimmer. Langsam hob sie die Hand und zeichnete mit zitterndem Finger das Zeichen des Kreuzes auf seine Stirne.

Marco aber preßte sie im Bewußtsein endgültigen Abschiedes noch einmal an sich.

Dann floh er und erwachte erst, als die Gondel ihn durch die Kanäle entführte.

 

»Hallo, Enrico, was geht dort vor?« Marco hatte den Ruf in starkem Staunen ausgestoßen. Denn eben war der schwarze Palazzo in Sicht gekommen. Ein großer, flacher Kahn, durch ein Brett mit den Bohlen des Anlegeplatzes verbunden, war schon hoch mit Waren beladen. Halbnackte Tataren liefen auf dem schwankenden Stege auf und ab.

»Es ist verdächtig! Die Massere scheinen Waren einzuschiffen!« Enrico suchte vorgeneigt, wo er die Gondel hintreiben solle.

Jetzt waren sie ganz nahe. Der Palazzo summte von Geschäftigkeit. Die Fenster standen weit offen. In der Einfahrt hämmerte und staubte es.

Marco durchzuckte eine freudige Ahnung. Befreiung! Fort, weit hinaus! Weg aus dem Käfig! Keine Furcht mehr, daß die leisen Traurigkeiten, die in ihm versteckt aufquollen, volle Gestalt und Grundstimmung würden.

Er sprang ans Land und stürmte an der Kette der Träger, die ihre Kopflasten schweißtriefend balancierten, vorbei.

Fast prallte er an Maffio, der in der Vorhalle stand.

»O, welche Überraschung!« Maffio pfiff durch die Zähne. Plötzlich aber legte sich ein scheuer, bekümmerter Zug über sein Antlitz und er kehrte sich ab.

Marco folgte der Richtung seines Blickes und erschrak. Denn Nicolo stand dort, vorgeneigt, wie zerbrochen. Ein unsäglich müder Ausdruck ohne jede Spannkraft im verwitterten Gesicht.

War der Vater krank? Oder war es nur das Leid um den Sohn? Der Schmerz über die Erniedrigung, die er durch Malipiero erlitten hatte? Marco wollte hinstürzen, wollte herausschreien: Vater, Vater, was war deine Schmach gegen meine ...

»Was geht hier vor? Fahren wir ab? Wird die Galeere beladen?« Marco merkte kaum, daß nicht ein Wort des Grußes ausgetauscht worden war.

Maffio stutzte über den Tonfall des Neffen.

»Und wenn du recht hättest? Was würdest du dazu sagen?« Noch immer die Unsicherheit in der Stimme Maffios. Nicolo aber trat ein Ausdruck quälender Angst in die Augen.

Endlich verstand Marco. Wie hatte er vergessen können, daß er, er allein, den beiden jeden Gedanken an die Reise vergällt hatte? Daß sie notwendigerweise wieder einen Ausbruch seines Trotzes, eine Tollheit erwarteten? Nein, nicht länger sollt ihr leiden, ihr Guten, ihr, meine Nächsten!

»Was ich sagen würde?« Ein Jubel kam in seine Stimme. »Gott soll den Tag segnen, an dem ich mit euch hinausfahre in die herrlichen Weiten!« Hastend und ängstlich: »Fahren wir? Schnell! Sagt es mir schnell!«

»Brav, mein Bürschchen! Das ist ein gutes Omen!« Maffio lachte erlöst auf. »Bravo, so ist's recht! Jetzt sehe ich erst, daß du ein andres Gesicht bekommen hast! Wie ein ganzer Mann siehst du aus, Marco!«

Marco errötete.

Nicolo aber, der erst langsam die Veränderung erkannt hatte, machte einige Schritte auf die beiden zu. Dann blieb er plötzlich starr stehen.

Da erblickte Marco, wie der Vater die alten sehnigen Hände meinanderkrampfte und die Lippen bewegte, ohne daß ein Ton entstand. Dankgebet? Erfüllung?

Marco stürzte auf den Vater zu und umarmte ihn wild. Er fühlte einen schweren Kuß auf seiner Stirne.

Unvermittelt heisere, kaum beherrschte Worte:

»Nie wirst du es bereuen, daß du mit uns gehst, Marco! Nie, nie! Ein guter Engel hat dich zurückgeführt. Dein Glück ist es wie das meine!« Nicolo kehrte sich schroff ab und verließ, ohne sich umzusehen, mit langen, festen Schritten die Vorhalle.

Marco schwieg ergriffen.

»Er zürnt nicht, Marco! Er muß sich nur sammeln! Laß ihm jetzt den Frieden, den er dringend braucht. Du ahnst nicht, was er die letzten Tage durchlitt!« Maffio sagte es leise wie vor sich hin. Dann laut und übermütig: »So, mein Bürschchen, du bist also wieder eingerückt. Du erwartest natürlich, mit dem bekannten gebratenen Kalb empfangen zu werden. Daraus wird aber nichts, du Schelm!«

»Ich habe keinen Hunger, Oheim! Ich bin ein reicher Mann, der sich die Kälber selbst kaufen kann!« Marco wurde von der langentbehrten Munterkeit Maffios angesteckt.

»Nun, bescheiden bist du geworden. Du bist wirklich die Hoffnung meines Greisenalters!« Abgelenkt: »Ah, Enrico ist auch da. Sehr gut! Komm später zu uns in den Hof hinaus. Ich brauche deine Mitarbeit!« Und er zog Marco am Arme fort. Im Gehen rief er den unermüdlichen Dienern noch mancherlei Befehle zu.

 

Stockend und verlegen, nicht ohne leise Angst vor dem Urteil des Oheims, hatte endlich Marco seine geschäftlichen Irrwege zu schildern begonnen. Drängende, schonungslos treffsichere Fragen Maffios entrissen ihm auch den Rest des Geheimnisses, den dramatischen Abschluß am heutigen Morgen.

Maffio pfiff, schlug sich mehr als einmal aufs feiste Knie, runzelte die Stirne, lachte höhnisch heraus, schüttelte mißbilligend den Kopf.

Die beiden saßen im Schatten bei einer Karaffe griechischen Weines am Steintisch. Kühlende Frische wehte von der Zisterne herüber.

Maffio blinzelte gegen den Abendhimmel, als Marco seine Erzählung beendet hatte: »Du willst jetzt meine unmaßgebliche Meinung über die ganze Schererei hören? Oder nicht?«

»Gewiß, Oheim! Du wirst es verzeihlich finden, wenn mich die Sache verwirrt!« Marco erwartete gespannt die nächsten Augenblicke.

Maffio wiegte den Kopf auf und ab und ließ sich reichlich lange Zeit. Unvermittelt:

»Also fürs erste: An und für sich finde ich gar nichts dabei. Du mußt mich verstehen. Ich sage: An und für sich! Zweitens: Es ist gut abgelaufen. Vergeltung des Schicksals. Malipiero ist im Zusammenhang mit unsrer Geschichte Kapitän des Golfs geworden. Beziehungen sind stets wertvoll. Außerdem: Wenn etwas gut abläuft, ist es in Ordnung. Sehr geistreich, nicht? Solche Dinge braucht man nicht mehr zu untersuchen, man soll nicht mehr grübeln, sonst patscht man bei zukünftigen Fällen hinein, weil man ängstlich wird.«

Enrico war eben in den Hof gekommen und stand wartend vor ihnen.

»Ah, richtig! Also Enrico – du verzeihst einen Augenblick, Marco! – also du mußt so rasch als möglich noch ein paar feste Burschen dingen. Wir fahren vorläufig nach Acre. Dann weiter, immer weiter! Ich will mindestens zehn Venezianer um mich haben auf der Reise. Auch ein Gesindel, schließlich aber Landsleute. In der Fremde fühlt man das erst. Da hält man wie Kletten zusammen. Vielleicht den roten Beppo oder dergleichen Lämmlein? Du verstehst mich, Enrico. Es wird den Patronen gut gehen. Wir sind nicht geizig. Also fix, Enrico! Addio!« Er winkte ihn freundlich fort.

»Bei der Madonna! Ich bringe Euch alle meine Saufbrüder!« Der Riese, hocherfreut über seine Keckheit, machte sich davon.

»An und für sich, habe ich früher gesagt!« Maffio, noch lächelnd über Enrico, knüpfte sofort wieder an, wo er aufgehört hatte. »Das heißt, solche Geschäfte kann man zwar machen, aber nicht überall. Es war dein Fehler, liebes Kind, daß du sie hier gemacht hast. Vertrauen, Ehrsamkeit ist für den großen Kaufmann alles. Sitte und Ehre richten sich aber nach Landesgebrauch. Also: Es gibt sozusagen kein an sich schmutziges Geschäft. Im Osten, in einigen Gegenden des Ostens meine ich, kannst du weitaus ärgere Dinge treiben. Vorausgesetzt, daß Geld und Ware, Wort und Unterschrift nicht verletzt werden. Die Kaufmannsehre ist sozusagen etwas rein Äußerliches, etwas ... Zum Teufel, schon wieder kommt ein Störenfried! Ich habe so schön geredet. Nicht einmal Vorträge kann man im eigenen Haus halten!«

Marco war aufgestanden und sah erstaunt dem Pförtner der Griechin entgegen, der unterwürfig näher trat.

»Was bringst du?« Eine leichte Erregung würgte im Halse Marcos.

»Masser, Monna Melissa läßt Euch grüßen! Ihr habt das in ihrem Hause vergessen!« Er reichte Marco eine zierliche Ebenholzkassette, die mit Perlmutterarabesken eingelegt war.

»Ich? Vergessen? Ich habe das Kästchen nie gesehen!« Marco fand sich nicht gleich zurecht.

»Den Inhalt, Masser, den Inhalt! Das Kästchen sollt Ihr, hat sie gesagt, als kleines Andenken nehmen. Sie hat gehört, daß Ihr fährt. Sie wünscht Euch Segen und Heil auf die Reise! Sonst habe ich nichts zu melden!« Und er verbeugte sich und eilte davon.

»O, o!« machte Maffio neckend. »Hübsche Geschichten! Das Kästchen ist nicht übel. Sehr lieb von ihr. Solche Frauen wie Melissa sind selten! Du weißt gar nicht, wie gut es dir geht, Bürschchen!«

»Heute weiß ich es! Es liegt ein langer Weg hinter mir.« Marco stellte das Kästchen, nachdem er flüchtig hinein geblickt und seine Geschenke darinnen gefunden hatte, auf den Tisch. Kein Brief! Es war besser, obwohl es ihn leise schmerzte.

»Also Schlußbilanz: Ein venezianischer Edelmann soll nicht offen Brotwucher treiben! Auch nicht mit achtzehn Jahren. Besonders aber dann nicht, wenn er noch vor einigen Wochen ein angehender Philosoph war!« Maffio war äußerst aufgeräumt. Plötzlich fuhr er fort: »Für die rein geschäftliche Durchführung meine Anerkennung! Die Sache war umsichtig und gut geleitet. Zumindest eine lehrreiche Vorübung!« Ernster werdend: »Wieviel hast du, wenn man fragen darf, verdient?«

»Den heutigen Verlust abgerechnet, fünfzehnhundert Zechinen!« Marco sah sehr stolz drein.

»Alle Achtung!« Maffios Gesicht wurde plötzlich äußerst bekümmert. Er kämpfte einen Augenblick mit sich selbst. Dann rasch:

»Hängst du sehr an dem Gelde, Marco?«

»Ich verstehe dich nicht!« Der Jüngling sah ihn fragend an.

»Ich meine, wie soll ich sagen ...« Nachdenklich: »Nun, wir sind doch jetzt wieder eng befreundet. Du und ich und Nicolo. Wir haben an Edelsteinen in den letzten Tagen sehr viel verdient. Es wird dir sicher an nichts fehlen. Du wolltest doch in erster Linie durch das Geld von uns unabhängig sein? Oder nicht? Jetzt aber ist es dir gleich, ob du vergeudest oder ob wir Geld hinauswerfen? Stimmt das?«

»Ich glaube, es ist nichts einzuwenden!« Marco versuchte, die Absicht Maffios zu ergründen. Einen jähen Verdacht verscheuchte er sogleich. Nein, Maffio wollte ihn nicht wieder in Abhängigkeit locken und dann plötzlich andre Saiten aufziehen. Das hätte man früher besser gekonnt. Ah, jetzt ahnte er etwas: »Du meinst, ich soll auf diesen – auf diesen Wuchergewinn verzichten?«

»Erraten!« Maffio schlug sich freudig aufs Knie. Schnell und deklamierend: »Marco Polo, ein edler, junger Venezianer, spendet gelegentlich seiner Abreise aus Dankbarkeit für die geliebte Vaterstadt ein kleines Vermögen. So edel ist dieser zukunftsreiche Jüngling, daß er, der doch selbst im Überfluß lebt, den Hunger der Ärmsten versteht. Ergo widmet er das Geld für den Ankauf dalmatinischen Getreides, das an die armen Kinder verteilt werden soll! Benissimo! Die Mütter werden Tränen der Rührung vergießen, der gemeine Mann wird noch in vielen Jahren sagen: Das war der Marco Polo, der unsere Kinder in schwerster Not unterstützte – und Malipiero und die ganz Genauen werden, wenn etwas durchsickert, endlich denken: Gut, ein Jungenstreich! Er hat's eingesehen! Und wie ein Edelmann gehandelt. Anscheinend doch nicht Gewinnsucht, sondern nur eine Art Abenteuerlust! – Nun, Marco bist du einverstanden?«

Marco hatte mit zunehmendem Staunen zugehört. Die Geschicklichkeit war berauschend, mit der Maffio über alle Klippen turnte. Er lächelte belustigt:

»Die nächsten paar Jahre wirst du mich unterrichten, Oheim! Ich beginne, gewaltigen Respekt vor dir zu bekommen!«

»Nun, nicht doch!« Fast verlegen: »Es ist ja nur so ein plötzlicher Gedanke gewesen. Scheint er dir gut?«

»Erlösend! Ich werde ihn ohne Zögern befolgen!«

»Nun, es freut mich, daß wir einander so gut verstehen. Du wirst jetzt auch bald den Vater voll begreifen lernen. Er ist sicher viel klüger und charaktervoller als ich. Ja, noch etwas! Nicolo erfährt nichts von den Geschäften! Denn er würde vielleicht entsetzt sein bei seiner peinlichen Genauigkeit. Er wird auch nicht fragen, glaube ich.« Aufblickend, in echter Herzlichkeit: »Ich freue mich schon sehr auf die gemeinsame Reise!« Sich besinnend: »Richtig, du weißt ja noch gar nicht, warum wir so schnell abreisen! Sehr einfach: Vesconti, der päpstliche Legat, hat uns aus Acre geschrieben. Er will uns im heiligen Lande haben. Wahrscheinlich sollen wir irgendwie zwischen Jerusalem und den Tataren vermitteln. Va bene! Wir können ebensogut in Acre auf die Papstwahl warten wie hier!«

Marco hatte nur mehr mit halbem Ohre zugehört. Es quälte ihn ohne ersichtlichen Grund ein Problem, das er schon oft hatte Maffio vorlegen wollen.

Sie wurden unterbrochen. Ein Aufseher bat Maffio, mit Marco in die Vorhalle zu kommen, da Nicolo ihrer Mithilfe bedürfe.

Im Aufstehen sagte Marco noch schnell:

»Darf ich dich mit einer philosophischen Frage belästigen?«

Maffio lachte hellauf:

»Du meinst wohl, ich sei so ein dicker Epikuräer oder Stoiker?«

»Die Schule tut nichts zur Sache!« Marco lachte mit. »Es ist mir aber die letzten Wochen mehr als einmal widerfahren, daß ich wie ein Dummkopf dastand und handelte, obwohl ich genau Bescheid wußte. Es ist wie eine Lähmung. Das ist das Problem!«

Sie befanden sich schon in der Toreinfahrt.

»Jedem geht's so!« Maffio bildete stolz eine Sentenz, die ihm augenscheinlich selbst gefiel. »Sehr einfach!« sagte er und machte eine verächtliche Handbewegung: »Zuerst sind die Gedanken größer als die Taten. Das ist die Jugend. Dann stimmen Gedanke und Tat überein. Reife! Endlich läuft die richtige Tat dem Gedanken voraus. Höhe und Vollendung!« Er konnte sich nicht versagen, schmunzelnd beizufügen: »Die dritte Stufe ist die meine!« Dann hieb er Marco auf die Schulter, daß es klatschte.

In diesem Augenblick sprach Nicolo den Sohn freundlich an und bat, ihn bei der Eintragung der verladenen Waren zu unterstützen. – – –

Alles zugleich! Wer konnte es fassen, wer voll begreifen?

Brise aus Nordost. Vor ihrem Wehen liefen die langen Wogenrücken tanzend einher, überschlugen sich, verschäumten rauschend in die eigenen Täler.

Die Brise sang in den Wanten. Tauwerk knirschte und streckte sich.

Jetzt zur Rechten, weiß und langgedehnt, der Lido Malamocco.

Hallo! Uno, due! Hallo, fester! Uno, due, uno, due!

Die Ruder hieben in den Gischt.

Über ihnen die schrille Stimme des Capitanos der Ruderknechte.

Maffio, Nicolo und Marco Polo versanken in den weichen Polstern, die auf buntgeschichteten Teppichen lagen. Gestickte Prunkgewänder, Blitzen von Juwelen, funkelnde Weine. Ein Räucherbecken in ihrer Mitte, aus dem der Duft schwerer Spezereien aufstieg und in hellen Schwaden über das Tosen des Meeres gegen Malamocco wehte.

Uno, due! Hallo! Fester! Uno, due!

Hundert Rücken krümmten sich nackt und schweißtriefend, hundert muskelzuckende Arme stießen die baumlangen Ruder vor, daß ein einziger Schlag das Meer zu peitschen schien.

Zwischen den Ruderbänken eine lange Brücke: Das Verdeck. Breit und glatt, die Bohlen mit Teer verpicht. Ansteigend zum Bug, den eben die Gewalt der Wogen gehoben hatte.

Im Wettlauf torkelten die Wellen brausend an den Sand der nahen Düne.

Alles war zugleich! Wer konnte es fassen?

Jetzt sprangen geschmeidige Bursche, dem Bauche der Galeere entronnen, auf die Reling. Hielten sich an den Wanten. Neuer Befehlsruf. Knarrend gingen die Segel hoch. Ocker und heller Karmin auf dem blauen Grunde des Himmels.

O, es pfiff und blaffte und knatterte und kreischte. Jetzt waren die Tücher straff gespannt in bauschiger Wölbung. Möven jagten vorbei. Die Galeere neigte sich unter dem Drucke.

Maffio erhob den Becher.

Am Heck baumelten die riesigen Laternen.

»San Marco, San Marco!« brüllte er in den Wind.

»San Marco!« dröhnte es aus hundert Kehlen zurück.

Die Wimpel flatterten. Bunt breitete sich die Flagge des heiligen Marcus, die ruckweise zur Gaffel emporstieg.

Hallo! Uno, due! Die Ruderknechte warfen sich gegen die Riemen, daß sich das Holz bog.

Vorne auf dem Verdeck die Tataren und Turkomanen. Wild und ekstatisch.

Alles war zugleich! Wer konnte es fassen?

Marco Polo schrie in den Wind hinaus. Seine Stimme ward von der Vielfalt des Lärmens verschlungen.

Ho! Wie sie tanzten, die Tataren! Stampfend die Planken in kleinen Kreisen. Trommeln und Pauken, das Quäken der Balalaiken. Einer hatte den Affen auf der Achsel und riß ihn im Takt am Arm, daß das Tier verängstigt um sich starrte.

Plötzlich auf der anderen Seite des Bordes die Venezianer. Kauernd in einer Reihe zwölf Männer. Was für Männer!? Enrico, Beppo und die zehn Kumpane. Riesen. Flammende Augen. Starrende Muskeln. Zwölf Lauten klirrten zugleich los. Geschlagen von wüsten Pranken. Zwölf wilde Kehlen brüllten. Trotzdem ein leichter, tanzender, hüpfender Canto. Die zwölf wilden Oberkörper wiegten sich hin und her. Weit offen die Münder. Blitzende Zähne. Lächeln in brandroten Antlitzen. Überpurzelnder Wortschwall. Mare, Mare und wieder Mare! dröhnte es sonor aus dem Unverständlichen heraus.

Die Melodie seiner Heimat, der wilde Schiffergesang, den Enrico ihm so oft gesungen hatte, als er ein Kind war, riß Marco empor.

Hochaufgerichtet stand er jetzt am Heck.

Alles zugleich, alles zugleich, wer kann es fassen?

Vor ihm, stach und gewölbt, das unendliche Meer.

Ja, Marc, Marc! Heiliges Meer, wer soll dich vergessen?

Scharf und dunkel die Linie des Horizonts. Dahinter rauchige, glasige Ferne des Südens.

Was werden wir sehen, wenn wir dorthin kommen?

»Schau zurück, Marco! Der Campanile steigt über die Dünen!« Nicolo erhob seinen Becher und blickte stechend mit vorgeschobenem Ziegenbart nach Nordwest.

Marco folgte dem Blick. Ein wilder Schlag von Bewußtheit traf ihn. Sein Hals war zugeschnürt von furchtbarem Weh, während sein Kopf von Bildern raste.

Ja, dort hing wie im leeren Räume eine letzte Vision San Marcos! Campanile, Häuser, Dächer. Weit dahinter, verweht und fast nur zu ahnen, Bäume, ferne Kirchtürme, grüne Linien. Terra Ferma?

Francesca! Francesca! Nie, nie, nie wieder! Malipiero, Mori, wo seid ihr? Noch ein paar Augenblicke, und alles wird versinken. Nein, es ist keine kurze Fahrt, keine Reise, von der man nach wenigen Wochen wiederkehrt! Schwarzer Palazzo! Kanäle! Piazza! Werde ich wiederkehren?

Neues wildes Treiben der Tataren. Wildere Antwort der Venezianer.

Hallo! Uno, due! Fester! Uno, due! Das Schiff flog über die Wellen, die höher und höher an seinen Bord klatschten. Melissa! Melissa! Befreierin! Heilige!

Ja, schleppen werdet ihr alle an meinem kurzen Taumel! Alle habt ihr es gesagt. Ein Leben lang werdet ihr an mir zu tragen haben.

Wer wird zu tragen haben? Ihr? Liebte ich euch nicht? Warf ich nicht all mein Selbst euch entgegen? Habt ihr Reue? Nein, nein! Zarter Flor von Wehmut wird euch mein Bild in wenig Jahren als sanfte Erinnerung weisen. Reuelos: Heiter! Im Bewußtsein erfüllter Pflicht!

Ich aber? Befreit? Wo gibt es Befreiung? O, gräßliches Gedächtnis! Mein Gedächtnis ist länger als meine Gefühle. Oder leben alle Gefühle noch, zurückgedrängt durch das Unerhörte?

»Eine Welt versinkt! Marco, laß jetzt ab von ihr! Blick hinaus in die zweite, die große, die grenzenlose Welt!« Maffio stand plötzlich neben ihm und umfaßte mächtig seine Schulter.

»Grenzenlos?« Marco sagte das Wort, kaum wissend, daß er sprach, vor sich hin.

Doch es hatte ihn in seinen Bann geschlagen.

Er rannte vor gegen den Bug. Ja, da lag es vor ihm, unerschöpflich, zukunftschwer.

Wo werden wir sein, wenn wir den Rand erreichen? Wieder wird sie vor uns liegen, die Unendlichkeit, wieder und noch einmal. Bis eines Tages Türme vor uns aus dem Wasser steigen werden, Häuser, Land und Bäume. Arome, fremde Sprachen, fremde Weiber mit lockenden Augen und abgründiger Seele. Paläste, Steppen, Wüsten, himmelragende Berge! Wimmelnde Völker!

Grenzenlos! Wieder grenzenlos! Göttin Ungewißheit! Fort bis ans Ende!

Hallo! Uno, due! Hallo fester! Uno, due!

Jetzt tosten schon die Wellen. Hoch stieg der Bug, um sich nach bangen Augenblicken des Schwedens in einen schaurigen Abgrund zu senken. Jedesmal sprühte der Gischt in salzigen Kaskaden.

»Fort aus dem Käfig! Fort! Er mag vergessen sein! Euch aber, Götter des Lebendigen, dies Opfer!«

Und Marco schleuderte den Pokal, den er noch in der Hand hielt, in weitem Bogen ins Meer. Dann sank er ins Knie und breitete die Arme, als wollte er die Weltkugel umspannen.

Nicolo und Maffio standen jetzt in seiner Nähe.

Hinter ihnen aber brauste entflammt und begeistert aus Hunderten Kehlen der Ruf:

»San Marco! San Marco! Evvivano die Poli! Evviva Marco Polo! Marco Polo!«

Er aber hörte es nicht. Wie eine ungeheure Woge durchtoste die Leidenschaft der Hunderte seine Brust, hob ihn, riß ihn hinauf, daß Geist und Gefühl der Wirklichkeit voraus ins Grenzenlose, Unbekannte sich verloren. Und unsagbares Glück fast die hämmernden Pulse sprengte!–

 

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