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Zwei Welten - 1

Egmont Colerus: Zwei Welten - 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEgmont Colerus
titleZwei Welten - 1
publisherVerlag R. Kiesel
addressSalzburg
year1930
firstpub1926
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100809
projectid6ab5b32a
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Egmont Colerus

ist 1888 zu Linz geboren, das Schicksal seiner Eltern brachte ihn durch achtzehn Jahre unstet von einer Kleinstadt in die andere; österreichisch-gemütliche, sonnig-enge Provinz war um seine ganze Jugend. Und ringsum rang eine Welt nach neuer Form, gewann sie in sozialen Kämpfen, in den Qualen des Krieges, in der Umwertung alter, in der Neuprägung unbekannter Werte.

Unbewußt fühlte es der Knabe Egmont, wie die Menschheit von innen heraus wuchs. Nach geheimem Gesetz, das noch keiner gedeutet hat und dem doch jeder Untertan ist. Nur an der Art, wie sie sich nach außen hin abgrenzt, am »Ausdruck« ist dem einzelnen frei zu schaffen verstattet. Ausdruck, das ist ein Druck nach außenhin, ein kraftvolles Abtasten von Bereichen, die erst dem Menschen von morgen wesenhaft erreichbar sein werden. Die Zeit arbeitete in dem Knaben, in dem Jüngling, aber sie wurde erst spät zu einer klar wirkenden, bewußt schaffenden Kraft.

Er studierte, er erlebte den Krieg, er ging zu Gericht wie hundert andere Juristen, fand schließlich ein Amt, das seinem scharf sichtenden Geist besonders zusagte, ein Amt, in dem Zahlen das Bestimmende waren und doch auch ein Leben lebten, zu Schau und Überblick, Wegweiser und Beratung, zu Formel und Gesetz wurden. Im Bundesamt für Statistik fand Dr. Egmont Colerus für sein eigenes Leben eine Umrahmung.

Und jetzt begann sich auch das zu gestalten, was in ihm zur wirkenden Form werden sollte. Er schrieb sein erstes Buch »Antarktis«. Noch erkennt er selber diese Form nicht, forscht ihr nach, späht dahin und dorthin aus. Darum ist so viel freudiges Aufstürmen in dem Werk, so viel Forschen und Schauen, so viele frohe, junge Bewegung aller Gedanken. Das vielfältige Streben großer Menschen wird auf eine Formel gebracht, um ihr Wesen zu erkennen, und dann wieder in seine Möglichkeiten zerteilt, zu Wunsch und Sehnsucht gelöst.

Im gleichen Jahre (1920) erschien auch schon ein zweiter Roman, »Sodom«. Das Buch schildert das erste Wirken des mesopotamischen Ur-Heros Marduk, der ein Jahrtausend später zum babylonischen Sonnengott wurde. Ein unerhörtes Einfühlen in eine Zeit, von der keine Überlieferung berichtet, gibt dem Werk eine Farbigkeit, eine Unmittelbarkeit, die man staunend über sich ergehen läßt. Der Roman klingt in einer Wiedergeburt aus, ein wunderbares Wort tönt uns dabei entgegen: »Das höchste Ziel gilt es, den Geist von der allerletzten Hülle, vom größeren Körper zu befreien, der die Gemeinschaft ist mit dem Fleisch der ganzen Menschheit.« Das ist einer jener erhabenen, noch in Gleichnissen verborgenen Hinweise auf den kosmischen Menschen, in den alle Menschheit ausklingen wird – Herr jeder Kraft ist dieser Eine, Letzte und Sinn alles Willens, Mensch in der ewig-jungen Macht seines Sinnens und Drängens und Gott in der grenzenlosen Weite seiner Schau.

In dem Roman »Der dritte Weg« zeigt Colerus einen Zukunftskampf zwischen zwei Staatengruppen größten Maßstabs, gibt ihm einen alle Interessen, alle Rassen und alle Völker versöhnenden Abschluß. Bezeichnend ist das Vorwort, das an die Kriegserlebnisse des Dichters anknüpft:

»Warum dieser grandiose Aufwand gegen und nicht für das Leben? weinte es in mir. Und so schrieb ich dieses Buch, utopisch ist darin nur der gute Wille der Menschheit – das Seltenste. Und diesem guten Willen widme ich das Werk.«

Hier zeigt sich schon die Note, unter der Colerus für alle Zeit in der Literatur festumrissen dastehen wird. Er ist der Ethiker unter den Phantasten und der Phantast unter den Ethikern.

In seinem nächsten Werk »Wieder wandelt Behemoth« (1924) greift er auf das schon in »Antarktis« gestreifte Thema der Währungsprobleme zurück, gibt einer Utopie ethischen Inhalt, läßt seinen Helden eine »Kraftwährung« einführen, die aus dem in Platin zu zahlenden Entgelt für Kraft und Licht bestehen soll. Was der Handlung des Romans vielleicht an äußerer Anschaulichkeit fehlt, das ersetzen Gedanken voll Neuheit und überzeugender Wucht, in denen man sich gerne gefangen gibt.

Es entspricht der universalen Art von Colerus, daß er neben solchen im äußeren Geschehen einherstampfenden Problemen auch das Zarteste und Feinste deuten will, das die Menschheit bewegt, die seelische und körperliche Liebe. Das geschieht in dem Roman »Die weißen Magier« (1922, neue Bearbeitung 1927). Hier wird er Priester und Prediger zugleich, singt das Hohelied monogamer Liebe, der Treue des Mannes zu der einzigen, ersten und letzten Frau seines Lebens, preist sie als Grundlage aller Harmonie des Seins.

Im »Pythagoras« erreicht das Ethos des Dichters einen leuchtenden Höhepunkt. In die Gestalt des großen Philosophen weiß er eine Summe von Reinheit, Klarheit und Tiefe der Erkenntnis zu legen, vor der man sich in ehrfürchtiger Bewunderung neigt. Als ein Erlesener ringt Pythagoras um die letzten Geheimnisse des Seins, als einer, der schon von Ewigkeit her Gnade auf seinem Haupt trägt, um dann in den kurzen Tagen seines irdischen Lebens ein Verkünder für die vielen zu werden.

Niemals ist Colerus einer jener Fabulierer, die in der bloßen Schilderung menschlicher Erlebnisse das Ziel ihres Schaffens und des Romanes überhaupt erblicken. Ihm bedeutet auch der größte Einzelne nur den Träger eines viel gewaltigeren, über die Menschheit dahinbrausenden und ihr doch untrennbar zugeordneten Geschehens. Das zeigt sich besonders deutlich in dem Roman »Zwei Welten«, dessen gedankenschwere Wucht ja hier unmittelbar zum Leser sprechen wird.

Nach solchen Riesenwerken bedeutet die Novelle »Tiberius auf Capri« (1927) einen Ruhepunkt im Schaffen des Dichters, ohne darum an Wert einzubüßen. Mit einer ganz eigenartig verhaltenen psychologischen Kraft wird hier die Tragödie der einsamen Majestät gegeben, die ihrer Macht nicht entsagen kann – Macht ist das einzige, was ihr auch im innerlichen Wert zugehört, frei von der Niedrigkeit dienender Menschen.

Dem Problem der Politik und ihrer unheilvollen Auswirkung auf alle Zweige des Lebens und Schaffens hat Colerus noch das Drama »Politik« gewidmet, dessen Uraufführung 1928 am Wiener Burgtheater stattfand.

An Motive der »Weißen Magier« knüpft der Roman »Die neue Rasse« (1928) an. Die Erotik ist heute durch den Sportbetrieb und die mannigfache Berufstätigkeit der Frau an einem toten Punkt angelangt, sie sollte sich umstellen und kann es noch nicht, weil die alten Begriffe noch immer zu tief im Erleben der Menschheit verankert sind.

Auch das rein Geschäftliche wird sich einer solchen Umschichtung aller Werte anpassen müssen, soll es nicht bei der immerhin entscheidenden Rolle, die es im Dasein der Menschheit spielt, von einer einfachen Notwendigkeit zu einem unheilvollen Zerrgebilde werden. Nur ein Dichter von der Art Colerus' konnte es wagen, diese banale Tatsache zum Vorwurf eines Romans zu machen. »Kaufherr und Krämer« (1929) dieser Gegensatz ist fesselnd gestaltet, und wenn sich alles scheinbar auch im leichten Plauderton abspielt, wird es doch einer klaren und für die nächste Zeit erschöpfenden Lösung zugeführt.

Die Dichter unserer Epoche dürfen keine bloßen Erzähler mehr sein, ihre Mission liegt nun schon darin, neue Wege zu weisen und sie als erste zu beschreiten. Nicht an unserem Mitgefühl sollen sie rütteln, sondern an allem, was von gestern ist – verfehlt jedes ihrer Worte, wenn es nicht das Neue verkündet! Und einer dieser Verkünder ist Egmont Colerus.

Dr. Theodor Heinrich Mayer.

 

Nachspiel als Vorspiel

Mehr als hundert Jahre später auf der Höhe des Quattrocento.

Zahllose, gitterhaft durchbrochene Pechpfannen lohten schwelend auf der Piazza des heiligen Marcus in Venedig. Die Fenster des Dogenpalastes glühten farbenspielend und an der Fassade der Marcuskirche hingen die Lichttropfen bunter Öllämpchen in verschnörkelten Reihen.

Atlas und Seide wogte und rauschte. Aus dem hellen Stimmengewirr, aus Flötentrillern, Lautenklimpern, Hornstößen, Paukenschlägen ballte sich von allen Seiten ein Zusammenstrom der grauen, roten und blaugleißenden Beine, der schweren, gestickten Samtkoller, die sich an den Achseln bauschten und an den Hüften keck abstanden. Degen und Dolche funkelten.

Dazwischen Schwarz und Purpur wallender Staatsgewänder, Pelzbaretts, schimmernde Frauenarme, Halsketten auf weißer Haut, lange Brokatschleppen unter perlenbesäten Miedern. Hauben, genetzt aus Edelsteinen.

Stimmung und Ton angebend die maskengedeckten Antlitze, aus denen schwarze Blicke gloßten und schillerten, stachen und lockten.

Auf der Lagune, nahe der Piazzetta, standen die Staatsgaleeren. Ihre Lichter, Lampen und Pfannen torkelten leise vor undurchdringlichem Himmel und schaukelten widergespiegelt im Unbestimmten der Wasser.

Flammenübersprühte Gruppen in Purpur und Atlas auch hier. Auch hier Edelsteine und grelles Frauenfleisch. Auf Thronen, in Muscheln halbversteckt, an Mäste gelehnt.

Dröhnendes Gelächter schlug in die Lichtkuppel hinauf, pflanzte sich mit ansteckender Kraft selbst zu den Nichtwissenden fort und schulterte über Piazza und Piazzetta, Estraden und Tribünen, über die Schiffe der Lagune.

Gondeln drängten sich an die Treppen, und die Vergoldung flackerte, wenn sie in einen Lichtkegel schossen.

Noch einmal das Gelächter und wieder und wieder.

Unaufhaltsam ward die Ausgelassenheit.

Hoch und steif stand der Graf von Meersburg in den vordersten Reihen der Menschengasse, durch die der Karnevalszug vordrang. Er reckte sich in seinen zu engen Atlasstrümpfen und dehnte seine Brust unter violettem Samt.

Er besah den Spuk.

Was gab's da so bodenlos zu lachen? Schön war es und bunt! Nicht aber lächerlich!

Jetzt hielt der Schementanz in nächster Nähe. O, die armen Maulesel! Sechs weiße Tiere. Ja, einstmals waren sie vielleicht weiß gewesen. Wie hatte man sie zugerichtet? Geschoren und mit roten, grünen, schwarzen Ornamenten bemalt, riesige Schneckenhörner auf ihre Stirnen gesetzt und mannslange Quasten aus Seidenlappen an ihre unruhigen Schwänze geknüpft.

»Ecco!« tönte es jetzt vom mächtigen Wagen, eigentlich aus der Mitte eines Schiffes auf Rädern, von dem in unwahrscheinlichen Lagen gut zehn Maste emporragten, deren jeder, sinnlos und verschroben, viele Segel flattern ließ.

»Ecco!« brüllte der von tollen Fratzen umgebene Kapitän des Schiffes, und die hundert facettierten Spiegel, die an sein schwarzes Koller genäht waren, sprühten alles Licht der Piazza wieder, daß die Augen der lachenden Menge tränten.

Jetzt hob er ein glitzerndes Ding empor, einen gläsernen Karfunkel, so groß wie der Kopf eines Mannes.

»Ecco!« krächzte er zum dritten Male. »Seht her, Edle und Bürger, Matrosen, Räte und Kapläne! Seht her! Wie? Was? Ein niedliches Steinchen? Nun, ich will euch etwas verraten. Der mächtige Kaiser der Mongolen hat mir das Steinchen geschenkt. Ein edler Herr? Wie? O, es war ihm kein schweres Opfer! Ist es doch das kleinste Steinchen seiner Halskette. Er merkt's gar nicht, daß das Splitterchen fehlt. Wie? Was lacht ihr? Was gibt's da zu lachen?«

Wieder schrillte es über den Platz. Mit tief gekränkter Miene ließ der Spaßmacher den Stein fallen, daß es nur so krachte.

»O,« schrie er jammernd, »wie werde ich das Steinchen nun wieder finden? Doch es soll mich nicht kränken. Seht euch inzwischen meine Einhörner an! Kamelopardeln sind das. Ja, weicht nur aus! Es sind gefährliche Bestien!«

Wirklich hatte eines der Maultiere im tobenden Lärme einen kleinen Luftsprung vollführt und dabei das kunstvolle Horn verloren.

Der Jubel war grenzenlos.

»Evviva Masser Millioni! Evviva Masser Marco Millioni!« brauste es durch die Menge.

Plötzlich trat Stille ein. Der Spaßmacher war von seinem Gefolge auf einer hölzernen Platte hochgehoben worden und machte eine befehlende Geste des Schweigens.

»Er will reden!« »Beichten will er!« »O, wir glauben alles!« »Nur keine Scheu!« »Leg los!« so schwirrte es durcheinander.

Das Staunen des Grafen von Meersburg wuchs. Er konnte die Bedeutung des Vorganges nicht erfassen.

Da redete schon wieder der dort oben mit übersprudelnder Lebhaftigkeit: »Holla, ihr Edlen! Fast hätte ich vergessen, euch von der Stadt Kambalu zu erzählen. Zehn Millionen Menschen leben dort und fünf Millionen Kinder. Vierzig Tagereisen braucht man, um die Hauptstraße zu durchmessen. Doch gemach! Das ist nichts! Vor ihren Toren liegt ein Berg, ho, erinnert euch, ich sagte schon, daß man von Venedig vier Jahre nötig hat zur Reise. Also, vor der Stadt liegt ein Berg, Hügel nennen ihn die Einwohner, auf dessen Fuß tritt man als Jüngling und kommt im Mannesalter auf der Spitze an. Aber dafür sieht man – jetzt ratet, edle Mitbürger! Habt ihr's gefunden? Den Campanile sieht man von der Spitze, diesen Campanile da! Zwar nur daumenlang, aber deutlich! Ja, ihr kennt wenig von der Welt!«

Wieder entstand ausgelassenes Gejohle und höhnischer Beifall.

Da fühlte der Graf von Meersburg einen leichten Schlag auf dem Arme. Er griff an den Degen.

Ein entzückend helles Frauenlachen tönte ganz nahe an seinem Ohre:

»O, nicht stechen, Conte Meerspurgo, nicht fechten!« Die Maske, deren Brokatkleid in Edelsteinstickereien ertrank, stand jetzt knapp vor ihm. »Verzeiht, wenn ich lache! Muß man da nicht lachen? Wozu habt Ihr die Maske genommen? O, Ihr habt ja so blonde Haare und so blaue Augen!« Sie lachte ihn an, daß die Grübchen unter der Maske zitterten. »Und so sehnige Arme und Beine!« schloß sie. Dabei wippte sie mit einem großen Fächer, dessen Malerei in fernster Fremdheit gleißte.

»Ihr – kennt mich?« Der Graf fand sich in all dem Trubel nicht zurecht.

»Ja, ich kenne Euch!« knixte die Maske neckend.

Der Graf jedoch hatte nicht die Kraft zu grübeln. Zu sehr waren seine Gedanken bei dem sonderbaren Schauspiel, das jetzt schon weitergerollt war.

Nur mehr gedämpft schlug das Gelächter herüber.

»Sagt mir, edle Frau,« und er verneigte sich gravitätisch, »was soll dieses Symbolum dort? Ich bin hier ein Fremder ...«

»O, ein Fremder? Ach, nicht doch?!« Nach schelmischer Pause: »Gut, ich will Eure Wißbegierde stillen. Keinen geht nämlich das ›Symbolum‹ näher an als mich!«

»Euch? Was habt Ihr mit dem Schalksnarren zu tun? Ihr haltet mich wohl zum besten?« Er wollte sich unmutig abkehren.

Da faßte ihn die Maske am Arme und sagte plötzlich in verändertem, fast drohendem Tone: »Erkennt mich, Meerspurgo! Ich bin Maria von Trivisino, die Letzte aus dem glorreichen Hause der Poli. Das dort aber – das dort ist der Dank Venedigs an Marco Polo! Masser Millioni, der Millionenaufschneider! Ein hübscher Nachruhm? Wie?«

»So dankt ihr euren Großen, euren Größten?« Fassungslos stieß der Graf die Worte hervor.

Plötzlich glitt, ganz nahe, ein Jüngling vorbei, dessen Strümpfe und dessen Koller, in mattem Schwarz, die Geschmeidigkeit der Glieder stark hervortreten ließen.

»Ah!« Wieder lächelte Maria von Trivisino. »Noch eine zweite Maske, kenntlicher als mit blankem Antlitz. Kommt nur her, Jacopo von Aqui, Ihr sollt mir einen Dienst erweisen!«

Der Jüngling drehte sich auf den Fersen.

»Und der wäre, edelste, unkenntlichste Maria von Trivisino?«

»Gut pariert!« lachte sie melodisch. »Um so besser, daß Ihr mich erkennt!«

»An Eurem Fächer, edle Herrin, an Eurem Fächer, der wohl aus dem östlichsten Lande des schlitzäugigen Volkes von Zipangu stammt!«

»Sehr tüchtig, sehr schlau! O, ihr Gelehrten!« Ernster werdend: »Also, Ihr sollt diesen edlen Grafen von Meerspurgo sogleich in meinen Palast führen und ihm die Wahrheit über Marco Polo sagen. Ihr versteht mich. Er soll den Deutschen nicht bloß vom Masser Marco Millioni erzählen!«

»Wenn Ihr befehlt, so gehorche ich!« Jacopo von Aqui neigte den Kopf.

Der Graf aber verbeugte sich eckig und sagte:

»Auch ich gehorche. Es wäre jedoch nicht nötig gewesen. Denn wir Deutschen glauben eher das Unglaubliche, bevor wir lachen. Und behalten vielleicht am Ende recht!«

»Sehr gut, sehr gut, Meerspurgo!« Die letzte Polo drückte ihm warm die Hand, die er andächtig küßte. Dann sagte sie schnell: »Und wir Venezianer belachen stets das Glaubhafteste – und behalten damit in diesem Leben recht!«

»Wer wird Euch aber geleiten? Ihr seid allein hier mitten im Gedränge ...« Fragend blickte sie der Graf an.

»O, es wird wohl ein Foscari oder Loredano oder ein Barbigo in der Nähe sein, der Maria Trivisino zur Estrade führt!« Laut und schalkhaft hatte sie es gerufen. Im nächsten Augenblick standen auch schon zwei atlasschimmernde Jünglinge vor ihr, die im Eifer zusammenprallten. Sogleich fuhr die Hand des Kleineren zum Dolch.

Maria aber ergriff blitzschnell beider Hand und schob sie auseinander.

»Einer rechts, der andre links! Führt mich zu meinem verunglimpften Ahnen mit dem Spiegelkleide! Heute wird gelacht und nicht gerauft! So, Ihr, Masser, dürft den Fächer tragen, damit Ihr keine Hand für den Dolch frei habt!«

Und sie verschwand hell auflachend im Getümmel.

 

In einem Gelasse des Palazzo Trivisino, an dessen Wänden die Lederrücken zahlloser Folianten bis zur gewölbten Decke aus den Eichenborden ragten, stand beim flackernden Schein einer Öllampe Jacopo von Aqui und breitete vor dem gelehrten Grafen von Meersburg ein fleckiges Pergament aus. Er deutete mit dem Finger auf eine Stelle und sagte:

»Hört die Schlußsätze des Testaments, das Marco Polo im Jahre des Heiles 1323 eigenhändig niederschrieb. Hört!« Und er las:

»Viele von denen, die sich meine Freunde nannten und stets dabei waren, wenn im Palazzo Millioni der Wein floß, haben mich vor einer Stunde, hinweisend auf mein nahes Ende, gebeten, all den Lügen abzuschwören und zu widerrufen, was ich über meine Reisen in ferne Länder erzählte und aufschrieb. Ich aber habe ihnen geantwortet und schreibe es noch einmal nieder, daß ich nicht die Hälfte von dem erzahlte, was ich sah und erlebte. Gerade über das Wunderbarste und Bunteste habe ich geschwiegen; und darüber muß ich auch sterbend schweigen. Denn sonst brächte ich das in die Gefahr des Erfabelten, was ich, um Venedigs Macht, Ruhm und Wohlstand zu vermehren, mich bemüßigt sah, den Zeitgenossen und der Nachwelt vorzutragen. So sterbe ich im Vertrauen auf den Sieg der Wahrheit!«

Von fernher aber drang das Gelächter der Festnacht durch die offenen Fenster.

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