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Zwei Träume (Silberne Gitter, Leben

Hans Schliepmann: Zwei Träume (Silberne Gitter, Leben - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorHans Schliepmann
booktitleNeuland
titleZwei Träume (Silberne Gitter, Leben
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Silberne Gitter

Komm mein Kleiner, ich will dir mein Sommervergnügen zeigen!

Mit spaßhaft glucksendem inneren Lachen beugte der alte Herr sich tief zu mir nieder; ich hob den Arm, so weit ich konnte, und so führte er mich wie ein ganz kleines Kind in seinen Park hinaus.

Ich wunderte mich gar nicht mehr, daß ich in diesem Parke niegesehene Bäume von den unerhörtesten Formen und Größen sah. Einzelne hatten rosiges, andere violettes Laub und goldenes oder rubingleich leuchtendes Geäst. Ein wundersames Tönen ging durch den unendlichen Raum, der von tiefdunklem Azur überspannt war. Er schien von den Blättern auszugehen, die in unbeweglicher warmer Luft rhythmische Schwingungen machten, denn das Lied buntgefiederter Vögel hörte ich wie Solostimmen aus dem unbeschreiblich süßen mystischen Chor hervorschauen. Auf dem Boden wandelten nicht nur fabelhafte Tiere friedlich durch leuchtende große Blumen nebeneinander, sondern auch schimmernde Krystalle vereinigten und schieden sich in immer neuen Formen. Durch das Laub aber bewegte sich in stillen ruhigen Bogen ein Heer leuchtender Kugeln, viele noch wieder von anderen umkreist, andere wieder sich teilend, wieder andere ineinanderfließend.

Und durch all diese Pracht sah ich einzelne nackte Menschen wandeln, die Blumen und Sterne selig betrachtend oder Blumen pflückend und Früchte essend; wenn sie aber meinen Führer erblickten, breiteten sie die Arme aus, neigten das Haupt, und von ihren Lippen flossen Lieder, heller, freudiger, wundersamer, als ich sie jemals vernommen. Aber merkwürdig; sie alle waren über und über mit Narben bedeckt, die sie doch nicht häßlich machten.

Da blitzte es silbern durch die Stämme auf. Nach wenigen Schritten standen wir vor einem dichten silbernen Gitter, so hoch, daß die höchsten Wunderbäume nicht hinüberragten. Die Stäbe funkelten und standen so dicht, daß man nur einen Finger, nicht einmal die ganze Hand hindurchstecken konnte.

Als ich hindurchblickte, gewahrte ich etwa zweihundert Schritt entfernt ein zweites ganz gleiches Gitter, dem ersten parallellaufend, und beide Schranken erstreckten sich geradlinig bis in unabsehbare Ferne.

Der Alte hob mich vom Boden und setzte mich auf seine Schulter. Ich konnte nun über das Gitter hinweg in den umhegten Raum hineinblicken. Tiefer Dünensand bedeckte den Boden; nahe den Gittern nur wuchsen Brombeeren mit unzähligen Dornen und einzelnen reifen Früchten; darunter lugten wenige kleine Himmelsaugen, Glockenblumen und Tausendschönchen hervor. Trostlos öde aber streckte sich der leichenfarbige Streifen Dünensandes bis ins Unabsehbare.

An den Gittern sah ich in kurzen Entfernungen mächtige Tafeln, darauf in blutigen Zickzacklettern unter einem rechtsweisenden goldenen Pfeile geschrieben stand: Zum Ziele!

Nun paß auf, mein Bürschlein, sagte der Alte und klatschte in die Hände.

Da ward es zu meiner Linken innerhalb der Gitter lebendig. Ich hörte ein dumpfes Trappeln unzähliger Schritte und ein Keuchen und Ächzen. Eine Staubwolke erhob sich. Und nun kam es heran: Eine unabsehbare laufende, stürzende Menge von Menschen aller Völker und Nationen. Ausdrucklos stierten ihre Augen in die Ferne, die Zunge lag ihnen trocken im halboffenen Munde; Schweiß rann aus allen Poren. Alle trugen seltsam-lächerliche schleppende Kleider, die sie am Laufe hinderten, doch mit unsäglicher Angst hielten sie die Falten um den Leib gepreßt und stampften vorwärts. Einige hatten eine abgeschmackte Kopfbedeckung, fast nach Art der Helgoländerinnen, weit vortretend, so daß sie nicht rechts, nicht links sehen konnten und mit großen Nummern vor der Stirn. Diese eilten am schnellsten, und ich merkte, daß sie überdies auch die Beine im Laufe hintenauswarfen, um gegen die Nachfolgenden auszuschlagen, wahrend sie mit den Händen die Rockschöße der Vorauseilenden hielten. Die Getretenen aber machten es ebenso, und so bildeten sich lange Ketten, mit besonders rücksichtslosen Rennern an der Spitze.

Alle pflückten hastig im Laufe von den Brombeeren am Gitter, um den brennenden Durst zu stillen. Sie rissen sich die Hände blutig und verschmachteten doch fast. Wer sich aber das Gewand an den Dornen zerriß, den spieen die anderen an und den drängten sie zurück.

Als der Schwall der Voranstürmenden sich etwas lichtete, bemerkte ich einzelne leichter Gekleidete, die dennoch langsamer vorwärtsdrängten. Sie bückten sich häufiger zu den Brombeerbüschen hinab, und ich gewahrte, daß sie die kleinen Blumen unter jenen aufsuchten. Merkwürdig: jeder sammelte nur von einer Sorte und hielt die kleine Handvoll halbwelker dürftiger Blümchen wie den kostbarsten Schatz. Einer lächelte über den andern, daß dieser rotgerändete Tausendschönchen, jener ganz weiße pflückte. Wer aber Glockenblumen auflas, der suchte die Tausendschönchensammler mit Verachtung zu Boden zu treten, und der Himmelsaugenpflücker bemitleidete die, welche sich nach anderen Blumen bückten.

Und dann sah ich einen und wieder einen, der langsam am Gitter hinschlich, wie im Traume von einzelnen Brombeeren pflückte, sie mit einer Miene des Ekels genoß, und der dann durch die Stäbe in den Park zu blicken suchte, sehnsuchtsvoll, unendlich sehnsuchtsvoll. Der und jener ergriff sogar die Stäbe und suchte an ihnen zu rütteln, und wo seine Hände sich einzukrampfen suchten, verblich das leuchtende Silber und häßliche Rostflecken traten hervor.

Auch das hatte mich nicht in Erstaunen gesetzt. Aber nun plötzlich durchrieselte es mich doch eiskalt: Einer der am Gitter Seufzenden trug meine Züge! Ich hörte ihn mit meiner Stimme rufen: Seht dort, dort draußen ist das Paradies! Laßt mich hinaus aus diesem gleißenden Gefängnis, aus dem Triebsand und Dornenkraut dieser Hetzbahn! Seht doch, durch die Stäbe! Seht doch, daß ihr gefangen seid! Seht doch die großen Blumen, die hellen Sterne, die schattigen Wunderbäume dort jenseits. Seht, daß dieses Gitter nur obenhin gleißend versilbert ist, daß es kaltes, drohendes, einschnürendes Eisen ist, das uns vom Paradiese drüben scheidet!

Aber da drangen alle, die meinen Doppelgänger hörten, auf ihn ein, rissen ihn vom Gitter und schleppten ihn in ihrer Mitte unter Schlägen und Püffen weiter: Er schmäht unsere glänzende Schutzwehr! scholl es durcheinander. Er lästert unseren Pfadweiser. Schlagt ihn! – Er faselt vom Unsichtbaren. Er wird den Halt verlieren; rettet ihn! Er will uns vom Wege abwenden; nehmt ihn in die Mitte und laßt ihn nicht mehr an unsere köstlichen Brombeeren! Hunger lehrt eilen! – Und sie schleppten mein Ebenbild, das vergebens die Hände nach dem Gitter ausstreckte und die Füße gegen den rieselnden Sand stemmte, weiter, weiter – vorüber.

Angstvoll blickte ich zu den Augen des alten Herrn auf, die lächelnd auf das Treiben zwischen den Gittern hinabschauten –: Was geschieht mit meinem Ich dort?

O, es kommt auch endlich ans Ziel. Du siehst ja, es geht weiter. Sie kommen alle ans Ziel, diese schneller, jene etwas langsamer. Aber das macht keinen Unterschied. Wo ist das Ziel? –

Mit gemächlichen Riesenschritten wandelte der Alte nach rechts; bald hatte er auch die schnellsten Läufer in der Sandbahn überholt. Zur Rechten im wundersamen Park grüßten uns jauchzende nackte Menschen.

Wie kommen denn diese zum Ziele? fragte ich, meinen Blick voll Sehnsucht den Glücklichen nachschickend.

Die suchen es nicht. Sie scheuen die Schranken und lieben meinen Park zu sehr, um anderes zu erjagen. Sie brauchen nichts und schämen sich ihrer Nacktheit nicht, denn sie wissen, daß sie – Menschen sind – sie allein!

Aber das Ziel, das Ziel! Wozu leben diese?

Sie leben. Als Mensch zu leben ist ihr einziges Ziel, und – mich zu sehen! – Und so sorgen sie nicht um das andere Ziel, das gemeinsame. – Es ist vor dir. Siehst du es?

Ich wandte den Blick von dem Paradiese zu meiner Rechten und blickte geradeaus. –

Nie sah ich Fürchterlicheres!

Gerade vor den Gittern ragte es auf wie eine endlose senkrechte Wand, schwarz, undurchdringlich; aber ich fühlte, daß es keine Masse sei. Wie durch ein Messer senkrecht geschnitten, schied sich Tag von gähnender, eisiger, lichtloser Nacht. Abgrundtief, grenzenlos, starr und wesenlos. Und doch war mir's, als ob eine Kraft aus dem Unergründlichen mich an sich risse, unablässig, scheinbar gewaltlos, doch mehr und mehr an allen meinen Organen saugend! Zitternd und in Todesschweiß hing ich am Halse des Alten, der mit ruhigem Lächeln sagte:

Laß dich's nicht verdrießen, mein Junge. Hinter uns ist noch des Guten genug. Vielleicht kehren wir noch einmal um, ehe wir das schwarze Loch besuchen. Aber jetzt mach' Augen und Ohren auf, sonst lernst du mein Sommervergnügen nur halb kennen. Im Winter ist's Zeit genug, auszuruhen, wenn erst der Wasserstoff vor Kälte Krystalle bildet. – Hörst du nichts?

Ich raffte mich zusammen und lauschte.

Von links drang stärker und stärker das Trappeln und Keuchen der Wettläufer heran. Im Bodenlosen, Schwarzen aber erklang ein dumpfes gleichmäßiges Pochen und Stampfen, wie von den Hämmern einer Papiermühle, unaufhörlich, mitleidslos in vierfachem Takt als plappere sie: Ma-ku-la-tur, Ma-ku-la-tur.

Und jetzt nahte die atemlose, abgetriebene Schar mir zum zweitenmal. Das Ziel, das Ziel! jauchzten die vordersten mit heiserer Stimme. Seht, seht: ich bin König! – ich bin Minister! – ich bin Feldherr – ich bin Rat – ich bin ein Krösus! – rühmten sie.

Da versank der erste im Unergründlichen. Ein kurzer Schrei aus schwarzer Tiefe. Ein kurzes Knirschen der Hämmer; dann wieder gleichmäßiger Takt.

Der Große, der Große! riefen die Zurückgebliebenen bewundernd. Heil ihm! Ruhm dem Unsterblichen! Ihm nach, ihm nach! – – Und Nummer auf Nummer versank; Schrei auf Schrei klang schwach aus der grenzenlosen Nacht, und die Papiermühle knirschte.

Jetzt nahten die mit den Blumen. Fest hielten sie die welken Sträuße in den abgemagerten Händen.

Am Ende der Bahn aber stutzten sie. Zugleich erscholl wieder der Ruf der Wenigen, die das Gitter zu erschüttern suchten: Draußen ist Licht! Vor uns ist Nacht!

Die Sammler liefen an das Gitter und suchten verzweifelnd einen Ausgang. Dort zur Seite war ein Häuflein welker Blumen, wie Kehricht, vom letzten Laufe zurückgeblieben. Hastig schürften sie es mit den Füßen zusammen und drängten auf den Hügel, um vielleicht von ihm aus über das Gitter hinweg klettern zu können. Zu niedrig! –

Für uns alle! rief einer. – Euer Eigenstes für uns alle. Werft es hin, damit wir höher steigen können!

Mit verzweifelter Gebärde warfen sie ihre welken Sträuße hin, durcheinander, übereinander. Der Haufen wuchs und wuchs, und einzelne klagten: Alles wieder vermengt! Meine säuberliche Species zerdrückt, zertreten, herumgewälzt im großen Wirbel!

Die übrigen aber lachten, ein Lachen der Verzweiflung: Deine dürre Spezialität! Was gilt uns die? Alle zusammen! Drauf, drauf! –

Der Haufen wuchs. Nur wenige Fuß noch von den ausgestreckten Händen der Obersten bis zu den Gitterspitzen. Aber als ihre Tritte die Blumen zusammen-, ineinanderdrückten, jammerten sie von neuem: O meine Lebensarbeit, mein Ruhm, mein Recht! Zertreten, vernichtet! Lieber das Nichts, als das Paradies ohne das Meine! Sie ließen ab; – die Mühle knirschte aus der Tiefe.

An ihre Stelle drängten die Sehnsuchtsvollen; mit ihnen auch mein Doppelgänger.

Ihre Kleider hinderten sie am Klettern. Da riß ein Mutiger sie sich vom Leibe. Die Schar der Nummerierten, die in der Mitte der Bahn noch immer vorwärts stürzte, schrie Zeter, schlug und spie auf ihn, aber er achtete es nicht, und andere folgten seinem Beispiel. Auch mein Ich dort unten. Und sie häuften die Kleider über dem Hügel von welken Blumen; höher und höher wuchs er, und sie rangen von neuem empor. Diesmal gelang es! Der brachte die Hände, jener die Arme, dieser wieder die Brust bis an die Stabspitzen. Auch mein Ebenbild hing schon oben auf dem Gitter und mischte seinen Jubelruf mit dem der anderen Springer.

Da hielten die Nummern im Laufe inne. Mit Wutgebrüll stürzten sie sich auf die Hängenden, ergriffen sie bei den Beinen und suchten sie niederzuziehen.

Gräßliches, markerschütterndes Todesgeschrei: Tief drangen die scharfen Spitzen in Hände, Arme, Kopf und Brust. Verzweifelnd schlugen die Gespießten mit den Fersen gegen die Verfolger, daß diese heulend zurückfuhren; wieder rangen die Mutigen sich empor, Ströme von Blut vergießend; wieder rissen neue Feinde sie hernieder, daß sich ihr ganzer Körper mit Wunden bedeckte. Höher und höher gelangten sie dennoch. Schon war mein Doppelgänger auf den Spitzen angelangt. Keuchend schwang er das eine Bein hinüber – all' seine Qual und Angst fühlte ich mit. Da hingen sie sich mit gellendem Wutschrei an das andere Bein; ein Todesstich zuckte durch mein Herz –: aufgespießt gleich einem Insekt hing mein anderes Ich auf dem silbernen Gitter.

Jauchzend ließ die Meute ab und stürzte weiter »zum Ziele«. – – –

*

Ich rieb die Augen und blickte um mich. – Ich saß auf dem purpurroten Moose des Gartens; vor mir stand der Alte, doch vermochte ich ihn nicht mehr anzuschauen: ein Sonnenglanz umwob ihn und strahlte, noch blendend, vom silbernen Gitter zurück. Um uns aber standen die Narbigen, die ich im Parke hatte jubeln hören. Ich kannte sie alle, alle. Herrliche, freudvolle Gesichter wandten den Blick empor. –

Löse sie, heile sie, belebe sie gleich uns! scholl es.

Und plötzlich standen die Gespießten alle diesseits des Gitters auf dem purpurnen Moose, hochaufseufzend, als ob sie ersten Lebensodem schlürften. Kein Blut klebte mehr an ihren weißschimmernden Leibern, aber ihre Narben leuchteten rubingleich. Jauchzend umarmten die Harrenden ihre neuen Gefährten; ein Klingen erhob sich, das menschlichen Ohren zu überwältigend, erdrückend erscholl. Und die hohe Gestalt des Einen beugte sich hernieder, daß der Glanz mich blendete.

Ich schloß die Augen, ohne mein Ebenbild unter den Gesundeten entdeckt zu haben, und vergrub mein Haupt im dichten Moose, damit der dröhnende Siegeschor mich nicht töte.

Ich hörte des Einen sanfte Stimme zu mir herniederlächeln: Willst du's in Wahrheit wagen? Die Bahn steht offen! Bezwinge die silbernen Gitter!

Ich aber murmelte weinend: Ich habe Angst! –

*

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