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Zwei Menschen

Richard Dehmel: Zwei Menschen - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleZwei Menschen
authorRichard Dehmel
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleZwei Menschen
created20050325
sendergerd.bouillon
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26.

Und sie stehn vor einer Domfassade.
Unvollendet hockt der eine der hohen Türme
im Kranz der gothischen Höllengewürme,
als bitte er den andern um Gnade.
Aber vor vermessenem Himmelsverlangen
scheint die irdische Tragkraft ihnen ausgegangen;
unten gähnen wie Grüfte die kunstgerechten Pforten.
Demütig Gebeugte nahen von allen Seiten.
Und das Weib winkt dem Mann, auch hineinzuschreiten.
Und die Orgel erbraust zu ihren Worten:

Komm, laß uns einmal wieder voller Kindheit sein.
Horch, wie die alten Lieder Alle benedein.
Da spürt kein Herz mehr Sünde;
die Mutter mit dem Kinde
schließt ja auch Uns die Gründe
der Welt und Menschheit auf und ein.

Doch die Orgel verstummt. Dumpf tönen Gesänge
einer verborgenen Priesterschaar.
Und über dem weihrauchumdampften Altar
sehn sie bleich einen Gekreuzigten hängen:
mit gräßlich wahr gemalten Wunden
und schrecklich schön geformtem Munde –
Da neigt fromm der Mann dem Weibe sich dar:

Vor deinem künftigen Kinde
könnt ich dir beichten, den Heiligen gleich:
ich suchte einst ein bißchen Sünde
und fand das ganze Himmelreich.
Hier aber dünkt es ein Wortspiel mich,
wie dieses Schauspiel, stimmungshohl, durchtrieben.
Komm! Draußen steht's von Grund auf in Stein geschrieben,
das schwere Wort: Vollende Dich!

Und die Orgel braust wieder. Er sucht einen Pfad
ins Freie, scheu umkauert von Betern.
Ein feister Küster im Ornat
blickt ihnen nach wie frechen Spöttern.
Zwei Menschen fliehn vor fremden Göttern.

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