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Zwei Erzählungen: Ein Tag - Ivar Bye

Bjørnstjerne Bjørnson: Zwei Erzählungen: Ein Tag - Ivar Bye - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorBjörnstjerne Björnson
titleZwei Erzählungen: Ein Tag - Ivar Bye
publisherAlbert Langen
addressMünchen
seriesKleine Bibliothek Langen
volumeBand 58
year1903
firstpub1903
translatorMaria von Borch und G. J. Klett
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060523
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Ivar Bye

Deutsch von G. J. Klett

An seinem Sterbebett gab ich mir selbst das Versprechen, sobald seine Geschichte einst öffentlich erzählt werden könnte, wollte ich es tun. Aber ich wußte, in dem ersten darauf folgenden Menschenalter konnte dies kaum geschehen.


Nun hat sich öffentlich vor aller Augen in Norwegen etwas ereignet, das bis zu mir dringt und fragt: Ist die Zeit noch nicht gekommen? Ein begabter Arbeiter war im Jahr 1894 zum Stortings-Mann für Trontheim gewählt worden, gab sich aber darauf selber als wegen einiger Jugendvergehen vorbestraft an.

Ivar Bye's Name war den Meisten bekannt, welche die Eröffnung des norwegischen Theaters in Christiania sahen. Bis in die fünfziger Jahre waren wir künstlerisch ein von Dänemark abhängiges Land; wir waren ohne dramatische Literatur, ohne Schauspieler und, der Ansicht vieler gebildeter Norweger zufolge, absolut unfähig, dies Beides zu erlangen, – bis Ole Bull den Braven zeigte, daß dennoch ein großes Schauspielertalent im Volk steckte, und daß die Stücke von selbst kamen. Nach dem Bergenser norwegischen Theater, das er errichtete, erstand das Christianiaer norwegische Theater, in Gang gebracht von einigen Patrioten, deren einziger überlebender der alte Oberlehrer K. Knudsen ist. Am Eröffnungstag des norwegischen Theaters war Ivar Bye mit dabei. Ein dunkler, breitschultriger Mann von schlanker Taille, einen Kopf so schön von Form, so gut und edel von Gesichtsausdruck, daß keiner ihn vergaß. Die Stirn breit und hoch, das Haar fast schwarz, die Augenbrauen gewölbt, eine Adlernase, schmal, fein, – und dazu die guten, grauen Augen mit einem Schelm drin, sobald er sprach. Dann verzog sich auch der Mund gern zu einem Lächeln, voll von Erotik und erhellt von einem Schimmer herrlicher Zähne in breiter Rundung. Diese grauen Augen und der Mund taten gute Dienste zusammen, machten unablässig Eroberungen unter Männern und Frauen, alten und jungen. Aber im Stillen. Obgleich sein Kopf auf einem recht langen Hals aufrecht getragen wurde, und obschon das Kinn vorspringend war und Mut bekundete und obschon das hagere, bräunliche Antlitz Energie verhieß, – immer kam er gedämpft und rücksichtsvoll.

Zwei Mängel hatte der Körper; er war nicht rund ausgebaut, sondern eher flachgedrückt, und die Kniee waren nicht frei von der Neigung, auseinander zu gehen. Die Meisten sahen das nicht; sie hielten sich an seinen schönen Gang, dessen angenehmen Rythmus sie empfanden. Nie hat jemand ihn irgendwo im Vordergrund gesehen, wo sie ihn aber zu Gesicht bekamen, da zog er die feineren Naturen an. Und auch die andern fühlten, hier war ein Mann von Rasse.

Und das war er. Aus einer alten norwegischen Beamtenfamilie, in der das Erbe unsrer ältesten Geschlechter steckte, er hieß nicht Bye.

Sein Großvater hatte als Beamter Kassendefraudation begangen, und obwohl die Umstände nicht sonderlich gravierend waren, empfanden es die Kinder als eine solche Schande, daß sie einen andern Namen annahmen. Ivars Vater war zum Offizier bestimmt, ich glaube auch, er war auf der Kriegsschule; aber nach des Vaters Fall mußte er sich damit zufrieden geben, Sergeant zu werden.

Jeder Moldenser Schuljunge aus meiner Zeit erinnert sich an Sergeant Bye, wenn er in der Stadt war ... stets betrunken. Ein mittelgroßer, breit ausgehauener Mann mit großer Adlernase und mit einer gewissen Würde in seinen Bewegungen. Selbst wenn er am allerbetrunkensten war, bewahrte er die. Er konnte nicht gedeihen in der Umgebung, zu der er herabgesunken war, und so schuf sein romantisches Naturell sich manche sonnige Stunde, in denen er den Herrn spielte. Alle rühmten seine Güte und Rechtschaffenheit.

Der Sohn hatte denselben Drang aus dem Bauernleben heraus. Draußen an der Küste ging es damals recht eng und ärmlich zu. Da saß er als Hirte und träumte davon, das Geschlecht zu ehemaliger Herrlichkeit emporzuheben; er erzählte diese großen Träume blos seiner kleinen Schwester, sonst niemand. Die beiden Geschwister hielten sich ganz für sich.

Der kleine Ivar hatte ein unglaubliches Talent, sie und sich selbst herauszuputzen. »Etwas zu machen aus nichts oder aus einer ungeeigneten Materie,« wie das religiöse Lehrbuch meiner Zeit »die Schöpfung« definierte. Zum Lohn für dies Talent wurde, als er älter war, Vaters abgelegte Uniform für ihn gewendet und zugeschnitten, so daß er sich eines Tages in der Stadt in blauem Tuchanzug, mit blauer Mütze zeigen konnte! Das war wohl der höchste Festtag seines Lebens! Er wurde auch gleich um seiner ungewöhnlichen Schönheit willen bewundert. Die Gesellschaft anderer als der Zöglinge der höheren Schule verschmähte er. Er erzählte mir später, wie er lange vergebens darauf brannte, mit in das Spiel der großen, vornehmen Jungens zu kommen. Und es glückte, – dank Einem insbesondere, dem Herrn über alle andern. Die Hingebung und der Stolz des kleinen Jungen kannte keine Grenzen.

Hier hatte er auch seine erste Liebe. Es war kein Mädchen, sondern ein fast erwachsener Kamerad unter denen, die sich seiner angenommen hatten, – schön, verwegen, herrschsüchtig, schon recht lebenserfahren, schon ziemlich verdorben. Aber das verstand Ivar nicht; er bewunderte seine Flottheit, sein Befehlshabertalent, seine herablassende Leutseligkeit, – und vielleicht vor allem seine große Schönheit, seine hohe, schlanke Figur, seine ungewöhnlich weiße Haut zu schwarzem Haar – nicht zu vergessen seine gesellschaftliche Gewandtheit und die Gunstbeweise der Frauen ihm gegenüber; das war für den Knaben etwas ganz Neues. Das war der Herrentyp, das Ideal des Knaben.

Unter all diesen Kameraden war Ivar der kleinste und behendeste, wenn es gefahrvolle Schelmenstreiche galt, z. #0160;B. Äpfel und Beeren in den Gärten stehlen und verschwunden sein, wenn der Eigentümer oder andre den Lärm hörten und herbeikamen. Jedesmal, wenn sie etwas derartiges angestellt hatten, wie eine Schnur über den Weg spannen, so daß die Bauern, wenn sie betrunken von der Stadt zurückkehrten, drüber fielen und die Pferde durchgingen, oder wenn sie die Leinen an den Booten der Bauern durchschnitten hatten, so daß sie ins Meer hinaustrieben ... jedesmal, wenn sie etwas derartiges angestellt hatten, ohne entdeckt zu werden, so hielten sie das für »eine Tat«. In Stadt und Umgegend davon reden zu hören, das war ein Jux!

An einem Ende der Stadt lebte eine geizige, zornmütige Witwe, die einen Laden und einen großen Garten besaß; mit diesem Zornbesen lagen sie ganz besonders in Fehde, d. #0160;h. sie wußten, wem sie ihren Schabernack spielten; aber die Alte wußte nicht, gegen wen sie Wachen ausstellte, den Hund hetzte, in die dunkeln Herbstabende hinaus schalt und drohte. So lange trieben sie das, bis sie fanden, es sei nötig, noch mehr zu tun. Der Vorschlag des Anführers, daß sie sich eines Abends in den geschlossenen Laden schleichen und ihre Kleingeldkasse (sie wußten, in welcher Schiebelade sie stand) entwenden wollten, fand allgemeine Zustimmung. Das war ein »Hauptulk«; ihr Zorn würde gradezu in »Besessenheit« ausarten! Der Jüngste und Behendste wurde durchs Kellerfenster hineinkommandiert, die Andern standen Wache.

Aber wie es nun zuging, – der Jüngste und Behendste wurde entdeckt. Und mit einem Mal erhielt die Sache ein Aussehen, wie es keiner der Spaßmacher sich gedacht hatte.

An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Das Ende war, daß er, der den Streich auf Befehl ausgeführt, die Kasse abgeliefert und keinen Vorteil davon gehabt hatte, – der Einzige war, der gefaßt, angeklagt und verurteilt wurde. Die andern waren »guter Leute Kinder«. Es waren auch verschiedene Konfirmierte unter ihnen, für die die Strafe allzu ernst geworden wäre; denn die Gesetze jener Zeit waren streng.

So drangen denn die andern Knaben und deren Eltern mit Bitten und Versprechungen auf ihn ein; der Gefängniswärter gab freien Zutritt. Es wäre gar nicht notwendig gewesen, ihn zu bitten, alles auf sich zu nehmen; er hätte gern sein Leben für die Kameraden gegeben. Besonders für den Großen mit der weißen Haut und dem schwarzen Haar. Es war eine Freude für ihn, als schließlich auch der kam und sagte: »Du sollst es nicht bereuen«, – und ihm dazu übers Haar strich.

Wohl tat es weh, als Vater und Mutter kamen und ihn gar nicht verstehen konnten. »Er, der immer so lieb und gut gewesen war, – er sollte nun ihre Schande werden!« Der Knabe weinte bitterlich mit ihnen; aber schwieg.

Und dabei bliebs auch an dem schweren Tag, als er in seinem hübschen blauen Anzug an Bord des Dampfschiffes mußte; er sollte in das Trontheimer Zuchthaus überführt werden, um dort »konfirmiert« zu werden. Er durfte an der Reeling stehen und nach der Stadt hinüberblicken; er wollte gern aufpassen, ob keiner von denen, für die er die Reise tat, in einem der Boote drunten war. Er durfte an der Reeling stehen, bis das Dampfboot abfuhr. Aber er sah keinen von ihnen.

Im Zuchthaus wurde er vom ersten Tag an aller Liebling. Sie hatten Mitleid mit dem schönen, lieben Jungen; sie wetteiferten darin, etwas für ihn zu tun, damit er vorwärts käme, wenn er einst entlassen würde.

Hier, im Trontheimer Zuchthaus, wurde er auch konfirmiert. Hier las, rechnete und schrieb er, und noch eh er heraus kam, war ihm eine Stelle als Laufbursche bei einer der ersten Familien der Stadt gesichert. An dem neuen Platz wiederholte sich dasselbe, – alle nahmen sich seiner an. Sein Unterricht wurde fortgesetzt, er bekam hübsche Kleider; es machte ihnen Spaß, ihn zierlich gekleidet zu sehen, so schön, wie er war. Ja, er erhielt eine Guitarre geschenkt und lernte darauf spielen, denn er hatte Stimme und begleitete sich nun selbst. Die guten Feen, die in dieser Weise Rosen auf seinen Weg streuten, waren natürlich hauptsächlich Damen; auch ein Liebesverhältnis spielte dabei mit.

Und bald mehrere.

Er erlebte in dieser Richtung die wunderlichsten Dinge, von denen ich je gehört habe. Ich bin wohl der Einzige, zu dem er davon gesprochen hat; aber auch da fast nur in Andeutungen. Näheres darüber zu erzählen, habe ich nicht das Recht. Ich glaube, daß diese seine Gabe, zu schweigen, eben weil sie aus rücksichtsvoller Güte geboren war, die Frauen zu ihm hinzog, – mehr noch als seine Schönheit; mehr noch als andre erotische Eigenschaften, die wie ein Geheimnis unter ihnen umgingen. Über derartiges können Frauen ja nicht schweigen.

Nach außen hin war dies sicherlich seine glücklichste Zeit. Aber wenn ich später darüber nachgedacht habe, ist mir mehr und mehr der Glaube gekommen, daß er da einen Knax fürs Leben bekommen hat.

Man darf ja wohl annehmen, daß die Knabenträume, die er mir erzählte, aus Kräften in ihm entsprangen, aus einer Energie, die später nicht zur Reife gedieh. Ich gebe jedoch zu, daß ich sein Geschlecht nicht kenne und es deshalb so genau nicht wissen kann. Nicht alle Träume sind eine Selbstprophezeihung von Kräften; sie können auch nur als Erinnerungen aus der Vergangenheit des Geschlechts mittreiben.

Später, als ich ihn traf, war er ohne starken Lebensdrang, ohne sonderliche Unternehmungslust; und unter all der Liebe, in deren Mitte er lebte, war keine, die seinen Sinn ganz erfüllte. Seine Schwärmerei war damals, mit einem oder dem andern seiner Freunde unter den Kapitänen hinauszukommen. Eine Reise nach Hamburg, Bremen, Kopenhagen, Schweden machen, oder andre Städte in Norwegen besuchen zu können. Ich erwähne dies besonders, weil es besonders charakteristisch ist.

Die Sache war nämlich die: er wußte nicht, oder wollte nicht wissen, wohin.

Es war, als müßte ein andrer kommen und bestimmen. Er verließ Trontheim und kam nach Christiania, wo man den hübschen Menschen in einem Laden sehen konnte. Rasch hatte er einen neuen Kreis von Freunden und Freundinnen; aber immer dieselbe Unentschlossenheit.

Da liest er in der Zeitung, daß seine Bewunderung aus den Kindertagen, der Mann mit der weißen Haut und dem schwarzen Haar, im ersten Hotel der Stadt wohnt!

Er hat mir später erzählt, daß er vor Erregung zitterte und sich krank melden mußte; er konnte seine Gedanken nicht zur Arbeit sammeln. All die Jahre hindurch hatte er, oft ohne es sich selbst zu gestehen, auf ihn gewartet. Das Letzte was er aus dem Mund des Freundes, in dem ihm eigenen, selbstherrlichen Ton gehört hatte, war ja: »Du sollst es nicht bereuen«! Eine runde, volle Anweisung, ausgestellt von einem Mann, der die Ritterlichkeit selbst war. Bye hatte ihn in all diesen Jahren nicht belästigt; zu der Schuldsumme hatten sich also Zinsen gehäuft. Der Freund war nun auch im Auslande ein reicher Mann geworden, wenn das Gerücht nicht trog; Bye würde auch ins Ausland kommen, das fühlte er! Nun galt es also, ihm zu sagen, daß er hier war. Aber es mußte so geschehen, daß andre es nicht hörten oder sahen; das hätte den Nichtsahnenden in Verlegenheit bringen können! Er erkundigte sich deshalb im Hotel, wo der Fremde abends hinginge; und Nacht für Nacht ging er selbst vor sein Hotel; er wollte ihn begegnen, wenn er heimkam. Aber es traf sich nie günstig. Da faßte er Mut und schrieb. Erzählte ihm, daß er in der Stadt sei, und erbat sich eine Unterredung, gestattete sich, die Zeit und den Ort ihres Zusammentreffens, des Freundes Zimmer im Hotel, vorzuschlagen.

Zur bestimmten Zeit fand er sich vor der bestimmten Tür ein. Er stand und lauschte, eh er anklopfte; es war Licht darin – aber kein Geräusch. Endlich klopfte er. Ein kräftiges »Herein!« antwortete ihm. Als Bye nicht sogleich zu öffnen vermochte, wurde es wiederholt – noch kräftiger – vom besten Gewissen der Welt.

Ivar Bye stand vor einem hohen, stattlichen Mann in eleganter Gesellschaftstoilette, der eben Parfüm auf sein Taschentuch goß.

Sie sahen einander an; und die erste Folge davon war, daß keiner von ihnen grüßte. »Ich habe Ihren Brief erhalten; aber ich bedaure, daß die Zeit, die Sie vorgeschlagen haben, nicht günstig ist; ich bin im Begriff auszugehen. Bitte, nehmen Sie Platz!«

Bye blieb stehen.

»Ich sehe, es geht Ihnen gut. Was treiben Sie?« – »Ich bin im Handelsfach.« – »So, wirklich? Sind Sie schon lange hier?« – »Ein Jahr oder so.« – Er wußte nicht mehr, was er redete, das Zimmer fing an, sich im Kreis zu drehen. »Ja, Sie müssen wirklich entschuldigen, aber ich höre eben den Schlitten vorfahren.« Er wandte sich um und legte ein großes seidnes Halstuch um, eh er den Pelz umnahm. Es klopfte. Ein Diener meldete, daß der Schlitten da war, eilte herbei und half dem Herrn in den Pelz. Bye stand noch immer unbeweglich, als der Herr mit einem höflichen Adieu an ihm vorbei in den Gang hinaus und die Treppe hinab ging.

Bye war über dreißig Jahre alt, als er mir dies erzählte, und mehrere Jahre waren vergangen, seit es geschehen war. Aber er weinte wie ein betrogenes Weib.

Nach dieser Begegnung wurde er langsam ein anderer. Wie ich es später begriff, müssen die ersten äußeren Anzeichen davon gewesen sein, daß er seine Lieder nicht mehr sang, es kaum ertrug, sie von andern singen zu hören; die Guitarre rührte er nicht mehr an. Es ist dies nicht so zu verstehen, daß das Leben der Erwartung, das er bisher geführt hatte, von dem energischen Bestreben abgelöst wurde, sich eine Zukunft zu schaffen. Das lag ihm gar nicht mehr, wenn er das je getan hatte. Sondern so, daß die Schwärmerei, die er im Innersten genährt hatte, ihre sentimentalen Erinnerungen fahren ließ und statt dessen ihre Dichtung um die zu spinnen begann, in deren Kreis er gerade stand; wenigstens um Einzelne von ihnen. Es begann damit, daß er bei guten Menschen Trost und Zuflucht suchte für das Beste in ihm; aber auf die Dauer ward es zu einer Lebenskette, welche die Geschichte des einen Freundes oder der einen Freundin an die der andern schloß, und alle zusammen bildeten sein Glück. Nach und nach lebte er ausschließlich für Andere.

Wie andre junge Leute nach Enttäuschungen und Wunden in einem Kloster eindämmern, so er in guten Werken.

Als das norwegische Theater in Christiania errichtet werden sollte, war der ehemalige sentimentale Sänger und Guitarreklimperer der erste, der sich meldete. Viele Moldenser erschraken, als sie seinen Namen hörten. Daß er es wagte, auf einer Bühne aufzutreten! Kurz darauf lernte ich ihn kennen und begriff sofort, wie natürlich es für diesen Träumer war, nach Aladdins Schloß zu suchen. Da würde er leben – nicht in den Prachtgemächern, nicht an den Fenstern und auf den Balkons paradierend, bereit, Huldigungen zu empfangen; sondern in den weinlaubumschatteten Bogengängen, in den Alkoven, in den heimlichen Plätzchen rund um die Kaskaden draußen im großen Park. Der Mitwisser aller Geheimnisse, der Vertraute und Helfer aller. Immer im Hintergrund mit kleinen Diensten und guten Ratschlägen bereit; immer bereit, die Jüngsten zu loben, die Unglücklichen zu trösten, sich mit den Glücklichen zu freuen. Er selber hatte keinen Ehrgeiz; sein Trontheimer Dialekt (welchen die Bühnenleiter nicht zu brechen verstanden, solange es noch Zeit war), und seine Dilettanten-Furcht vor dem Unnatürlichen, die ihn verhinderte, ordentlich loszulegen, waren ihm überall im Wege. Aber wenn wir fragen, so wird uns jeder Einzelne von denen, die noch vom ersten Personal des norwegischen Theaters leben, erzählen, was er für die war, die er gern hatte, denn er war ein verwöhnter Menschenkenner! Sie werden uns erzählen, was sie seinem Geschmack, seiner Erfindungsgabe, wo es ihr Wohl galt, seiner taktvollen Aufrichtigkeit, seiner Treue und Diskretion verdanken. Heiter und warmherzig, phantasievoll und vertrauenerweckend, ihre kleinen Fehler verspottend und züchtigend; das, was er liebte, hervorlockend.

Er war noch nicht lange da, als er zum ersten Mal in seinem Leben festen Boden unter den Füßen zu fühlen begann; es schwankte nicht mehr alles. Aber just da erhielt er einen anonymen Brief von »einem Moldenser«. Darin wurde er gefragt, »wie er es wagen könne –?«

Und hier war's, wo ich dazu kam.

Eins von den ersten Dingen, die ich erzählen hörte, als ich Zögling der höheren Schule zu Molde wurde, war, wie dieser gutherzige, schöne Junge von älteren, »vornehmeren« Kameraden mißbraucht und dann schmählich verlassen worden war. Darüber herrschte in Molde sowohl damals als später nur eine Stimme. Als es nun mit Schlangenzungen zu zischen begann, schien es mir deshalb, wir Moldenser müßten die Ersten sein, sie in ihre Löcher zurückzupeitschen. Ich habe ein Talent für Organisation; in aller Eile veranlaßte ich die Moldenser Studenten, eine Leibwache um ihn zu schließen, eine Wache des Schweigens und der Freundschaft. Und zu äußerer Sicherheit nahmen wir ihn in die Studentenkolonie auf, die ein paar von uns gegründet hatten. Er zog mit seiner langen Pfeife, seinem kleinen Hausrat – vor allem seiner kleinen Beefsteakpfanne, an der so viele von uns sich erfreut haben! – bei uns ein; seine Bude oben wurde bald unser Lieblingsaufenthalt.

Als Theaterkritiker konnte ich ihm auch indirekt eine Stütze sein, wenn die Leute uns überall zusammen sahen. Ich stutzte einen französischen Lustspiel-Einakter für ihn und noch einen andern Notleidenden, Kapitän David Thrane, zurecht; letzterer hatte Walzer- und Operettenmelodien komponiert, die er darin angebracht haben wollte. Bye erhielt eine kleine erotische Rolle; ich wollte sehen, ob er vielleicht am Ende doch einmal mit etwas von dem, was er besaß, herauskommen konnte. Er wagte sich jedoch kaum zu rühren, so daß das Stück glänzend Fiasko machte. Wir tranken unter großem Gelächter auf seinen Tod.

Für das norwegische Theater kamen bald böse Tage. Wir Norweger haben nämlich die Gewohnheit, jedes nationale Unternehmen dreimal an unsrer Gleichgiltigkeit oder Uneinigkeit zugrunde gehen zu lassen. Erst beim viertenmal ist es lebensfähig. Bye ging mit einer schlechten Truppe auf die Wanderschaft. Aber eben damals war ich Direktor am Bergenser Theater geworden und schickte ihm Reisegeld.

Ich seh ihn noch, wie er am ersten Tag meine Garderobe musterte und sich daraus ein paar Hosen mit Seidenstickerei an den Säumen herunter auswählte; ich seh ihn mit einem Taschenmesser sitzen und diese Verzierungen austrennen; denn grade diese Hosen hatte er sich nun einmal ausgesucht. Er war bettelarm. Er hatte nämlich alles, was er hatte, weggegeben, solchen, die es nötiger brauchten, als er. »Für mich war ja noch immer Rat,« sagte Bye, »ich wußte ja, ich hatte dich in der Hinterhand.« Ich möchte wissen, ob ich jemals in meinem Leben stolzer auf etwas gewesen bin, das er mir gesagt hat. Es war auch das Einzige dieser Sorte, was er mir zu spendieren für zuträglich hielt.

Er nannte mich – wie alle Kameraden – »Björnen« (Bär) oder »Bjö'en« und behandelte mich wie ein Kind, oder wie einen hellen Toren – insonderheit wie das letztere, indem er mich vollständig entmündigte. Ich bekam mein eignes Geld nicht in die Hand, – wobei ich mich ausgezeichnet stand, – sondern mußte ab und zu etwas von ihm »leihen«. Er umgarnte mich geradezu mit den abscheulichsten Schlichen und stiftete Verschwörungen gegen mich unter meinen Freunden an. Obschon es immer zu meinem eignen Besten geschah, – wenn ich dahinter kam, oder wenn es zu stark gegen meine Passionen ging, so kriegte er Prügel; aber in der Regel ging's nach seinem Willen. Wenn alles vorüber war, hielt er mich unbarmherzig zum Narren, und dann lachten wir alle beide.

Im Frühling zogen wir nach Trontheim, um wieder vor den Trontheimern zu spielen – ich darf wohl sagen, ein gut einstudiertes Repertoire. Die Trontheimer wollten uns erst das Theater nicht vermieten; »es sollte repariert werden«. Ich mußte hinauf und es erobern, und die andern kamen nach. Bye war mit dabei. Eine lustige Gesellschaft waren wir – lauter junge Leute, der Direktor der zweitjüngste von allen! Eine Sommerreise, wie sie kaum ihresgleichen gehabt hat in Norwegen! Sie hätte ihren Dichter haben müssen; – der aber starb mit Georg Krohn.

Proben und Vorstellungen, Gesellschaften, Ausflüge, Tollheiten und Reden, – ich hielt zu jener Zeit beständig Reden! ... man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie wir mit den Trontheimern umsprangen, wenn ich erzähle, daß wir jeden Abend bei gutem Wetter damit endeten, daß Rektor Müller – man denke, der Rektor der Stadt! – auf der Feuerleiter in den Stiftsgarten stieg, ohne sich festzuhalten, und weiter über die Dachrinne und wieder zurück!

Ich wohnte im ersten Hotel der Stadt. In einer wehmütigen Stunde, mitten unter allem Jubel, schrieb ich da:

»Auf Sankte-Hans
ist Lachen und Tanz;
ich aber weiß nicht, ob sie flicht ihren Kranz.«

Ivar Bye wohnte natürlich bei mir. Er sagte nichts und ich sagte nichts; aber wir waren im voraus darüber einig, so und nicht anders mußte er Trontheim wiedersehen.

Den Tag, nachdem wir angekommen waren, gingen wir miteinander an dem langen, düstern Haus vorbei, in dem er einmal als Gefangener gesessen hatte. Nie vergeß' ich, welche Stimmung in mir zitterte, meine Augen begegneten den seinen. Er sagte irgend etwas, wie: sie haben ein neues Tor; oder: das Tor ist neu angestrichen. Ich weiß nicht mehr, was. Ich sagte nichts; d. #0160;h. ich schwatzte unaufhörlich von ganz andern Dingen.

In Trontheim waren nur Wenige, die sein Geheimnis kannten, und diese Wenigen waren seine guten Freunde. Hier war er also sicher.

Ich seh ihn noch draußen auf einem Stein mitten in dem großen Lerfoß, ein Stück weit von der Stadt; Gott weiß, wie er da hinaus gekommen war. Er hockte da – nackt. Da war er einmal ganz losgelassen! Eine solche Wildheit und ein solcher Übermut offenbarte sich da, daß man erwartete, er würde sich in den Strom werfen. Ich stand und dachte: Jetzt ist Bye froh!

Später sagte ich zu ihm: »Was hätte aus dir werden können, Bye, wenn du dich hättest frei entwickeln können.«

»Ja,« antwortete er, »etwas zwischen Aschenputtel und Nöck. Auch wenn der Nöck weint.«

Und eine Weile darauf: »Aber für mich war von Anfang an die Schranke gezogen.«

Zwei Tage zuvor hatte ich mich verlobt, deshalb lebt der Tag in meinem Gedächtnis wie Sonnenschein; jedes Wort steht vor mir in gleicher Klarheit wie die Landschaft. Solange diese Verlobung sich vorbereitet hatte, schwieg er; nicht mit einem Hauch seines Mundes, so schwach, daß er die kleinste Feder bewegt hätte, versuchte er auf meinen Entschluß einzuwirken. Und doch sagte er mir, sogleich nachdem es geschehen war, daß es sein höchster Wunsch gewesen war! Herrliche Tage hatten wir drei! Und es blieb so, als ich mich verheiratete, obwohl er ausziehen mußte und meine Frau einzog; er kam beständig zu uns.

Jenes Jahr ist zweifellos das für meinen Charakter gefahrvollste gewesen. Ich hatte eine unbändige Arbeitskraft; ich leitete das Theater und das Oppositionsblatt der Stadt und damit die große Wahl, die erste in Norwegen auf ganz nationalem Grund. Gleichzeitig nahm ich in ausgedehntestem Grad am Vereinsleben und an Gesellschaften teil, schrieb an einer Erzählung und dichtete Lieder. Aber mir war nicht leicht eine Schranke zu setzen, wenn ich etwas erreichen wollte; ich hatte ja auch immer Glück.

Ihm und ihr verdanke ich es, und der Mithilfe meiner teuren Freunde Georg und Henrik Krohn, Dankert Roggen, Andreas Behrens, Henrichsen, Dahl u. #0160;a., daß ich so einigermaßen unversehrt daraus hervorgegangen bin.

Unter den warmen, unmittelbaren Menschen in Bergen fanden sich Freunde für Ivar Bye. Als Garderobier am Theater, wo man ihn seines guten Geschmacks willen angestellt hatte, kam er mit vielen verschiedenen Schichten der Bevölkerung zusammen, und er traf wie gewöhnlich, seine Auswahl. Durch uns andre lernte er noch mehr kennen, – so daß er nun endlich Menschen gefunden hatte, die er brandschatzen konnte für seine armen Freunde in allen Ecken und Winkeln des Landes! Nach und nach gewann er, – das war unausbleiblich – vollständige Herrschaft über die, die er gern hatte, und er erhielt sie sich auch, weil er genau wußte, wie er jeden Einzelnen zu nehmen hatte. Eine alte Verwandte meiner Frau liebte ihn so, daß sie den Tag für verloren hielt, an dem er nicht vorgesprochen hatte. Trotzdem wollte sie ihm das Kleid nicht geben, das sie eben an hatte; es war ja auch wirklich zu toll, um so etwas zu bitten. Bye hatte nämlich ein altes armes Fräulein, dem dies Kleid akkurat paßte; es war so hübsch warm, so recht ein gutes Winterkleid, und sie besaß mehrere, das alte Fräulein aber gar keines. Kaum war Bye gegangen, so fing das, was er gesagt hatte zu wirken an. Vielleicht mußte es eben grade solch ein Kleid sein? Sie zog es aus und packte es ein. Eh' Bye von seinen vielen Besorgungen nach Hause kam, lag das Kleid auf seinem Zimmer. – Für andre hatte er eine andere Art des Vorgehens. Wenn sie mit einem ausgedienten Kleidungsstück nicht herausrücken wollten (es gibt ja liebenswürdige Menschen, die in diesem Punkt unglaubliche Gewohnheitstiere sind), so nahm er es ganz einfach und ließ uns andre dann arglos fragen: »Aber, Liebe, haben Sie denn das graue Kleid nicht mehr? Es stand Ihnen so gut!«

Was er sich und uns Spaß machte mit all seinen Schlichen, um uns Geld für seine alten Fräuleins abzulocken! Er hatte ein wahres Genie dafür, solche aufzustöbern und sie mit seinem Geplauder und seinen diskreten Gaben zu erfreuen.

Ivar Bye hat uns in Wahrheit gelehrt, gut zu sein, und viele, viele außer uns.

Als Beweis dafür, wie sicher er sich seiner Freunde fühlte, muß ich einen kleinen Streich erzählen, über den seinerzeit halb Bergen lachte. Wir waren in Gesellschaft bei einer Dame, die für ihre ausgezeichneten Kuchen bekannt war. »O,« sagte meine Frau, »besonders der da schmeckt köstlich!« – »Den sollst du mit nach Hause nehmen,« antwortete Bye. Alle Kuchen wurden aufgegessen, nur nicht diese Sorte; sie waren fast unberührt. »Ich begreif' es nicht,« sagte die Wirtin, als die andern Gäste fort waren und wir noch allein da waren. »Ich glaubte, die Kuchen seien die Besten.« – »Ich begreif' es gut,« sagte Bye, »ich bin nämlich zu allen Leuten gegangen und habe ihnen gesagt, daß in den Kuchen da faule Eier seien!« –

Der reichste Teil aber seiner Menschenkenntnis, seiner Wärme und Güte sammelte sich in seinem Beruf als Ratgeber und Vertrauter. Er war dazu geboren. Keine Instinkte sind im Menschen feiner entwickelt, als die, die Verständnis ahnen! Und andrerseits gibt es kein sichereres Zeugnis moralischer Macht, als das, Bekenntnisse zu erzwingen einfach dadurch, daß man ist, der man ist! Und diese Macht hatte er.

Unsre Literatur hat ein Denkzeichen für seine Art und Weise, Vertrauen entgegen zu nehmen. Es ist niedergelegt in dem Gedicht:

Ich hab' einen Freund – In schlafloser Nacht – –

Ich schrieb es fern von ihm – nicht, damit er es bekommen sollte, sein Name ist nicht genannt und er hat es nie erhalten; sondern weil das Leben damals schwer für mich war.

– – Als meine Frau und ich mit unsrem kleinen Jungen vom Auslande heimkehrten, vier Jahre nach meinem Abschied von ihm und vom Theater, sehnten wir uns tiefinnerlichst nach Bergen und ich ganz besonders nach ihm. Das Theater war aufgehoben. Natürlich. Aber Bye hatte sich Vertrauen erworben, er blieb zurück als Aufseher über Haus und Habe, und die kleine Einnahme genügte für ihn.

Wir hatten uns darauf gefreut, ihm unsern Jungen zu zeigen, – und wir mußten hören, daß Bye gefährlich krank sei. Trotzdem war viel Freude bei der Rührung des Wiedersehens, denn er war ja auf, er hob unsern Jungen hoch; wir wollten viel zusammen sein, sagte er.

Darin aber täuschten wir uns. Den Tag darauf mußte er zu Bett, um nicht mehr aufzustehen. Es war, als hätten die Kräfte ausgehalten, bis wir kamen; jetzt ging es rasch bergab.

Daß es schnell zu Ende ging, begriff ich zum erstenmal bei einem Vorfall, einige Tage später; ich will ihn nicht verschweigen. Ich kam zu ihm – »kam« ist nicht das Wort, denn ich war wütend und stürmte die Treppen hinauf. Ich war mit einer Sache beschäftigt, die mich erregte und ich vergaß, – wie junge gesunde Leute nur allzu oft tun, – wie es Schwachen und Kranken zumute ist. Nach alter Gewohnheit wollte ich mich vor allem vor ihm austoben, und das tat ich auch. Da traf mich auf einmal ein hilfloser Blick und ich hörte die Worte: »Ach nein – ich kann nicht fassen, was du sagst!« ... wie ich erschrack, wie ich mich schämte und unglücklich war! Und wie das sich verschärfte, als er ein paar Tage darauf starb! So nahe war er dem Tod, und wir ahnten es nicht!

Es ist mir leider oft passiert, daß ich mit meinem unbändigen Eifer denen weh getan habe, die ich am wenigsten kränken wollte, – und alle diese Fälle haben mich später heimgesucht, einzeln oder miteinander, mich gequält, mich gedemütigt. Keiner aber öfter als dieser.

Denn war es nicht, zum Ausgang seines Lebens, wie eine letzte Wiederholung all des rücksichtlosen Gebrauchs, den andre von seiner hingebenden Natur gemacht hatten?

Wie wenn Anfang und Ende sich zusammenschließen sollten, stand, als die Wirtin seine Augen geschlossen hatte und in seine Wohnung hinunter kam, ein Fremder da; er fragte nach Ivar Bye. Sie erzählte ihm weinend, daß sie ihm soeben die Augen geschlossen habe; der Fremde ward davon so stark ergriffen, daß er sich setzen mußte. Er fing an, sie auszufragen, und der Wirtin war es eine Erquickung, grade jetzt ihn aus ihres Herzens reichster Fülle preisen und zuletzt sein geduldiges, ruhiges Sterbebett schildern zu können. All das machte einen tiefen Eindruck auf den Fremden. Er blieb lange sitzen. Als er sich erhob, um zu gehen, wollte er aber seinen Namen nicht nennen. Er habe wie ein Beamter ausgesehen, sagte sie. Sollte es einer der Kameraden von Molde gewesen sein, den späte Reue grade in diesem Augenblick herbeigezogen hatte?

Der Anführer von damals war es nicht; der war längst tot.

Ich stand an Ivar Byes Grab und sagte mir, daß ich dies alles einmal niederschreiben wollte. Für das juristische norwegische Volk.

Ich stand am Grab und blickte auf das Gefolge. Das war ja eine große Beerdigung; ich kannte nicht den zwanzigsten Teil! Theatervolk, Handwerker, Kaufleute, Seeleute, Beamte, arme Kerle, Reiche, die Ältesten und die Jüngsten. Und am Grab erwarteten uns die Frauen. Mütter waren da, die ihre Kinder mit sich hatten, und Mütter und Kinder weinten um die Wette. Alte Fräulein aus dem Jungfernstift, arme Weiber, junge Mädchen, alle mit Blumen und Tränen.

Ich kenne manche, die ihre Tränen wiederfinden werden, wenn sie dies lesen. –

Wenn ich mir meine verstorbenen Lieben denke, so mag ich sie mir nicht als Leichen, geschweige denn als abgemagerte Skelette denken. Ich denke sie mir wieder mit der Röte des Lebens auf den Wangen, ihre Augen auf mich gerichtet. Bye aber kann ich mir denken, so wie er jetzt aussehen muß, – ja, ich denke ihn mir meistens so, mit seiner Reihe herrlicher Zähne in breiter Rundung, mit dem Nasenbein und den Höhlen unter dem schönen Schädel. Ohne Scheu seh' ich die kalkgrauen Kniee, – etwas aufwärts- und auseinandergekrümmt, und die langen, gegeneinander gelegten Knochenfinger.

Ich glaube nicht, daß dies ist, weil sein Gesicht hager war, so daß es der Phantasie Vorschub leistete. Auch nicht, weil er, als Nöck draußen in Lerfoß hockend, mitten im Sturz und Schaum des Wassers, mehr aus Höhlen als aus Augen um sich starrte, während seine Zähne gleißten.

Nein, es ist wohl, weil sein Verstehen der Menschen und Dinge ein so tiefes geworden war, ein so liebevolles, daß es für ihn nichts Abstoßendes gab. Nicht in den Formen des Lebens und nicht in den Formen des Todes. Und das symbolisiert sich auf diese Weise in meiner Erinnerung.

Einsame Reue

Ich hab' einen Freund – in schlafloser Nacht
tönt mir sein Friedensgruß.
Wenn das Licht erstirbt und das Grau'n erwacht
naht er auf leisem Fuß.

Nie redet in harten Worten sein Mund –
selbst kennt er Leid und Reu' –
sein weicher Blick macht Krankes gesund –
wer ist, wie er, so treu?

Begangene Sünde, die mich kränkt,
nimmt still er auf sein Herz,
und wenn mein Glaube die Flügel senkt,
hebt er ihn himmelwärts.

So kämpft er auch heute, wie immerdar,
mein einsames Ringen mit –
Übers Jahr, mein Freund, wird offenbar,
um was ich heute stritt!

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