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Zwei Artikel

Therese Huber: Zwei Artikel - Kapitel 1
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authorTherese Huber
booktitleBriefe und Erzählungen
titleZwei Artikel
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Kann eine Romandichterin Männer schildern, und ist ein Mann zum Romanenhelden zu brauchen?

Erschienen im »Morgenblatt« 1828

Die Bemerkung, daß Weiber in ihren romantischen Dichtungen keinen männlichen Charakter darzustellen vermögen, ist schon oft gemacht worden. Ich bin auch eine Romanenschreiberin und stimme dieser Bemerkung völlig bei. Da ich mir aber bewußt bin, unter meinen Romanenhelden manchen nach dem Leben geschildert zu haben, und dennoch keinen Mann in dem Sinn, wie ihn dieses einzige Wort bezeichnet, sann ich schon frühe darüber nach, was unter einem Mann in obigem Sinne zu verstehen sei, und warum ich keinen solchen in meinen Romanen aufstellen könne?

Was verlangt man eigentlich von der Schilderung eines Mannes? und ist es denn Männern gelungen, eine solche Schilderung zu entwerfen? Die Eigenschaften, mit denen ich den Mann bezeichnen würde, sind Milde und Kraft, Geist und Selbstbeherrschung. Kann mit diesen Eigenschaften ein Mann in Romanenverhältnissen vorteilhaft auftreten? Nein! Das Romaneninteresse fordert Leidenschaft, und die Leidenschaft der Liebe; aber so ein Mann wird die Liebe sobald als möglich beseitigen, weil er als Bürger, sei er Ehemann und Hausvater, oder ehelos und einzeln, sich dem Ganzen zu widmen bestrebt ist. Wagt ein Dichter so einen Mann in seinen Romanen zu schildern, so wird er langweilig. Den Beweis, der vielleicht öfter, als ich es weiß, sich wiederholt hat, nehme ich aus ältern Romanen, die gebildeten Lesern bekannt sein sollten.

Grandison wird von dem jüngern Geschlecht und seinen lieben Eltern, mit wenigen Ausnahmen, als ein Tugendpopanz belächelt. Ich habe ihn nie für einen solchen gehalten. Betrachten wir ihn in jeder einzelnen Lage seines Lebens, so handelt er immer mit Milde und Kraft, mit Geist und Selbstbeherrschung. Das ist doch ein Mann zu tun fähig? oder ist er das nicht, meine Herrn? – Daß Grandison dieses kann, macht ihn also hoffentlich nicht unwahr, sondern das, daß dessen Verfasser eine Unzahl günstiger Gelegenheiten anhäuft, wo er dieses sein konnte, zieht seiner Schilderung den Vorwurf der Übertreibung zu. Wir lehren unsere Bübchen so ein paar alte Geschichten von ein paar wackern Männern, die dem Besitz schöner Weiber entsagten, weil es ein gemeiner Siegerstreich gewesen wäre, ihren Vorteil zu benutzen; wir erzählen ihnen von Alexander, wie er seinem Arzt, der ihm den verdächtigen Trank reichte, fest ins Auge blickte; von Titus, der zu verzeihen wußte u. s. f. Wehe dem Lehrer, wehe dem Schüler, der diese Handlungen für Übertreibungen hält! Läßt man sie aber nur deshalb als wahr gelten, weil sie so einzeln in dem Leben der Helden erwähnt werden? wird ein Mann fabelhaft, weil er oft tugendhaft ist? und finden wir nicht Grandisons edles Benehmen in einzelnen Fällen von vielen unserer Mitlebenden nachgeahmt? haben wir keine frommen Söhne, großmütige Brüder, versöhnende Freunde, aufopfernde Bürger unter uns? Wehe uns, wenn deren Mangel so groß ist, daß deshalb Grandison zur Fabel wird!

Allein als Romanenheld genügt Grandison nicht, ebensowenig sein deutsches Nachbild, Herr Less** in Sophiens Reisen, der, soweit es möglich ist, seinen Umrissen in dem geheimnisvollen Dunkel und der verworrenen Vornehmheit, in welche der Verfasser ihn gehüllt hat, zu folgen, wirklich ein Grandison war; als Romanenheld macht er auch Langeweile. Die schottische Pastorenfrau hat in dem von Therese Huber bearbeiteten Roman: Ellen Percy, nach meinem Bedünken, den Mann am würdigsten als Liebhaber auftreten lassen, und obgleich ihn eine Frau schilderte, wäre es wohl sehr zu wünschen, der Hundertste unserer Zeitgenossen, nicht unsrer Romanhelden, wäre ein solcher Mann. Den gefühlvollen Seelen hat er aber doch mißfallen, und wenn er sieben Bände durch wie Grandison und Herr Less** figurierte, würde er langweilen wie sie.

Es scheint also, daß ein Romanenheld immer langweilig sei, wenn er seinen Beruf als Mann und Bürger seinen eigenen Schicksalen vorzieht, denn dieses soll der Mann von sich fordern, dazu setzen ihn Milde und Kraft, Geist und Selbstbeherrschung instand. Um aber als Romanenheld zu gefallen, muß die Leidenschaft ihn hinreißen, ihm mehr gelten als Pflicht, er muß in ihr untergehen, oder sie mit seiner Pflicht in Einklang bringen, worauf der Roman notwendig schließt; also Leidenschaft, und nicht eine solche, die den Helden auf das Welttheater führt, mit der er Völker und Reiche umfaßt, sondern die selbstsüchtigste, abgrenzendste, die im Sieg notwendig ihren Untergang findet, die Liebe. Herrschsucht, Ehrgeiz, Märtyrerkronen, Missionssucht müssen, um im Roman zu taugen, vor der Liebe unterliegen. Kann also ein solcher Romanenheld in obigem Sinne ein Mann sein? Nein! zu Kraft und Selbstbeherrschung ist er noch nicht gelangt, oder sie sind ihm von der Leidenschaft schon entrissen; in beiden Fällen ist er ein anziehender Romanenheld, aber kein Mann.

Aus diesen Betrachtungen scheint mir klarzuwerden, daß der Mann überhaupt zu keiner Romanschilderung paßt, daß kein Romanenheld ein Mann ist, sondern dessen Schilderung dem Leser nur die Hoffnung geben kann, er werde jenseits des Romans noch ein Mann werden. Und diese mindere oder größere Wahrscheinlichkeit wäre wohl der Maßstab, den wir im Roman und im Leben unsern Helden anlegen sollen.

Daß die Schilderung der Leidenschaft des Mannes dem Weibe nicht ganz gelingen kann, liegt aber wohl tief in dem Geheimnis, welches schon Plato durch eine sinnreiche Fabel zu erklären versuchte, die aber zugleich beweist, wie Plato der Meinung war, daß der Mann das Weib ebensowenig zu durchschauen vermöge. Der Mann ist wohl von zu roher Natur, um die Schranke, welche dieses Geheimnis schützt, wahrzunehmen; er meint vergnüglich, was er wahrnehme, sei alles. Das Weib hingegen fühlt im Moment des innigsten, geistigsten Einklangs mit dem Mann, daß etwas Unnennbares zwischen ihnen steht, und diese, das höchste Dasein beengende Schranke bringt in ihr die Wehmut hervor, die im weiblichen Herzen die Liebe begleitet, nicht die Leidenschaft, sondern alle Liebe, die in jeder Gestaltung des Weibes Beruf ist, die ihm immer hinauswinkt über das Leben, wo sich dieses Geheimnis enthüllen, wo diese Schranke fallen soll. Und daß der Mann diese Wehmut nicht teilt, beweist das Dasein dieser Schranke. Doch von jedem weiblichen Geschöpf wird sie nicht erkannt; sie wahrzunehmen ist die höchste Stufe der Empfindung, die der Roman nicht aufnehmen kann; allein diesseits sind noch viele Stufen der Erkenntnis ihrer selbst, und diese schildert das Weib besser als der Mann.

Zugegeben, daß der Mann manche Lücke in seiner Schilderung von weiblicher Feder findet, können diese Schilderungen doch aus der Wirklichkeit aufgefaßt sein. Was können in den kleinlichen, erschlafften, verzwickten, verkrüppelten Verhältnissen, wie unsere Romane sie schildern und unsere Wirklichkeit sie bildet, für Männer sich entwickeln? Wenn eine wahrhaft männliche Leidenschaft in so eine Romanenanstalt geriete, wäre es ja gleich aus; denn er bräche mit dem ersten Schritt durch alle die künstlichen Miseren, beherrschte sich oder die Umstände, und der Roman hätte ein Ende.

Wir können gar nichts Glücklicheres wünschen, als daß keiner unserer Männer in einen Roman passe, und deshalb sollten wir alle unsere Bemühung bei der Bildung unserer Jünglinge und Jungfrauen darauf richten, ihnen alle Romanenhelden zum Ekel zu machen.

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