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Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Zweiter Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwei Audienzen bei Mazarin

Im Augenblicke, wo Madame Henriette die Karmeliterinnen verließ, um sich ins Palais Royal zu begeben, stieg ein Reiter vor dem Tore dieses königlichen Wohngebäudes vom Pferde und kündigte den Wachen an, er habe dem Kardinal Mazarin etwas Wichtiges mitzuteilen.

Obgleich der Kardinal oft Furcht hatte, so war er doch ziemlich zugänglich, denn er bedurfte noch viel öfter des Rates und der Auskunft. Man fand die eigentliche Schwierigkeit nicht an der ersten Tür, selbst die zweite öffnete sich leicht: aber an der dritten wachte außer seiner Garde und den Huissiers der getreue Bernouin, der Cerberus, den kein Wort zu biegen, kein Stab, und wäre er von Gold gewesen, zu bezaubern vermochte.

Als aber der Bote hier mit stolzer Stimme sagte: Ich bringe einen Brief vom General Oliver Cromwell. Wollt diesen Namen Seiner Eminenz sagen und mir dann eröffnen, ob Monseigneur mich empfangen will oder nicht, ging Bernouin, nachdem er den jungen Mann von oben bis unten mit forschendem Blick angeschaut hatte, ins Kabinett des Kardinals, dem er die Worte des Boten überbrachte.

Ein Mensch, der einen Brief von Oliver Cromwell bringt? sagte Mazarin, und was für ein Mensch ist es?

Ein echter Engländer, Monseigneur. Haare blond, rot, mehr rot, als blond; Augen grau, blau, mehr grau als blau, im übrigen stolz und steif.

Laß dir den Brief von ihm geben.

Monseigneur verlangt den Brief, sprach Bernouin, aus dem Kabinett wieder in das Vorzimmer tretend.

Monseigneur wird den Brief nicht ohne den Träger sehen, antwortete der junge Mann; aber um Euch zu überzeugen, daß ich wirklich der Träger eines Briefes bin, schaut, hier ist er.

Bernouin betrachtete das Siegel, und als er sah, daß der Brief vom General Oliver Cromwell kam, schickte er sich an, zu Mazarin zurückzukehren.

Fügt bei, sagte der junge Mann, daß ich kein gewöhnlicher Bote, sondern ein außerordentlicher Gesandter bin.

Bernouin kehrte in das Kabinett zurück und kam nach einigen Sekunden wieder heraus.

Tretet ein, mein Herr, sagte er, die Tür offen haltend.

Der junge Mann erschien auf der Schwelle des Kabinetts. Er hielt seinen Hut in der einen und den Brief in der andern Hand.

Ihr habt ein Beglaubigungsschreiben für mich, mein Herr? sagte Mazarin, der sich erhoben hatte.

Hier ist es, Monseigneur.

Mazarin nahm den Brief, entsiegelte und las:

Herr Mordaunt, einer meiner Sekretäre, wird Seiner Eminenz, dem Kardinal Mazarin in Paris, dieses Einführungsschreiben überreichen. Er ist außerdem der Überbringer eines vertraulichen Briefes für Seine Eminenz.

Oliver Cromwell.

Sehr gut, Herr Mordaunt, sprach Mazarin; gebt mir den zweiten Brief und setzt Euch.

Der junge Mann zog einen zweiten Brief aus seiner Tasche, gab ihn dem Kardinal und setzte sich.

Ganz in Gedanken versunken, hatte der Kardinal mittlerweile den Brief genommen und drehte ihn, ohne ihn zu entsiegeln, in seiner Hand hin und her. Dabei suchte er den Boten auszuforschen. Er sprach zu ihm: Ihr seid sehr jung, Herr Mordaunt, für das harte Geschäft eines Botschafters, wobei zuweilen die ältesten Diplomaten scheitern. – Monseigneur, ich zähle dreiundzwanzig Jahre, aber Eure Eminenz täuscht sich, wenn sie mir sagt, ich sei sehr jung; ich bin älter als sie, obgleich ich nicht ihre Weisheit besitze. – Wieso, mein Herr? Ich verstehe Euch nicht. – Monseigneur, die Leidensjahre zählen doppelt, und ich leide seit zwanzig Jahren. – Ah, ja, ich begreife, sagte Mazarin; Ihr habt kein Vermögen, nicht wahr, Ihr seid arm? – Monseigneur, ich sollte eines Tags ein Vermögen von sechs Millionen besitzen, aber man hat es mir genommen. – Ihr seid also kein Mann aus dem Volke? fragte Mazarin erstaunt. – Würde ich meinen Titel führen, so wäre ich Lord; würde ich meinen Namen führen, so hättet Ihr einen der erhabensten Namen Englands gehört. – Wie heißt Ihr denn? – Ich heiße Herr Mordaunt, sprach der junge Mann sich verbeugend.

Mazarin begriff, daß der Abgesandte Cromwells sein Inkognito zu bewahren wünschte. Zum Teufel mit diesen Puritanern! sagte er ganz leise, sie sind aus Marmor gehauen. Und laut fügte er bei:

Aber Ihr habt noch Verwandte? – Ja, einen, Monseigneur. – Er wird Euch unterstützen. – Ich habe mich dreimal zu ihm begeben, um ihn um seine Unterstützung zu bitten, und dreimal ließ er mich durch seine Bedienten fortjagen. – Oh, mein Gott, mein lieber Herr Mordaunt, sprach Mazarin in der Hoffnung, ihn durch sein falsches Mitleid in irgend eine Falle zu locken; mein Gott, Eure Erzählung interessiert mich sehr. Ihr kennt also Eure Geburt nicht? – Ich kenne sie erst seit kurzer Zeit. – Und bis zu dem Augenblick, wo Ihr sie kennen lerntet? – Betrachtete ich mich als ein verlassenes Kind. – Ihr habt also Eure Mutter nie gesehen? – Doch wohl, Monseigneur. Als ich noch ein kleines Kind war, kam sie dreimal zu meiner Amme. Ich erinnere mich ihres letzten Besuchs, wie wenn er erst heute stattgefunden hätte. – Ihr habt ein gutes Gedächtnis, sprach Mazarin.– O ja, Monseigneur, antwortete der junge Mann mit einer so seltsamen Betonung, daß dem Kardinal ein Schauer durch die Adern lief. – Und wer hat Euch aufgezogen? – Eine französische Amme, die mich fortschickte, als ich fünf Jahre alt war, weil niemand mehr sie bezahlte. Sie nannte mir den Verwandten, von dem meine Mutter oft mit mir gesprochen hatte. – Was wurde dann aus Euch? – Da ich auf der Landstraße weinte und bettelte, nahm mich ein Pfarrer von Kingston auf, unterrichtete mich in der kalvinischen Religion, teilte mir die ganze Wissenschaft mit, die er selbst besaß, und unterstützte mich in meinen Nachforschungen nach meiner Familie. – Und diese Nachforschungen? – Blieben fruchtlos; der Zufall tat alles. – Ihr entdecktet, was das Schicksal Eurer Mutter gewesen war? – Ich erfuhr, daß dieser Verwandte sie mit Hilfe von vier Freunden ermordet hatte. Aber ich wußte bereits, daß ich des Adels verlustig war und daß mich König Karl I. aller meiner Güter beraubt hatte. – Ah, ich begreife jetzt, warum Ihr Herrn Cromwell dient. Ihr haßt den König? – Ja, Monseigneur, ich hasse ihn, antwortete der junge Mann.

Mazarin gewahrte mit Erstaunen den teuflischen Ausdruck, womit der junge Mann diese Worte sprach; während sich ein Gesicht bei Erregung gewöhnlich mit Blut färbt, färbte sich das seine mit Galle und wurde leichenblaß.

Eure Geschichte ist furchtbar, Herr Mordaunt, und rührt mich im höchsten Grade; aber zu Eurem Glück dient Ihr einem allmächtigen Herrn; er muß Euch in Euren Nachforschungen unterstützen. – Monseigneur, einem guten Rassehunde braucht man nur das eine Ende einer Fährte zu zeigen, damit er sicher zu dem andern gelangt. – Aber der Verwandte, dessen Ihr erwähnet, wollt Ihr, daß ich mit ihm spreche? fragte Mazarin, dem daran lag, sich einen Freund bei Cromwell zu machen. – Ich danke, Monseigneur, ich werde selbst mit ihm sprechen. – Sagtet Ihr mir nicht, er habe Euch mißhandelt? – Das nächste Mal, wo ich ihn wiedersehe, wird er mich besser behandeln. – Ihr habt also ein Mittel, ihn zu erweichen? – Ich habe ein Mittel, ihm Furcht einzujagen.

Mazarin schaute den jungen Mann an, aber bei dem Blitz, der aus seinen Augen zuckte, senkte er den Kopf und öffnete, weil er nicht wußte, wie er dieses Gespräch fortsetzen sollte, den Brief Cromwells. Dieser lautete:

An Seine Eminenz Monseigneur
Kardinal Mazarin.

Ich wünschte Eure Absichten in Bezug auf die gegenwärtigen Angelegenheiten Englands zu erfahren. Die zwei Königreiche liegen einander zu nahe, als daß sich Frankreich nicht mit unserer Lage beschäftigen sollte, wie wir uns mit der Lage Frankreichs beschäftigen. Die Engländer sind beinahe einhellig für die Bekämpfung der Tyrannei König Karls I. und seiner Anhänger. Durch das öffentliche Vertrauen an die Spitze dieser Bewegung gestellt, führe ich gegenwärtig Krieg und bin im Begriffe, König Karl I. eine entscheidende Schlacht zu liefern. Ich werde sie gewinnen, denn die Hoffnungen der Nation und der Geist des Herrn sind für mich. Ist diese Schlacht gewonnen, so hat der König weder in England noch in Schottland mehr Hilfsquellen, und wenn er nicht gefangen genommen oder getötet wird, versucht er es, nach Frankreich zu entkommen, um Soldaten zu rekrutieren und sich Waffen und Geld zu verschaffen. Bereits hat Frankreich die Königin Henriette aufgenommen und, ohne Zweifel unabsichtlich, einen Herd unauslöschlichen Bürgerkrieges in meinem Lande unterhalten. Aber die Königin Henriette ist eine Tochter Frankreichs, und Frankreich war ihr Gastfreundschaft schuldig. Was aber den König Karl betrifft, so nimmt die Frage eine andere Gestalt an. Empfinge und unterstützte Frankreich den König, so würde es die Handlungen des englischen Volkes mißbilligen und England und namentlich dem Gange der Regierung so wesentlich schaden, daß ein solcher Zustand wirklichen Feindseligkeiten gleichkäme.

Es ist also dringend, Monseigneur, daß ich erfahre, woran ich mich in Beziehung auf die Absichten Frankreichs zu halten habe. Die Interessen dieses Königreichs und die Interessen Englands stehen sich, obgleich in umgekehrtem Sinne gelenkt, näher, als man glauben sollte. England bedarf der innern Ruhe, um die Vertreibung seines Königs zu vollenden. Frankreich bedarf dieser Ruhe, um den Thron seines jungen Monarchen zu befestigen. Ihr bedürft ebensosehr wie wir dieses innern Friedens, dem wir durch die Energie unserer Regierung bereits nahe gekommen sind.

Eure Streitigkeiten mit dem Parlament, Eure Zwistigkeiten mit den Prinzen, die heute für Euch und morgen gegen Euch kämpfen, die Hartnäckigkeit des von dem Koadjutor, dem Präsidenten Blancmesnil und dem Rate Broussel angeführten Volkes, alles dies muß Euch mit Unruhe auf die Möglichkeit eines fremden Krieges blicken lassen; denn dann würde England, das durch den Enthusiasmus für die neuen Ideen im höchsten Grad aufgeregt ist, sich mit Spanien verbinden, das bereits auf eine solche Allianz abzielt. Von Eurer Klugheit, Monseigneur, hoffe ich, Ihr werdet lieber Neutralität bewahren. Diese Neutralität besteht nun darin, daß Ihr den König Karl von dem Gebiete Frankreichs fernhaltet und ihn in keiner Weise durch Waffen, Geld, oder Truppen unterstützt.

Mein Brief ist also ganz vertraulicher Natur, und ich schicke ihn durch einen Mann, der mein volles Zutrauen besitzt. Oliver Cromwell hat es für besser erachtet, mit einem intelligenten Geist wie Mazarin zu verhandeln, als mit einer Königin, die bei all ihrer bewundernswürdigen Festigkeit dennoch den eitlen Vorurteilen der Geburt und der göttlichen Gewalt unterworfen ist.

Gott befohlen, Monseigneur. Habe ich in vierzehn Tagen keine Antwort, so werde ich meinen Brief als nicht geschrieben betrachten.

Oliver Cromwell.

Herr Mordaunt, sagte der Kardinal, meine Antwort auf diesen Brief wird um so befriedigender für den General Cromwell ausfallen, je mehr ich überzeugt sein kann, daß man nichts davon erfahren wird. Erwartet sie also in Boulogne-sur-Mer und versprecht mir, morgen früh abzureisen.

Ich verspreche es Euch, Monseigneur, antwortete Mordaunt; aber wie lange wird mich Eure Exzellenz auf diese Antwort warten lassen?

Wenn Ihr sie in zehn Tagen nicht erhalten habt, könnt Ihr abreisen.

Mordaunt verbeugte sich.

Das ist noch nicht alles, mein Herr, fuhr Mazarin fort. Eure persönlichen Abenteuer haben mich lebhaft gerührt. Überdies gibt Euch Cromwells Brief in meinen Augen die Bedeutung eines Botschafters. Laßt hören, ich wiederhole es, was kann ich für Euch tun?

Mordaunt überlegte einen Augenblick. Nach einem sichtbaren Zögern war er im Begriff, den Mund zum Sprechen zu öffnen, als Bernouin hastig eintrat, sich an das Ohr des Kardinals neigte und ihm zuflüsterte: Monseigneur, die Königin Henriette erscheint soeben in Begleitung eines englischen Edelmanns im Palais-Royal.

Mazarin machte eine heftige Bewegung, die dem jungen Manne nicht entging und die vertrauliche Eröffnung zurückdrängte, die er ohne Zweifel machen wollte.

Mordaunt wurde hierauf von Mazarin durch einen andern Ausgang gewiesen, damit er der Königin Henriette nicht begegne, welche sich bereits dem Haupteingang näherte.

Wir wollen unseren Lesern die Wiedergabe des unwürdigen Spieles ersparen, das Mazarin seiner hohen Besucherin gegenüber trieb. Der herzlose Italiener fühlte sich selbst der unglücklichen und doch so würdevollen Majestät gegenüber in seiner grausamen Rolle so übel, daß ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Als er mit vollendeter Heuchelei sich ohnmächtig erklärte, der Königin irgend eine Aussicht auf Aufnahme ihres unglücklichen Gemahls zu machen, und ihr sagte, er wolle die Sache dem Parlament vorlegen, brach sie entrüstet in die Worte aus: An das Parlament, mit dem Ihr in Fehde lebt, weist Ihr mich? Ihr wollt, daß Broussel darüber Bericht erstatte? Genug, Herr Kardinal, genug. Ich verstehe Euch, oder vielmehr ich habe unrecht. Ja, geht zum Parlament, denn von diesem Parlament, dem Feinde der Könige, ist der Tochter des erhabenen Heinrich IV. die einzige Unterstützung zugekommen, die sie diesen Winter vor dem Verhungern und dem Erfrieren geschützt hat.

Nach diesen Worten erhob sich die Königin mit majestätischer Gebärde, während der Kardinal die gefalteten Hände gegen sie ausstreckte.

Ah, Madame, Madame! wie schlecht kennt Ihr mich doch.

Aber ohne sich nach dem umzuwenden, der diese geheuchelten Tränen vergoß, durchschritt die Königin das Kabinett, öffnete selbst die Türe, ging mitten durch die zahlreichen Wachen Seiner Eminenz, mitten durch die Höflinge, die sich herandrängten, um ihr ihre Huldigung darzubringen, auf Lord Winter zu, der vereinzelt dastand, und nahm seine Hand – eine arme, bereits gefallene Königin, vor der sich noch alle aus Etikette verbeugten, die aber in der Tat nur noch einen einzigen Arm hatte, auf den sie sich stützen konnte.

Gleichviel, sagte Mazarin, als er allein war, es hat mir Mühe gemacht, und ich hatte eine harte Rolle zu spielen. Aber ich habe weder dem einen, noch der andern etwas gesagt. Dieser Cromwell ist ein scharfer Königsjäger. Ich beklage seine Minister, wenn er je welche nimmt. Bernouin!

Bernouin trat ein.

Man sehe, ob der junge Mann mit dem schwarzen Wams und den kurzen Haaren, den du vorhin bei mir eingeführt hast, sich noch im Palast befindet.

Bernouin kehrte sofort mit Comminges zurück.

Monseigneur, sagte Comminges, als ich den jungen Mann zurückführte, nach dem Eure Eminenz fragt, näherte er sich der Glastüre der Galerie und beschaute etwas mit großem Erstaunen, ohne Zweifel das schöne Gemälde von Raphael, das der Tür gegenüber hängt. Dann versank er in Nachsinnen und stieg die Treppe hinab. Ich glaube, ich habe ihn seinen Grauschimmel besteigen und aus dem Hof des Palastes reiten sehen. Aber geht denn Monseigneur nicht zu der Königin?

Warum?

Herr von Guitaut, mein Oheim, sagt mir soeben, die Königin habe Nachricht vom Heere erhalten.

In diesem Augenblick erschien Herr von Villequier. Er kam im Auftrag der Königin, um den Kardinal zu holen.

Comminges hatte gut gesehen, und Mordaunt hatte getan, wie er erzählte. Die Galerie durchschreitend, die mit der gläsernen Hauptgalerie gleich lief, erblickte er Lord Winter, der wartete, bis die Königin ihre Unterredung beendet hätte.

Bei diesem Anblick blieb der junge Mann plötzlich stille stehen, aber nicht aus Bewunderung für das Raphaelsche Gemälde, sondern wie wenn ihn irgend etwas Gräßliches verzaubert hätte. Seine Augen erweiterten sich, ein Schauer durchlief seinen ganzen Körper, es war, als wollte er die gläserne Wand durchdringen, die ihn von seinem Feinde trennte; denn wenn Comminges gesehen hätte, mit welchem Ausdruck des Hasses sich die Augen dieses jungen Mannes auf Lord Winter hefteten, so würde er keinen Augenblick daran gezweifelt haben, daß dieser englische Edelmann sein Todfeind war.

Aber er blieb still stehen, ohne Zweifel, um zu überlegen, denn statt sich von seiner ersten Bewegung hinreißen zu lassen und gerade auf Lord Winter loszugehen, stieg er langsam die Treppen hinab, verließ den Palast mit gesenktem Haupte, schwang sich in den Sattel, stellte sich mit seinem Pferd an der Ecke der Rue de Richelieu auf und wartete, die Augen auf das Gitter geheftet, bis der Wagen aus dem Hofe kam.

Er hatte nicht lange zu warten, denn die Königin blieb kaum eine Viertelstunde bei Mazarin; aber diese Viertelstunde des Harrens schien dem Wartenden ein Jahrhundert. Endlich kam die Karosse heraus, und Lord Winter, der wieder zu Pferde saß, neigte sich abermals an den Kutschenschlag, um mit der Königin zu sprechen.

Die Pferde liefen im Trab und schlugen den Weg nach dem Louvre ein, wohin sie den Wagen führten. Ehe Madame Henriette das Karmeliterkloster verließ, sagte sie zu ihrer Tochter, sie möge sie in dem Palais erwarten, das sie lange bewohnt und nun verlassen hatte, weil ihr in seinen vergoldeten Sälen ihr Elend nur noch drückender vorkam.

Mordaunt folgte dem Wagen, und als er ihn unter die dunkle Arkade hatte fahren sehen, lehnte er sich mit seinem Pferd an eine Mauer, über die sich der Schatten ausdehnte, und blieb unbeweglich inmitten der Verzierungen von Jean Goujon, einem Basrelief gleich, das eine Reiterstatue darstellt.

Er wartete, wie er bereits im Palais-Royal getan hatte.

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