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Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Zweiter Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Tag vor der Schlacht

Raoul wurde seinen düsteren Betrachtungen durch den Wirt entzogen, der hastig in das Zimmer trat, wo die von uns erzählte Szene vorgefallen war, und ausrief: Die Spanier! die Spanier!

Die jungen Leute zogen Erkundigungen ein und erfuhren, daß der Feind wirklich über Houdain und Bethune heranrückte. Während Herr d'Arminges Befehle gab, die Pferde, die eben fraßen, marschfertig zu halten, begaben sich die jungen Leute an das Fenster des Hauses, das die Umgegend beherrschte, und sahen wirklich auf der Seite von Mersin und Sains ein zahlreiches Korps von Fußgängern und Reitern zum Vorschein kommen.

Es blieb also nichts anderes übrig, als dem weisen Rat des Herrn d'Arminges zu folgen und sich zurückzuziehen.

Die jungen Leute stiegen rasch hinab, Herr d'Arminges war bereits zu Pferde. Der kleine Trupp schlug den Weg nach Cambrin ein, wo man den Prinzen zu finden glaubte; aber er war seit dem vorhergehenden Tage nicht mehr hier und hatte sich, getäuscht durch die falsche Nachricht, daß der Feind in Estaire über die Lys setzen müsse, nach Bassée zurückgezogen.

Die Nachricht hatte den Prinzen bewogen, seine Truppen von Bethune zu entfernen und alle seine Streitkräfte zwischen Vieille-Chapelle und Venthie zusammenzuziehen. Er selbst aber war mit dem Marschall von Grammont auf Erkundigung ausgeritten; auch hatte er Offiziere zu diesem Zwecke ausgesandt, aber keiner wußte bestimmte Mitteilungen zu machen. Die feindliche Armee war seit achtundvierzig Stunden ganz und gar verschwunden.

Nun ist aber nie ein feindliches Heer so bedrohlich, als wenn es gänzlich verschwunden ist. Der Prinz, der sich eben zu Tisch gesetzt hatte, war gegen seine Gewohnheit verdrießlich und sorgenvoll, als ein Offizier vom Dienst eintrat und dem Marschall von Grammont meldete, es wünsche ihn jemand zu sprechen.

Der Herzog von Grammont bat den Prinzen mit einem Blicke um Erlaubnis und entfernte sich.

Plötzlich erscholl ein dumpfer Lärm, der Prinz erhob sich lebhaft und streckte die Hand nach der Gegend aus, von welcher der Lärm kam. Dieser Lärm war ihm wohl bekannt, es war Kanonendonner.

Alle hatten sich erhoben. In diesem Augenblick wurde die Tür wieder geöffnet, und der Marschall von Grammont sprach, strahlend vor Freude: Erlaubt Eure Hoheit, daß ihr mein Sohn, der Graf von Guiche, und sein Reisegefährte, der Vicomte von Bragelonne, die Aufschlüsse über den Feind geben, die wir suchen und die sie gefunden haben?

Wie? sprach der Prinz lebhaft, ob ich es erlaube? Ich erlaube es nicht nur, sondern ich wünsche, daß sie sogleich eintreten.

Der Marschall führte die jungen Leute ein, und diese befanden sich dem Prinzen gegenüber.

Sprecht, meine Herren, sagte der Prinz, sie begrüßend, sprecht zuerst, dann wollen wir uns die üblichen Komplimente machen. Das dringendste für uns ist jetzt, zu erfahren, wo der Feind steht und was er tut.

Der Graf von Guiche erzählte also, was sie in dem Gasthause zu Mazingarde gesehen hatten. Während dieser Zeit betrachtete Raoul den jungen General, der sich bereits durch die Schlachten von Rocroy, Freiburg und Nördlingen so großen Ruhm erworben hatte.

Ludwig von Bourbon, Prinz von Condé, den man seit dem Tode Heinrichs von Bourbon, seines Vaters, der Kürze halber und nach der Gewohnheit der Zeit Herr Prinz nannte, war ein junger Mann von höchstens sechs- bis siebenundzwanzig Jahren, mit einem Adlerblicke, einer gebogenen Nase, langen in Locken herabflatternden Haaren, von mittlerem, aber schönem Wuchse. Er besaß alle Eigenschaften eines großen Kriegers, d. h. scharfen Blick, rasche Entschlossenheit, fabelhaften Mut, was ihn nicht abhielt, zu gleicher Zeit ein Mann von Eleganz und Witz zu sein, so daß er außer der Revolution, die er durch neue Einrichtungen und strategische Erfindungen in den Krieg brachte, auch in Paris eine Revolution unter den jungen Leuten des Hofes gemacht hatte, deren natürlicher Führer er war, und die man im Gegensatz zu den Elegants des alten Hofes, für die Bassompierre, Bellegarde und der Herzog von Angoulême als Muster gedient hatten, Petits-Maitres nannte.

Bei den ersten Worten des Grafen von Guiche und aus der Richtung, woher der Kanonendonner kam, hatte der Prinz alles begriffen. Der Feind mußte in Saint-Venant über die Lys gesetzt haben und gegen Lens marschieren, ohne Zweifel in der Absicht, sich dieser Stadt zu bemächtigen und das französische Heer zu trennen.

Aber von welcher Stärke war diese Truppe? War es ein Korps, das bloß eine einfache Diversion veranstalten sollte, oder die ganze Armee?

Da Guiche diese Frage nicht zu beantworten vermochte und schwieg, überwand Raoul das sehr natürliche Gefühl der Schüchternheit, das sich seiner Person dem Prinzen gegenüber bemächtigte, und sprach, sich, ihm nähernd: Wird Monseigneur erlauben, einige Worte über diesen Gegenstand zu wagen, welche ihn vielleicht der Verlegenheit entheben?

Der Prinz wandte sich um und schien den jungen Mann mit einem einzigen Blick zu umfassen. Er lächelte, als er in ihm einen Knaben von kaum fünfzehn Jahren erkannte.

Allerdings, mein Herr, sprecht, sagte er, seine kräftige Stimme sänftigend, als richte er das Wort an eine Frau.

Monseigneur könnte den gefangenen Spanier befragen, erwiderte Raoul errötend.

Ihr habt einen Spanier zum Gefangenen gemacht? rief der Prinz.

Ja, Monseigneur.

Ah, es ist wahr! versetzte Guiche, ich hatte es vergessen.

Das ist ganz erklärlich, denn Ihr habt ihn gefangen genommen, sprach Raoul lächelnd.

Der alte Marschall wandte sich, dankbar für das seinem Sohne gespendete Lob, gegen den Vicomte um, während der Prinz ausrief: Dieser Jüngling hat recht, man führe den Spanier herbei.

Mittlerweile nahm der Prinz den jungen Guiche beiseite und befragte ihn über die Art und Weise, wie sie den Spanier zum Gefangenen gemacht hatten, und wer dieser Jüngling sei.

Mein Herr, sagte der Prinz, zu Raoul zurückkehrend, ich weiß, daß Ihr einen Brief von meiner Schwester, der Frau von Longueville, bei Euch habt; aber ich sehe, daß Ihr es vorzogt, Euch durch einen guten Rat, den Ihr mir erteiltet, selbst zu empfehlen.

Monseigneur, versetzte Raoul errötend, ich wollte Euer Hoheit nicht in dem so wichtigen Gespräch mit dem Herrn Grafen unterbrechen; doch hier ist der Brief.

Es ist gut, entgegnete der Prinz; Ihr werdet ihn mir später geben. Hier kommt der Gefangene. Denken wir an das Wichtigere.

Man brachte sofort den Parteigänger. Es war einer von den Condottieri, wie man sie in jener Zeit noch fand, Leute, die in schlimmen Streichen aller Art ergraut waren und ihr Blut an jeden verkauften, der es bezahlen wollte. Seitdem er gefangen war, hatte er kein einziges Wort gesprochen, so daß die, welche ihn festgenommen hatten, nicht einmal wußten, welcher Nation er angehörte.

Der Prinz schaute ihn mit einer Miene unbeschreiblichen Mißtrauens an.

Von welcher Nation bist du? fragte der Prinz.

Der Gefangene erwiderte einige Worte in fremder Sprache.

Ah, ah! es scheint, er ist ein Spanier. Sprecht Ihr Spanisch, Grammont?

Wahrhaftig, Monseigneur, sehr wenig. Nur Raoul war imstande, den Mann im reinsten Kastilianisch anzureden, der Gefangene erwiderte aber, er sei Deutscher, worauf ihn Raoul zu des Prinzen Verwunderung auch in dieser Sprache und schließlich noch italienisch zu fragen vermochte. Es war aber nichts aus dem Mann herauszubringen.

Es ist gut, sprach der Prinz, der die Ursache dieser Unwissenheit wohl begriff, dieser Mensch ist plündernd und mordend gefangengenommen worden. Er hätte sein Leben durch Sprechen erkaufen können; er will nicht sprechen. Führt ihn weg und laßt ihn über die Klinge springen.

Der Gefangene erbleichte. Die zwei Soldaten, die ihn herbeigebracht hatten, nahmen ihn an den Armen und führten ihn zur Tür, während der Prinz sich gegen den Marschall von Grammont umwandte und seinen Befehl bereits vergessen zu haben schien.

Auf der Türschwelle blieb der Gefangene stehen. Die Soldaten wollten ihn zwingen, weiterzugehen. – Einen Augenblick, sagte der Gefangene französisch; ich bin bereit zu sprechen, Monseigneur. – Ah, ah! rief der Prinz, ich wußte wohl, daß es zuletzt so kommen würde. Ich habe ein vortreffliches Mittel, die Zungen zu lösen. Benutzt es, ihr jungen Leute, wenn ihr einmal kommandieren werdet. – Aber unter der Bedingung, fuhr der Gefangene fort, daß mir Eure Hoheit durch einen Eid mein Leben sichert. – Auf mein adliges Ehrenwort, sprach der Prinz. – Dann fragt, Monseigneur. – Wo ist das Heer über die Lys gesetzt? – Zwischen Saint Benant und Aire. – Von wem wird es befehligt? – Von dem Grafen von Fuensaldagna, von dem General Beck und von dem Erzherzog in Person. – Aus wieviel Mann besteht es? – Aus 18 000 Mann und 36 Feldstücken. – Und es marschiert? – Gegen Lens.

Ihr seht, meine Herren! rief der Prinz, sich mit triumphierender Miene gegen den Marschall von Grammont und die übrigen Offiziere umwendend.

Ja, Monseigneur, sagte der Marschall, Ihr habt erraten, was dem menschlichen Genie zu erraten möglich ist.

Ruft le Plessis-Belliève, Villequier und d'Erlac zurück, sagte der Prinz; ruft alle Truppen zurück, die diesseits der Lys stehen; sie sollen sich bereit halten, noch in dieser Nacht zu marschieren. Morgen greifen wir aller Wahrscheinlichkeit nach den Feind an.

Aber bedenkt, Monseigneur, sprach der Marschall von Grammont, daß wir, wenn wir unsere ganze verfügbare Mannschaft sammeln, kaum die Zahl von 13 000 Mann erreichen werden.

Mein Herr Marschall, entgegnete der Prinz, mit den kleinen Heeren gewinnt man die großen Schlachten. Graf von Guiche, fuhr er fort, Ihr habt lange Zeit Euern Vater nicht gesehen; bleibt bei ihm, und Ihr, Vicomte, wenn Ihr nicht zu müde seid, so folgt mir.

Bis ans Ende der Welt, Monseigneur! rief Raoul, der für diesen jungen General, der ihm seines Rufes so würdig schien, eine grenzenlose Begeisterung fühlte.

Der Prinz lächelte. Er verachtete die Schmeichler, aber er schätzte die Enthusiasten.

Wohlan, mein Herr, sagte er, Ihr seid gut im Rate, wir haben soeben einen Beweis davon erhalten; morgen werden wir sehen, wie Ihr bei der Tat seid...

Und ich, Monseigneur, sprach der Marschall, was soll ich tun?

Bleibt, um die Truppen zu empfangen. Entweder werde ich sie selbst holen, oder ich schicke einen Eilboten, damit Ihr mir sie zuführt. Zwanzig gut berittene Wachen, das ist alles, was ich zu meinem Geleite brauche.

Das ist sehr wenig, versetzte der Marschall.

Genug, entgegnete der Prinz. Habt Ihr ein gutes Pferd, Herr von Bragelonne?

Das meinige ist diesen Morgen getötet worden, und ich reite einstweilen das Pferd meines Bedienten.

Verlangt und wählt selbst in meinen Ställen ein Pferd, welches Euch zusagt. Keine falsche Scham. Nehmt, was Euch am besten dient. Ihr braucht es vielleicht heute abend und morgen ganz gewiß.

Raoul ließ sich das nicht zweimal sagen. Als er zurückkehrte, sagte der Prinz, der eben zu Pferde stieg: Nun, mein Herr, gebt mir den Brief, dessen Überbringer Ihr seid.

Raoul überreichte den Brief.

Haltet Euch in meiner Nähe, mein Herr, sagte der Prinz.

Er gab seinem Pferde die Sporen, hing den Zaum auf den Sattelknopf, wie dies seine Gewohnheit war, wenn er die Hände frei haben wollte, entsiegelte den Brief der Frau von Longueville und entfernte sich, begleitet von Raoul, im Galopp aus der Straße nach Lens, während die Boten, die die Truppen zurückrufen sollten, in entgegengesetzten Richtungen mit verhängten Zügeln fortsprengten.

Der Prinz las während seines eiligen Rittes.

Mein Herr, sprach er nach einem Augenblick, man sagt mir alles mögliche Gute von Euch! Ich habe Euch nur eins zu bemerken, nämlich, daß ich nach dem wenigen, was ich von Euch gesehen und gehört habe, noch mehr von Euch denke, als man mir sagt.

Raoul verbeugte sich. Bei jedem Schritt, der die kleine Truppe gegen Lens führte, erklangen indessen die Kanonenschüsse näher und näher, was den Prinzen zu elektrisieren schien. Endlich hörte man den Donner der Kanonen so nahe, daß man offenbar nur noch eine Meile vom Schlachtfelde entfernt war. An der Wendung der Straße erblickte man das kleine Dorf Aunay. Die Bauern waren in großer Bestürzung. Das Gerücht von den Grausamkeiten der Spanier hatte sich verbreitet und erfüllte alles mit Schrecken. Die Weiber waren bereits gegen Vitry geflohen; einige Männer blieben allein.

Beim Anblick des Prinzen liefen sie herbei. Einer erkannte ihn.

Ach, Monseigneur, sprach er, kommt Ihr, um alle diese Schurken von Spaniern und alle diese Räuber von Lothringern zu verjagen? – Ja, antwortete der Prinz, wenn du mir als Führer dienen willst. – Gern, Monseigneur, wohin soll ich Eure Hoheit führen? – An einen erhabenen Ort, von wo aus ich Lens und seine Umgebung sehen kann. – Das soll geschehen, und was weiter? – Kann ich mich dir anvertrauen? Bist du ein guter Franzose? – Ich bin ein alter Soldat von Rocroy, Monseigneur. – Halt, sagte der Prinz und gab ihm seine Börse, das ist für Rocroy. Willst du nun ein Pferd, oder ziehst du es vor, zu Fuße zu gehen? – Zu Fuße, Monseigneur, zu Fuße, ich habe immer bei der Infanterie gedient. Überdies gedenke ich Eure Hoheit auf Wegen zu führen, wo Ihr selbst abzusteigen genötigt sein werdet. – Vorwärts sprach der Prinz, und keine Zeit verloren.

Eine halbe Meile marschierte man so unter einer Bedeckung von Bäumen. Die Kanonen erklangen so nahe, daß man bei jedem Schusse hätte glauben sollen, man höre die Kugel Pfeifen. Endlich fand man einen Fußpfad, der vom Wege abging und sich auf der Seite eines Berges hinzog. Der Bauer wählte diesen Fußpfad und forderte den Prinzen auf, ihm zu folgen. Dieser stieg ab, befahl einem seiner Adjutanten und Raoul, dasselbe zu tun, und den andern seine Befehle zu erwarten, dabei aber sehr auf ihrer Hut zu sein, und fing an, den Fußpfad zu ersteigen.

Nach zehn Minuten war man in die Ruinen eines alten Schlosses gelangt. Diese Ruinen bekränzten den Gipfel eines Hügels, von dessen Höhe aus man die ganze Umgegend beherrschte. Auf kaum eine Viertelmeile erblickte man Lens hart bedrängt und vor Lens die ganze feindliche Armee. Mit einem Blick umfaßte der Prinz die ganze Strecke, welche sich vor seinen Augen ausdehnte, von Lens bis Vismy. In einem Augenblick entrollte sich die Walstätte, die am andern Tage Frankreich vor einer Invasion retten sollte, vor seinem Geiste. Er nahm einen Bleistift, riß ein Blatt aus seiner Schreibtasche und schrieb:

Mein lieber Marschall!

In einer Stunde wird Lens in der Gewalt des Feindes sein. Kommt zu mir, bringt das ganze Heer mit. Ich werde in Vendrin sein, um es seine Stellung nehmen zu lassen. Morgen haben wir Lens wieder eingenommen und den Feind geschlagen.

Dann wandte er sich gegen Raoul und sagte:

Geht, Herr, jagt mit verhängten Zügeln und bringt Herrn von Grammont diesen Brief.

Raoul verbeugte sich, nahm das Papier, stieg rasch den Berg hinab, schwang sich auf sein Pferd und ritt im Galopp davon. Eine Viertelstunde nachher war er bei dem Marschall.

Es war sieben Uhr abends, als der Marschall am Sammelplatz anlangte. Der Prinz erwartete ihn daselbst; denn er hatte es gesagt, Lens war beinahe unmittelbar nach dem Abgang Raouls in die Gewalt des Feindes gefallen. Das Einstellen der Kanonade hatte überdies dieses Ereignis verkündigt.

Man erwartete die Nacht. Mit dem Eintritt der Finsternis langten nach und nach die von dem Prinzen herbeibefohlenen Truppen an. Es wurde Befehl gegeben, daß keine Abteilung die Trommel rühren oder die Trompete blasen lassen sollte.

Um neun Uhr war es völlig Nacht geworden. Eine letzte Abenddämmerung erleuchtete indessen die Ebene. Man setzte sich schweigend in Marsch. Der Prinz befehligte die Kolonne.

Jenseits Aunay angelangt, erblickte das Heer Lens. Einige Häuser standen in Flammen, und ein dumpfes Geräusch, das den Todeskampf einer im Sturme genommenen Stadt andeutete, drang bis zu den Soldaten.

Der Prinz bezeichnete jedem seinen Posten. Der Marschall von Grammont sollte die äußerste Linke halten und sich an Mericourt anlehnen. Der Herzog von Chatillon sollte das Zentrum, der Prinz selbst den rechten Flügel bilden und herwärts von Aunay bleiben.

Die Schlachtordnung vom andern Tag sollte der Tags zuvor eingenommenen Stellung genau entsprechen. Jeder sollte sich beim Erwachen auf dem Terrain befinden, wo er zu manövrieren hatte.

Die Bewegung wurde in der tiefsten Stille und mit der größten Pünktlichkeit ausgeführt. Um zehn Uhr nahm jeder seine Stellung ein. Um halb elf durchlief der Prinz die Posten und gab die Parole für den andern Tag.

Er überließ den Grafen von Guiche seinem Vater und behielt Bragelonne für sich; aber die zwei jungen Leute baten um Erlaubnis, die Nacht miteinander zubringen zu dürfen, was ihnen auch bewilligt wurde.

Es wurde für sie ein Zelt in der Nähe des für den Marschall bestimmten aufgeschlagen. Obgleich der Tag ermüdend gewesen war, so fühlte doch keiner von beiden ein Bedürfnis zu schlafen.

Man kann sich denken, daß die beiden Jünglinge am Vorabend ihrer ersten Schlacht von eigenen Gedanken bewegt wurden; nach wenigen Augenblicken setzte sich jeder von ihnen an ein Ende des Zeltes und fing an, auf seinem Schoße zu schreiben. Die Briefe wurden lang; von Zeit zu Zeit schauten sich die jungen Leute lächelnd an; sie verstanden sich, ohne etwas zu sprechen.

Sobald die Briefe vollendet waren, legte jeder den seinigen in zwei Umschläge, so daß man den Namen der Person, an die das Schreiben gerichtet war, nicht lesen konnte, ohne den ersten Umschlag zu zerreißen. Dann tauschten sie ihre Briefe lächelnd aus.

Wenn mir Unglück widerfahren sollte ... sagte Bragelonne.

Wenn ich getötet würde... sprach von Guiche.

Seid unbesorgt, sagten alle beide.

Hierauf umarmten sie sich, wie zwei Brüder, hüllten sich in ihre Mäntel und schliefen den jungen, lieblichen Schlaf, den die Vögel, die Blumen und die Jünglinge schlafen.

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