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Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Zweiter Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Oliver Cromwell

Kommt ihr zu dem General? sagte Mordaunt zu d'Artagnan und Porthos; ihr wißt, daß er euch nach dem Treffen zu sich beschieden hat.

Wir wollen zuerst unsere Gefangene in sichern Gewahrsam bringen, sprach d'Artagnan zu Mordaunt. Glaubt Ihr nicht, daß jeder von diesen Herren wenigstens fünfzehnhundert Pistolen wert ist?

Oh! seid unbesorgt, erwiderte Mordaunt und schaute sie mit einem Auge an, dessen Wildheit er vergebens zu bemustern suchte; meine Reiter werden sie bewachen, und zwar wohl bewachen, dafür stehe ich Euch.

Ich werde sie noch besser selbst bewachen, versetzte d'Artagnan. Es genügt ja dazu ein gutes Zimmer, mit Schildwachen davor, oder ihr einfaches Wort, daß sie keinen Fluchtversuch machen wollen. Ich bringe die Sache in Ordnung, und wir werden sodann die Ehre haben, uns bei dem General einzufinden und ihn um seine Befehle für Se. Eminenz zu bitten.

Ihr gedenkt also bald abzureisen? fragte Mordaunt.

Unsere Sendung ist vollbracht, und es hält uns nichts in England zurück, als das Belieben des großen Mannes, zu dem wir abgeschickt worden sind.

Mordaunt biß sich in die Lippen, neigte sich an das Ohr des Sergeanten und sagte:

Ihr folgt diesen Männern, Ihr verliert sie nicht aus dem Blick, und wenn Ihr wißt, wo sie wohnen, kehrt Ihr zurück und erwartet mich am Stadttor.

Der Sergeant deutete durch ein Zeichen seinen Gehorsam an.

Statt dem Haufen der Gefangenen zu folgen, die man in die Stadt führte, wandte sich Mordaunt nun nach dem Hügel, von wo aus Cromwell dem Kampf zugeschaut und wo er soeben sein Zelt hatte aufschlagen lassen.

Cromwell hatte verboten, irgend jemand bei ihm einzulassen; aber die Schildwache, die Mordaunt als einen der innigsten Vertrauten des Generals kannte, glaubte, das Verbot betreffe den jungen Mann nicht.

Mordaunt schob also den Vorhang des Zeltes auf die Seite und sah Cromwell, den Kopf zwischen seinen Händen verborgen, an einem Tische sitzen, und zwar so, daß er dem Eintretenden den Rücken zuwandte.

Mochte Cromwell das Geräusch, das Mordaunt durch seinen Eintritt verursachte, gehört haben oder nicht, jedenfalls wandte er sich nicht um.

Mordaunt blieb an der Tür stehen. Endlich, nach Verlauf einiger Minuten, erhob Cromwell seine niedergebeugte Stirn und wandte nun, als hätte er instinktartig die Gegenwart eines anderen gefühlt, langsam den Kopf um.

Ich hatte Befehl gegeben, mich allein zu lassen, rief er, als er den jungen Mann gewahrte. – Man glaubte, dieses Verbot gehe mich nichts an, erwiderte Mordaunt; wenn Ihr indessen befehlt, so bin ich bereit, mich zu entfernen. – Ah! Ihr seid's, sprach Cromwell, als hätte er durch die Kraft seines Willens den Schleier zerrissen, der seine Augen bedeckte; da Ihr es seid, so ist es gut, bleibt. – Ich bringe Euch meine Glückwünsche. – Eure Glückwünsche! Wozu? – Zu der Gefangennehmung Karl Stuarts. Ihr seid nun der Herr von England. – Ich war es vor zwei Stunden weit mehr, sprach Cromwell. – Wieso, General? – England bedurfte meiner, um den Tyrannen zu fassen; nun ist er gefaßt ... Habt Ihr ihn gesehen? – Ja, Herr. – Wie benimmt er sich?

Mordaunt zögerte, aber die Wahrheit schien mit Gewalt über seine Lippen zu treten, und er erwiderte:

Ruhig und würdig. – Was hat er gesprochen? – Einige Worte des Abschieds an seine Freunde. – An seine Freunde! murmelte Cromwell, er hat also Freunde? Dann fügte er laut hinzu:

Hat er sich verteidigt? – Nein, Herr, er war von allen verlassen, mit Ausnahme von drei oder vier Männern, und konnte sich also unmöglich verteidigen. – Wem hat er seinen Degen übergeben? – Er hat ihn nicht übergeben, er hat ihn zerbrochen. – Daran hat er wohl getan, aber statt ihn zu zerbrechen, hätte er noch besser getan, wenn er ihn nützlicher gebraucht hätte.

Es trat einen Augenblick Stillschweigen ein.

Der Oberst, der den König ... der Karl geleitete, wurde, wie mir scheint, getötet? fragte Cromwell, Mordaunt fest anschauend. – Ja, Herr. – Von wem? – Von mir. – Wie hieß er? – Lord Winter. – Euer Oheim! rief Cromwell. – Mein Oheim? versetzte Mordaunt; die Verräter Englands gehören nicht zu meiner Familie.

Cromwell blieb einen Augenblick nachdenklich, schaute den jungen Mann an und sagte sodann mit tiefer Schwermut:

Mordaunt, Ihr seid ein furchtbarer Diener.

Wenn der Herr befiehlt, sprach Mordaunt, so läßt sich mit seinen Befehlen nicht feilschen. Abraham hat das Messer über Isaak erhoben, und Isaak war sein Sohn.

Ja, entgegnete Cromwell, aber der Herr ließ das Opfer nicht vollbringen.

Ich schaute um mich her, sagte Mordaunt, und sah weder Bock noch Zicklein in den Gebüschen der Ebene.

Cromwell verbeugte sich und sprach:

Ihr seid stark unter den Starken, Mordaunt... Und wie haben sich die Franzosen benommen? – Als Leute von Mut, Herr. – Ja, ja, murmelte Cromwell, die Franzosen schlagen sich, und wenn mein Augenglas gut ist, so habe ich sie wirklich im ersten Gliede gesehen. – Sie waren dort. – Jedoch nach Euch, sagte Cromwell. – Daran sind ihre Pferde schuld und nicht sie selbst.

Es trat eine neue Pause ein.

Und die Schotten? fragte Cromwell. – Sie haben ihr Wort gehalten und sich nicht gerührt, antwortete Mordaunt. – Die Elenden! murmelte Cromwell. – Ihre Offiziere verlangen Euch zu sehen, Herr. – Ich habe keine Zeit. Hat man sie bezahlt? – In dieser Nacht. – Sie sollen abziehen, in ihre Gebirge zurückkehren und ihre Schmach dort verbergen, wenn ihre Gebirge hoch genug dazu sind. Ich habe nichts mehr mit ihnen, sie haben nichts mehr mit mir zu schaffen. Und nun geht, Mordaunt. – Ehe ich gehe, erwiderte Mordaunt, habe ich noch einige Fragen an Euch zu richten, mein Herr, und eine Bitte an Euch zu tun, mein Meister. – An mich?

Mordaunt verbeugte sich.

Ich komme zu Euch, mein Held, mein Beschützer, mein Vater, und frage Euch, Meister, seid Ihr mit mir zufrieden?

Cromwell schaute ihn erstaunt an.

Der junge Mann blieb unempfindlich.

Ja, erwiderte Cromwell, Ihr habt, seitdem ich Euch kenne, nicht bloß Eure Pflicht getan, Ihr seid ein treuer Freund, ein geschickter Unterhändler, ein guter Soldat gewesen. – Erinnert Ihr Euch, Herr, daß ich zuerst den Gedanken gehabt habe, mit den Schotten darüber zu unterhandeln, daß sie ihren König verlassen? – Ja, der Gedanke kommt von Euch, das ist wahr; ich ging in der Verachtung der Menschen noch nicht so weit. – Bin ich ein guter Botschafter in Frankreich gewesen? – Ja, Ihr habt von Mazarin erhalten, was ich verlangte. – Habe ich stets eifrig für Euren Ruhm und Eure Interessen gekämpft? – Vielleicht nur allzu eifrig, wie ich Euch soeben erst zum Vorwurf machte. Aber worauf zielt Ihr mit allen diesen Fragen ab? – Ich will Euch damit sagen, daß der Augenblick gekommen ist, wo Ihr mit einem Wort alle meine Dienste belohnen könnt. – Ah! rief Oliver mit einer leichten, verächtlichen Bewegung, es ist wahr, ich vergaß, daß jeder Dienst seine Belohnung verdient, daß Ihr gedient habt und noch nicht belohnt seid. – Mein Herr, ich kann es sogleich sein und zwar über meine Wünsche. – Wie dies? – Ich habe den Preis unter der Hand, ich halte ihn beinahe. – Und worin besteht der Preis? fragte Cromwell. Hat man Euch Gold geboten? Verlangt Ihr einen Grad? Wünscht Ihr eine Statthalterschaft? – Herr, werdet Ihr meine Bitte gewähren? – Wir wollen zuerst sehen, worin sie besteht. – Herr, wenn Ihr mir sagtet: Ihr werdet einen Befehl vollziehen! antwortete ich dann je: Ich will diesen Befehl kennen? – Wenn es jedoch unmöglich wäre. Euren Wunsch zu erfüllen? – Wenn Ihr einen Wunsch hattet und mich mit Erfüllung desselben beauftragtet, erwiderte ich dann je: Es ist unmöglich? – Aber eine mit so vielen Vorbereitungen eingeleitete Bitte ... – Ah! seid unbesorgt, versetzte Mordaunt mit einem düsteren Ausdruck, sie wird Euch nicht ins Verderben stürzen. – Nun wohl, sprach Cromwell, ich verspreche Euch, Eurer Bitte zu willfahren, soweit die Sache in meiner Macht liegt; fordert! – Man hat diesen Morgen zwei Gefangene gemacht, antwortete Mordaunt, ich verlange sie von Euch. – Sie haben also ein bedeutendes Lösegeld angeboten? – Ich halte sie im Gegenteil für arm. – Es sind Freunde von Euch? – Ja, Herr, rief Mordaunt, es sind Freunde von mir, teure Freunde, und ich würde mein Leben für das ihrige geben. – Gut, Mordaunt, sprach Cromwell, der mit einer gewissen freudigen Bewegung wieder eine bessere Meinung von Mordaunt faßte, gut, ich gebe sie Euch, ich will sogar nicht einmal wissen, wer sie sind, macht mit Ihnen, was Ihr wollt. – Ich danke, Herr, rief Mordaunt, ich danke! mein Leben gehört von nun an Euch, und wenn ich es verliere, bin ich immer noch Euer Schuldner, Ihr habt meinen Dienst herrlich bezahlt. Und er warf sich vor Cromwell auf die Knie und küßte ihm die Hand, obschon der puritanische General sich diese beinahe königliche Huldigung nicht gefallen lassen wollte oder sich wenigstens den Anschein gab, als wolle er es nicht.

Wie! sagte Cromwell, ihn in dem Augenblick, wo er sich erhob, zurückhaltend, keine andern Belohnungen, kein Gold! keine Beförderung!

Ihr habt mir alles gegeben, was Ihr mir geben konntet, Mylord, und von diesem Tage an erkläre ich mich für überreich von Euch belohnt.

Und Mordaunt stürzte aus dem Zelte des Generals mit einer Freude, die aus seinem Herzen und aus seinen Augen überströmte.

Cromwell folgte ihm mit dem Blicke.

Er hat seinen Oheim getötet! murmelte er, ach! was für Diener habe ich doch! Vielleicht hat der, der nichts von mir fordert oder nichts von mir zu fordern scheint, vor Gott mehr von mir verlangt, als die andern, die nach dem Golde des Landes und der Ehre lüstern sind. Niemand dient mir umsonst. Karl, der mein Gefangener ist, hat vielleicht noch Freunde, und ich habe keine.

Und er versank seufzend wieder in seine frühere Träumerei.

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