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Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band - Kapitel 19
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Zweiter Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Meuterei wird zur Empörung

Mazarin fand die Königin außer sich vor Unmut und Entrüstung über den offenen Aufruhr der Pariser. Soeben teilte ihr der Kanzler Seguier mit, wie er mit genauer Not dem Pöbel entgangen sei. Man habe seinen Wagen zerschlagen, und als er sich in sein Palais geflüchtet, auch dieses gestürmt; nur wie durch ein Wunder sei er durch eine Tapetentüre entkommen. Als er geendet, fragte sie ihn um Rat in dieser schwierigen Lage.

Madame, sprach der Kanzler zögernd, es wird nichts helfen, wir müssen Broussel freilassen.

Die schon vorher sehr bleiche Königin wurde zusehends noch bleicher, ihr Gesicht zog sich krampfhaft zusammen, und sie rief: Broussel freilassen ... nie!

In diesem Augenblick hörte man Tritte im Vorsaal, und der Marschall de la Meilleraye erschien unangemeldet auf der Türschwelle.

Ah! Ihr seid hier, Marschall, rief Anna von Österreich hocherfreut. Ihr habt hoffentlich diese ganze Kanaille zur Vernunft gebracht?

Madame, antwortete der Marschall, ich verlor drei Mann auf dem Pont-Neuf, vier in den Hallen, sechs an der Ecke der Rue de l'Arbre-Sec und zwei vor dem Tore Eures Palastes, im ganzen fünfzehn. Ich bringe zehn bis zwölf Verwundete zurück. Mein Hut ist, von einer Kugel fortgerissen, ich weiß nicht wo geblieben, und ohne Zweifel würde ich mit meinem Hut geblieben sein, wäre nicht der Koadjutor gekommen und hätte mich aus der Klemme gezogen.

In der Tat, sprach die Königin, es hätte mich gewundert, wenn dieser krummbeinige Dachshund nicht bei der ganzen Geschichte die Hand im Spiel gehabt hätte.

Madame, versetzte la Meilleraye lachend, sagt in meiner Gegenwart nicht zu viel Schlimmes von ihm, denn der Dienst, den er mir geleistet hat, ist noch ganz warm.

Gut, erwiderte die Königin, seid dankbar gegen ihn, solange und soviel Ihr wollt, aber das legt mir keine Verbindlichkeit auf. Ihr seid gesund und wohlbehalten hier, mehr verlange ich nicht; seid willkommen, ich freue mich Eurer Rückkehr.

Wohl, Madame, aber ich bin unter einer Bedingung zurückgekehrt – ich habe Euch die Willensmeinung des Volkes zu überbringen.

Willensmeinung! sprach Anna von Österreich, die Stirn faltend. Oh! oh! Herr Marschall, Ihr müßt Euch in einer sehr großen Gefahr befunden haben, daß Ihr eine solche Botschaft übernahmt. Diese Worte wurden mit einer Ironie ausgesprochen, die dem Marschall nicht entging.

Um Vergebung, Madame, sagte der Marschall, ich bin kein Advokat, sondern ein Krieger, und verstehe mich folglich nur schlecht auf die Auswahl der rechten Worte; ich hätte den Wunsch und nicht die Willensmeinung des Volkes sagen sollen. Was die Antwort betrifft, mit der Ihr mich beehrtet, so glaube ich, Ihr wolltet damit sagen, ich habe Furcht gehabt.

Die Königin lächelte.

Nun wohl, Madame, ich habe Furcht gehabt; es ist das drittemal, daß mir dies begegnet, und dennoch bin ich bei zwölf ordentlichen Schlachten und ich weiß nicht bei wie vielen Gefechten und Scharmützeln gewesen; ja, ich habe Angst gehabt, und ich will lieber Eurer Majestät gegenüberstehen, so bedrohlich auch ihr Lächeln sein mag, als diesen höllischen Teufeln, die mich bis hierher begleitet haben.

Bravo! sagte d'Artagnan ganz leise zu Porthos, gut geantwortet.

Nun! sprach die Königin, sich in die Lippen beißend, während die Höflinge einander voll Verwunderung anschauten, was ist der Wunsch meines Volkes?

Daß man ihm Broussel zurückgebe, Madame, antwortete der Marschall.

Nie, rief die Königin, nie!

Ew. Majestät hat zu gebieten, sprach la Meilleraye sich verbeugend und ging einen Schritt rückwärts. – Wohin geht Ihr, Marschall? sagte die Königin. – Ich werde die Antwort Ew. Majestät denen überbringen, die darauf warten. – Bleibt, Marschall, ich will nicht das Ansehen haben, als unterhandle ich mit Rebellen. – Madame, ich habe mein Wort gegeben. – Das heißt? – Daß ich geneigt bin, hinabzugehen, wenn Ihr mich nicht verhaften laßt!

Annas Augen schleuderten Blitze.

Oh! das kann geschehen, mein Herr, sprach sie; ich habe Größere verhaften lassen, als Ihr seid. Guitaut.

Mazarin stürzte vor und sprach: Madame, dürfte ich Euch auch einen Rat geben ... – Vielleicht ebenfalls, Broussel freizulassen? In diesem Fall könnt Ihr Euch die Mühe ersparen. – Nein, obgleich dieser Rat vielleicht so gut ist, wie jeder andere. – Was also sonst? – Den Koadjutor rufen zu lassen. – Den Koadjutor! rief die Königin, diesen abscheulichen Händelstifter! Er hat die ganze Meuterei angezettelt. – Ein Grund mehr, sprach Mazarin; hat er sie geschaffen, so kann er ihr auch wieder ein Ende machen.

Seht, Madame, sprach Comminges, der an einem Fenster stand, durch das er hinausschaute, seht, die Gelegenheit ist günstig, denn hier ist er und erteilt seinen Segen auf dem Platz des Palais-Royal.

Die Königin lief an das Fenster.

Es ist wahr, sagte sie, hier ist er, der Meister Heuchler!

Ich sehe, daß alle Welt vor ihm niederkniet, sprach Mazarin, obgleich er nur Koadjutor ist, während man mich, wenn ich an seiner Stelle wäre, in Stücke zerreißen würde. Madame, ich bestehe also auf meinem Wunsch (Mazarin legte einen besonderen Nachdruck auf dieses Wort), daß Ew. Majestät den Koadjutor empfange.

Die Königin blieb einen Augenblick in Gedanken versunken. Dann erhob sie ihr Haupt wieder und sprach: Herr Marschall, sucht den Koadjutor und bringt ihn her.

Und was soll ich dem Volke sagen? fragte der Marschall.

Es soll Geduld haben, ich habe auch Geduld.

In der Stimme der stolzen Spanierin lag ein so gebieterischer Ausdruck, daß der Marschall keine Bemerkung mehr machte, sondern sich verbeugte und abging.

Sodann ging Anna von Österreich auf Comminges zu und sprach ganz leise mit ihm. Mazarin schaute unruhig nach der Seite, wo d'Artagnan und Porthos standen. Die andern Anwesenden wechselten leise einzelne Worte.

Jetzt öffnete sich die Tür wieder, und der Marschall erschien mit dem Koadjutor.

Hier ist Herr von Gondy, Madame, sagte der Marschall, er beeilt sich, den Befehlen Ew. Majestät Folge zu leisten.

Die Königin ging ihm vier Schritte entgegen und blieb kalt, ernst, unbeweglich, die Unterlippe verächtlich vorgeschoben, stehen.

Gondy verbeugte sich ehrfurchtsvoll.

Nun, mein Herr, sprach die Königin, was sagt Ihr zu dieser Meuterei? – Daß es keine Meuterei mehr ist, Madame, antwortete der Koadjutor, sondern eine Empörung. – Empörung ist es von seiten derer, die glauben, mein Volk könne sich empören! rief Anna, unfähig, sich vor dem Koadjutor zu verstellen, den sie mit Recht als den Anstifter des ganzen Aufruhrs betrachtete. Empörung nennen die, welche sie wünschen, die Bewegung, die sie selbst gemacht haben; aber nur Geduld, die königliche Machtvollkommenheit wird bald ein Ende mit der Komödie machen. – Madame, antwortete der Koadjutor kalt, hat mich Ew. Majestät zur Ehre Ihrer Gegenwart zugelassen, um mir dies zu sagen? – Nein, mein lieber Koadjutor, versetzte Mazarin, sondern um Euch in der ärgerlichen Lage der Dinge, in der wir uns befinden, um einen Rat zu bitten. – Ist es wahr, sprach der Koadjutor mit erheucheltem Staunen, daß mich Ew. Majestät hat rufen lassen, um mich um Rat zu fragen? – Ja, sagte die Königin, man hat es gewollt.

Der Koadjutor verbeugte sich.

Ihre Majestät wünscht also...

Daß Ihr sagt, was Ihr an ihrer Stelle tun würdet, beeilte sich Mazarin zu antworten.

Der Koadjutor schaute die Königin an, diese machte ein bestätigendes Zeichen.

An der Stelle Ihrer Majestät, erwiderte Gondy kalt, würde ich nicht zögern, sondern Broussel sogleich herausgeben.

Und wenn ich ihn nicht herausgebe, rief die Königin, was glaubt Ihr, daß dann geschieht?

Ich glaube, daß dann morgen in Paris kein Stein mehr auf dem andern sein wird, sagte der Marschall.

Ich frage nicht Euch, sprach die Königin trocken und ohne sich umzuwenden, sondern Herrn von Gondy.

Wenn Ew. Majestät mich fragt, antwortete der Koadjutor mit derselben Ruhe, so sage ich ihr, daß ich aufs entschiedenste der Meinung des Herrn Marschalls bin.

Die Röte stieg der Königin ins Gesicht, ihre schönen blauen Augen schienen aus ihrem Kopf treten zu wollen; ihre karminroten Lippen, von allen Dichtern jener Zeit mit Granatblüten verglichen, erbleichten und zitterten vor Wut; sie erschreckte sogar Mazarin, der doch an die häuslichen Wutausbrüche dieser freudlosen Ehe gewöhnt war.

Broussel herausgeben! rief sie endlich mit einem schrecklichen Lächeln; ein schöner Rat, bei meiner Treu! Man sieht wohl, daß er von einem Priester herkommt!

Gondy blieb unbewegt. Die Beleidigungen schienen an diesem Tag ebenso an ihm abzugleiten, wie die Spottreden am vorhergehenden; aber der Haß und die Rache häuften sich still und Tropfen um Tropfen in seinem Herzen auf. Er schaute kalt die Königin an und sagte vollkommen ruhig: Madame, wenn Ew. Majestät den Rat nicht gutheißt, den ich ihr gegeben, so kommt es ohne Zweifel davon her, daß sie Besseres zu befolgen hat; ich kenne zu sehr die Weisheit der Königin und ihrer Räte, um annehmen zu können, man werde die Unruhe fortdauern lassen, die eine Staatsumwälzung herbeiführen kann. – Eurer Meinung nach, versetzte schnaubend die Spanierin und biß sich in die Lippen, kann, was gestern eine Meuterei war und heute eine Empörung ist, morgen eine Staatsumwälzung werden. – Ja, Madame, sprach der Koadjutor ernst. – Wenn man Euch hört, mein Herr, sind die Völker gänzlich zügellos geworden. – Das Jahr ist schlecht für die Könige, sprach Gondy, den Kopf schüttelnd; schaut nach England hinüber, Madame. – Ja, aber glücklicherweise haben wir in Frankreich keinen Oliver Cromwell, antwortete die Königin. – Wer weiß, versetzte Gondy; diese Leute gleichen dem Blitz, man lernt sie erst kennen, wenn sie schlagen.

Alle Anwesenden bebten, und es herrschte einen Augenblick tiefes Stillschweigen.

Während dieser Zeit hatte die Königin ihre beiden Hände auf die Brust gelegt; man sah, daß sie die heftigen Schläge ihres Herzens zurückdrängen wollte.

Eure Majestät, fuhr der Koadjutor unbarmherzig fort, wird also die Maßregeln ergreifen, die ihr angenehm sind. Aber ich sehe zum voraus, daß sie furchtbar sein und die Meuterer noch mehr aufbringen werden.

Nun wohl, mein Herr Koadjutor, Ihr, der Ihr so viel Macht über sie habt und unser Freund seid, sagte die Königin spöttisch, Ihr werdet sie dann wohl zur Ruhe bringen, indem Ihr ihnen Euern Segen spendet.

Das wird vielleicht zu spät sein, entgegnete Gondy eisig, und am Ende verliere ich selbst jeden Einfluß, während Eure Majestät, wenn sie ihnen Broussel zurückgibt, dem Aufruhr die Wurzel abschneidet und das Recht erhält, jedes Wiederbeginnen einer Empörung aufs strengste zu bestrafen.

Dieses Recht habe ich also nicht? rief die Königin.

Wenn Ihr es habt, so gebraucht es, antwortete Gondy.

Die Königin entließ mit einem Zeichen den ganzen Hof, Mazarin ausgenommen. Gondy verbeugte sich und wollte sich wie die andern entfernen.

Bleibt, mein Herr, sprach die Königin.

Gut, sagte Gondy zu sich selbst, sie wird nachgeben.

Die Königin schaute den Weggehenden nach. Als der letzte die Tür geschlossen hatte, wandte sie sich um. Man sah, daß sie sich auf unerhörte Weise anstrengte, ihren Zorn zu bewältigen; sie fächerte sich, sie roch an Räucherpfännchen, sie ging hin und her. Mazarin blieb auf dem Stuhl, auf den er sich gesetzt hatte, und schien nachzudenken. Gondy, der unruhig zu werden anfing, sondierte mit den Augen alle Tapeten, betrachtete das Panzerhemd, das er unter seinem langen Rock trug, und suchte von Zeit zu Zeit unter seinem Bischofsmäntelchen, ob der Griff eines guten spanischen Dolches, den er bei sich hatte, im Bereich seiner Hand war.

Laßt hören, sprach die Königin endlich stillstehend, wiederholt nun Euren Rat, da wir allein sind, Herr Koadjutor.

So hört, Madame: tut, als ob Ihr die Sache noch einmal überlegt hättet; gesteht öffentlich einen Irrtum ein, denn dadurch erweist sich die Kraft starker Regierungen; entlaßt Broussel aus seinem Gefängnis und gebt ihn dem Volke zurück.

Oh! mich so demütigen! rief Anna von Österreich. Bin ich Königin, oder bin ich es nicht? Ist diese ganze brüllende Kanaille nicht die Masse meiner Untertanen? Habe ich Freunde, Leibwachen? Ah! bei unserer lieben Frau! wie Königin Katharina sagte, fuhr sie, sich immer mehr in Wut hineinredend, fort, ehe ich ihnen diesen schändlichen Broussel zurückgebe, würde ich ihn lieber mit meinen eigenen Händen erdrosseln.

Und sie stürzte mit gefällten Fäusten auf Gondy zu, den sie in diesem Augenblick wenigstens ebensosehr haßte, als Broussel.

Gondy blieb unbeweglich; nicht eine Muskel seines Gesichts rührte sich; nur sein eisiger Blick kreuzte sich wie ein Schwert mit dem wütenden Blick der Königin.

Madame, rief der Kardinal, Anna von Österreich beim Arme fassend und zurückziehend, Madame, was macht Ihr!

Dann fügte er in spanischer Sprache bei: Anna, seid Ihr toll? Ihr fangt da wie ein Bürgerweib Händel an und seid eine Königin. Seht Ihr denn nicht, daß Ihr in der Person dieses Priesters das ganze Volk von Paris vor Euch habt, und daß Ihr, wenn dieser Priester will, in einer Stunde keine Krone mehr besitzt? Später könnt Ihr hartnäckig sein, jetzt ist aber nicht die Stunde dazu; heute müßt Ihr schmeicheln und liebkosen.

Dieser scharfe Verweis, der das Gepräge einer Beredsamkeit an sich trug, welche Mazarin charakterisierte, sobald er Italienisch oder Spanisch sprach, und die er gänzlich verlor, wenn er Französisch sprach, wurde mit einem unerforschlichen Gesicht gegeben, das Gondy, ein so geschickter Physiognomiker er auch war, nur die einfache Ermahnung, sich etwas zu mäßigen, ahnen ließ.

Auf diese strenge Rüge besänftigte sich die Königin alsbald, sie ließ gleichsam von ihren Augen das Feuer, von ihren Lippen den Zorn fallen. Sie setzte sich, ihre Arme sanken kraftlos an ihren beiden Seiten nieder, und sie sprach mit einer von Tränen feuchten Stimme: Verzeiht mir, Herr Koadjutor, und schreibt diese Heftigkeit dem Umstande zu, daß ich leide. Als Frau und folglich den Schwächen meines Geschlechts unterworfen, erschrecke ich vor dem Bürgerkrieg; als Königin und an Gehorsam gewöhnt, lasse ich mich beim ersten Widerstand hinreißen.

Madame, erwiderte Gondy, sich verbeugend, Eure Majestät täuscht sich, wenn sie meinen aufrichtigen Rat als Widerstand bezeichnet. Ew. Majestät hat nur ergebene und ehrfurchtsvolle Untertanen. Das Volk grollt nicht der Königin, es fordert Broussel, verlangt sonst nichts und schätzt sich glücklich, unter den Gesetzen Ew. Majestät zu leben, vorausgesetzt, daß Ew. Majestät ihm Broussel zurückgibt, fügte der Koadjutor lächelnd bei.

Also, mein Herr, sprach die Königin, Ihr fürchtet wirklich die Volksbewegung?

Ich fürchte sie in vollem Ernst, Madame, erwiderte Gondy, erstaunt, nicht weiter vorgerückt zu sein, ich fürchte, der Strom könnte, wenn er einmal seinen Damm durchbrochen hat, große Verwüstungen verursachen.

Und ich, sagte die Königin, ich glaube, daß man ihm in diesem Fall neue Dämme entgegensetzen muß. Geht, ich werde mir die Sache überlegen.

Gondy schaute Mazarin mit erstaunter Miene an; Mazarin näherte sich der Königin, um mit ihr zu sprechen. In diesem Augenblick hörte man einen furchtbaren Lärm auf dem Platze des Palais-Royal.

Gondy lächelte, der Blick der Königin entflammte sich, Mazarin wurde sehr bleich.

Was gibt es denn wieder? sagte er.

Comminges stürzte in den Salon.

Vergebt, Madame, sagte Comminges zu der Königin, das Volk hat die Wachen an die Gitter zurückgeworfen und zermalmt, es sprengt in diesem Augenblick die Tore; was befehlt Ihr?

Hört, Madame ... sprach Gondy.

Das Tosen der Wellen, das Rollen des Donners, das Brüllen des entfesselten Orkans läßt sich nicht mit dem Sturme vergleichen, der sich in diesem Moment zum Himmel erhob.

Was ich befehle? rief die Königin. – Ja, die Zeit drängt. – Wieviel Mann habt Ihr ungefähr im Palais-Royal? – Sechshundert. – Stellt hundert Mann um den König, und mit dem Reste jagt mir diesen Pöbel von der Türe. – Madame, sprach Mazarin, was macht Ihr? – Geht, sagte die Königin.

Comminges entfernte sich mit dem leidenden Gehorsam des Soldaten. Plötzlich vernahm man ein furchtbares Krachen: eines der Tore begann nachzugeben.

Madame, rief Mazarin, Ihr stürzt uns alle ins Verderben, den König, Euch und mich.

Bei diesem aus der erschrockenen Seele des Kardinals dringenden Schrei wurde der Königin ebenfalls bange; sie rief Comminges zurück.

Es ist zu spät, sagte Mazarin, sich die Haare ausraufend, es ist zu spät!

Das Tor wich, und man hörte das Freudengebrüll des Volkes. D'Artagnan, den Mazarin mit seinem Freunde in einem nur durch einen Türvorhang vom Salon getrennten Kabinett gelassen hatte, von wo sie alles hören und sehen konnten, d'Artagnan nahm den Degen in die Faust und hieß Porthos durch ein Zeichen dasselbe tun. Rettet die Königin! rief Mazarin dem Koadjutor zu.

Gondy lief nach dem Fenster und öffnete es; er erkannte Louvières an der Spitze von ungefähr drei- bis viertausend Menschen.

Keinen Schritt weiter! rief er, die Königin unterzeichnet.

Was sagt Ihr? rief die Königin.

Die Wahrheit, Madame, sprach Mazarin, der Königin eine Feder und Papier reichend, es muß sein. Dann fügte er bei: Unterzeichnet, Anna, ich bitte Euch, ich will es.

Die Königin sank auf einen Stuhl, nahm die Feder und unterzeichnete.

Von Louvières zurückgehalten, hatte das Volk keinen Schritt mehr gemacht; aber das furchtbare Gemurmel, welches den Zorn der Menge andeutete, währte immer noch fort.

Der Koadjutor ergriff den von der Königin unterzeichneten Freilassungsbefehl, kehrte an das Fenster zurück und rief: Hier ist der Befehl.

Paris schien einen mächtigen Freudenschrei auszustoßen. Dann erscholl der Ruf: Es lebe Broussel! Es lebe der Koadjutor!

Und nun, da Ihr habt, was Ihr haben wolltet, sagte die Königin, so geht, Herr von Gondy. Und Gondy entfernte sich.

Ah! verfluchter Pfaffe! rief Anna von Österreich, die Hand nach der kaum geschlossenen Türe ausstreckend, ich werde dich eines Tages den Rest der Galle austrinken lassen, die du mir heute eingeschenkt hast.

Mazarin wollte sich ihr nähern. Laßt mich, Ihr seid kein Mann, rief die Königin und ging aus dem Salon.

Ihr seid keine Frau, murmelte Mazarin.

Dann nach kurzem Nachdenken erinnerte er sich, daß d'Artagnan und Porthos anwesend sein mußten und folglich alles gehört und gesehen hatten. Er runzelte die Stirn, ging gerade auf den Vorhang zu und hob ihn auf; das Kabinett war leer. Beim letzten Worte der Königin hatte d'Artagnan Porthos bei der Hand genommen und mit sich nach der Galerie gezogen.

Mazarin trat ebenfalls in die Galerie und fand die Freunde auf und ab gehend.

Warum habt Ihr das Kabinett verlassen, Herr d'Artagnan? sagte Mazarin.

Weil die Königin jedermann weggehen hieß, und ich dachte, dieser Befehl betreffe ebensowohl uns, als die andern.

Ihr seid also hier seit ...

Seit einer Viertelstunde ungefähr, sprach d'Artagnan, schaute dabei Porthos an und bedeutete diesem durch ein Zeichen, er möge ihn nicht Lügen strafen.

Mazarin gewahrte dieses Zeichen und war überzeugt, daß d'Artagnan alles gesehen und gehört hatte, aber er wußte ihm Dank für die Lüge.

Herr d'Artagnan, sagte er, Ihr seid offenbar der Mann, den ich suchte, und könnt, sowie Euer Freund, auf mich zählen.

Dann grüßte er die zwei Freunde mit seinem verbindlichsten Lächeln und kehrte ruhiger in sein Kabinett zurück, denn nach Gondys Weggang hatte der Tumult wie durch einen Zauber aufgehört.

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