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Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Zweiter Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zufall oder Vorsehung

Nun, Madame? sagte Lord Winter, als die Königin ihre Dienerin entfernt hatte.

Nun, was ich vorhergesehen hatte, geschieht, Mylord.

Er weigert sich?

Habe ich es nicht gesagt?

Der Kardinal weigert sich, den König zu empfangen? Frankreich verweigert einem unglücklichen Fürsten Gastfreundschaft? Das ist das erste Mal, Madame.

Ich habe nicht gesagt Frankreich, Mylord. Ich habe gesagt der Kardinal, und der Kardinal ist nicht einmal ein Franzose.

Aber die Königin, habt Ihr sie gesehen?

Es ist unnütz, erwiderte Madame Henriette mit traurigem Kopfschütteln, die Königin wird nie ja sagen, wenn der Kardinal nein gesagt hat. Wißt Ihr nicht, daß dieser Italiener alles leitet, sowohl auswärts, als im Innern? Mehr noch, ich komme auf das zurück, was ich Euch bereits gesagt habe. Ich würde mich nicht wundern, wenn uns Cromwell zuvorgekommen wäre. Er war verlegen, während er mit mir sprach, und dennoch fest entschlossen, sich zu weigern. Habt Ihr nicht auch die Bewegung im Palais-Royal bemerkt, das Hin- und Herlaufen geschäftiger Leute? Sollten sie Nachrichten bekommen haben, Mylord?

Von England kann dies nicht sein, Madame; ich habe mich so sehr beeilt, daß mir sicherlich niemand zuvorgekommen ist. Ich bin vor drei Tagen abgereist, und wie durch ein Wunder durch die ganze puritanische Armee gelangt. Ich habe mit meinem Lakaien Tomy die Post genommen, und die Pferde, die wir reiten, haben wir in Paris gekauft. Übrigens bin ich fest überzeugt, daß der König, ehe er etwas wagt, die Antwort von Eurer Majestät abwartet.

Ihr werdet ihm melden, Mylord, versetzte die Königin in Verzweiflung, daß ich nichts vermöge, daß ich so viel gelitten habe, als er, mehr sogar als er, da ich genötigt bin, das Brot der Verbannung zu essen und Gastfreundschaft von falschen Freunden zu verlangen, und daß er, was seine königliche Person betrifft, sich edelmütig aufopfern und als König sterben müsse; ich werde an seiner Seite sterben.

Madame, Madame, rief Winter, Eure Majestät überläßt sich der Mutlosigkeit, und es bleibt uns vielleicht noch einige Hoffnung.

Wir haben keine Freunde mehr, Mylord, keine Freunde in der ganzen Welt, außer Euch. Oh, mein Gott! rief Madame Henriette, die Arme zum Himmel emporstreckend, hast du denn alle edlen Herzen, welche auf Erden bestanden, hinweggenommen?

Ich hoffe, daß dies nicht der Fall ist, Madame, erwiderte Winter gedankenvoll, ich habe Euch von vier Männern gesagt ...

Was wollt Ihr mit vier Männern machen?

Vier ergebene Männer, vier bis zum Tod entschlossene Männer vermögen viel, das dürft Ihr mir glauben, Madame. Und die, welche ich kenne, haben in einer gewissen Zeit viel getan.

Und diese vier Männer, wo sind sie?

Das ist es eben, was ich nicht weiß. Seit etwa zwanzig Jahren habe ich sie aus dem Gesicht verloren, und dennoch dachte ich bei allen Gelegenheiten, wo ich den König in Gefahr sah, an sie.

Und diese Männer waren Eure Freunde?

Einer von ihnen hatte mein Leben in seinen Händen und schenkte es mir. Ich weiß nicht, ob er mein Freund geblieben ist, aber seit jener Zeit bin ich wenigstens der seinige geblieben.

Und diese Männer sind in Frankreich, Mylord?

Ich glaube.

Sagt mir ihre Namen, ich habe sie vielleicht nennen hören und könnte Euch in Eurer Nachforschung unterstützen.

Der eine von ihnen nannte sich Chevalier d'Artagnan.

Oh! Mylord, wenn ich mich nicht täusche, so ist dieser Chevalier d'Artagnan Leutnant bei den Garden. Ich habe seinen Namen aussprechen hören, aber merkt wohl, ich fürchte, dieser Mann gehört ganz dem Kardinal an.

Das wäre mein letztes Unglück, erwiderte Winter, und ich müßte zu glauben anfangen, daß wir wirklich verdammt seien.

Aber die anderen? sagte die Königin, die sich an diese Hoffnung anklammerte, wie ein Schiffbrüchiger an die Trümmer seines Fahrzeuges, die anderen, Mylord?

Der zweite –, ich hörte zufällig seinen Namen, denn ehe sie sich mit uns schlugen, sagten uns diese vier Edelleute ihre Namen – der zweite hieß Graf de la Fère. Die Namen der zwei anderen habe ich vergessen, weil ich gewöhnt war, sie bei ihren angenommenen Namen zu nennen.

Oh, mein Gott, es wäre doch vom höchsten Belang, sie wiederzufinden, sprach die Königin, da Ihr glaubt, diese würdigen Edelleute könnten dem König nützlich sein. Man muß sie suchen. Aber was werden vier Männer oder vielmehr drei vermögen? Denn ich sage Euch, man kann nicht auf Herrn d'Artagnan zählen.

Das wäre ein tapferer Degen weniger, Madame, doch es blieben immerhin noch drei andere, ohne den meinigen zu zählen. Vier ergebene Männer aber in der Umgebung des Königs, um ihn vor seinen Feinden zu hüten, ihn in der Schlacht zu decken, im Rate zu unterstützen, auf seiner Flucht zu geleiten, das wäre hinreichend, nicht um dem König zum Siege zu führen, doch um ihn zu retten, wenn er besiegt wäre, um ihm über das Meer zu helfen, und befände sich Euer königlicher Gemahl einmal an Frankreichs Küste, so würde er, was auch Mazarin sagen mag, so viele Zufluchtsorte finden, als der Seevogel bei den Stürmen findet.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, die junge Henriette erschien, und die Königin drängte mit der erhabenen Kraft, wie sie nur her Heldenmut einer Mutter besitzt, ihre Tränen bis in den Hintergrund des Herzens zurück und gab Lord Winter ein Zeichen, das Gespräch zu verändern.

Aber diese Reaktion entging der jungen Prinzessin nicht. Sie blieb auf der Schwelle stehen, stieß einen Seufzer aus und sagte, sich an ihre Mutter wendend: Warum weinet Ihr beständig ohne mich, meine Mutter?

Die Königin lächelte und sprach, statt ihr zu antworten: Seht, Lord Winter, ich habe damit, daß ich nur noch zur Hälfte Königin bin, wenigstens eins gewonnen, daß mich meine Kinder Mutter nennen, statt Madame.

Dann sich gegen ihre Tochter wendend, fuhr sie fort: Was willst du, Henriette?

Mutter, antwortete die junge Prinzessin, es ist ein Reiter im Louvre erschienen und bittet, Eurer Majestät seine Ehrfurcht bezeigen zu dürfen; er kommt vom Heere und hat, wie er sagt, Euch einen Brief vom Marschall von Grammont zu übergeben.

Und wer ist der Reiter, Henriette? fragte die Königin.

Ich habe ihn aus dem Fenster gesehen, Madame. Es ist ein junger Mensch, der kaum sechzehn Jahre alt zu sein scheint und sich Vicomte von Bragelonne nennt.

Die Königin machte lächelnd ein Zeichen mit dem Kopf, die junge Prinzessin öffnete die Tür wieder, und Raoul erschien auf der Schwelle.

Er machte drei Schritte gegen die Königin, kniete nieder und sprach:

Madame, ich überbringe Eurer Majestät einen Brief von meinem Freunde, dem Herrn Grafen von Guiche, der mir sagte, er habe die Ehre, zu Euern Dienern zu gehören. Dieser Brief enthält eine wichtige Nachricht und den Ausdruck seiner Ehrfurcht.

Bei dem Namen des Grafen von Guiche verbreitete sich eine Röte über die Wangen der jungen Prinzessin. Die Königin schaute sie mit einer gewissen Strenge an.

Aber du hast mir gesagt, der Brief komme vom Marschall von Grammont, Henriette? sprach die Königin.

Ich glaubte es, Madame, stammelte die Prinzessin.

Das ist mein Fehler, Madame. Ich meldete mich wirklich, als käme ich im Auftrag des Marschalls von Grammont, aber am rechten Arm verwundet, konnte er nicht schreiben, und der Graf von Guiche diente ihm als Sekretär.

Man hat sich also geschlagen? sagte die Königin und gab Raoul ein Zeichen, sich zu erheben.

Ja, Madame, antwortete der junge Mann und übergab den Brief an Winter, welcher vorgeschritten war, um denselben in Empfang zu nehmen, und ihn sodann der Königin einhändigte.

Bei der Nachricht, daß eine Schlacht geliefert worden sei, öffnete die junge Prinzessin den Mund, um eine Frage zu machen, die ihr am Herzen zu liegen schien, aber ihr Mund schloß sich wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben, während die Rosen ihrer Wangen nach und nach verschwanden.

Die Königin sah alle diese Bewegungen und übersetzte sie ohne Zweifel in ihrem mütterlichen Herzen; dann wandte sie sich abermals an Raoul und fragte: Dem jungen Grafen von Guiche ist doch nichts Schlimmes widerfahren? Er gehört nicht allein zu unsern Dienern, mein Herr, sondern auch zu unsern Freunden.

Nein, Madame, antwortete Raoul, er hat im Gegenteil an diesem Tag großen Ruhm errungen, und es wurde ihm die Ehre zu teil, von dem Herrn Prinzen auf dem Schlachtfeld umarmt zu werden.

Die junge Prinzessin klatschte in die Hände; aber ganz beschämt, daß sie sich zu einer solchen Kundgebung der Freude hatte hinreißen lassen, wandte sie sich halb um und neigte sich über eine Vase voll Rosen, als wollte sie den Geruch einatmen.

Die Königin entsiegelte hierauf den Brief und las:

Madame und Königin!

Da ich infolge einer Wunde an meiner rechten Hand nicht die Ehre haben kann, Euch selbst zu schreiben, so lasse ich Euch durch meinen Sohn, den Grafen von Guiche, von dem Ihr wißt, daß er ein ebenso treuer Diener von Euch ist, als sein Vater, hiermit melden, daß wir die Schlacht von Lens gewonnen haben und daß dieser Sieg unfehlbar dem Kardinal Mazarin und der Königin einen gewaltigen Einfluß auf die Angelegenheiten Europas geben muß. Möge also Eure Majestät, wenn sie meinem Rate folgen will, diesen Augenblick benützen, um zu Gunsten ihres erhabenen Gemahls bei der Regierung des Königs nachdrückliche Schritte zu tun. Der Herr Vicomte von Bragelonne, der Euch diesen Brief übergeben wird, ist der Freund meines Sohnes, dem er aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben gerettet hat. Es ist ein Edelmann, dem sich Eure Majestät vollkommen anvertrauen kann, falls sie mir einen mündlichen oder schriftlichen Befehl zukommen lassen wollte.

Ich habe die Ehre zu sein,

Mit Ehrfurcht u. s. w.
Marschall von Grammont.

Die Schlacht von Lens gewonnen! sprach die Königin. Sie sind glücklich hier, sie gewinnen Schlachten! Diese Nachricht ist neu, mein Herr, fuhr die Königin fort, ich weiß Euch Dank, daß Ihr mir sie mit so großer Eile überbracht habt. Ohne Euch, ohne diesen Brief hätte ich sie erst morgen, übermorgen, vielleicht zuletzt in ganz Paris, erfahren.

Madame, sprach Raoul, der Louvre ist der zweite Palast, wohin diese Nachricht gelangt ist; niemand kennt sie noch, und ich habe dem Grafen von Guiche geschworen, diesen Brief Eurer Majestät zu übergeben, sogar ehe ich meinen Vormund umarmt haben würde.

Euer Vormund ist ein Bragelonne, wie Ihr? fragte Lord Winter. Ich habe einst einen Bragelonne gekannt. Lebt er noch?

Nein, mein Herr, er ist tot. Mein Vormund ist der Graf de la Fère, antwortete der junge Mann, sich verbeugend.

Der Graf de la Fère! rief die Königin erfreut. Lord Winter, habt Ihr mir nicht diesen Namen genannt?

Winter konnte nicht glauben, was er hörte.

Der Herr Graf de la Fère! rief er ebenfalls. Oh! mein Herr, antwortet mir. ich bitte Euch! Ist der Graf de la Fère nicht ein Mann, den ich einst als einen schönen, tapfern Herrn gekannt habe, ein Mann, der Musketier unter Ludwig XIII. war und jetzt ungefähr sieben- bis achtundvierzig Jahre alt sein kann?

Ja, mein Herr, so ist's.

Und der unter einem angenommenen Namen diente?

Unter dem Namen Athos. Ich hörte kürzlich erst seinen Freund, Herrn d'Artagnan, ihm diesen Namen geben.

Es ist so, Madame, es ist so. Gott sei gelobt! Und er befindet sich in Paris? fuhr der Lord, sich an Raoul wendend, fort. Dann wieder zu der Königin zurückkehrend: Hofft, hofft, die Vorsehung erklärt sich für uns, da sie mir gestattet, diesen braven Edelmann auf eine so wunderbare Weise wiederzufinden. Sagt mir doch, wo wohnt er, mein Herr? Der Herr Graf de la Fère wohnt in der Rue Guenegaud im Hotel du Grand-Roi-Charlemagne.

Ich danke, mein Herr. Sagt diesem würdigen Freunde, er möge zu Hause bleiben; ich komme sogleich, ihn zu umarmen.

Mein Herr, ich gehorche mit großem Vergnügen, wenn Ihre Majestät mir Urlaub geben will.

Geht, Herr Vicomte von Bragelonne, sprach die Königin, geht und seid unserer Wohlgeneigtheit versichert.

Raoul verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor den zwei Fürstinnen, grüßte Lord Winter und entfernte sich.

Als auch Lord Winter Abschied nehmen wollte, sagte die Königin:

Hört, Mylord, ich hatte dieses Diamantkreuz, das meiner Mutter gehörte, und diesen Sanct-Michaels-Stern, welchen ich von meinem Gemahl erhielt, bis jetzt bewahrt. Diese beiden Gegenstände sind ungefähr fünfzigtausend Franken wert. Nehmt sie, und wenn Ihr für Eure Expedition Geld braucht, verkauft sie ohne Scheu, Mylord. Seid Ihr aber im stande, sie zu behalten, so bedenkt, Mylord, daß ich das als den größten Dienst betrachten würde, den ein Edelmann einer Königin zu leisten vermag, und daß der, welcher mir am Tag unseres Glückes diesen Stern und dieses Kreuz wiederbringt, von mir und meinen Kindern gesegnet werden soll.

Madame, erwiderte Winter, Eure Majestät wird von einem treu ergebenen Manne bedient werden. Ich gehe und hinterlege an sicherem Ort diese Gegenstände, die ich nicht annehmen würde, wenn uns Mittel von unserem ehemaligen Vermögen übrig blieben; aber unsere Güter sind konfisziert, unser bares Geld ist versiegt, und es ist so weit mit uns gekommen, daß wir aus allem, was wir besitzen, Hilfsquellen machen müssen. In einer Stunde begebe ich mich zu dem Grafen de la Fère, und morgen soll Eure Majestät eine bestimmte Antwort erhalten.

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