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Zwanzig Jahre nachher. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Erster Band - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Erster Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Saint-Denis

Der Tag graute, als Athos aufstand und sich ankleiden ließ; an seiner außergewöhnlichen Blässe und einem ruhelosen Ausdruck in seinen Augen ließ sich leicht erkennen, daß er beinahe die ganze Nacht schlaflos zugebracht haben mußte. Gegen die Gewohnheit des sonst so festen und entschiedenen Mannes lag an diesem Morgen etwas Langsames, Unentschlossenes in seinem ganzen Wesen.

Dies kam daher, daß er sich mit den Vorbereitungen zur Abreise Raouls beschäftigte und Zeit zu gewinnen suchte. Zuerst putzte er selbst ein Schwert, das er aus einer Scheide von seinem Leder nahm, untersuchte, ob der Griff gehörig lag und ob die Klinge gut am Griffe befestigt war.

Dann warf er in ein für den jungen Mann bestimmtes Felleisen ein Säckchen voll Louisd'or, rief Olivain – so hieß der Lakai, der ihm von Blois gefolgt war – und ließ ihn den Mantelsack in seiner Gegenwart packen, wobei er genau darüber wachte, daß alle für einen ins Feld ziehenden jungen Menschen erforderlichen Gegenstände hineingelegt wurden.

Nachdem er beinahe eine Stunde auf alle diese Dinge verwendet hatte, öffnete er die Tür, die in das Zimmer des Vicomte führte, und trat sachte ein.

Die bereits strahlende Sonne drang in das Zimmer durch die breiten Fensterflügel, deren Vorhänge zu schließen Raoul, da er spät zurückgekehrt war, vergessen hatte. Den Kopf anmutig auf den Arm gelehnt, schlief er noch. Seine langen, schwarzen Haare bedeckten halb seine reizende Stirne, die feucht war von dem Schweiß, der in Perlen an den Wangen des müden Jungen herabrollte.

Athos näherte sich und schaute, den Körper vorbeugend, in schwermütiger Haltung lange den Jüngling mit dem lächelnden Munde, mit den halbgeschlossenen Augenlidern an, dessen Traum süß, dessen Schlaf leicht sein mußte, so viel Liebe und Sorgfalt verwandte sein Schutzengel auf seine stumme Bewachung. Allmählich versank Athos im Angesicht dieser so reichen, so reinen Jugend in eine zauberhafte Träumerei. Seine Jugend tauchte wieder in seinem Innern auf, mit allen ihren süßen Erinnerungen, welche mehr Wohlgerüche sind, als Gedanken. Aber dann dachte er daran, daß der ganze erste Teil seines Lebens von einer Frau zertrümmert worden war, und er überlegte sich mit Schrecken, wie verhängnisvoll die Liebe auf eine zugleich so zarte und so kräftige Organisation wirken könnte.

In diesem Augenblick erwachte Raoul; seine Augen hefteten sich auf die von Athos, und er begriff ohne Zweifel alles, was in dem Herzen dieses Mannes vorging, der sein Erwachen erwartete, wie ein Liebender auf das Erwachen der Geliebten harrt, denn sein Blick nahm nun ebenfalls den Ausdruck unendlicher Liebe an.

Ihr wart hier? sprach er ehrfurchtsvoll. – Ja, Raoul, ich war hier, erwiderte der Graf. – Und Ihr wecktet mich nicht? – Ich wollte Euch noch einige Augenblicke diesem guten Schlaf überlassen, mein Freund. Ihr müßt müde sein von dem gestrigen Tage her, der sich bis in die Nacht hinein verlängert hat. – O Herr, wie gut seid Ihr! rief Raoul.

Athos lächelte und sagte: Wie befindet Ihr Euch? – Vollkommen wohl, Herr, und völlig ausgeruht und heiter. – Ihr wachset noch, fuhr Athos mit der väterlichen Teilnahme des reifen Mannes für den Jüngling fort, und die Anstrengungen wirken doppelt in Eurem Alter. – Ah! Herr, ich bitte um Vergebung, sprach Raoul, beschämt durch so große Zuvorkommenheit, aber ich werde im Augenblick angekleidet sein.

Athos rief Olivain, und nach Verlauf von zehn Minuten war der Jüngling mit der Pünktlichkeit, die ihn Athos gelehrt hatte, zum Aufbruch bereit.

Nun besorge mein Gepäck, sagte Raoul zu dem Lakaien.

Euer Gepäck erwartet Euch, Raoul, sprach Athos; ich habe Euer Felleisen unter meinen Augen packen lassen, und es wird Euch nichts fehlen. Es muß bereits nebst dem Mantelsack des Lakaien auf den Pferden sein, wenn man die Befehle, die ich gegeben, befolgt hat.

Alles ist nach dem Willen des Herrn Grafen geschehen, sagte Olivain, und die Pferde harren unten.

Und ich schlief! rief Raoul, während Ihr, Herr, die Güte hattet, Euch mit allen diesen kleinen Sorgen zu bemühen! O! in der Tat, Ihr überhäuft mich mit Wohltaten!

Ihr liebt mich also ein wenig, wie ich hoffe? versetzte Athos mit beinahe gerührtem Tone.

O Herr! rief Raoul, der, um seine innere Erschütterung nicht durch einen Ausbruch von Zärtlichkeit kundzugeben, sich bis zum Ersticken zusammennahm. O! Gott ist mein Zeuge, daß ich Euch liebe und verehre!

Seht, ob nichts vergessen ist, sprach Athos und gab sich den Anschein, als suche er noch etwas, um seine Rührung zu verbergen.

Nein, Herr, sprach Raoul.

Der Lakai näherte sich Athos zögernd und sagte leise zu ihm: Der Herr Vicomte hat keinen Degen, denn der Herr Graf hieß mich gestern den, welchen er ablegte, wegnehmen.

Schon gut, antwortete Athos, das ist meine Sache.

Raoul schien dieses Zwiegespräch nicht zu bemerken. Er stieg hinab und schaute dabei jeden Augenblick den Grafen an, um zu sehen, ob der Augenblick des Scheidens gekommen sei. Aber Athos' Gesicht veränderte sich nicht im geringsten. Als Raoul die Freitreppe erreichte, erblickte er drei Pferde.

O Herr! rief er ganz strahlend, Ihr begleitet mich also?

Ich will Euch ein wenig führen, antwortete Athos.

Die Freude glänzte in Raouls Augen, und er schwang sich leicht auf sein Pferd. Athos bestieg langsam das seinige, nachdem er zuvor leise ein Wort zu dem Lakaien gesagt hatte, der, statt unmittelbar zu folgen, sich wieder in die Wohnung zurück begab. Entzückt, in der Gesellschaft des Grafen zu sein, bemerkte Raoul nichts oder stellte sich wenigstens, als bemerke er nichts.

Die Edelleute schlugen den Weg nach dem Pont neuf ein und gelangten eben an die Rue Saint-Denis, als der Lakai sie wieder einholte. Der Weg wurde stillschweigend zurückgelegt. Raoul fühlte wohl, daß der Augenblick der Trennung herannahte. Die Blicke des Grafen waren noch zärtlicher und liebevoller. Von Zeit zu Zeit entschlüpften ihm eine Betrachtung oder ein Rat, und seine Worte waren voll wohlwollender Fürsorge.

Als sie den Pont Saint-Denis hinter sich hatten und auf die Höhe des Rekollektenklosters gelangt waren, warf Athos einen Blick auf das Pferd des Vicomte und sagte: Nehmt Euch wohl in acht, Raoul, Ihr habt eine schwere Hand, ich hab' es Euch oft gesagt, Ihr müßt das nicht vergessen, denn das ist ein großer Fehler für einen Reiter. Seht, Euer Pferd ist bereits müde, es schäumt, während das meinige gerade aus dem Stalle zu kommen scheint. Ihr macht ihm ein hartes Maul, wenn Ihr das Gebiß so stark anzieht, und könnt es dann nicht mit der erforderlichen Behendigkeit manövrieren lassen. Das Glück eines Reiters hängt zuweilen von dem raschen Gehorsam seines Pferdes ab. Bedenkt wohl, in acht Tagen manövriert Ihr nicht mehr in einer Reitschule, sondern auf einem Schlachtfelde.

Ich habe noch etwas anderes bemerkt, fuhr er fort, Ihr haltet beim Pistolenschießen den Arm zu gestreckt; durch diese Spannung verliert der Schuß die Pünktlichkeit. Unter zwölfmal verfehlt Ihr dreimal das Ziel.

Das Ihr zwölfmal träfet, erwiderte Raoul lächelnd.

Weil ich den Arm etwas bog und so die Hand auf meinem Ellenbogen ruhen ließ. Begreift Ihr wohl, was ich damit sagen will?

Ja, Herr, ich habe seitdem, wenn ich allein schoß, Euern Rat beachtet, und meine Bemühungen waren vom günstigsten Erfolg begleitet.

Seht, versetzte Athos, das ist gerade wie beim Fechten: Ihr greift Euern Gegner zu sehr an. Ich weiß wohl, das ist ein Fehler Eures Alters, aber die Bewegung des Körpers beim Angreifen bringt stets den Degen von der Linie ab, und wenn Ihr es mit einem Manne von kaltem Blut zu tun hättet, so würde er Euch bei Eurem ersten Schritt durch einfaches Losmachen Eurer Klinge oder durch einen geraden Stoß überwinden.

Ja, Herr, wie Ihr es oft getan habt. Aber nicht jeder besitzt Eure Geschicklichkeit und Euren Mut.

Welch ein frischer Wind! sprach Athos. Doch hört, wenn Ihr ins Feuer geht, und das wird nicht ausbleiben, denn Ihr seid einem jungen General empfohlen, der das Pulver ungemein liebt, so erinnert Euch wohl: im Einzelkampfe schießt nie zuerst; wer zuerst schießt, trifft selten seinen Mann, denn er schießt mit der Furcht, einem bewaffneten Feind gegenüber entwaffnet zu bleiben. Dann wenn Euer Gegner schießt, laßt Euer Pferd sich bäumen; dieses Manöver hat mir zwei- oder dreimal das Leben gerettet.

Ich werde es anwenden, und wäre es nur aus Dankbarkeit.

Dann noch etwas Wichtiges, Raoul: wenn Ihr bei einem Angriff verwundet werdet, wenn Ihr vom Pferde fallt und es bleibt Euch noch etwas Kraft, so schleppt Euch von der Linie ab, die Euer Regiment verfolgt hat; denn es kann zurückgeführt werden, und die Pferde zertreten Euch mit den Hufen. Jedenfalls schreibt mir sogleich oder laßt mir schreiben, wenn Ihr verwundet seid; wir verstehen uns auf Wunden, fügte Athos bei.

Ich danke Euch, Herr, antwortete der junge Mensch ganz bewegt.

Ah, wir sind in Saint-Denis, murmelte Athos.

Sie gelangten wirklich zu dem Tore dieser Stadt, an dem zwei Soldaten Wache standen. Der eine sagte zum andern: Das ist ein junger Edelmann, der aussieht, als wollte er sich zum Heere begeben.

Sie zogen durch die Straßen der Stadt, die des Festtags wegen voll Menschen waren, und man gelangte vor die alte Basilika, in der die erste Messe gelesen wurde.

Steigt ab, Raoul, sprach Athos. Du, Olivain, bewache unsere Pferde und gib mir den Degen.

Athos nahm den Degen in die Hand, den ihm der Lakai reichte, und die beiden Edelleute traten in die Kirche.

Athos bot Raoul Weihwasser. Der Jüngling berührte Athos' Hand und bekreuzte sich.

Athos sagte ein Wort zu einem der Wächter; dieser verbeugte sich und schritt der Gruft zu.

Kommt, Raoul, sagte Athos, wir wollen diesem Manne folgen.

Der Wächter öffnete das Gitter der königlichen Gräber und blieb auf der obersten Stufe stehen, während Athos und Raoul hinabstiegen. Die Grufttreppe war in der Tiefe von einer silbernen Lampe beleuchtet, die auf der untersten Stufe brannte, und gerade über dieser Lampe ruhte, in einen weiten, mit goldenen Lilien bestreuten Mantel von veilchenblauem Sammet gehüllt, ein von eichenen Gestellen getragener Katafalk.

Der Jüngling war langsamen, feierlichen Schritts hinabgestiegen und stand mit entblößtem Haupte vor dieser sterblichen Hülle des letzten Königs.

Es herrschte einen Augenblick Stillschweigen. Dann hob Athos die Hand auf und deutete mit dem Finger auf den Sarg.

Dieses unsichere Grab, sprach er, ist das eines schwachen, aller Größe ermangelnden Menschen, dessen Regierung jedoch voll ungeheurer Ereignisse war, denn über diesem König wachte der Geist eines andern Mannes, wie die Lampe hier über diesem Sarge wacht und ihn beleuchtet. Dies war der wahre König, Raoul; der andere war nur ein Phantom, in das er seine Seele legte. Und dennoch ist die monarchische Majestät so mächtig bei uns, daß dieser Mann nicht einmal die Ehre eines Grabes zu den Füßen dessen genießt, für den er sein ganzes Leben aufgebraucht hat. Denn, vergeßt nicht, Raoul, wenn dieser Mann den König klein gemacht hat, so hat er das Königtum groß gemacht; zweierlei gibt es im Louvre: den König, der stirbt, und das Königtum, das nicht stirbt. Diese Regierung ist vorüber. Raoul, es ist mir, als erblickte ich Eure Zukunft wie durch eine Wolke; sie ist, glaube ich, besser als die unsere. Während wir einen Minister ohne König hatten, werdet Ihr einen König ohne Minister haben. Ihr könnt also dem König dienen, ihn lieben und achten. Ist dieser König aber ein Tyrann, was leicht sein könnte, so dient dem Königtum, das heißt, der unfehlbaren Sache, dem Geiste Gottes auf Erden, diesem himmlischen Funken, der den Staub so groß und so heilig macht, daß wir Edelleute, wenn auch von hoher Geburt, doch vor diesem auf der obersten Stufe der Leiter weilenden Körper so wenig sind, als dieser Körper selbst vor dem Throne Gottes.

Ich werde Gott anbeten, Herr, sprach Raoul; ich werde das Königtum ehren, dem König dienen und danach trachten, daß ich, wenn ich sterbe, für den König, für das Königtum oder für Gott sterbe. Habe ich Euch wohl begriffen?

Athos lächelte und sprach: Ihr seid eine edle Natur, hier ist Euer Degen.

Raoul setzte ein Knie auf die Erde.

Er wurde von meinem Vater, einem wackern Edelmanne, getragen; ich habe ihn ebenfalls getragen und ihm zuweilen Ehre gemacht, wenn sein Griff in meiner Hand lag und seine Scheide an meiner Seite hing.

Herr, sprach Raoul, den Degen aus den Hand des Grafen empfangend, ich habe Euch alles zu verdanken, doch dieses Schwert ist das kostbarste Geschenk, das Ihr mir gemacht habt. Ich schwöre Euch, ich werde es mit dankerfülltem Herzen tragen.

Und er näherte seine Lippen dem Griff, den er ehrfurchtsvoll küßte.

Gut, sprach Athos. Steht auf, Vicomte, und umarmen wir uns.

Raoul stand auf und warf sich mit der vollen Glut seiner Gefühle Athos in die Arme.

Gott befohlen, murmelte der Graf, der sein Herz zerschmelzen fühlte, Gott befohlen und denkt an mich.

O! ewig! ewig! rief der Jüngling. O! ich schwöre Euch, Herr, wenn mir Unglück widerfährt, ist Euer Name der letzte, den ich ausspreche, die Erinnerung an Euch mein letzter Gedanke.

Athos stieg rasch wieder die Treppe hinauf, um die heftige Bewegung seines Gemütes zu verbergen, gab dem Wächter der Gräber ein Goldstück, verbeugte sich vor dem Altar und erreichte mit großen Schritten die Kirchenpforte, vor der Olivain mit den zwei andern Pferden wartete.

Olivain, sagte er, du begleitest jetzt den Herrn Vicomte, bis Grimaud Euch eingeholt hat; ist er gekommen, so verläßt du den Herrn Vicomte. Ihr versteht, Raoul, Grimaud ist ein alter Diener, voll Mut und Klugheit; Grimaud wird Euch folgen.

Ja, Herr, sprach Raoul.

Auf, zu Pferde, daß ich Euch wegreiten sehe.

Raoul gehorchte.

Gott befohlen, Raoul, Gott befohlen, mein lieber Junge!

Gott befohlen, Herr! rief Raoul, Gott befohlen, geliebter Beschützer!

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