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Zwanzig Jahre nachher. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Erster Band - Kapitel 22
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Erster Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Abbé Scarron

Es gab in der Rue des Tournelles eine Wohnung, die alle Sänftenträger und alle Lakaien von Paris kannten, und dennoch gehörte diese Wohnung weder einem vornehmen, noch einem reichen Herrn. Man speiste da nicht, man spielte nicht und man tanzte wohl auch nicht. Dennoch war es der Sammelplatz der schönen Welt, und ganz Paris begab sich dahin. Diese Wohnung war die des kleinen Scarron.

Man lachte so viel bei diesem witzigen Scarron, man gab so viele Neuigkeiten zum besten, diese Neuigkeiten waren in Märchen oder Epigramme verwandelt, daß jeder den Wunsch hatte, eine Stunde bei dem kleinen Scarron zuzubringen, zu hören, was er sagte, und was er gesagt hatte, weiterzuerzählen. Viele brannten vor Begierde, ihren Witz dort anzubringen; war er gut, so konnten sie sich auf eine freundliche Aufnahme gefaßt machen. Der kleine Abbé Scarron, dessen Abbéschaft übrigens nicht von dem Besitz einer geistlichen Pfründe oder der Zugehörigkeit zu einem geistlichen Orden herstammte, war einst einer der zierlichsten Präbendare der Stadt Mans gewesen, wo er wohnte. An einem Karnevalstage aber wollte er dieser guten Stadt, deren Seele er war, einen ganz außerordentlichen Genuß bereiten. Er ließ sich daher von seinem Bedienten mit Honig überstreichen, öffnete sodann ein Federbett, in welchem er sich umwälzte, und wurde so der groteskeste Vogel, den man sehen konnte. Dann machte er in diesem seltsamen Aufzug Besuche bei seinen Freunden und Freundinnen. Anfangs folgte man ihm mit Verwunderung, dann mit Gezisch, dann beleidigten ihn die Arbeiter auf den Straßen, dann warfen die Kinder Steine nach ihm, und endlich war er genötigt, die Flucht zu ergreifen, um den Wurfgeschossen zu entgehen. Vom Augenblick an, wo er floh, wurde er von allen Seiten verfolgt, gedrängt, beworfen. Scarron fand kein anderes Mittel, seinen Verfolgern zu entkommen, als daß er sich in den Fluß warf. Er schwamm wie ein Fisch, aber das Wasser war eisig. Scarron troff von Schweiß. Er erkältete sich, und als er das andere Ufer erreichte, war er gliederlahm.

Man versuchte ihm durch alle möglichen bekannten Mittel den Gebrauch seiner Glieder wiederzugeben; er hatte durch die Behandlung so viel auszustehen, daß er alle Ärzte fortschickte, mit der Erklärung, er wolle lieber krank sein und krank bleiben. Dann kam er nach Paris, wo sein Ruf als Mann von Geist bereits gegründet war. Hier ließ er sich einen Stuhl nach seiner eigenen Erfindung verfertigen, und als er eines Tages in diesem Stuhle der Königin Anna von Österreich einen Besuch machte, fragte ihn diese, entzückt über seinen Witz, ob er nicht irgend einen Titel wünsche?

Ja, Eure Majestät, es gibt einen, nach dem ich von ganzer Seele verlange, antwortete Scarron.

Und welcher ist dies? fragte Anna von Österreich. Der Eures Kranken, erwiderte der Abbé.

Und Scarron wurde zum Kranken der Königin mit einer Pension von 1500 Livres ernannt.

Von diesem Augenblick an führte Scarron, dem seine Zukunft keine Sorgen mehr machte, ein lustiges Leben.

Eines Tags jedoch gab ihm ein Emissär des Kardinals zu verstehen, er habe unrecht, den Herrn Koadjutor zu empfangen.

Und warum dies? fragte Scarron. Ist er nicht ein Mann von Geburt? – Allerdings. – Liebenswürdig? – Unbestreitbar. – Witzig? – Er hat leider nur zu viel Witz. – Nun wohl, versetzte Scarron, warum soll ich einen solchen Mann nicht ferner sehen? – Weil er schlecht denkt. – Wirklich? und von wem? – Vom Kardinal. – Wie! rief Scarron; ich sehe fortwährend Herrn Gilles Despréaux, und Ihr wollt, ich solle den Herrn Koadjutor nicht mehr sehen, weil er schlecht von einem andern denkt? Unmöglich!

Hiermit endigte das Gespräch, und Scarron sah aus Widerspruchsgeist Herrn von Conti nur noch öfter.

An dem Morgen aber, bei welchem wir angelangt sind, war der Verfalltag seiner vierteljährlichen Pension. Scarron schickte seiner Gewohnheit gemäß durch seinen Bedienten den Empfangschein ab, um das betreffende Geld bei der Pensionskasse einziehen zu lassen; aber man antwortete ihm: Der Staat hat kein Geld für den Herrn Abbé Scarron.

Als der Lakai Scarron diese Antwort brachte, war gerade der Herzog von Longneville bei ihm, der ihm das Doppelte der von Mazarin entzogenen Pension anbot; aber der schlaue Gliederlahme hütete sich wohl, es anzunehmen. Er machte seine Sache so gut, daß um vier Uhr nachmittags die ganze Stadt die Weigerung des Kardinals kannte. Es war gerade Donnerstag, Empfangstag bei dem Abbé. Man kam in Masse zu ihm, und in der ganzen Stadt entrüstete man sich höchlichst über diese neuste Knauserei Mazarins.

Es trifft sich gut, daß wir heute abend dahin gehen, sprach Athos zu dem Vicomte; wir machen dem armen Mann unser Kompliment.

Aber wer ist denn dieser Herr Scarron, der ganz Paris in Aufruhr bringt? fragte Raoul. Ein in Ungnade gefallener Minister?

Nein, o mein Gott, nein, Vicomte, er ist nichts als ein kleiner Edelmann von großem Geist, der wahrscheinlich bei dem Kardinal in Ungnade gefallen ist, weil er irgend eine gereimte Strophe gegen ihn geschrieben hat.

Schreiben denn Edelleute Verse? fragte Raoul naiv; ich glaubte, das verstoße gegen die Standesehre.

Ja, mein lieber Vicomte, versetzte Athos lachend, wenn man sie schlecht macht; aber wenn man sie gut macht, so adelt es noch mehr.

Herr Scarron ist also Dichter? sagte Raoul.

Ja, Vicomte. Gebt wohl acht in diesem Hause. Sprecht wenig und hört lieber zu.

Ja, Herr, antwortete Raoul.

Ihr werdet mich viel mit einem mir befreundeten Edelmann plaudern sehen: das ist der Abbé d'Herblay, von dem ich oft mit Euch sprach.

Ich erinnere mich.

Nähert Euch zuweilen, als ob Ihr mit uns sprechen wolltet, sprecht aber nicht, hört auch nicht. Es soll dies nur dazu dienen, daß uns nicht mißliebige Personen stören.

Sehr gut, ich werde Euch Punkt für Punkt gehorchen.

Athos machte noch zwei Besuche in Paris. Um sieben Uhr wandten sie sich zur Rue des Tournelles. Die Straße war beinahe versperrt durch Sänftenträger, Pferde und Bedienten. Athos bahnte sich einen Weg und trat mit Raoul ein. Die erste Person, die er beim Eintritt erblickte, war Aramis, der sich neben einem weiten, mit einem Tapetenhimmel bedeckten Rollstuhl aufhielt, unter dem sich, in eine Brokatdecke gehüllt, ein ziemlich junges, ziemlich fröhliches Gesicht bewegte, das jedoch zuweilen erbleichte, ohne daß seine Augen aufhörten, einen lebhaften, witzigen oder anmutigen Ausdruck zu zeigen. Das war der Abbé Scarron, beständig lachend, spottend, komplimentierend, leidend und sich mit einem kleinen Stäbchen kratzend.

Sobald Aramis Athos erblickte, ging er auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und stellte ihn Herrn Scarron vor, der dem neuen Gast ebensoviel Freude als Achtung bezeigte und ihm ein sehr geistreiches Kompliment über den Vicomte machte. Raoul war verblüfft von der geistvollen Art des Mannes, er verbeugte sich jedoch mit viel Anmut. Athos empfing sodann die Komplimente von mehreren adligen Herren, denen Aramis ihn vorstellte. Bald aber verlor sich das bei seinem Eintritt entstandene kleine Geräusch wieder, das Gespräch wurde allgemein und erlitt erst wieder eine Unterbrechung, als Fräulein Paulet eintrat, eine vielgerühmte Schönheit, die zu besuchen Heinrich IV. eben im Begriff war, als er ermordet wurde, und der man wegen ihrer machtvollen Stellung in der Gesellschaft den Beinamen »die Löwin« gegeben hatte.

In diesem Augenblick öffnete sich die Türe, und der Lakai kündigte den Herrn Koadjutor an.

Bei diesem Namen wandten sich alle um, denn es war ein Name, der sehr berühmt zu werden anfing. Athos machte es wie die andern. Er kannte den Abbé von Conti nur dem Namen nach.

Er sah einen kleinen, schwarzen, schlecht gewachsenen Mann eintreten, dessen Hände zu allem ungeschickt waren, außer den Degen zu führen und die Pistole zu gebrauchen. Der Ankömmling ging anfangs gerade auf den Tisch zu, den er beinahe umgeworfen hätte. Scarron wandte sich nach ihm um und kam ihm in seinem Stuhle entgegen. Fräulein Paulet begrüßte ihn von ihrem Platz aus mit der Hand.

Nun, sprach der Koadjutor, der Scarron erst erblickte, als er dicht vor ihm stand, Ihr seid also in Ungnade, Abbé?

Dies war eine Phrase, die man an diesem Abend wohl hundertmal ausgesprochen hatte, und die Scarron hundertmal zu einer geistreichen Erwiderung veranlaßt hatte. Er antwortete beim hundert und ersten Male:

Der Herr Kardinal hat die Güte gehabt, an mich zu denken. – Aber wie wollt ihr uns noch fernerhin empfangen? fuhr der Koadjutor fort. Wenn Eure Renten sinken, so werde ich genötigt sein, Euch zum Kanonikus von Notre-Dame zu ernennen. – O! nun, versetzte Scarron, ich würde Euch zu sehr kompromittieren. – Dann habt Ihr Quellen, die wir nicht kennen. – Ich entlehne von der Königin. – Aber Ihre Majestät hat selbst nichts, sprach Aramis. Lebt sie nicht unter der Verwaltung der Gemeinheit?

Der Koadjutor wandte sich um und lächelte Aramis zu, indem er ihm zugleich mit der Fingerspitze ein Freundschaftszeichen machte.

Verzeiht, mein lieber Abbe, sagte er zu ihm, Ihr seid im Rückstand, und ich muß Euch ein Geschenk machen.

Womit? fragte Aramis.

Mit einer Hutschnur.

Jedermann wandte sich nach dem Koadjutor um, der aus seiner Tasche eine seidene Schnur von sonderbarer Form zog.

Das ist eine Schleuder (fronde) sagte Scarron.

Ganz richtig erwiderte der Koadjutor, man macht gegenwärtig alles à la fronde. Fräulein Paulet, ich habe für Euch einen Fächer à la fronde. Ich überlasse Euch meinen Handschuhhändler, d'Herblay, er macht Handschuhe à la fronde; und Euch, Scarron, meinen Bäcker mit unbeschränktem Kredit, er macht vortreffliche Brote à la fronde.

Aramis nahm das Band und knüpfte es um seinen Hut.

In diesem Augenblick öffnete sich die Türe, und der Lakai rief mit lauter Stimme: Die Frau Herzogin von Chevreuse.

Beim Namen der Frau von Chevreuse erhoben sich alle Anwesenden. Scarron wandte rasch seinen Stuhl der Türe zu. Athos machte Aramis ein Zeichen, und dieser stellte sich in eine Fenstervertiefung. Während sie von allen Seiten achtungsvoll begrüßt wurde, schien sie etwas zu suchen. Endlich bemerkte sie Raoul, und ihre Augen funkelten; sie erblickte Athos und wurde nachdenklich; sie sah Aramis in seiner Fenstervertiefung und machte hinter ihrem Fächer eine kaum wahrnehmbare Bewegung des Erstaunens.

Ei, sagt, sprach sie, als wollte sie die Gedanken vertreiben, die sich ihrer unwillkürlich bemeisterten, wie geht es dem armen Voiture? Wißt Ihr es vielleicht, Scarron?

Wie, Herr Voiture ist krank? fragte einer der Umstehenden; wie ist das gekommen?

Er hat bei leidenschaftlichem Spiel vierhundert Taler verloren und hat sich dann, als er sich aufgeregt in die kalte Nachtluft begab, auf den Tod erkältet.

Steht es so schlimm mit dem lieben Voiture? fragte Aramis, halb hinter seinem Fenstervorhang verborgen.

Ach! antwortete ein Herr Menage, der in diesem Kreise eine große Rolle spielte, es steht sehr schlimm, der große Mann wird uns wahrscheinlich verlassen.

Ah bah! sprach Fräulein Paulet mit einer gewissen Bitterkeit; er sterben? Das hat keine Not! Er ist umgeben von Sultaninnen, wie ein Türke. Frau von Saintot ist herbeigelaufen und gibt ihm Fleischbrühe, die Renaudot wärmt ihm seine Tücher, und alle Welt, unsere Freundin, die Marquise von Rambouillet, nicht ausgenommen, schickt ihm Tisanen.

Ihr liebt ihn nicht, meine liebe Parthenie, sagte Scarron lachend.

O! welche Ungerechtigkeit, mein lieber Kranker! Ich hasse ihn so wenig, daß ich mit Vergnügen Messen für die Ruhe seiner Seele lesen ließe.

Nicht umsonst nennt man Euch die Löwin, meine Liebe, sagte Frau von Chevreuse, Ihr beißt scharf.

In dieser Weise mußte der kranke Dichter noch lange den Stoff für zahlreiche mehr oder minder witzige Bemerkungen liefern.

Raoul war dem Gespräch mit Spannung gefolgt, jetzt wurde aber seine ganze Aufmerksamkeit durch eine junge Person, die in Scarrons Nähe stand, gefesselt; sie war reizend, aber schwächlich und traurig, von hübschen schwarzen Haaren umrahmt, mit blauen, sammetartigen Augen.

Raoul gelobte sich, den Salon nicht zu verlassen, ohne das hübsche junge Mädchen mit den Sammetaugen gesprochen zu haben, das ihn infolge eines seltsamen Gedankenspiels, obschon keine Ähnlichkeit vorhanden war, an seine arme kleine Louise erinnerte, die er leidend im Schlosse la Balliere zurückgelassen und inmitten dieser Gesellschaft einen Augenblick vergessen hatte.

Während dieser Scene näherte sich Aramis dem Koadjutor, der ihm mit lachender Miene ein paar Worte ins Ohr sagte. Aramis konnte sich trotz seiner Selbstbeherrschung einer leichten Bewegung nicht enthalten.

Lacht doch, sagte Herr von Retz, man beobachtet uns. Und er verließ ihn, um mit Frau von Chevreuse zu plaudern, die einen großen Kreis um sich versammelt hatte.

Aramis stellte sich, als lache er, um die Aufmerksamkeit einiger neugieriger Zuhörer abzulenken, und da er bemerkte, daß Athos sich in die Vertiefung des Fensters zurückgezogen hatte, so warf er rechts und links ein paar Worte hin und ging dann wieder zu ihm, auf eine Art, wie wenn dies ohne irgend eine Absicht geschähe.

Sobald sie wieder beisammen waren, knüpften sie ein offenbar sehr inhaltreiches Gespräch an. Raoul näherte sich ihnen, wie ihm Athos aufgetragen hatte.

Der Herr Abbé gibt mir ein Ringelgedicht von Voiture zum besten, sagte Athos mit lauter Stimme, und ich finde es ganz unvergleichlich.

Raoul blieb einige Augenblicke in ihrer Nähe und gesellte sich dann zu der Gruppe der Frau von Chevreuse.

Ich meinesteils, sagte der Koadjutor, möchte mir die Freiheit nehmen, nicht ganz der Meinung des Herrn von Scudery zu sein; ich finde im Gegenteil, daß Herr von Voiture ein Dichter ist; aber ein reiner Dichter. Die politischen Gedanken fehlen ihm ganz und gar. – Also? fragte Athos. – Morgen, erwiderte Aramis hastig. – Um wieviel Uhr? – Um sechs Uhr. – Wo? – In Saint-Mandè. – Wer hat es Euch gesagt? – Der Graf von Rochefort.

Es näherte sich jemand.

Und die philosophischen Ideen? Sie fehlen diesem armen Voiture ebenfalls. Ich schließe mich der Ansicht des Herrn Koadjutors an: ein reiner Dichter.

Raoul erfuhr inzwischen von Scarron, daß das reizvolle Mädchen mit den blauen Augen ein Fräulein d'Aubigné sei und aus Martinique stamme, weshalb er sie nur die Indianerin nannte.

Ruft doch den Herrn Grafen de la Fère, sagte Frau von Chevreuse zu dem Koadjutor, ich muß ihn sprechen.

Und ich, erwiderte der Koadjutor, muß mir den Anschein geben, als spreche ich nicht mit ihm. Ich liebe und bewundere ihn, denn ich kenne seine früheren Abenteuer, wenigstens zum Teil; aber ich kann ihn nicht wohl vor übermorgen begrüßen.

Und warum übermorgen? fragte Frau von Chevreuse.

Ihr sollt es morgen abend erfahren, antwortete der Koadjutor lachend.

In der Tat, mein lieber Conti, sagte die Herzogin, Ihr sprecht wie die Apokalypse. Herr d'Herblay, fügte sie, sich nach Aramis umwendend, bei: wollt Ihr wohl heute abend noch einmal mein Diener sein? ...

Wie, Herzogin, sagte Aramis, heute abend? Morgen, immer, befehlt!

Wohl, so holt mir den Grafen de la Fère, ich will mit ihm sprechen.

Aramis näherte sich Athos und kehrte mit ihm zurück.

Mein Herr Graf, sagte die Herzogin, Athos einen Brief zustellend, hier ist das, was ich Euch versprochen habe. Unser Schützling wird eine vortreffliche Aufnahme finden.

Madame, sprach Athos, er ist sehr glücklich, daß er Euch etwas zu verdanken hat.

Ihr habt ihn in dieser Beziehung nicht zu beneiden; denn ich verdanke Euch seine Bekanntschaft, versetzte die boshafte Frau mit einem Lächeln, das Athos und Aramis an Marie Michon erinnerte.

Und bei diesen Worten stand sie auf und befahl ihren Wagen. Fräulein Paulet war bereits weggegangen, Fräulein von Scudery ging eben weg.

Vicomte, sagte Athos, sich an Raoul wendend, folgt der Frau Herzogin von Chevreuse, bittet sie um die Gnade, beim Hinabsteigen Eure Hand zu nehmen, und bedankt Euch bei ihr.

Die schöne Indianerin näherte sich Scarron, um sich von ihm zu verabschieden.

Ihr geht schon? sagte er.

Ich bin eine von den Letzten, wie Ihr seht. Wenn Ihr Nachricht von Herrn Voiture bekommt und dieselbe erfreulich ist, so habt die Güte, mir sie morgen zukommen zu lassen.

O, nun kann er sterben! rief Scarron.

Wieso? sagte das Mädchen mit den Sammetaugen.

Ganz gewiß; seine Lobrede ist gemacht.

Und man trennte sich lachend. Das junge Mädchen wandte sich, um den armen Lahmen teilnehmend anzuschauen. Der arme Lahme folgte ihr voll Liebe in den Augen.

Allmählich lichteten sich die Gruppen. Scarron stellte sich, als bemerkte er nicht, daß einige von seinen Gästen geheimnisvoll miteinander gesprochen hatten, daß Briefe für mehrere gekommen waren und daß seine Abendgesellschaft überhaupt einen geheimen Zweck gehabt zu haben schien, der sich weit von der Literatur entfernte, über die man so viel Worte gemacht hatte. Aber was lag Scarron daran? Man konnte jetzt in seinem Hause nach Gefallen schmähen und intrigieren, seit diesem Morgen war er, wie er gesagt hatte, nicht mehr der Kranke der Königin.

Raoul begleitete wirklich die Herzogin bis zu ihrem Wagen, wo sie Platz nahm, indem sie ihm ihre Hand zu küssen gab. Dann aber ergriff sie ihn in einer jener tollen Launen, die sie so anbetungswürdig und besonders so gefährlich machten, plötzlich beim Kopf, küßte ihn auf die Stirne und sprach: Vicomte, möchten Euch meine Wünsche und dieser Kuß Glück bringen.

Hierauf stieß sie ihn wieder zurück und befahl ihrem Kutscher, nach dem Hotel Luynes zu fahren. Der Wagen entfernte sich. Frau von Chevreuse machte dem jungen Manne ein letztes Zeichen durch den Schlag, und Raoul stieg ganz verblüfft wieder die Treppe hinauf.

Athos begriff, was vorgegangen war.

Kommt, Vicomte, sagte er, es ist Zeit zum Rückzüge. Ihr reist morgen zur Armee des Prinzen ab; schlaft Eure letzte bürgerliche Nacht gut.

Ich werde also Soldat, sagte der Jüngling. O Herr, Dank! Aus vollem Herzen Dank!

Adieu, Graf, sprach der Abbe d'Herblay; ich kehre in mein Kloster zurück.

Adieu, Abbé, sagte der Koadjutor; ich predige morgen und habe mich heute abend noch über zwanzig Texte zu besinnen.

Adieu, meine Herren, rief der Graf, ich werde vierundzwanzig Stunden hintereinander schlafen, denn ich sinke vor Müdigkeit beinahe um.

Die drei Männer begrüßten sich und gingen weg, nachdem sie einen letzten Blick gewechselt hatten.

Scarron sah ihnen verstohlen durch die Türvorhänge seines Salons nach.

Keiner von ihnen tut, was er sagte, murmelte er mit seinem affenartigen Lächeln; aber sie mögen es so halten, die braven Leute! Wer weiß, ob sie nicht arbeiten, daß ich meine Pension zurückbekomme? Sie können die Arme bewegen, das ist viel! Ach! ich habe nur die Zunge, aber ich werde zu beweisen suchen, daß dies auch etwas ist. Holla! Champenois; es hat elf Uhr geschlagen; rolle mich nach meinen, Bette. In der Tat, Fräulein d'Aubigné ist sehr reizend!

Hierauf verschwand der arme Lahme in seinem Schlafzimmer, dessen Türe sich hinter ihm schloß, und die Lichter erloschen allmählich im Salon der Rue des Tournelles.

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