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Zwanzig Jahre nachher. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Erster Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Grimaud tritt sein Amt an

Grimaud fand sich also im Turme von Vincennes ein. Herr von Chavigny glaubte, ein unfehlbares Auge zu haben. Er prüfte also aufmerksam den Bewerber und kam zu dem Schluß, daß die nahe zusammenlaufenden Augenbrauen, die dünnen Lippen, die hakenförmige Nase und die hervorstehenden Backenknochen vollkommen genügende Anzeichen der Befähigung zum Wächteramt seien.

Er richtete nur zwölf Worte an ihn, Grimaud antwortete vier.

Das ist ein ausgezeichneter Bursche, und so habe ich ihn auch sogleich beurteilt, sprach Herr von Chavigny. Geht zu Herrn La Ramée und sagt ihm, Ihr entsprechet mir in jeder Beziehung.

Grimaud besaß gerade die Eigenschaften, welche einen Offizier veranlassen können, ihn zum Unteroffizier zu haben. Nach tausend Fragen, die je nur zum Viertel Antwort erhielten, rieb sich La Ramée, bezaubert durch diese Mäßigkeit in Worten, die Hände und nahm Grimaud an.

Der Befehl? fragte Grimaud.

Folgendes: den Gefangenen nie allein lassen, ihm jedes stechende oder schneidende Instrument nehmen, ihn verhindern, den Leuten außen Zeichen zu machen oder zu lange mit seinen Wächtern zu sprechen.

Dies ist alles? fragte Grimaud.

Für den Augenblick ja, antwortete La Ramée. Neu eintretende Umstände führen neue Befehle herbei.

Gut, antwortete Grimaud.

Und er trat bei dem Herzog von Beaufort ein. Der Herzog war eben im Begriff, seinen Bart zu kämmen, den er, wie auch seine Haupthaare, wachsen ließ, um Mazarin mit der Schaustellung seines Elends und seines schlechten Aussehens zu ängstigen. Da er aber einige Tage vorher von der Höhe seines Turmes herab die schöne Frau von Montbazon, deren Andenken ihm immer noch teuer war, in einem Wagen zu sehen geglaubt hatte, so wollte er für sie nicht das sein, was er für Mazarin war, und verlangte einen bleiernen Kamm, der ihm auch bewilligt wurde.

Grimaud sah bei seinem Eintritt den Kamm, den der Prinz soeben auf den Tisch gelegt hatte, und nahm ihn mit einer Verbeugung weg.

Der Herzog schaute die seltsame Person staunend an, die den Kamm in ihre Tasche steckte.

Holla, he! was ist das? rief der Herzog. Wer ist dieser Bursche?

Grimaud antwortete nicht, sondern verbeugte sich zum zweiten Male.

Bist du stumm? rief der Herzog.

Grimaud machte ein verneinendes Zeichen.

Was bist du denn? Antwort! Ich befehle es dir, sagte der Herzog.

Wächter, antwortete Grimaud.

Wächter! rief der Herzog, gut, es fehlte mir nur noch dieses Galgengesicht zu meiner Sammlung. Holla! La Ramée! Herbei!

La Ramée erschien. Zum Unglück für den Prinzen wollte er sich, im Vertrauen auf Grimaud, eben nach Paris begeben. Er befand sich bereits im Hofe und kam ärgerlich zurück.

Was gibt es, mein Prinz? fragte er. – Wer ist dieser Halunke, der meinen Kamm nimmt und ihn in seine Tasche steckt? fragte Herr von Beaufort. – Einer von Euern Wächtern, Monseigneur, ein sehr wackerer Bursche, den Ihr sicherlich schätzen werdet, wie Herr von Chavigny und ich. – Warum nimmt er mir meinen Kamm? – In der Tat, sagte La Ramée, warum nehmt Ihr Monseigneurs Kamm?

Grimaud zog den Kamm aus seiner Tasche, strich mit dem Finger darüber, betrachtete und zeigte den dicken Zahn und sprach nur das einzige Wort:

Stechend! – Das ist wahr, sagte La Ramée. – Was sagt dieses Vieh? fragte der Herzog. – Es sei von dem König jedes stechende Instrument für Monseigneur verboten. – Ei, seid Ihr verrückt, La Ramée? Ihr selbst habt mir diesen Kamm gegeben. – Und ich hatte großes Unrecht, Monseigneur, denn ich setzte mich dadurch in Widerspruch mit dem Befehl.

Der Herzog schaute Grimaud, der den Kamm La Ramée übergeben hatte, wütend an.

Ich sehe voraus, daß mir dieser Bursche ungeheuer mißfallen wird, murmelte der Prinz.

Grimaud aber wollte nicht schon am ersten Tage unmittelbar mit dem Gefangenen brechen. Er entfernte sich also, um vier Wachen Platz zu machen, die, vom Frühstück zurückkommend, ihren Dienst wieder bei dem Prinzen versehen konnten.

Der Prinz dachte seinerseits an einen neuen Spaß, der ihn ganz in Anspruch nahm. Er hatte für sein Frühstück am nächsten Tage Krebse verlangt und gedachte am heutigen einen kleinen Galgen zu verfertigen, an dem er den schönsten mitten im Zimmer hängen wollte. Die rote Farbe, die ihm das Sieden geben mußte, konnte keinen Zweifel über die Anspielung übrig lassen, und so hatte er das Vergnügen, den Kardinal in effigie zu hängen, bis er einmal in Person gehenkt würde, ohne daß man ihm zum Vorwurf machen konnte, etwas anderes als einen Krebs gehenkt zu haben.

Der Tag verstrich unter den Vorbereitungen zur Hinrichtung. Der Prinz ging wie gewöhnlich spazieren, brach einige kleine Zweige ab, die dazu bestimmt waren, eine Rolle bei der Hinrichtung zu spielen, und fand nach langem Suchen ein Stück zerbrochenes Glas, was ihm das größte Vergnügen machte. In sein Zimmer zurückgekehrt, faserte er sein Sacktuch aus.

Nichts hiervon entging dem beobachtenden Auge Grimauds.

Am andern Morgen war der Galgen bereit; um ihn mitten in seinem Zimmer aufschlagen zu können, schabte Herr von Beaufort ein Ende mit seinem zerbrochenen Glase ab.

La Ramée schaute seinem Treiben mit der Neugierde eines Vaters zu, der seine Kinder mit einem neuen Spielzeug spielen sieht.

Grimaud trat ein, als der Prinz soeben sein Stück Glas niedergelegt hatte, obgleich das Zuspitzen des Galgenfußes noch nicht vollendet war; er hatte sich unterbrochen, um den Faden an das entgegengesetzte Ende des Galgens zu binden.

Als er hiermit fertig war und mit dem Glase fortfahren wollte, bemerkte er, daß dieses verschwunden war.

Wer hat mir mein Glas genommen? fragte der Prinz, die Stirne runzelnd.

Grimaud machte ein Zeichen, daß er es sei.

Wie? Du abermals! Warum hast du es mir genommen?

Ja, fragte La Ramée, warum habt Ihr Seiner Hoheit das Stück Glas genommen?

Grimaud, der das Glasstück in der Hand hielt, fuhr mit dem Finger darüber und sagte: Schneidend.

Das ist richtig, Monseigneur, sprach La Ramée. Teufel, was für einen kostbaren Gehilfen haben wir da bekommen!

Herr Grimaud, rief der Prinz, in Eurem eigenen Interesse beschwöre ich Euch, seid darauf bedacht, nie in den Bereich meiner Hand zu kommen.

Grimaud machte eine Verbeugung und zog sich ans Ende des Zimmers zurück.

Still, still, Monseigneur, sagte La Ramée, gebt mir Euren Galgen, ich will ihn mit meinem Messer zuspitzen. – Ihr? sagte der Herzog lachend. – Ja, ich; war das nicht Euer Wunsch? – Allerdings. – Schön, das wird nur noch drolliger werden, sprach der Herzog. Hier, mein lieber La Ramée.

La Ramée spitzte den Fuß des Galgens auf das niedlichste zu.

Gut, sagte der Herzog; macht mir nun ein kleines Loch in den Boden, während ich den armen Sünder hole.

La Ramée kniete mit einem Fuße nieder und höhlte den Boden aus. Während dieser Zeit hing der Prinz seinen Krebs an den Faden. Dann pflanzte er den Galgen mitten im Zimmer aus und brach in ein lautes Gelächter aus. La Ramée lachte auch aus vollem Herzen, ohne recht zu wissen, warum er lachte, und die Wachen machten Chorus.

Grimaud allein lachte nicht. Er näherte sich La Ramée, deutete auf den Krebs, der sich am Ende des Fadens drehte, und sagte: Kardinal.

Gehenkt von Sr. Hoheit, dem Herzog von Beaufort, versetzte der Prinz, immer stärker lachend, und von Meister Jacques Chrysostomo La Ramée, Gefreitem des Königs.

La Ramée stieß einen Schrei des Schreckens aus und stürzte nach dem Galgen, den er aus der Erde riß und in kleine Stücke zerbrach, die er zum Fenster hinauswarf. Er hatte so gänzlich den Kopf verloren, daß er auch den Krebs hinauswerfen wollte, als Grimaud ihm denselben aus den Händen nahm und sagte: Gut zum Essen. Und er steckte den Krebs in seine Tasche.

Aber die Geschichte von dem Krebs machte zur größten Verzweiflung La Ramées bald im Innern des Gefängnisses die Runde und durch Herrn von Chavigny, der in der Tiefe seines Herzens den Kardinal verabscheute, auch außerhalb.

Mittlerweile hatte der Herzog unter seinen Wachen einen Mann von ziemlich gutem Aussehen bemerkt, den er um so freundlicher behandelte, als ihm Grimaud jeden Augenblick mehr mißfiel. Eines Morgens, als er diesen Mann beiseite genommen hatte und mit ihm einige Zeit allein sprach, trat Grimaud ein, betrachtete, was vorging, näherte sich ehrfurchtsvoll der Wache und dem Prinzen und nahm die Wache beim Arme.

Was wollt Ihr? fragte der Prinz mit hartem Tone.

Grimaud führte die Wache einige Schritte weg, deutete auf die Türe und sagte: Geht. Die Wache gehorchte.

Ihr seid mir ganz unerträglich! rief der Prinz. Grimaud verbeugte sich ehrfurchtsvoll.

Ich breche Euch die Knochen entzwei, schrie der Prinz in Verzweiflung. Grimaud verbeugte sich und wich zurück.

Herr Spion, fuhr der Herzog fort, ich erdroßle Euch mit meinen Händen. Grimaud verbeugte sich abermals und wich immer mehr zurück.

Und zwar, versetzte der Prinz, der es für das beste hielt, sogleich ein Ende zu machen, sofort, in diesem Augenblick.

Und er streckte seine krampfhaft geballten Hände gegen Grimaud aus, der nun die Wache hinausstieß und die Türe hinter ihr schloß. In diesem Augenblick fühlte er, wie die Hände des Prinzen sich auf seine eisernen Schultern herabsenkten. Aber statt zu rufen oder sich zu verteidigen, beschränkte er sich darauf, langsam seinen Zeigefinger in die Höhe seiner Lippen zu führen und mit dem freundlichsten Lächeln leise das Wort: Stille! zu sagen.

Ein Lächeln, eine Gebärde und ein Wort von Grimaud war etwas so Seltenes, daß Seine Hoheit plötzlich, voll Staunen inne hielt.

Grimaud benutzte diesen Augenblick, um aus dem Futter seines Wamses ein zierliches Briefchen mit aristokratischem Siegel hervorzuziehen, dem sein langer Aufenthalt in Grimauds Kleidern seinen früheren Wohlgeruch nicht hatte benehmen können, und reichte es dem Herzog, ohne ein Wort zu sprechen.

Immer mehr erstaunt, ließ der Herzog Grimaud los, nahm den Brief und rief, die Handschrift erkennend: Von Frau von Montbazon! Grimaud machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe.

Der Herzog zerriß rasch den Umschlag, fuhr mit der Hand über die Augen und las:

Mein lieber Herzog!

Ihr könnt Euch vollkommen dem braven Burschen anvertrauen, der Euch dieses Billett zustellt, denn er ist der Bediente eines Edelmannes, der zu uns gehört und für ihn als einen durch zwanzigjährige Treue erprobten Mann bürgt. Er hat sich dazu verstanden, in den Dienst Eures Gefreiten zu treten und sich mit Euch in Vincennes einzuschließen, um Eure Flucht, die wir planen, vorzubereiten und zu unterstützen.

Der Augenblick der Befreiung ist nahe; faßt Geduld und Mut und bedenkt, daß trotz Zeit und Abwesenheit alle Eure Freunde die Gefühle bewahrt haben, die sie für Euch hegten.

Euere stets und immer wohlgeneigte
Marie von Montbazon.

Der Herzog blieb einen Augenblick wie betäubt. Was er seit fünf Jahren suchte, ohne es zu finden, einen Diener, einen Beistand, einen Freund, das fiel ihm plötzlich vom Himmel zu und zwar in einem Augenblick, wo er es am wenigsten erwartete. Er schaute Grimaud erstaunt an, nahm dann den Brief wieder vor und las ihn noch einmal von Anfang bis zu Ende.

Oh! teure Marie, murmelte er dann, sie ist es also gewesen, die ich im Hintergrunde ihres Wagens wahrgenommen habe. Wie, sie denkt noch an mich nach einer Trennung von fünf Jahren! Bei Gott, das ist eine himmlische Beständigkeit.

Dann fügte er, sich gegen Grimaud umwendend, bei:

Und du, mein braver Junge, du willst uns also helfen? – Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. – Du bist nur deshalb hierhergekommen? – Grimaud wiederholte sein Zeichen. – Und ich wollte dich erdrosseln! rief der Herzog. – Grimaud lächelte. – Doch halt, sprach der Herzog und suchte in seinen Taschen. – Warte, fuhr er dann, seinen fruchtlosen Versuch erneuernd, fort, man soll nicht sagen, eine solche Aufopferung für einen Enkel Heinrichs IV. bleibe unbelohnt.

Als Grimaud die Enttäuschung und den Ärger des Herzogs bemerkte, zog er aus seiner Tasche eine Börse voll Gold, überreichte sie ihm und sagte: Das ist es, was Ihr sucht.

Der Herzog öffnete die Börse und wollte sie in Grimauds Hände leeren, Grimaud aber schüttelte den Kopf und sprach zurückweichend: Ich danke, Monseigneur, ich bin bezahlt.

Der Herzog fiel aus einem Erstaunen ins andere. Er reichte ihm die Hand; Grimaud näherte sich und küßte sie ehrfurchtsvoll. Athos' vornehme Manieren waren eine Schule für Grimaud gewesen.

Und nun, fragte der Herzog, was werden wir tun?

Es ist elf Uhr, versetzte Grimaud. Um zwei Uhr verlange Monseigneur eine Partie Ball mit La Ramée zu spielen und schleudere zwei bis drei Bälle über den Wall.

Wohl, und dann?

Dann ... wird sich Monseigneur der Mauer nähern und einem Manne, der im Graben arbeitet, zurufen, er solle sie ihm zurückwerfen.

Ich begreife, sagte der Herzog.

Grimauds Gesicht schien eine lebhafte Befriedigung auszudrücken; bei dem geringen Gebrauch, den er von der Gewohnheit der Sprache machte, wurde ihm das Reden schwer, doch bat er noch den Herzog, ihn weiter so verächtlich zu behandeln wie zuvor.

Da klopfte man an die Türe.

Der Herzog steckte den Brief und die Börse in die Tasche und warf sich auf sein Bett. Man wußte, daß dies seine Zuflucht in seinen großen Augenblicken des Ärgers und der Langweile war. Grimaud öffnete; es war La Ramée, der vom Kardinal zurückkehrte, wo die von uns erzählte Scene vorgefallen war.

La Ramée warf einen forschenden Blick um sich her, und als er immer noch dieselben Symptome des Widerwillens zwischen dem Gefangenen und seinem Wächter wahrnahm, lächelte er voll innerer Zufriedenheit und sagte zu Grimaud:

Gut, mein Freund, gut; man hat geeigneten Orts von Euch gesprochen, und ich hoffe, Ihr sollt bald eine Neuigkeit erfahren, die Euch nicht unangenehm sein wird.

Grimaud grüßte mit einer Miene, die er freundlich zu machen suchte, und entfernte sich.

Nun, Monseigneur, sprach La Ramée mit seinem plumpen Lachen, Ihr schmollt immer noch mit diesem armen Burschen?

Ah! Ihr seid es, La Ramse, sagte der Herzog; meiner Treu, es war Zeit, daß Ihr kamet. Ich hatte mich auf mein Bett geworfen und die Nase der Wand zugedreht, um der Versuchung nicht nachzugeben, mein Wort zu halten und diesen Schurken Grimaud zu erdrosseln. – Ich zweifle, erwiderte La Ramée, daß der mundfaule Bursche Eurer Hoheit etwas Unangenehmes gesagt hat. – Bei Gott, ich glaube wohl; ein Stummer aus dem Orient. Ich schwöre Euch, es war Zeit, daß Ihr zurückkamet, La Ramée, und es drängte mich. Euch wiederzusehen. – Monseigneur ist zu gütig, versetzte La Ramée, von dem Komplimente geschmeichelt. – Ja, fuhr der Herzog fort, in der Tat, ich fühle mich heute von einer Ungeschicklichkeit, die Euch Vergnügen gewähren wird. – Wir machen also eine Partie Ball? sagte La Ramée mechanisch; nur bitte ich Eure Hoheit um Vergebung, ich bedarf einer halben Stunde Frist. – Und warum dies? – Weil Monseigneur Mazarin, von dem ich komme, obgleich nicht von so hoher Geburt, doch viel stolzer ist, als Ihr, und mich zum Frühstück einzuladen vergessen hat. – Nun wohl, so will ich Dir ein Frühstück hierher bringen lassen. – Nein, Monseigneur, ich muß Euch sagen, daß der Pastetenbäcker, der dem Schlosse gegenüber wohnte, und den man den Vater Marteau nannte ... – Nun? – Vor acht Tagen sein Besitztum an einen Pastetenbäcker von Paris verkauft hat, dem die Ärzte, wie es scheint, die Landluft anrieten. – Was geht das mich an? – Wartet doch, Monseigneur. Dieser verdammte Pastetenbäcker hat vor seiner Bude eine Masse von Dingen, die einem den Mund wässerig machen. – Leckermaul! – Ei, mein Gott, Monseigneur, versetzte La Ramée, man ist doch kein Leckermaul, wenn man gern gut ißt. Es liegt in der Natur des Menschen, daß er in Pasteten, wie in allen andern Dingen möglichst Vollkommenes sucht. Dieser Spitzbube von einem Pastetenbäcker, Monseigneur, kam nun, als er mich vor seiner Bude still stehen sah, dummdreist auf mich zu und sagte mir: Herr La Ramée, ich muß die Kundschaft der Gefangenen bekommen. Ich habe dieses Etablissement von meinem Vorgänger gekauft, weil er mir die Versicherung gab, er liefere für das Schloß, und auf meine Ehre, Herr von Chavigny hat seit den acht Tagen, die ich hier bin, noch kein Törtchen bei mir holen lassen. – Dies ist ohne Zweifel der Fall, antwortete ich ihm, weil Herr von Chavigny befürchtet. Euer Gebäck sei nicht gut. – Nicht gut, mein Gebäck! Nun wohl, Herr La Ramée, Ihr sollt selbst Richter sein, und zwar auf der Stelle! – Ich kann nicht, antwortete ich, denn ich muß sogleich ins Schloß zurückkehren. – Nun wohl, sagte er, so macht Eure Geschäfte ab, da Ihr Eile zu haben scheint, und kommt in einer halben Stunde wieder. – In einer halben Stunde? – Ja. Habt Ihr gefrühstückt? – Meiner Treu, nein! – Seht, hier ist eine Pastete, die Euch mit einer Flasche Burgunder erwartet. – Und Ihr begreift, Monseigneur, da ich noch ganz nüchtern bin, so möchte ich mit Erlaubnis Ew. Hoheit ...

Und La Ramée verbeugte sich.

Geh also, Vieh, sprach der Herzog, aber merke dir wohl, ich gebe dir nur eine halbe Stunde. – Darf ich dem Nachfolger von Vater Marteau Eure Kundschaft versprechen? – Ja, vorausgesetzt, daß er mir keine giftigen Schwämme in seine Pasteten tut.

La Ramse entfernte sich in größter Eile.

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