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Zwanzig Jahre nachher. Erster Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Erster Band - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Erster Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Herr von Beaufort

Was hatte sich inzwischen in Paris ereignet und d'Artagnans Rückkehr dorthin notwendig gemacht?

Als Mazarin seiner Gewohnheit gemäß eines Abends, als alle Welt sich entfernt hatte, zu der Königin ging und am Saale der Wachen vorüberkam, dessen eine Türe nach dem Vorzimmer ging, hörte er drinnen laut sprechen; er wollte wissen, worüber die Soldaten sich unterhielten, näherte sich, ebenfalls seiner Gewohnheit gemäß, mit Wolfstritten, stieß die Türe etwas auf und steckte durch die Öffnung den Kopf hinein.

Es war ein Streit unter den Wachen über die Erfüllung einer Vorhersagung Coysels, über deren Inhalt der neugierige Kardinal erst Auskunft erhielt, als einer sagte:

Ei, mein Gott, glaubt Ihr, die Menschen können ihrem Geschicke entgehen? Wenn es da oben geschrieben steht, daß Herr von Beaufort sich flüchten soll, so wird er sich flüchten, und alle Vorsichtsmaßregeln des Kardinals können es nicht verhindern.

Mazarin bebte. Er war Italiener, das heißt, abergläubisch. Rasch trat er mitten unter die Wachen, die bei seinem Anblick ihr Gespräch abbrachen.

Was sagtet Ihr, meine Herren? sprach er mit seinem schmeichelnden Lächeln. Ich glaubte zu hören, Herr von Beaufort sei entwichen.

O! nein, Monseigneur, sprach ein Soldat, für den Augenblick ist noch keine Gefahr. Man sagt nur, er werde entweichen.

Und wer sagt dies?

Wiederholt Eure Geschichte, Saint-Laurent, sagte der Gefragte, sich zu dem früheren Erzähler wendend.

Monseigneur, sprach dieser, ich erzählte nur diesen Herren, was ich von der Weissagung eines gewissen Coysel gehört habe, der behauptet, so gut auch Herr von Beaufort bewacht sei, so werde er doch vor Pfingsten entkommen.

Und dieser Coysel ist ein Träumer? ein Narr? versetzte der Kardinal, beständig lächelnd.

Nein, antwortete der Mann. Er weissagte viele Dinge, die geschehen sind, z. B., die Königin werde einen Sohn gebären, Coligny in einem Duell mit dem Herzog von Guise getötet, der Koadjutor zum Kardinal ernannt werden. Die Königin gebar nicht nur einen ersten Sohn, sondern auch zwei Jahre später einen zweiten, und Herr von Coligny wurde getötet.

Ja, sagte Mazarin, aber der Herr Koadjutor ist noch nicht Kardinal.

Nein, Monseigneur, aber er wird es werden.

Mazarin machte eine Grimasse, welche sagen wollte: er hat das Barett noch nicht. Dann fügte er bei:

Es ist also Eure Meinung, mein Freund, Herr von Beaufort werde sich flüchten?

Ich glaube dies so fest, Monseigneur, sprach der Soldat, daß ich, wenn Ew. Eminenz mir zu dieser Stunde die Stelle des Herrn von Chavigny, das heißt, die Gouverneursstelle vom Schloß Vincennens anböte, dieselbe nicht annehmen würde. Ja, am Tage nach Pfingsten wäre es etwas anderes.

Es gibt nichts Überzeugenderes, als eine feste Überzeugung. Mazarin entfernte sich also ganz in Gedanken versunken.

Statt seinen Weg nach dem Zimmer der Königin fortzusetzen, kehrte er wirklich nach seinem Zimmer zurück, rief Bernouin und gab Befehl, man solle ihm am andern Morgen bei Tagesanbruch den Gefreiten holen, den er Herrn von Beaufort beigegeben habe, und ihn wecken, sobald er kommen würde.

Der Soldat hatte die schmerzlichste Wunde des Kardinals mit dem Finger berührt. Seit den fünf Jahren, die Herr von Beaufort im Gefängnisse saß, verging kein Tag, an dem Mazarin nicht dachte, Herr von Beaufort werde früher oder später entkommen. Man konnte einen Enkel Heinrichs IV. nicht sein ganzes Leben lang gefangen halten, besonders wenn dieser Enkel Heinrichs IV. kaum dreißig Jahre alt war. Und welchen Haß mußte er nicht in seiner Gefangenschaft gegen den angehäuft haben, dem er sie zu danken hatte, ... der ihn, den reichen, tapfern, berühmten Prinzen, den Liebling der Damen und den Schrecken der Männer, festgenommen hatte, um von seinem Leben die schönsten Jahre abzuschneiden, denn im Gefängnis leben ist kein Dasein. Mittlerweile verdoppelte Mazarin seine Wachsamkeit gegen Herrn von Beaufort, nur glich er dem Geizigen in der Fabel, der neben seinem Schatze nicht schlafen konnte. Oft erwachte er plötzlich in der Nacht bei dem Traum, man habe ihm Herrn von Beaufort gestohlen. Dann erkundigte er sich nach ihm, und bei jeder Erkundigung, die er einzog, mußte er zu seinem Schmerz erfahren, der Gefangene spiele, trinke, singe und befinde sich ganz vortrefflich. Aber mitten im Spielen, Trinken und Singen unterbreche er sich immer wieder, um zu schwören, Mazarin solle ihm das Vergnügen, das er ihn in Vincennes zu genießen nötige, teuer bezahlen.

Als man ihn am nächsten Morgen um 7 Uhr weckte, fuhr er erschreckt auf und fragte, ob Herr von Beaufort ausgebrochen sei. Nein, antwortete ihm Bernouin, aber sein Wächter La Ramée aus Vincennes, den Ihr herbefohlen habt, ist da.

Der Offizier trat auf Mazarins Wink ein. Es war ein großer, dicker, pausbäckiger Mann von gutem Aussehen. Er hatte eine zuversichtliche Miene, die Mazarin beunruhigte.

Dieser Bursche sieht aus wie ein Dummkopf, murmelte er.

La Ramée blieb aufrecht und still an der Türe stehen.

Nähert Euch, mein Herr, sagte Mazarin. Wißt Ihr, was man hier sagt?

Nein, Monseigneur.

Nun wohl, man sagt, Herr von Beaufort werde aus Vincennes entweichen, wenn er es nicht bereits getan hat.

Das Gesicht des Offiziers drückte das tiefste Erstaunen aus. Er öffnete zugleich seine kleinen Augen und seinen großen Mund, um den Scherz besser zu kosten, den Se. Eminenz an ihn zu richten beliebte. Da er bei einer solchen Voraussetzung den Ernst nicht länger behaupten konnte, so brach er in ein so mächtiges Gelächter aus, daß seine dicken Glieder wie von einem heftigen Fieber bei dieser Heiterkeit geschüttelt wurden.

Mazarin war entzückt über diesen nicht sehr respektvollen Ausbruch; aber er behielt dessenungeachtet seine ernste Miene bei. Als La Ramée genug gelacht und sich die Augen abgetrocknet hatte, dachte er, es sei Zeit zu sprechen, um die Unschicklichkeit seines Lachens zu entschuldigen.

Entweichen, sprach er, entweichen? Ew. Eminenz weiß also nicht, wo Herr von Beaufort ist? – Allerdings, mein Herr, ich weiß, daß er im Kerker von Vincennes ist. – Ja, Monseigneur, in einem Zimmer, dessen Mauern sieben Fuß tief sind, mit Fenstern mit gekreuzten Gittern, an denen jede Stange armsdick ist. – Mein Herr, sagte Mazarin, mit Geduld dringt man durch alle Mauern, und mit einer Uhrfeile durchsägt man eine eiserne Stange. – Aber Monseigneur weiß nicht, daß er acht Wachen bei sich hat, vier in seinem Vorzimmer und vier in seinem Zimmer, und daß diese Wachen ihn nie verlassen. – Aber er verläßt sein Zimmer, treibt das Kolbenspiel oder das Ballspiel. – Monseigneur, solche Unterhaltungen sind den Gefangenen gestattet; wenn jedoch Seine Eminenz will, so wird man ihm dieselben entziehen. – Nein, nein. Ich frage nur, mit wem er spielt? – Monseigneur, er spielt mit dem Offizier von der Wache, oder mit mir, oder auch mit den andern Gefangenen. – Aber nähert er sich beim Spiele nicht den Mauern? – Monseigneur, Ew. Eminenz kennt die Mauern nicht? Die Mauern sind sechzig Fuß hoch, und ich bezweifle, daß Herr von Beaufort so lebensmüde ist, daß er es wagen würde, von oben herabzuspringen und den Hals zu brechen. – Hm, sagte der Kardinal, der nun ruhiger zu werden anfing, Ihr meint also, mein lieber La Ramée ... – Wenn Herr von Beaufort nicht Mittel findet, sich in ein Vögelchen zu verwandeln, so stehe ich für ihn. – Nehmt Euch in acht, Ihr behauptet zu viel, versetzte Mazarin. Herr von Beaufort sagte zu den Wachen, welche ihn nach Vincennes führten, er habe oft an den Fall einer Einkerkerung gedacht und habe für diesen Fall vierzigerlei Arten gefunden, aus dem Gefängnis zu entkommen. – Monseigneur, wenn unter den vierzig Arten eine einzige gute wäre, antwortete La Ramée, glaubt mir, so wäre er längst heraus. – Aber, wenn sich Herr von Chavigny entfernt? – Wenn er sich entfernt, bin ich da. – Aber wenn Ihr Euch selbst entfernt? – O, wenn ich mich selbst entferne, so ist an meiner Stelle ein kluger Bursche da, der Gefreiter Seiner Majestät zu werden trachtet und gute Wache hält, dafür stehe ich. Seit ich ihn vor drei Wochen in meinen Dienst genommen habe, kann ich ihm nur zum Vorwurf machen, daß er zu hart gegen den Prinzen ist. – Und wer ist dieser Cerberus? fragte der Kardinal. – Ein gewisser Grimaud, Monseigneur. – Was machte er, ehe er zu Euch nach Vincennes kam? – Er war in der Provinz, wie mir der sagte, der mir ihn empfohlen hat. Er hat sich dort wegen eines bösen Streites irgend eine schlimme Geschichte zugezogen, und es wäre ihm vielleicht erwünscht, sich Straflosigkeit unter der Uniform des Königs zu erwerben. – Und wer hat ihn Euch empfohlen? – Der Intendant des Herrn Herzogs von Grammont. – Man kann also Eurer Meinung nach auf ihn vertrauen? – Wie auf mich selbst, Monseigneur. – Er ist kein Schwätzer? – Jesus Christus, Monseigneur, ich glaubte lange, er sei stumm. Er spricht und antwortet nur durch Zeichen. Es scheint, sein früherer Herr hat ihn so abgerichtet. – Nun wohl, sagt ihm, mein lieber La Ramée, versetzte der Kardinal, wenn er gut und getreulich Wache halte, so werde man die Augen über seinen Streichen in der Provinz schließen, ihm eine Uniform aus den Rücken legen, um ihm Achtung zu verschaffen, und in die Taschen dieser Uniform einige Pistolen stecken, daß er auf die Gesundheit des Königs trinken könne.

Mazarin ging sehr weit in Versprechungen. Er war das gerade Gegenteil des von La Ramée gerühmten guten Grimaud, der wenig sprach und viel handelte.

Nach vielen weiteren Fragen entließ der Kardinal, einigermaßen beruhigt, den Offizier, kleidete sich an und eilte zur Königin, um ihr, die nicht minder abergläubisch war, haarklein den Bericht La Ramées zu wiederholen.

Ach! sagte die Königin, als er zu Ende war, daß wir nicht bei dem Prinzen einen Grimaud haben!

Geduld, sprach Mazarin mit seinem italienischen Lächeln; das wird vielleicht eines Tages kommen, aber mittlerweile ...

Nun mittlerweile?

Werde ich immerhin meine Vorsichtsmaßregeln nehmen.

Und daraufhin hatte er d'Artagnan geschrieben, er möge seine Rückkehr beschleunigen.

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