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Zwanzig Jahre nachher. Dritter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Dritter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Dritter Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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London

.

Als der Klang der Pferdehufe sich in der Ferne verloren hatte, stieg d'Artagnan wieder an den Rand des Flüßchens hinauf und ritt über die Ebene, wobei er so gut als möglich die Richtung nach London ins Auge zu fassen suchte. Die drei Freunde folgten ihm schweigend, bis sie, nachdem sie einen großen Halbkreis beschrieben, das Städtchen weit hinter sich gelassen hatten.

Diesmal, sagte d'Artagnan, als er glaubte, sie seien weit genug, um vom Galopp in den Trab übergehen zu können, diesmal glaube ich, daß entschieden alles verloren ist, und daß wir nichts Besseres tun können, als uns nach Frankreich zu wenden. Was sagt Ihr zu dem Vorschlage, Athos? Findet Ihr ihn nicht vernünftig?

Ja, teurer Freund, erwiderte Athos, aber Ihr habt einst ein edleres, vernünftigeres Wort ausgesprochen, Ihr sagtet: Wir werden hier sterben. Ich erinnere Euch an dieses Wort. Wir müssen diesem großen Trauerspiel bis zum Schluß beiwohnen und werden, was auch kommen mag, vor seiner gänzlichen Entwicklung England nicht verlassen. Denkt Ihr wie ich, Aramis?

In jeder Beziehung, Graf; dann gestehe ich Euch auch, es wäre mir nicht unangenehm, Mordaunt wiederzufinden; es scheint mir, wir haben eine Rechnung mit ihm in Ordnung zu bringen, und es ist nicht unsere Gewohnheit, ein Land zu verlassen, ohne solche Schulden zu bezahlen.

Ja, das ist etwas anderes, sprach d'Artagnan, dieser Grund leuchtet mir ganz ein. Ich bekenne, daß ich, um den fraglichen Mordaunt wiederzufinden, wenn es sein muß, ein ganzes Jahr in London bleibe. Nur müssen wir uns bei einem sichern Mann und so einquartieren, daß kein Verdacht dadurch erregt wird, denn Cromwell muß uns zu dieser Stunde suchen lassen, und soviel ich zu beurteilen vermag, spaßt Cromwell nicht. Athos, kennt Ihr in der ganzen Stadt eine Herberge, wo man weiße Leintücher, vernünftig gekochtes Roastbeef und Wein findet, der nicht von Hopfen oder Wachholder bereitet ist?

Ich glaube, erwiderte Athos. Lord Winter hat uns zu einem Manne geführt, von dem er sagte, er sei ein ehemaliger Spanier und nur durch die Guineen seiner Landsleute naturalisierter Engländer.

Der Gedanke scheint gut, antwortete d'Artagnan. Aber wir dürfen eine Vorsichtsmaßregel nicht vergessen, nämlich unsere Kleider zu wechseln. Unsere Röcke haben einen Schnitt und eine Farbe, daß man uns von weitem als Franzosen erkennt. Ich will mir einen kastanienbraunen Rock kaufen, denn ich habe gesehen, daß alle diese Dummköpfe von Puritanern diese Farbe wahnsinnig lieben.

Aber werdet Ihr Euern Mann wiederfinden, Athos? fragte Aramis.

Oh! gewiß, er wohnte Green-Hall-Street, Bedfords Taverne.

Die Freunde gaben ihren Pferden von neuem die Sporen und kamen gegen fünf Uhr morgens nach London. Bei dem Tor hielt man sie an, und Athos antwortete in vortrefflichem Englisch, sie seien vom Oberst Harrison abgeschickt, um seinen Kollegen, Herrn Pridge, von der nahe bevorstehenden Ankunft des Königs zu benachrichtigen. Er gab auf weitere Fragen nach der Gefangennehmung des Königs die Umstände so genau und so bestimmt an, daß die Torwächter nicht den geringsten Verdacht hegten.

Athos ritt gerade auf Bedfords Taverne zu und gab sich dem Wirt zu erkennen, der so sehr erfreut war, ihn in zahlreicher und seiner Gesellschaft wiederzusehen, daß er sogleich seine besten Zimmer in Bereitschaft setzen ließ.

Obgleich es noch nicht Tag war, so hatten die vier Freunde doch die ganze Stadt in größter Bewegung gefunden. Das Gerücht, daß sich der König, vom Obersten Harrison geleitet, der Hauptstadt nähere, hatte sich schon am Abend verbreitet, und viele waren noch nicht zu Bette gegangen, aus Furcht, der Stuart, wie sie ihn nannten, möchte bei Nacht ankommen, und sie könnten seinen Einzug verfehlen.

D'Artagnans Vorschlag gemäß ließen die vier Franzosen vom Wirt alle möglichen Kleider herbeischaffen. Athos wählte ein schwarzes Kleid, das ihm das Aussehen eines ehrbaren Bürgers verlieh; Aramis, der sich nicht vom Schwerte trennen wollte, nahm ein dunkelgrünes Kleid von militärischem Schnitt; Porthos ließ sich durch ein rotes Wams und grüne Hosen verführen; d'Artagnan stellte unter dem kastanienbraunen Rock, den er sich aussuchte, ziemlich treffend einen Zuckerhändler vor, der sich vom Geschäfte zurückgezogen.

Grimaud und Mousqueton trugen keine Livree mehr und waren auf diese Art völlig verkleidet. Grimaud zeigte den ruhigen, steifen Typus des umsichtigen, Mousqueton den des dickbäuchigen, aufgedunsenen, trägen Engländers.

Trotz des lebhaften Sträubens von Aramis setzte d'Artagnan bei seinen Freunden durch, daß sie sich, um Puritanern noch ähnlicher zu werden, ihre Haare kurz schnitten.

Nun, da wir uns selbst nicht mehr erkennen, sprach Athos, und folglich nicht fürchten müssen, von andern erkannt zu werden, wollen wir den König einziehen sehen; ist er die ganze Nacht marschiert, so muß er unfern von London sein.

Die vier Freunde hatten sich noch nicht zwei Stunden unter die Menge gemischt, als ein gewaltiges Geschrei und eine große Bewegung die Ankunft des Königs verkündigten. Man hatte ihm einen Wagen entgegengeschickt, und der riesige Porthos, der alle Köpfe überragte, kündigte an, er sehe die königliche Karosse kommen; d'Artagnan erhob sich aus den Fußspitzen, während Athos und Aramis horchten, um die öffentliche Stimmung zu erforschen. Man erblickte Harrison an einem Kutschenschlag und Mordaunt am andern.

Das Volk ergoß sich in tausenderlei Verwünschungen gegen den König, so daß Athos voll Verzweiflung zurückkehrte.

Mein Lieber, sagte d'Artagnan zu ihm, Eure Beharrlichkeit ist vergeblich, ich schwöre Euch, die Lage der Dinge ist sehr schlimm. Ich meinerseits halte nur Euretwegen und in dem Gedanken bei der Sache aus, es wäre gar zu lustig, allen diesen Brüllern ihre Beute zu entreißen und eine Nase zu drehen. Ich werde mir die Sache überlegen.

Schon am andern Morgen hörte Athos, am Fenster stehend, den Parlamentsbeschluß ausrufen, der den Exkönig Karl I. wegen Verrats und Mißbrauchs der Gewalt vor die Schranken zog.

D'Artagnan war in seiner Nähe, Aramis betrachtete eine Karte, Porthos wurde von den letzten Leckerbissen eines saftigen Frühstücks in Anspruch genommen.

Das Parlament! rief Athos, das Parlament kann unmöglich einen solchen Beschluß gefaßt haben, und wenn sie es je wagen sollten, ihren König zu verurteilen, so werden sie ihn höchstens zur Verbannung oder zum Gefängnis verurteilen.

D'Artagnan machte ein sehr ungläubiges Gesicht.

Wir werden es wohl sehen, sprach Athos, denn ich denke, wir gehen in die Sitzungen. – Ihr habt nicht lange zu warten, versetzte der Wirt, der hinzugetreten war, sie beginnen morgen. – Ah! rief Athos, der Prozeß wurde also vorbereitet, ehe der König gefangen war? – Allerdings, man fing an dem Tage an, wo man ihn erkauft hatte. – Ihr wißt, sagte Aramis, daß unser Freund Mordaunt, wenn auch nicht den Vertrag abgeschlossen, doch wenigstens die ersten Unterhandlungen in dieser Angelegenheit eröffnet hat. – Ihr wißt, sprach d'Artagnan, daß ich diesen Herrn Mordaunt töte, wo er mir in die Hände fällt. – Pfui! rief Athos, einen so elenden Menschen. – Gerade weil er ein Elender ist, töte ich ihn, entgegnete d'Artagnan. Ah, lieber Freund, ich füge mich genugsam Eurem Willen, daß Ihr etwas nachsichtig gegen den meinigen sein müßt. Übrigens erkläre ich diesmal, mag es Euch gefallen oder nicht, daß er nur von mir getötet werden soll. – Und von mir, sagte Porthos. – Und von mir, versetzte Aramis. – Rührende Einhelligkeit, rief d'Artagnan, wie es sich für gute Bürger unserer Art geziemt. Laßt uns einen Gang durch die Stadt machen; Mordaunt wird uns selbst aus drei Schritte bei diesem Nebel nicht erkennen. Laßt uns ein wenig Nebel trinken. – Ja, sprach Porthos, das ist eine Abwechslung nach dem Bier.

Und die vier Freunde gingen wirklich aus, um, wie man gewöhnlich sagt, Luft zu schöpfen.

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