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Zwanzig Jahre nachher. Dritter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Dritter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Dritter Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nach Frankreich

Nach der furchtbaren Scene, die wir soeben erzählt haben, herrschte lange Zeit tiefe Stille in der Barke. Der Mond, der sich einen Augenblick gezeigt hatte, verschwand hinter den Wolken; alles versank wieder in gräßliche Dunkelheit, und man hörte nichts mehr, als das Pfeifen des Westwindes über der Oberfläche der Wellen.

Porthos brach das Schweigen zuerst.

Ich habe viele Dinge gesehen, sagte er, aber nichts hat mich so sehr bewegt, als das, was ich soeben mit anschaute. So sehr ich aber auch ergriffen worden bin, so erkläre ich euch doch, daß ich mich unendlich glücklich fühle. Es ist eine Zentnerlast von meiner Brust gefallen, und ich atme endlich frei, denn nun ist er mausetot.

Porthos atmete wirklich mit einem Geräusch, das dem gewaltigen Spiele seiner Lungen alle Ehre machte.

Singt nicht so rasch Viktoria, Porthos, sagte d'Artagnan, denn nie waren wir größerer Gefahr preisgegeben. Ein Mensch wird mit einem andern Menschen fertig, aber nicht mit einem Element. Wir sind aber mitten auf der See, mitten in der Nacht, ohne Führer, in einem gebrechlichen Fahrzeug; wirft ein Windstoß unsere Barke um, so sind wir verloren.

Mousqueton stieß einen tiefen Seufzer aus.

Ihr seid undankbar, d'Artagnan, sagte Athos; ja undankbar, daß Ihr an der Vorsehung in dem Augenblick zweifelt, wo sie uns alle auf eine so wunderbare Weise gerettet hat. Glaubt Ihr, sie habe uns an ihrer Hand durch so viel Gefahren geleitet, um uns sodann zu verlassen? Nein, wir sind mit einem Westwind abgefahren, und dieser weht immer noch.

Athos orientierte sich nach dem Polarstern.

Dort ist der Himmelswagen, sagte er weiter, und folglich ist Frankreich da. Überlassen wir uns dem Wind, der uns, wenn er sich nicht ändert, nach der Küste von Calais oder Boulogne treibt. Schlägt die Barke um, so sind wir fünf zusammen so gute Schwimmer, daß wir sie umkehren oder, wenn dies unsere Kräfte übersteigt, uns an sie anhängen können. Wir befinden uns auf dem Weg aller Schiffe, die von Dover nach Calais und von Portsmouth nach Boulogne gehen. Wir werden zweifellos am Tage eine Schifferbarke finden, die uns aufnimmt.

Finden wir aber keine und der Wind dreht sich nach Norden?

Dann wäre es etwas anderes, sagte Athos, wir würden nur auf der andern Seite des Atlantischen Meeres Land finden.

Das heißt, wir würden verhungern, sprach Aramis.

Das ist mehr als wahrscheinlich, versetzte der Graf de la Fère.

Mousqueton stieß einen zweiten Seufzer aus, der noch schmerzlicher klang als der erste.

Als man ihn nach der Ursache seiner Seufzer fragte, erzählte er, er habe einmal in einem Reisebuche gelesen, daß ausgehungerte Reisende den fettesten unter ihnen verzehrt hätten, und daß er selbst wegen seines Wanstes in diesem Falle das erste Opfer zu sein fürchte.

Man kann sich denken, daß diese Befürchtung viel dazu beitrug, die Freunde in eine heitere Stimmung zu versetzen. Des fetten Burschen Besorgnis war übrigens schon deshalb unbegründet, weil bald nach Anbruch des Tageslichtes eine Flüte aus Dünkirchen in Sicht kam.

Die vier Herren, Blaisois und Mousqueton vereinigten ihre Stimmen in einem einzigen Schrei, während Grimaud, ohne etwas zu sagen, seinen Hut an das Ende seines Ruders steckte.

Eine Viertelstunde nachher bugsierte sie das Boot der Flüte. Sie bestiegen das Verdeck des kleinen Fahrzeuges. Grimaud bot dem Patron im Auftrage seines Herrn zwanzig Guineen, und bei gutem Winde setzten um neun Uhr morgens unsere Franzosen den Fuß auf den Boden ihres Vaterlandes.

Donner und Teufel! wie stark fühlt man sich auf diesem Boden, sagte Porthos, mit seinen breiten Füßen tief in den Sand tretend. Nun soll mir einer kommen, mich schief ansehen oder mich verspotten, und er wird sehen, mit wem er es zu tun hat. Bei Gott! ich würde einem ganzen Königreich Trotz bieten.

Und ich, sagte d'Artagnan, ich fordere Euch auf, Eure Herausforderung nicht so laut klingen zu lassen, Porthos, denn es scheint mir, man betrachtet uns hier gar sehr.

Bei Gott! sagte Porthos, man bewundert uns.

Darauf bin ich nicht eitel, das schwöre ich Euch, Porthos, versetzte d'Artagnan; ich sehe nur Leute in schwarzen Röcken und gestehe Euch, daß mich in unserer Lage Schwarzröcke erschrecken.

Es sind die Warenschreiber des Hafens, sagte Aramis.

D'Artagnan überzeugte die Freunde, daß es für sie vorteilhafter sei, nicht in die Stadt zu gehen, sondern sich vorerst mehr verborgen zu halten. Trotz Porthos' Drang nach einem Wirtshaus drang des klugen Gascogners Rat durch, und die kleine Schar verschwand bald hinter den Sandhügeln, jedoch nicht, ohne die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben.

Nun laßt uns sprechen, sagte Aramis, als man ungefähr eine Viertelmeile zurückgelegt hatte.

Nein, laßt uns fliehen, versetzte d'Artagnan. Wir sind Cromwell, Mordaunt, dem Meere, drei Abgründen, die uns verschlingen wollten, entkommen; wir werden Mazarin nicht entkommen.

Ihr habt recht, d'Artagnan, sprach Aramis, und ich rate sogar, daß wir uns zu größerer Sicherheit trennen.

Ja, ja, Aramis, trennen wir uns, versetzte d'Artagnan.

Porthos wollte sprechen, um sich diesem Entschlusse zu widersetzen, aber d'Artagnan machte ihm durch einen Händedruck begreiflich, er solle schweigen. Porthos war äußerst gehorsam gegen diese Zeichen seines Gefährten, dessen geistige Überlegenheit er mit seinem gutmütigen Charakter stets anerkannte. Er drängte also die Worte zurück, die aus seinem Munde gehen wollten.

Aber warum uns trennen? sprach Athos.

Weil wir, Porthos und ich, von Mazarin an Cromwell abgeschickt worden sind, erwiderte d'Artagnan, und, statt Cromwell zu dienen, dem König Karl I. gedient haben. Kommen wir mit den Herren de la Fère und d'Herblay zurück, so ist unser Verbrechen erwiesen. Kommen wir dagegen allein, so bleibt unser Verbrechen zweifelhaft, und mit dem Zweifel führt man die Menschen sehr weit.

D'Artagnan wußte auch dem Einwände Aramis' zu begegnen, wie sie sich in Kenntnis setzen wollten, wenn eine Partei unterwegs festgenommen würde.

Nichts leichter als dies, sagte er. Wir wollen eine bestimmte Marschroute verabreden. Ihr begebt euch nach Saint-Valery, von da nach Dieppe und verfolgt sodann den geraden Weg von Dieppe nach Paris. Wir gehen über Abbeville, Amiens, Peronne, Compiegne und Senlis, und in jeder Herberge, in jedem Hause, wo wir anhalten, schreiben wir mit der Spitze eines Messers an die Wand oder mit einem Diamanten an das Fenster eine Nachricht, welche die von uns, die frei sind, in ihren Nachforschungen zu leiten vermag. Ist es also abgemacht, Athos?

Es ist abgemacht.

Dann teilen wir das Geld, versetzte d'Artagnan; es müssen ungefähr zweihundert Pistolen vorhanden sein. Grimaud, wieviel ist übrig?

Hundertundachtzig Halb-Louisd'or, gnädiger Herr.

Gut. Ah! Vivat! da ist die Sonne. Guten Morgen, liebe Sonne. Obgleich du nicht die Gascogner Sonne bist, so erkenne ich dich doch. Guten Morgen. Ich habe dich sehr lange nicht gesehen.

Ei, ei, d'Artagnan, sprach Athos, spielt nicht den starken Geist, Ihr habt Tränen in den Augen. Wir wollen unter uns stets offenherzig sein, und sollte diese Offenherzigkeit auch unsere guten Eigenschaften ans Licht bringen.

Glaubt Ihr denn, Athos, entgegnete d'Artagnan, man könne in einem Augenblick, der nicht ohne Gefahr ist, zwei Freunde, wie Euch und Aramis, mit kaltem Blut verlassen?

Nein, sprach Athos, kommt in meine Arme, mein Sohn.

Bei Gott! ich glaube, ich weine, rief Porthos schluchzend, wie albern das ist!

Und die vier Freunde umarmten sich in einer Gruppe. Blaisois und Grimaud sollten Athos und Aramis folgen. Mousqueton genügte für Porthos und d'Artagnan.

Man teilte, wie man dies immer getan, das Geld brüderlich. Nachdem man sich sodann noch einmal die Hand gedrückt und gegenseitig die Versicherung einer ewigen Freundschaft erneuert hatte, trennten sich die vier Edelleute, um die verabredeten Wege einzuschlagen, nicht ohne sich zu wiederholten Malen umzuwenden und einander liebevolle Worte zuzurufen, welche die Echos der Dünen zurückgaben.

Endlich verloren sie einander aus dem Gesicht.

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