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Zwanzig Jahre nachher. Dritter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher. Dritter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleZwanzig Jahre nachher. Dritter Band
publisherFranck'sche Verlagshandlung
printrun12. Auflage
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Haus Cromwells

Es war in der Tat Mordaunt, den d'Artagnan, ohne ihn zu erkennen, verfolgt hatte. In das Haus eintretend, hatte er seine Larve und den gräulichen Bart, den er, um sich unkenntlich zu machen, angelegt, wieder abgenommen, war die Treppe hinausgegangen, hatte die Tür geöffnet und befand sich in einem durch den Schimmer einer Lampe erleuchteten und mit einer dunkelfarbigen Tapete ausgeschlagenen Zimmer einem Manne gegenüber, der an einem Tische saß und schrieb.

Dieser Mann war Cromwell, der bekanntlich in London mehrere solche, selbst dem größeren Teile seiner Freunde unbekannte Schlupfwinkel besaß. Mordaunt konnte aber, wie man sich erinnert, zu der Zahl seiner Vertrautesten gerechnet werden.

Habt Ihr genaue Nachricht erhalten? fragte Mordaunt im Laufe eines eifrigen Gespräches sein Gegenüber. – Keine; ich bin seit diesem Morgen hier und weiß nur, daß ein Komplott stattfand, um den König zu retten. – Ah, Ihr wußtet dies? – Es ist nichts daran gelegen. Vier als Arbeiter verkleidete Männer sollten den König aus dem Gefängnisse bringen und nach Greenwich führen, wo eine Barke ihrer harrte. – Und von alldem unterrichtet, hielt sich Eure Ehren hier entfernt von der City ruhig und untätig? – Ruhig, ja; aber wer sagt Euch untätig? – Wenn das Komplott gelungen wäre? – Ich hätte es gewünscht. – Ich dachte, Eure Ehren betrachte den Tod Karls I. als ein für England notwendiges Unglück. – Ich denke immer noch so; aber wenn er nur aus dem Leben schied, mehr bedurfte es nicht; es wäre vielleicht besser gewesen, es wäre nicht auf dem Schafott geschehen. – Aber warum dies. Eure Ehren?

Cromwell lächelte.

Vergebt, sprach Mordaunt; Ihr wißt, General, ich bin ein Lehrling in der Politik und wünsche unter allen Umständen Lektionen zu benutzen, die mein Meister mir zu geben die Güte haben will. – Weil man gesagt hätte, ich habe ihn durch das Gericht verurteilen und dann aus Barmherzigkeit entfliehen lassen. – Wenn er aber entflohen wäre? – Unmöglich. – Unmöglich? – Ja, meine Vorsichtsmaßregeln waren getroffen. – Und Eure Ehren kennt die vier Männer, die den König zu retten unternommen hatten? – Es sind die vier Franzosen, von denen zwei durch Madame Henriette an ihren Gatten und zwei von Mazarin an mich abgeschickt wurden. – Glaubt Ihr, Herr, Mazarin habe sie beauftragt, zu tun, was sie getan haben? – Möglich, aber er wird sie verleugnen. – Warum dies? – Weil sie scheiterten. – Eure Ehren schenkten mir zwei von diesen Franzosen, weil sie schuldig waren, die Waffen zu Gunsten Karls I. getragen zu haben, will mir Eure Ehren nun, da sie eines Komplottes gegen England schuldig sind, alle vier schenken? – Nehmt sie, sagte Cromwell.

Mordaunt verbeugte sich mit einem Lächeln triumphierender Wildheit.

Doch kommen wir auf den unglücklichen Karl zurück, fuhr Cromwell fort, als er sah, daß Mordaunt sich anschickte, zu danken. Hat man im Volke geschrien?

Sehr wenig, außer: Es lebe Cromwell!

Es scheint, der improvisierte Henker habe seine Schuldigkeit sehr gut getan, sagte Cromwell; der Schlag wurde, wenigstens wie man mir gemeldet hat, mit Meisterhand geführt. – In der Tat, sprach Mordaunt mit ruhiger Stimme und unempfindlichem Gesicht, ein einziger Streich genügte. – Vielleicht war es einer vom Handwerk, sagte Cromwell. Glaubt Ihr, Herr? – Warum nicht? – Dieser Mensch sah nicht wie ein Henker aus. – Und wer anders als ein Henker hätte dieses furchtbare Geschäft verrichten wollen? fragte Cromwell. – Vielleicht ein persönlicher Feind Karls, der das Gelübde der Rache getan und dieses Gelübde in Erfüllung gebracht hat. Vielleicht irgend ein Edelmann, der gewichtige Ursachen hatte, den entsetzten König zu hassen, und da er wußte, daß er entfliehen und entkommen sollte, sich ihm mit verlarvtem Antlitz und dem Beil in der Hand, nicht als Stellvertreter des Henkers, sondern als Bevollmächtigter des Verhängnisses in den Weg stellte. – Das ist möglich, sprach Cromwell. – Wenn dem so wäre, würde Eure Ehren seine Handlung verdammen? – Es ist nicht meine Sache, zu richten, es ist dies Sache zwischen Gott und ihm. – Wenn aber Eure Ehren diesen Edelmann kennen würde? – Ich kenne ihn nicht, mein Herr, antwortete Cromwell, und will ihn nicht kennen. – Ohne diesen Menschen war der König gerettet.

Cromwell lächelte.

Allerdings. Ihr habt selbst gesagt, man entführte ihn.

Man entführte ihn bis Greenwich. Dort schiffte er sich auf einer Feluke mit seinen vier Rettern ein. Aber auf der Feluke waren vier Männer, die mir, und vier Tonnen Pulver, die der Nation gehörten. Auf der See stiegen die vier Männer in die Schaluppe herab, und Ihr seid bereits ein zu gewandter Politiker, als daß ich Euch das übrige zu erklären brauchte. Ja, auf der See wurden sie insgesamt in die Luft gesprengt.

Richtig. Die Explosion tat, was das Beil nicht hatte tun wollen. Der König Karl verschwand und war vernichtet. Man hätte gesagt, der menschlichen Gerechtigkeit entgangen, sei er von der himmlischen Rache verfolgt und erreicht worden; wir waren nur seine Richter, und Gott hat die Strafe an ihm vollzogen. Diesen Vorteil habe ich durch Euren verlarvten Edelmann verloren, Mordaunt.

Herr, sprach Mordaunt, ich neige mich wie immer in Demut vor Euch. Ihr seid tiefer Denker, und Euer Plan mit der Feluke ist wahrhaftig erhaben.

Ihr werdet also diesen Abend nach Greenwich abgehen, sprach Cromwell aufstehend; Ihr fragt nach dem Patron der Feluke » der Blitz« und zeigt ihm ein an den vier Enden geknüpftes Taschentuch ... dies war das verabredete Signal; Ihr sagt den Leuten, sie sollen wieder an das Land steigen, und laßt das Pulver in das Arsenal bringen, wenn nicht anders ... diese Feluke, so wie sie ist. Euren persönlichen Zwecken dienlich sein kann. – Ah! Herr! rief Mordaunt, indem Euch Gott zu seinem Auserwählten machte, gab er Euch seinen Blick, dem nichts entgehen kann.

Cromwell nahm seinen Mantel.

Ihr entfernt Euch? fragte Mordaunt.

Ja, ich habe gestern und vorgestern hier übernachtet, und Ihr wißt, daß es nicht meine Gewohnheit ist, dreimal in demselben Bette zu schlafen.

Eure Ehren gibt mir also jede Freiheit für die Nacht?

Und sogar für den morgigen Tag, wenn es nötig ist. Ihr habt seit gestern abend genug für meinen Dienst getan, sagte Cromwell lächelnd, und wenn Ihr Privatangelegenheiten abzumachen habt, so ist es billig, daß ich Euch Zeit dazu lasse.

Ich danke, Herr, sie wird, wie ich hoffe, benutzt werden.

Cromwell machte Mordaunt ein Zeichen mit dem Kopfe; dann wandte er sich um und fragte: Seid Ihr bewaffnet? – Ich habe meinen Degen. – Und niemand, der Euch vor der Tür erwartet? – Niemand. – Dann solltet Ihr mit mir gehen, Mordaunt. – Ich danke; die Umwege, die Ihr machen müßt, um durch den unterirdischen Gang zu gelangen, würden mir Zeit rauben, und nach dem, was Ihr mir sagtet, habe ich vielleicht bereits zu viel verloren. Ich gehe durch eine andere Tür. – Geht also, sprach Cromwell, und seine Hand auf einen verborgenen Knopf legend, öffnete er eine Türe, die so gut unter der Tapete versteckt war, daß auch das geübteste Auge sie nicht zu erkennen vermochte.

Während des letzten Teiles dieser Szene hatte Grimaud durch eine Öffnung des nicht zugezogenen Vorhangs die zwei Männer wahrgenommen und Cromwell und Mordaunt erkannt. Man hat die Wirkung gesehen, welche diese Kunde auf die vier Freunde hervorbrachte.

D'Artagnan war der erste, der wieder zur vollen Besinnung kam.

Mordaunt! sagte er, ah! beim Himmel, Gott selbst schickt ihn uns.

Ja, laßt uns die Tür eintreten und über ihn herfallen, sprach Porthos.

Im Gegenteil, erwiderte d'Artagnan, treten wir nicht ein ... keinen Lärm, der Lärm führt Leute herbei, denn wenn er, wie Grimaud sagt, bei seinem würdigen Herrn ist, so muß fünfzig Schritte von hier ein Posten verborgen sein. Holla! Grimaud, steigt noch einmal hinauf und sagt uns, ob Mordaunt noch Gesellschaft hat, ob er auszugehen oder sich zu Bette zu legen im Begriff ist. Geht er aus, so fassen wir ihn vor der Tür; bleibt er, so brechen wir das Fenster ein; das ist immer noch weniger geräuschvoll und schwierig, als eine Tür.

Grimaud fing an, schweigend das Fenster zu erklettern.

Bewacht den andern Ausgang, Athos und Aramis, ich bleibe mit Porthos hier.

Die Freunde gehorchten.

Nun, Grimaud? fragte d'Artagnan. – Er ist allein. – Bist du dessen sicher? – Ja. – Wir haben seinen Gefährten nicht herausgehen sehen. – Vielleicht ist er durch die andere Tür hinausgegangen. – Was tut er? – Er hüllt sich in seinen Mantel und zieht seine Handschuhe an. So gehört er uns! murmelte d'Artagnan.

Still, flüsterte Grimaud; er ist im Begriff zu gehen. Er nähert sich der Lampe, er bläst sie aus; ich sehe nichts mehr.

Herab zu Boden!

Grimaud sprang rückwärts und fiel auf seine Beine. Der Schnee dämpfte das Geräusch. Man hörte nichts.

Benachrichtige Athos und Aramis, sie sollen sich auf jede Seite der Tür stellen, wie Porthos und ich es hier machen; wenn sie ihn fassen, sollen sie in die Hände klatschen; wir klatschen, wenn wir ihn fassen.

Porthos drückte sich an die Mauer, daß man hätte glauben sollen, er wolle hineindringen. D'Artagnan tat dasselbe.

Man hörte nun Mordaunts Tritt auf der schallenden Treppe. Eine kleine unbemerkbare Klappe an der Tür wurde geöffnet. Mordaunt schaute heraus, aber gewahrte nichts. Dann steckte er den Schlüssel ins Schloß, die Tür tat sich auf, und er erschien auf der Schwelle.

In demselben Augenblick fand er sich d'Artagnan gegenüber.

Er wollte die Tür wieder zustoßen. Porthos näherte sich dem Knopfe, riß sie weit auf und klatschte dreimal in die Hände. Athos und Aramis liefen herbei.

Mordaunt wurde leichenblaß, aber er gab keinen Schrei von sich, er rief nicht um Hilfe.

D'Artagnan ging gerade auf Mordaunt zu, stieß ihn gleichsam mit seiner Brust zurück und trieb ihn rückwärts die ganze Treppe hinauf, die durch eine Lampe beleuchtet war, die dem Gascogner gestattete, die Hände Mordaunts nicht aus dem Auge zu verlieren; Mordaunt aber begriff, daß er sich, wenn er d'Artagnan getötet, noch seiner drei andern Feinde zu entledigen hätte. Er machte also nicht die geringste Bewegung, um sich zu verteidigen, nicht eine einzige drohende Gebärde. Zur Tür gelangt, fühlte sich Mordaunt mit dem Rücken an dieselbe gepreßt, und er glaubte wohl, hier würde alles mit ihm zu Ende gehen. Aber er täuschte sich, d'Artagnan streckte die Hand aus und öffnete die Tür; Mordaunt und er befanden sich also in dem Zimmer, in dem der junge Mann zehn Minuten vorher mit Cromwell gesprochen.

Porthos und Aramis erschienen an der Tür, die sie sodann verschlossen.

Habt die Güte und setzt Euch, sprach d'Artagnan, dem jungen Mann einen Stuhl reichend.

Dieser nahm den Stuhl und setzte sich, bleich, aber ruhig. Drei Schritte von ihm stellte Aramis drei Stühle für sich, d'Artagnan und Porthos.

Athos setzte sich in den entferntesten Winkel des Zimmers und schien entschlossen, ein unbeweglicher Zuschauer dessen, was vorgehen sollte, zu bleiben. Er sah niedergeschlagen aus. Porthos rieb sich die Hände mit fieberhafter Ungeduld. Aramis biß sich, obgleich er lächelte, bis aufs Blut in die Lippen. D'Artagnan allein mäßigte sich, wenigstens scheinbar.

Herr Mordaunt, sagte er zu dem jungen Mann, da der Zufall, nachdem wir uns so viele Tage vergeblich nachgelaufen sind, uns endlich zusammenführt, so wollen wir ein wenig plaudern, wenn es Euch gefällig ist.

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