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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Wie man etwas mit einer Feder und einer Drohung viel schneller und besser ausrichtet, als mit dem Schwerte und der Ergebenheit.

D'Artagnan wußte aus der Mythologie, die er wohl kannte, daß die Gelegenheit nur ein einziges Haarbüschel habe, bei dem man sie ergreifen kann, und er war nicht der Mann, der sie vorüberschlüpfen ließ, ohne sie beim Schopfe zu fassen. Er entwarf sich ein schnelles und sicheres Reisesystem, indem er frische Pferde nach Chantilly vorausschickte, wonach er in fünf bis sechs Stunden in Saint-Germain eintreffen konnte. Ehe er aber aufbrach, bedachte er noch, es wäre für einen Mann von Verstand und Erfahrung doch seltsam, auf das Ungewisse loszugehen und das Gewisse hinter sich zu lassen. Er suchte Aramis und sprach dann zu ihm: »Mein lieber Chevalier d'Herblay, Ihr seid die eingefleischte Fronde. Trauet also Athos nicht, da er die Angelegenheit von niemandem, nicht einmal seine eigenen, besorgen will. Insonderheit trauet Porthos nicht, welcher dem Grafen zu Liebe, den er wie eine Gottheit auf Erden ansieht, ihm helfen wird, Mazarin entwischen zu lassen, wenn nur Mazarin so klug ist, zu weinen oder sich ritterlich zu zeigen.« Aramis lächelte mit seinem schlauen und zugleich entschlossenen Lächeln. »Fürchtet nichts,« sprach er, »ich habe meine Bedingnisse zu machen. Ich bin nicht tätig für mich, sondern für andere, und mein bißchen Ehrgeiz muß denen, welchen er gilt, Vorteile beringen.« »Gut.« dachte d'Artagnan, »von dieser Seite bin ich beruhigt.« Er drückte Aramis die Hand, suchte Porthos auf und sprach zu ihm: »Freund, Ihr habt mit mir so viel gearbeitet, um unser Glück zu gründen, daß es in dem Momente, wo wir auf dem Punkte stehen, die Frucht unserer Mühen zu ernten, von Euch ein lächerlicher Blödsinn wäre, wenn Ihr Euch von Aramis beherrschen ließet, dessen Verschmitzheit Ihr wohl kennet, eine Verschmitzheit, welche, wir dürfen das unter uns sagen, nicht immer frei von Egoismus; oder von Athos, einem zwar edlen und uneigennützigen, aber gleichfalls abgestumpften Manne, welcher, weil er für sich selbst nichts mehr wünscht, nicht begreifen kann, daß andere noch Wünsche haben könnten. Was würdet Ihr denn sagen, wenn Euch der eine oder der andere unserer Freunde den Vorschlag machte, Mazarin entfliehen zu lassen?« »Nun, ich würde sagen, daß es uns allzu viel Mühe gekostet hat, ihn zu fangen, als daß wir ihn loslassen sollten.« »Bravo, Porthos, und Ihr hättet ganz Recht, denn mit ihm würdet Ihr Eure Baronie aus der Hand gleiten lassen, zu geschweigen, daß Euch Mazarin, wäre er einmal fort, aufhängen ließe.« »Bah, Ihr glaubt das?« «Ich bin davon überzeugt.« »So würde ich ihn eher töten, als entwischen lassen.« »Und Ihr hättet ganz recht; denn Ihr werdet begreifen, als wir unsere Angelegenheiten zu besorgen dachten, handelte es sich nicht darum, die der Fronde zu besorgen, welche überdies die politischen Fragen nicht so verstehen, wie wir alte Soldaten.« »Seid außer aller Furcht, lieber Freund,« versetzte Porthos, »ich sehe Euch durch das Fenster zu Pferde steigen und folge Euch mit den Augen bis Ihr entschwunden seid, sodann kehre ich zurück und setze mich vor die Türe des Kardinals, eine Glastüre, welche in das Zimmer führt. Von dort aus kann ich alles bemerken und bei dem geringsten verdächtigen Anzeichen töte ich ihn.« »Bravo,« dachte d'Artagnan; »von dieser Seite, denke ich, wird der Kardinal gut behütet sein.« Er drückte dem Herrn von Pierrefonds die Hand, suchte Athos auf und sprach zu ihm: »Lieber Athos, ich reise jetzt ab, und habe Euch nur eines noch zu sagen: Ihr kennet die Königin Anna; die Gefangenschaft des Herrn von Mazarin ist die einzige Bürgschaft für mein Leben; wenn Ihr ihn frei lasset, so bin ich des Todes.« »Es war für mich nichts weniger als eine solche Rücksicht nötig, lieber d'Artagnan, um mich zu bestimmen, den Kerkermeister zu machen. Ich verbürge Euch mein Wort, daß Ihr den Kardinal da, wo Ihr ihn verlasset, auch wieder finden werdet.« »Das beruhigt mich mehr als alle Unterschriften von der Welt,« dachte d'Artagnan. »Nun kann ich abreisen, da ich Athos' Wort habe.«

D'Artagnan begab sich wirklich auf den Weg, allein, ohne eine andere Bedeckung als sein Schwert, und mit einem einzigen Schreiben Mazarins, ihn durchzulassen, bis er zur Königin gelange. Sechs Stunden nach seiner Abreise von Pierrefonds befand er sich schon in Saint-Germain.

Das Verschwinden Mazarins war noch nicht bekannt; die Königin Anna wußte allein darum, und verbarg ihren Vertrautesten ihren Kummer. Man hatte in d'Artagnans und Porthos' Zimmer die zwei gefesselten und geknebelten Soldaten wieder gefunden, und gab ihnen auf der Stelle den Gebrauch der Glieder und der Sprache wieder, allein sie konnten nichts weiter sagen, als das, was sie wußten, wie sie nämlich ergriffen, gebunden und entkleidet worden waren. Was aber d'Artagnan und Porthos taten, nachdem sie da hinausgestiegen, wo die Soldaten hineingekommen waren, darüber waren sie eben so unwissend wie alle anderen Schloßbewohner. Nur Bernouin wußte hierüber ein bißchen mehr als die anderen. Als Bernouin seinen Herrn nicht zurückkommen sah und Mitternacht schlagen hörte, unternahm er es, in die Orangerie zu dringen.» Die erste mit Geräten verrammelte Türe erregte in ihm schon einigen Verdacht; doch wollte er diesen Verdacht noch niemandem mitteilen und bahnte sich einen Durchgang durch all dieses Zeug. Hierauf gelangte er in den Korridor und fand da alle Türen geöffnet. Ebenso verhielt es sich mit der Türe vor Athos' Zimmer und jener des Parkes. Als er dort ankam, war es ihm ein leichtes, den Fußspuren auf dem Schnee zu folgen. Er sah, daß diese Tritte an der Mauer endeten; auf der andern Seite fand er wieder dieselben Fußstapfen; dann die Huftritte der Pferde, dann die Spuren einer ganzen Reiterschar, die sich in der Richtung von Enghien hinzogen. Da blieb ihm denn kein Zweifel mehr übrig, daß der Kardinal von den drei Gefangenen entführt worden sei, da die drei Gefangenen mit ihm entschwunden waren, und so eilte er nach Saint-Germain, um der Königin dieses Verschwinden zu melden.

Die Königin Anna hatte ihm Stillschweigen aufgetragen, und Bernouin leistete gewissenhaft Folge; nun ließ sie den Prinzen kommen, und teilte ihm alles mit, und der Prinz schickte sogleich fünf- bis sechshundert Reiter mit dem Befehle aus, die ganze Umgebung zu durchsuchen, und jede verdächtige Truppe, die sich in was immer für einer Richtung von Rueil entfernte, nach Saint-Germain zurückzuführen. Da aber d'Artagnan keine Truppe bildete, sondern allein war, da er sich nicht von Rueil entfernte, sondern nach Saint-Germain ging, so achtete seiner niemand, und seine Reise blieb ganz ungestört. Als unser Botschafter in den Hofraum des alten Schlosses hineinritt, war die erste Person, die er erblickte, Meister Bernouin selber, der an der Schwelle stand und Nachrichten über seinen verschwundenen Herrn erwartete. Bei d'Artagnans Anblick, der in den Ehrenhof ritt, rieb sich Bernouin die Augen und meinte, sich zu irren; allein d'Artagnan gab ihm mit dem Kopfe einen freundschaftlichen Wink, stieg ab, warf den Zügel seines Pferdes dem Arme eines vorbeigehenden Dieners zu, schritt zu dem Kammerdiener hin und begrüßte ihn mit lächelndem Munde. »Herr d'Artagnan,« rief dieser aus, wie jemand, der einen schweren Traum hat, und im Schlafe spricht, »Herr d'Artagnan.« »Ich bin es, Herr Bernouin!« »Und was wollen Sie hier tun?« »Nachrichten von Herrn von Mazarin überbringen, und zwar die neuesten.« »Was ist denn aus ihm geworden?« »Es geht ihm so wie mir und Euch.« »Ist ihm also nichts Widerwärtiges begegnet?« »Ganz und gar nichts; er fühlte nur die Luft zu einem Ausfluge nach Isle-de-France, und ersuchte uns, den Herrn Grafen de la Fère, Herrn du Vallon und mich, ihn zu begleiten. Wir waren zu sehr seine Diener, um eine solche Bitte abzuschlagen. Gestern abends brachen wir auf, und hier bin ich jetzt.« »Hier sind Sie!« »Seine Eminenz hat Ihrer Majestät etwas Geheimes und Vertrauliches mitzuteilen, und da diese Sendung nur einem zuverlässigen Manne anvertraut werden konnte, so schickte er mich nach Saint-Germain. Wollet Ihr also etwas tun, lieber Herr Bernouin, was Eurem Gebieter angenehm ist, so meldet Ihrer Majestät, daß ich angekommen sei und sagt ihr, zu welchem Ende.« Ob er nun ernstlich gesprochen, oder ob das, was er sagte, nur ein Scherz gewesen, so machte doch Bernouin, da d'Artagnan augenscheinlich unter den gegenwärtigen Umständen der einzige Mann war, der die Königin Anna von ihrem Kummer befreien konnte, gar keine Schwierigkeit, ihr diese seltsame Sendung zu melden, und die Königin gab ihm, wie er vorausgesehen, den Befehl, Herrn d'Artagnan sogleich einzuführen. D'Artagnan näherte sich seiner Souveränin mit allen Zeichen tiefster Ehrerbietung. Drei Schritte von ihr entfernt setzte er ein Knie auf den Boden und überreichte ihr den Brief. Wie schon erwähnt, war dieser Brief ein einfaches, halb ein Einführungs-, halb ein Beglaubigungsschreiben. Die Königin las es, erkannte genau die Handschrift des Kardinals, wiewohl es eine bebende Hand verriet, und da ihr der Brief nichts von dem meldete, was vorgefallen war, so fragte sie ihn um die näheren Umstände. D'Artagnan erzählte ihr alles mit jener offenen und einfachen Miene, die er sich unter gewissen Umständen so gut zu geben verstand. »Wie, mein Herr,« rief die Königin, entglüht vor Entrüstung, als d'Artagnan seine Erzählung beendigt hatte, »Ihr wagt es mir Euer Verbrechen einzugestehen, mir Euren Verrat mitzuteilen?« »Um Vergebung, Madame! Es dünkt mich aber, daß ich mich entweder falsch ausgedrückt, oder daß mich Ihre Majestät falsch verstanden hat; hierbei gibt es weder ein Verbrechen noch einen Verrat. Herr von Mazarin hielt uns, mich und Herrn du Vallon, gefangen, weil wir es nicht glauben konnten, daß er uns nach England schickte, um ganz ruhig König Karl I., dem Schwager des seligen Königs, Ihres Gemahls, dem Gatten der Königin Henriette, Ihrer Schwester und Gastin, den Kopf abschlagen zu sehen, und daß wir alles getan haben, was wir konnten, um das Leben des königlichen Märtyrers zu retten. Somit waren ich und mein Freund überzeugt, daß da irgend ein Irrtum obwalte, dessen Opfer wir wären, und daß es zwischen uns und seiner Eminenz zu einer Erklärung kommen müsse. Damit nun aber eine Erklärung ihre Früchte trüge, müsse sie ruhig, fern von Geräusch und von Unberufenen geschehen. Demgemäß haben wir den Herrn Kardinal auf das Schloß meines Freundes gebracht, und dort haben wir uns erklärt. Nun denn, Madame, was wir vorausgesehen, ist wahr gewesen. Herr von Mazarin war der Meinung, wir hätten dem General Cromwell gedient, statt dem Könige Karl, was eine Schmach gewesen wäre, die von uns auf ihn und von ihm auf Ihre Majestät hätte fallen müssen; eine Ruchlosigkeit, welche das Königtum Ihres erlauchten Sohnes bis ins Mark hinein würde gebrandmarkt haben. Wir lieferten ihm jedoch den Beweis vom Gegenteil und sind bereit, diesen Beweis Ihrer Majestät selbst zu liefern mit Berufung auf die erhabene Witwe, welche im Louvre weint, wo sie Ihre königliche Freigebigkeit bewirtet. Dieser Beweis stellte ihn derart zufrieden, daß er mich, wie es Ihre Majestät sieht, abgeschickt hat, um über die Schadloshaltungen zu sprechen, die natürlicherweise Edelleuten gebühren, welche falsch beurteilt und mit Unrecht verfolgt worden sind.« »Ich höre Euch mit Bewunderung an,« versetzte die Königin Anna. »In der Tat, ich sah noch selten solch' ein Unverschämtheit!« »Ha doch,« erwiderte d'Artagnan, »nun irrt sich auch Ihre Majestät über unsere Gesinnungen, wie es Herr von Mazarin getan hat.« »Ihr seid im Irrtum, mein Herr,« sprach die Königin, und ich irre mich so wenig, daß Ihr in zehn Minuten verhaftet sein werdet und ich an der Spitze eines Heeres zur Befreiung meines Ministers ausziehen werde.« »Ich bin versichert,« entgegnete d'Artagnan, »Ihre Majestät werde eine solche Unvorsichtigkeit nicht begehen, weil sie fürs erste nutzlos wäre und dann die gefährlichsten Folgen haben könnte. Der Herr Kardinal wäre tot, ehe er noch befreit würde, und Seine Eminenz ist von der Wahrheit dessen, was ich da sage, so sehr überzeugt, daß er mich für den Fall, als ich Ihre Majestät in dieser Stimmung sehen sollte, gebeten hat, alles zu tun, was ich nur vermag, um Sie von diesem Vorhaben abzubringen.« »Wohlan, so will ich nichts weiter tun, als Euch verhaften lassen.« »Auch das nicht, Madame, denn der Fall meiner Verhaftung ist eben so gut vorausgesehen als jener der Befreiung des Kardinals. Wenn ich morgen bis zu einer bestimmten Stunde nicht zurückgekehrt sein werde, so wird man übermorgen den Herrn Kardinal nach Paris führen.« »Mein Herr, man sieht es wohl, wie Ihr in Eurer Stellung fern von den Menschen und den Ereignissen lebt, indem Ihr sonst wissen würdet, daß der Herr Kardinal schon fünf- bis sechsmal in Paris war, seit wir es verlassen haben, daß er Herrn von Beaufort, Herrn von Bouillon, den Herrn Koadjutor und Herrn von Elboeuf gesehen, und daß nicht einer daran gedacht hat, ihn verhaften zu lassen.« »Um Vergebung, Madame, ich weiß das alles; meine Freunde werden somit auch den Herrn Kardinal weder zu Herrn Beaufort, noch zu Herrn von Bouillon, noch zu dem Koadjutor, noch zu Herrn von Elboeuf führen, da diese Herren nur für ihre eigene Rechnung Krieg führen, und der Herr Kardinal leicht mit ihnen fertig würde, wenn er ihnen das zugesteht, was sie verlangen; sondern vor das Parlament, welches sich wohl sicher im einzelnen erkaufen läßt, das aber Herr von Mazarin bei all seinem Reichtum nicht ganz erkaufen könnte.« »Mich dünkt,« sprach die Königin Anna, während sie ihren Blick, der verächtlich bei einer Frau und schrecklich bei einer Königin wurde, auf d'Artagnan heftete, »mich dünkt, daß Ihr der Mutter Eures Königs drohet!« »Madame,« erwiderte d'Artagnan, »ich drohe, weil man mich dazu nötigt. Ich erhebe mich, weil ich bis zur Höhe der Ereignisse und der Personen hinaufreichen muß. Doch glauben Sie nur eines, Madame, das eben so wahr ist, als es noch ein Herz gibt, das in dieser Brust für Sie schlägt, glauben Sie, daß Sie der beständige Abgott unseres Lebens waren, welches wir – mein Gott, Sie wissen es wohl – zwanzigmal für Ihre Majestät eingesetzt haben. O, Madame, sagen Sie nun, sollte denn Ihre Majestät kein Mitleid mit Ihren Dienern fühlen, die seit zwanzig Jahren kümmerlich in der Dunkelheit gelebt, ohne daß sie in einem einzigen Seufzer die heiligen und feierlichen Geheimnisse entschlüpfen ließen, die sie, mit Ihnen zu teilen, so glücklich waren? Würdigen Sie mich eines Blickes, Madame, mich, der zu Ihnen spricht, mich, den Ihre Majestät beschuldigt, daß ich die Stimme erhebe und einen drohenden Ton annehme? Wer bin ich? Ein armer Offizier, ohne Vermögen, ohne Obdach, ohne Zukunft, wenn der Blick der Königin, den ich so lange gesucht, nicht einen Moment auf mir ruht. Betrachten Sie den Herrn Grafen de la Fère, ein Vorbild des Adels, eine Blume der Ritterschaft, er nahm Partei gegen seine Königin – nicht doch, er nahm vielmehr Partei gegen ihren Minister, und wie ich glaube, macht dieser keine Ansprüche. Sehen Sie endlich, Herrn du Vallon, dieses getreue Herz, diesen ehernen Arm, er erwartet schon seit zwanzig Jahren ein Wort aus Ihrem Munde, das ihn durch das Wappen zu dem macht, was er durch Gesinnung und Tapferkeit ist. Blicken Sie endlich auf Ihr Volk, das Sie liebt und doch leidend ist; das Sie lieben, das aber nichtsdestoweniger hungert; das nichts lieber will, als Sie segnen, das Sie aber doch . . Nein, ich habe Unrecht. Ihr Volk wird Sie niemals verwünschen, Madame. Nun denn, Madame, sprechen Sie ein Wort, und alles ist abgetan, der Friede folgt dem Kriege, die Freude den Tränen, der Jubel dem Jammer!«

Die Königin Anna betrachtete mit einem großen Erstaunen das kriegerische Antlitz d'Artagnans, auf dem sich ein ungewöhnlicher Ausdruck von Rührung lesen ließ. »Warum.« fragte sie. »habt Ihr nicht alles das gesagt, ehe Ihr gehandelt?« »Madame,« entgegnete d'Artagnan, »weil es sich darum handelte, Ihrer Majestät Eines zu beweisen, woran Sie, wie mich dünkt, gezweifelt hat, daß wir nämlich noch einige Tapferkeit besitzen, und billig einige Beachtung verdienen.« »Und Eure Tapferkeit würde vor nichts zurückweichen, wie ich bemerke,« sprach die Königin. »Sie wich in der Vergangenheit vor nichts zurück,« entgegnete d´Artagnan, »was sollte sie weniger in der Zukunft tun?« »Und würde im Falle der Weigerung und folglich im Falle des Kampfes, die Tapferkeit so weit gehen, mich selbst in Mitte meines Hofes zu entführen, um mich der Fronde auszuliefern, wie Ihr es mit meinem Minister tun wolltet?« »Daran haben wir gar nie gedacht, Madame,« erwiderte der Gascogner mit jener gascognischen Prahlsucht, die bei ihm nichts als Treuherzigkeit war; »hätten wir es aber unter uns vier beschlossen, so würden wir es sicher ausführen.« »Ich sollte das wohl wissen,« murmelte die Königin Anna, »sie sind ja Männer von Eisen.« »Madame,« begann d'Artagnan wieder, »das beweise mir leider, daß Ihre Majestät erst von heute an eine richtige Ansicht hat.« »Gut,« versetzte Anna, »wenn ich aber diese Ansicht am Ende habe ...« »So würde uns Ihre Majestät Gerechtigkeit widerfahren lassen und uns sonach nicht mehr wie gewöhnliche Menschen behandeln. Sie würde in mir einen Botschafter erblicken, der würdig ist, mit Ihnen, seinem Auftrage gemäß, hohe Interessen zu besprechen.« »Wo ist dieser Auftrag?« »Hier ist er.« Die Königin richtete ihre Augen auf den Vertrag, den ihr d´Artagnan reichte. »Ich sehe hierin nur die allgemeinen Bedingnisse,« sprach sie. »Es befinden sich darin nur die Interessen des Herrn von Conti, des Herrn von Beaufort, des Herrn von Bouillon, des Herrn von Elboeuf und des Herrn Koadjutors – wo sind aber die Eurigen?« »Wir lassen uns damit, daß wir unsern Rang einnehmen, Gerechtigkeit widerfahren! Wir dachten, daß unsere Namen nicht würdig wären, neben diesen erhabenen Namen zu stehen.« »Ihr habt aber, wie mich dünkt, nicht darauf Verzicht geleistet, mir Eure Ansprüche mündlich vorzutragen?« »Madame, ich halte Sie für eine große und mächtige Königin, und glaube, es wäre Ihrer Größe und Macht unwürdig, die Tapferen nicht auf gebührende Art zu belohnen, die Seine Eminenz nach Saint-Germain zurückbringen werden.« »Das will ich eben,« versetzte die Königin; »sagt an, redet.« »Derjenige, welcher die Angelegenheit verhandelt, muß nach meiner Ansicht zum Kommandanten der Garden, zum Kapitän der Musketiere ernannt werden, damit die Belohnung nicht unter der Höhe Ihrer Majestät bleibe.« »Es ist also der Platz des Herrn von Tréville, den Ihr von mir verlangt?« »Der Platz ist erledigt, und seit einem Jahre, Madame, als ihn Herr von Tréville niedergelegt hat, ist er nicht wieder besetzt worden.« »Das ist aber im Hofhalte des Königs eine der ersten militärischen Stellen.« »Herr von Tréville war ein einfacher gascognischer Junker, wie ich, und bekleidete dieses Amt zwanzig Jahre lang.« »Mein Herr,« versetzte die Königin, »Ihr wißt auf alles Antwort zu geben.« Darauf nahm sie vom Schreibtische ein Dekret, füllte es aus und unterschrieb es. »Madame,« sprach d'Artagnan, während er das Dekret nahm und sich verneigte, »das ist wahrhaft eine schöne und großherzige Belohnung, allein die irdischen Dinge sind voll Unbeständigkeit, und ein Mann, der bei Ihrer Majestät in Ungnade käme, würde morgen diese Stelle verlieren.« »Was anders?« entgegnete die Königin und errötete, daß sie von diesem Geiste durchblickt ward, der ebenso scharfsinnig war als der ihrige. »Hunderttausend Taler für diesen armen Kapitän der Musketiere, an dem Tage zahlbar, wo seine Dienste Ihrer Majestät nicht mehr genehm sein sollten.« Anna zögerte. »Und wenn man erwägt,« begann d'Artagnan wieder, »daß die Pariser unlängst durch einen Parlamentsbeschluß demjenigen sechsmalhunderttaufend Livres anboten, der ihnen den Kardinal tot oder lebendig ausliefern würde –« »Nun, das ist billig,« fiel die Königin ein, »da Ihr von einer Königin nur den sechsten Teil von dem begehrt, was das Parlament angeboten hat.« Sie unterfertigte eine Zusage von hunderttausend Talern und sagte: »Dann?« »Madame, mein Freund du Vallon ist reich, und hat folglich an Glücksgütern nichts zu wünschen; allein ich glaube, mich zu erinnern, es sei zwischen ihm und Mazarin die Rede gewesen, seine Herrschaft zur Baronie zu erheben.« »Ein Schlucker,« versetzte die Königin; »man wird darüber lachen.« »Wohl möglich,« erwiderte d'Artagnan, »allein ich bin überzeugt, daß diejenigen, welche in seiner Gegenwart lachen, nicht zweimal lachen werden.« »So mag es denn sein mit der Baronie,« sprach die Königin Anna und unterzeichnete. »Nun bleibt noch der Chevalier d'Herblay.« »Was will er?« »Daß der König geruhen wolle, bei dem Sohne der Frau von Longueville Patenstelle zu vertreten.« Die Königin lächelte. »Madame,« bemerkte d´Artagnan, »Herr von Longueville ist von königlicher Abkunft.« »Ja,« sprach die Königin – »jedoch sein Sohn?« »Sein Sohn – Madame, er muß von ihr sein, da der Gemahl seiner Mutter von ihr ist.« »Und verlangt Euer Freund nichts weiter für Frau von Longueville?« »Nein, Madame, da er voraussetzt, daß der König, indem sich Seine Majestät herabläßt, der Pate ihres Kindes zu werden, der Mutter kein geringeres Taufgeschenk machen kann, als 500.000 Livres und dabei, wohlverstanden, dem Vater die Statthalterschaft der Normandie zugesteht.« »Was die Statthalterschaft der Normandie betrifft, so glaube ich mich verbindlich machen zu können,« entgegnete die Königin, »was jedoch die 500.000 Livres anbelangt, so sagt mir der Kardinal ohne Unterlaß, daß in der Staatskasse kein Geld mehr sei.«»Wir wollen es mitsammen suchen, Madame, wenn es Ihre Majestät genehmigt, und werden es gewiß finden.« »Was dann?« »Dann Madame ...« »..Ja.« »Das ist alles.« »Habt Ihr denn nicht einen vierten Genossen?« »Wohl, Madame, den Grafen de la Fère.« »Was wünscht er?« »Er verlangt nichts.« »Nichts?« »Nein!« »Gibt es denn auf Erden einen Menschen, der nicht fordert, wo er doch könnte?« »Es gibt den Grafen de la Fère, Madame.« »Seid Ihr zufriedengestellt, mein Herr?« »Ja, Ihre Majestät. Allein es liegt noch etwas vor, das die Königin nicht unterfertigt hat.« »Was?« »Das Allerwichtigste.« »Die Zustimmung zu dem Vertrage?« »Ja.« »Wozu das? Ich werde den Vertrag morgen unterschreiben.« »Es gibt eines, was ich ihrer Majestät versichern zu dürfen glaube,« sprach d'Artagnan, »wenn nämlich Ihre Majestät den Vertrag nicht noch heute unterfertigt, so wird hiezu später keine Zeit mehr sein. Geruhe demnach Ihre Majestät, ich bitte inständigst, unter dieses Programm, das ganz von der Hand des Herrn von Mazarin geschrieben ist, zu setzen: »Ich genehmige den von den Parisern vorgeschlagenen Vertrag.« Anna war gefangen, sie konnte nicht mehr zurückweichen, sie unterschrieb.

D'Artagnan kniete nieder und sagte: »Madame, geruhen Sie, den unglücklichen Edelmann anzublicken, der zu Ihren Füßen liegt; er bittet Ihre Majestät, zu glauben, daß ihm auf Ihren Wink alles möglich wird. Er setzt Vertrauen in sich selbst, er setzt Vertrauen in seine Freunde, er will auch Vertrauen in seine Königin setzen, und zum Beweise, daß er nichts fürchtet und auch nichts achtet, wird er Ihrer Majestät Herrn von Mazarin ohne Bedingung zurückführen. Nehmen Sie, Madame, hier sind die geheiligten Unterschriften Ihrer Majestät; wenn Sie glauben, sie mir zurückstellen zu müssen, so werden Sie es tun; von diesem Augenblicke an aber sind Sie zu nichts mehr verpflichtet.«

Hier übergab d'Artagnan, immer noch knieend und mit einem von Stolz und männlicher Kühnheit flammenden Blicke, der Königin Anna alle die Papiere, die er ihr mit so viel Mühe der Reihe nach entrissen hatte. »Madame.« erwiderte d'Artagnan, »vor zwanzig Jahren – ich habe ein gutes Gedächtnis – hatte ich die Ehre, hinter dem Türvorhange des Rathauses eine dieser schönen Hände zu küssen.«

»Hier ist die andere!« rief die Königin, »und damit die Linke nicht weniger freigebig sei als die Rechte« – sie zog einen Diamant vom Finger der dem ersten ungefähr gleich war –, »nehmt und bewahrt diesen Ring zu meinem Andenken.«

»Madame,« stammelte d'Artagnan, indem er aufstand, »ich habe nur noch einen Wunsch, daß nämlich das erste, was Sie von mir fordern, mein Leben sei.« Und mit jener Bewegung, die nur ihm eigen war, richtete er sich wieder auf und verließ das Zimmer.

Fünfzehn Stunden darauf führten d'Artagnan und Porthos Mazarin wieder der Königin zu, wo der eine sein Dekret als Kapitän -Leutnant, der andere sein Baron-Diplom erhielt. »Seid Ihr jetzt zufrieden?« fragte die Königin. D'Artagnan machte eine Verbeugung; Porthos drehte sein Diplom zwischen den Fingern und heftete die Augen auf Mazarin. »Was ist es denn noch weiter?« fragte der Minister. »Was es ist, gnädiger Herr? Daß von einer Zusicherung zum Ritter des Ordens bei der ersten Ernennung die Rede war. »Für wen also?« fragte Mazarin. »Für meinen Freund, den Grafen de la Fere.« »O, für ihn,« rief die Königin, »das ist etwas anderes, die Proben sind abgelegt.« »Er wird es bekommen?« »Er hat es.«

Noch an demselben Tage ward der Vergleich mit Paris unterfertigt und überall bekannt gemacht, daß sich der Kardinal seit drei Tagen eingesperrt hätte, um ihn mit desto größerer Obsorge auszuarbeiten.

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